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Bezugspreis: Monatlich 3,00 2RL ohne Zustellgebühr. In Fulda
bei uns abgeholt 3,15 Alk. Anzeigenpreis: DieKleinzeile Afl Unhrn (Colonelmaß) 60 Ufg„ u. 10°/» Zuschlag, die Neklamezeile » y
$reitag, 5. November 1920
nr. 257
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PrerrMche Landesverfammlrmg
Sie setzt
bei § 25 über das Staatsmnnsterium ein.
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Es bleibt unter Ab-
2)05 GehÄmv-s der hohen Heringspreife.
Dem „Verl. TM." zufolge sind im Altonaer Fischerhafen die Schmrerleute in den Ausstand getreten,
* Die Preutzenwahle«. Der Aeltestenrat der preußischen Landesversammlung besprach gestern ausführlich den Wahltermin. Dabei wurde der' 18. Februar 1921 als voraussichtlicher Wahltag genannt
tvber auf 374 983. Es ist also ein Rückgang 21168 Erwerbslose zu verzeichnen.
Verantwortlich für den redaktionellen Teil: Karl Schütte, u fü»die Anzeigen: I. Parzeller-Fulda. n Rotationsdruck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernsprecher Nr. 9. Telcgr.-Adresse: Fuldaer Zeitung.
Deutscher KeichsLag.
Der Reichstag nahm seine Arbeit nach fünftägiger Pause am Donnerstag wieder auf und zwar führte er die große Aussprache über den Reichshaushali fort. Auf der Rednerliste sichen noch die Redner der zweiten Rednerrcihe. Die Debatte setzt mit einer zweieinhalbstündigrn großen Rede des deutschnationalen Abg. Dr. Helfferich ein. Seine Rede ist wohl disponiert. Es gelingt ihm mit gewandter Schlagfertigkeit, störenden Zwischen-rusem zu antworten. Der negative Teil ferner Ausführungen überragt um em ganz bedeutendes den Versuch mit positiven Vorschlägen, der Fi'nanznot Herr zu werden. Der erste Teil ferner Rede ist parteipolitischen Erwägungen gewidmet. Dian muß zugeben, daß Helsserich nicht unglücklich polemisierte. In spitziger, manchmal zymMbisstger Weise wendet er sich vor allem gegen Hermann Millers und «Scheidennmns Ausführungen sowie gegen die Mehrheitsfozialdemokratie im ganzen. Das Mittelstück seiner Rede bringt die Stellungnahme der Deutschnationalen zur Entwaffmmgsccktion, über deren gutes Resultat Helsserich sichtlich erfreut ist. Es HÄie die Erwartungen seiner Freunde übertroffen. Wester warnt der Redner vor der Errichtung eines autonomen Oberschlesiens, besprach ine vielerörterte Orgesch- Angelegeicheit und protestierte gegen das Verlangen _ber Entente, M-e Dieseluwtore abzuliefern, tim endlich näher aus den Etat einzugehen. Hier fühlte sich der Bankier Helsserich in fernem Element. Er übte lebhafte Kritik an der gegenwärtigen Steuergesetzgebung. Dom Reichsstnanz- mmister forderte er, daß er fo rasch wie möglich die Fehlbeträge in den Betriebsverwaltungen. des Reiches beseitige, daß er die große Zahl der Reichsboamten ein» schränke mid überhaupt alles bester mache als bisher. W i e es denn nun aber bester gemacht werden soll, darauf blieb auch Helfferich die Antwort schuldig. Schließlich wandte er sich den Fragen der Sozialisierung zu. Die Sozialisierung würde uns zu Grunde richten, sie fei eine Bürokratisierung und Mechanisierung der deutschen Wirtschaft. Was uns not tue, fei Versöhnung zwischen Kapitalismus imb Arbeiterschaft.
Reichsfinemzminisler Mrih griff den Mangel an aus- bauenden R>een in der Rede Helfferichs fetnersstts als Waffe auf. Er wies auf die wenig erfolgreiche Tätigkeit Helfferichs als Finanzminister hm und lud ihn ein, lieber en dem Problem der Valutastabilisierung mitzuMchesten, als unfruchtbare Kritik zu treiben. Einer meiner Beamten hat mir versichert, daß Helfferich aus feiner Fi- nanzminifterzeit Geistesblitze, die auf gesetzgeberischem Wege zm Löfung imferes gmanzelends hingewiefen hat- ten, nicht hintertasten bat. (Lebhafte Heiterkeit und Zu-
Das Gesetz wird den Kreis der den Provinzen überwie- fenen Selbstoerwaltungsangelegenhesten erweitern und ihnen Buftmgsangelegenheiten übertragen.
Ob der Paragraph m dieser Form von dem Plenum angenommen werden wird, ist noch nicht recht sicher. Zentrum, viele Demokraten und die Sozialdemokraten sind zwar dafür, doch begegnet die Bestimmung auf der anderen Seite großem Widerspruch. Besonders die Rechtsparteien, aber auch manche Demokraten, sehen in ihr die 'Zerstörung der preußischen Staatsein- heft, die im Interesse Deutschlands vermieden werden müsse. Zu dieser Auffassung hoben sich auch die preußischen Oberpräsidenten und Landesdirektoren unter denen sich neben den alten Fachbeamten bekanntlich auch sozialdemokratische und demokratische Parlamentarier befinden, in einer kürzlich zusammengetretenen Konferenz bekannt. Möge sich ein Weg finden, der die Interessen der preußischen Stämme mit denen des Gesamtstaates und damit auch denen des Reiches HÄle und zur Gesundung aller Telle verbindet.
Deutsches Reich.
** Berlin, 4. Nov. Die vom Reichsmmisteriunr des Innern einberufene Zentralstelle für Neubil-j düng der deutschen Länder fit unter dem Namen „Zentralstelle für die Glsedemng des Deutschen Reiches" zusammengetreten. Zum Präsidenten wurde Rsichsminister a. D. Graf Roedern berufen. — Dis Gesamtzahl der unterstützten Erwerbslosen im Reiche ist weiter zurückgegangsn. Während sie am 1. Oktober 396 151 betrug, bÄief sie sich am 15. Ok-
tm wesentlichen bei der Fassung des Ausschusses lehnung der meisten Anträge mit Ausnahme einiger redaktionell« Aonderungen, die von feiten des Zentrums vor-
weil sie nicht mehr große Mengen Heringe „mitnehmen" dursten. Sie hatten bis zu dreiviertel Zentner Heringe weggeschleppt und einen sch^> ung - haften Handel damit getrieben. Ms „Schadloshaltung" verlangten sie eine Lohnerhöhung von 20 für die Stunde und keßen sich nur mit Mühe und Not bis auf 6l4 M die Stunde herabdrücken, so daß sie einen Tagelohn von 104 Jt verdienen. Da braucht man sich über die hohen Heringspreise nicht zu wundern.
Am gleicher Tage wie auch der Reichstag trat die “ ‘ ~ ' erneut in
preußische Landesversammluug am Donnerstag ihre Beratungen, ein. Die zweite Lesung des Entwurfs einer Verfassung für Preußen wird fortgesetzt. <=s*
Aus dem besetzten Gebiet.
• tzesuch Firard; in Vertin? Der Vorsitzende derJnterall. Kommrstwir in Koblenz, Tirard, wird sich nach Berlin begeben, um bei den deutschen Behörden seinen Antrittsbesuch zu machen. Es durfte bei dieser Gelegenheit zwischen der deutschen Reichsregierung und Tirard zu einer ergiebigen Aussprache über verschiedene schwebende Fragen des besetzten Gebietes kommen.
* Freilassungen in Mainz. Der sozialdemokratische Redakteur Schilöbach, der letzte der im Heimatdienst« Prozeß wegen angeblichen Hochverrats Verurteilten, ist von den Franzosen wieder freigelaffen worden. Auch der Inhaber der Mainzer Stereotypie-Anstalt, Becker, der wegen Nachdrucks eines Artikels über die schwarzen Truppen zu drei Monaten Gefängnis und 6000 Mark Geldstrafe verurteilt worden war, ist freigelajsen worden.
Die Tarisverhandlungen im Buchdruckergewerbe.
DerTarifausschutz der deutschen Buchdrucker verhandelt feit dem 25. Oktober mit den Arbeitgebern über die Schaffung eines neuen Lohntarifs sowie eine Reibe anderer Forderungen. Die schwierigen Verhandlungen haben gestern zu einer Einigung geführt. DerTarifausschutz be» schloß, daß an neuer wöchentlicher Teuerungszulage den Gehilfen an allen Orten in Lohnklaffe A in. 211.) 10 Mk. in Lohnklaffe B (21 bis 24 Jahres 15 Mark und in Lohnklaffe C (über 24 Jahre) 20 Mark zu zahlen find. Diese Beträge sind auf die heutigen Löhne zu zahlen und zwar mit Wirkung ab 1. November. Die Teuerungszulage hat Gültigkeit bis 31. März, kündbar mit vierwöchiger Frist. Weibliche Hilfsarbeiter bis zu 21 Jahren erhalten 6 Mk. über 21 brs 24 Jahre 9 Mark und über 24 Jahre 12 Mark Zulage, männliche Hilfsarbeiter erhalten in denselben Altersgruppen 8, 13 und 17 Mk.
fthnnnimg links und in der Mitte.) Ich könnte Zahlen aus' der Aera Helfferich an Ihnen vorbeiwarfchieren lassen, bie: jedem, der guten Willens ist, klar offenbarten, daß bas Weißbluten des deutschen Volkes schon ton Frieden uni); vor allem auf allen Gebieten während des Krieges ein-' getreten ist. Herrn Dr. Helfferichs Vorwürfe sind zum Teil nur zu berechtigt. Hat er aber auch nur eine An-' regitng gegeben, die aus den gegenwärtigen Nöten hin»! ausgewiesen hätte? (Lebhafte Zustimmung.) Statt be^ Abbaus oder der Revision der gellenden SteuergesetzgeburtzH erklärte der Minister ihre schleunige Durchführung als tkc’ nächste dringende Aufgabe; das Kabinett habe dem En?, rourf über die beschleunigte Durchführung bcs; Reichsnotopfers bereits feine Zustimmung erteilt.; Außerdem träte Dr. Wirth nrii, daß in wenigen Tagen, schon dem Reichstag ein neuer Nachtrags etat mit; Milliardenforderungen vorgelegt werde, die für Zuschüsse zur Volksernährung im kommenden Winter bestimmt seien/
Abg. Quah (D. Vp.) warnt vor einer erneuten Be-' lastung der- Kohlenindustrie und verlangt, wie Helfferich, eine Revision der Steuergesetzgebung--
Freitag: Weiterberatung.
Die Besetzung des Ruhrgebiets.
Die im Ausschuß des Allgemeinen deutschen Gewerkschaftsbundes verfamm. Gewerkschaftsvorstände haben einstimmig eine Kundgehztng angenommen, in der es u. a. heißt:
Von Tag zu Tag mehren sich die Anzeichen, daß die Gefahr einer Besetzung des rheinis ch-w e st f ä- tischen Industriebezirks durch die Fran, zosen näher dringt. Truppenzusammenziehungen, Anlage von Truppenübungsplätzen ufro. im besetzten Gebiet, Steuerungen der französischen Presse und gleich, gerichtete Bestrebungen süddeutscher Kreffe deuten darauf hin, daß der französische Militarismus auf eine gün- füge Gelegenheit zur Besetzung des Ruhrgebiets wartet. Die Folge einer solchen Vergewaltigung Deutschlands wäre für unsere Staats» und Wirtschaftseinheit, für ganz Europa und für die wirtschaftlichen Beziehun- gen der Kulturvölker kathastrophal. Ein 60 Millio- nen-Volk würde dem Hunger und der V e r z w e i f. lung ausgeliefert und damit eine Gefahr für die übrige Kulturwelt. Es wag imperialistische Kreise in Frankreich geben, die in Verfolgung ihrer Ziele auch nicht durch das krasseste Elend abgeschreckt werden. Aber weiterblickende Teile der Menschheit, vor allem die g e- famte Arbeiterschaft aller Länder, sollte diese Gefahr erkennen und mit uns zu verhindern suchen.
Der Bundesausschuß ersucht die Gewerkschaften aller Länder, sich diesem Protest onzuschließen und appelliert an den internationalen Gewerkschaftskongreß in London, in gleichem Sinne eine Kundgebung zu beschließen. ,
Bundesstaat Overschlesicn.
Dem Reichsrot liegt jetzt der von der Regierung „gekündigte Gesetzentwurf vor, der der prvu- jffchen Provinz Oberschlesien unter Aufhebung der Sperrfrist des Artikels 167 der Reichsverfassimg die ßelbständigkeit eines deutschen Gliedstaates ^eben soll, wenn die Bevölkerung es wünscht. Der Gesetzentwurf wird durch die besonderen Verhältnisse be- mSnöet, die namentlich durch die für Oberschlesien an- veordnete Volksabstimmung geschaffen worden sind. Ausdrücklich wird erklärt, daß diese Bestimmung für Oberschlesien eine Ausnahmebsstimmung sei, die nicht den Anlaß geben dürfe, für andere Gebiete ähnliche Bestimmungen zu treffen.
Der Entwurf hebt zunächst die rm Art. 167 der Reichs- rerfafsuug getroffene Bestimmung, nach der erst nach Ab- hwf von zwei Jahren feit Inkrafttreten der Reichsv erfos- j!mg Aenbenmgen der GebietsverhAtniffe der deutschen Bimdesstaaten eintreten dürfen, für Oberschlesien aus. tznoechakb zweier Monate nach der Volksabstimmung, wem Oberschlesien sich für Deutschland entschieden hat und die deutschen Behörden die Verwaltung wieder übernommen hoben, soll die Bevölkerung der Provinz darüber abstdmnen, ob Oberschlesien preußische Provinz bleiben cder selbständiger Bundesstaat werden soll. Das Derfah- rtm der Abstimmung soll sich nach dem noch zu erlassenden Reichsgesetz über den Volksentscheid regeln. Stimmt ine Bevölkerung für die Autonomie, so soll diese sofort ein« treten, ohne daß es erst des eigentlich verfassungsmäßig nmwendigen Rcichsgesetzes bedarf. Es ist dann sofort eine Lanbesversammlung zu wählen, die die Regierung einsetzt und dem Lande die Verfaffung gibt. Der Reichs- präsidsnt beistimmt die Wahlordnung, den Wahlleiter imb den Wahltag. Ms zur Einsetzung der Landesregierung verwaltet der preußische Oberpräsident m Oppeln das Lmid.
Sas siftd im wefentkichen die Grundzüge des Re- giemngsentwurfes, deffen Annahme höchstens mit un- wchntlichen Aenderungen sicher ist, besonders, da jetzt «mch dis preußische Regierung ihren Widerstand auf- gegeben und ihm zugestimmt hat.
Die Selbstverwattung der Provinzs«.
Den Loslösungsbestrebungen, die sich in vielen Teilen Preußens feit der Revolution in besonders starkem Maße bemerkbar machen, sucht die Regierung und dis Parlamentsmehrheit dadurch zu begegnen, daß man den einzelnen Provinzen weitgehende SeLstoer- waftemg übertragen will. Man geht davon aus, daß es die einheitliche Verwaltung von Bersin aus ist, die die von Berlin entfernteren Lapdesteile mit dem Berliner Regiment unzufrieden macht, weA sie bei diesem zu wenig Verständnis für chre Eigenart zu finden glauben. Besonders stark sind diese Bestrebungen in Oberschlesien — hier hat man sich ja jetzt im HnÄick auf die Volksabstimmung bereit gefunden, das Land gänzlich von Preußen zu lösen — und im Rheinland, dann auch in Hannover, wo die osten welfischen Erinnerungen noch sehr mächtig sind. Auch Schleswig-Holstein und Ostpreußen beanspruchen eine Sonderbchandkmg.
Um diesen Wünschen entgegenzukommen und jedem Landesteil eine eigene, seiner Eigenart entsprechende Leitung zu geben, hat der Verfassungsaus- fchnß der Preußischen Landesversammlung ton § 58 Abs. 2 und 3 des Verfassungsentwurfes folgende Bestimmungen getroffen:
Die Provinzen verwalten nach Maßgabe des Gesetzes dmch ihre eigenen Organe:
a) selbständig die ihnen gesetzlich obliegenden oder frei« '. willig von ihnen übernommenen eigenen Angelegenheiten (Selbswerwaltungsangelegenheften),,
b) als ausführende Organe des Staates die ihnen übertragenen staatlichen Angelegenhetten (Auftragsaage- legenbeiten).
geschlagen waren. Nach § 27b sollen die Minister zwar Gehalt aber keine Pension erhalten. Nähere Bestimmungen hierüber sollen durch besonderes Gesetz geregelt werden. Gegen diesen Paragraphen wendet sich der mehr- heitssoziÄdemokratische Wg. Hellmann. Er setzt sich für eine Beseitigung dieser Vorschrift ein, denn den aus dem' Arbwterstand hervorgeLangenen Ministern würde durch diese Derordnung großer Schaden erwachsen. Abg. Dr. Leidig (D. Dp.) beantragt, die Pensionsansprüche der Mi- nisier durch besonderes Gesetz zu regeln. Diesem Antrags wird sugefthnmt. Abschnitt 6. der über das Finanzwesen handelt, wird unverändert angenommen Zum Abschnitt 7 über die Selbstverwaltung sucht der Abg. v. «ries (Dntl.) unter lebhaftem Widerspruch aus den Reihen des Zentrmns die vberschlesische Politik des alten Regimes zu verteidigen und behauptet, daß das katholische Beamtentum zu feinem Recht gekommen fei. Abg. Dr. -reich (Dem.) hält die Dezentralisation Preu- ßens im Reichsinteresse für durchaus erforderlich. Dis Vorherrschaft Preußens lasse sich nicht wiederherstellen. Die Rechte der Staaten und der Provinzen bedürften allerdings noch der Abgrenzung. Er denke nicht fa schlecht von den Provinzen, daß er ihnen die Verhäne gung einer englischen Hungerblockade gegen andere Larv bestelle zutraue.
Freitag: Fortsetzung.
Unpolitische ZeitlSnfe.
Von Fritz Nisnkemper.
Berlin, 3. November 1920.
Ach, der November!
Das ist der Monat des Unheils, der ims vor zwei Lehren den sogen. Wafsenftillstand und die Revolution beschert hat. eine Doppelbescherung, unter der wir fieute nach stöhnen.
Den Toten zeigt der November ein besseres Gesicht, tSs den Lebenden. Es ist der Avmenfeckn-Monat, in dem die Vorausgegangenm liebevolles gedenken mrd hilfieiche Fürbitte finden. Aber für «ns, die noch im Aschen Jammertal sitzen, ist er em schauriger Arme- leute-Monat der ims das ganze Elend recht bitter Wen läßt.
Als wir den grausamen WaffensKlstand am 5. No» vMber 1918 mtterzeichnen muhten, wurde die deutsche Nation in em riesiges Armenhaus gesperrt, angewiesen nuf kärgliche Betielsuppe und rrtchltohe Grobheft. Darin Hausen wir auch heute noch mtt Heulen und Zähneklappern.
Der Friedensvertrag, so hofften wir damals, werd« doch die Kette des „Waffenstillstandes"' etwas lockern. Wir rechneten ja auf Wilson und feine „Punkte". Ach, die berühmten Punkte verfchwanden wie Schamnbtasen auf der Suppe, urü> der Großsprecher Wilstm verschwand tbensalls.
„Nun hört das Morden auf", dachten wir bei Abschluß *<5 Waffenstillstandes. Es gibt auch ein unblutiges Mor- den. Rot und Kummer zerrütten fortgesetzt die Leider und Mt Seelen; Kinder und Erwachsene stechen und sterben massenhaft dahin. Die Opfer des grausamen »Friedens" sind auch Opfer des Krieges.
Das dicke Ende kommt Pntermoch. So ging es auch bei der Revolution im November 1918. Der erste Tag bks Umsturzes vertief ja auffallend glatt. Ws am Abend bto Autos mit den republikanischen Tmimphrednern durch bie Straßen sichren, wollte manch» schon ein Dankked stngen für den gnädigen llebergaug von der alten Ordnung toj eine neue Ordnung. Wie der Fichmmm, der am Nonde eines Abgrundes ^ücksich vorbeigelommen ist. Er stfsist mm tot SichnchÄ zu fein; aber bald kommt er tut Eine andere abschüssige Stelle; 5afi> g^nt i^n ein neoer Abgrund entgegen. Hier strauchelt tüt Pferd, dort bricht km Rod; er kommt aus der Todesangst nicht heraus.
Zwei J<chre lang guAen wir uns schon ab, um in die ^ttMüfate. „neue Drbmisg" tsnes wicksiche Ordnung
zu bringen. Ist es gelungen? Nein. Wird es noch gelingen? Kein Prophet kann es verbürgen.
Dieser leidige November bringt keinen köstlichen Frühlingshauch mit sich. Manchmal führt sich der Novern- ber mit einem voreiligen Frost ein, wie in diesem Jahr; manchmal tritt er milde auf, als wenn er ganz sacht die Natur in feinen sanften Schlaf einlullen wallte. Aber so oder so, er ist nichts anderes als die Einleitung zum Winter. Die harten Tage folgen noch: die dunklen Tage, die naßkalten Tage, die schneidenden Eistage.
Bis Weihnachten sitzen wir noch auf dem absteigenden Ast. Erst zu Weihnachten erreichen wir den Tiefpunkt des Jahres. Gilt das nur für unser Son» nenfahr? Oder auch für unser Schicksalsjahr?
Wie schön sind die Füße der Boten, die den Frieden verkünden! So steht geschrieben. Darf man sich diesen angenehmen Boten anschließen? Darf man der gequälten Wett Frieden und Frühling und Freude verkünden? Wer gewissenhaft fit, weckt keine oorEgen Erwartungen. Denn e» ist noch nicht ausgemacht, ob wir schon den bittern Kelch geleert haben, den uns die Vorsehung zur Strafe und zur Heilung bestimmt hat. Die Möglichkeit besteht, daß es zunächst noch schlimmer werden kann. ,
Tatsächlich gibt es ja Völker, denen es noch schlechter geht als uns, obschon das sehr nid sagen will.
Sehen wir uns die deutschen Brüder in Oester- reich an. Der grausame Waffenstillstand, ber noch grausamere Friedensvertrag, bie 9tot, bie Teuerung imb Sterblichkeit, bie ganze Rat- unb Hilflosigkeit übertreffen dort noch unsere Heimsuchungen.
Unb was bie Folgen ber sozialen Revolution an- geht, so möchten hunbert MMonen Russen gerne mit uns tauschen. Dort ist keiner seines Eigentums, seiner Freiheit, feines Lebens sicher. Dort wird nicht bloß ber unblutige, sonbern auch ber blutige Massenmord betrieben. Aus den Mitteilungen, die unsere „unabhängigen" Forschungsreisenben jüngst machten, hab« wir ersehen, baß Rußlanb wahrhaftig eine Hölle geworden ist, während DeutsMond nur im Fegefeuer fitzt.
Ist beim bas überhaupt ein Trost, wem, man ficht, bah es anderen Leuten noch schiefer evgelst? ®n Trost ist es nicht, aber eine Aufklärung. Wir lernen bem Anblick, bah bie Erbe wirklich ein Jammertal unb ber Mensch zum Selben berufen ist. Wir lernen baraus, daß wir uns nicht beklagen bfirfen, wenn uns auch Tränen unb Seufzer ausgepreßt werden. Wir lernen ferner daraus, daß geduldiges Ausharren und
Durchhalten zur Menschenpflicht gehört; vor allem zur Pflicht eines rechtschaffenen Christen, der an Gottes Vorsehung unb an ein besseres Jenseits glaubt.
Der November mit seiner Kälte, seinem Nebel, sei- tun Schrecken ist vorn Stanbpunkt ber Lebenden ein saurer Monat. Aber er wirb gemildert, wenn wir bas Gedächtnis ber Toten recht gründlich und herz- lich begehen. Auf dem Friedhof kann man die Feierabendstimmung holen. Wie sie so sanft ruhen, die Vorausgegangenen, und ungestört vom Getümmd der Er- denwett ber Auferstehung unb ber ewigen Seligkeit entgegenschlummern l Alles bas, was uns Lebende in fo schwer« Sorge, Angst, Rot und sogar Verzweiflung stürzt, P für bie Abgeschiedenen ganz nebensächlich geworden. Das waren ja im Lichte der Ewigkeit nur kleinliche Zwischenfälle eines Augenblicks. Ob die vor. überge^enbe Prüfung für bie einen etwas schärfer ausgefallen ist, wie für bie anderen, was macht bas aus? Es wirb ja alles wieder gut gemacht, alles wieder ausgeglichen, alles belohnt, wenn ber Lebende nur feine Pflicht und Schuldigkeit getan hat, fo gut er es konnte.
So bient ber November als Mlerfeelenmonat zur Beruhigung bes Gemüts, ba er uns die ausglekchende Gerechtigkeit zum Bewußtsein bringt, den reichen Lohn des treuen Aushaltens vor Augen füfjrt. Unb sollte auf Erben alles drunter und drüber gehen, wir halten doch den Kopf hoch unb blicken auf zu jenen Höhen, wo bie Seligen uns zur Seligkeit erwarten. Empor die Herzen, heißt es im dumpfen November.
Und auf den Allerseelen-Monat folgt der Christ. Monat mit der frohen Botschaft: der Helland ist geboren, der Retter ist da! Das Krippenfest gibt uns die Gewähr, daß der liebe Gott auch das D i e s s e i ts nicht vergessen und nicht verlassen hat, wenn es auch ein T<ll des Leibes unb ber Buße ist. Der Erlöser selbst ist vom Himrnd zur Erbe herabgestiegen, um bie Lasten und Leiden ber Erdenpilger zu teilen. Ja, nicht bloß zu teilen, sondern um mehr zu leiden, als den Adamskinbern auch in den schwersten Zellen gugemutA wirb. Mußte nicht Christus also leiben, um in seine Herrlichkeit einzugehen? Wollen wir auf bie Glückseligkeit Anspruch machen, ohne den Kelch der Erbennot geleert zu haben?
Wer hier seine Pflicht tut, den kann niemand und nichts oetberben, weder ein Schmachfrieden noch ein Umsturz, weder Hunger noch Tod. Denn fein Heil ist ihn gesichert auf jener Höhe, an die weder menschliche Torheit noch höWsche Teufelei hinanreiche^ können.
---- Zentrnmspartei des Wahlkreises Eichsseld« Thüringen. Vom Vorort wirb uns mitgeteilt: Die Sitzung bes Reichsausschusses der deutschen Zentrums- Ket, die am Sonntag und Montag in Berlin fand, Zeigte die alte Einheit und Geschlossenheit der Parier, gab aber gleichzeitig gegenüber den Anforderungen der neuen Zeit deutliche Beweise ihrer Lebenskraft und ihres Willens zum Leben. Aus dem Bereiche unseres Provinzialverbandes nahmen an ihr die Vorsitzenden der Provinz Sachsen und Thüringens teil. Auf ihre Anregung hin beschäftigte! sich der ReichSausfchuß a«ch mit ben Wünschen unserer Gebiete; vor allem deS Eichsfeldes und der R hö«. Auf asten Sellen zeigte sich großes Verständnis für unsere besondere Lage, unsere Wünsche fanden reichstes Entgegenkommen. U. a. wurde einstimmig beschlossen, Heern Abg. Propst Poppe- HeMgenstadt in den Ausschuß zu wählen. Der! Dank unserer Wählerschaft, BefoabecS auf dem Eichs- felde wird der Partei dafür sicher sein.
* Die Vesatzungskosten. Der HauPtansschutz des Reichstags befestigte sich gestern weiter mit der Frage der Befatzungskosten. Zu Beginn stellte Reichs- schatzminister Raumer gegenüber ungenauen Angaben der Berichte über die Mittwochssitzung fest, daß die Etatforderungen für die Besatzungtruppen einschließlich ber Kosten für bie interalliierte Rheinlandkommission 15 724 Millionen betragen. Die Starte ber ameritant- fchen Besatzung war vom Minister nur schätzungsweise unb vertraulich genannt worben, bleibt aber erheblich hinter ber Zahl 17 000 zurück, von ber Dr. Helfferich sprach. Don oerschiebenen Rebnern wurde protestiert gegen die Art, wie von einzelnen Personen des Be- satzungsheeres unmäßige Forderungen erhoben werden. So wird erwähnt, baß u. a. ein Leutnant einen Teppich für 80000 Mark verlangt habe. In Koblenz forderte etn amerikanisches Mitglied ber Delegation eine Villa, deren Mietpreis 50 bis 60 000 Mark beträgt. Für die Tochter eines französischen Generals mußten Katzen auf Reichstosten getauft werden. Reichsminister Simons nahm zu der Frage Stellung, ob als Protest gegen die Überforderung die gemachten Bestellungen nicht einfach abgelehnt werben könnten. Er rät von btefer Ar: des Protestes ab, da uns dadurch außenpolitisch nur unangenehme Wirkungen entstehen könnten. Ein Protest könne ja auch in anderer Form erfolgen. Weller wandte sich der Minister gegen die Unvernunft, die sich darin äußert, daß die Besahungsmächte mit deutschen Mitteln den Entente.Militarismus unter, stützen während sie vorgeben, den Krieg gegen den deutschen Militarismus geführt zu haben. Gegenüber einer Forderung von beitjij)nationaler Seite, statt bes