Amtlicher Anzeiger für den Kreis und die Stadt Fulda.
Nr. 277.
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Verantworuich für den «öautoneUen Teil: Karl Schütte, u für dir Anzeigen: 3. Parzeller-Fulda. “ Rotationsdruck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda, ^ernlprecher Nr. 9. Telegr.-Adreffe: Fuldaer Zeitung
Dienstag, 30» November >920,
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47. Zahrg.
Die Abstimmung in Oberschlesten.
Als Ergebnis der Londoner Besprechungen ist über Paris gemeldet worden, daß „zwei Vorschläge" gemacht worden seien. Nach dnn einen Vorschläge sollen die Stimmberechtigten „von außerhalb" nicht am gleichen Tage, wie die Bewohner Oberschlesiens erscheinen. Nach dem zweiten Vorschläge sollen sie nicht am gleichen Orte abstimmen, sondern in — Köln.
Don deutschen amtlichen Stellen ist selbstverständlich noch keiner der beiden Vorschläge vorgelegt worden, und sie haben deshalb auch noch keine Veranlassung nehmen können, ihrerseits ernstlich dazu Stellung gu nehmen. Eine wertvolle Feststellung kann aus der Meldung über die Londoner Konferenz immerhin so- fort entnommen werden: Unter den Alliierten scheint Übereinstimmung darüber zu bestehen, daß das Stsmnrecht der vor dem 1. Januar 1901 m Ober- Schlesien geborenen Deutschen, die jetzt nicht mehr 'm Oberschlesten wohnen (wie es der erwähnte § 4 vorletzt), außer jedem Zweifel steht und daß die polnischen Einwände dagegen hinfällig sind. In dieser -Beziehung wird also der klare Wortlaut des Vertrages am Versailles von den Alliierten ausdrücklich anerkannt. Um so auffälliger ist es, daß sie für das Verfahren der Abstimmung neue Vorschläge für angebracht halten, die in dem Wortlaut des Vertrages selbst keine Stütze finden.
Beide Vorschläge widersprechen in gleichem Maße dem Friedensvertrage, der die Oberschlesier ohne Unterschied, ob sie ihren Wohnsitz aus irgendeinem Grunde verlegt haben oder nicht, vollständig gleich behandelt wissen will. Die Abstimmung hat gemeinde- weise zu erfolgen, und der Stimmberechtigte hat sein Stimmrecht in d e r Gemeinde auszuüben, in der er beheimatet ist. Der Versailler Vertrag bestimmt ganz Har und zweifellos:
„Jeder stimmt in der Gemeinde, in der er seinen Wohnsitz hat, oder wenn er seinen Wohnsitz nicht in dem Gebiete hat, in der Gemeinde, in der er geboren ist. Das Wstimmmigsergebnis wird ge mein d e w e >. se, und zwar nach der Stimmenmehrheit in jeder Gemeinde, sestgestellt."
Diese Vorschrift des Vertrages würde vereitelt, wenn die Stimmabgabe zeitlich oder gar räumlich in zwei Teile zerrissen würde. Wie hoch und heilig wird der Friedensvertrag hingestellt, wenn es sich um eine Verpflichtung Deutschlands handelt! Hier fordert Deutschland eines von den wenigen Rechten, die ihm der Vertrag noch verbrieft hat, und da wird derselbe Vertrag zu einem Fetzen Papier, den man nach den polnisch-französischen Interessen drehen kann.
Wie die Gegner rechnen, ist ja ganz durchsichtig. Wenn die ausgewanderten Oberschlefisr erst nachträglich zur Abstimmung berufen werden, so stehen sie schon unter dem Eindruck des ersten Stimmenergeb- nisies. Ist dasselbe für Deutschland im allgemeinen günstig, so sagt sich mancher, die lästige Winterfahrt sei ja nicht mehr nötig. Ergibt sich zunächst ein Erfolg der !Polen, so lasien wieder andere sich abhalten durch die Ansicht, es sei ja doch nichts mehr zu machen. In Heiden Fällen wird von den Leuten, die weniger Einsicht und Wagemut haben, leicht der wichtige Umstand übersehen, dich das Ergebnis „gemeindeweise" festge- stellt werden soll. In jeder Gemeinde, wo beim ersten Anlauf die Polen die Gleichheit oder die Mehrheit der Stimmen erlangt haben sollten, würde durch die Ab- wefenheit von verzogenen Deutschen nicht bloß die Zukunft dieser Gemeinde erschüttert sein, sondern es wäre der alliierten Kommission auch die Handhabe geboten, um die neue Grenze überhaupt weiter vorzu- schieben zum Schaden von Deutschland.
Noch chlimmer wäre die Wirkung des anderen Vorschlags. Die ausgewanderten Oberschliefier wohnen na- türlich zumeist in der Nachbarschaft ihres Heimatlandes, nicht im fernen Westen. Die Reise nach Köln wäre noch lästiger, als die Reife in die Heimat, abgesehen von dem Kostenpunkt und von den Befürchtungen wegen der Unterkunft in Köln. In dieser Stadt würden Zweihundert- oder Drrihunderttausend von Zuzüglern viel mehr Schwierigkeiten in der Unterbringung und Verpflegung bereite i', als wenn sich die Rückwanderer jin ihrer altert Heimat auf die Taufende von verschiedener Geburtsorten verteilen.
' Der Erfolg dieser Machenschaften wäre in jedem .Fall, daß viele Tausende von Deutschen um ihr Stimm» >r«ht gebracht und in einer Anzahl von Gemeinden >den Polen ein unberechtigtes Mehr von Stimmen Mfchafst würde.
( Darwch ist der Standpunkt der deutschen Regierung ^an selbst gegeben. Wir muffen unbekchrgt daran fest- HEen, daß die einheitliche Ab stimm ung ge- wchrrt wird, sowohl örtlich wie zeitlich, wie es im Friedensvertrag vorgesehen ist. Eine Abänderung des bestehenden Vertrages ist nur zulässig unter unserer Zu- stlmimmg, die nebenbei auch noch verfafsungsgesetzlich «sanktioniert und ratifiziert werdm müßte.
Das Vertragsrechl gibt r einen festen Boden, sollte die Entente eine Abstimmung verfügen, die dem Vertrag widerspricht, so wäre das Ergebnis u n g ü ltig.
Wir wollen sehen, ob man von der polnischen Habgier sich verleiten läßt, so offenkundig die Gewalt über das Recht zu sehen. Auf keinen Fall werden wir ^ber dazu mithelfen dürfen, daß die Hinterlist über das klare Recht triumphiert.
Erne Mahnung des Reichsernahrungsmknftkers.
Bei den im Reichstage am Montag begonnenen Verhandlungen zwischen den Vertretern der politischen Parteien und den beteiligten Organisationen aus der Landwirtschaft wurde vornehmlich die Frage der Ge - rreide-Ablieferung und damit der Derbeffe- unserer Brotversorgung behandelt. Die Erörterung wurde mit der Rede des Ernährungsmini-
Dr. Hermes eingeleitet, in der er von der lchlechten Ablieferung an Brotgetreide im Inlands Alling. Diese Rückgänge, so erklärte der Minister, sich nicht mir aus dem schlechten Ausfall der heiäeiletL nisteuehr Llllt eia. Toi) tzxx ^chiflh auch
auf die landwirtschaftlichen Betriebe selbst, die sich von der Krankheit unserer Zeit, dem schrmckenlosen Streben nach Gewinn, haben ergreifen lassen, und sich ihrer Verpflichtung zur vollständigen Getreideablieferung zu entziehen begannen. Der Minister legte im einzelnen dar, daß diese Entwicklung nicht weiter gehen könne, und letzten Endes zu einem Zusammenbruch der Finanzwirtschaft des gesamten Reiches führen müsse. Daher müsse unbedingt eine Aenderung ein treten, die Landwirte selbst müßten erkennen, daß die Not des Reiches letzten Endes auch ihre eigne Not werden müsie.
Bei den dann einsetzenden Debatten kam der Wille der landwirtschaftlichen Vertreter zum Ausdruck, auf ihre Kreise in dem Sinne der Ermahnung des Reichsministers hinzuwirken.
Deutscher Reichstag.
Mit einer nicht geringen Spannung hat man der „Programm"-Rede des Reichswirtschaftsministers Scholz entgegengesehen. Die zweite Beratung des Reichshaushaltes beim Titel des Reichswirtschaftsmini- steriums bot den äußeren Anlaß für die Darlegungen des Ministers, die in politischen und parlamentarischen Kreisen ja schon aus Anlaß der allgemeinen Etatsdebatte im Rahmen der großen politischen Aussprache erwartet war. Sofern nun Hoffnungen auf bestimmte Erklärungen bestanden haben, sind sie freilich enttäuscht worden, oder vielmehr sie mußten enttäuscht werden.
Reichswirtschasisminister Scholz begann mit der Feststellung, daß es nicht in seiner Absicht liegen könne, ein feststehendes Programm zu entwerfen. Die Verhältnisse sind noch viel zu sehr im Fluß, als daß sich Richtlinien klarer abgrenzen und mit Konsequenz ver- folgen ließen. Wir stehen immer noch in einer Ueber- gangszeit. Daran ist der Umstand schuld, daß wir in die Fesseln eines Vertrages geschmiedet sind, der uns wirtschaftlich überall hemmt und der unsere Bewegungsfreiheit auf wirtschaftlichem Gebiete fast vollständig aufhält.
Diese Gedankengänge machte der Reichswirtschafts- minister zur Entschuldigung für den Mangel eines von ihm erwarteten Wirtschaftsprogrammes geltend. Er meint, daß eine Aenderung erst erwartet werden könne, von der wachsenden Einsicht unserer Feinde. Eine bescheidene, eine magere und noch nicht einmal eine tröstliche Hoffnung nach allem, was wir bisher erlebt haben. Auch von dem Appell an die Gegenseite, in ihrem eigen- sten Interesse diese Fefleln zu lockern, damit wir unsere Wirtschaft wieder erstarken machen und damit unseren Verpflichtungen nachkommen können, darf man sich nicht allzuviel versprechen.
Das Negative in des Ministers Rede ist also Herr- schend und wiegt so schwer, daß an dem wenigen Positiven, das er mitfeilen konnte, keine rechte Freuoe mehr aufzukommen vermochte. Er will zwar den Optimismus pflegen und ihn in bem Sinne betrachtet wissen, daß wir an den Erfolg unserer Tätigkeit glauben. Wer über einen solchen Optimismus nicht verfüge oder nicht verfügen kann, der könne sich heute mit staats- und wirtschaftspolitischen Dingen überhaupt nicht beschäftigen. Es ist ja nun zweifellos richtig, wir aber vermögen diesen Optimismus noch nicht in Tatsächlich' keifen umzuwechseln. Die Mahnung an alle Parteien, in diesem optimistischen Sinne an den Erfolg der Arbeit zu glauben, ist zweifellos gut gemeint und verdienr auch die größte Beherzigung, aber ohne praktische Lösungsversuche können wir bei den heutigen Verhältnissen der Fülle von Problemen, die gerade auf wirtschaftspolitischem Gebiete vor uns stehen, nicht zu Wege kommen. Denn der Stand, die Art und der Gang der Wirt- schcftspolitik non teufe sind bestimmend dafür, daß mir überhaupt erst einmal das Fundament schaffen, auf dem wir unsere gesamte Staatspolitik aufbauen.
Ungemein lange beschäftigte sich der Reichswirüchafts- minister mit dem Abkommen von Spaa. Dem Dank an die beteiligten Organe, welche die Durchführung sicherten, vor allem an die Bergarbeiter, schließt sich das deutsche Volk gern und rückhaltlos an. Der augenblickliche Stand der Kohlenförderung mit 11,85 Millionen Tonnen Kohle im Monat Oktober gegen 10,98 Millionen Tonnen im Oktober des Vorjahres ist angesichts unserer wirtschaftlichen Verhältnisse zweifellos als befriedigend zu bezeichnen. Wir sind aber immer noch um 5 Millionen Tonnen gegenüber der Oktobcrförderung des letzten Friedensjahres 1913 zurück. lieber das System der inneren Wirtschaftspolitik hat man nicht viel näheres erfahren. Dagegen vernahm man über die äußere Wirtschaftspolitik eine Andeutung, die freilich nicht weiter ausgesprochen wurde,- die aber von recht erheblicher Tragweite ist, nämlich da- hingebesid, daß zum Zwecke der Erweiterung des Marktes Wirtschaftsverträge vorbereitet werden. In diesem Punkte liegt eine Entfaltungsmöglichkeit, deren Ausnutzung allerdings die größte Aufmerksamkeit zugewandf werden muß. Das wichtigste in des Ministers Rede war der zwar auch nicht neue, aber von verantwortlicher Stelle doch noch nicht so bestimmt ausgesprochene Gedanke der Einführung eines Wirtschaftsdienstjahres. Eine formelle Ankündigung einer entsprechenden Vorlage ist zwar nicht erfolgt, aber er empfahl den Parteien ernstlich, sich auf das wärmste mit diesem Gedanken zu beschäftigen. Die Erziehung zur Arbeit, die früher durch die allgemeine Wehrpflicht vollzogen wurde, und die wir heute zum Schaden der Volksgesamtheit entbehren müssen, soll durch diese geplante allgemeine Wirfschaftsdienst- pflicht wieder gesichert werden. Diese Mitteilungen des Ministers wurden auf der rechten Seite des Hauses mit Zustimmung, auf der linken dagegen mit lebhafter Unruhe ausgenommen. Dort will man von einer derartigen Erziehung nichts wissen. Und noch eine weitere außerordentlich wichtige Andeutung machte der Minister: er sprach von der Uebertragung des Gedankens der Stein'schsn Selbstverwaltung auf die deutsche Wirtschaft Es käme in Betracht eine Selbstverwaltung auf der Grundlage bezirksweise abgegrenzter Wirtschaftsgebiete. Man hörte auch hierüber leider nichts näheres, aber eine Verwirklichung dieser Pläne könnte sehr wohl dazu beitragen, die von vielen Seiten für unbedingt nötig gehaltene Dezentralisation der Wirtschaft herbeizuführen. Man möche wünschen, daß diese Ideen bald zu praktischen Vorschlägen reifen.
Die Rede des Ministers hatte nur ein geringes Echo. Die Parteiredner legten hauptsächlich ihre Wirtschafts, ausiassung in Spezialftagen bar, bei deren Erörterung eine einheitliche Linie für die neudeufsche Wirtschaftspolitik wiederum nicht zu erkennen war.
Der mchrheitssozialdemokmtische Redner, Abg. hoch, legt seine Ausführungen vor allem auf eine Kritik der vom ReichswirtschaffsministerMm bisher getroffenen Maßnahmen an Rn komtt « iss- öoriwsjfl'? -
daß er mit den Ausführungen des Wirtfchastsministers nicht zufrieden sein werde. So behauptet er, daß die mittlere Linie, auf der man doch habe alle vereinigen wollen, nicht eingehalten worden fei, vielmehr wäre unsere Not im Augenblick größer denn je. Sein Kamps gilt in erster Linie der Devisenschiebung. Als zweites Haupf- moment sicht bei ihm die Erörterung über die Produk- fionssorderung im Vordergründe. Wir kommen, so sagte er, zu keiner' wirklich fruchtbaren Produktionspolitik, wenn wir den Arbeitern nicht das Recht geben, das sie verlangen, wenn wir nicht sozialisieren. Dieses Kapitel nimmt den ganzen übrigen Tell seiner Ausführungen ein.
Für das Zentrum spricht der Abg. Klöckner. Der wichtigste Teil seiner Ausführungen gruppiert sich um die Frage der Produktionshsbung, die nur erzielt werden könne dmch Förderung „ des Wohnungsbaues im Ruhrgebiet. Er wünscht, daß praktische Männer, die das Wirtschaftsleben in Wirklichkeit aus eigener Erfahrung kennen, ins Reichswirtschaftsministe- rium berufen werden. Zum Schluß nimmt er Stellung zum Valuta-Problem und fordert die Stabilisierung der Valuta.
Abg. Dr. Reichark (Dnatl.) Dp.) zweifelt, ob die Sozialisierung tatsächlich dem Gemeinwohl entsprechen wird und bei dem Wiederaufbau mehr das Vorbild Frankreichs und Enalands im Auge zu haben als das russische.
Minister Scholz stellt zum Schluß zu der oon ben Rednern angeschnitene Frage der Sozialisierung fest, daß die Schwierigkeiten in der Sozialisierungsfmge so groß seien, daß man diese schwierige und delikate Frage dem Parieistreit entziehen und einem Kollegium von Sachverständigen überlasten müsse. Von Interesse war roeiier noch die Ankündigung des Ministers, daß ein Gesetzentwurf wegen Besteuerung der Dividend en in Vorbereitung sei. Ob man hierzu ben Weg der Besteuerung wählt ober ob man eine Dividendenbeschränkung Eintreten läßt oder noch einem andern Weg sucht, darüber meinte der Minister, könne er heute noch nichts sagen.
Dienstag: Anfragen, Weiterberatung des Reichshaus- Halis.
Preußische LandeSvers ammlung.
Das Haus fuhr am Montag in der Etatsberatung bei dem Haushalt der Gestütsverwaltung fort.
Abg. Vtterr-Hochdonn (Sozi wünscht, daß. bei der Pferdezucht Wert auf brauchbare Ackerpferde gelegt wird: Vollblutzucht ist unnötig. Dem tritt Aba. AaulkN (Zentr) entgegen.
Abg Graf v. Konifo (Dntl.) übt Kritik an der Tätigkeit der Gestutsverwaltung und macht Verbesserungs- Vorschläge. Der Etat der Gestütsverwaltung wird dann angenommen.
Bei der Abstimmung über den Etat des Volks. Wohlfahrtsministeriums stellt sich Beschluß- ftufähigkeit des Haufcs heraus. Die Sitzung wird daher abgebrochen.
In der später wieder aufgenommencn Sitzung wurde der Bauetat beraten. Es wurden dabei Wunsche auf Ausbau der Oder und Schrffbarmachung der Pregel vorgebracht.
Dienstag: 3. Lesung der Verfasiung. Fortfetzung.
Mehr Zentrumsarbeit für dfe Landfrau!
cand. rer. pol. C. Müller, Marburg.
Bei der im November von der Sozialdemokratischen Partei veranstalteten sogenannten „roten Woche" fern rite man überall bemerken, wie besondere Frauen-Ausschüsse eine rege Tätigkeit entfalteten, um durch Frauenversammlungen und persönliche Agitation unsere Landfrauen für ihre Partei zu gewirmen. Diese dauernde gegneris'He Werbearbeit muß für das Zentrum ein neuer Ansporn sein, noch in diesem Winter für eine durchgreifende Schulung unserer Landfrauen zu sorgen.
Wer bei der Vorbereitung zu den letzten Reichstagswahlen Gelegenheit hatte, in verschiedenen Versamm- lurtgen die Zentrumswähler zur Aussprache über schwebrnde politische Fragen anzuregen, konnte sehr ost feststellen, daß die Frauen nur selten und ungern zusammen mit den Männern zu den Versammlungen erschienen und überhaupt nicht wagten, in der Diskussion das Wort zu ergreifen. Meistens war eine besondere Einladung durch die Ortsschelle, durch Plakate und Vertrauensleute notwendig, um sie zur Teilnahme an politischen Versammlungen anzuregerr. Der Mangel an Teilnahme an der Diskussion rührte nun aber keineswegs von der Ungeschicklichkeit zum Sprechen her; denn kaum waren dir Versammlungen geschloßen und die Frauen allein, dann arbeiteten die Amgen der Frauen so schnell und so schneidig, daß kein Mann den Wettstreit aufnehmen konnte. Es scheint hieraus zu folgen, daß mehr als bisher eigene Fraurnverfammlungen nötig sind, um auch die Landfrauen zur Aussprache zu bewegen und für die Positik anzuregen.
Mitarbeiter smd auch aus dem Lande unter den Frauen reichlich vorhanden. In vielen Dörfern sind Lehrerinnen mit den Verhältnissen gut bekannt; Beamtinnen an der Post und der Eisenbahn haben gewiß auch manche freie Stunde zur Mitarbeit; Sozialbeamtinnen, Kreispflegerinnen und kaufmännische Angestellte sind sicherlich auch zur Mitarbeit bereit; manche Handwerkerin, wir Schneiderin kann bei ihrer Arbeit für die Partei tätig sein. Und wie auch manche Vauern- ftau agitieren kann und wie wortgewandt sie auftre- ten tarnt, sieht jeder, der nur auf dem Markte den Frauen zuhört, wenn sie in wunderbarer, bilderreicher Sprache ihre Waren anpretfen. An Werberinnen für die Partei fehlt es also nicht. Man muß sie nur zur Mitarbeit bitten.
Die Frauen legen nun einen großen Wert darauf, gleichberechtigt mit den Männern eine Vertretung im örtlichen Parteivorstande und in der Kreisparteileitung zu erhalten. Hierin sind die Frauen viel zu roerpa berücksichtigt worden. Wenn man jedoch bei der Wahl zum Vorstände erst im Saale nach einer fteudig mitarbeitenden Frau und Wählerin Umschau hAt, ist die Wahl nicht gut vorbereitet. Die Wahl muß rechtzeitig bekannt sÄn, damit die Frauen selbst rechtzeitig GÄeaenheit haben, ihn» Vertreterin zu wählen.
Wenn auf diese Weise durch eigene Fraweirver- sammlungen und durch Heranziehung der Frauen in die Parteiorganisation eine Schulung der Landfrauen Eintritt, wird das Interesse für die Wahlen auch auf dem Lande wieder größer werden.
Deutsches Heid?.
** Berlin, 29. Nov. Abgeordnete der beiden rechtsstehenden Parteien haben an die Regierung; die Anfrage gestellt, ob sie bereit sei, Sachverständige der Mäochenschulbildnng zu einer Besprechung eiu- zuberuferg da die Reichsschulkonferenz den Fragen des Mädchenschulwesens nicht gerecht geworden sei. — Aus Haus Doorn wird gemeldet. Professor Hymans und Leibarzt Hühner geben folgende Mit- letlung aus: Nach zwer in den letzten Tagen auf- getretenen Anfällen von Herzschwäche ist der Zustand der Kaiserin erneut sebr bedenklich.
c Lrweilerunj berzrauenrechte. Die demokratischen Reichstagsfraktwn hat im Reichstag einen Antrag gestellt, in dem die Reichsregierung um Vorlegung eines Gesetzentwurfs ersucht wird, durch den diejenigen reichs- rechtlichen Bestimmungen beseitigt werden, die Der Wählbarkeit der Frauen zu Mitgliedern der Behörden der Reichsversicherung, der Ausübung richterlicher Befugnisse der Frauen auf dem Gebiete der Augestellten- versicherung, der Wählbarkeit der Frauen zu Mitgliedern der Gewerbe- und Kaufmannsgerichte und Der; berufsständigen Vertretungen, sowie der Zulassung von Frauen zum Börsenbesuche entgegenstehen
* Die bayerischen Einwohnerwehren. Im Anschluß an bie amtliche Mitteilung über ben Verlauf unb bas Ergebnis ber Konferenzen, die Ministerpräsident v. Kahr bei seinem Berliner Aufenthalt hatte, erklärt die „Bayerische Staatszeitung", sie habe Veranlassung zu ber Annahme, baß bie Frage ber Auflösung ber bayerischen Einwohnerwehren nicht mehr brennenb sei.
* Darmstadt, 29. Nov. Dem hessischen Landtag ist soeben der C>wurf eines Landtagwahlgesetzes von der Regierung zugegangen. Die Zahl der 70 Abgeordneten, die nach dem Grundsatz der Verhältniswahl auf drei Jahre zu wählen sind, muß nach der Bestimmung des Artikels 4 der jetzigen Verfassung beibehalten werden. Das ganze Land wird in einen Wahlkreis eingeteilt. An dem System der streng gebundenen Listen ist festgehalten. Eine Verbindung von Wahlvorschlägen ist nicht zulässig. Wahlfähig ist jeder Reichsangehörige, der 20 Jahre alt ist und in Heften wohnt, wählbar jeder Stimmberechtigte, der 25 Jahre alt ist. Das Land wird in Wahlbezirke eingeteilt, die möglichst mit den Gemeinden zusammenfallen. Nach dem Vorgang des Reichswahlgesetzes werden auch die Wahlschein eingesührt.
ausländ.
* Anarchistische Unruhen in Spanien. Aus Nord- spanien kommen wieder einmal Meldungen von anarchistischen Unruhen. So mußte die Polizei in Barze» Iona ein Gebäude, auf dessen Dach sich die Urheber eines anarchistischen Atientates verschanzt hatten, förmlich belagern. Nach einem Kampfe, bei dem durch Revolverschüfte dreizehn Personen verletzt worden waren, konnten acht Personen verhaftet wecden. In Saragossa ist in einem Autoomnibus eine Bombe explodiert. Welchen Umfang diese Putsche haben, ließ sich noch nicht feststellen.
** Die irischen Kämpfe. Bei den umfangreichen Haussuchungen in Dublin sollen wichtige Dokumente gefunden worden sein, die gefährliche Pläne der Sinnfeiner enthalten sollen. Danach wollen die Sinnfeiner die Docks von Liverpool und die Elektrizitätswerke von Manchester zerstören, ferner hätten sie einen Angriff auf die Westminster- Abtei, des Ministerviertel von London unb die Ermordung der englischen Minister vor. Die maßgebenden Behörden solle» genaue Einzelheiten über dieses Komplott empfangen haben. Etwas Wahres muß toobl an diesen Geschichten sein, zum mindesten nach Ansicht der englischen Regierung. Tenn diese hat sich fest verschanzt. Die Londoner Downing- streek, in der das Auswärtige Amt unb bie Amtswohnung Lloyd Georges liegt, ist verbarrikadiert unb militärisch besetzt worden. Das Parlament wurde für das Publikum gesperrt. — Heber den großen Brand bei Liv e rpool meldet Reuter: Es wurden 18 Sagerbäufer, hauptsächlich für Baumwolle, in Brand gesteckt. 5 Männer wurden verhaftet. Zahlreiche Anzeichen deuten daraufhin, daß Sinnfeiner die Brandstifter sind. Zwei Baumwolllager sind vollständig niedergebrannt. In London war am Samstag ein großangelegter Brand- stiftungsversuch vereitele worden. Die Brandstifter flohen un er Zurücklassung von Petroleumkannen und paraffingetränkter Baumwolle.
aus dem lwchvargevier.
k. Böckels. Der hiesige Darlehnskassenver- e in hielt Sonntag nachmittag im Hou'scheu Saale seine diesjährige Herbst-Generalversammlung ab, zu der sich bis Mitglieder recht zahlreich eingefunden hatten. Der Rechner gab Bericht über eine vom Verbands- revffor abgehaltene Revision ber Kasse, die zu Beanstan- bungen keine Veranlassung gab. Das Gcfamtoermögen des Darlehnskaffsn-Dsreins Böckels betrug damals 1224 885,30 M. Bedauert wurde nur, daß von 15 Schuldkonten keine größere Abzahlungen geleistet sind, trotzdem bie betr. Landleute zweifellos hierzu mit Leichtigkeit in ber Lags gewesen seien. Sobann ward darauf hin- gewissen, baß bi« Zinsen für ausgrliehsne Kapitalien in diesem Jahre bis spätestens 31. Dezember zu zahlen feien. Von ber beabsichtigten Herabsetzung bes Zinsfußes für lausende Rechnungen soll nach ben Ausführungen bes Unteroerbandsdirektors, Herrn Rechnungsrat Drinnen- berg, vorläufig Abstand genommen werden. Auf der nächsten Generalversammlung des Unteroerban-bstages wird Herr Rechnungsrat Dr.^nenberg diese Sache zur Sprache bringen. Bei der heutigen Gelblags müsse mit der Festsetzung eines Zinsfußes recht sorgfältig rorgs- gangen werden. Herr Kornhausvsrwalier Till ermahnte die Anwefenden zur alsbaldigen Bestellung der benötigten Düngemittel unb Thomasmehl. Düngemittel seien zur Zeit reichlich am Markt, dagegen sein Thomasmehl noch fdjr knapp; dessen Zuteilung erfolge an Hand der früheren Bestellungen. Vom Rechner Beck warb gemelbet, daß dem Böckelser Darlehnskasferwerein innerhalb der letzten vier Wochen 1200 Ztr. Thomasmehl zugegangen 'eien. Herr Unterverbandsdirektor Drinnenberg Kirnte ^enb davor, in Bezug von Düngemittel 'ifw. Uns Zersplitterung m die Diganifation hineinzwro^.. De» Mitgliedern