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Amtlicher Anzeiger für den kreis und die Skadt Fulda
Samstag, 27. November 1920
Ur. 275
Das Elend der deutschen Kinder.
Dor Vertretern der Presse m Berkin gab Geheimrat Stroh cm Bild über das Elend der deutschen Kinder. Durch die Hungerblockade hat Deutschland 800 000 Menschen verloren und hatte außerdem einen Verlust an Geburten von 4 Millionen. Seit Kriegsende hat sich der allgemeine Ernährungszustand nicht gebessert. Geradezu erschütternd ist es bei den Kindern. Anämie, Skrosulose, Tuberkulose und Rachitis treten in erschreckendem Maße auf, moder sich der Mangel an Milch besonders ungünstig bemerkbar macht. Hatte Deutschland 1913 eine Sterblichkeit von 13 auf 10 000 an Tuberkulose, so hat die Sterb- lichkeit jetzt erschreckend zugenommen und betrug 1919 23 auf 10 000. Sie wird auch in diesem Jahre nicht geringer sein. Neuerdings kommt bei den Kindern besonders Rachitis hinzu. Man be- obachtet Knochenbeugungen und Knochenbrüche bis zum 18 Lebensjahre. Im Wachstum sind Tausende von Kindern zurückgeblieben. Die Blutarmut hat auch zur Folge, daß die geistige Veranlagung der Kinder zum Teil schwer gelitten hat. ______
Eine so umfangreiche Massenbewegung kann nur dann glatt und reibungslos verlaufen, wenn alle Beteiligten freiwillige Disziplin üben. Jeder Abstimmungs- berechtigte wird daher drmgend gebeten, sich den aufs Notwendigste beschränkten Bestimmungen weise und willig zu fügen.
Zur Essener Rcve StegerwaldS
schreibt die „Zentrums-Parl.-Korrespondenz": Wie wir zuverlässig aus parlamentarischen Kreisen erfahren, wird die Rede vielfach mißoerständlich auf- gefaßt, weil sie nur in Auszügen und auch insoweit nicht immer in zutreffender Fassung wiedergegeben ist. In wenigen Tagen wird eine Broschüre mit einem zuverlässigen Text der Rede erscheinen. Heber die dieser Rede StegerwaldS zugrunde liegenden Gedankengänge ist bereits auf der letzten Tagung des Aeichsausschusfes der Zentrumspartei am 31. Oktober 'rxeses Jahres verhandelt worden. Eine L o s l ö f u n g vom Zentrum — etwa durch die Gründung einer neuen Partei — wird von keiner Seite beabsichtigt. Bei der Tagung des Lan- desaurschusies der preußischen Zentrumspartei am 12. unö 13. Dezember wird die Angelegenheit für Preußen erörtert werben..
Gleichfalls ist darauf aufmerksam zu machen, daß vom Reichsausschuß der Zentrumspartei eine Kommission zur erneuten Durchprüfung und Ausgestaltung des Zentrumsprogramms eingesetzt wurde. Die Beratungen dieses Ausschusses werden voraussichtlich sich ebenfalls auf diese Frage erstrecken. Das Ergebnis. der Beratungen soll dem zweiten Reichsparteitag vorgelegt werden, der in einigen Monaten stattfinden dürste. •
Preussische Laudssversammlung.
Als einziger Punkt stand am Freitag auf der Tages ordnuni die dritte Lesung der Verfassung, zu der zahlreiche Anträge vorliegen, die man aber in zwei bis drei Sitzungen zu erledigen hofft. Zunächst findet eine allgemeine Besprechung statt.
Abg. Hauschild (Soz.) stimmt dem Entwurf gu. Nach wie vor sei seine Partei gegen ein Zweikammersystem und gegen einen Staatspräsidenten und hoffe, auf die baldige Verwirklichung des deutschen Einheitse staateS.
Abfl. Dr. o. Arier (Dnat.) lehnt die Verfaffung ad.. Er wünscht eine Ausgestaltung des Finanzrates zum StaatSrat, besonders aber die verfassungsrechtliche Fest-, legunfl der Erhaltung des preußischen Staatsgebietes, i Die Provinzialautonomie, die Autonomie Oberschlesiens- seien der Anfang der Auflösung Preußens. Nur die. Monarchie könne uns auS der Not dieser Tage erretten.1
Abg. Meyer - Frankfurt (Dem.) begrüßt die Fest-' legung der Republik und tritt für die Erhaltung' Preußens ein. Er schließt mit den Worten Bismarcks:' Einen anderen Patriotismus als den preußischen pflegen, haben wir keine Veranlaffunfl.
Abg. Oppenhoff (Ztr.) nennt die Autonomie der Provinzen den wichtigsten Gegenstand der Verfassung. Das Zentrum sei Gegner jeder gewaltsamen Aufteilung Preußens. Gelingt es aber nicht, in den Provinzen das ®e= fühl der Zufriedenheit zu erwecken, so sei allerdings die Zeit für die territoriale Neuordnung Preußens gekommen.
Abg. Dr. Cohn (Unabh. rechts) lehnt die Verfassung ab, nur die Diktatur des Proletariats kann uns helfen.
Minister des Innern Seocting teilt mit, daß an dem Autonomiegesetz für die Provinzen eifrig gearbeitet werd» und daß es demnächst vorgelegt werden könnte.
Abg. Dr. Leidig (D. Dp.) tritt ein für eine berufs» ständische Gliederung des Volkes und wendet sich gegen die Zerbröckelung Preußens. Oberschlesien fei ein Ausnahmefall, der niemals für Hannover oder das Rheinland irgend welche Konsequenzen nach sich ziehen dürfe.
Wg. Adolf Hoffmann (Linksunabh.) nennt die Derfaf- sung eine einzige Prellerei des Volkes. Nur durch die Diktatur könne eine freiheitliche, eircheitliche Verfaffung möglich fein. Im neuen Staat wird die Epoche des freien Menschentums beginnen. (Gelächter.)
Mit Ausnahme der Uebergangsbestimmungen und bet Schlußbestimmungen, die am Dienstag erledigt werden sollen wird die Verfaffung angenommen. Es bleibt im ox chen bei den Beschlüssen der zweiten Lesung.» Die B-Kimmung, wonach die Ausübung des Wahlrechts für di» Soldaten ruht, wird gestrichen
Samstag: Etat
Deulfch« kindechi.se.
Die rechtlichen Träger der Sammlung sind die wiederholt in dieser Zeitung genannten 7 in einem Arbeitsausschuß zusammengeschlosjenen zentralen Wohlsahrtsverbände. Die G e s a) u s t s st e l l e befindet sich in Berlin NW. 7, Unter den Linden 78 Gartenhaus. In Preußen sollen Provinzial- und Ortsausschüsse sich bilden zur Durchführung der Sammlung. Für den Regierungsbezuk Kassel hat Herr Regierungspräsident Spvingorum die Vertreter der be- triligetn Verbände zu einer Sitzung auf den 2. Dez. nach Kassel eingeladen. In Stadt und Kreis Fulda hat der untec dem Vorsitz des Herrn Hofbäckermeisters ©immer zur Verteilung der Amerikaspende feiner Zeit gebildete Wohlfahrtsausschuß die Durchführung der Sammlung übernommen. Seine Zufammen- etzung aus Vertretern der verschiedensten Gruppen und Verbände dürfte allen berechtigten Anforderungen ent- sprechen; die nähere Vorbereitung der Sammlung hat er einem engeren Arbeitsauschuß übertragen, als dessen Vertreter Frau Gustav Dux, sowie die Herren Hof- bäckermeister ©immer und Pfarrer Atzert die Schriftstücke unterzeichnen.
lieber die Verwendung des Sammelergebnisses ist folgendes zu sagen: Die Ausschüsse werden sich gewärtig halten müssen, daß es sich bei der Sammlung nicht um eine rein örtliche, sondern um eine allgemeine deutsche Sache handelt. Gegenden mit besonderer Not, z. B. Oberschlesien, Erzgebirge, Ruhrgebiet und bergt müssen besonders bedacht werden. Innerhalb der Pro- vinzen bestehen ebenfalls Unterschiede zwischen ländlich wohlhabenden Gegenden, in benen von einer Kindernot kaum gesprochen werden kann und industriellen, großstädtischen Gebieten, in denen sich das Elend der Kinder befonbets scharf ausgeprägt. Es gilt also den Gedanken an die gemeinsame deutsche Not allen anderen Rücksichten vorauszustellen. Es bleiben in der Provinz 80 Prozent des Sammelergebnisses, die Hälfte da- von, also 40 Prozent, bekommt der Ortsausschuß. Die übrigen 20 Proz. fließen in die Zentralkasse als Ausgleichfond und zur teilweisen Deckung der Kosten. Damit ist natürlich nicht gesagt, daß wir in Stadt und Kreis Fulda überhaupt nur 40 Proz. der Sammlung erhalten, mir partizipieren selbstverständlich entsprechend unserer Bedürftigkeit auch an den übrigen 40 Prozent und werden voraussichtlich dabei gar nicht schlecht abschneiden, ganz ähnlich wie bei ber Ludendvrff-Spende, wo der Kreis, wie in der letzten Sitzung des Wohlfahrtsausschusses hervorgehoben wurde, mehr bekommen hat, als er gesammelt hatte. Uebrigens dürfte auch fite Zusammensetzung des Berliner Arbeitsausschusses die Gewähr bieten, daß die Sammlung. in der rechten Weise betrieben und das Ergebnis sachgemäß verwendet wird.
Autoritäts- und Zuchtlosigkest herauszukommen, deutlich gegen die Vertreter der gesamten Linken aus. Eine polternde Rede des Mehrheitssozialisten Harkleib suchte zwar die Position der Sozialdemokraten zu retten/ hatte aber keine Wirkung. Dem Redner wurde mehrfach der nicht unberechtigte Zuruf: „Wir sind doch hier in keiner Wahlversammlung!" gemacht.
Die Pertreter der bürgerlichen Parteien (vom Zentrum sprach der Abg. Fleischer) billigten den Standpunkt der Reichsregierung und vor allen Dingen die Erklärung des Reichsministers, daß das deutsche Volk nun endlich nicht mehr länger zum Spielball eines kleinen Haufens Radikaler werden dürfte.
Die weitere Aussprache erfolgt Samstag. Die Abstimmung über die Anträge wird erst am Dienstag vorgenommen werden.
Diese Gedankengänge wurden hier schon im Anschluß an die Stegerwaldschen Ausführungen ausgesprochen und wir haben nun eine Bestätigung unserer Auffassung erfahren. Die „parlamentarische Basis", die Stegerwald vorschlägt, erfordert nicht das Aufgeben der bisherigen Parteizugehörigkeit, das von ihm vorgeschlagene Gebilde soll keine neue Partei im rein politischen Sinne sein, es soll aber alle nationalen, christlichen, demokratischen und sozialen Kräfte zu einer großen einheitlichen Organisation zusammen- faffen, die sich in der Staats- und Wirtschaftspolitik jeweils entsprechend geltend machen würde. Die Kommentare der Stegerwaldschen Rede in der Presse gehen vielfach daneben. Die Auslegung, die sie bei unfern Gegnern gefunden hat, als ob Stegerwald das Zeitrum sprengen und durch ein neues Gebilde ersetzen möchte, ist irrig. Wer auch unter manchen Genossen von der Zentrumspartei ist die Besorgnis «weckt worden, daß diese Zukunftsmusik pt einem ®w>faeteute-für die alte-, ■bewahrte und liebe Partei werben könnte. Demgegenüber 'taffen wir im folgenden einen alten Parteigenossen zu Wort kommen, der, wie er uns schreibt, sich vor Mißdeutungen und Besorgnissen geschützt hat, indem er aus den beredten Ausführungen StegerwaldS von vornherein den klaren Kern herausges-hölt hat, nämüch die vier Kennzeichen, die er für sein Parteiideal aufstellt.
An vier Eigenschaften soll man die richtige sät* gemäße Partei erkennen, — ähnlich wie wir an vier Kennzeichen die wahre Kirche erkennen. Stegerwald forderst eine christliche, eine deutsche, eine d e- mokratische und eine soziale Partei. Schön; welche der gegenwärtigen Parteien weist nun alle diese vier Eigenschaften auf?
Auf der Linkm finden wir Demokraten und auch Sozialisten; aber keine Partei, die im Glauben und Wirken sich christlich nennen kann. Ans dem radikalen FWgel fehlt auch der deutsche Charakter, die wirklich nationale Gesinmlng. Ob die Rechtsparteien ine christliche Gesinnung immer bewähren und das Vaterland allezeit über die Parteiinteressen stellen, mag dahingestellt bleiben. Jedenfalls vermissen wir bei den Konservativen den Tropfen des demokratischen und sozialen Oeles, der unter den gegenwärtigen Verhältnissen unbedingt notwendig ist, imd zwar in nicht zu knappem Maße, weil sonst die breiten Schichten der werktätigen Bevölkerung zur Mitarbeit in Geduld und Ruhe nicht zu haben sind.
Es gibt hur eine einzige Partei, die all' die vier Eigenschaften zugleich aufweist, nämlich das Zentrum.
In seiner ruhmvollen und segensreichen Wirksamkeit von 50 Jahren hat es von Anfang an bis heute feinen christlichenunddeutschen Charakter alle- zeit in der durchschlagendsten Weise erwiesen. Es hat sich nach der Umwälzung rückhaltlos auf den Boden der de mokratischen Verfaffung gestellt, da diese Ordnung allein die Rettung des Volkes, ermöglichen kann. Das wurde der Zentrumspartei um so leichter, ds sie in ihrem Wahlspruch von scher neben der Wahrheit und dem Recht auch die Freiheit gefordert hatte und für das natürliche Recht des Volkes zur tDli(arbeit an der Reichs-, Staats- und Rornmu- rwipoliiik schon längst vor Krieg und Revolution getreulich und mutig eingetreten war. Und was den sozialen Charakter angeht, so braucht man nur daran zu erinnern, daß gerade die Zentrumspartei bahnbrechend gewirkt hat in' der Sozialreform, — f-bon von dem Antraa G a l e n an, der mitten in der heißen Kulturkampfzeit'eine soziale Positik einteitete, vor der olle anderen Parteien damals noch ein Verständnis- soses Grauen hatten.
Die vier erwähnten Kennzeichen sind nicht bloß in dem geschriebenen Parteiprogramm ausgedrückt, son- bern in der Natur der Zentrumspartei verankert. $bre Zusammensetzung aus Mitgliedern aller ffanbes- teile, aller Erwerbsstände, aller ^nverbskreise und oll.« Volksschichten führt von selbst dazu, daß die "inseitigkeit vermieden, der gedeihliche Ausgleich der verschiedenen Jntereffen und ^"-f-be «merhalb der Partei gepflegt wird. Gerade das Z u- fammenfaffen der nroblmmn^h-m Polkskreile Eer Art zur friedlichen und sreundfichen Gemein, schoftsarbcit ist echt christlich, echt deutsch, echt demo- kratffch und r''- f fo’ial.
Aus den Darlegungen StegerwaldS ergibt sich also Schlußfolgerung: Wenn wir das Zentrum nicht bereits hätten, so müßte es schleunigst gegründet wer- "en als fester Halt in den Wirren der Zeit und als Unentbehrliches Hilfsmittel für den Wiederaufbau.
Also an Sprengen oder Niederreißen darf gar nicht gedacht werden. Wohl'aber an hon 91 uc fr au. an
Äerantworllich tür Öen .toamoneüen lei!: Karl Schütte, u für bk Anzeigen: I. Parze Uer-Fulda. z Rotationsdruck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerel In Fulda. Versprecher Nr. 9. Telegr.-Adreffe: Fuldaer Zeitung
lfie Erweiterung der Zentrumspartei, und darauf scheint mir die Aktion Stegerwald hinzuzielen.
Das alte Schlag wort „Heraus aus dem Turm!" gefällt mir nicht; denn mir Zentrumsleute haben uns tatsächlich nicht in den Turm der konfessionellen Engherzigkeit eingekapselt. Von den Zeiten Mallmkrodts an bis zu den füngsten Wahlen haben wir stets die gläubigen Christen anderen Bekenntnisses herzlich ein- geladen, sich mit uns auf den Boden der christlichen, nationalen und sozialen Volkspolttik zu vereinigen. Wenn sie dem Rufe zur SannnlmH nur in geringer Zahl und vorübergehend Folge gdtiftet haben, so lag die Schuld nicht an uns. Möge Stegerwald mit fernem neuen Ruf mehr Erfolg haben.
Die Parole lautet nicht für uns „Heraus aus dem Turm", sondern vielmehr für die noch außenstehenden: Hinein in die starke Burg des Zentrums! „
So beruhigen mich die vier Kennzenchen, die stegerwald aufgestellt hat, vollständig über den Bestand und die Zukunft unserer bewährten Partei. Es ist die richtige, unentbehrliche Organisation, die gerade fetzt blühen, wachsen und gedeihen muß! _________
Die Knebelung von Eupen und Malmedy.
Nach einer Meldung der „Köln. Dolksztg. aus Aacken müssen die deutschen Staatsangehörigen, dre nach dem 1. August 1914 und vor dem 20. September 1920 in den Streifen Eupen und Malmedy chren Wohnsitz genommen haben, nach Beschluß des belgischen OberkonNniffars General Baltia innerhalb eines Monats erklären, ob sie die belgische Staatsangehörigkeit erwerben wollen. Tun sie das mcht oder wird das Gesuch auf Aufnahme in den belgischen Untertanenverband abgetehnt, so müffen sie innerhalb eines Monats das Land verlassen.
Aus dem besetzten Gebiet.
• 8eitung»oekb0te. Die Interalliierte Rheinland. Kommission hat die Einfuhr des „Mannheimer Tage bl." in das besetzte Gebiet auf einen Monat verboten. Mit dem gleichen Verbot sind der Kalender „Der Lahrer Hinkende Bote" und die Zeitschrift „Die Gegenrechnung" auf die Dauer von drei Monaten belegt worden.
’ * Die Entschädigung für Gberingelheim. Die deutsche Regierung war wegen des Vorfalles in Oberingelhcim, wo französische Soldaten ein junges Frankiurter Mädchen getötet Haven, bei der französischen Regierung vorstellig geworden. Die französische Regierung hat nunmehr dem deutschen Botschafter in Paris die Mitteilung gemacht. daß die französische Regierung bereit ist, eine Entschädigung von 25000 Franks zu zahlen. Inzwischen ist auch die Verurteilung eines der beteiligten Soldaten erfolgt.
Oöerschlefien.
Die Fahrt zur Bolfsabffimmtmg.
Der Deutsche Schutzbund in Berlin, in dessen Hand die Vorbereitungen für die Reise aller Abstimmungs- berechtigten liegen, die außerhalb Oberschlesiens woh- nen, erläßt eine Bekanntmachung, die zweifellos viele Bedenken aus der Welt schaffen wird.
Jeder Oberschlesier, der den Abstimmungsouswes erhalten hat, kann an der Abstimmung tellnehmem, ohne daß chm irgendwelche Kosten entstehen. Jeder Ab- stimmungsberechtigte erhält einen Freifahrtsch ein, der auf den Namen ausgeschrieben wird und zusammen mit dem Abstimmungsausweis als Legitimation dient. Ort und Zeit der Ausgabe dieser Scheine werden noch bekanntgegeben. Die Beförderung erfolgt in Son- Verzügen, die geheizt sind. Außerdem können unter gewisser Voraussetzung auch andere Züge benutzt werden. Die Sonderzüge verkehren zehn Tage vor bis zehn Tage nach der AdstiMmung. Reisewünsche werben nach Möglichkeit erfüllt. Die Freifahrtscheine werden im allgemeinen für die 3. Klaffe ausgestellt, für alte, kranke und kriegsbeschädigte Stimmberech- tigie sichen Fahrscheine 2. Klaffe zur Verfügung.
Alle mit Sonderzügen reifenden Stimmberechtigten werden kostenfrei verpflegt. 'Innerhalb 24 Stunden Bahnfahrt wird dreimal eine reichliche, nahrhafte und schmackhafte Verpflegung geboten. Eh- geschirr und Besteck sind mitzubringen, ebenso für die Hinreise Brot. Brot kann auch sonst nur gegen Abgabe von Reichsbrotmarken verabfolgt werden. Wer keinen Sonderzug benutzt, wird auch nicht kostenftei verpflegt. Im Abstimmungsgebiet wird kostenlose Verpflegung für die Dauer von 10 Tagen geboten, ebenso freie Unterkunft. Bei Stimmberechtigten, die außerhalb Schlesiens wohnen, wird die A b- wesenheit etwa zwölf Tage dauern. Darnach muß sich jeder Reisende oinrichten. Man vermeide alles Uebcifflüffige! Rur Handgepäck wird kostenfrei befördert. Die Mitnahme von Waffen ist streng verboten. Rosebogleiter für Alte und Kranke werden durch Vermittlung der Vereinigten Verbände heimattreuer Oberschlesier beschafft, müffen aber stimmberechtigt fein. Kinder dürfen nicht nfitge- nomnfen werben.
Jeder Abst'mmungsbereckstigte ist gegen Unfall bis zur Höhe von 10 000 Mark und gegen Verlust des Reisegepäcks bis zu 1000 Mark versichert, lieber freie Reise, Verpflegung und Unterkunst hinaus wird im Bedarfsfälle Re iseunterstützung gezahlt. Anträge müffen vorher gestellt werden. Alle Beamten, Angestellten und Arbeiter im Reichs-, Staats- und Gemeindedienst erhalten Sonderurlaub unter Fortbezahlung der Gehälter ober Löhne. Ebenso wirb Erwerbslosenunterstützung weiter gezahlt. Für Angestellte und Arbeiter im Privatdienst wirb ebenfalls Sonderurlaub unter Fortbezug von Gehalt ober Lohn angestrebt.
Bezugspreis: Moimüich 3,00 Mk. ohne Zustellgebühr. In Fulda
bei uns adgeholt 3,1S M. Anzeigenpreis: DieKietnzeile A7 Tnhrn Colonetmaß) 60 Pfg„ u. 10°„ Zuschlag, die Reklamezeile J ) 9
(Xejtbreite) 1.80 M., u. 10% Zuschlag. Bei Wiederhol.Rabatt.
gitätsmerte für die Bevölkerung in Berlin, nament- sich für die Krankenhäuser ufro. hatte. Die Unabhängi. gen lachen und machen höhnische Zurufe, die von der Rechten mit der Antwort quittiert werden: „Pfui Seibel 1 Da können die Serie noch lachen!" Die auch von den Mehrheitssozialisten geforderte Aufhebung der Der. ordnung des Reickspräsidenten gegen die wilden Streiks findet nicht die Zustimmung des Ministers und auch nicht die des Kaufes, Der Minister erinnert an die Drohung des Neu-Kommunisten Leupold im Berliner Magistrat, daß Berlin demnäckst wieder im Dunkel fitzen würde und er fragt die Mehrheitsfozialisten, ob sie mit dazu beitragen wollten, der Reichsregierung die Waffe aus der Hand zu schlagen. Minister Koch läßt keinen Zweifel darüber, daß er und die Reichsregierung nicht mehr gewillt feien, durck ein paar Schreier die Existenz von Taufenden von Arbeitern auf das Spiel fetzen zu lassen. Er werde sich künftig nicht mehr dazu hergeben, die SBetrrbsftätten denselben Vertonen nach beendigtem Streik wieder zu offnen. Diese Ausführungen Kochs werden von der M-chrheit des Hauses mit stürmischen Bravorufen begleitet, denen die radikale Linke roüte-be Unterbrechungen entgegensetzt. Kundgebungen und Gegenkunbaebmmen verstärken sich noch, als der Minister mit erhobener Stimme erklärt, daß die Reichsregierung in Zukunft mit starker Hand gegen solches Treiben vorgehen würde. Der Minister wiederholte den Ausdruck „mit starker Hand" dreimal und trotzte dem immer lauter tobenden Ansturm der Linken. Das Haus spendete dem Minister demonstrattoen Beifall. Es herrscht ziemlich starke Erregung.
In der weiteren Debatte prägte sich der Wille der bürgerlichen Parteien, endlich aus dem Sumpfe der
Deutscher Reichstag.
Ain Freitag befaßte sich der Reichstag auf Grund einer deutschnationalen Interpellation mit dem verflossenen
Berliner Elekkizilälsstreik, der ein Musterbeispiel für einen „wilden" Streik abgegeben hot. Der Streik wurde ohne Einvernehmen mit den zuständigen Drganifationen vom Zaune gebrochen und ist unter Verübung von Sabotage-Akten an den Maschinen in der rücksichtslosesten Weise gegen die 4- Millionen-Gemeinde Großberlin geführt. Die Dinge sind gerade jetzt wieder aktuell, nachdem in der Berliner Stadtverordnetenversammlung am Donnerstag der Neu- kommunist Leupold erklärt hat, ein derartiger Streik werde sich bald wiederholen, und Berlin könne sich darauf gefaßt machen, demnächst wieder im Dunkeln zu sitzen. Diese freche Ankündigung konnte der Kommunist umsomehr machen, als der rote Berliner Magistrat alle Streikenden wieder an ihre Arbeitsstellen gesetzt hat, auch diejenigen, denen unzweifelhaft Sabota. gen-Akte nachgewiesen waren. Gewissermaßen zur Belohnung sind den Streikenden auch noch die Strei'tage bezahlt worden! Was können sich diese Elemente denn nun noch befferes wünschen? Und wo bleibt da bürgerliche Autorität? An einer solchen Verwirrung der Begriffe, die da systematisch großgezüchtet wirb, muß schließlich jegliches Derantwortungsgefühl und damit das ganze Staats- und Wirtschafts-Leben zugrunde gehen.
Die große Erregung, die wegen der Berliner Vorgänge das Land erfaßt hat, spielte sich bei den Freitagsoerhandlungen im Reichstage getreulich wieder, aber es zeigte sich auch der enffchloffene Wille, endlich einmal mit starker Hand und unter voller Wahrung der float» lichen Autorität gegen eine Handvoll radikaler Unruhestifter, die uns immer wieder in den Sumpf hineinziehen wollen, vorzugehen.
Die Interpellation stellt an die Regierung die For- berung, sie möge einen Reichsgesetzentwurf vorlegen, der die Bestimmung zum Schutze gegen wilde Streiks und wilde Aussperrungen in lebenswichtigen Betrieben auch auf den öffentlichen Verkehr und die Landwirtschaft ausdehne. Auch von feiten einiger anderer Parteien lagen zu dieser Interpellation Anträge vor. So wünschen die Mehrheitssozialisten, daß, nachdem nunmehr die öffentliche Ordnung und Sicherheit hergestellt sei, die Verordnung des Reichspräsidenten wieder aufgehoben werde, während die Linksunabhängigen in einem Anträge die glatte Aufhebung der Verordnung verlangen. Auch die Koalitionsparteien haben einen besonderen Antrag eingebracht. Sie erklären sich in ihm für die Aufhebung der Verordnung, wünschen diese aber erst bann, wenn das schnellstens einzubrin- genbe Schlichtungsgesetz verabschiedet wird, das verbindliche Straft für alle lebenswichtigen Betriebe haben solle.
Die Interpellation wurde begründet von dem deutschnationalen Abg. Berndt, während dessen Ausführungen es schon zu stürmischen, lärmenden Unterbrechungen dex Linken kommt, die in brutalen und rohen Zurufen sich hervortut. Abg. Berndt fordert von der Reichsregierung Äorkehrungen, durch welche die Wiederholung ' solcher Vorgänge unterbunden wird. Die Unabhängigen toben und begleiten insbesondere die anerkennenden Worte des Redners für die Technische Nothilfe mit höhnischen und lännenden Unterbrechungen.
Für die Reichsregierung beantwortet der Innen- Minister Koch die Interpellation Er schlägt entschiedene Tone an und reizt damit von vornherein die Linke, die ihn fast nach jedem Satz unterbricht. Die übrigen Parteien aber stehen in einhelliger Geschlossenheit zu den Ausfiihrungen des Ministers. Die Mehrheitssozialisten verhalten sick schweigend. Der Minister schildert unter starken Entrüstungskundgebungen im Hause die schwe. ren Folgen, welchen die plötzliche Stilleaung der Elekiri-