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Amtlicher Anzeiger für den kreis und die Stadt Julda.

Montag, VS« November -920. |

FU. 265

in

Denkschrift über die Milchkühe.

Der preußische Minister für Dolkswohlfahrt hat einer Denkschrift an das preußische Staatsmmi-

steiMM zu der Forderung der Entente auf die Aus­lieferung von Milchkühen Stellung genommen. Soll­ten uns 800 000 Milchkühe abverlangt werden, so wurden uns dadurch mindestens 6 Millionen Liter

Der AbstimmnngStag in Oberschlesien.

Wie aus Oppeln berichtet wird, rechnet man dort damit, daß die Abstimmung in Oberschlesien in allernächster Zeit stattsinden wird. Der Ter­min sei von der Botschafterkouferenz bereits ange« setzt, werde aber noch streng geheim gehalten. In Deutschen Regierungskreisen erwarte man die Ab­stimmung spätestens Januar 1921.

Es handelt sich bei dieser Meldung offenbar um eine Vermutung, die naheliegt, wenn man die französisch- englischen Vereinbarungen heronzieht, in denen als Termin für die Regelung der deutschen Entschädi­gungspflicht die Zeit nach der oberschlesischen Ab­stimmung, spätestens aber die erste Hälfte des Februar genannt wird. Die Vorarbeiten für die Abstimmung sind aber so umfangreich, daß es große Schwierigkeiten machen wird, die technischen Voraus­setzungen bis zum Januar zu erfüllen.

Nach dem Berliner Streik.

•uü Der wilde Berliner Streik wird den Reichstag beschäftigen. Von der Seiten der deutschnationalen Fraktion ist eine Interpellation eingebracht worden, welche die Regierung vor die Frage stellt was sie zu tun gedenke, um künftig ähnlichen Streiks wirksam zu begegnen und die Staatsautorität aufrecht zu erhalten. In dieser Interpellation wird auch be­reits die Frage aufgeworfen, ob die Regierung einer Gesetzentwurf vorlegen will, der die zum Schutze gegen wilde Streiks und wilde Aussperrungen in lebens­wichtigen Betrieben erlassene Verordnung des Reichs­präsidenten durchführt und außerdem wird angefragt, ob dieser Schutz der lebenswichtigen Betriebe auch aus den öffentlichen Verkehr und die Landwirt­schaft ausgedehnt werden soll. Auch von anderen bürgerlichen Parteien ist beabsichtigt ,die jüngsten Vor» gärige in Berlin zum Gegenstand eingehender Ver» Handlungen im Reichstage zu machen. Andererseits beabsichtigten die Unabhängigen auch ihrerseits eine Interpellation einzureichen, die aber im entgegenge­setzten Sinne wie die deutschnationale Interpellation Einspruch gegen die Verordnung des Reichspräsi­denten erhebt, und ihre Aufhebung verlangt. Man wird auf sehr bewegte Debatten sich gefaßt machen müssen.

Die Freigabe -er Dieselmotoren.

Di- Note der Botschasterkonserenz, die die Entscheidung der Frage der Dieselmotore enthält, ist am Samstag beim Berliner Auswärtigen Amt eingetroffen. Sie enthält die Erklärung, die Ermittelungen hätten ergeben, daß die Zahl der Dieselmoiore, die außer den der Kontrollkommission bereits bekannten 296 U-Boot-Motoren in der In­dustrie Verwendung finden, verhältnismäßig unbe­deutend sei. Die Botschafterkonferenz könne jedoch die deutsche Ansicht, nach der die Motore als reine Antriebsmaschinen nicht unter die Kriegsausrüstung eines U-Bootes fielen, sondern allgemeine Wirt- schaftsmaschinen seien, nicht teilen, da alle derartigen Motore ursprünglich nur für U-Boote hergestellt worden feien.

Die Botschafterkouferenz glaube jedoch der Ver­sicherung der deutschen Regierung über die Wirt­schaftlichkeit der Dieselmotoren und habe auch nicht die Absicht, die wirtschaftliche Leistungsfähig­keit Deutschlands gewaltsam zu schädigen. Sie stelle jedoch zwei Bedingungen:

Die deutsche Regierung hat erstens alle Maß­nahmen zu treffen, um bis zum 31. März 1921 der interalliierten Kontrollkommission einen Bericht über die Anzahl und den Standort aller Dieselmotoren zu geben, die am Tage des Waffenstillstandes in U-Booten eingebaut waren ober zu diesem Zweck auf Lager standen.

Zweitens wird für die Zwischenzeit die Kontroll­erleichterung getroffen, daß alle seither tatsächlich in der Industrie verwendeten Motoren nicht abge­liefert zu werben brauchen; nur diejenigen Diesel­motoren, die am 31. März noch in Lagern stehen, fallen unter die Ablieferungspflicht gemäß Artikel 129 des Friedensvertrages.

Vier Konferenzen.

Die Einigung zwischen England und Frankreich N>er ien Weg, der endlich zur Festsetzung der deutschen Kriegsentschädigung führen soll, findet ihren Ausdruck in einer Note, des französischen Mmister- präsidenton Leygucs an den englischen Botschafter m der jolgenbe Konferenzen festgesetzt sind:

1 eine Konferenz der Sachverständigen in Brüssel zm BerichterstattutW

2. eine Konferenz der Minister in Genf, eben­falls zur Berichterstattung:

3. eine Sitzung des Wiedergutmachungs­ausschusses, der über den Gesamtbetrag der deut- schm Schuld und über die Zchlungsweise entschei­den soll:

4. eine Sitzung des Ober ft en Rates, der alle noch nötigen Maßregeln, wie Sicherungen und Strcff- klaustln prüfen soll.

Die französischen Staatskünstler haben es nun also erreicht, was sie mit Zähigkeit erstrebt haben: die Wie- dergutmachungssrage wird nicht in der vorgesehenen Aasammenkunft der Minister gelöst, sondern vom Wiedergutmachungsausschuß. Dem Namen nach wird die Mmisterkonferenz in Genf beibehalten: aber der Minungsauswusch soll dort nur vorbereiten­den Charakter haben. Die Deutschen werden an dieser Konferenz teilnehmen dürfen und zwar, wie die ftcm- zösischr Note vorsichtig bemerkt, „mit beratender Stimme wie in Spaa*. Sie verschweigt aber den großen Un­terschied gegenüber Spaa. Dort wurden unter dem frischen Eindruck des unmittelbaren Meinungsaus­tausches die Beschlüsse gefaßt, und die deutschen DeiluehnNT hatten die Möglichkeit, bis zum letzten Augenblick der Unterzeichnung des Protokolls ihre Be- denkm oder Vorbehalte geltend zu machen. Jetzt soll in Genf mchts beschloflen und nichts erledigt werden. ®6 heißt vielmehr darüber in der Note:

„Die Teilnehmer dieser Konferenz in Genf werden hren Regierungen Bericht erstatten, und jede der Rc- gienmgen wird sodann ihrem. Vertreter in dem Wieder- gutmachmigsausschuß Anweisckngen geben über die Fol­gerungen, die seine Regierung aus dem Bericht ihres Vertreters bei der Konferenz in Genf gezogen hat."

Bei diesem Verfahren ist es nicht notwendig, daß die leitenden Minister sich nach Genf bemühen. Wenn die Teilnehmer nur Bericht erstatten sollen und jede Regierung erst nachträglich ihre Folgerungen ziehen wird, so genügen auch Geschäftsträger geringe­ren Grades. „Jede der Regierungen" wird aus­drücklich betont; die Franzosen möchten also sogar verhüten, daß die verbündeten Teilnehmer an der Konferenz von Genf sich dort sofort über das Ergeb­nis verständigten. Es soll eben alles in den Wie­dergutmachungsausschuß gefdjoben wer­den, in dem Frankreich den Vorsitz hat und als Hauptgeschädigter gegenüber nachgiebigen Ausschuß- Mitgliedern feinen Willen durchzufetzen gedenkt.

Darum ist vorgesorgt, daß der sonst allmächtige Oberste Rat in der Hauptsache nichts mehr zu sagen hat. Die Höhe der deutschen Schuld und die Zahlungsweise soll der Ausschuß endgültig fest- stellen. Der Oberste Rat soll nur hinterher laufen, wie der Gerichtsvollzieher hinter dem rechtskräftigen Urteil. Sicherungen und Straßmaßnahmen"' bleiben seines Amtes. Der Ausschuß schreibt dem Obersten Rat seine Henkersarbeit vor.

Diese schlau berechnete Werteftung ist ein Hohn auf die feierliche Einladung nach Genf. Die Minister- konferenz wftd zu einer unverbindlichen Vorbesprech­ung, tnti) die Entscheidung wftd in den Wirdergut- machungsauss chutz geschoben, in dem Deutschland nichts zu sagen hat. Unsere Minister könnten von Rechts wegen die Reffe zur verwässerten Konferenz tofgeben; aber da von der Aufklärung übet unsere Leistungsfähigkeit unsere Zukunft abhängt, so werden wft wohl ohne Empfindlichkeit jede verbleibende Ge- lsgenheft zur richtigen Information der Sieger be-

Tev Völkerbund in Genf.

Zur ersten Tagung.

Zum Völkerbund, der jetzt in Gen f tagen soll, ge­hören wir Deuffche noch nicht. Wir sollen, nach Pa­riser Kundgebungen erst bann zugelassen werden, wenn wir unseren Willen zur Erfüllung des Vertrages von Versailles noch bestimmter zum Ausdruck gebracht haben werden, als es bisher geschehen ist. In Lon­don und Rom hatte man schon jetzt nichts dagegen, daß Deutschland Mitglied wird, was insofern von Bedeu­tung fein könnte, als wir besser trat Lebensrnitteln und Rohmaterialien bedacht werden. Ob sich diese letzte Hoffnung erfüllen wftd, ist freilich von der künftigen Haltung der Vereinigten Staaten von Nord- Amerika zum Völkerbunde abhängig, denn diese sind heuft Weltlieferanten, ohne deren Mitwirkung nichts Großes cmzufangsn ist. Präsident Wilson, der Urhe­ber irr Idee vom Völkerbund, hätte diese Mitarbeit Amerikas wohl gesichert, aber ihm folgt in seinem. Amte bekanntlich in wenigen Monaten der neuge­wählte Präsident Har ding, und dieser, wie die po- liKschen, wirtschaftlichen und finanziellen Größen halten von dem Völkerbunde sehr wenig. Sie fühlen sich da­durch nur beengt. Und warum soll sich Amerika von dem Bunde die Ellenbogenfreiheit nehmen lassen, nach­dem Frankreich und England schon früher erklärt hat­ten, daß sie niemals tfjre Lebensinteressen dem Gebot dieser neuen Vereinbarung unterstellen würden?

Soviel steht fest, daß, wenn der Welffriede sonst keine Lebenskraft hat, sie chm durch den Völkerbund allein auch nicht gegeben werden wird.

Wenn wir auch werden abmatten müssen, was bei diesen ersten Beratungen in Genf herauskommen wird, so soll immerhin nicht vergessen werden, daß für den Bund eine Reihe von wichtigen Grundsätzen ausgestellt worden sind. Da ist zuerst der Gedanke einer allge­meinen Abrüstung. Hierin tun aber die großen Mächte das, was sie für angemessen halten. Dann ist festgesetzt, daß keine geheimen Abmachungen zwischen den Mitgliedern des Völkerbundes abgeschlossen werden sollen, doch haben jetzt schon Frankreich und Belgien bekannt gegeben, daß sie ein Bündnis zur Abwehr von neuen möglichen deutschen Angriffen abgeschlossen ha- ben, über die Einzelheiten aber lassen sie nichts ver­lauten. Weiter ist es ein Grundsatz für den Völker­bund, daß feine Mitglieder keine wirtschaftlich en Sonderabmachungen treffen sollen. Das ist der Punkt, der besonders in Amerika eine kühle Abweisung hervor- gerufen, Hot. Amerika wird der letzte Staat sein, der

nutzen müssen. Es kommt ja auch viel darauf an, daß der englischen und italienischen Regierung aus Genf ein Bericht zugeht, der auf die Anweisungen für ihre Vertreter im Ausschuß mäßigend wirkt und überhaupt der besonnenen Gruppe in der Entente den Rücken stärkt gegenüber den französischen Gewaltpoli­tikern. ,

Nebenbei bringt das umständliche Verfahren, das Frankreich durchgesetzt hat, eine weitere Verzöge­rung mit sich. Die Konferenz der Minister m Genf soll verschoben werden bis nach der Abstimmung rn Oberschlesien, jedoch nicht weiter als „bis zur ersten Hälfte des Februar". Der Ausfall der oberschlesischen Absttmmung hat freilich sehr wesentlichen Einsluß auf die Leistungsfähigkeit Deutschlands; es ist nut zu be­dauern, daß dort die Entscheidung so lange hinaus- geschoben worden ist. Wenn nur Gens noch die Be­deutung von früher hätte, so würden wir wenigstens im Februar erfahren, was und wie wir zahlen sollten. Nun aber ist erst noch ein Bericht an die Regierungen, eine Prüfung und Beschlußfassung im Schoße jeder verbundenen Regierungen und darauf der Zusammeu- tritt des Wiedergutmachungsausschusses vorgesehen, bis dann endlich der Oberste Rctt an die Vollstreckung des Urteils geht. Wie lange kann das sich noch hin- ziehen? Und wir brauchen doch so dringend die Klarstellung unserer Verpflichtungen als unentbehrliche Grundlage für unsere Finanzreform und für unsere wirtschaftliche Genesung!

Deutschland bleibt auf der Folter.

Leiuasvreis: Monatlich 3,00 Alk. ohne Zustellgebühr. JnFu.Do

bei uns abgeho'.t 3,15 Alt. Anzeigenpreis: DieKleinzei e I A7 lAhm, Coioneimaz) 60 Pfg., u. lüft-Zuschlag, die Re kl amez eile > J J (Textbreitri 1.80 IRL, u. 10% Zuschlag. Bei Wiederhol. Rabatt.

Milch tägfich entzogen werden. Dadurch würde zu­nächst die Ernähmng Hunderttausender von Sauglm- gen an der Mutterbrust in Zukunft nicht mehr oder nur in ganz geringem Umfange möglich, wodurch Tod und Siechtum zahlloser Säuglinge herbeigeführt wur­den. Es ist fcstgestellt, daß schon bisher durch die Unterernährung der Mütter die, Kinder lAEren Schaden nehmen. Ein weiteres Sinken des Gesund­heitszustandes der stillenden Mütter wäre mit, einer noch weiteren Zunahme von Rachitis, Skropgulose, Mut arm ut und Tuberkulose verbunden. Die Zahl die­ser Kindererkrankungen, wozu noch krankhafte Ver­änderungen des Knochengerüstes kommen, ist nament­lich seit 1917 bis zu 50 Prozent in die Hohe gegan­gen, was namentlich auf die Entziehung der für Die Ernährung so besonders wichtigen Milch und But.er zurückzuführen ist. Dazu kommt, daß infolge des Mangels an Kraftfutter in Deutschland höchstens noch ein Drittel der Milchmenge erzeugt wird, die für die allgemeine Volksernähmng unbedingt erforderlich ist. Diese Erkenntnisse führen bedingungslos zu dem Er- gebms, daß die Erfüllung der Forderung der Entente für uns völlig unmöglich ist, da sie gleich- bedelttend wäre mit dem Siech: n und dem vorzeiti­gen Tode Hunderttausender von Volksgenossen.

VerantworUich im Den LtOtunoneUen Teil: Karl Schütte, u für Du Anzeigen: I. Parzener» Fulda. n Rotationsdruck u. Verlag der Fuldaer Lüiendruckerei in Fulda. en1 lecher Rr. 9. Telegr.-Adreise: Fuldaer Zeitung

sich in seine GeschäftsangelegenhÄtem hinemreden lassen wird. . ’ _

Kommen wir noch nicht in den Völkerbund hinein, so müssen wir uns mit aller Kraft dagegen stemmen, daß er sich als ein Instrument zur Niederhaltung ei­nes neuen deutschen Aufschwunges erweist. Der Ver­such dazu wird wohl von Paris aus gemacht werden. Den größten Wett für uns würde der Völkerbund ha­ben, wenn er sich als em Schiedsgericht über die Mög­lichkeit der Ausführung gewisser Bestimmungen des Versailler Vertrages erwsifen würde. Ob aber dies Ziel zu erreichen ist? Frankreich und Eng­land werden sich vom Völkerbund ganz gewiß nicht in chr Handeln hineinreden lassen. So wie er jetzt ist, ist er nur ein Instrument in der Hand der Seger groß- mächte, mft dem sie die Besiegten und Nerttralen Nie­derhalten. m ,

Genf, 14. Nov. Die Vertreter der 41 an der Montag beginnenden Generalversammlung des Völkerbundes teil' nehmenden Regierungen sind nahezu vollständig in Genf eingeftoffen. Bei dem Generalsekretariat des Völker­bundes sind außer den Anträgen Oesterreichs und Bul­gariens noch Gintrittsanträge eingelaufen von Finland, Esthland, Litauen, Ukraine, Georgien, Armenien, Lu­xemburg und Lichtenstein. Für die Eröffnungssitzungen sind 260 Einladungen an bas diplomatische Korps und andere Behörden gerichtet. 107 Zeitungen aller Länder haben bereits ihre Vertreter zum Kongreß beim Se­kretariat angemeldet.

Das Schwert von Thule.

Boman xxm Leontine von Winterfeld-Platen. 182] ___________

„®, wie lang hab ich Euch nicht mehr gesehen, Heil« «ig! 3fjt habt Euch in der letzten Zett schön erholt und Nb aufgebläht wie ein Märkern. Hat das die Seeluft Kummerow getan?*

Er merkte in seiner Freude nicht, ba($ sie Äaß ge­worden war und schwer atmete.

-Unb was soll bas Tannengrün, das Ihr da im Arm Hellwig?*

r@s ist zur heiligen Weihnacht für di« Bttrgfapene,* sie leise und wollte cm ihm vorubergehm.

Ab« er vertrat ihr plötzlich den Weg.

dürft nicht gar so eilig fein Hellwig, für die ®°peüe ist immer noch Zeit. Fragen .oollte ich Euch Auftrag von Frau Gödel und Brigitte Aloensleben, * Ihr zum Fest nicht herüberkommen wollt nach Wolde. Dieweil es just die frohen Tage so einsam sei für Euch hier.*

Er stand dicht vor ihr und seine dunklen Augen Achten in ihrem Gesicht.

Si, sah an ihm vorüber, und cs war etwas Starres "> ihren Zügen.

«Ich wollte Euch schon jeden Tag bitten, Herr Otto, En es mir wieder gut geht, mir zu helfen, daß ich bald heimkomme zu den Meinen. Dieweil sie in Sorge Nn werden um mich und ich keine Zett mehr verlieren Nrf.

Er hatte die Stirn in Falten gezogen und gab keine Antwort. Es war, als dächte er nach, was er sagen Mte. Endlich hob er den Kopf.

„3d; sagte Euch schon einmal, Hellwig, daß jetzt kein "eisen fei für Frauensleute. Dieweil das Kriegs voll Ec Landsftaßcn unsicher macht in Mecklenburg und Pommern*

Sie sah ihn groß und fest an.

»Und dennoch muß ich reisen. Was auch kommen J?a8- Zur Not gehe ich nicht nach Rostock, sondern nach Demmin. 2as ist nimmer weit von hier.*

Er sah verwundert in ihr Gesicht.

„Nach Demmin? Wohnt dort auch jemand von Eurer Sippe? Das habt Ihr mir noch nie erzählt."

Sie mied feinen Blick und sah auf das weite, blaue Waffer.

„Dort wohnt mit seiner alten Mutter Herr Fridolin Lämmeffjahl, so ich anverlobt bin*

In seinem harten, braunen GcsicA hatte keine Mus­kel gezuckt. Rur einen Schtttt trat er zurück von ihr.

„Ich dachte es mir. Denn Ihr spracht schon im Fieber davon. Aber anders als jetjt. Warum ist der Lämmerzahl nimmer gekommen die ganze Zett und Hai Nachfrage gehalten nach Euch?*

Sie zuckte die Achseln.

„Er wird nimmer gewußt haben, wo ich bin, Herr Otto*

Der lachte laut und hatt.

„Dabei weiß jedes Kind in Mecklenburg und Pom­mern, daß Herzog Bogislavs Ucbcrfall bei Kummerow gewesen. Aber hier hat niemand gefragt nach Euch."

Hellwig nickte.

„Er sah mich vielleicht mit meiner Wunde blutend liegen und dachte, ich wäre nimmer am Leben*

Jetzt knirschte" Herr Otto mit den Zähnen, daß cs klang, als fei ein wildes Tier im Zorn.

„Und hätte er Euch gesehen in Eurem Blut«, so hätte es ihm noch viel weniger Ruhe lassen dürfen bei Tag und Nacht. Hätte er das gesehen, von Ort zu Ort wäre er gezogen und hätte geforscht nach Eurem Bcr- bleib. Nein, nein, Hellwig, der Mann kann nicht mehr leben, sonst hätte er längst Euren Aufenthalt erkundet."

Da legte sic die Hände ineinander wie ein bittend Kind und sah ihn an.

„D, Herr Otto, so helft Ihr mir, die Wahrheit zu er­fahren. Verschafft mir sicheres Geleit nach Demmin, damit ich wisse, was mit ihm fei.

' Er sah die Angst und Not in ihren Augen und daß alles Rot gewichen war aus ihren Wanzen.

Da packte cs ihn wild und jäh, daß er hatt nach ihren Händen griff und sic festhielt.

Dicht cm ihrem Ohr war seine heiße, zitternde Stimme:

„Liebt Ihr denn so sehr, Heiiwig, daß Ihr also in großer Angst seid um ihn?"

In Todesangst hatte sie sich losgeriffen und war zu­rückgewichen in den tiefen Schnee.

„D, fragt mich nicht, Herr Otto, fragt mich nicht! Nur das eine weiß ich; baß ich ihm mein Wort gab, um einer anberen willen. Das muh ich nun halten, bis in ben Tob.*

In schweren, kurzen Stößen ging sein Atem.

«Ich laß Euch nicht fort von hier, Hellwig. Nicht nach Demmin und nicht »ach Rostock. Dieweil ein Lei­ben in Euch ist, wenn Ihr nur baran benkt. Ober meint Ihr, ich sei blinb? Meint Ihr, ich hätte Euer wehes Flehen nimmer gehört, als Ihr bamals im Fieber lagt? Sic haben Euch umsponnen mit List unb Hinterlist, bie habgierigen Krämerseelen in ber Stabt. Aber bei Gott! Es hat Otto Maltzan ein gutes, scharfes Schwert, bas wirb all bas Gespinst burchschncibcn, so Eure Seele verbunkeln will!"

Er hatte brohenb gesprochen unb mit der Linken an ben Schwertknauf gefaßt, ber im Gürtel stak. Da flammte auch ihr Stolz auf, unb sie raffte sich zusam­men.

«Es hat mich niemanb umsponnen mit List unb Hab­gier, Herr Otto. Freiwillig gab ich mein Wart. Unb wie ich es gab, so muß ich es lesen. Unb wollt Ihr mir kein Geleit geben gen Demmin, so suche ich allein ben Weg. Denn ich muß Gewißheit haben über Fridolin Lämmerzahls Schicksal."

Da lachte er. Aber seine Augen brannten in Zorn unb Not.

„Versucht es, Hellwig, wie weit Ihr kommt. Die Sftahcn und Wege liegen tief voll Schnee, unb wo kein Kriegsoolk in ben Wäldern haust, ba tun es Wolf und Bar. Ihr werbet nimmer weit kommen, ich gebe heute noch Befehle aus bei Knecht unb Gesinde, daß, wer Euch findet auf Maltzanfchem Land, Euch fängt und zu­rückbringt zu mir.*

Sic sah ihn lange und traurig an.

„Das dürft Ihr nicht, Herr Otto. Dieweil Ihr einst­mals selbst sagtet, daß ich frei und nimmer Eure Ge­fangene sei.*

Da sprang es wie jähe Glut über sein Gesicht, als schämte er sich. Und bann sagte er rauh, fast unbeholfen:

„Man muß Euch zu Willen sein, Hellwig. Unb Ihr sollt Gewißheit haben über ben — Lämmerzahl. Ich reite morgen selbst nach Demmin unb bringe Euch Bc- scheib.*

An ihr vorüber ging er bann, steil unb aufrecht unb mit hartem, verschlossenem Gesicht bem Hochwalb zu.

Ganz still raffte Hellwig ihre Tannenzweige zusam­men, ganz still unb langsam ging sie gesenkten Haupte» zur Burg zurück.

Es war bie Wintersonne berweile hinter. grauet) Schncewolken versunken.

*

Es war am Nachmittag besselben Tages. Heilmtg war still unb ernst ber Vögtin zur Hcmb gegangen, benn es gab noch viel zu tun zum Fest. Jetzt kam btt Alte aufgeregt in die Kammer gehumpelt, wo Hellwig am Spinnrab saß.

„Nun schicken sie Botschaft aus Wölbe her, baß sie noch Fische haben wollen sogleich. Es sinb boch bie Fisch­kästen auf biefet Seite fast leer. Nur am Norbufer des Sees hat ber Vogt Die großen, vom letzten Fang alle verstaut. Wenn er boch heimkäme vom Gejagb mit Herrn Otto zusammen. Dieweil ber Fischknecht front liegt unb nimmer hinausrahren kamt."

Hellwig schob bas Spinnrad beiseite unb stand auf.

„Wo ist ber Schlüssel, Vögtin? Ich will hinüber­fahren ans anbere Ufer unb kuch von ben Fischen holen.*

Die Alte schüttelte langsam ben Kopf.

„Das wirb nimmer gegen, Frau. Denn die Fahrt ist lang unb bie Ruber sinb schwer. Auch seib Ihr noch nicht träftig genug, von ber Krankheit her."

Hellwig reckte bie ©lieber.

„Ich fühle mich stark unb gesund, Vögtin. * Unb habe gerabe viel Sehnsucht nach hartem Schaffen in freier Luft.' Bin bas Stubern gewohnt von Kinb an, so daß es mir nimmer schwer fällt."

Da ließ sich die Vögtin bereden und sagte ihr De- scheib,

UFortfchmia folgt)