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Amtlicher Anzeiger für den kreis und die Sladt Fulda.

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Zreitag, 52. November 1920

sie. 263.

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Bezugspreis: Monaitich 3,00 ZIlü ohne Zustellgebühr. InFu.üo bet unsubgehoU3,15 Mt. Anzeigenpreis: DieKielnzeile Eoioneimaß) 60 pfg., u. 10°„ Zuschlag, die Reklamezeile (Xe$tbreiie> 1.80 Zllt., u. 10% Zuschlag. Bei Wiederhol. Babali.

Beramworlitq für den eroauwneüen Teil: Karl Schütte, u Nu Ott Anzeigen: I. Patzei > er - Fulda. ~ Rotationsdruck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda, ^rnipiectjer Nr. 9. Telegr.-Adresse: Fuldaer Zeitung

47. Zahrg.

Die Regierungsbildung in Thüringen.

Nach einer Pause von mehr als drei Monaten ist „„ 3. November der Landtag für Thüringen zu seiner zweiten Tagung im Fürstenhause zu Weimar zu- sammengetreten. Drei Monate sind für das politische geben der Gegenwart eine lange Zeit, in der sich vieles ändern kann. Auch in Thüringen ist unterdessen man­ches anders geworden. Manches, was zum Aufbau des neuen Staates wertvoll erschien, ist in Scherben gegan­gen, und der Landtag wird genug mit Zujammenleimen und Zujammenflicken zu tun haben.

Nicht alle Landtagsabgeordneten, die einstens im Juli des Parteiegoismus Blüten tage mitgefeiert haben, kjud zur neuen Tagung wiedergekehrt. Drei der mar- lautesten Persönlichkeiten fehlen. Staatsrat Artur Hos- mann, eine Säule der rechtssozialistischen Partei, hat sein Mandat niedergelegt, weil et durch seine Zugehörig­keit zum Reichstag angeblich allzu stark in Anspruch ge. nommen ist. Hofmann war ein gewandter Redner und gewiegter Journalist, der sich durch sein ruhiger, be­sonnenes Wesen auch die Achtung seiner politischen Geg­ner erworben hat. Im Kampfe um die Einheit Thürin. gens stand er seit Jahrzehnten in erster Reihe. An seine Stelle ist im Landtag ein bisher politisch wenig bekannter Mann, der Geschäftsführer Wichtendahl aus der Hildburghausener Gegend getreten. Für den aus Thüringen verzogenen Oberförster Jacobi, einen tem­peramentvollen Debatter, ist der Bäckermeister Haas aus Sonneberg als Nachfolger erschienen. Endlich ist auch der Dolkstribun von Jena, der stimmgewaltige Abgeord- nete Höllein, nicht wiedergekehrt. Er gehört der 11. S. P. D. als einer der Radikalsten der Radikalen an. Mit Stentorstimme pflegte er seine gepfefferten Zwischen- rufe m den Landtagssaal hineinzuschmettern und war deshalb bei einer gewissen Sorte von Tribünenoesuchern sehr beliebt. Er will hinfort ebenfalls dem Reichstage ausschließlich seine Tätigkeit widmen und wird dort auch eine bessere Gelegenheit haben, fein gewaltiges Stimmorgan zur Geltung zu bringen, als in dem klei­nen Weimarer Landtagssaal. Sein Bariton und der Diskont der Frau Z.etz werden im Wallotbau zu einem prachtvollen Duett zusammenklingen. Hölleins Nach­folger im Landtage ist noch nicht bekannt.

Mit einer erfreulichen Tatkraft trat der Landtag an feine Hauptaufgabe, die Regierungsbildung, heran. Durch die trüben Erfahrungen der ersten Ta­gung gewitzigt, faßte er diesmal sozusagen den Stier gleich bei den Hörnern. Noch am Tage seiner Eröffnung beschloß er, alle anderen Ausgaben zurückzustellen unö von öffentlichen Sitzungen zunächst abzustehen, um den Fraktionen Zeit und Gelegenheit zu geben, sich in ver­traulichen Besprechungen über die Regierungsbildung zu verständigen. Eine ganze Woche wurde nun hinter den Kulissen zäh um die Macht gerungen, wie sich aus den halbamtlichen Berichten ergab, die täglich in der Presse erschienen. Beim Lesen derselben kam man aber aus dem Kopfschütteln nicht heraus. Jeden Tag wech- feite das Bild. Zunächst hieß es, daß eine Koalitions­regierung aus Doltsparieilern, Landdü. dlern, Demokra­ten und Mehrheilsjozialdemokraten auf dem Marsche fei. Am nächsten Tage stand zu lesen, daß dieser Plan fallen gelassen worden sei, da die Rechte auf keinen Fall den Freiherr von Brandenstein zum Minister haben wollte, wie das die Linke dringend wünschte. Es werde nunmehr wahrscheinlich ein reines Rechtskabinett gebil­det werden. Zuletzt wurde man durch die Mitteilung überrascht, daß die Sozialdemokraten, des langen „Kuh- Handels" müde, eine Ministerliste aus Beamten, Demo­kraten und Mehrheitssozialisten unter gänzlichem Aus- fchluß der Rechtsparteien ausgestellt hätten. Zunächst schienen die Demokraten, deren Zustimmung man haben mutzte, nicht mitmachen zu wollen. Ihr Widerstand scheint aber nur von kurzer Dauer gewesen zu fein, denn immer bestimmter wurden die Nachrichten, daß die Regierungsbildung auf Grund des sozialdemo­kratischen Vorschlags zustande kommen werde.

Am Mittwoch, den 10. November, 2 Uhr nachmit­tags, trat der Landtag endlich zu der entscheidenden Sitzung zusammen. Es war ein »großer" Tag, die Abgeordneten waren vollzählig bis auf einen erschienen, die Pressetische gut besetzt, die Tribünen überfüllt. Der Mehrheitssoziallst Leber eröffnete den Reigen der Redner. Man hörte, daß die Rechisfraktion und die Linksparteien in ihrer alten Zufammensetzung noch im­mer beständen. Don der Linksfraktion hätten sich aber auf dem äußersten Flügel 4 Kommunisten (Moskowiter) abgetrennt. Leber schlug vor, daß 4 Minister und zwar 2 „parteilose" Beamte, 1 Demokrat und 1 Mehrheits­sozialdemokrat sowie 3 Staatsräte und zwar ein par- teiloser „Beamter",, ein Demokrat und ein Mehrheiis- sozialdemokrat gewählt werden sollten und verlas fol- genbe Liste: Paulsen (Dem.), Minister für Volks­bildung und Justiz, v. Brandenstein (parteilos), Minister des Innern, Dr. Lenz (parteilos), Finanz­minister, Frölich (Mehrheitssoz.) Wirtschastsrninitt-'r, Dr. Bielefeld (parteilos), Staatsrat, Prof. Dr. Krüger (Dem.), Staatsrat, Hartmann (Mehr­heitssoz.), Staatsrat.

Es folgte nun eine sehr ausgedehnte Aussprache; jede Partei schickte 3 Redner vor. Es ergab sich alsbald, daß die vorgeschlagene Liste angenommen werden würde, allerdings nur mit einer ganz knappen Mehrheit. Andere Vorschläge wurden überhaupt nicht gemacht. Für die Rechtsfraktion, die 23 Abgeordnete von 53 über­haupt hinter sich hat, gab Herr von Ei ch e l-S tret» b er die Erklärung ab, daß sie der neuen Regierung ein „wachsames Mißtrauen" entgegenbringen würden. „Tun Sie", rief er der Linken zu, „was Sie nicht lassen tön» nen und tragen Sie, was dann kommt." Der Unab­hängige D i e l i g k erklärte, daß feine Freunde die neue Regierung wohlwollend unterstützen würden. Eine stille Heiterkeit fah man auf manchem Gesichte glänzen, als Bieligk ganz ernsthaft behauptete, die Orgesch in Bayern, diesem Lande der schwärzesten Reaktion, stelle auf dem Sprunge, in Thüringen einzufallen. Es müsse deshalb ein Mann wie Brandenstein, der sich nicht vor Hölle und Teufel fürchte, Minister des Innern und Chef der Staatspolizei werden, damit die finsteren Pläne der Orgesch zunichte gemacht würden. Die Demokraten M e h n e r t und Enders suchten das Verhalten der Demokraten zu rechtfertigen. Nach wie vor ständen diese auf dem Standpunkt, daß eine Koalitionsregie, rung auf breitester Grundlage das einzig Richtige sei. Der jetzt vorgeschlagenen Regierung, die sie für eine vor­übergehende Erscheinung hielten, hätten sie nur zuge- stimmt, um überhaupt eine Regierung zu bekommen. Hageldicht — und das war das Bemerkenswerteste — sausten dabei die Hiebe auf o. Brandenstein hernieder. Verblümt und unverblümt warf man ihm Grundsatz­losigkeit, Eigenmächtigkeit, Herrschsucht, Egoismus und andere schöne Tinge vor und verglich ihn sogar ironisch mit Nero. o. Brandenstein steckte alles stillschweigend ein, war ihm doch der Ministersesiel von der Unabhän- gigen Gnade sicher. Die Aussprache verlor sich dann sehr ins Einzelne, wobei auch die Soslöfungsbeftrebun- gen ausgiebig besprochen wurden. Endlich schritt man zur Abstimmung. Gegen die Liste stimmten die 23 Abgeordneten der Rechtsfraktion, dafür die Demo­kraten (4 Abg.), die Mehrheitsfozialisten (11 Abg.) und die Unabhängigen (11 Abg.) zusammen also 26 Abgeord­nete. Die 4 Kommunisten enthielten sich der Stimme, 1 Abgeordneter fehlte. Die neue Regierung war also mit 2 Stimmen Mehrheit gewählt; sie ist die erste verfassungsmäßige Regierung Thürin­gens.

lieber die vier Minister ist kurz folgendes zu sagen: P a u l s s e n hat die Laufbahn des höheren Derwal- tungsbeamten in Sachsen-Weimar durchlaufen. Er war zweimal Bundesratsbevollmächtigter in Berlin und da­zwischen einige Jahre Chef des Ministerialdepartements des Innern. Noch der Revolution wurde er Minister in Sachsen-Weimar und Vorsitzender des Star.t-ro> Thüringen. Er ist von den Demokraten in den Land,

tag gewählt. Paulssen ist ein hochgebildeter Mann, der durch fein mildes, versöhnliches Wesen auch die politi- scheu Gegner zu gewinnen weiß. Er hat wohl keine Feinde, destomehr aber Herr v. Brandenstein. Die­ser, Freiherr und adlig wider Willen, denn er schreibt sich meistens nur noch Brandenstein, ist eine viel um- ftrittene Persönlichkeit. Er war ursprünglich Landrat in Preußen, wurde bann durch das Vertrauen der Fürsten von Reuß j. L. nach Gera in eine hohe Stellung be- rufen. Bei der Revolution entdeckte er, daß ihn sein Herz nach links zog. Er trat aber beileibe nicht in eine der sozialdemokratischen Parteien ein, sondern blieb parteilos, „orientierte" sich aber unabhängig. Dadurch und durch seine riesige Arbeitskraft hat er sich zum er­klärten Liebling der Unabhängigen ernporzeschwunzen. Bei den Rechtsparteien hat er sich aber im hohen Grade, besonders durch sein famoses Disziplinargesetz, mißliebig gemacht. Wenn man ihn charakterisieren soll, würde es vielleicht am besten durch das Beiwort geschehen, das Homer regelmäßig feinem Helden Odysseus beilegt und das gewöhnlich, aber nicht ganz erschöpfend mit „viel­gewandt" übersetzt wird. Erfreulichere Charakter-Eigen­schaften findet man bei Herrn v. Lenz. Er war zunächst Oberbürgermeister von Hildburghausen, sodann Kre.s- assessor und vortragender Rat im Ministerium in Mei- ningen. Seit der Revolution leitet er als Staatsrat die dortigen Finanzen. Er gilt als tüchtiger Fachmann und liebenswürdiger Mensch. Parteipolitisch ist er nicht her- vorgetreten. Der neue Wirtschastsminister Frölich end! ch hat die übliche Laufbahn der sozialdemokratischen Parteifunktionäre hinter sich. Don Beruf Buchdrucker, schwang er sich bei der Revolution zum Staatsrat in Altenburg auf. Man rühmt ihm eine große Arbeits- lüft, rasche Auffassungsgabe und einen feften Willen nach.

Die neue Regierung wird man am besten als ein Produkt der Angst definieren können. Keine Partei wollte aus Furcht vor dem Dolksunwillen die Verantwortung für das abermalige Scheitern der Re­gierungsbildung übernehmen. Deshalb mußte eine Regierung her, sie mochte fein, wie sie wollte. Die ge- wählte ist eine Minderheit-re,giernng, eigent- lich nur von den 4 Demokraten und den 11 Mehrheits» fozialdemokraten getragen. Sie ist überhaupt nur mög­lich geworden dadurch, baß die Unabhängigen ihr wohl- wollende Unterstützung zufagten. Der gesamte Regie­rungsanhang kann jederzeit von der Rechisfraktion und den 4 Kommunisten überstimmt werden. In der Re- gierung sitzt nicht ein einziger Vertreter des platten Landes; sie stellt also eine Diktatur der Stadt- bevölkerung über das Land bar, die dieses wohl kaum lange ertragen wird. Die Regierung wirb den Loslösungsbestrebungen nicht mit Erfolg entgegentreten können, ba ihr hierbei bie Unterstützung der Rechtspar­teien, die allein auf bie betreffenden Volkskreise Ein­fluß haben, fehlen wird. Kurz, ohne die Rechts- Parteien, bie beinahe bie Hälfte der Landtagsparla­mente tnnefjaben, wird Thüringen auf bie Dauer nicht regiert werben können. Schwere Belastungsproben stehen ber neuen Regierung bevor, z. B bie Schaffung der Staatspolizei, des Kir­chengesetzes usw. Wir werden sehen, ob sie diese Pro- ben aushält.

Die Katholiken Thüringens werden von einer solchen, ganz nach links gerichteten Regierung kaum etwas Gutes zu erwarten haben, einen Lichtblick bildet die Person des Ministers Paulssen, der sich stets als ein gerecht denkender Mann gezeigt hat. Für die Katholiken kann bie Parole nur heißen: Augen auf! An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen!

Das Ende des Berliner Streiks.

Der Streik bei Berliner Elektrizitätsarbeiter hat gestern nach sechslägiger Bauer sein Ende erreicht. Die Arbeiter haben um 4 Uhr nachmittags die Arbeit

wieber aufgenommen. Die Abstimmung der Elektiizilätsarbeiter ergab rund 800 gegen und 700 Stimmen für die Wiederaufnahme der Arbeit. Die er« forderliche Dreiviertelmehrheit für die Fortführung des Streiks hat sich also nicht ergeben. Die Leitung dec Heizer und Maschinisten hatte erreicht, daß mit dem Einsetzen der Technischen Nothilfe bis zur Beendi­gung der Abstimmung gewartet wurde, daß also das Ultimatum des Magistrats bis 4 Uhr verlängert wurde. Als sich dann gegen 4 Uhr das fachliche Ergebnis der Abstimmung übersehen lieh, wurde die Arbeit wieder ausgenommen. In Charlottenburg beschloß eme Be­triebsversammlung der städtischen Arbeiter ebenfalls, die Arbeit wieder ouszunehmen. Ein Beschluß bet' Straßenbahner über bie Wiederaufnahme der Arbeit liegt noch wcht vor. Die Bei Handlungen er­fahren eine gewisse Erschwerung dadurch, daß die Stra­ßenbahner die Einstellung eines entlassenen Führers zu erzwingen suchen. Doch glaubt man, daß heute der Straßenbahnbetrieb wieder ausgenommen wird.

Ausgeschlossen ist nicht, daß ein Teil der Terro­risten nicht mitmachen, jedenfalls aber in absehbarer Zett wieder einen politischen Streik versuchen wird.' Die entscheidende Ausgabe wird dann den Rechtsmitteln des Staates zufosicn, deren rücksichtslose Anwendung allein Eindruck auf die Putschisten macht. Dke unter radikalem Einfluß stehende Gewerkfchastskommission hat bereits einen P r o t e st gegen die Notverordnung des Reichspräsidenten über Detriebsainstellungen er­lassen. Die „Freiheit", das Organ der Unabhängigen, bekämpft die Verordnung ebenfalls und erklärte sie für entert Vorstoß gegen das Koalitionsrecht, was sie na- türl ch nicht ist, sie will lediglich Mißbräuche des Koalitionsrechts verhindern. Hoffentlich wendet dann der Staat bei künftigen politischen Streiks in lebens* w'chtlgen Betrieben mit der größten Beschleunigung alle wirksamen Mittel gegen die Ruhestörer an. Die skandalöse Sage, in der dieser unbegreifliche Streik nach russischem Muster die Rechshauptftadt gebracht hatte, sollte den amtlichen Stellen die Ueberzeugung beibrin« gen, daß sie zur Verteidigung der Ordmrng alle Macht­mittel ausnützen muß.

Mßglückle Gewallslreiche.

Auch gestern wurde wieder der Versuch gemocht, durch gewaltsames (Einbringen m verschiedene Beiriede die Ar- beiter jum Generalstreik zu zwingen. Ein Trupp von mehreren 100 Arbeitslosen drang in die Turbinenfabrik der A. E. G. ein und forderte die Arbeiter auf, sich darüber sofort schlüssig zu werden, ob sie an dem Generalstreik tellnehmen wollten. Eine Abteilung Sicherheitspolizei räumte die Fabrikhöfe von den Cindrlnglinoen, worauf die Arbeit wieder auf genommen wurde. Auch in die Manoli-Zigareiten-Fabrik und in verschiedene andere große Fabrikbetriebe drangen Demonstranten ein und ver­suchten die Betriebe lahmzulegen. Ueberall trat Sicher­heitspolizei den Eindringlingen sofort entgegen. Eine Anzahl von Verhaftungen wurde vorgenommen. Die Ab­sicht der Demonstranten, die Betriebe stillzulegen, miß­lang glücklicherweise m allen Fällen, einmal weil die Polizei sofort zur Stelle war, andererseits aber auch, weck _ die Mehrzahl der in den Betrieben beschäftigten Arbeiter sich einem solchen Beginnen widersetzte.

Die Haltung des Oberbürgermeisters Wermuth.

Die Saumseligkeit des Oberbürgermeisters Wermuth in dem Streik hat in Berlin eine Stimme des Unwillens bis in die Reihen der Unabhängigen hinein' ausgelöst, und man ist der Ansicht, daß der skandalöse Terror einiger hundert Terroristen schon am Montag zu brechen ge­wesen wäre, Derrn nicht die Unschlüssigkeit des Berliner Magistrats, der immer nach der Straße schielte, den Kom­munisten neuen Mut gemacht hätte Nun hat Herr Wermuths erfahren müsien, daß er in seiner Liebedienerei vor den äußersten Radikalen auf eine falsche Karte gesetzt hat. Es sind Gerüchte verbreitet, die von seinem bevor­stehenden Rücktritt wisien wollen. Das „Berliner Tageblatt" glaubt dazu mitteilen zu können, daß Wermuth in vertrauten Kreisen schon vor einiger Zeit Rücktritts­absichten geäußert habe; er wolle nur noch die lieber- gangsgeschäste leiten und dann von seinem Posten ab­treten.

Unpolitische Zeitläufe.

Von Fritz SKientempec.

Berlin, 9. November 1920.

In meiner Jugendzeit saßen wir abends bei Del- lampen und Talgkerzen. Das Licht war schwach, und wenn diese Leuchtkörper nicht sehr sorgsam behandelt wurden, so balkten und rochen sie in sehr bedenk­licher Weise. Wieviel schöner und bequemer ist das Gaslicht, dos nur eines Zündhölzchens bedarf, um dann bett und ruhig weiter zu brennen. Und erst das elek­trische Licht, das man in allen Räumen der Wohnung ^vrch eine Fingerdrehung entzünden und dann ruhig selbst überlasten kannl

Ein schöner Fortschritt, nicht wahr? Aber es kommt vor, daß gerade diese Inhaber von Giühstrümpfen und Lichtbirnen plötzlich in die hilflose Dunkelheit gestürzt werden. Dos Gasrohr versagt, der elektrische Strom hört auf: die ganze Familie sitzt mit einem Schlage im Finstern, während sie vielleicht gerade das Licht am dringendsten gebraucht. Wo ist Ersatz zu finden? Früher hatte man mehrere Lampen und Lämpchen: Ablösung °°r! Jetzt steht vielleicht noch eine Lampe in der Rum- Wammer, aber sie hat keinen brauchbaren Docht und kein Del. Kerzen her! Ja, bei diesen ungeheuren Fett- fre-sen Höll man keinen Vorrat davon. Ein Glück, wenn n°d> Reste von Weihnachtslichtern ober Wachsstöcken ober von Lichtmeßkerzen als Nothelfer dienen können, d°wit man wenigstens sehen kann, wie finster es ist. «arum versagt das Licht? Eine Störung in der Gas- ""statt ober in bem Kraftwerk kann bei dem kunstool- •en Betriebe dieser Zentrale leicht vorkommen; sie wird stboch meistens in kurzer Frist beseitigt. Schlimmer «üb die Sache, wenn die Arbeiter in der Zentrale plötz­lich in ben Streik treten; bann kann die Unterbrechung «gelang, wochenlang dauern. Den Abnehmern hilft kein Klagen und Wüten. Sie sind abhängig geworden von °^r Zentrale. Nicht bloß abhängig von den verzwickten Maschinen, sondern auch von bem Willen der dortigen Wfteaten. Die Abnehmer muffen ihre Bequemlichkeit •"it einem Stück Freiheit bezahlen.

3n meiner Jugendzeit hatte jede Familie ihren Brun- auf dem Hof und die Pumpe vor der Tür. Wer

konnte uns das Master absperren? Nicht daran zu ben- kenl O, jetzt haben wir in der Stadt es bequem* Wir brauchen nicht zu pumpen und nicht zu schöpfen, kein Master zu schleppen. Wir drehen den Hahn der Wasser- leitung auf und bas frische Naß sprudelt hervor, so viel wir haben wollen. Schön, — bis daß ein Rohrbruch sich einstellt ober eine Maschinenstörung in ben Wasser­werken ober ein Streik. Dann bricht über ganze Stra­fe ensüge eine Wassersnot herein, b. h. Im Sinne ber Verneinung' ein verhängnisvoller Mangel an Master. Aus ben wenigen Tiefbrunnen, bie noch vorhanden sind, läßt sich nur mühsam und spärlich Ersatz heranschleppen. Die gewohnte Spülung und Waschung leibet; bie Ge­sundheit wirb arg gefährdet. Auch bie bequeme Was- Verleitung macht uns abhängig. Abhängig von ben Einrichtungen in ben Wasserwerken unb abhängig oon dem Willen ber Leute, bie sie bedienen. Und wenn die Arbeiter in den Wasterwerken selbst arbeitsluftig blei­ben, so kann ihre Tätigkeit schon gelähmt werden durch einen Streik in ben Kraftzentralen, bie für bie Wasser­werke bie Betriebskraft liefern müssen.

Die Technik hat sich hoch entwickelt, unb wir prel- fen bas als einen Kulturfortschritt. Ein kunstvolles Uhr- werk von riesiger Ausdehnung, bei bem große unb kleine Räder nach seiner Berechnung Ineinanbergreifen. Das Schlimme ist nur, baß eine schlimme Störung unb schwere Gefahr entsteht, wenn ein Rädchen zerbrichi ober sich ausschaltet. Je größer die Zentralen angelegt werben, desto größer bie Ersparung an Heizstoff und an Gelb aber besto größer auch bie Abhängigkeit vom Zufall ober vom bösen Willen.

Wohl bem, ber als Selb st versorger im vollen Sinne bes Wortes im eigenen Hause leben kann, ohne auf Maschinen, Rohrleitungen, Drähte, Strafeenbohnen unb frembe Menschen angewiesen zu fein. Das ist ein wirklich freier Mann. Wir anberen haben bie Freiheit nur bem Namen nach. In Wirklichkeit finb wir ber Knecht ber Verhältnisse, abhängig von ben öffentlichen Einrichtungen unb beren Inhabern.

An diesem zweiten Jahrestage der Revolution wol­len wir uns klarmachen, daß die vielgepriesene politi- s ch e Freiheit ben Kohl nicht fett macht. Was hilft mir bie Pressefreiheit, bie Redefreiheit, ber Stimmzettel,

wenn ich wirtschaftlich nach der Pfeife anderer Leute tanzen muß?

Heute ist auch (hoffentlich!) ber Schlußtag von bem jüngsten wilden Streik in Berlin, und ber legt die Frage nahe: Wer herrscht denn eigentlich in der sog. freien deutschen Republik?

Früher herrschte ber Kaiser unb König, unb zwar durch bas Militär unb bie Beamtenschaft. Ein strammes Regiment, bas manchmal gebrückt hat; aber es war Drbnung unb Vernunft darin. Und jetzt? Die Regie­rung hat wirklich nicht viel zu sagen, sondern muß froh sein, wenn man sie in Ruhe läßt. DieDolkksvertretungen wursteln fort mit viel Reden unb Paragraphen, aber ihre Macht ist von Papier. Wer regiert im Lande? Die Streikhetze rl

„Wenn ich auf den Knopf drücke, fo springt Berkin", sagte ber Führer beim jüngsten Berliner Streik. Er meinte ben Knopf in ben Elektrizitätswerken. Wenn er mit Hilfe seiner rabiaten Gefolgschaft bie Zentrale für Licht unb Kraft lahmlegt, fo wirb ber Handel unb Ver­kehr in ber ganzen Millionenstadt lahmgelegt unb bas übrige Land gerät auch in Verwirrung unb Not. Das verhängnisvolle Stillegen ist aber sehr leicht gemacht. Ein paar Dutzend rabiater Leute genügen dazu, wenn sie nur an der rechten Stelle mit gewissenloser Gewalt eingreifen. Die Masse gleicht einem täppischen Bären, ber sich von einem kleinen Burschen am Nasenring füh­ren läßt.

Die Tyrannei dieser Ruhestörer wurzelt in ber Zen- tralifation ber Betriebe. Das Gegengewicht gegen solche Willkür sollte in ber sog. Sozialisierung liegen. Nutzt bas was? In Berlin sinb bie Elektrizi- tätswerke unb bie Straßenbahn Gemeingut geworden und bie große ©emeinbe hat eine neue Verwaltung er­halten, bie nicht bloß rot, fonbern sogar knallrot ist. Obendrein haben alle städtischen unb sonstigen Arbeiter ihre kunstvoll ausgebauten Organisationen in ben Ge­werkschaften, ben Betriebsräten unb sonstigen Vereinen unb Verbänden. „Alles egal“: bie Gruppe, bie ihre „Hand an ber Gurgel" zu haben glaubt, stellt eigen­mächtig maßlose Forderungen unb macht bann sofort Streik, ohne erst bie- Verhandlungen mit den parteigenöf- fischen Behörden abzuwarten. Ohne Scheu vor dem

furchtbaren Schaden an Wohlstand und Gesundheit, den sie anrichtet. Ja, sogar mit ber ausbrücklichen Erklä­rung, es sei ihnen gleich, ob es über Leichen ginge.

Wenn das so weiter gehen sollte, so kämen wir unter die Diktatur bes schlechtesten Teiles bes Proletariats, nämlich unter bie Tyrannei von böswilligen Dolksverführern, die von unvernünftigen Ele­menten gestützt werden.

„Ein Affe fand einst eine Taschenuhr." So fängt die alle Fabel an, die uns schildert, wie ber Affe die Uhr so lange purrt unb rückt unb breht, bis baß sie stille steht. Jetzt sieht es so aus, als ob bie kunstvolle Uhr ber nationalen Wirtschaft in die Hände eines wü­tenden Gorilla geraten sei.

Ach, wenn man doch am zweiten Jahrestage des Umsturzes wenigstens die Hoffnung hegen dürfte, daß in Deutschland wieder die vernünftigen Leute bie Oberhand bekommen!

•t. Der paramenfenoetein In Fulda.

Dieser Tage wurde mit geteilt, daß der Diözesan- poramentrnverein feinen Sitz verlegt habe. Bei bfafer Gelegenheit ist es vielleicht von Interesse, etwas von dem ersten Fuldaer Paramentenverein zu hören. Er wurde im Jahre 1854 gegründet. In den Main­zer „Kathol. Sonntagsblättern" (herausgegeben von Him'oben), einem der wenigen damals erscheinenden Sonntagsblätter, das auch in Fulda gelesen wurde, und öfters Nachrichten aus der Diözese brachte, wird im November 1855 unter Fulda berichtet: Es ist fetzt gerade ein Jahr, daß auf Anregung des Doni- fattus-Vereins und nach dem Vorgänge vieler anderen katholischen Städte auch in dem kleinen Fulda ein Paramentenverein sich gebildet hat. Wenn davon bis fetzt in weiteren Kreisen nichts bekannt geworden ist, fo hat dieses feinen Grund darin, daß arr, unserer Un- bedeutsamkett bewußt, es nicht wagen durften, in die Rehe der Paramentenvereine größerer Städte einzu­treten. Denn wir durften uns vorerst eine größere Ausgabe nicht stellen, als die eigene Stadtpfarrkirche und die armen Kirchen der Diözese mit den notwendig­sten Stücken oon Weißzeug zu verfanget!, Jedoch