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FuldaerZeitung

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Amtlicher Anzeiger für den Kreis und die Stabt Fulda.

llr. 255.

Berantwortlich für den cevauwnellen Teil: Karl Schütte, u für die Anzeigen: I. Parzeller-Fulda. - Rotationsdruck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda, -rermprecher Nr. S. Telegr.-Adresse: FuldaerZeitung

Mittwoch, 3. November >920,

Bezugspreis: Monatlich 3.00 Alk. ohne Zustellgebühr. In Fulda bei uns abgeholt 3,15 Mk. Anzeigenpreis: Die Kleinzeile Lolonelmav) 60 pfg., u. Zuschlag, die Re lamezeile (Tepbreite' 1.80 Mk^ u. 10% Zuschlag. Del Wiederhol.Rabatt.

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47. Zahrg.

Auswärtiges Amt unv Katholiken.

Bei der politischen Aussprache im Reichstage hatte f>er Sprecher des Zentrums, der Abg. T r i m b o r n, bekanntlich auch die Frage der Stellenbesetzung und ter Stellenverteilung imAuswärtigenAmt einer durchaus berechtigten Kritik unterzogen. Er beklagte es, daß der katholische Volksteil trotz der Kcheutung, die ihm schon immer zukam, und zumal heute auf Grund der Stellung der Zentrumspartei im gesamtpolitischen Leben eingeräumt ist, bei den Stel­len des Auswärtigen Amtes, insbesondere den konsu- ■ Kutschen und diplomatischen Vertretungen im Aus- fante viel zu wenig berücksichtigt wird. Das Auswärtige Amt müsse sich bemühen, entsprechende Kräfte aus dem katholischen Lager, die durchaus vor- handen seien, zu finden. Außenminister Dr. Si­mons erklärte, er müsse gestehen, daß er fest der Zeit, da er im Amte sei, niemanden nach seinem Gauben gefragt habe. Er betonte dann, daß Dr. Mayer, den er, wohl in falschem Zungenschlag, den „Führer des katholischen Zentrums" nannte, im Bot- Kerposten von Paris einen der allerwichtigsten :n inne hat, die das Reich zu vergeben hätte. Man konnte sa darauf gefaßt sein, daß gerade Dr. Mayer zur Parade gegenüber den Paritätsbeschwerden des katholischen Volksteils vorgeführt wird. Dr. Mayer ist aber gar nicht Führer des „katholischen Zentrums" — eine solche Partei gibt es ja gar nicht — Dr. Mayer gehört vielmehr der Bayerischen Volks­partei an; er ist allerdings ein Führer des ka- tholischen Lebens Deutschlands. Aber durch diese eine Stellenbesetzung, die wir selbstverständlich be­grüßen, zumal anerkanntermaßen Dr. Mayer dem Deutschen Reiche durch seine Tätigkeit in Paris die größten Dienste in allerschwerster Zeit geleistet hat, dürfen wir uns nicht hindern lasten, angesichts des Umfangs des Auswärtigen Amtes und seines Tätig« keitskreifes über die ganze Welt auch anderweitig eine angemessene Vertretung des katholischen Volksteiles zu fordern. Nicht um der Katholiken wegen, sondern auch zu Nutz und Frommen des Deutschen Rei­ches. Katholiken sind in den meisten Fällen eher in der Lage, Beziehungen zu den katholischen und kirch­lichen Kreisen im Auslande anzuknüpfen und zu pfle­gen. Man braucht nur dos Erzberaersche Kriegsbuch zu lesen, um zu erkennen, wie vielfältig diese Be­ziehungen sind und welche Bedeutung ihnen zukommt. Das gilt für alle Länder mit katbokisiber Mehrheit oder starker katholischer Part«, z. B. Spanien, Bel­gien, Palm, die südamerikanischen Staaten, aber auch für Italien, Tschecho-Slmvakei u. a. In Berlin glaubt man anscheinend immer noch, daß für solche Aufgaben Leute, die der katholischen Weltanschauung und allen katholischen Beziehungen möglichst fernstehen, die ge­eignetesten sind. Eine Statistik über die neuen (und alten) Männer in der Zentrale wie auf den Außen­posten könnte nach dieser Ricbtung interessante Einblicke in den Geist der Personalabteilung des Auswärtigen Amtes vermitteln, selbst da, wo man diesen Forde­rungen entsprocben haben will. Sicher ist, daß keine Partei außer den Unabhängigen im Auswärtigen Amt teng Einfluß hat wie das Zentrum, daß es keiner so wenig gelungen ist, Anhänger ins Auswär­tige Amt und in den auswärtigen Dienst zu bringen wie dem Zentrum.

Daß di« Beschwerden im Grunide gerechtfertigt sind, mußte selbst der Außenminister zugeben, indem er er­klärte, daß auch er der Meinung sei, daß es vom Standpunkte der Demokratie bedauert werden müsse, wenn ein großer Volksfest der Auffassung fei, daß feine Rechte unbillig verkürzt seien. Da müsse unbe­dingt „Abhilfe" geschaffen werben. Der Außenmini­ster bat dann Trimborn, die Absichten des Auswärtigen Amtes zu unterstützen, vor allem auch dadurch, daß im katholischen Bevölkerunpsteil auch das Interesse Md das Verständnis für unsere außenpol'tffck>en Auf­gaben gefördert wird. Die katholisch« Presse darf für sich in Anspruch nehmen, daß sie in dieser Hinsicht nichts versäumt.

Das sozialdemokratische Agrarprogramm.

des Barrernstandes Parteitage nichts Koutsky lehnte den den ausdrücklichen

Bauernstandes Grund, denn das

-Nir die Erhaltung des

JBWreten, haben wir keinen ________

bef!eu"Ur «eschehen, indem wir sie in ihrem Besitze (wotofoH0 6*' 125°) °an3 anders verfahren wie sonst." äußerst erregten Auseinandersetzungen wurde dem Parteitage zu Breslau allseitig dir Ablehnung

Unter den vielen wunden Punkten im sozialistischen Programm ist die Agrarfrage einer der wundesten. Wenn man bedenkt, welch gewaltige Bedeutung aber gerade die Ernährungsfrage im heutigen verhungerten Dmsschland hat, so wirft die sozialdemokratische Hilf- wsigkeit in diesem Angelpunkte mrseres Wirtschaftslebens 601 bezeichnendes Licht auf die ganze Bedeutungslosigkeit Zerfahrenheit des sozialdemokratischen Programms. Zwar hat die Sozialdemokratie schon verschieden!. M> Versuche gemacht, zu Zwecken des Bauernfanges ein »Agrarprogramm" aufzustellen, aber sie hat sich dabei Arch jedesmal arg in die Nesteln gefetzt. Zuerst wurde ^ Agrarfrage auf dem soztaldemokrat scheu Parteitaae ^Frankfurt (im Jahve 1894) angeschnitten. Bei dieser Gelegenheit sagte aber von vornherein der sozialdrmo- 'rachcho Führer Auer:

* -SBer glaubt, daß es uns je gelingen werbe, den ”?uer für uns, die sozialdemokratische Arbeiterpartei, ge- zu können, der huldigt einem Köhlerglauben!" (Protokoll 6. 126.)

Gleichwohl aber wurde auf dem Parteitage zu 05°ukfurt eine Kommission eingesetzt, welche für den Parteitag ein besonderes Agrarprogramm Msarbeiten sollte. Dieses Agrarprogramm kam dann "s>ch auf dem nächsten Partettage in Breslau (1895) zur ^chandlung. Aber die Kritik war fürchterlich, und tre Gegensätze platzten mit erbarmungsloser Schärfe auf- Lander. Von einem Schutz ' ~

oJte man aus dem Breslauer

-ZGen, und der Parteipapst" ^utz des Bauernstandes mst

des Agrarprogramms verlangt, welche Forderung Max Schippet mit den Worten ausdrückte:

„Deshalb bitte ich sie, lehnen sie den Entwurf (das Agrarprogramm) ab. Wir sind eine Partei der besitz­losen Arbeiter. Wir wollen freilich auch den kleinen Be­sitzer gewinnen, jedoch nur, indem wir ihn überzeugen, daß er als Besitzender keine Zukunft hat, sondern daß seine Zukunft die des Proletariats ist." (Protokoll S. 119.)

Schließlich wurde denn auch das Agrarprogramm von dem Parteitage mit der Begründung verworfen: „Dieses Programm stellt der Bauernschaft die Hebung ihrer Lage, also eine Stärkung des Privateigentums in Aussicht." (Prot. S. 204.)

Seitdem ist das „Kräutchen rühr mich nicht an" der Agrarfrage bei den sozialdemokratischen Parteitagen Nicht mehr auf der Tagesordnung erschienen. Erst in diesem Jahre, auf dem KasselerParteitage hat die Sozialdemokratie einen neuen Versuch unternommen, dem Parteitage ein Agrarprogramm vorzulegen.

Aber wie sicht dieses Agrarprogramm aus? Bei jeder Zeile des Agrarprogramms merkt man die schwe­ren Geburtswehm und die schmerzlichen Erfahrungen der früheren Zeit. Bemerkenswert ist nach dieser Rich­tung die Forderung, daß nur die „dazu reffen" Betriebe sozialisiert werden sollen, daß aber die übrigen Besitz­verhältnisse nicht zu stören seien. Die bereits kürzlich von uns hervorgchobene beginnende Wandlung der Sozialdemokratie zu einer reformistischen Partei, das Bekenntnis zum „Rev'sionismus" blickt auch hier durch. Früher: Umwandlung des Bauern zu besitzlofsn Prole­tariern, jetzt: keine Störung der Besitzverhältniste! Im übrigen enthält das ganze Programm nur Gemeinplätze, es ist nichts als eine verschwommene und Phrasen- hafte Schaumschlägerei, als ein inhaltsloses und gewundenes Gemisch von allerlei Widersprüchen, Halbheiten und Verkleisterungen. In dieser Erkenntnis schreibt selbst die „Soziaüstische Agratkorvespondenz" (Nr. 39): „Die Sozialisten unter den Landarbeitern und Landwirten wird dieses Agrarprogramm wegen seiner Unbestimmtheit, UnMrheitlichkeit und obersläch- lichm Formulierung befremden".

Die Sozialdemokratie war sich dieser Schwäche wohl selbst sehr bewußt, und sie mußte befürchten, daß es bei einer Aussprache zu ebenso hefttgen Ausemander- fetzungen und Widersprüchen kommen würde, wie da­mals auf dem Parteitage zu Breslau. Die unbequeme Diskussion mußte daher auf jeden Fall vermieden wer- den, was den geschickten Drahtzichsrn auf dem Kassier Parteitage euch glücklich gelungen ist. Es wurde näm- sich von feiten einer Kommission dem Partestage vor­geschlagen, angesichts der Schwierigkeiten des Pro­gramms von einer Aussprache über die agrarischen RichMnrm und die dazu gestellten Anträge abzusehen, sondern sie ohne weiteres gutzuheißen und das vorgefchlagene Agrarprogramm ohne Abänderungen anzunehmen.

In der Verklnisterung und im Sichvorbsidrücken an brenzlichen Fragen sind die Sozialdenwkraten Meister. Wann die Sozialdemokratie aber glaubt, an einer so wichtigen Frage wie die Agrarfrage mit einigen nichts­sagenden Redensarten vorbeigehen zu können, sv dürste sie sich sehr täuschen. Die Agrarfrage wird für die Sozialdemokratie ein heißes Eisen bleiben, das aber schließlich doch einmal angefaßt werden muß. Mit ihrem Bauernfang werden die Sozialdemokraten allerdings niemals Glück haben, da sowohl die Weltanschauung wie auch das ganze Verhalten der So- zialdemokraüe zu dem Empfinden des Landvolkes in schroffstem Gegensgtze steht, töte auch einer unserer her­vorragendsten Agrrpolif'ker, Adolf Buchenberger, in fernen „GrundEaen der deutschen Agrarpolitik" (S. 30) schrieb: „Ihrem ganzen Wesen und Empfinden nach muß die Landbevölkerung die Sozialdemokratie als ihre Todfeindin betrachten und zu bekämpfen suchen!"

Die Zukunft der deutschen Schule.

Die Verhandlungen des Reichsschulanssckusses.

In den letzten wer Tagen der vorigen Woche hat im Reichsministerium des Innern der Reichsschulaus­schuß getagt und die wichtigsten neu zu regelnden Schulfragen besprochen, lieber das Ergebnis der Be­sprechungen wird bekannt gegeben:

Den wichtigsten Gegenstand der Tagung bildeten die Beratungen über das gemäß Artikel 146 Abs. 2 der Reichs- verfasiimg zu erlassende Reichsgesetz über Bekennt- nisschulen, weltliche und Gemeinschaftsschulen. Man glaubt, einen Weg gesunden zu haben, der eine baldige, bestiMgende Lösung erhoffen läßt.

In einer Aussorache über die Ergebnisse der Reichs» schulkonfermz wurde auf diejenigen Fragen hingewiesen, für di- ehre demnächstige Regelung als notwendig anzu­sehen ist.

Die D-rhandftlngen über den Arbeitsunterricht ergaben eine Berständigmw über all-remeine Richtlinien für die nach Artikel 148 Abs. 3 der Reichsverfassung ge­forderte baldige Einkühruna des Arbeitsunterrichts in den Schulen unter Berücksichtigung der gegenwärtigen sina-n- ziellen Schwierigkeiten von Reich. Ländern und Ge­meinden.

Die Arbeit-n einer einheitl'chen Reichsschulsta­tistik. die durch d-n Krieg unterbrochen sind, sollen un- oermasich wieder aufqenommen und allmählich möglichst wett ausgebaut weiden.

Für die Frage der Neuordnung der Rechtschrei­bung wird ein aus fünf Sachverständigen und je einem B-rtreter der Buchdrucker, der Buchhändler und der Schriftsteller zusammengesetzter Ausschuß Vorschläge aus- arbeiten, die sich in den Grenzen einer maßvollen, die Schularbeit _ erl-ichternden. das Wirtschaftsleben aber nicht beeinträchtigenden Vereinfachung halten. Zu diesen Vorschlägen, insbesondere über den etwaigen Zeitpunkt ihrer Derw'rksichm-g. nsird der Reichsichulausschuß in einer seiner nächsten Sitzwm Si-llr-ng nehmen.

Zur Bemrtach-tuna d-s Sandes und der Leffttmaen der d-utschen Schulen im Aus lande wird vom Reichsmi- ntst-rium des Innern hn Einv-rnelmren mft dem Aus- ws-ttoen Amt ein besonderer Ausschuß geödet werden. Dieser wird , in Fragen, die übet die Befuawsse des Aus- schusies binausgchen. %rch einen Reichsdoirai für das : deutsche Schulwesen im. Auslande erweitert werden. '

In der Frage der körperlichen Erziehung i wurde über die Spielplatzfraaen und die Leitsätze der , Reichsichulkonserenz über die Leibesübungen beraten, 4

Zum Schluß der Tagung wurde die Frage der Auf­bau- und Oberschule erörtert. Es handele sich vor allem durum, ob und unter welchen Voraussetzungen, vorbehaltlich der endgültigen Ausführung des Artikels 146, Abs. 1 der Reichsverfassung, diese beiden Schultypen schon jetzt in der Form von Dersuchsschulen einzuführen sind. Grundsätzlich wurde der Einführung dieser Schul­formen zugestimmt.

Zur Abstimmung in Oberfchlestsn.

Tie Reise zur Abstimmung.

Obgleich dec Termin für die Abstimmung in Oberschlesien noch nicht bestimmt ist, hat die Eisen- bahnverwaltung schon jetzt Anordnungen für die Beförderung der Abstimmungsberechtigten getroffen. Nach den Planen der Eisenbahnverwaltung soll die Beförderung in dec Hauptsache in Sonderzügen 10 Tage vor und 10 Tage nach der Abstimmung erfolgen.

Der deutsche Schutzbund in Berlin übernimmt wie bei den anderen Abstimmungen, die Verteilung der Abstimmungsberechtigten auf die einzelnen Züge und Reisetage. Auch die Fahrscheine für die Ab- stimmungsberechtigten, die zur Fahrt bei den deutschen Reichseisenbahnen wie auch auf sämtlichen Privat­bahnen berechtigen, werden vom Schutzbund ausgegeden. Die Fahrscheine weiden auf den Namen des Abstim­mungsberechtigten ausgestellt. Sie weiden durch die Vereinigten Verbände HeimatStreuer Oberschlesier den Abstimmungsberechtigten aus ehändigt. Die Fahr­scheine für Sonderzüge gelten einen bestimmten Tag, der, da der Abstimmungstag noch nicht feststeht, zunächst nur durch einen Buchstaben feftgelegt wird. Für die Rückreise gilt der Schein vom Tage der Abstimmung bis zum darauffolgenden 28. Tag.

Für die Hinreise be rnnt der Transport 12 Tage vor dem Abstimmungstaxe selbst. Im all emeinen be­rechtigen die Fahrscheine zur Fahrt in der III. Kl., doch kann der Äbstimmun iSberechtigte in eine höhere Wagenklafse übergehen, wenn er den tarifmäßigen Preisunterschied zahlt. Fahrtunterbrechungen sind auf der Hin- und Rückreise je einmal gestattet. Eine Ein­schränkung tritt für die Sonderzüge insofern ein. als auf der SonderzugSstrecke die Fahrt auf der Hinreise gar nicht und auf der Rückreise nur einmal gegen bahnamtliche Bescheinigung der Unterbrechung gestattet ist. Die Teilnahme an der Abstimmung selbst muß von der Äbstimmun iSbehörde auf dem Fahrschern, der fonst seine Gültigkeit verliert, bescheint t sein.

Die Opfer des Ausstandes in Oberschlesien.

Der Verband tjeimattr. Oberschlester veröffentlicht in den Zeitungen den Nachruf für leine beim polnischen Augustaufstand 1920 umgekommenen Mitglieder. Es ist bemerkenswert, daß bet den 75 oufgezävlten 37 rein polnische Namen sind, ein neuer Beweis, wie stark auch das oberichlesuch-poln-che Element auf deutscher Seite nicht nur mit dem Wort, sondern auch mit dem Leben steht.

Die Münchener Schauergeschichte.

Der Enchüllungsrummel, der von den sozial ist'-sch en Parteien gegen die Münchener Polizeidirektion veranstal­tet wurde, von der behauptet wurde, daß sie Leute, die Waffenvorräte an die Entente verraten, heimlich um die Ecke bringen lasse, hat sich sehr schnell als das fürchterlich aufgebauschte Ergebnis eines plumpen Schwindels zweier anrüchiger Individuen, eines Erpressers, der auch unter Mordverdacht steht, und eines bekannten Spitzels herausgestellt. Der von den Sozialdemokraten und Un­abhängigen erhobenen Angaben lagen die Angaben eines entlassenen Reichswehrsoldaten D o b n e r und eines bel­gischen Agenten Bracheur zu Grunde. Nach deren Angaben hatte Dobner an den Ententeagenten Bracheur ein Waffenlager verraten wollen, Bracheur glaubte aber ein besseres Geschäft zu machen, wenn er nicht die Entente- kommission, sondern die Münchener Polizei von dem Ver­rat benachrichtigte. B. und D. feien dann mit mehreren Polizeibeamten zu dem angeblichen Waffenlager hinausge­fahren, während der Fahrt hätten aber die Polizisten den D. zu ermorden versucht, und, als sie ihn tot glaubten, hätten sie ihn vom Wagen herunter geworfen. D. war bann zur U. S. P. gegangen und hatte der diese An­gaben gemacht, während B., angebllch um fein Gewissen zu entlasten (!), der S. P. D. Mitteilung machte. Die beiden politischen Parteien behaupten daraufhin bekannt­lich in einem Dringlichkeitsantrag, die Münchener Polizei habe eine Mordzentrote, die solche Verräter von Waffen- lagern systematisch vom Leben zum Tode befördere. Bei der Untersuchung stellte sich dann heraus, daß die Mün­chener Polizeibehörde gänzlich unbeteiligt an der ganzen Angelegenheit ist. Die Beziehungen Dob- ners zur Münchener Polizei rühren daher, daß er wegen Mordverdachts gesucht wird. Und D. lernte die Mün­chener Polizei als einen Erpresser kennen, der seine Tä- ttgkest als Ententespion zu Erpressungen an Deutschen be­nutzte und die Entsntemission, für die er arbeitet, bei jeder Gelegenheft hinterging und betrog. Zwei nette Ehren­männer also, die die U. S. P. da in Schutz nahm. Sie sind fetzt übrigens beide verhaftet worden, D. wegen Mordverdachts und B. auf Antrag der Ententemission, und zwar befanden sie sich im Frakttonszinnner der U. S. P. ftn bayerischen Landtag!

Der „Ifiotbanfdtlag* — eine verdienke Tracht Prügel.

Auch der angebliche „Mordansckssag" gegen D. ist jetzt restlos aufgeklärt. D. hatte sich an Studenten heron- gemacht, denen er das Waffenlager für 3000 Mk. verraten wollte, damtt diese das Lager bei den Entwaffnungsstellen angäben .weil er selbst mft der Polizei nichts zu tun haben wollte. Diese sichren mft ihm nach dem angeblichen Lager hinaus. Unterwegs sagte D. plötzlich, wenn er nicht 10 000 Mk. für den Verrat bekäme, kehre er um unb ginge zur U. S. D., wo er viel mehr bekäme. Wegen dieser niedrigen Erpressung wurden die Studenten so wü- tenö, daß sie den D. mit fernem eigenen Stock jämmerlich oerprügelten und vom Wagen warfen. Der „Mord- anschlag" stellte sich also eine höchst verdiente Tracht Prü- gel heraus, mit dem die Münchener Polizei nichts zu tun hatte. ___________________

Ai»s dem befehlen Gebiet.

Aufenkhallsbeschränkungen. Eine Verfügung des Oberkommandos der Rheinarmee MOmmt, daß in Gar- nifonftäbten Deutsche ohne norharine Genehmigung durch den stanzösischen Blatzkommandanten sich nicht länger als zwanzig Tage aufhalten dürfen. Als Grund wird angegeben, daß in den Garnisonen Wohnungsnot und Schwierigkeiten in der Lebensmittelversorgung be­ständen. Die Maßnahme, deren rechtliche Zulässigkeit durchaus bestritten ist, richtet sich ganz einseitig geaen die Deutschen, während nochgewiesenermaßen der Zu­

strom der Franzosen und die verhältnismäßig starke Beanspruchung von Privatwohnungen durch Offiziere mit eine der Ursachen der Wohnungsnot ist. Die Ver- fügung läuft in ihrer Wirkung einfach auf eine Be­günstigung französischer Zioilzuwanderung zum Nachteil des Deutschtums hinaus gegen die entschiedener Ein- spruch erhoben werden muß.

.Die amerikanische Präsidenischafiswahi.

wtb Poris, 3. Nov. (Tel.) We die Agentur Havas berichtet, ist der Senator Harbing zum Präsi­denten der Vereinigten Staaten gewähst worden.

Die eigentliche Präsidentenwahl findet erst Anfang 1921 statt. Die gestern vorgenommene Wahl ist die Wahl der W a h l m ä n n e r. Ähr Ergebnis läßt aber den Ausfall der Präsidentenwahl voraus erkennen. Man hatte den Sieg des Republikaners H a r d i n g mst aller Besffmmtheit erwartet, da die außerordentlich starke und weit verbreitest Unbeliebtheit Wilsons auf feine Partei, die Demokraten, zurückwirkte. Diese hatten C o x als Kandidaten aufgestellt. Es traten bei dieser Präsidentenwahl noch einige neue Faktoren auf, die bis­her bei den Wahlen in Amerika keine Rolle spielten. So übten zum erstenmal die Frauen das Wahlrecht, aus. Dann f) alten auch die Sozialisten einen eigenen' Kandidaten, Debbs, aufgestellt, der zwar als ernsthafter Konkurrent nicht m Frage kam, aber doch eine ganze Anzahl Stimmen aus sich vereinigen konnte. Und dann hat sich in dtn Agrarstaaten eine neue Bauernpartei, de Unabhängige Bauern- und Arbeiterpartei gebildet, die gleichfalls einen eigenen Kandidaten, Christenfen, mffstellte. Das Ergebnis der Wahl ist aber durch diese Momente nicht ausschlaggebend beeinflußt worden.

In dem Ringen der beiden großen Parteien, Demo- kraten und Republikaner, drehte sich der Streit eigentlich, um eine einzige Hauptfrage, die Wilson-Herr­schaft. Während sonst in dem alle vier Jahre wieder- kehrendm Streit um das höchste Amt das ganze Land erregt und erbittert die vielseitigen Punkte der Wahl­programme verfocht, hatte sich das ganze Interesse dies­mal auf Wilson gesammelt. Nur e i n Schlachtruf war klar und deutlich aus dem Kampfgetümmel der Wahl­vorbereitung zu vernehmen, der Ruf gegen Wil.» s o n! Selbst m den demokratsschen Reihen wurde dieser Ruf vernommen, so daß der demokratische Kan- didat Cox sich genötigt sah, von seinem Herrn und Meister abzurücken und zu erklären, es handle sich um seine Wahl und nicht um die von Wilson. Es hat mchts genützt. Die Demokraten sind an Wilson zugrunde gegangen. Der Götzendienst, der mit dem Manne geuuben wurde, der vor vier Jahren unter dem Feldgeschrei: „Er hat uns aus dem Krieg gehalten, und er wird uns auch fernerhin aus dem Krieg halten'" wtedcrgewählt wurde, fft seit langem in Haß umgeschlagen. Die Partei aber, beren Führer er war, hat seine Sünden zu büßen. Schlemmer noch als der Treubruch, den Wilson an feinem Lande beging, als er es gegen desstn Willen in den Krieg trieb, wirkte die halsstarrige Weigerung Wilsons, das Land zum Frieden gelangen gU lassen, indem er anderhalb Jahre darauf bestand, daß Amerika mit dem Friedensvertrag auch den Dötketbund schlucken müsse, und zwar ohne die Aenderung eines einzigen Buchstabens. Amerika hat den Völkerbund in dei Wilsonsschen Fassung nicht geschluckt, u. so kommt es, daß es heute noch als einziger der 27 Kriegsgegner gegen DeutschlcuL im Kriegszu­stand sich befindet. Die Folgen, die sich für Amerika daraus ergebrn machen sich schließlich auch dem fühl­bar. der für iulistijche Spitzfindigkeiten kein Verständnis hat, und so ha: letzten Endes der gewaltsam verhin­derte Friede mehr noch als der gewaltsam erzwungene Krieg die Erbutuung gegen Wilson genährt und damit den Fall des oemokratffchen Kandidaten zur Folge gehabt.

Deutsches Reich.

** Berlin, 2. November. Die preußischen Obe» Präsidenten und Landesdirektoren wandten sich gegeni die im Berfassungsentwurf geplante Autonomie der Provinzep. — In Paris wird offiziell die! Nachricht aus Berlin dementiert, daß die französischej Regierung die Zahl der von Deutschland abzu­liefernden Kühe von 800000 auf 400 000 herab­gesetzt habe.

* Der Reichsausschutz der deutsche« Zenkrumsparte) hat auf seiner abgeschlossen«, Tagung in Berlin auf dem Gebiete der Organisation ftuchtbare Arbest geleistet. In welcher Richtung sie sich bewegt, ergibt sich aus den beschlossenen Resolutionen. Zur Frage der polstsschen Schulung der Jugend stimmte der Reichsausschuß einem Beschluß zu, durch den er sich auf den Boden eines schon vom ersten Reichs- parteitag des Zentrums angenommenen Antrags stellt. Er lautet:

Der erste Parteitag des Zentrums erblickt in beh Windthorstbunden die gegebene Einrichtung zur Erfassung und Schulung tret Zentrumsjugend. Die Windt- horstbmide sind im Interesse der Einigkeit der zu leistenden Arbeit zu einem besonderen Verbände im Rahmen der Zmtrumsorganffatftm und unter Führung des Reichs­parteisekretariats zusammenzufaflen.

Der Fieichsausschuß stimmte gleichfalls den vom Reichsgeneralsekretariat oorgelegten Richtlinien und Normalsatzungen zu und beauftragt das Reichsgeneralsekretariat, nach diesen Richtlinien die Landes- unb Provinzialstellen anzuweisen, in ihrem Bereich die Iugendschulung zu betreiben. Die Iugemdschulorganffationen des Reiches werden vom Reichsgeneralsekretariat zusammmaefaßt, damit sie von diesem in ihrer Arbeit unterstützt werden können. Zu diesem Zwecke wird beim Re-ichsgeneraksekretariat eine besondere „Zentralstelle für die Iugendschulung" ein- , gerichtet. Das Reichsgeneralsekretariat wird ermächtigt, sofort Verhandlungen zm Schafftmg eines eigenen Jugendorgans einzuleiten und zum baldigen Abschluß zu bringen. Mit der Erfassung und Schulung des akademischen Nachwuchses befaßte sich fol«