FuldaerZenung
Amtlicher Anzeiger für den kreis und die Stadl Fulda.
fir. 280.
BeranuvorUich für den ceoonton. Teil: I. V. Dr. Kramer, u für die Anzeigen: I. Parzeller-Fulda.
Rotationsdruck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda, temipredjer Nr. 9. Telegr.-Adreise: Fuldaer Zeitung
Sreitag, 3. Dezember >920.
Bezugspreis: Monatlich 3,90 Mt. ohne Zustellgebühr. Jn Furda bet uns abgeholt 3,15 Alt. Anzeigenpreis: DieKleinzeile Colonelmav) 60 pfg, u. 10°,« Zuschlag, die Reklamezeile (Textbrette) 1.80 Hit, u. 10% Zuschlag. Bei Wiederhol. Rabatt.
47. Zahrg.
Geldfülle und Kapitalnot.
Jon Ministerialrat im R.-Finanz Ministerium Dr. Bensch.
Es ist eine eigenartige, man möchte sagen, tragi- -omische Erscheinung, daß wir um so ärmer werden, je reicher wir werden. Als das Reichs- notopfer eingeführt wurde im Vorjahr, hat man die Möglichkeit gelassen, daß diese Steuer in 30 Jahresraten abbezahlt werden kann, beim Grundbesitz sollen sogar geradezu 50 Jahre Tilgungsmöglichkeiten gegeben werden. Der Grund dafür lag darin, daß man dem Wirtschaftsleben nicht plötzlich viel Geld entziehen und dadurch eine Zahlungskrisis verursachten wollte. Es gab nämlich damals eine ganze Reihe auch ernster Politiker, die behaupteten, daß bei Abpumpung von papierenem Kapital in Höhe von etwa 40 Milliarden Mark aus unserem Wirtschaftsleben eine große Kapitalnot erzeugt werden würde. Run ist das Reichsnotopfer zustande gekommen. Es ist rund ein Jahr verstrichen und wir stehen heute in der Veran- fagung zum Reichsnotopfer. Nur ganz kleine Betrüge sind bisher auf das Reichsnotopfer eingezahlt worden. Aber auch für die Vermögenszuwachssteuer waren nur verhältnismäßig kleine Beträge bisher ein- gegangen. Andererseits sind in der Zwischenzeit die Geldmittel der Volkswirtschaft außerordentlich gewachsen Die schwebenden Schulden haben sich gewaltig vermehrt, die papiernen Zahlungsmittel sind gleichfalls sehr stark gestiegen. (30 Milliarden.)
Aber was sehen wir? Trotzdem die großen Vermögenssteuern noch nicht affektiv geworden sind, trotzdem andererseits sich die Geldmasse vermehrt hat, wird überall von Kapitalknappheit gesprochen. In Immer stärkerem Maße werden tatsächlich einzelne Betriebe für ihren Detriebskredit auf Banken angewiesen. Die Banken aber bekommen einen immensen Einfluß auf das ganze Wirtfchaftsleben. Woher diese eigentümliche Erscheinung? Die Kapitalknappheit kommt nicht daher, daß zu wenig Geld vorhanden ist, sondern sie kommt sonderbarer Weise davon, daß zuviel Geld vorhanden ist. Gerade diese außerordentliche Vermehrung der Zahlungsmittel hat in Verbindung mit der Politik der Angleichung an die Weltmarktspreise dazu geführt, daß die Kaufkraft des Geldes weit über das berechtigte Maß hinuntergeglitten ist. Heute braucht infolgedessen die Industrie mehr als das Zehnfache des Betriebskapitals für die gleiche volkswirtschaftliche Produktionsmenge wie vor dem Kriege. Würd^ die Produktton größeren Umfang annehmen, so würde sich tatsächsich eine Art Kapitalkrisis ergeben.
Aber dieser Notstand kann nicht beseitigt werden dadurch, daß man nun die Erhebung der Steuern hinausschiebt, oder daß man, wie von einzelnen Seiten gedacht wird, der geplanten Ein- Hebung eines Teiles des Reichsnotopfers entgegen« wirkt, sondern gerade umgekehrt. Je mehr es uns gelingt, die papierenen Zahlungsmittel aus dem Markte abzuschöpfen, desto mehr nimmt Misere wirkliche Kapitalkraft wieder zu. Würde es gelingen, den Geldwert in absehbarer Zeit aus 50 Prozent der Friedensparitat hinaufzudrücken, so würde die Industtie, weil ja die Produktton noch lange Zei nicht denselben Umfang erreichen wird wie vor dem Kriege, noch nicht einmal den doppelten Teil der Detriebskapi- talien brauchen, die sie vor dem Kriege gebraucht hat. Wird umgekehrt durch ständigen Widerstand gegen eine großzügige Steuerpolitik und gegen Einhebung eines großen Teiles unserer eimnattgen Steuern die Noteninflation nicht gchemmt, sondern noch gestärkt, so wird die Kapitalnot von Tag zu Tag größer werden und das Wirtschaftsleben wird darunter außerordentlich leiden.
Wir sehen da eigentümliche Erscheinungen. So werden in der Landwirtschaft ansehnliche Gewinne gemacht. Aber gewalttge Summen verschwin- den in Kisten und Kasten, und dabei gcht die Land-
Nnpolitische Zeitkäufe Von Fritz Nienkemper.
Berlin, 1. Dezember 1920.
Also 'rin in den Geschenkmonat!
Wo sind die Zeiten, als Nikolaus und Weihnacht noch lauter Freudentage waren? Jetzt zählen wir die lwnpigen Geldscheine mit Sorgen und Aerger. Wenn Man auch ein ganzes Bilderbuch zusammenhäuft, es will doch nicht langen. Es sttecken sich so viele bedürftige Hände aus, nicht bloß kleine, sondern auch recht ausge- wachsens, und das neuzeitliche Geld hat die verflixte Eigenschaft, daß es so schlecht füllt. Tue das Zehnfache in deinen milden Beutel, und dann kratze dir noch hin- ier dem Ohr. Gar mancher tritt in den Schenkmonat wit einem ähnlichen Gefühl, wie in die Werkstatt des Zahnziehers.
Wie oft habe ich geschrieben und in Weihnachtsversammlungen gepredigt, daß Geben leliger sei als Nehmen. Ich fürchte mich heutzutage vor der Antwort: Ach, wenn wir alle doch mal die Seligkeit des Nehmens auskosten könnten!
3a, wir sind fast alle (abgesehen von wenigen Glückspilzen und Geldjägern) bedürftig geworden. Wo noch keine Armut herrscht, da ist doch schon Sorge, Knapp- peit, Mangel in manchen Dingen zu spüren. So mancher, der früher nie die Hand ausgestreckt hat, möchte gern mit den Kindern zusammen einen Teller für ten rundreitenden St. Klaus aufstellen, aber einen recht Lasten, und möchte gern am Christbaum eine erkleckliche Überraschung für seine Person erleben. „Wenn ihr vicht werdet wie die Kindlein ..." So fromm und "Eg wie die grüne Unfchuld sind wir leider noch nicht geworden; wohl aber so sehnsüchtig nach Glücksgaben, me uns die schwierige Lebensführung etwas erleichtern konnten.
„Wir brauchen neue Stücke für das Mobiliar, für die ^Uchengerätschaften, für die Kleidung. Wie sollen wir ?** den haarigen Preisen etwas Neues bezahlen, wenn vas Geld nicht mal für die schreiendsten Reparaturen ?vgen will! Und die Kohlen, die Kartoffeln, das biß- 2ett Fett, die Bröckchen Fleisch! Sollen wir nicht wenig- "ens an den höchsten Felttaaen uns mal rick>"o la"
wirtschaft zum extensiven, also übersparsamen, Betriebe über. Es liegt eben hier eine psychologische Erscheinung vor. Die Uebersättigung mit geldlichen Zahlungsmitteln in Verbindung mit dem naiven Glauben, daß die gehamsterten Geldmittel wirkliches Kapital darstellen. Darum will man sie nicht wieder ausgeben und in den Produktionsprozeß stecken.
Her kann nur eine entsprechende Besteuerung helfen. Selbst wenn es nicht gelingen würde, in größerem Maße den versteckten Geldsummen auf die Spur zu kommen, würde doch ein erheblicher Teil dieser vÄfteckten Geldmassen zu- rückgeführt werden, weil eben das Reichsnotopfer mindestens von dem sichtbar liegenden Besitz gezahlt werden muß. Die Steuerschuld, die aus dem nicht versteckten und nicht verheimlichten Vermögen entsteht, wird aber dann in solchen Papierzetteln bezahlt werden. Es ist nicht ausgeschlossen, daß auch in kleinen und manchen Mittechetrieben des Gewerbes und des Handels ähnliche Erscheinungen Vorkommen. Sie bewirken zusammen mit dem ständigen Zustrom von neuen Noten eine rascher wachsende Entwertung des Geldes und damit eine zunehmende Kapitalnot.
Wollen wir darum die Kapitalnot beseitigen, so müssen wir, so sonderbar wie es klingen mag, einen Teil des Geldüberflusses beseittgen.
Relchsnoiopfer ober Iwangsanleihe?
Im Steuerausschuß des Reichstags, der sich mit der Novelle zum Reichsnvtopfer beschäftigt, erklärte der Reichsfinanzmimster Dr. Wirth am Donnerstag, daß eine Vorlage betr. eine Zwangsanleihe nicht ohne weiteres gemacht werden könne. Ferner stellte er ausdrücklich fest, daß aus der Verhandlung des Ausschusses sich nicht ein Widerspruch zwischen seiner Haltung und der des Reichsbankprästdenten konstruieren lasse. Wenn die beschleunigte Einziehung eines Teiles des Notopfers jetzt Gesetzesvorlage sei, so sei das auf den Beschluß des Kabinetts zurückzuführen, dem er bereits im Oktober neben anderen Maßnahmen als unbedingt erforderlich zur Emdämmung der schwebenden Schuld folgende zwei Möglichkeiten vvrgeschlagen habe: 1) Aenderung des Reichsnotopfergesetzes derart, daß ein bestimmter Teil sofort zu zahlen fei; 2) Zwangsanleihe ohne Aenderung des Notopjergefetzes. Das Kabinett habe sich für den ersten Vorschlag ausgesprochen. Einer Verbindung zwischen Reichsnotopfer und ZwaWsanleihe stehe er also nicht ablehnend gegenüber, sie sei ihm viel lieber;-als die beschleunigte Erhebung des Reichsnotopfers.
Eine Novelle zum Einkommensteuergesetz.
Wie die „Dena" erfährt, ist eine von den Linksparteien angeregte Novelle zum Einkommensteuergesetz in Vorbereitung, durch die das abzugsfähige Einkommen von 1500 «M. auf 3000 Jt erhöht und die kleinen Einkommen zwischen 10 und 20 000 Mark weniger stark herangezogen werden sollen wie bisher. Von zuständiger Stelle wird diese Meldung
Der Entente-Vorschlag zur Abstimmung in Oberschlefien.
Die englische Negierung hat in Uebereinstimmung mit der französischen und italienischen Regierung der deutschen und polnischen Regierung in einer Note den Vorschlag betreffend Abstimmung der Nicht eingesessenen Schlesier in Köln oder anderen Orten des besten Gebietes unterbreitet.
In der Note handelt es sich um einen Vorschlag, zu der neben der polnischen Regierung die deutsche Regierung sich äußern soll. Einleitend heißt es, die Ententeregierungen zögen die Möglichkeit in Erwägung, daß
essen können? Fasten ist eine feine Zucht; doch wenn sie zu lange dauert, so schwindet Blut und Mut, Saft und Kraft. Soll denn die ganze Welt ein Armenhaus werden bis in die früher beneideten „Paläste der Besitzenden" hinein?"
Solche Seufzer sind zeitgemäß, aber sie führen leider nicht zum Ziel. Wir haben jetzt viel verkappte Armut, viel verschleierte Hilfsbedürftigkeit in Kreisen, wo man früher die Sorge um dm Lebensbedarf nur vom Hörensagen kannte. Die großen Menschenkinder dürfen klagen, aber sie müssen sich schließlich doch selber helfen.
Können Sie das? Wie gern möchte ich mit einem Ja antworten. Doch in dm zwei Iahrm, die jetzt seit der Revolution und dem sog. Friedm verflossm sind, hat mein Zutrauen zu der Menschheit einen Stoß nach dem andern gekriegt. Wer um sich blickt in der Heu- tigen Welt, sieht nicht bloß entsetzlich viel Bosheit, son- dem auch erschrecklich viel Dummheit.
Die Gelehrten sagen, das sei von alters her so üb. lich auf Erden, daß die Wellgeschichte mit einem stör, ken Einschlag von Dummheit gewebt werde. Mag wohl fein. Cs scheint mir aber, als ob gegenwärtig die Un. Vernunft vor dem Webstuhl sitze und in blindem Eifer mit Füßen und Händen darauf losarbeitet, daß ein ganz tolles Zeug zustande kommt. Bei der rapiden Umwälzung der Dinge hat vermutllch die Menschheit eine allgemeine Gehirnerschütterung davongetragen.
Sollen mir nur die Pharisäer spielen und sagen, wir seien ganz brav und klug gebtieben? Oder sollen wir lieber an die Brust klopfen und bekennen, daß mir auch unfern Stich twn der Zeitkrankheit weg haben? Das selbstgefällige Mahlen hat wahrlich keinen Wert; im Gegenteil. Wer noch halbwegs besonnen ist, der nimmt den Rest seiner Denk- und Tatkraft zusammen, um sich und die ©einigen über Wasser zu halten, fo gut oder so schlecht es bei dieser Sturmflut eben geht.
Als im Krieg die Hungerkur anfing, haben wir die Hausfrauen gepriesen als Retterinnen in der Not und als ungeflügelte Schutzengel. Mit Recht: denn ohne die umsichtige Küchenkunst wären doppelt und dreimal so viel Opfer der Blockade ins Grab gesunken. Als die Not nviter Man. hi» Geldentwertung himmelschreiend
die Wahl durch genaue und buchstäbliche Auslegung und Anwendung der Bestimmungen des Artikels 88 Anlage Paragraph 4 des Vertrages gestört ober sogar verhindert werden könnte. Dieser Paragraph bestimmt: Jeder soll in der Gemeinde stimmen, worin er wohnt ober, wenn er seinen Wohnsitz nicht in bem Gebiete hat, in der Gemeinde, in der er geboren ist.
Im entscheidenden Teil der Note heißt es: Die britische, französische und italienische Regierung find der Meinung, «baß es dem Sinne des vorerwähnten Absatzes nicht widerspricht, wenn die wirkliche Stimmenabgabe der Nichteingesessenen an irgend einem Orte außerhalb b es Abstimmungsgebietes ftattfinbet. Sie setzen babei voraus, daß zur Feststellung des Endergebnisses die Stimmen der im Gebiete geborenen, aber dort nicht wirklich ansässigen Personen auf deren Geburtsgemeinden verteilt und den Stimmen der in diesen Gemeinden ansässigen Personen h i n- zugezählt werden. Die drei Regierungen wünschen die Aufmerksamkeit auf die Tatsache zu lenken, daß, wenn die polnische und deutsche Regierung diesen Vorschlag annehmen sollten, es möglich fein wird, die Stimmenabgabe für die Nichteingesessenen unter Berhältnis- en vor sich gehen zu lassen, die die gegenwärtige Be- orgnis vor Ruhestörungen in Oberschle- i e n beseitigen und dadurch den Wünschen der polni- chen und deutschen Regierung Genüge leisten sollten.
Alle nicht in Oberschlesien ansässigen, aber durch ihren Geburtsort zur Teilnahme an der Volksabstimmung berechtigten Personen können in dem gegenwärtig von alliierten Truppen besetzten Gebiet, an Orten wie z. B. Köln ober an mehreren Orten versammelt werden, um dort bas Stimmrecht unter Aufsicht einer Unterkommission der oberschlesischen Abstimmungskom- mission auszuüben, die von den alliierten Regierungen zu diesem Zwecke ernannt würde.
Der Grund, um dessentwillen die drei Regierungen anregen, das besetzte deutsche Gebiet als Wahlbezirk für die Nichteingesessenen gelten zu lassen, ist nicht allein die durch die Anwesenheit hinreichender alliierter Kräfte der Alliierten gebotene Sicherheit, sondern auch die Tatsache, daß von der Mehrzahl der nichteingesess. Stimm- berechtigten angenommen wird, daß sie in Deutschland wohnen. Auch ist man der Ansicht, daß solche Stimmberechtigte, deren Zureife von Ueberfee mögli- cherweise gewünscht werden könnte, ohne Schwierigkeit zum besetzten Gebiet Zutritt finden könnten.
Es wird Sache der Absttrnmungskommifsion für Oberschlesien fein, falls dieser Vorschlag angenommen wird, nach Maßgabe ihrer Befugnisse auf Grund des Friedensvertrages zu entfd;eiben, ob bie Nichteingesessenen an demselben Tage ober an benselben Tagen wählen sollen, an benen die Abstimmung in Oberschlesien stattfindet, ober ob mehr als ein Tag für die Entgegennahme ihrer Stimmen zugestanden werden soll.
Zum Schluß gibt Lloyd George, der die Note unterzeichnet hat, der Hoffnung Ausdruck, daß die deutsche Regierung diesen Vorschlag in wohlwollende Erwägung ziehe und der Botschafterkonferenz ihren Entschluß sobald wie möglich mitteilen wird, damit die nötigen Maßnahmen unverzüglich getroffen werden können. Die deutsche Regierung wird zu prüfen haben, ob sie sich auch nur ein Schritt von dem Boden des im Versailler Vertrag festgelegten, in der Note ausdrücklich anerkannten Re°sttZ»rrst"nde8 ent« fernen darf. Die polnische Regierung HÄ bereits erklärt, daß sie nicht einverstanden sei, weil sie die Identität der Sttmmabgeber bann nicht prüfen und Fehler sowie Mißbräuche nicht festftellen könnte.
Die Berliner Z e i t u n g s st i m m e n, die bisher vorliegen, erkennen den verbindlichen Ton der Note cm, erklären aber einstimmig, daß sie dem deutschen Volke eine Aenderung des Friedensvertra- ges zumute, die feinen Interessen zuwiderlaufe. Der „Lok.-Anz." sagt: Ein Sturm der Empörung würde sich bei allen deutsch empfindenden Oberschlesiern erheben, wenn die Reichsregierung hier auch nur einen Augenblick schwanken wollte. Die „Deutsche Allg. Ztg." sieht in dem Vorschlag einen gutgemeinten Versuch der Engländer, eine Brücke zwischen den von Frankreich unterstützten polnis-ben Forderungen und dem deusschen Standpunkt zu schlagen. Trotzdem sei
wurde und überall die notwendigen Ausgaben über bie vorhandenen Einnahmen hinaus wuchsen, mußten auch bie Männer unb bas Jungvolk bert Ernst der Zeit spüren und ihrerseits Mitarbeiten im Bulben unb im Ringen, baß bie Grundlagen der Hauswirtschaft vor bem Zusammenbruch gerettet wurden. Mit vereinten Kräften; sonst geht es nicht. ,
Mit vereinten Kräften! Daraus möchte ich für den gegenwärtigen Wunsch- und Hoffnungsmonat zwei Nutzanwendungen ziehen.
Erstens: die Eltern müssen allen Kindern und Angehörigen den kleinen und auch den größeren, reinen Wein einschenken, auch wenn er sauer ist, d. h. ihnen klar machen, was heutzutage möglich und unmöglich, vernünftig'und verwerflich ist. Es genügt nicht, daß man ihnen lagt: Dies und jenes können wir uns jetzt nicht leisten! Nein, sie sollen auch das warum begreifen; denn fönst werden sie nicht überzeugt. Es hilft nichts; schon in der Kinderstube, wo sonst nur an Spiel und Schulaufgaben gedacht wird, muß schon ein wirsschastlicher Kursus einfetzen. Don iung auf muß der Nachwuchs lernen, daß man in Ehren und Vernunft nicht mehr ausgeben darf als man einnimmt, daß man also bei der steigenden Teuerung sich einschrän- ken muß, um nicht in Schulden und Verderben zu geraten. Die Hoffnung auf Gottes Erbarmen und auf bessere Zeiten soll und darf man nicht ausrotten, aber immer wieder begreiflich machen, daß man die Zukunftstauben erst braten kann, wenn man sie gefaßt hat.
„Was der Mensch braucht, muß er haben!" So hieß früher bie beliebte Parole, als wir von ben älteren Jahrgängen heranwuchsen. In biefer Zeit der Not heißt der Leitspruch: „Was der Mensch hat, damit muß er auskommen!" Wir Ausgewachsenen hätten uns leichter in die schweren Jahre hineingefunden, wenn wir von Anfang an gelernt hätten, daß man bie Decke nicht immer nach Wunsch und Willen ausbebnen kann, sondern 1 manchmal die Glieder krumm machen muß, um unter der Decke noch Platz zu finden. Bringen wir dies dem Nachwuchs bei; er braucht diese Weisheit der Selbst- , befchränkung heute noch und wahrscheinlich noch auf längere Zeit
er für uns unannehmbar. Auch der „Vorwärts" vertritt mit Entschiedenheit den Standpunkt, daß diese Lösung für Deuschland unannehmbar sei. Die „Freiheit" sieht in der Wahl eines Ortes im besetzten Gebiet nicht die Gewähr der völlig freien und unparteiischen Ausübung des Abstimmungsrechtes.
Die Erneuerung des Hohlenabkommens.
Die französische Regierung hat die deutsche Regierung zu Besprechungen über die Erneuerung de? Kohlen -Abkommens von Spaa einge- laden. Die Verhandlungen sollen in der zweiten Dezemberwoche in Paris beginnen.
lieber das Wirken des Völkerbundes.
Der Führer der englischen Delegation in Genf, Balfour empfing die Pressevertreter, um ihnen über das Wirken des Völkerbundes Erklärungen abzugeben. Balfour lehnte es ab, über die Zukunft zu sprechen, hielt es aber für notwendig, die Enttäuschung in der Oesfentlichkeit über die bisherige Wirksamkeit des Völkerbundes zu bekämpfen. Er glaubt, daß der Völkerbund schon viel nützliche Arbett geleistet hat und daß zahlreiche Fragen, wie die Danziger Frage, der internationale Gerichtshof und die Frage der kolonialen Mandate, nicht ohne chn hätten gelöst werden können. Bei der Würdigung des Völkerbundes wünscht Balfour vor allem, daß man die Tätigkett des Völkerbundsrates hn Auge behalte. Bei der Beurteilung der Völkerbundversammlung solle man nicht die Schwierigkeiten vergessen, die durch das Zweisprachensystem entstehen._______________________
Deutscher Reichstag.
Der Reichstag führte am Donnerstag bie zweite Beratung bes Reichswirtschaftsmini st e- i um s zu Ende. Das Haus war außerordentlich schmus' besucht, was zum Teil feine Erklärung barm fand, daß mit Rücksicht auf den Parteitag der deusschen Volkspartei bis 3um Montag nächster Woche bie Vollversammlungen ausfallen und zum andern Tess sich daraus erklärt, baß bie Ausführungen ber Redner, die am Donnerstag noch zu Worte kamen, in außerordentlich ermüdender breiter Wesse vorgetragen mürben, babei aber inhaltlich neue Gesichtspunkte nicht enthielten. Nächste Sitzung Montag den 6. Dezember.
Preußische Landesversammlung.
Am Donnerstag setzte die preußische Lanöes- versammlung die Beratung des Etats des Ministeriums des Innern fort. Zuvor wurde noch ein Nachtragsetat, ber zur Deckung ber polizeilichen Bedürfnisse Groß-Berlins 15 Millionen Mark fordert, an den Ausschuß überwiesen. Danach besteigt ber beusschnatio- nale Äbg. L ü b i rf e, um seine in ber Presse der Rechten angekündigte Anklagerede gegen den Minister Sevenng vorzubringen, bie Tribüne bes Hauses. Er stellt zunächst die Behauptung auf, daß der Selbstschutz bes Volkes eine Notwendigkeit sei, da ber Staatsschatz völlig versage, bie Lage werde noch schlimmer werden, wenn durch die Not der Ernährung im Winter Hungerkrawalle einsetzen werden. Wir müssen in Preußen zu einer Ordnung kommen und dazu trüge bie Orgesch bei. Neben der Anklage, baß die Staatsautorität nicht ausreiche, Ordnung zu schaffen, macht der Redner dem Minister den Vorwurf der Parieilichkeit bei der Besetzung von Beamtenstellen. Unter lebhaftem Widerspruch der Linken behauptet er, daß für die Abschaffung ber Landräte die sozialdemokratische Fraktion zuständig sei. Was die Frage ber Selbstverwaltung anbelangt, so fordert der Abg. Lüdicke tn Hinsicht auf die Schuldenwirsschaft ber Kommunen ein stärkeres Eingreifen des Staates. Die Staat sau ftiebt über die Kommunen und das Betätigungsrecht der Regierung muß ganz anders gehandhabt werden als bisher, um die Auswüchse der Selbstverwaltung hintan zu halten. War es vorzugsweise die Linke, die bei diesen Ausführungen des Deusschnattnoalen lebhaftes Mißvergnügen zeigte, so begann die Rechte bei der eingehenden Erwiderung des Ministers lebhafte Zwischenrufe des Protestes zu machen. Minister Severing erklärte unter bem Beifall seiner Parteigenossen, daß die ganze Att der Aufmackuna der An-
Bei rechtzeitiger und gründlicher Belehrung aller Beteiligten läßt sich auch der zweite Ratschlag durchführen: Schenk, was du schenken kannst, aber fange beim Notwendigen an, höre beim Nützlichen auf und schließe alles Ueberflüfftge unbedingt aus.
Was ist notwendig? Was ohne Schaden für die körperliche unb geistige Gesundheit nicht entbehrt werden kann. O, da gibt es noch fo manche Lücke in den Ncchrungs-, Heizungs-, Kleidungs-, Wohnungs- und Bildungsoerhältnissen, die ausgefüllt werden sollten. Bei forgfälssger Umsicht und Geschicklichkeit kann sie vielfach auch mit verhältnismäßig kleinen Opfern vorteilhaft ausgefüllt werden. Auf dem Geschenktifch sieht ein neuer Hut viel herrlicher aus, als eine wollige Unterjacke; aber in ber letzteren steckt viel mehr Segen.
Was ist überflüssig? Alles was auf Prunken und Prahlen, auf äußeren Schein unb auf „Bewunderung" ber Mitmenschen gerichtet ist. Wenn wir uns in dieser bitterernsten Zeit doch endlich abgewöhnen wollten, die Sklaven fremder Augen zu fein! Ein solcher unwürdiger und undankbarer Sklavendienst ist es. wenn wir Geld und Arbeit aufroenben, um anderen Leuten ein Blendwerk vorzuführen bas sie über unfern Wohlstand täuschen soll. Meistens lassen sie stch nicht fo imponieren wie wir uns das denken, und m-nn’s gelingt, fn haben wir auch noch nichts Reelles gewonnen. In dieser Hinsicht gibt es einen vernünftigen Egoismus: Sorae für bie Gesundheit unb bas Wohlbehagen deiner Familie und laß bie anberen Leute benfen unb sagen ober tun, was ihnen gefällt.
Zwischen bem Notwendigen unb bem Ueberflüssigen liegt noch ein weites Feld an nützlichen Dingen. Da muß jeder wissen, wie weit er seine freigebige Hand ausstrecken darf. Zum Maßhalten mahnt erstens die Sparsamkeit, die m ber Notzeit eine wahre V'licht ist, unb zweitens bie christliche Siebe, bie sich selber auch etwas Nützliches versagen kann, wenn ärmerre Leute wegen Mangels an Notwendigem zugrunde gehen.
Wer ein glänzendes Weihnachtsfest sucht, ist auf dem Irrwege Wer an ber Krippe und unter dem Weihnachtsbaum inneren Frieden und erfrischende Hoffnung sucht, ber kann sie finben.