Amtlicher Anzeiger für den kreis und die Stadl Fulda.
fit. 263.
Verantwortlich hu den cevauwnellen TeU: Karl Schütte. ~ für dk Anzeigen: I. Parzeller-Fulda. :: Rotationsdruck n. Verlag der Kuldaer Acttendrackeret in Fulda, ^rrnlprecher Nr. 8. Telegr.-Adresie: Fuldaer Zeitung
vienstag, 7. Dezember 1920.
Bezugspreis r Monatlich 3.00 Mt. ohne Zustellgebühr. In Fulda bei unsabgehoU3.1S Mt. Stazeigeuprei»: DieKletnzeile .Colonelmatz) 60 JJjg, u. 10°;, Zujchtag, die Reklamezetie (Tep'ur*rt) 1R0 2TW-, u. 10% Zuschlag. Bei Wiederhol. Rabatt.
47. Zahrg.
Die Bcamtenbewegnng.
Die wirtschaftliche Lage der Mehrheit der Beamten- toaft ist nicht normal. Es wird allgemein zugegeben, dah die Notlage der Beamten, oder wenigstens des größten Teils von ihnen nicht nur in den teuren Städten und Industriebezirken, sondern auch anderwärts groß ist. Die Besoldung hat mit der fortgesetzt wachsenden Teue- rmig aller Lobensverhältniisse nicht gleichen Schritt Schalten. N-türlich ist es nicht böser Wille der maß. gebenden Stellen, wenn die Not der Beamten nicht hat beseitigt werden können. Die finanzielle Lage des Reiches ist derart bedrohlich, daß, wie heute jedermann weiß, eine weitere Belastung den Zusammenbruch herbeiführen könnte. Die Beamtenschaft selbst verschließt sich keineswegs der Erkenntnis, daß das Reich die Mittel zur Erfüllung aller der Forderungen, die berechtigt fein mögen, einfach nicht aufbringen kann.
Um wenigstens in etroa die Notlage der Beamten- -hast, dort, wo sie am dringendsten ist, bei den kinderreichen Familien nämlich, zu mildern, hatte die Rsichsregierung einen Teuerungszuschlag zu den Kinderzulagen in den Ortsklassen A, B u. C zugestanden. Der Hmishcrltungsausschuß des Reichstages ist jedoch über die Regierungsvorlage hinaus- gegangen, indem er die in der Regierungsvorlage vor- «efthenen Sätze für die TemH-nigszuschläge erhöht and sie auf die Ortsklassen D und E ausgedehnt hat. Das bedingt eine Mehrausgabe von jährlich über 8 00 Millionen. Die Parteien sind sich völlig darüber im klaren, daß diese Hilfe an sich nicht aus- reicht, um die Notlage der Beamtenschaft zu beseNgen. Sie nahmen aber von weiteren Zugeständmsien Ab- stand, well dahingehenden Forderungen von fritert des Reichsrates em unbedingter WiderstarS entgegengesetzt worden ist.
Aus verschiedenen Teilen des Reiches wird gemeldet, daß der Beamtenschaft sich wegen dieser Beschlüße des Haushaltungsausschußes eine gewisse Erregung bemächtigt hat und Stimmmrg für einen Gener al- streik gemacht wird. Schon hat die Erregung in badischen Städten zur Proklamierung der passiven R e s i st e n z bei einigen Beamtengruppen geführt. Aus Frankfurt wird uns folgende Entfchliefsting des Bamtenkartells vom 5. D^smber gemeldet:
Die heute zu Taufenden vorsammeüen Beamten in fyrarrrfurt a. M. drücken ihre Entrüstung darüber aus, daß nunmehr auch der Hauptausschuß des Reichstags ent- gegen dem vorherigen Versprechen der Fraktionen von einer Erhöhung der Teuerungszuschläge für olle Beamten durch einstimmigen Beschluß der Mchrheftsparteien ab- gesehen hat.
Die in dieser Maßnahme liegende Härte gegen große Teste der Beamtenschaft legt uns die Pflicht auf, nach tmc vor auf den Forderungen des Deutschen 'Be- omtenbunbes mit allem Nachdruck stehen zu blei- den. Um den unbeugsamen und festen Willen der ge- samten Beamtenschaft zu bekunden, wird die Bundes- lestung auf gefordert, sofort eine U rabstimmung dar- M>er vornehmen zu lasten, ob die Beamtenschaft noch wester gewillt ist, den Maßnahmen der Regierung tatenlos ruzusehen.
Die Dersmmnlung fordert, daß der Bundesvorstand sich dre seck Jahren von ehrlichen Finanzsachverständigen gemachten Vorschlägen zur Gesundung der Reichsfinonzen, weft^ die Einstellung des Zinsendienstes für « Reuhsvcrftstidung verlangen, zu eigen macht und diese Vorfrage der Regierung im Intereste des gesamten ar- oeckenden Volkes zu unterbreiten. Auf die gleichlaufen- ben Bestrebungen der Bodenreform, Einführung der Grundrente, wird im Zusammenhang mit der Deckungs- ftvge hingewiesen.
Mr verlangen, daß die Reichsfinonzgebahrung nach Men Vorschlägen mngestellt wird, damft die deutsche Wirtschaft endlich dem Wiederaufbau zugeführt weide.
Wir haben zu der Besonnenheit der Beamten- fchast das Vertrauen, daß sie sich nicht verführen läßt, sei es zu passiver Resiistenz, sei es zu einem Generalstreik. Die Veamtenfchast kann nicht verkennen, daß sie durch einen Streik ihre eigene Existenz auf das epief fetzt. Bis auf weiteres ist es nun einmal nicht •noglicfj, die Gehaltsbezüg« so zu regeln, daß alle
Wer:ge^Lung.
itoman von S. Doudney. Deutsch von E. Clauß.
3] ---------
Langsam, tief in Gedanken versunken, schritt Villars den Weg nach Dellwitz entlang. Seit Monaten war das dortige Pfarrhaus feine zweite Heimat gewesen. Sein Vater hatte ihn, den kränklichen jungen Menschen, zur Festigung der Gesundheit und zur Vollendung feiner Studien dem alten Freund und früheren Hauslehrer der Villars anoertraut. Der liebenswürdige Geistliche hatte den schlanken, blonden Knaben schon vor Jahren liebgewonnen und war herzlich erfreut gewesen, als der ®e> "eral ihm den Sohn in fein einsames Pfarrhaus schickte. ®it Eifer hatte er dem jungen Manne bei seinen Stu- dien geholfen, und weil er eine möglichst große Freiheit zur vollständigen Entwickelung des Körpers wie des Geistes für notwendig hielt, so fragte er nie, wo fein jun- 9er Freund die vielen freien Stunden des Tages zu- brachte. Als dann Heinrich eines Tages mit der stür. wischen Bitte zu ihm kam, seinem Bunde mit Rose die kirchliche Weihe zu geben, da hatte er wohl anfangs . ernstliche Vorstellungen gemacht, es auch an Vorwürfen J*nb Mahnworten nicht fehlen lasten; schließlich aber Mte er — wie immer Heinrich gegenüber — nach- gegeben und die Beiden in Gegenwart zweier oerschwie- gener Zeugen heimlich getraut. Vielleicht, ja sogar sehr wahrscheinlich, hatte Heinrich recht, wenn er behauptete, daß sein stolzer Vater sich viel eher einer Tatsache fügen würde als einer Bitte. Mit diesem letzten Gedanken sötte Pastor Grabe sein sonst so zartes Gewisten zur ^uhe gebracht. —
®s war fast dunkel, als Heinrich den See von Dellwih erreichte; jenseits desselben lag das alte, ziemlich große Pfarrhaus im Schatten eines viel älteren Kirchleins, ein Baum und Strauch schmückte die öde Ebene, die we beiden Gebäude umgab. Vor wenigen Jahren noch war das anders gewesen; aber die altersschwachen «tätnme der Weiden und Ulmen hatten der Zeit ihren ribut zahlen muffen, und da der jetzige Inhaber der vfttrfteöe nur für Bücher Sinn hatte, so waren nir-
Not ein Ende hat. Es sind ja auch keineswegs die Beamten allein, die unter der Teuerung leiden. Breiten Schichten des Mittelstandes, den geistigen Arbeitern und manch anderen Berufen geht es noch schlechter als ihnen. Auch große Teile der Arbeiterbeoölke- rung find in chrer Lebenchaltung unter das Maß der Friedenszest herabgesunken. Allen diesen Schichten aber hat der Beamte das eine voraus, daß er unabhängig von allen Schwankungen des Wirtschaftslebens, nicht nur in seiner Stellung und seinem Einkommen unbedingt gesichert, sondern auch der Sorgen um Alters-, Familienversorgung ufro. enthoben ist. Sicherlich muß geschehen, was geschehen kann, um die Notlage der Beamten zu mildern, aber dem Können siird Grenzen gezogen. Der in der Frankfurter Bersannnlung gewiesene Weg, zur Vefchaffimg notwendiger Mittel den Zinfendienst für die Reichsanleihen einzustellen, ist ungangbar. Er würde notweMg zum Staatsbankerott führen. Kriegsgewinnler und Schieber haben ihr Geld sicher nicht in Kriegsanleihen angelegt, die das taten, das waren vielmehr die kleinen Leute. Diese waren es, die der Not des Vaterlandes ihre Spargroschen geopfert haben, sie und die Sparkasfen, die Genosienschasten und Der» sicherungsanftalten. Don einer Zmseinstellung würden also nicht die betroffen die es vertragen können, sondern die, die auf den Zinsertrag unbedingt ange- wiesen sind . Die Sparkassen, Genosienschasten u. a. würden in Not geraten und auch ihrerseits den Zinsen- dienst, überhaupt den Geldverkehr einftellen muffen. Das ganze Wirtschaftsleben würde stocken und schsieß- lich kämen wir dahin, daß nicht nur die Gewährung von Teuerungszulagen, folgern die Westerbezahlung der BeamtengehAter überhaupt sehr ernstlich In Frage stehen könnte.
Eine Varmmg des Rrichspostrnftiffkers.
Dos Reichspostministerium hat an alle Dienststellen ein Telegramm gerichtet, in dem es heißt: „Gegen Be. amte, die streiken ober ihre Unlust zum Dienst kundgeben, wird das Disziplinarverfahren mit dem Ziel auf Dienstentlassung eröffnet. Hilfs, träft*, die sich dieser Bewegung anschließen, werden fristlos entlassen."
Die Krise im Völkerbund.
Bon der gestrigen öffentlichen Versammlung des Völkerbundes wurden die Anträge Argentiniens auf Abänderung des Dölkerbmrdoertrages an die Kommission verwiesen. Die Vollversammlung hat sich also durch den Schritt Argentiniens nicht veranlaßt gefühlt, ' eingulenken, bekennt sich auch weiterhin als Werkzeug der Entente. Man nimmt in Genf an, daß, nachdem Argentinien den ersten Schritt gewagt hat, die meisten süd- und mittelamerikanifchen Staaten ihm früher oder später folgen werden.
Genugtuung in Amerika.
Der Rücktritt Argentiniens hat in ArnerNa bei den Mlsongegnern, die bekanntlich bei der letzten Wahl siegreich waren, große Genugtuung hervorgerufen. Emer ihrer Führer, Senator Knox, äußerte mft mr- verhüllten Worten, daß „die unvermeidliche Auflösung bereits begonnen" habe. Senator Lodge betonte, daß einige der am Völkerbund teNnchrnenden Nationen jetzt endlich einzusehen beginnen, daß Amerika mit feinen Einwänden, die es bereits vor zwei Icchren vorbrachte. Recht gehabt habe.
Die Einladung für Brüssel.
Als Tag des Zusammentritts der Konferenz der wirtschaftlichen Sachverständigen in Brüssel wurde der 13. Dezember festgesetzt. Deutschland wird aus dieser Konferenz tote die anderen Länder durch zwei Sachverständige vertreten sein. Die Einladung ist soeben bei dem Vorsitzenden der deutschen Friedens- delegttion in Paris eingeaan-en. Deutschland wird nun auf der Brüsseler Konferenz auch auf der ha«
genbs neue Anpflanzungen gemacht. Fast häßlich in ihrer kahlen Oede lagen Kirche und Pfarrx da, aber Heinrichs Augen ruhten doch mit einem Blick dankbarer Liebe auf dem eintönigen Bilde. Er hatte in diesem äußerlich so kalten Hause mehr Verständnis und Liebe gefunden pls in dem malerisch so schön gelegenen Schlöße zu Neuhof.
Während er über den See fuhr, blickten seine Augen angestrengt nach der Tür des Pfarrhauses. Sollte der Pastor ihn nicht wie gewöhnlich dort erwarten? Aber was war das? Standen da nicht zwei Gestalten im Rahmen der allen Türe? Gewiß, er täuschte sich nicht. Der eine der beiden Männer war Grabe, aber der andere? Wer konnte der späte Gast sein? Da wandte dieser sich plötzlich, so dah Heinrich ihm ins Gesicht sehen konnte. Einen Augenblick erschrak er aufs heftigste. Aber nein, — es war ja nicht möglich, wie sollte — und doch, es war fein Irrtum — der Dortstehende war sein Bruder Lucian.
Wenige Ruderschläge noch, und Heinrich war am jenseitigen Ufer; schnellen Schrittes ging er auf die Beiden zu und im nächsten Augenblick ftan& er seinem Bruder gegenüber.
„Was führt Dich her, Lucian," fragte er atemlos. „Der Vater . . ."
„Es geht ihm nicht schlechter, Heinrich," fiel der Pastor schnell ein, verlegen die Hände reibend. ,Ahr Herr Bruder sagt, daß augenblickliche Gefahr nicht vor- Händen ist--Heinrich, ich habe das Alleinsein mit
Herrn von Villars benutz., um ihm--eine Tatsache
mitznteilen ----die--feit Wochen mein--®e*
wißen belastete."
„Sie haben Lucian von meiner Verheiratung getagt?"
„Ja, mein junger Freund. Ich hoffte Ihnen einen Gefallen zu tun, wenn ich Ihnen die Mitteilung ersparte. Ich wollte Ihnen den Weg ebnen. Und" fuhr er zö- j gernd fort mit einem fast flehenden Blick auf den unbe- ! möglichen Lucian, „ich denke, Ihr Herr Bruder wird [ alles tun, um Ihren Herrn Vater ko versöhnlich wie , möglich zu machen." *
rauffolgenden Ministerkonferenz vertreten sein. Groß- britannien hatte auf der grundsätzlichen Notwendigkeit der Teilnahme Deuifchlands an den Besprechungen bestanden. Frankreich hat sich schließlich damit einverstanden erklärt.
Deutscher Reichstag.
Ihrem Interesse,
meinte Heinrich
sprechen und ihn mir zuvorgekom.
Noch immer hatte Sudan fein Wort gesprochen. In Heinrich bäumten sich der Stolz und die Leidenschaft, aber mühsam bezwang er sich; er wußte, sein Schicksal lag jetzt in der Hand dieses Bruders, der ihm nie freundlich gsinnt war und der ihn jetzt mtt so eisigem Blicke maß, daß Heinrich seine Sache fast verloren gab. Den- "ach überwand er sich und richtete zum zwetten Maie das Wort an ihn.
..Host Du irgend eine Botschaft für mich von Hause? Du wirst begreifen, daß Dein Hiersein mich überrascht." Dabei reichte er Lucian die Hand.
Zögernd nur legte dieser die seine hinein. „Ich war hierher gekommen, um mit Dir über Vaters Zu. stand zu sprechen. Wenn auch eine augenblickliche Ge. fahr nicht oorliegt. so sind die Aerzte doch äußerst be. sorgt, und er selbst . . ."
„Wenn ich's tat, so geschah es in Heinrich, zu Ihrem Besten."
„Hoffentlich zu meinem Besten," zweifelnd.
„Sjtn, ich hatte die Absicht, meinem Vater morgen persönlich von dieser Angelegenheit zu " um Verzeihung zu bitten. Sie sind men, Herr Pastor."
In bet Fortsetzung der Gtatsberotung sm Reichstage ftaröb am Montag der Haushalt des Reichs- Ministeriums für Ernährung und Landwirtschaft zur Besprechung.
Die einleitenden Ausführungen machte der Ernähruvgs- miulster Dr. Herme» selbst. In zweistündiger Rede um- riß er die vom Ministerium bisher eingeschlagenen Wege und Maßnahmen, zeichnete em ausführliches Bild unseres Emährungsstandes und gab di« Richtlmten an, nach denen das Ministerium weiterhin zu arbeiten gewillt sei. In erster Lime rechtfertigt der Minister den von ihm in Angriff genommenen Abbau der Zwangswirtschaft, wobei er begreiflicherweise auf den lebhaften Widerspruch der Sozialdemokratie stößt. Der Minister ist der Meinung, daß es nicht möglich sei, die Wirlschaft mit bloßer Gewalt regulieren zu wollen. Ein Unterfangen, das, wie die Dinge in Rußland zeigen, nur schädlich sein könne, allerdings müße man bis auf weileres an der Zwangswirtschaft für Brot, Butter, Milch und Zucker festhalion. Di« Wiederherstellung gesunder Wittschafts» grun&fagen beruhe vornehmlich auf der Vermehrung der umdwirffchaftlichen Irmenproduktion. Em Preisabbau duffe nicht einseitig mW willkürlich bei der Landwirtschaft einsetzen. Aus der anderen Sette müße aber von der Landwirtschaft mit Entschiedenheit gefordert werden, daß si« ihren Lieferungsverpflichtungen Nachkomme. Nach dieser Richtung hm werde das Mim- stormm nicht davor zurückschrecksn, zu scharfen Maßregeln zu greifen. Besonders sei das Ministerium ge» willt, gegen den Schleichhandel aufs schärfste vor- zugchen, der vornehmlich mit Mehl überhand genommen Hobe. Für die Mehleinftchr müße die straffe Zentrali- safton bestehen bfeiben.. Für das Wirtschaftsjahr 1920-21 würden, um den Brotpreis auf der jetzigen Höhe zu haften, 9Vi Milliarden aus öffentlichen Mitteln zur Beisteuerung nötig fein. Eine Besserung der Milchversorgung werde nur dann eintreten, wenn die Belieferung von Kraftfutter aufs höchste gesteigert werden könne. In diesem Zusammenhang erhebt der Minister «riergischo» Protest gegen die von der Entente geforberte Ablieferung von Milchvieh, wie er auf der andern Seite benjemgen Völkern unfern Dank ausspricht, die sich der Milchversorgung unserer Kinder angenommen haben. Kurz streift der Minister fein Vorgehen den Kriegsgesellschaften gegenüber. Von den 38 Kriegsgefell» fchasten di« er in seinem Bereich vorgeftmden habe, werden nur 5 ihre Tätigkeit über den 1. Januar 1921 hinaus fortfetzen. Zum Schluß gibt bet Minister einen eingehenden Uoberblick über die gegenwärtige Lage sowie über die Aussichten des Düngennitelmarktes.
Für die Absichten der Mshrheftssozialdemokrati« ist es bezeichnend, daß sie zu diesem Haushaft den preußischen Landwirtschastsminifter und Ministerpräsidenten Braun vorschicken, von dem es bekannt ist, daß er sich schon auf dem Parteitag der Mehrheitssozialdemo traten in Kassel in sowohl unsachlichen als auch unbegründeten Angriffen gegen die Person und gegen die Politik des Emährmigs» Ministers Dr. Hermes ergehen zu müßen geglaubt hat. Der mchchritssozmldemokratrfche Redner geht zunächst auf die Urfachen der oechängnisvolfen Entwicklung unserer Ernährungslage ein. Er sicht diese m erster Linie in der furchtbaren Verarmung des Bodens; er fordert den Preisabbau der Lchensmittel und spricht habet gelaßen eine Binsenwahrheit aus, die wirklich nicht neu seift, dürfte, daß um dieses zu erzielen, die landwirtschaftliche Produktion im Inland gehoben werden müsse. Gerade vorher hatte der Minister dieselbe Forderung erhoben, tne jeher nur unterstützen tarnt. Aber Herr Braun hatte sich ben Hauptangriff bis zuletzt aufgefpart. Es war zu erwarten, daß er hie von ihm seinerzeit erhobenen per» sonftchen Angriffe wiederholen würde. Und darin hatte man sich nicht getäuscht. Lang und brät bespricht er ben Otell Ramm-Augustin und legt dabet Montieren ^«rt twrouf, aus Kombinationen und eigenmächtigen Konstruktionen heraus neue Beschuldigungen vorzubringen. ®r erging sich habet in geheimnisvollen Anbeuten- 9ct1- Er sprach von Fälschungen, die nachträglich m oetn iBrtef bes Staatssekretärs Ramm vorgenommen fein !°llten. Wenn Herr Braun nicht ht erster Linie sozial- demorrairscher Agitator wäre, wenn er mehr daran ge» hadji hatte, baß er nicht nur als Abgeordneter von Düßel-
„Hat er gewünscht, daß ich komme? Morgen wollt« ich kowieso nach Neuhof. Es geht ein Nachtzug; wir wcn.en ihn benutzen, bann find wir morgen früh schon dort, und ich kann sofort mit dem Vater reden."
„Verzeih," fiel Sudan kalt ein, „Vaters Zustand ver- bietet jede Aufregung. Ich muß Dich bitten, in diesem Falle wenigstens mit Ueberlegung zu handeln."
„Sudan" . . . wollte Heinrich auffahren, aber er besann sich.. Und wenn er sich auch demütigen mußte, er durfte die Sache jetzt nicht verschffmmern durch einen Bruch mit dem Bruder. Er mußte Rose ben (Eintritt ms Vaterhaus erkämpfen. „Sei unbesorgt," fuhr er deshalb ruhig fort, „ich weiß, wie ich zu handeln habe. Aber, Sudan" — und seine Augen leuchteten, als er das sagte, — „wenn Du sie kenntest . .
(Sortierung folgt)
darf, sondern auch Äs preußischer Landwirtschastsministerf und preußischer Ministerpräsident spreche, wurde er seines Worte vielleicht etwas mehr abgewogen Haden. So aber! sprach er genau m der üblen Art, die bereits auf bettt Patteftag in Kassel so begreifliches Aufschen erregt hatte.- Seine Angriffe gaben hem Reichsernährrmgsminister Herme» Anlaß, ausführlich auf den Fall Hermes einzugehen und darauf hinzuweßen, daß er für seine Persons der gerichtlichen Klärung mft Zuversicht und gutem Gewißen entgegensetzen könne. Er wies die Unhaltbarkeit der Behauptungen Brauns nach und erklärte sich bereits unter Eid bas zu wiederholen, was er jetzt zur Ent-" krSstung der von Braun erhobenen Anwürfe erwiderL habe. Herr Braun erwiberte, aber nicht Äs Abgeordneter, nicht von fernem Platze aus ober von der Redner»» tribüne, sondern von der Reichsratseftrabe aus als p re rr.- ßifcher Ministerpräsident. Als Aögcorbnetee wäre Herr Braun nicht sofort zu Worte gekommen. Ali; preußischer Minister war es ihm möglich, sofort zu ans» warten. Das ift eine Art, hie im Parlament nicht bräuchlich ist unb bas Ungebräuchliche dieses Vorgehen s veranlaßte den Reichskanzler, in die Debatte einzugreise»i; er sprech sein tiefes Bedauern über den Zwischenfall aus und betonte vor allem, daß Fälle solcher Art nicht (jeetjfr- net seien, die Autorität der Reichs- und der .Steat!»» behördon zu stärken. Er sagte: Ich will auf die ©ad je selbst nicht eingehen, aber die Bemerkung daff ich wohl machen, daß sich der Abg. Breun, wenn er als Alt- geordneter sprach, bei seinen Angriffen gegen ben Reichsminister für Ernährung sich darüber klar fein muß. dirtz er vielleicht m die Lage kommt, hernach als preußischer. Ernährungsinmister auch auftteten zu müßen. Das Scho it» spiel, bas jetzt geboten wurde, ist, daß Herr Braun zuerst! als Abgeordneter unb dann als. preußischer Landwittk- schaftsrninister hier spricht unb daß bann her Reiche k- ernährungsmmister genötigt ist, Stellung zu nehmen gegenüber den Ausführungen nicht bloß bes Abg. Brar.n, sondern auch bes preußischen Ministers. Wenn in eine Kritik im einzelnen ein getreten wurde, ohne die einzeln en bestrittenen Fragen zu würdigen, so kann ich nur fagint, daß das ein tief bedauerlicher Vorgang ifft. Ich möchte hinzuftigen: Wie kann eine gesunde Roichs- politik getrieben werden, wenn die Autoritäten bn Reich unb in dem größten Staat des Reichs in dieser Art « nd mft solchen Angriffen gegenemanber vorgehen, wie omr feiten eines Abgeordneten, der zugleich Ministerpräsident dieses Landes ist, geschehen ist? Es ist nicht m ö g -, lich, die Angelegenheiten des Reichs wei-. terzuführen, wenn die Dinge so weiter gefpoTureni werden. (Stürm. Beifall.)
In parlamentarischen Kreisen nimmt man an. baß diese Schlußwendung der Kanzlerrede nicht in dem Sinne ei nes beabsichtigten Rücktritts gebeutet zu werden braucht. Sie' ist mehr em Ausdruck ernster Sorge über die gefährliche' politische Entwicklung, in hie wir durch das Vorgehen der Sozialdemokratie hineingetrieben werben. Daß hiess Sorget angebracht ßt, daß der Reichskanzler her Mehrheit des, Hauses und der großen Deffentlichkeit aus dem ' He rzen gesprochen hat, das bewies der laute Beifall der A bgeordneten.
Dienstag: Fortsetzung her Etatsberatrmg.
Preußische Larrdesversamwlirn^
Am Montag stand in der Sanbesoerfammtung- der Haushalt des Finanzministeriums zur Beratung. All» Reden bewegten sich in denselben Bahnen der Festste!, lung unserer überaus schlechten Finanzlage, ohne aller, dings irgend dn bestimmtes Mittel für eine bai'.bige’ Besserung zu geben. Klar unb eindringlich jedoch ra arert hie Ausführungen des Prof. Grebe vom Zentrum. Er anerkannte ben guten Willen des Ministers und sagte ihm auch die Mitarbeit des Zenttums zu, betonte aber auch, die Notwendigkeit, aus dem theoretischen Verhandeln über die Sparsamkeit halb zu praktischen Taten, zu fommbt. So müsse hie B eamtenv erring er u.ng baldigst In Angriff genommen werden. Ferner sei bis Besoldungsfrage, durch deren Derzögeruirg bereits Mißstimmung innerhalb der Beamtenschaft ent- standen sei, baldigst zu lösen. Die roeitergefjenben Vollmachten bes Finanzministers finb durchaus begrüßenswert, denn eine grundlegende A-mberung unserer Lage zum Beßeren ist nur bann möglich, wenn der Finanz» Minister gegebenenfalls In den anderen Refforts das Einspruchsrecht hat. Finanzminister Cnbemann nahm die Zusage der wetteren Mitarbeit des Zenttums bau» kend an, zumal ihm von her Rechten eine solche nur sehr verklausuliert gegeben würbe. Die Beamte nver- minberung fei auch bereits in Angriff genommen. Bezüglich her Bewilligung her Besatzungszulage auch für die Geistlichen gab her Minister seine Bewilligung.
Der Etat bes Finanzministeriums war damit er» tebigt. Vorher erledigte bas Haus noch in 1. Losung das Gesetz bett. Uebertragung richterlicher Funktionen in Grunbbuchsachen auf Gerichtsschreiber unb Katasterbeamte, wozu her Abg. Müller-Brüm (Ztr.) in sachkundiger Weise die Zusttmmung des Zentrums erklärte. Der Entwurf wirb an ben Ausschuß über«1 wiesen. Am Dienstag wird her Domänenetat 6era. en
Äuslanö.
♦* Frankreich will sofort 16 Milliarden F rancs haben. Die französische Regierung hatte bekanntlich in ihren diesjährigen Etat ohne toeiteres 16 Milftar» den Francs als deutsche Entschädigungszahlung ein- ste etzt. Nach dem ,®iatin' hat ' Ministerpräsident Leygues jetzt dazu erklärt, Frankreich verlange von Teulschland nichts Unmögliches, ober Deutschland müße im ersten Jahre diese 16 Milliarden unbedinnt begleichen, die Frankreich für dos Erats- jahr 1921 vorgeschoffen habe. Wenn es das tue, werde eS Frankreich zu Entgegenkommen sidwohl hinsichtlich der Frist als auch der Zahlungsart be» ieik finden. Wenn Frankreich aber auf Höfen Willen stoße, dann werde es über die Maßnahmen die ergriffen werden sollen, beraten. Der Soiroer- berichterstatter des ,Matin' erllärt, Lloyd ÄewraK und Bonar Law hätten dem zugestimmt.
dem rlachvarqedier.
” Dipperz. In einer gutbefudjten Zentrums, oerja mtn [ ung sprach am letzten Sonntag hier Parteisekretär Dr. Neubauer über das Thema: "Was haben wir am Zentrum." Redner schilderte zunächst hie Entstehung?- unb Entwicklungsgeschichte her Zentrumspartei und ging ein auf die Stellung der Zentrumspartei gegenüber dem Vaterlande. Au'merk- sam hörten die Wähler ben Ausführungen zu unb nach» dem noch bie Stellung bes Zentrums ber Religion, Kirche und Schule, sowie ben einzelnen Stäuben gegenüber bexeid’net worden war. tarn»* de»