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Nr. 274

Verantwortlich für den reüaNionellen Teil: Karl Schütte, - für die Anzeigen: I. Parzeller-Fulda. z Rotationsdruck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fullxu Fernsprecher Nr. 9. Telegr.-Adreffe: Fuldaer Zeitung.

Zreltag, 26* November )920.

Bezugspreis: Monatlich 3,00Mk. ohne Zustellgebühr. In Fulda bei unsabgeholl3,15 2RL Anzeigenpreis: DieKleinzeile (Colonetmaß) 60 pfg, u. 10°/e Zuschlag, die Reklamezeile (Textbreitel 1.80 IRL, u. 10% Zuschlag. Bei Wiederhol. Rabatt.

47. Zahrg.

Die drohende Hungersnot.

Man schreibt uns: Der rasche Abbau und die teil­weise restlose Aufhebung der Zwangswirtschaft führt das deutsche Volk in kurzer Frist in eine Katastrophe. Als ganz besonders verfehlt stellt sich heraus, daß man die Zwangswirtschaft in der Brotversorgung noch beibehalten hat, daß man aber die Fleisch- wirtschaft frei gab. Wer die Jahre des Krie­ges, besonders 1915 und 1916 noch in Erinnerung hat, der muß wissen, daß eine solche Maßnahme eine Katastrophe im Gefolge halben muß: denn man kann nicht einerseits Höchstpreise für Brotfrucht festsetzen und anderseits bei Weh und Fleisch vollkommene Frei­gabe. Die Folgewirkung ist, daß dann das Ge­treide mit verfüttert wird.

Der frühere Präsident des Ernährungsamtes, von Batocki, macht auf diese große Gefahr erneut auf­merksam, indem er nachrechnet, daß der Landwirt bei Lerfütterung des Getreides mindestens 200 M. für den Zentner erhält, während er bei der Ablieferung mir 70 M bekommt. Bei einem solchen Mißverhält­nis der Preise ist es für niemand überraschend, daß große Mengen Getreide verfüttert werden. Da­her kommt es auch, daß jetzt und die nächsten Monate noch die Metzgerläden voll von Fleisch hängen, von Fleisch, das aber in kurzer Zeit so teuer wird, daß nur Millionäre und Schieber es noch kaufen können, das arbeitende Volk aber nicht mehr. Dann aber hat das Vieh unser Getreide weggefressen und das wird sich ganz furchtbar rächen.

Wir hoben sowieso beim Ausfall der diesjährigen Ernt? einen größeren Mangel an Brot frucht als im letzten Jahr. Man spricht jetzt schon davon, daß mindestens 40 Millionen Zentner Ge­treide eingeführt werden müssen. Man braucht kein Prophet zu sein, um zu sagen, daß bei der Fort­setzung der jetzigen Wirtschaft nicht 40, sondern 60 bis 70 Millionen Zentner Getreide bis zur neuen Ernte aus dem Ausland eingeführt werden müßen. Woher aber das Geld nehmen, um diese Bwtfrucht zu bezahlen? Auf einige erträgliche Tage und Wochen kommen entsetzliche Monate des H'n^gerns zum Anfang des nächsten Jahres. Was gefordert werden muß, ist. daß die P r e i f e f L r Vieh und F l e i f ch sofort in ein solches Verhältnis zu den Getreidepreisen kommen muffen, daß die Verfütterung des Getreides nicht mehr rentabel ist. Freilich ist damit noch nicht die Frage gelöst, womit wir unser Volk im nächsten Frühjahr ernähren wollen. An diese bitterernste Frage scheint man überhaupt nickt heran­treten zu wollen. Jedenfalls hört man nichts von Maßnahmen weit ausschauender Art. Wir warnen nachdrücklichst vor der bequemen Politik des Gshsn- lafjens und Laufenlassens, weil das Ende zu schreck- 'ich ist. _

Die BSlkerburr-verfammlung.

Will der Völkerbund nach den Debatten der ersten Woche einschlafen? Am Mittwoch schon wurde keine Vollversammlung abgehalten und auch gestern blieb der große Saal leer, obgleich — oder weil — die Besprechung der deutschen Note über die Kolonien stattfinden sollte. Allerdings arbeiten die Kommissio­nen. Man weiß, daß der Ausschluß der Oeffentlich- feit, also auch der Presse, von der französischen Dele­gation sich zwei oder mehrere Tage nur in Kommis­sionsfitzungen betätigt, daß der Völkerbund überhaupt hinter verschlossenen Türen arbeitet. Das ist ein, un­verkennbares Anzeichen dafür, daß die Geheim- d i p l o m a t i e auch in Genf nicht aussterben wird und ist gleichzeitig ein Beweis, daß sich der Gegensatz schärfer gestaltet und die Verhandlungsgeaenstände kitzlicher werden. Der Dölkerbundsrat, dessen Ent- sckeidungen praktische und größere Bedeutung haben

NnPoMische Zertlärrfe.

Von Fritz Nienkemper.

Berlin, 23. November 1920.

In der Berliner Straße, wo ich feit zehn Jahren Hause, geht es verhältnismäßig still zu. Kerne Straßenbahn und wenig Fuhrwerk. Infolgedessen verlegen die Kinder aus der Nachbarschaft ihr Spiel gern vor unsere Türen and Fenster. Das bringt natürlich zeitweise Unruhe und Börm in unser Stilleben. Besonders seit dem Tage, wo itos Leder knapp wurde und die NapperndÄr Holzsohlen nom Lande her sich nach Berlin verbreiteten. Auch schon vorher hörte ich manchmal empfindliche Nachbarn klagen über das Geschrei der spielenden Kinder, die bekanntlich mit den Abgeordneten wetteifern in stürmischen Debatten. Ich habe immer die Partei der Jungen genommen und gesagt: Laßt sie doch schwärmen und lärmen, springen und singen, laufen und raufen, denn das gehört zu richtiger Aufzucht der menschlichen Küken. Die Jungen müssen Tu- Mult machen, und mir Alten müßen Geduld haben.

Und setzt? Jetzt habe ich nicht allein Geduld, sondern sogar Freude, wenn ich noch eine Schar Kinder recht lustig toben höre. Ich denke: es ist also trotz aller Kriegs- Und Hungersnöte doch noch ein triebkräftiger Nachwuchs da! Beim Blick aus dem Fenster wird freilich die Freude wieder gedämpft. Wie viele bleichen Gesichter sieht men da. Wieviel weite Haut, wie viele vorstehende Knochen, wie viele krummen Deine! Blutarmut und Muskelschwäche grms-n einem entgegen hinter der augenblicklichen Beweg- üchkert und Lustigkeit.

Ob die Kinder selbst sich ihres Elends recht bewußt werden? Hoffentlich nicht. Aber wir Erwachsene, die wir «r unsere fetten Iugendjahre zurückdenken, müßen Mitleid und Sorge empfinden. Wie gut haben wir es gehabt; drnn dicke Butterbrote und volle Gemüfeschüsieln gab es damals m der kleinsten Hütte. Wer Hunger hatte, bekam 5>«s zu effen; allerdings keine Delikatesten, ober eine nähr- Mte Füllung von Gaumen imd Magen, bis der Bedarf «s zur nächsten Mahlzeit gedeckt war. Wir Erwachsenen haben uns auch mit der Futterdeschränkung durch die -Karten" noch leichter abgefunden als die Heranwachsende Jugend, da wir zu dem Aufbau des Körpers nicht mchr !°. viel brauchten. Denken wir uns mal lebhaft hinein, "*”« eumute gewesen ‘wäre in jenen allzeit hungriger

als die der Kommissionen, tagt natürlich trotz des An­trages Lord Cecils weiter unter Ausschluß der Oeffent- üchkeit.

Die Zulasinngsfrage im llnlerhaufe.

Aus London wird gemeldet: Im Unterhaus« erwiderte Bonar Law auf die Frage, ob Barnes m Genf die Ansicht der e n g l i s ch e n Delegation zum Ausdruck brachte, als er auf der allgemeinen Verhandlung des Völkerbundes auf sofortige Ausnahme Deutschlands in den Bund drang, Bornes habe nur feine eigene Ansicht wiedergegeben. Die Abgeordneten müßten eine gewisse Redefreiheit haben. Die entscheidende Stimme werde jedoch vom ersten Delegierten nach Beratung mit seiner Regierung abgegeben werden, die sich darüber mit der französischen und den anderen Regierungen schlüssig mache.

Eine Londoner Konferenz.

Zur Regelung der internationalen Probleme, die besonders Frankreich große Sorgen machen, ist Ministerpräsident Leyques nach London gereist, Wo er am Montag mit Lloyd George und Giolitti zu einer Konferenz zusammentreten Wird. Hierbei sollen die griechische Frage, sowie der Handel mit Rußland und die deutsche Entschä- digungsfrage behandelt werden, unter Umstän­den auch die Frage einer Revistion des türkischen Friedens. Wie es heißt, wird auch der neue chriechische Ministerpräsident RhalliS in London erwartet.

D!e Absicherung der Milchkühe.

Die deutschen Sachverständigen, die in Paris mit Sachverständigen der Alliierten über die Forderung nach weiteren Lieferungen von Milchkühen usw. auf Grund des Friedensvertragcs zu verhandeln hatten, find zurückgekehrt, um das Ergebnis der Be- fprechungen dem Reichskabinett vorzulegen und dessen Entscheidungen einzuholen. Der Wiedergutmachungs­ausschuß Hot seine Entscheidung um acht Tage ausge- schoben, um den deutschen Sachverständigen Gelegen­heit zur Rücksprache in Berlin zu geben.

Tas Bauverbot für deutsche Flugzeuge, daS im Friedensvertrag vorgesehen ist, ist bekanntlich nach deutscher Ansicht abgelaufen. Die Enteme will aber die deutsche Flugze- gmdustrie weiter knebeln und hat daher die Ausfuhr deutscher Junker-Ver­kehrsflugzeuge nach Amerika verhindert. Die Now, in der der Vorsitzende der Jnteralliierren Luft- schiffahrts- Kontrollkommission dieses Vorgehen be­gründet, erklärt:

„Ich habe die Ehre, hiermit Abschrift eines Be- schluffes er Botschafterkonferenz vom 8. November 1920 mit Bezug auf das Spaa-Protokoll und die Entschei- düng von Boulogne zu übersenden, die sich auf daS Datum bezieht, an Welchem der Bau nnd die Einfuhr von Flugmaterial in Deutschland beginnen darf. Die Entscheidung von Boulogne am 22. Juli 1020, welche den Bau und die Einfuhr von Flugmaterial in Deutsch­land bis zu drei Monaten nach dem Zeitpunkt, an dem Artikel 202 des Friedensoertrages vollkommen auSge- führt ist, verbietet, ist daher noch jetzt in Kraft."

Der beigefügte Beschluß des Botschafterrats besagt:

„Es wird entschieden, das Protokoll von Spaa vom 12. Juli 1920 für nicht erklärt zu betrachten und die Entscheidung von Boulogne am 22. Juli 1920 aufrecht zu erhalten."

Dberschlefien.

Der Abstimmungstermin.

Nach einer Meldung des „Petit Parisien" hat der französische Ministerpräsident Leygues im Ausschuß der Kammer mitgetcilt, daß der Abstimmungstermin für Oberschlesien auf den 15. I a n u a r n. 3. festge­setzt worden sei. An amtllcher Stelle in Berlin liegt, wie wir hören, nocf) keine Nachricht über eine Bestim­mung des Abstimmungsterm'ms vor. Doch ist es, wie

Jahren, wenn die Mutter erklärt hätte, ich habe heute kein Brot mehr für dich, und Fett gibt es schon gar nicht mehr, und mit den Kartoffeln müssen wir sparsam um- gehen, usw. Was wäre bei solcher Hungerkur aus uns ge. worben? Und was soll aus den Kindern von heute wer­den, wenn sie nicht bald bester ernährt wenden?

Also muß jeder Menschenfreund und erst recht jeder Daterlandpfreund sich kräftig angeregt fühlen, wem zur Kinderhilfe aufgerufen wärt). Auf zur Rettung des geschwächten Nachwuchses; berat es gilt, die ganze Zukunft der deutschen Nation zu retten!

Alle Mann an die Pumpen! Nur nicht andere Leute vorschiebet wollen!

Mein Nachbar Hot so viel gehört oder gelesen von den „S chlemm erlo ka l en", die es in Berlin und auch in anderen Städten gibt. Er meint, was dort an Lebens­mitteln und Geld verpraßt wird, könnte bett armen Kin­dern auf die Beine helfen. Ja, es wird viel verpraßt und verschwendet. Wenn man das alles fasten könnte, so ließe sich manches Nottoch stopfen. Aber läßt es sich fas­sen? Was die Polizei mit aller Mühe und List austreibt, ist schließlich nur ein Trapsen auf den heißen Stein. Denn wenn die Schlemme auch nach Tausenden zählen mögen, so zählen die Bedürftigen doch nach ebensoviel Mllionen.

Em anderer Bekannter sagte mir neulich, die „Reichen" müßten für alles aufkommen. Dieselbe verfehlte Rechnung, wie sie mancher in der Steuerfrage macht. Er denkt sich, es gäbe so viel und so lsstungsfähige „reiche Leute", daß von ihrem Ueberfluß bas ganze 60-Mtllionen-Dolk leben könnte. Ach nein, die wenigen Krösusse können dm volks- wirtschaftlichen Kohl nicht fett mach-n. Die Lasten sind so groß, daß sie nur von den breitesten Schultern ge­tragen werden können. Die Reichm müssen große Opfer bringen; aber der Mittelstand muh auch beträchtliche Opfer bringen, und die sogen, kleinen Leute muffen ebenfalls heran, damit ihre bescheidenen Beiträge zu den Steuern und zu dm Liebesgaben sich durch die groß« Zahl der Gebenden zu Riesenfuntmen häufen. Das ist der richttge Sozialismus, wenn alle Stände und Klassen nach dem Maßstab ihrer Kräfte zielbewußt zusammenarbeitm zu dem gmteinschastktchm guten Zweck.

Also stecke niemand die Hände in die Hosentaschen, um sie dort ruhen zu lasten, sondern nur, um die Hilssspende

der Reichskanzler in feiner gestrigen Reichstagsrede be­tonte, sehr wohl möglich, daß der Termin bereits auf einen Januartag angejetzt ist.

Das Ergebnis der EnLwaffnutrgsaMon.

Nach Mitteilung des Neichskonmnssars für die Ent­waffnung ist das Ergebnis des ersten Teils der Ent- waffmmasaktion folgendes: Freiwillig abgeliefert, angekauft, beschlagnahmt sowie von Organisationen imb Fabriken angemeldet sind: 925 Geschütze, Mmen- werfer, Flammenwerfer, 17 537 Maschinengewehre, 1678 Mcsichinrnp'stolen, 2103 441 Gewehre u. Kara­biner, 76 816 Revolver und Pistolen, 83 941 Hand­granaten,. 2453 Geschützteste, 243 272 Maschinenge­wehrteile, 296 892 Gewehrteile, 45 781151 Stück HanLsenerwaffenmunttion. Die Einziehung der Ma­schinengewehre (8404 Stück) u. der Gewehre (801 653) von den Organisationen und Fabriken ist im Gange. Durchsuchungen und Untersuchungen werden nachher überall dort stattfinden, wo das Ablieferungsergebnis ungünstig gewesen ist.

Deutscher Reichstag.

Nm Donnerstag lag dem Reichstage daS Gesetz über die Bildung eines Landes GLerschlestm in zweiter Lesung vor. Dieser Entwurf behandelt eine Frage, die von einschneidender und stärkster Bedeutung für die Zu­kunft eines urdeutschen Landesteils ist. Es handelt sich bei dieser Aktion um den Willen der deutschen Regie­rung, dieses für die Wiederaufrichtung des eigenen Vaterlandes sowie ganz Europas unentbehrliche Land dem deutschen Reiche zu erhalten. Alle die Sitzungen des Reichstages, die sich mit dieser Angelegenheit be» fassen, erhalten eine besonders starke Bedeutung. Das kam auch diesmal wieder deutlich genug zum Ausdruck. War es doch Reichskanzler Zehrendach selbst, der es sich nicht nehmen ließ, die Aussprache über diesen Gesetz, entwurf persönlich einzuleiten. Die Regierung hat damit den Oberschlesiern und dem deutschen Vock ge­zeigt, daß sie dieser Materie die größte Sorgfalt und Beachtung angedeihen läßt. Der Kanzler schildert die hohe Bedeutung, die Oberschlesten für den Gesamtverband des deutschen Reiches besitzt. Ohne Oberschlesien ist Deutsch, land nicht imstande zu leben und — das fügte er mit vol­lem Recht hinzu — auch nicht imstande, die Bedingungen von Versailles zu erfüllen. Der Kanzler schttdert weiter den polnischen Terror in Oberschlesien und verurteilt ihn mit harten Worten. Er vergleicht die wirtschaft- liehen und sozialen Zustände des viel höher stehenden Deutschen Reiches mit denen des in der Entwicklung be­griffenen Polen, in dem alles drunter und drüber geht. Die Polen hätten die Frage der Autonomie in" die Menge geworfen, und Oberschlesien habe ja auch ein Recht, eine bestimmte Ausgestaltung feiner Eigenart zu verlangen. Die große Mehrheit der oberschlesischen Be­völkerung und auch die Sachverständigen treten für den Regierungsentwurf ein. Er begreife die Sorgen, mit denen viele Kreise dieses Gesetz betrachten. Er vertraue ober fest, daß unsere oberschlesischen Volksgenossen am Tage der Abstimmung ihre Treue zum Reich bewähren werden. Zum Schluß bittet der Kanzler die Parteien, bei der Wichtigkeit und der Tragweite des zu verhau, delnden Gegenstandes von einer allgemeinen Debatte über die Reichsqliedcrung abzusehen, damit der Sache, die jetzt zur Entscheidung stünde, nicht geschadet werde.

Die Redner befleißigen sich, diesen Worien des Kanz­lers nachzukommen. Traurige Ausnahmen machen na- türlich der Unabhängige Ledebour, der eine lange Vor- lesung darüber hält, wie sich die U. S. P. D. die Neu- glisderung des Reiches vorstellt, und der Kommunist Levi, der die Vorlage als Wahllüge bezeichnet und un­ter Unruhe und Gelächter des Hauses sein russisches Ideal pries. Für bas Zentrum spricht der Abg. Her- schel, der einen kurzen, geschichtlichen Rückblick auf die Autonomiebewegung wirft, um zu zeigen, daß die dage. gen erhobenen Einwande verfehlt sind. Er hebt noch einmal in aller Deutlichkeit hervor, daß die aus natür­lichem Drang der Oberschlesier hervorgegangene Auto- nomiebewegung geeignet sei, das Vertrauen der Ober-

Uv- bann, lieber Freund und verehrte Leserin, wenn ihr mit einem Beitrag für die allgemein^ Kollekte euch beteiligt habt, so braucht ihr auf den vermeintlichen Lor- beeren der Wohltättgkeit nicht auszuruhen. Cs ist etwas Schönes um die Dezentralisation und die SÄbsrverwal- tuing, auch in den Werken der Barmherzigkeit. Seht euch bitte etwas um in eurer Nachbarschaft und eurer Ge» meinde, und wenn ihr da Familien findet, in denen Schmalhans auch für den Kind erlisch Küchenmeister ist, so gebt eurem Herzen einen Stoß und greift den blutarmen Kmdlein unter die Arme. Naturalien sind manchmal noch bester, als ®efö geben.

Wer so um sich schaut nach würdigen Hilssbedürsttgen, der wird auch nicht Halt machen bei der grünen Jugend im ersten Dutzend der Lebensjahre. Was zwischen Schul- pflicht und Wahlrecht steht, gehört auch zum Nachwuchs und zur Zukmifishoffnung; diese Halbwüchsigen bedürfen auch der forgfamen Pflege und seelisches Gedeihen. Sie müssen geschützt werden vor Krankheiten und vor Verfüh­rung. Wie viel Gutes kann da ein christlicher Menschen­freund stiften durch klugen Rat und geschickte Beihilfe bei der Berufswahl, bei der Erziehung des hcttbflüggen Spröß- lings, bei der Ueberwminmg von inneren und äußeren Störungen!

Je schlechter bie Zeiten sind, desto notwendiger sind die Werke der Barmherzigkeit. Und desto lohnender sind sie auch. Es ist em beseligendes Gefühl, wenn man sich abends sagen, darf: Ich hob« heute doch etwas tun können, was Segen bringt!

Wer nicht in der Sage ist, auf eigene Hand Liebes­werke zu vollbringen, der soll sich wenigstens den Ver­einen an schließen, die für die leibliche und sittliche Wohl­fahrt des Nachwuchses tätig sind. Auf diese Weise kommt man zur dauernden Mitarbeiterschaft an der besseren Zukunft von Staat und Kirche, denen der außerordentliche Dpfertag doch nur Äs Einleitung, auf Auftakt, ats Dahn- bruch gelten. Das Heil kommt langsam und muß mit zäher Arbeit errungen werden. —

Für das Weihnachtsfeft gibt es keine bester« Dorbe- restung, als wenn in den Ohren und den Herzen das Wort erklingt: Lastet die Kindlein zu mir kommen!

schlesier in das Reich zu stärken und ihm Kraft zu geben in der Stunde der Entscheidung, dem Reiche die Treue zu hallen. Und wahrhaftig, mögen alle die Bedeutung des oberschlesischen Landes für die Gesamtentwicklung des Deutschen Reiches in rechter Weise würdigen, die Oberschlesier selber aber, nachdem ihnen das Reich die bundesstaatliche Autonomie zugestanden hat, mit allen Kräften danach trachten, in Treue zum Reich mitzuar­beiten an den großen Aufgaben der Wiedererrichtung unseres gebrochenen deutschen Vaterlandes.

Auch die übrigen Redner des Hauses, die AbaG. Okonsky (Soz.), v. fiatborff (D. 23p.), Leich! (Bayer. 23p.) Graf Bernstorfs (D. Hann.) stimmen dem Gesetz und den Aussüührungen des Reichskanzlers in kurzer Erklärung zu.

Das Gesetz wird dann mit % Mehrheit gegen die Stimmen der Dsutschnationalen und Kommunisten an­genommen. Damit schließt die Sitzung.

Preußische Landesversammlung.

Mit der 2. Beratung der Novelle über die Erbe- bung von Kirchensteuern in den katholischen Ge meinden trat das Haus in die Tagesordnung ein. Nach debattcloser Annahme dieser Novelle in 3. Lesung wurde der Justiz etat weiter fortgesetzt. Der Minister nalM gleich im Anfang Gelegenheit, wiederum einmal Be­hauptungen, die von der Linken aufgestellt worden waren, richtigzustellen. Ueberhaupt hatte sich die Linke im Verlauf der Debatte über den Justizetat mit ihren verschiedenen Behauptungen allmählich in eine Sack­gasse verrannt und mußte sich gefallen lassen, daß dieser Umstand vom ganzen Hause mit ironischen und teilweise gar höhnischen Zwischenrufen festgestellt wurde. Dis eingehend sachlichen Erwiderungen des Ministers im Verlaufe der ganzen Beratung über den Etat fanden dagegen den vollen Beifall der überwiegenden Mehrheit.

Der Justizetat wurde dann in der Fassung des Ausschusses angenommen. Gegen Deutschnationale und Zentrum wurde ein sozialdemokratischer Antrag, den Frauen den Weg zum Beruf des Richters, Staats­anwalts und Rechtsanwalts zu öffnen, angenommen, ferner einstimmig ein Antrag auf Zulassung der Lehrer zum Schöffenamt.

Bei der darauffolgenden ersten Beratung des Ge- setzes über die Aenderung Des Land Wirtschafts« kammergesetzeS vom 30. Juni 1894 führte der Zenlrumsabg. Dr. ReineÄe aus, daß es zweckdienlich fei, da eine Verabschiedung des neuen Landttnrtschafts- kammergesetzes nicht mehr möglich ist, die Frage Les Wahlrechts herauszugreifen und einer Aenderung zu unterziehen. Indessen wäre es doch noch besser gewesen, es wäre das Reichsrahmengesetz abgewartet worderr — Der Entwurf ging an Den Ausschuß.

In 2. und 3. Beratung wurde Dann über die Er­richtung neuer Landeskultur am ter verhandelt. Mit diesem Gesetz soll Die organisatorische Vollendung der preußischen Landeskulturgesetzgebung erreicht wer­den, sodatz jede Provinz ihr eigenes Landeskulturamt hat. Auch für Die Grenzmark, die bis jetzt noch kein eigenes Landeskulturamt hat, ist die Möglichkeit offen» gelassen, ein solches zu bekommen.

Der Notetat wird mit einigen vom Ausschuß beantragten Streichungen in 2. unD B. Lesung ohne Debatte angenommen.

Mehrere Anträge auf Genehmigung von Straf« verfolg ung einiger Abgeordneten werden abgelehnt.

Dann tritt das Haus in die Beratung des Haus­halts des VolkswohlfahrtSministeriums^ein, jedoch wird diese, nachdem kurz die Abgg. Gswald (soz.) und Dallmer (Dnat.) dazu gesprochen haben, abge- brachen.

Das Haus vertagt sich auf Freitag, um an diesem Tage die dritte Lesung der Verfassung tiorgu« nehmen. ___

Deutsches Reich.

* Berlin» 25. Nov. Die Reichstagsnachwahlen in Ostpreußen und Schleswig-Holstein fin­den zugleich mit den Preußenwahlen am 20. Februar' 1921 statt. — Die ablehnende Stellungnahme des Reichskabinetts gegenüber den Wünschen der Beamten- schaft auf Erhöhung der Teuerungszulage hat den Deutschen Beamtenbund zu einer neuen Vorstel-' lung bei der Reichsregierung veranlaßt. Der Beam­tenbund hält darin im wesentlichen seine bisher ge­stellten Forderungen aufrecht. — Die englischen Be­satzungstruppen in Danzig werden zurückgezogen. Ihr Abtransport erfolgt in sechs Zügen, von denen täglich einer abgelassen werden soll.

* Die bayerischen Einwohnerwehren. Gestern nachmittag Hai in Berlin eine Besprechung zwischen dem Reichskanzler Fehrenbach, dem Außenmini­ster Dr. S i man und dem bayerischen Ministerpräsi­denten Dr. v. K a h r über die Entwaffnung der Ein­wohnerwehren und die Auflösung der Selbstschutzorga­nisationen stattgefunden. Das Ergebnis dieser Be­sprechung soll eine Lösung der schwierigen Frage ge­währleisten.

* Erhöhung der Eisenbahntarife. Der aus dem Sachverständigen beirat desReichsverkehrs Ministeriums gebildete Tarffausschuß hat eine Resolution gefaßt derzufolge er für Deckung des Eisenbahndefizits neben einer sorgfältigen Einschränkung der Ausgaben auch eine Erhöhung der Tarife für unvermeidbar hält Die Tariferhöhung soll zum mindestens im Güter­verkehr nicht in der Form eines allgemeinen pro­zentualen Zuschlags, sondern im Wege einer Abstufung je nach der Tragfähigkeit der einzelnen Güter erfolgen. Es erscheint dem Tarifausschuß erwünscht, mit bei Durchführung dieser Maßnahme nicht bis zum Beginn des neuen Haushaltsjahres zu warten.

* Das Wahlergebnis in Lachsen. Als Ergebnis der sächsischen Landtagswahlen wild jetzt amtlich festgestellt: 27 Mehrheitssozialisten, 20 Deutsch nationale, 18 Volksparteiler, 8 Demokraten, 13 Rechts, unobhänge, 3 Linksunabhängige, 6 Kommunisten 1 Zentrum.

♦ Lehmbau als Mittel gegen die Wohnungsnot Der Reichspräsident besichtigte am Mittwoch die Lehmbauten der vom Wohlfahrtsministerium ins Le­ben gerufenen Lehr- und Verjuchsstelle für Natur- bauweife in Sorau (Niederlausitz). Die Tätigkeit dieser Dersuchsftelle ist insofern von Bedeutung, als sie nachgewesen hat, daß die technische Möglichkeit, Bau­ten in unbegrenzter Zahl herzustel­len, heute bereits besteht, und daß durch den Lehm- bau die infolge Kohlenmangels nur beschränkt mög-