FuldaerZeitung
Amtlicher Anzeiger für den kreis und die Stabt Fulda.
m. 3.
ÄeranlworiUch für Den .eoauionellen Teil: Kari Schütte. - für die Anzeigen: I. Parze' ier-Fulda. r 3?otationsDnid u. Verlag der Fuldaer Acttendruckerei in Fulda. : em,in edier Nr. 9. Teiegr.-Adreije: Fuldaer Zeitung
Mittwoch, 5. Januar Z92j.
Bezugspreis: Lionariich3,0ü Zlit. ohne Zustellgebühr. In Fu,do bei unsabgeholl3,1S AU. Anzeigenpreis: DieKietnzeile Coioneimas) Sv p,g^ u. 10S Zuschlag, die Aekiamezeile (lenmene» 1.80 MIL, u. 10°-» Zuschlag. Bet Wiederhol.Rabatt.
48. Zahrg.
Diese Kundgebung der englischen Negierung wird etwas berührend wirken auf die Aengstlichen, die zur Jahreswende, als die Vorwürfe der französischen Kam- Missionen wegen Nichtausführung der Abmachungen von Versailles und Sxaa sich unheimlich häuften, Sorge hatten, jetzt werde es doch noch zur Besetzung des Ruhrgebietcs und zu den weiteren Schrecken eines neuen Krieges kommen. Aus der halbamtlichen Reuter-Note erfahren w r, daß England wieder die Bremse anzieht an dem Kraftwagen der französischen Gewaltpolitik.
Natürlich wird auch diesmal die „volle Ueberein- stimmung" m der Hauptsache hervorgehoben, aber
Zalscher wert.
Roman von S). Abt.
---------- (Nachdr. derb.)
1.
Die Sonne strahlte am Frühlingshimmel und zwang sich ihren Weg durch die roten Scheibengardinen des großen behaglichen Zimmer», so daß die stattliche Frau in ihrem Lehnstuhl von purpurnem Glanz übergossen war. Aufstehend und mit der Hand sich da» Gesicht schattend, lachte sie:
„Die Sonne meint's allzu gut mit mir."
Ein paarmal bewegte sie sich noch vor dem Fenster in dem rotgoldnen Glanze hin und her, dann trat sie tiefer '" das Zimmer hinein, wo an einem von Sesseln um. gebenen Tischchen ein Herr saß.
„Ich komme zu Ihnen, lieber Doktor, Sie hoben den besseren Teil erwählt."
Dr. Weibrecht nickte gelassen. „Jawohl ... die Schattenseite,"
2>ie Hausfrau drohte schalkhaft mit dem Finger.
-6t *na' 'Ol1 itos ctroa hinterhältig gemeint sein? Do mutz^ icy Ihnen ja eine lange, lange Predigt halten, daß sich einer nicht versündigen soll, der wohl beim besten -dSulcn on ,einem Schicksal nichts entdecken könnte, um sich darüber zu beklagen."
„Ich beklage mich ja nicht "
$r“u nÄ(ar? Wengers lachte hell auf.
Gott bewahre, Si« beklagen sich nicht, daß Sie reich sind, unabhängig angesehen, gesund. im besten Mannes, alter . . . Sie beklagen sich nicht, aber Sie versichern dos in einem Tone, mit einem Gesicht . .
„Freilich em erheiternder, kurzweiliger Geselle bin ich nicht und darum . . .«
Er machte eine Bewegung, sich zu erheben, aber mit betben Händen druckte Frau Mengers ihn auf seinen Platz zuruck. ' 1
„Aber lieber Freund, Sie denken doch nicht daran, schon zu gehen. Ich lasse Ste auf keinen Fall schon fort, »m froh, daß ich Sie einmal habe. Sie machen sich ja selten genug.
England drängt ans Mäßigung.
In England stimmt man in der Frage der Entwaffnung Deutschlands, wenigstens zurzeit, nicht mit der französischen Ansicht überein, im Gegenteil, man fühlt sich bewogen, der französischen Erregung einen kräftigen Darnvser auinisetzen. Schon die Sicherheitspolizeinote des Generals Rollet, die dieser, ohne sich mit den Allüerten in Verbindung zu setzen, losließ, hat in England sehr verschnupft.
Jetzt wird von der offiziösen en-R,z"- Reuter» Agentur eine sehr bemerkenswerte Auslassung über die Entwaffnung Deutschlands veröffentlicht, die, wenn auch sehr gewunden, dennoch sehr deutlich einen von dem französischen sehr abweichenden Standpunkt vertritt. In ihr heißt es: „ ,
" England sei der Ansicht, daß die deutschen Behörden lieb seit der Konferenz von Spaa ernsthaft um die Erfüllung ihrer Verpachtungen bemühen. Zwar sei eine gewisse Zahl von Waffen noch verborgen. Man müsie aber zugeben, daß die deutschen Behörden Schwie- rigkeiten gegenüberständen, für di« man sie nicht verantwortlich machen könne Die Abrüstung könne allerdings erst dann als vollzogen gelten, wenn alle in Deutsch, land befindlichen Waffen abaeüefert worden seien. Die Kontrolle der Alliierten müsse demnach fortgesetzt wer. den.
Die Herabsetzung der regulären deutschen Truppen auf 100000 Mann habe sich im großen und ganzen vollzogen. Vielleicht sei in einigen Punkten diese Herabsetzung nicht mit der wünschenswerten Genauigkeit durchgeführt worden. Das seien aber Ginget- fragen, welche die große Linie der vollzogenen Tatsachen nicht berühre. Eine endgültige Meinung über die Frage der Sicherheit»- und Ortspolizei könne man nicht aussprechen. In jedem Falle seien die Engländer und Franzosen über die Notwendigkeit, das Abkommen von Spaa zu vollziehen, einig.
Sehr bemerkenswert sind die Bemerkungen, die die Note über die Einwohnerwehren, die Orgesch und die anderen Selbst chutzorganisationen macht. Diese Frage sei der einzige Gegenstand, über den eine leichte Mei.tungsv erschiedenheit zwischen England und Frankreich besteht. Diese Meinungsverschiedenheit bezieht fick auf die Zeitspanne, innerhalb deren die Der- abschiedung dieser Formationen durchgeführt werden soll Die bedeutendsten Stützpunkte der Freiwilligen- n-.oände sind Ostpreußen und Bayern, wo die Furcht vor dem Bolschewismus bereit Anwesenheit durchaus als berechtigt erscheinen läßt, so daß dort eine sofortige und vollständige Verabschiedung dieser Formationen nicht willkommen wäre. Nichtsdestoweniger glaubt man aber in England, daß die Stärke dieser Verbände größer sei, als es wirklich notwendig wäre.
Die für ihre Verabschiedung anzusetzenden Termin« mühten den Gegenstand von Besprechungen mit den Franzosen bilden: das sei ein Grund, um die sofortige Zusammenberufung einer Konferenz der Ministerpräsidenten zu rechtfertigen. Die Besetzung des Ruhrgebiets ioll nur int äußersten Notfälle erfolgen, beispielsweise im Falle militärischer Operationen Deutschlands gegen Polen In Ostpreußen.
England, so schließt Reuter, sei entschieden der An- sicht, daß der Artikel 172 des Friebensvertrages betref. fenb die Verteilung der Erzeugnisse der chemischen Industrie nicht befriedigend ausgeführt wor- den sei, bas fei eine sehr wichtige Frage, aber es sei noch zu früh, über die Maßnahmen zu sprechen, die ergriffen werden müßten.
dann werden doch sehr wichtige Meimmgsverfchieden- heiten zugestanden. Diese Meinungsverschiedenheit ist mm zunächst eine Zusammenkunft der beiderseitigen Machthaber, wozu vielleicht auch Italien eingelacen wird. Die Konferenz sollte nach sranzösi- schen Pressemeldungen bereits vom 7. bis 12. Januar stattfinden; in London aber spricht man von einer Konferenz gegen Ende des Monats. Zugleich wird die Frage aufgeworfen, ob die Sachverständigen in Brüssel ihre Verhandlungen nicht vertagen sollten bis zum Abschluß der Ministerbesprechungen. Demgemäß sieht es so aus, als ob die Sache schließlich auf eine Verzögerung der En.scheidung über die Wiedergutmachung hinauslaufen werde.
Dieser Eindruck wird noch verstärkt durch die neuesten Ausführungen des Pariser „Temps" zur Frage der Wiedergutmachung. In diesem Blatte, das der französischen Regierung sehr nahe steht, wird ausführlich ein neuer französischer Plan entwickelt, der auf die Bermehrung der deutschen Naturallieferungen hinausläuft unter Ausschaltung der fest begrenzten Geldsumme Für die deutschen Naturallieferungen wird ein kunstvolles Abrechnungsverfahren nach dem Muster von Spaa vorgeschlagen und zur Empfehlung aus- geführi, daß dabei die französischen Forderungen mit dem wirtschaftlichen Wiederaufblühen Deutschlands in Einklang gebracht und auch die Müarbeit der deutschen Industriellen an der Wiedergutmachung vorgesehen würde. Im Gegensatz dazu, führt der „Temps" aus, wünschten die englischen Bertreter, daß möglichst schnell die von Deutschland zu zahlende Summe festgesetzt werde, ein Verfahren, das den Nachteil habe, in Frankreich eine Enttäuschung und in Deutschland eine Panik wegen der Höhe der Geldsumme hervorzurufen.
Was auch die Franzosen zur Empfehlung dieses Planes sagen, ändert nichts an der entscheidenden Not- wend'gkeit, eine f este Grenze für die deutschen Leistungen zu vereinbaren. Bei den oorgeschlagenen Na- turatieiftungen, die tatsächlich für die Reichskasse in sehr große Geldleistungen auslaufen würden, kämen wir in eine Schuldknechtschaft, deren Ende sich nicht absehen ließe Wir müssen aber wissen, daß unsere Sklavenarbeit in so und so viel Jahren zur Erlösung und zur Freiheit führt. Eine Edv'gung wird also nur dann zu erzielen sein, wenn man den Gedanken der Naturalleistungen, der an sich gesund und auch von Deutschland her schon angeregt ist, zu verbinden weiß mit einer festen Abgrenzung der Leistungen nach der Höhe und Zeitdauer.
Auch diese Pariser Stimme läßt also wieder erkennen, daß die schwebenden Fragen noch nicht spruchreif sind, sondern umständliche und zeitraubende Der- Handlungen erfordern werden. Darum wollen w'r auf die erwähnten Meinungsverschiedenheiten unter den Alliierten keine vorzeitigen Hoffnungen bauen, sondern uns noch weiter in Geduld fassen. Es ist noch nichts verdorben und verloren; was sich erreichet läßt, muß die Zukunft lehren, die trotz aller halbamtlichen Kundgebungen dunkel bleibt.
Die Brüsseler Konferenz.
Wie in Brüssel verlautet, wird die Finanz« konferenz, die am 11. Fauuar wieder zusammen« treten sollte, ihre Verhandlungen erst einige Tage später wieder aufnehmen, um den Dele- merten für die Ergänzung ihres Materials genügend Zett zu lassen.
Zur Abstimmung in Oberschlesten.
In den „Münchener Neuesten Nachrichten" schreibt b>r bekannte Staat», und Wlkerrechtsfehrer Gehttmrat Pros. Dr. Philipp Zorn zur Frage der Abstimmung in Ober- fchlesien: Jede Abweichung von dem zwmoenden Rechtswege der elnheitllchen Gemeindeabstimmung ohne Zi-stim- mung aller »ertragsteile macht bi» Abstimmung nichtig. Wenn bte Botschafterkonferenz bfe Weisung erteilt, bte Abstimmung ber nicht im Abstimmungsgebiet ansässigen Stimmberechtigten später als bte Abstimmung ber ein-
Sie lachte nicht mehr, ihre Stimme hatte einen herzlichen, bringlichen Ton, auch in ihrem Blicke war warme Herzlichkeit.
Der Doktor hatte sich ein wenig schwerfällig wieder auf seinem Stuhl zurechtgesetzt. „Selten" ... er bewegte den Kopf . . . „mir scheint's im Gegenteil manchmal, als wäre ich nur allzuhäufig hier."
«3a, Ihnen mag» freilich so scheinen, Ihnen . . ." ein wenig gegen ihn vorgeneigt, sah sie ihn mit ihren dunkelglänzenden Augen an. „Wir hier legen eben einen anderen Maßstab an Ihre Besuche." Dann, al» seine wortschwere Art keine Entgegnung fand, begann sie in ihrer beweglichen Gewandtheit ein muntere» Plaudern, dem er mit behaglicher Ruhe folgte, nur hie und da eine kurze Bemerkung einwerfenb. Ein paarmal ging fein Blick babei zu ber Stutzuhr auf dem Kaminsims, und Frau Mengers, ber Richtung folgend, sagte:
»Da» Kind bleibt lange fort. Uebrtgen», haben Sie schon Trubchen» neuestes Bild gesehen, Doktor?"
Sie nahm eine ber in zierlichen Rahmen auf hem Tischchen stehenden Photographien und reichte sie Weibrecht. „Gut getroffen, was?"
Mit unbeweglicher Miene schaute er auf bas hold- selige Gesichtchen nieder und von diesem zu einer zweiten Photographie auf dem Tische.
Im nächsten Augenblick hatte Frau Mengers diese ausgenommen und sich Weibrecht zuneigend, hielt ste beide Silber gegeneinanber.
„Da haben bie Jahre wenig Seränberung hervorge. bracht ht?"
Er bloß und betrachtete nun angelegentlicher als das erste, das zweite Bild. Zwei Köpfe, dicht anein- andergeschmiezt, Mutter und Kind. Und F-au Klara hatte recht im doppelten Sinne — die Jahre hatten wenig Veränderung hervorgebracht. Richt nur das Gr-
heimischen Stimmberechtigten ftaftfinben zu lassen, so ist dies eine direkte und schwere Verletzung des Artikels 88, bas heißt, ber ihm beigefügten Anlage § 4, Abs. 4 unb 5. Diese schreiben eine einheitliche Abstimmung aller Ge- meinbe an gehörigen ohne Unlerfchieb von Geburt unb Wohnsitz vor. Jede anbere Art von Abstimmung ist vertragswidrig unb ohne Zustimmung Deutschlands nichtig.
Der Vatikan und Obcrschlesirn.
Monsignore Ogn o, ber päpstliche Kommissar für Oberschlesien, würbe in Oppeln am 30. Dezember burch bie alliierte Kommission empfangen. Er richtete babei an Leronb eine Ansprache, in ber er sagte, ber Heilige Vater, tiefbetrübt, daß wegen ber Frage ber Volks, afcftimmung ber Friede unter seinen Söhnen in Ober- schiessen gestört ist, vertraut mir bie M.stion an, Ihnen die Gefühle ber Gerechtigkeit unb ber christlichen Nächstenliebe ins Gedächtnis zurückzurufen. Ich nahm mir vor, meine hohe Friedensmission mit der gewissenhaftesten Unparteilichkeit, aber auch Festigkeit zu beenden ß e r o n b ermiberte, bie baiernbe Anwesenheit eines Vertreters bes apofto'.ifdjen Stuhles in Oppeln zeige klar unb beutlich ben Willen bes Heiligen Vaters, zuzulassen, bah bie Abstimmung in Un- parteilichkeit unb moralischer Freiheit beendet werde. „Insbesondere zweifle ich nicht, daß die Sorge, die Geistlichkeit dieses Landes zu verhindern, sich durch politische Kämpfe in ihrem Beruf abwenden zu lassen, eine Sorge, die ganz und gar den Anschauungen der Kommission entspricht, in glücklicher Weise dazu beitragen wirb, bie Erfüllung ber ber interalliierten Korn» Mission auf Grunb bes Versailler Vertrages auferlegten Aufgabe zu erleichtern."
Zum Tode Bethmanrr-HoMvegs.
Die Nachrufe auf den verstorbenen Reichskanzler von Bcthmann Hollweg in der ausländischen Presse, vor allem ir. der französischen und italienischen, sind durchweg sehr absprcchcnd. Sie bezeichnen ihn als das willenlose Werkzeug des Kaisers. Es ist richtig, daß Belhmann Hollweg nicht eine führende Persönlichkeit war, die sich rücksichtslos durchzusetzen verstand, aber ein willenloser Hoffchranz war er nun doch nicht. Er war ein Mann der Verständigung, der allerdings nid# immer die Kraft besaß, seine Absichten durchzusetzen gegenüber den Schwierigkeiten und dem Zwang, die sich aus den Zeitvethältnissen und aus dem Spiel der anderen Kräfte im Staatsleben ergeben. Er hat getan, was er konnte, und wenn er nicht mehr leisten konnte, so lag die Schuld daran, daß er auf einen Poften berufen war, der ohnehin schon über das Maß seiner Kräfte ging und durch die weltpolitische Krisis bis in das Ungeheure belastet wurde.
Als Minister oder Staatssekretär des Innern hatte er die rechte Spitze seines wahren Berufes erreicht. Im ruf) gen Geleise die innere Politik sortzuführen, hatte zu seinem nachdenklichen und vorsichtigen Wesen, das auf der mittleren Linie gern eine Verständigung unter den verschiedenen Triebkräften in der regierenden, verwaltenden und parlamentarischen Kreise suchte, gepaßt. Es war ein Verhängnis, daß er nach dem Zusammenbruch der Dülowschen Blockpolitik zum Reichskanzler berufen, auf den obersten und verantwortungsvollsten Posten gestellt wurde, der auch die hochpolitische Führung in seine zarte HmÄ legen sollte. Die Berufung war wohl nach den damaügen Umständen erklärlich, denn es sah aus, als ob der neue Kanzler kaum etwas anderes zu tun haben werde, als die Derw-rrung in der inneren Politik zu überwinden.
Das letztere gelang auch dem neuen Kanzler in beträchtlichem Maße, wie wir gern anerkennen, wenn auch die Zentrumspartei mit ihm noch manche Rei- bung hatte wegen seiner unsicheren Haltung in der Iesuitertfrage, Modernistcnfrage usw. Zu durchgreifenden Reformen kam es freiftb tn den Jahren 1909 bis 1914 nicht, aber die innere Politik ging doch leidlich weiter.
Obschon er in der hohen Politik Dilettant war, hatte er doch mit richtigem Instinkt den entscheidenden Wett einet Verständigung mit England er-
Ein heimliches Lächeln spielte um ihren Mund, wie Dr. Weibrecht, die Doppelphotographie auf den Tisch stete lend, murmelte:
,,3a, keine Veränderung, keine ... ' '
Ste hielt es auch nicht für nötig, sofort wieder eine lebhafte Unterhaltung anzuspinnen. Gehabte Künsteln- drücke ließ man zu ihrer Vertiefung am besten erst noch ein Weilchen in sich nachwirken. Und weder sie noch der Doktor schienen es sonderlich freudig zu begrüßen, daß dieses stille Nachwtrken durch rasches Dtffnen der Z rn. mettür unterbrochen wurde. Weibrecht, der im behaglichsten Sichdaheimfühlen irn Sessel saß, richtete sich hastig mit eckiger Miene auf, über Frau Klara träume, risch lächelndes Gesicht lief ein scharfes Zucken der lln- geduld. Nur eine Sekunde freilich, dann lächelte sie über die Schulter hinweg der Eintretenden entgegen.
»Nun, Trudchen, bist Du endlich zurück?"
„Ja, und bringe den ganzen Frühling mit heim. Da . . ."
Hinter den Stuhl der Mutter tretend, schüttelte sie dieser mit beiden Händen einen ganzen Haufen Veilchen in den Schoß.
„Wie das duftet, n-cht? Und diese Unmengen . . . blau der ganze Wald! Wie betrunken wirb man van all bem Pflücken. So herrlich war ber Frühling noch nie wie in diesem Jahre."
Sie reckte die Arme aus in hellem Glücksgefühl, ihre Augen, selbst tiefblau wie die Veilchen, strahlten förmlich. Dann trat sie zu Weibrecht hin.
„Machen Sie kein trauriges Gesicht, Herr Doktor, Sie sollen nicht leer ausgehen. Hier . . ."
Mit flinken Fingern eine Anzahl Blüte?: zum Sträußchen zufammenfassend, hielt sie ihm dieses entgegen.
sicht des jungen Mädchen» wies noch dieselben für er« haft reinen, lieblich weichen Züge auf wie das zehnjährige Lockenköpfchen, auch der Mutter waren die zwölf Jahre, die zwischen dem Damals und dem Heule lagen, beinahe spurlos vorübergegangen, so daß sie es ruhtet wagen durste, zwischen dem schönen Porträt unb ihrer leibhaftigen Erscheinung ben Vergleich herauszusorbern.
„Der Frühlingsorben ... für lauter Lust unb Freube."
Nur ganz langsam hob sich seine Hand, unb wie sie mit rascher Bewegung ihm D ilchen ins Knop'loch steckte, schien es fast, als mehre er sie zurück. Verwundert sah fit. jhn an.
LFoitj.vung folgt.)
könnt. Sein Bestreben in dieser Richtung scheiterte, und kein anderer hat den Eintritt Englands in dis Reihen unserer Gegner so bitter empfunden wie er. Wie sich die Ursachen dieses hochpolitischen Fehlschlages aus die Tätigkeit des Auswärtigen Amtes, auf die höfischen Einflüsse, auf die Kraftpolitik der Admiralität oder auf die Londoner Machthaber vetteilen, kann ja dahingestellt bleiben. Als die englische Weltmacht endgültig cm die deutschfeindliche Koalition von Rußland und Frankreich sich anfchloß, war Deutschland auf das schwerste von der übermächtigen Einkreisung bedroht und mußte sich gegen die schwere Gefahr voisehen.
Daher die Verstärkung unserer Rüstung, die Herr von Bethmann Hollweg in den letzten Jahren vor der Katastrophe gewissenhaft besorgt hat. Wen ger gelang ihm, die nötige Vorsicht in der österreichisch-deutschen Politik allseitig zur Geltung zu bringen. Da die Ge- samtlage für uns und Oesterreich außerordentlich ungünstig war, hätte man den Zwischenfall, der durch das' Attentat van Serajewo sich plötzlich einstellte, mit der größten Besonnenheit behandeln müssen. Doch in Oesterreich fetzte Graf Berchtold ein Ultimatum durch,' das aus Biegen oder Brechen gestellt war.
Herr von Belhmann Hollweg erkannte die Gefahr- lichkeit dieses scharfen Vorgehens unb telegraphierte' nach Wien: Deutschland will nicht in den Welt- brand gezogen werden, ohne wenigstens gehött zu sein. Es war zu spät. Die Nibelungentreue riß uns' in den Weltbrcmd, und damit war schon das Verhäng.' nis unserer Niederlage gegenüber der Massengewalt' der vereinigten Gegner heraufbeschworen.
Als die Würfel des Krieges gefallen waren, voll- brachte Bethmann eine kluge und kräftige Tat, indem, er die Bolfchaft verkünden ließ: „Ich kenne keine Parteien meh.l" und so die Sammlung aller Volkskreise im Geiste des 4. August herbeiführte. Das war aber auch die letzte Großtat des Verstorbenen. Als die Waffen klangen, hat!en die Militärs die Herrschaft in der inneren und in der äußeren Politik. Herr von Bethmann hatte nicht die Kraft, ihnen das Gleich, gewicht zu halten.
Es war ein Unglück für uns, daß im Jahre 1914 kein B'smarck auf dem Kanzlerposten stand. Aber, Bismarcks sind selten.
Sozialisierung des Hebammenstandes,
Don Frau Gcheimrat H e 6 b e r g e r, M b. L.
Der Entwurf eines Hebammengesetzes, das nach! bem Wunsch ber demokratischen unb sozialdemokratischen Patteien in schärfstem Widerspruch 3um Zentrum unb ben Rechtsparteien noch in ber kommenden kurzen Tagung der Landesvetsommlung angenommen werben soll, beabsich. tiflt nichts mehr und nichts weniger als bie vollkommene Sozialisierung bes Hebammenstandes. Diesem von bem demokratischen Abgeordneten und Kinderarzt Prof. Dr. Schloßmönn (Düsseldorf) im Ausschuß für Bevölkerungspolitik au »gearbeiteten Gesetzentwurf ging ein Regierungs» entmurf voraus, ber im wesentlichen nach ben Richtlinien entstanden war, tue bte preußische Landesversammlung im Herbst 1919 ausgearbeitet hatte unb in benen bte Beam- teneigenfchaft der Hebammen, ihre Anstellung unb B'zah- lung burch eine vom Staat ober ben Gemeinden zu gewährend« feste Besoldung vorgesehen ist.
Zunächst ist darin vorgesehen, daß nicht, wie es beeg Gegebene gewesen wäre, die großen Städte und Landkreise, sondern die Provinzialoerbände die Hebammen anzustellen haben. Da infolgedess-n die Provinzialoerbände vor jeder Anstellung einer Hebamme ober sonstigen Entscheidung immer erst andere Instanzen hören müßten, wird naturgemäß ein heftiger Kampf zwischen diesen entbrennen, wenn etwa die, mit den örtlichen Verhältnissen gar nicht vertrauten Provinzialverbände hinsichtlich der Anstellung der Hebammen andere Entscheidungen fressen wollen wie bte Städte und Landkreise. Die Pro- vmzsn sollen crlso jede größere Stadt unb jeden Landkreis in Hebammenbezirke einteilen. Jede Frau, die nun eine Hebamme braucht, muß eine in ihrem Bezirk wohnende Hebamme zuziehen; bfe Zuziehung einer solchen aus einem benachbarten Bezirk Ist ihr untersagt. Dieser Zu« stanb wirb zweifellos bei den Frauen m manchen Fällen helle Empörung Hervorrufen, ja unter Umständen manche Frau in ihrer schweren Stunde in bie größte Erregung versetzen. Keine Frau hat doch mehr bas Recht, zu ihrer Entbindung eine Hebamme ihres Bert rottens hinzuzuziehen, wenn etwa diese Hebamme zwar in ihrer nächsten Nähe, aber doch in einem benachbarten Hebammenbezirk ihren Sitz hat. Sie hat immer nur bte Wahl unter ben meist nur wenigen Hebammen ihres Bezirks. Was bas unter Umständen für eine arme, durch bie Aufregung bei Ente bi-ndung an sich stark angegriffene Frau bedeutet, kann sich jeher selbst ausbenfen. Wie ist seinerzeit für bie freie Aerzlcwahl gekämpft worben! Was ben Kranken recht ist, dürfte doch auch den Wöchnerinnen zuzubilligen fern. Daß ausgerechnet die Sozialdemokraten solchen Vorschlägen zustimmen konnten, ist doppelt verwunderlich. Wir sehen hier ben vermeintlichen Segen ber Sozialisierung des Heil, berufe», bte die Sozialdemokratie fordert und auch für de» Aerztestanb beabsichtigt.
Eine wertere bedenkliche Wirkung ber Sozialisierung des fjeilberufes, die jedes höhere Streben sowie bett ge« rode im Heilberufe fo unbedingt nötigen Eifer im Dienste für unsere Mitmenschen geradezu töten muß, ist bie Festsetzung eines festen Gehaltes. Besteht da nicht bie Gefahr, daß bie bequeme Hebamme im sichern Besitz ihres festen Einkommen» sich, wo sie irgend kamt, nach Möglichkeit ihrer Pflicht entzieht? Wer will es künftig kontrollieren, ob bie Hebamme, wenn sie bei einem eiligen Ruf zu einer Entbindung nicht auszuf'mben ist, sich diesem Ruf mit Absicht entzogen hat?
Alle» übrige, was ber Entwurf über die Neuregelung des Hebammenw'fens fegt, so bie Möglichkeit ber Versetzung ber p» en Provinzen angestellten Hebammen innerhalb einet Provinz und zwar auch gegen den Willen ber Hebamme, ferner bte Regelung der Gebührenfraee, bte ben Staat mit ganz erheblichen Betrögen belastet, läßt erkennen, wenn man bas Ganze übersieht, daß wir hier eines der oberflächlichsten Gesetze haben, die