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Amtlicher Anzeiger für den kreis und die Stadt Auida.

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47. Zahrg.

3m Jubeljahr der Lentrumsparlei.

Der Tag -es Soester Programms: 28. Oktober.

Das Soester Programm.

Ml der Aufstellung des Soester Programms am 28. Oktober 1870 wurde der Grund zu der heutigen Zentrumspartei gelegt. Es wurde richtunggebend für fcn Zusammenschluß und die parlamentarische Betäti­gung der auf feine Forderungen hin gewählten Abge- ordnetm, also vor allem für die am 13. Dezember 1870 vollzogene Gründung derZentrumspartei, die nunmehr auf ein halbes Jahrhundert harter Arbeit, schwerer Kämpfe, aber auch schöner Erfolge zurück­bücken kann. Das denkwürdige Programm, das nach Angaben von v. Mallinckrodt und v. Schorlemer-Alst durch den späteren Prälaten HAskamp ausgearbeitet worden ist, hat folgenden Wortlaut:

Für Wahrheit, Recht und Freiheit!

1. Erhaltung *ber verfassungsmäßig anerkannten Selbständigkeit und Rechte der Kirche. Abwehr jedes Angriffs auf die Unabhängigkeit der kirchlichen Organe, auf die Entwickelung des religiösen Lebens und die Ent­faltung christlicher Liebestätigkeit.

2. Tatsächliche Durchführung der Parität der aner­kannten Religionsbekenntnisse.

8. Abweisung jedes Versuchs zur Entchriststlichung fct Ehr.

4. Konfessionelle Schulen.

8. Für das ganze deutsche Vaterland ein Bundes­staat, der im Notwendigen die Einheit schafft, in allem übrigen aber die Unabhängigkeit und freie Selbstbe­stimmung der Bundesländer sowie deren verfassungs­mäßigen Rechte unangetastet läßt.

6. Dezentralisation der Verwaltung auf Grundlage der Selbständigkeit der politischen Korporationen in Ge- meinde, Kreis und Provinz.

7. Möglichste Beschränkung der Staatsausgaben und damit der Steuern und Lasten sowie deren gleichmäßige und gerechte Verteilung.

8. Ausgleichung der Interessen von Kapital und Grundbesitz sowie von Kapital und Grundbesitz einer­seits und der Arbeit anderseits durch Erhaltung und Förderung eines kräftigen Mittelstandes in einem selb- ständigen Bürger» und Bauernstands.

9. Freiheit für alle den gesetzlichen Boden nicht ver- lafienden Bemühungen zur Lösung der sozialen Auf­gaben. Gesetzliche Beseitigung solcher Uebelstände, welche den Arbeiter mst moralischem oder körperlichem Ruin bedrohen.

Soest, den 28. Oktober 1870. ~ ‘ 7/“. • ,

• V

Das Soester Programm stellt in markigen Sätzen knapp und dock' genau geformt die Forderungen und Leitsätze auf, die sich 50 Jahre lang in allem Wandel der Zeit bewährt haben, die heute noch MMomn Wähler hochhalten.

Ein halbes Jahrhundert ist in der Weltgeschichte keine lange Spanne. In der Parteigeschichte aber be­deutet sie sehr viel. Sie gibt Kunde von einem halben Jahrhundert unentwegten Treubekenntnisfes, treuester Opferbereitschaft und werktätiger, vaterländischer Arbeit. Das Zentrum hat zu den Dingen, wie sie heute tret uns stehen, und wie sie uns allesamt seelisch und körperlich bedrücken, nichts beigetrogen. Die Zentrumsarbeit war immer dem Frieden nach innen und nack außen ge­widmet. Zentrumsarbeit war Bersöhnungs- arbeit und Ausgleichstätigkeit und es stände heute bester um das deutsche Volk, wenn man früher den Richtlinien der Zentrmnspartei auch in den anderen Parteitagen eine bessere und gerechtere Wür­digung hätte zuteil werden lasten.

In dem beginnenden neuen halben Jahrhundert wird dos Zentrum mehr noch als bisher, getreu den Richtlinien des Soester Programms, durch feine Arbeit im Dienste des Bolksganzen fein Mrken im Dofksbewußtsem vertiefen müssen. Es wird in der Einheit und in der Einigkeit feine stärksten Fundamente sehen müsten. Ws wirkliche Volks- partei auf christlicher Grundlage wird es Ne Sammlung all derjenigen betreiben müsten, die der Autoritäts- mch Zügellosigkeit einen Wall entgegen­setzen und der Wühlarbeit derer, deren ganzes Sinnen md Trachten auf die Zerstörung der Fundamente von Staat, Gesellschaft uni) Familie hmarbeiten, entgegen- wirken wollen.

Seine stärkste innere Kraft erhAt das Zen­trum durch den von allen Seiten beneideten Cha­rakter seiner Zusammensetzung. Kraft dieser ist das Zentrum in der Lage, zwischen allen extremen rmrt- slbaftlichen und politischen Anffastungen den vernünf- Egen Ausgleich auf mittlerer Linie unb damit einen starken Antrieb für die Sicherheit, Ruhe und Festigkeit der inneren und äußeren Entwickelung zu bieten.

Schon früher hat sich gezeigt, daß das Zentrum ohne Schaden für das Reich nicht entbehrt werden kann, und die heutige Zeit zumal, in der ein Zentrums» reübskanzler das von stürmischer See gepeitschte und in tiefster Rot befindliche Reichsschiff führt, liefert erst recht den Beweis, daß das aufbauende, versöhnende und ausgleichende Wirken der Zentrumspartei als

einer wahren Volkspartei unerläßlich! st fürdie WiederaufrichtungunseresarmenVol- kes und unseres gerade wegen seiner Not nur um s0 heißer geliebten Vater­landes.

♦

In der Geburtsstätte des Soester Programms, in der westfälischen Stadt Soest, ist die 50. Jährung der Schaffung dieser wichtigen Urkunde des deutschen Parteilebens am Sonntag durch eine Jubelfeier be­sonders feierlich begangen worden. Mr haben über die Feier mit der großzügigen Rede des Vorsitzenden der LandtagssraMo» Abg Porsch bereits berichtet. Weitere Feiern werden allüberall in deutschen Landen in diesem Jubiläumswinter, der uns noch mehr der Erinnerungen an die Ereignisse bringt, die zur Grün­dung der Zentrumspartei führte, folgen. Auch für Fulda ist eine Festverfammlung vorgesehen.

Genügt das Soester Programm noch?

Von Prof. Grebe, M. d. Pr. L.

Die Gedanken, die in dem Soester Programm Gestal­tung gewann, haben ihre Lebenskraft bewährt. Sie waren nicht wechselnden Tagesfragen entspmngen, sondern hatten aus preußischen und deutschen Derhüttmsien heraus schon lang nach einer endgültigen Form gedrängt. Die Ge- danken des Programms sind für die Tätigkeit des Zen- tmms richtig gebend geblieben, an ihrem Wesen stt nichts geändert.

@enüflt aber dieses Programm auch den Anforderungen, die eine neue Zeit der Partei stellt?

An die Spitze stellt das Soester Programm die ver- fasiungsmäßige Freiheit der Kirche Parität, Rettung der christlichen Ehe und die Erhaltung der konfessionellen Schule. Diese Forderungen find auch heute so z«tgemäß wie nur möglich. Die konfessionelle Schule vor allem stt heute ernster bedroht als damals. Die übrigen Punkte: Die Abgrenzung der Rechte zwstchen Reich und Län­dern, der Schutz des gewerbkchen Mittelstandes, die Aussöhnung zwstchen Kapital und Arbeit stehen heute wieder im Vordergründe. Man kann diese Ge­danken mit Bischof von Ketteier: .Die Zentrumsfraktion auf dem ersten denstchen Reichstage' unter zwei großen Gesichtspunkten zrstammenfaffm: .Die Zentrumsfraktion vertritt zwei große Prinzipien, welche eminent positstcher Natur sind und tief im denstchen Wesen, in der deutschen Gesinnung «nd in der deutschen Geschichte wurzeln: 1) das Prinzip, daß Religion, Sittlichkeit und GerechtiMt die allein wahren Grundlagen des Staates und der gesamten bürgerlichen Gesellschaft sind: 2) das Prinzip, daß die Der- fasftmg des deutschen Reiches ben Einzelstaaten jede SelbständigkeN bezüglich der Gesetzgebung und Selbstver- waltung gewähren muh, welche mit einer starken Reichs- genwlt vereinbar ist."

Da diese Grundsätze deutschem Wesen- entsprechen, trä­nen sie nicht veralten. (Ehre Zeit lang schien es, als ob der Grundsatz von der Verfassung des Reiches und des Staates von der Entwicklung nicht unberührt bleiben sollte. Das Verschwinden der Dynastien hatte einen Um­bau des Reiches nötig gemacht. Die Zentralgewalt, die bis dahin auf der Vormachtstellung Preußens berührte, mußte m anderer Weste gesichert werden. Da tauchte das Schlagwort vom Einheitsstaat auf. Die Stammes- eiyemrrt verlangt aber gebieterisch ihr Recht neben der Volkseinheit. Das Zentrum nimmt heute in dieser Frage genau die gleiche fxtltimg ein, wie vor 50 Jahren. Schon v. Ketteler verlangt eine starke Reichsgewalt, und die Reichseinheit stt für ihn die Grenze für die Bewegungs- .. fveiheit der Länder. Sv auch heute. Die Forderung des Soester Programms: „Dezentralisation der Verwaltung auf Grundlage der Selbständigkeit der politischen Korpo­rationen in Gemeinde, Kreis und Provinz" stt heute wirk­sam in der Autcmomiebewegrmg. Möglichst Selbstoerwal- twrg auf allen Gebieten verlangte auch von Ketteler. .Das wahre Hebel der Zentralstation liegt ja nicht eigentlich in der Einheit der Spitze des Reiches, sondern vielmchr ht der einheitlichen, jede Selbstverwaltung und ©eSbftbefthn» ntung vernichtenden Uniformierung der gesamten Gesetz­gebung und Verwaltung eines Landes."

Die grundsätzliche Stellung des Zentrums zu der staats» rechtlichen Gestoltrmg des denstchen Reiches Hal sich auch bei dem Umbau m den Stürmen der Revolution bewährt. Der erste Grundsatz aber verspricht allein Rettung aus dem Wirrwarr und Röten der Gegenwart. Die Soz'al- demokrotie mit ihrem Materialismus stt gescheitert. Der» gebens mahnt sie jetzt die Malten, daß Sozialismus nicht blaß Rechte, sondern auch Pflichten bedeutet, und zwar in stärkerem Maße Pflichten. Die versäumte Erziehimgsar- beit stt nicht nachzuholen, müßte doch die Partei ihren Charakter völlig ändern. Rur Erneuerung im Geiste des Christentums kann uns Helsen. Nur so kommt Ruhe und Ordnung in unsere denstchen Lande zurück. Nicht in bloßer Abwehr von Eingriffen in die Freiheit der Kirche einigt sich das Zentrum: es will mehr. Positiv will es dem Christentmn seinen Einfluß im öffentlichen Leben gewahrt wissen und so die notwendige Umwandlung der Gesinnung herbeiführen. Die Sozial- demokrakre stt eine Klaflenpartei. Ihr gegenüber kann die

Sammlung nicht auf wirtschaftlichem Boden als Devufs- vertretung erfolgen. Eine Dolkspartei ist notwendig, die alle Schichten umfaßt. Das chrsttliche Gefellfchastsideal besitzt auch heute noch parteibildende und erhaltende Kraft.

Das Zentrum ist im Laufe eines halben Jahrhunderts zu einer poli tischen Einheit von ausgesprochener Eigenart zusammengeschweißt. Aus zwingender Notwen­digkeit stt es erwachsen. Die gleichen Gründe fordern seine Erhaltung. Seine Grundsätze sind auch heute noch lebenskräftig. Möge zu seiner Jubelfeier das Wort von Ketteler endlich Erfüllung finden, das er kurz nach der Gründung der Zentrumsfraktion sprach: „So wahr und echt ihre Prinzipien sind, so gewiß kann sie mit denselben nicht unterliegen, so geroiß muß die Zeit kom­men, wo man ihren Bestrebungen wird Gerechtigkeit widerfahren laßen müssen."

Für Wahrheit, Freiheit und Rrcht!

Der Zentrums-Wahlspmch, der in den Tagen des Kulturkampfes durch feine begeisternde Kraft wesentlich zun» Aufschwung der Partei ^getragen und auch heule noch seine Zugkraft m keiner Weise verloren hat, taucht schon in den ersten Anfängen der Bildung der Zen- trumspartei auf. Er stammt von keinem geringeren als Hermann v. Mallinkr 0 d 1 und wurde zum ersten Male gebraucht in einem Programm, das von v. Mallmkrodt entworfen war und in Münster im Juni 1870 beraten wurde, also ein Vorläufer des Soester Programms war. In die große OeffeNtlichkeft kam es dann durch das Soester Programm selbst und zwar In der Form „Für Wahrheit, Recht und Frei- h e i t!"

Wie das Soester Programm überhaupt grundlegend wurde für die ganze Parteientwicklung, so fand auch der Mallmckrodtsche Wahlspruch bald in die allgemeinen Wahlaufrufe der Zentrumsfraktionen Eingang (1873 für des Abgeordnetenhaus, 1876 für den Reichstag). Aber schon tat Reichstagsaufrus für 1881 findet er sich umgeänbert ta die Formel: „Mit Gott für Wahrheit, Freiheit und Recht". Sie tJraff’on des Abge- ordnetenhauses hält noch 1888 an der ursprünglichen Form „Recht und Freiheit" fest, macht jedoch 1898 auch die Umstellung m „Freiheit und Recht" mit.

Man hat schon gelegenifch diese Abänderung be­klagt und aus historstchen, wie aus logischen und klang­lichen Gründen der ursprünglichen Fasimrg den Vorzug geben wollen: „Für Wahrheit, Recht und Freiheit", d. h. für die ewige Wahrheit, das heilige Recht und die goldene Freiheit.

Abänderungen zu erleiden pflogt das Schicksal der „geflügelten Worte" zu sein. Die Aenderunaen beruhen saft immer auf einem Versehen, aber das Versehen hat auch seine seelischen und logischen Gründe. Wer zum ersten Malo die Worte „Freiheit und Recht" umgestellt hat, wird diese Reihenfolge als die beste empfunden und deshalb für die richtige gehalten haben. Cs ist auch möglich, daß die erste Abänderung von einem Dichter ausgegangen ist, bar aus technischen Gründen das retatifähige Wort „Recht" an den Schluß stellte. Jeden­falls deutet die allgemeine und offizielle Nachahmung der Umstellung darauf hm, daß die Wortfolge „Wahr­heit, Freiheit und R-cht" auch gewiss« Vorzüge hat. „Wahrheit, Recht und Freiheit" klingt weicher, als ..Wahrheit, Freiheit und Recht"; der männliche Aus­klang gibt dem Wahl sprach etwas Schneidiges, fo daß der lebhafte Redner diese Wortfolge aut gebrauchen kann. Sicht das kleine Wörtchen „Recht" zwischen Wahrhaft und Freiheit, so wird es etwas gedrückt, auf dem Schlußposten kommt es aber kräftig zm Gel­tung. Der dritte Platz ist der zwcktbefte, wenn nicht sogar der beste Platz u. die Gerechtigkeit hat in den Programmen u. Aufrufen der Zentrums Partei von Anfang an eine ganz hervorragende Rolle gespielt (Iustftia funbamentum regnonim! ---- Gerechtigkeit ist die Grundlage der Reiche) und mit der Ausrottung der sozialen Frage sowie mit dem Hervorireten unserer Paritätsbestrebungen mußte die GerechÜg- katsparobe besonders betont werden.

Wie auch die Umstellung sich erflären mag, sie ist eine vollendete Tatsache, die sich schwerlich wieder rück- Ä machen läßt. Ohren und Herzen haben sich fe der letzten Jahrzehnte so an den Slang von „Wahrheit, Fre heft und Reiht" gewöhnt, daß das Volk vermutlich auch barm dabei bleiben würde, wenn in den offiziellen Aktenstücken wieder „Wahrheit, Recht und Freiheit" gefchrÄren würde. Dem Andenken v. Mal- ftntfroötf geschieht auch kein Abbruch, wenn wir die Um­stellung beibehalten. Die drei Ideale, dm er ausgestellt, bleiben bestehen; es wird ja auch an keiner von den drei Bezeichnungen etwas geändert. Die nebensächliche Unvfteßimg zweier Worte 'st nichts weiter, als der Be­weis, daß der Wahlspruch vom Volke innerlich erfaßt und verarbeitet, gteichsam verdaut worden ist. Der Mal- linckrodtfche Spruch hat diese Feuerprobe tat Dolksmunde herrlich bestanden.

Kämpfen wir im Mallinckrodtfchen Geiste wacker für jedes der drei Güter, das gerade an der Reihe ist!

Deutschem Reichstag.

Beginn dec großen politischen Aussprache.

Mit der Sitzung vom Mittwoch begann im Reichs- tage die Etatsberatung, die zu einer großen poli- tischen Aussprache führen soll. Für den ersten Tag sind nur Regierungserklärungen vorgesehen. Als Leratungs- gegenstände liegen eine sozialdemokratische Interpella. tion Müller-Franken über den Stand der E n t w a f f. Rttngsattion und' eine Interpellation Emmirmer-

por. Beide Interventionen werden mit der ersten Lesung des Reicbshaushaltsplans verbunden. Nach einer Anzahl Geschäftsordnungs-Mitteilungen erhält als erster Redner das Wort der

Reichskanzler Fehrenbach.

Der Kanzler spricht von der Redtzert-''>üne aus. Feh. renbach befandet sich offensichtlich gtf' dheitlich in nicht gerade bester Dersasiung. Er hustet stark und muß sich oftmals sehr anstrengen, um sich verständlich zu machen. , was man lonft bei ihn« nicht gewohnt ift. Roch ein an­

derer Umstand behindert die Wirkung seiner Rede: Feh. renbach, sonst Meister der freien Rede, ist nun an die Fesseln eines Manuskripts gebunden. Die alten Metho­den der Festlegung einer Kanzlerrede sind auch in die neue Zeit übernommen worden. Bei dem Gewicht, das jedem einzelnen Wort des ersten Reichsbeamten an dieser Stelle nach innen und außen zukommt, ist es ja verständlich, daß über alle Fraaon zuvor mit allen be. teiligten Stellen eingehend verhandelt worden ist und daß auch lclbst fest­

gelegt werden. Das alles sc< .jjt aber aut Kotten

der freien Entfaltung der rednerischen Kräfte und Fähig­keiten. Wie schwer diese Lasten auf einem Manne, wie Fehrenbach lasten, konnte man au seiner Rede, die er abliest, beobachten. Dort, wo er Gelegenhett nimmt, auf Zwischenbemerkungen zu antworten, ist er wieder ganz in seinem Element und dort wirkt er auch am besten. ,

Der Reichskanzler führte u. a. aus: Wir sind mitt- tärisch gebrochen, politisch stillgelegt und ringen wirtschaftlich am Rande des Abgrundes um unser Leben. Ein Volk in dieser Situation darf keinen Ab en. teuetn ausgesetzt werden! (Lebhafte Zustimmung.) Der kleinste Fehler kann die schwersten Folgen haben. Daraus ergibt sich zunächst die Mahnung zur Ruhe. Wir haben zahllose Ententekommissionen in Deutschland, Der- töße gegen die diesen Kommissionen international ge- währletsteten Rechte muffen unter allen Umstanden ver- mieden werden.

Ein schwerer Fehler, der uns sicher in den Abgrund gestürzt hatte, wäre es gewesen, wenn sich die deutsche Regierung hätte verleiten lassen, in den russisch-P 0 l- Zischen Krieg einzugreifen. Heute werden auch die- jenigen Schichten der Bevölkerung, die den Vormarsch der Sowjettruppen mit fieberhafter Anteilnahme ver­folgt haben, uns für die Einhaltung dec strikten Neutralität danken. Man wird aber auch erkannt haben, daß es nicht angeht, wenn Leute, die keinen Einblick in ben großen Gang der Dinge haben, der Reichsregierung in wichtigen Fragen die Hände bmbert wollen; das ist nicht wohlgetan von denen, die guten Glaubens sind, und das ist verbrecherisch von Leuten, die als Werkzeuge in fremden Diensten stehen! Wir werden jedem solchen Versuche mit den schärfsten Mitteln entgegentreten. Wir haben auch Anstrengungen gesehen, die deutschen Arbeiter vor den russischen Wagen zu spannen. Die Reichsregierung wird es als ihre Pflicht erachten, solchen Versuchen mit aller Ent- lchiedenheit entgegenzutreten. In ber Kette, ine uns drückt lauft ein (Blieb in bas anbere, unb wenn tm Osten an ihr gerüttelt wirb, fühlen bie ©lieber im Westen um so schne'benber ihren schmerzhaften Druck. Das ist ja bas Entscheibenbe in unserer ganzen Lage und nötigt unserer Süßeren Politik in vielen Beziehungen die Zwangsläufigkeit auf, gegen die man wohl große Worte machen kann, die zu beseitigen aber bisher noch niemand Mittel und Wege gewiesen hat.

Die Maßnahmen zur Herabsetzung unseres Heeres gehen ihren vorgeschriebenen Gang. Emen deutschen Militarismus gibt es nicht mehr. (Widerspruch bei ben Kommunisten), aber man hat hier unb ba im Auslanbe ein Interesse baran, bas Gespenst bes beutschen Militarismus festzuhalten, um ben etge» nen Militarismus bamit zu decken. (Sehr richtig!) Mil,- tärisch sind wir gegenwärtig nur Zuschauer der macht- positischen Kämpfe, die innerhalb der europäischen Arena vornehmlich den Anspruch Frankreichs auf d,«Vor­herrschaft auf dem Kontinent zur Erscheinung bringen. Sie haben bie Ziffern gelesen, bie neulich über bie fron- zösische Herresstärke mitgeteilt worben sinb Es ist eine gewaltige M-litärmacht, verstärkt um bie Kräfte, die ihr aus ber MiNtSrkonvention mit Belgien unb aus bem enaen Verhältnis zu Polen zuwachsen. Daß alle biese militärischen Veranstaltungen notmenbig wären, um bas zerschmetterte Deutschland nieberzuhalten — Zu diesem frommen Glauben wirb sich bie Welt nicht allzulange mehr verstehen. (Sehr wahr!) Deutscherseits liegt fern Hindernis vor, dem großen Gedanken ber Abrüstung überall zum Siege zu verhelfen, unb mir erwarten, daß die großen Militärmächte unferm Beispiel foloen. Die Entwaffnung nimmt einen geordneten Fort- gang.

Unfern Kohlen ablieferungsverpflichtungen aus dem Kohlenabkommen

sind wir voll nachgekommen unter Zurückstellung bet eigenen Wirtschastsinteressen. Frankreich ist über­reich mit Kohlen versorgt: bei uns wächst infolge des Kohlenmangels bie Zahl ber Arbeitslosen.

Am krassesten unb handgreiflichsten zeigt sich bie Um möAichkeit bes Versailler Diktats immer wieder im

Desahungsgebi et.

(Sehr richtig.) In Strömen rinnt aus dieser Wunde bas deutsche ßebensbtut. Geht es so weiter, so frißt der fran­zösische Militarismus mit dem Rest bes deutschen Wohl- standes auch die letzte Hoffnung Frankreichs auf Kriegs, «ritschädixung auf. (Allseitiges Sehr richtig.) Welche ent- setztichen Prüfungen für große leite unserer Bevölkerung sich aus bem Zustand ber Okkupation ergeben, dafür haben wir eine Ueberfütte von Belegen. Ich will nicht das fchmerz- liche Bild aufrollen, bas bie Verwendung schwarzer Truppen mit allen ihren Folgen barbietet. Zerstörte Menschenschicksale erheben erschütternbe Anklage! Wann wird bie Welt sie hören? Unseren Nachbarn tm Westen aber möge gejagt fein, mst tiefen Mitteln werben sie bis Neigung der deutschen Bevölkerung hn besetzten (Bebtet nicht erzwingen. Sie säen Gefühle bes H as s es, die sich um so tiefer einprägen werden, je weniger eine Notwen­digkeit für die barbarische, die Kultuvmenfchen schändende Methode ber Besetzung vorliegt. (Sehr richtig!)

Aus die Erfüllung ber Zusage der

Genfer Konferenz,

tie die deutschen Lasten begrenzen soll, matten wir noch heute. Wir kennen ebensowenig bie Grenzen bes neuen Reiches. Unermüdlich sucht bie polnische Gewaltpolitik sich m

Oberschlesien

durchzusetzen, ttoh aller Destimmimgen bes Friedensver- trages. Wir bauen auf bie Treue ber Bevölkerung unb mir werden ihren Wünschen Rechnung tragen. Der Ge» setzentwurf über die Selbständigkeit Oberschle» s j e n s wird in Kürze eingebracht werden. (Lebh. Beifall.)

Wir stehen in einer E r n ä t) tu n g s t r i f t s. Die Angriffe, als träfe bas gegenwärtige Kabinett an diesen ZustSüden eine Schuld, greisen völlig fehl. In der Preis- potitik hat bas Kabinett lediglich die Erbschaft feiner Vor- günger übernommen. Das ist eine bekannte Taffache, ich stelle sie aber ausdrürMch fest, bannt sie nicht verdunkelt wirb. Sodamr der Abbau der

Zwangswirtschaft!

Dieser Abbau ist, soweit er beschlossen wurde, doch nur der Ausdruck für tie Tatsache gewesen, daß die Zwangswirt- Klängst zusammengebrochen war (Sehr wahr!) und Regierung bie Mittel besitzt, sie gegenwärtig wieder aufzurichten. (Sehr richtig!) Lassen Sie mich auch in dieser Stande an alle bie es angeht, ben Appell richten, bas Ihrige zu tun, baß unser Volk auch diesen Winter erträglich übersteht. Wer ben Hunger bes Bol­tes ausmünzt, schafft sich Teufelsgeld. Der Fluch ber Hungernden hängt daran. (Bmvo unb sehr wahr!) Dabei borf aber nicht vergessen werden, daß bie ErnShrungssHwterigkeiten Telle unb Folgen der großen katastrophalen Finanz- und Wtttschastskrffe sind, die wir auf Schritt um Triff nor uns fehen, die sich in ber Ar-