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Amtlicher Anzeiger für den kreis und die Sladt Fulda.

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Nr. 272

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Neue Ententeforderungen im Flugzeugwesen.

Im Hamburger Hafen liegen 11 neue Metall­flugzeuge zur Verschickung bereit, die von Amerika bestellt worden sind. Die interalliierte Luftüber­wachungskommission soll aber gegen die Ausfuhr unter Hinweis auf das im Friedensvertrag vorge­sehene Bauverbot für Luftfahrzeuge Einspruch erhoben haben. Darüber hinaus scheint sie die Ab­sicht zu haben, die Flugzeuge unter sich zu ver­teilen.

Diese Verfügung entbehrt jeder Rechtsgrundlage. .Denn das im Friedensvertrag enthaltene Bauverbot für Luftfahrzeuge, auf das sich diese Ententemaß- nahme stützt, ist 6 Monate nach Inkrafttreten des Vertrages, also bereits am 10. Juli 1920 abgelaufen. Es handelt sich für die Entente natürlich in erster Linie darum, jeden Vorsprung, den die deutsche Industrie vor der feindlichen trotz aller Knebelungen zu gewinnen im Begriff ist, einzuholen und zwar, weil es nicht anders geht, mit gewaltsamen Mitteln,

Ein amerikanischer Kreditpian für Deutschland.

Führende amerikanische Bankiers haben dem Prä- sidenftn Wilson einen Plan unterbreitet, durch dessen Ausführung sie eine Festigung des Welthandels sowie eine Gesundung der amerikanischen Industrie erwarten, die sich jetzt infolge Mangels an Käufern in einer höchst bedenklichen Lage befindet. Es wird vörgeschlagen, daß das in den Vereinigten Staaten be schlag- nahmte deutsche Eigentum, dessen Wert auf 400 Millionen Dollar geschützt wird, vom öffentlichem Treuhändler Garving auf ein Syndikat übertragen werde und die Grundlage bilde für einen Deutschland zu gewährenden Kredit von 2 Milliarden Dollar zur Lieferung von Baumwolle, Getreide, Kupfer, Nahrungsim teln, Brennstoffen und anderen Rohstoffen. Man glaubt in Newyork, daß sich Wil­son nach der Zustimmung des Kongresses bereit er­klären werde, deutsches Eigentum in der gleichen Höhe f r e i z u g e b e n, in der Deutschland beschlagnahmtes amerikanisches Eigentum freigift. Die Frage soll un­verzüglich dem Kongreß vorgelegt werden.

Die einheitliche Regelung

der Beamtenbes oldung.

Dem Reichstag ist der Entwurf eines Gesetzes zur Sicherung einer einheitlichen Regelung der Beamten­besoldung zugegangen. Danach sollen die Beamten der Länder, Gemeinden und sonstigen öffent­lichen Körperschaften nicht g ü n st i g e r -besoldet sein, als die entsprechenden Reichsbeamten. Soweit^ die Vesoldungsoorfchristen der Länder, Gemeinden und sonstigen öffentlichen Körperschaften also günstiger stehen als die des Reichs, sind sie innerhalb dreier Monate nach der Verkündigung dieses Gesetzes mit1 Wirkung vom 1. April 1920 neu zu regeln. Rechtsansprüche auf höhere Dienstbezüge, die bereits vor der -Neuregelung der Besoldung (21. März 1920) erworben worden sind, bleiben bestehen. Ebenso sind eventuelle durch die rückwirkende Kraft des Gesetzes zuviel gezahlte Beträge nicht zurückzuzahlen. Der Reichssmanzminister bekommt durch dieses Gesetz das Recht des Einspruchs gegen die Vorschriften der Länder über Dienstbezüge ihrer Beamten. Ebenso kann er gegen die Zustimmung einer Landesbehörde zu einer günstigeren Regelung einer Gemeinde oder einer sonstigen öffentlichen Körperschaft Einspruch er­heben. Neue Vorschriften der Gemeinden oder son­stigen öffentlichen Körperschaften über Dienstbezüg« ihrer Beamten dürfen nicht in Kraft gesetzt werden, bevor sie durch die obersten Landesbehörden genehmigt sind, die Länder wiederum sind an die Genehmigung durch den Relchsfinanzminister gebunden.

Lager hinüber zu führen. Dazu sollen Pfarrer und Bischof degradiert und verführt werden.".

Als Zeitung komme der .Rheinische Merkur" (bisher ein Zentrumsblatt in Köln) in Frage. Die Verhandlungen seien so weit gediehen, daß noch 4000-5000 Abonnenten für den Anfang garantiert werden sollten. Auch die früher erschienene Zeit­schrift „Mein Glaube" soll neu ins Leben gerufen werden. Von besonderer Seite sind bereits 7 6 000 Mark für diesen Zweck gestiftet.

Man sieht, die Herrschaften haben Geld und scheuen sich nicht, das Geld anzuwenden, um die Katholiken hinüber zu ziehen ins deutschnationale Lager, damit sie dort bei den Wahlen die Rolle des Stimmviehs und der Parteikulis spielen dürfen.

Schließlich wurde beschlossen, eine Flugschrift in Massenauflage unter dem Titel: „Kann ein Katholik deut chnational sein?" herauszugeben. Darin soll besonders an der Hand der päpstlichen Enzykliken der'Nachweis erbracht werden, daß deutschnational und katholisch sein isich sehr gut miteinander ver­tragen können. Das Hauptreservoir der Partei sei in Zukunft-das Zentrum.

Wir müssen uns das alles gut merken. Zu der Treue und zu der Einsicht der Zentrumsanhänger dürfen wir das Vertrauen haben, daß sie den Katholikenfang, den die Deutschnationalen betreiben, in seinen Absichten und Zielen durchschauen. Diese Machinationen von deutjchnationaler Seite haben eine gute Wirkung. Sie werden im Lager des Zentrums jedermann die Lust vertreiben, nach dem deutschnationalen Köder zu schielen oder gar anzu- beißen.

lässigkeit" der beim Zentrum verbleibenden Katholiken zu tragen.

Da bietet es einen eignen Reiz, Intimes aus einer hinter verschlossenen Türen am 25. Oktober in Han­nover abgehastenen Tagung dieser katholischen Abteilung der Deutschnationalen Volkspartei zu hören. Was da vorging, ist für uns alle von höchstem Interesse, da man sieht, wie die Dinge aufgezogen werden sollen. Der „Badische Beobachter" kann einige Angaben über den Verlauf der Hannoverschen Debatte machen ,mis denen sich solgendes ergibt:

Der seit längerer Zeit bestehende Katholiken-Aus- schuh der Deutschnationalen Volkspartei in Berlin hat bisher schon im ganzen Lande Unterorganisationen ins Leben gerufen. Diese Form fand jedoch Widerspruch, weil sie zu leicht Sprengpulver für die Deutschnationale Volkspartei werden konnte. Es brauche niemand zu wiflen, wer Kacholik und wer Protestant sei. Man muffe überhaupt sehr vorsichtig in diesen Fragen vor- gehen, weil die große Maste der Katholiken nach wie vor am Zentrum fefthalte. Eine katholische Gruppe innerhalb der Partei sei gefährlich für die Partei.

Man hat also jetzt schon Angst, die Katholiken könnten in der Deutschnationalen Partei etwas bedeu­ten wollen und dadurch Sprengpulver für die Partei werden. Zum Stimmvieh gut genuq. Etwas bedeu­ten und Einfluß gewinnen: Nein! Das ist die Rolle, die den Katholiken zugedacht ist.

Es wurde besonders davor gewarnt, den Ausdruck „ultramontan" zu gebrauchen, da dieses Wort allein die ganze ParteiarbÄt zunichte machen könnte. Ebenso dürft bei der Werbearbeit in katholischen Kreisen nie­mals gesagt werden, daß zuerst das Vaterland und dann die Religion komme, bei den Katholiken sei das Umgekehrte der Fall.

Diese Aeußerung gibt Anlaß zum Nachdenken. Es genügt, daß wir auf sie aufmerksam machen.

Schlleßlich faßte man den Beschluß, im Reiche keine katholischen Sondergruppen der Partei zu grün­den, rote es in Berlin der Fall fei, sondern nur Ka­tholiken ausschüsse bei den einzelnen Landesver­bänden ins Leben zu rufen, die gleichsam als Offiziere der Partei die Werbearbeit unter den Katholiken zu organisieren und zu leiten und die höheren Instanzen zu informieren hätten. Die Urwähler dürsten drtrch die katholischen Ausschüste nicht erfaßt werden, schon aus dem Grunde nicht, weil manche Katholiken nach außen hin sich nicht zur Deutschnationalen Partei bekennen dürften. Bei der breiten Maste der Katholiken wirke der Deutschnationale wie der Antichrist.

Einen längeren Raum nahm die Aussprache über das Zeitungs- und Zeitschriftenwesen in Anspruch. Eine deutschnationale katholische Zeitung wird nach aller Voraussicht, so wurde mitgeteitt, nach dem 1. Januar 1921 im Rheinland für ganz Deutsch­land erscheinen. Sft soll so ausaebaut werden, daß sie die Konkurrenz mit der „Köln. Volksztg." auf­nehmen kann. Katholische Schriftsteller und Gelehrte sollen so stark wie möglich zur Mitarbeit herangezoaen und den kirchlichen Fragen soll ein ganz be- sondsres Augenmerk geschenkt werden. Unbedingt wurde betont, müsse Än Gegenstück gegen die „n i e- derträchtige Politik" der „Köln. Volksztg." geschaffen werden. Die deutschnationalen Blätftr aber sollen auigfordert werden, mehr als bisher über ka­tholische Dinge zu berichten und besonders die kirch­lichen Nachrichten, Gottesdienstordnungen usw. zu ver­öffentlichen. Auf die Geistlichkeit am Orte und die b i- s«höfliche Behörde soll in diesem Sinne einge­wirkt werden.

Hierzu bemerkt der „Badische Beobachter": „Auch diese Forderungen und Wünsche sind äußerfh inte­ressant. Wir wissen, daß jetzt schon Begehungen und Wünsche augeknüpft werden sollten, um an die Träger der Mitra heranzukommen. Alles das, um daS gläubige katholische Volk ins deutschnationale

Die Bölkerbrrndsversammlung.

Die deutsche Note über die Kolonien rief am Dienstag eine lebhafte Debatte zwischen dem Prä­sidenten Hymans und dem Delegierten Australiens M'llcn hervor. Das OeneralfeEre lariät des Völker­bundes hatte nämlich die deutsche Note der Versamm­lung nicht offiziell übermittelt, sondern einfach als Drucksache mit den zahlreichen anderen täglich einlau- fenden Schriftstücken verteilen lassen. Millen be­schwerte sich über dieses Verfahren anläßlich eines so wichtigen Gegenstandes. Präsident Hymans entgeg­nete sicht ckch nervös. Nach vielfachem Hin und Her. wurde ein Anrag Millen auf Besprechung der Noft in der Donnerstagsitzung in Aussicht gestellt. Wenn aber Millen aus eigener Initiative eine Diskussion im Plenum herlieiführen wolle, fo stehe es ihm frei, einen Beschlußantrag einzubringen.

Lord Robert Cecil begründet einen Antrag auf vollständige Veröffentlichung der dem Rate des Bun­des zur Verfügung stehenden DokumiMte über den polnisch-litauischen Konflikt. Man müsse wissen, ob von Polen ein Bruch des Friedensvertra­ges begangen worden sei, denn der Völkerbund hätte dann die Pflicht, die Anwendung des Artikels 16 ge­gen Polen zu verlangen. Der Präsident erklärte, er möchte eine öffentliche Diskussion verschieben, bis er die Vertreter beider Parteien arfgebört habe. Der Antrag Cecils wurde angenommen. Ebenso wurde ein an­derer Antrag Cecils angenommen, der den Rat des Völkerbundes auffordert, seinen Beratungen eine mög­lichst unbeschränkte Oeffentlichkeit zu geben.

Barnes (England) verlangte Auskunft, warum der Völkerbundsrat über die Gründe nichts gesagt hat, wes­halb er im polnisch-russischen Konflikt nicht interveniert habe. Er forderte Schritte des Völ­kerbundes, um die Wiederaufnahme der Feindseligkei­ten zwischen Polen und Rußland zu o e rh i n d e r n. Dieser An rag soll, wie beschlossen wurde, in einer der nächsten Sitzungen diskutiert werden, nachdem der Völkerbundsrat dazu Stellung genommen haben wird.

Verantwortlich für den ceOautonellen Teil: Karl Schütte, u für die Anzeigen: 3- Par zell er-Fulda. - Rotationsdruck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda, -kerniprecher Nr. 9. Telegr.-Adreffs: Fu ldaer Zeitung

Bezugspreis: Monatlich 3,00 AU. ohne Zustellgebühr. In Fulda

Mittwoch, 24. November 1920. SNS-i- L.ILsi'lül 47. Zahrg

' (Tertbreitel 1.80 u. 10% Zuschlag. Bei Wiederhol. Rabatt. _______

Parteitag der preutz. Zentrumspartei.

Von Dr. A. Klöckner, Generalsekretär der Preuß. Zentrumspartei.

Die preußische Landesversammlung steht vor dem Abschluß der Aufgaben, die sie als verfassunggebende Volksvertretung zu erfüllen hatte. Die Wahlen zum ersten preußischen Landtage sollen am 20. Februar nächsten Jahres vollzogen werden. Diese Tatsachen sind Anlaß genug, einen Parteitag der preußischen Zentrumspartei zu berufen. Rückblickend soll er sich mit der Tätigkeit der Zentrumsfraktion in der preußi­schen Landesversammlung beschäftigen, vorwärts schauend sowohl den W a h l k a m p f d o r b e r e 11 en, als auch die Organisation der Partei aus- bauen und beleben. Dft Tagung ist festgelegt auf den 11. abends, 12. und 13. Dezember. Das ge­schah mft Rücksicht darauf, daß am 13. Dezember vor 50 Jahren die Zentrumsftakion des preußischen Abgeordnetenhauses sich gebildet hat. Das Programm der Tagung, das in kurzer Zett veröffentlicht werden wird, trägt diesem Jubilätrmscharakftr Rechnung.

Einladungen werden ergehen: 1. an die preußischen Mitglieder des Reichsparteitages der deutschen Zen- frumspartei; 2. an die Vorsitzenden der Organisationen der preußischen Wahlkreise; die Vorsitzenden können im Falle ihrer Verhinderung ihren satzungsgemäßen Ver­treter entsenden. 3. An die Mitglieder der Zentrurns- frattion der preußischen Landesversammlung. 4. an die Vertiefte der Presse, die vom Auaustinusverein zu benennen sind. 5. an dia> preußischen Generalsekre­täre, falls deren Einladung vom Wahlkreis-Vorsitzen­den beantragt wird. Sämtlichen Mitgliedern des Par­teitages wird eine persönliche Einladung zugehen. Diese allein berechtigt zur Teilnahme.

Die Vorsitzenden der Wahlkreise werden ersucht, möglichst umgehend mitzuteilen, ob sie selbst am Par- teitage teilnehmen oder wer als ihr fatzungsgemäßer tßertrder einzuladen ist und ob eroct ein hauptamt­licher Parteisekretär zu laden ist. Auch dft preußischen Mitglieder des Reichsparteitages werden ersucht, ihre genaue Adresse sofort mstzuftilen an das Landcsftkre- tariat der preußischen Zentrumspartei und zwar unter t>er Anschrift: Berlin SW. 11, Prinz Albrechtstr. 5, Zimmer 85. Dorthin sind auch alle den Preußentag belresftnden Anfragen usw. zu richten.

Zur Deckung der durch dft Teilnahme am Partei- fege entstehenden Kosten wird von der Landeskasse rin Zuschuß nicht gegeben.

Die Dstttschnalioimlen

auf dem Katholikentag.

Es hat zu allen Zeiten nicht an Bemühungen ge- ichlt, die deutschen Katholiken irre zu machen am Zen- kmn und sie in besondere politische Gruppen hinein- Miehen. Dabei war schon immer das zugkräftigste Ctichwort das von der „nationalen Zuverlässigkeit". Diese in Zweifel zu ziehen, liebte man feit dem ersten -tage des Bestandes der Zentrumspartei, und beute, der politische Umsturz uns vor ganz neue Verhält­nisse gestellt hat, scheint es, als wenn wieder mit die­ser Parole der Katholikenfang systematifch ins Werk Schill werden soll.

Die Deutschnationalen haben bekannttich mnerhalb ihrer Partei eine ebne Unteraruppe gebildet, bie von deutschnationalen Katholiken gebildet wird und mb nir Aufgabe seht, allenthalben im Londe dft Ka- thcliken dem Zentrum abspenstig zu machen und für sich einzufangen. Die Sache wird großeüaiq ange- PQtft und ist ganz darauf abgeftimmt, den Keim der Zersetzung in die Zentrumspartei unter der verbittern­den Unterstellung der minderen „nationalen Zuver-

Das Schwert von Thule.

Vornan von Leontine von Winterfeld-Platen. 271 _________

5a, woraus wartete Hellwig denn? Auf den Früh» llng vielleicht, der ihr endlich die Heimkehr nach Rostock Möglich machen sollte? Oder auf ein Wunder, das ihr °>e schwere, schwere Last von der Seele hob, unter der sie oft zusammenzubrechen meinte? War es wirklich erst ein Jahr her, daß sie oben im Norden mit dem ^lhnen im Blockhaus am Herdfeuer gesessen und seinen uralten Soldaftnliedern gelauscht?

Damals war sie noch jung und so fröhlich gewesen wie ein Kind. Und hatte sich an den Fjorden und den ^chneebergen und dem Nordlicht gefreut mit wildem, twrkem Jauchzen. Wie die schrillen Seevögel es taten, >e um die Klippen flatterten im tosenden Sturm. O, war das Leben ihr da schön gewesen! Schön und ge« und reich! Und wenn die Morgennebel über .'n Wassern lagen, dann mar es ihr immer als seien j?5 undurchsichtige Schleier, die ihre Zukunft bargen, "nd es war oft wie Uebermut und Neugier über sie Sekommen, diese Schleier nur einmal lüften zu dürfen, 'v übersprudelnder Jugendluft hatte sie dem Ahnen ein» °l davon gesprochen. Der hatte ernst das schneeweiße 7*°.uPt geschüttelt und ihr die zitternden Greifenhände °Us die weizenblonden Haare gelegt.

„Cs ziemt uns nimmer zu wissen, was die Nomen Dir "ns spinnen Kind. Das weiß nur Allvater allein.

>r sollen stark und aufrecht durch das Leben gehen d nur treu sein, Heilwig — treu in Wort und Pflicht ud Tat bis an den Tod. Alles andere ist Not und Unruhe."

Sie hatte seine Worte damals noch nicht so ganz 'erfanden.

O, daß er noch lebte! <

Daß sie wieder niederknien könnte vor ihm wie einst J? ihr müdes Haupt in seinen Schoß legen und feine fühlen auf ihrem Haar. O, daß sie ihn um at fragen könnte in ihrer großen Not! Dieweil iie ,^er aus noch ein wußte jetzt. Wenn sie ihn jetzt . E sich, sah, so hatte er ein ernstes, strenges Gesicht ■ schien nicht zufrieden mit ihr.

Und sagte immer nur das eine:

„Worthalten ist nötiger als Atemholen"

Ja ja — sie wollte ja auch fort von hier. Sobald es ging.

Hatte sie nicht unzählige Male schon darum gebeten? Und doch — und doch! Es war fo selig, hier zu fein. Trotz allem. Solch wunderseliges Heimatsgefühl wollte sie oft überkommen hier. Denn war nicht einer Kind gewesen hier? Hatte einer nicht hier seine ersten Schritt­lein getan? Seine ersten Worte gestammelt an Mutter­hand? Hatte einer nicht seine ersten Waffengänge ge­übt und ersten Schwerthiebe mit der ungelenkigen Kna­benfaust? Wa» nicht einer von hier aus Seite an Seite mit dem Bruder in die ersten Fehden gezogen? O, wie hatte sie jeden Stein hier lieb, denn er hielt ja die Mauern von seinem Naterhaus! Und sie konnte sich den Tag nicht denken, an dem sie diesen Ort einmal verlassen sollte.

lieber den Schneefeldern verblaßte ein gelbroter Abendschein. Oben am Burgfenster des Frauengemaches stand Heilwig und wiegte Frau Gödels Kind. Das lag schlummernd in den Kisien und ahnte nichts von Lebenskampf und Seelennot.

Brigitte Alvensleden nud Frau Gödel waren unten in der Küche beim Schweineschlachten. Cs waren nun schon zwei Monde her, daß Verend und Otto Maltzan gegen Mecklenburg im Felde lagen. Unerbittlich setzten sie ihren Krieg gegen den Herzog fort, und noch war kein Waffenstillstand erzielt.

So kam allmählich der Frühling des Jahres 1477 ins Land. Auf den Saaten und Hängen schmolz der Schnee und riefelte in lustigen ® äff erlern talab. 3m schwarzen, kahlen Geäst der Linden im Burghof zu Wolde lärmten, fchrieen die Stare, Schneeglöckchen und Krokus drängten sich im kleinenk Gürtlern schüchtern ans Sonnenlicht. Nahe der Mäuer des Burggartens stand in hohen Männersttefeln Brigitte Alvensleben in der feuchten schwarzen Erde und schaufelte mit ihrem Spa­ten, daß es nur so eine Art hatte. Die Männer waren rar geworden auf Wolde, dieweil die rüstigen alle mit Herrn Verend im Felde standen. Da galt es für die Frauen tüchtig zu schaffen und keine Männerarbeit zu scheuen. Das war so recht Brigittens Fall, und sie ging allen mit bestem Beispiel voran. Ihre spitze Pelzmütze

war ihr zu warm geworden in der Märzensonne, sie hatte sie neben sich an einen Baumzweig gehängt. Zwi­schen dem emsigen Graben mußte sie sich oftmals bücken, um die schönen, fetten Regenwürmer in einen Napf zu sammeln für die Hühner, die ihrer besonderen Obhui unterstanden.

Hart am Mäuerlein, in geschützter Ecke, schlum­merte Frau Gödels Kind im Korbwagen mit rosigen Wänglein. Nicht weit davon band Heilwig mit langen, sauberen Bastfäden kleine Obstbäume fest, daß der Früh- lingsfturm ihnen nicht die Stämme knicke. Es war ein Bild des Friedens und der Behaglichkeit und man konnte darüber vergessen, daß draußen im Lande Krieg und Fehde tobten.

Heilwig stand hoch und aufrecht und mußte oft mit stillen, ernsten Augen hinaussehen in den blauen Früh­lingshimmel, über den die großen, schneeweißen Wolken lautlos segelten.

Brigitte hielt einen Augenblick inne im Schaufeln und wischte sich den Schweiß von der Stirn.

„Nun können wir bald Heimreisen, Heilwig, Ihr gen Norden, ich gen Süden. Dieweil der böse Winter uns die Fahrstraßen freigeben wird."

Ehe Heilwig noch etwas erwidern konnte, trat Frau Gödel raschen Schrittes durch das Pförtlein vom Hof her in den ©arten. Ihre Augen waren blank und frisch, und das mächtige Schlüsselbund klapperte ihr am Gurt. Sie war zu Brigitte an bas Mäuerlein getreten und warf einen frohen Blick zu ihrem schlafenden Kinde herüber.

„Denke nur, Brigitte, Herr Verend schickt soeben Botschaft, daß wir alles rüsten möchten für Herrn Ottos Heimkehr. Dieweil dieser verwundet sei und sich bei uns ein wenig pflegen und ruhen solle. Der Knecht meinte, er könne bald hier fein. Herr Verend habe ihn gleich nach her Verwundung fortgeschickt mit etlichen Mannen zur Begleitung. Herr Otto hätte nimmer gewollt, sich endlich aber doch dem Willen des Bruders fügen müs­sen. Ich will nun eilends mit der Magd nach oben, seine Kammer zu rüsten."

Und mit kleinen, trippelnden Schritten, wozu das Schlüsselbund klirrend den Takt schlug, war Frau Gödel auch schon wieder aus dem Pförtlein davon.

Brigitte Alvensleben schüttelte bekümmert den grauen Kopf.

„Der arme Bub! Das kommt von diesem verflixten Krieg. Muß der Teufel wieder mal dazwischen spuken und dem Besten eine Wunde auswifchen. Hoff zu Gott, daß sie nimmer schlimm sein wird."

Es hatte Heilwig alles schweigend mit angehört und kein einziges Wörtlein gesagt.

Nun stand sie jeden Tag hoch oben am schmalen Fensterlein und schaute in die Weite. Denn wenn er nun kam, so mußte sie gehen. Das war gewiß. Weil sie wußte, daß er ihre Seele wieder in Bann schlagen würde, wie jedesmal, wenn sie beisammen waren. Und das durfte nicht fein. Es standen in jeder Nacht Elisa­beth vor ihr und der Ahne. Die riefen sie. Darum mußte sie fort, ehe es zu spät war. Mit grausamer Klarheit sagte sie es sich Tag für Tag und konnte den­noch nicht fort. Denn einmal noch norm Scheiden wollte sie ihn sehen. Wollte sie sehen, wie siech und wund er war. Immer waren zwei Stimmen in ihr, die miteinan­der stritten. Und eine war so mächtig wie die andere.

In den Tagen war es, daß sie hörte, ein Händler aus Demmin fei unten im Hof und verhandle mit dem Vogt. Da ftieg sie langsam hinunter, Stufe für Stufe, mit schwerem, zögerndem Schritt. Bis sie vor dem fremden Manne stand.

„Ihr kommt aus Demmin, höre ich. Kennt Ihr dort die Sippe der Lämmerzahl? Der Händler lachte.

„Wie sollte ich die nicht kennen, Frau? Ist ja eines der angesehensten Häuser der Stadt."

Sie hatte ein Tuch in der Hand, und ihre Hand« krampften sich wie in Angst darum.

„Könnt Ihr mir wohl sagen, ob Herr Fridolin Läm- merzahl noch lebt?"

Der Händler sah ihn erstaunt an.

„Aber warum sollte er denn nimmer leben. Fra Wohl und munter ist er und bringt sein Geschäft äu großer Blüte. Hab ihn gestern noch getroffen im „Sü­ßen Raben".

((Fortsetzung folgt.)'