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Amtlicher Anzeiger für den kreis und die Lkadl Fulda.

47. Zahrg

Ur. 248

Das Ergebnis der Beratungen des Ausschusses ist freudig zu begrüßen. Besonders wird es in dem Ab- ftimmungenebiet selbst größte Befriedigung hervor- ntfen, es hat für die Entscheidung der Bevölkerung für oder gegen Deutschland entscheidende Bedeutung.

Nach der amtlichen Mitteilung wird die betreffende Borlage dem Reichstag in nächster Zeit zugehen. Offen­bar hat die preußische Regierung ihre Zustimmung gegeben, sodaß kein verfassungsänderndes Gesetz mit der dafür notwendigen Zweidrittelmehrheit notwendig ist und auch die im Artikel 167 der Reichsversasiung festgesetzte Sperrfrist fortfällt, Daß der Wille der be­teiligten Bevölkerung vor dem Inkrafttreten des Ge­setzes festgestellt wird, ist durchaus in der Ordnung, doch wird dafHr jetzt nur einfache Stimmenmehrheit erforderlich sein. Es ist nicht zu bezweifeln, daß sich bei der Abstimmung eine große Mehrheit für di« SeMändigkeN ergeben wird.

Es wäre besser gewesen, wenn der Beschluß des Auswärtigen Ausschusses früher gekommen wäre. Ein polnischer Berfasiungsentwurf, der Schlesien die Stellung einer besonderen Wojewodschaft verspricht, ist bereits am 15. Juli ausgegeben worden. Er bringt allerdings den Oberschlesiern keine greifbaren Vorteile, sichert aber Wlarfchau einen tiefgreifenden Einfluß auf die DerhältlMe des kulturell und wirtschaftlich Polen weit überlegenen Oberschlesien. Wenn jetzt auch das Reich dem Lemd Oberschlesien die volle Selbständigkeit

Maßregelung eines deutschen Geistlichen.

Dem Domherrn Dr. Behrendt in Pelpsin ist von der'polnischea Regierung die staatliche Anerkennung als Professor des Priesterseminars entzogen worden. Gleichzeitig hat nach einer Meldung des Robotnik das polnische Ministerium in Posen den Syndikus des Bis- tmns Kulm, Julius Ottawa, aus Pplen ausgewiesen.

Die Pläne der Großpolen sind darauf gerichtet, die Leitung der Diözese in polnische Hände zu legen und selbst die Heranbildung des Klerus, wie der Fall Behrendt deutlich beweist, Großpolen anzuvertrauen. Es ist ihnen anscheinend mehr daran gelegen, den künf- tigen Klerus für den nationalen Chauvinismus Äs für den Dienst am Altäre zu erziehen.

Schließung der Lifenbahnhauplwerkstälte Schncidemühu

Die Arbeiterschaft der Eisenbahnhauptwerlstätte Schneidemühl hatte nach erregten Verhandlungen über Durchführung des Rauchverbots mit einem der Amts, vorstände diesen tätlich angegriffen und in einer Betriebsversammlung seine E n t f e r nu n g besch'offen. Gleichzeitig ist der Versuch gemacht worden, den AmtS- vorstand an der Ausübung seiner Dienstgeschäfte zu ver- hindern. Die Eifenbahnverwaltung hat deshalb die Eisenbahnhauptwerkstätte geschlossen und der getarnten Belegschaft fristlos gekündigt.

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Danziq.

Vertagung des Parlaments.

Der Vertreter des Oberkommissars, Oberst Struft, hat eine Verfügung erlassen, wonach das Parlament des Freistaates bis auf weiteres vertagt wird und die Wiedereinberufung durch den Präsidenten nur nach der Erklärung des Einverständnisses des Oberkommissars erfolgt. Kurz gesagt, ist die Derfaflunggebende Der- samnilung nach Hause geschickt worden. In sachlicher Hinsicht ist die Maßnahme anscheinend darauf zurückzusühren, daß die Art und Weife, von der die Der- handlunaen getragen wurden, schon lange zu den schwer­sten Bedenken Anlaß gab. Die Hauptschuld trägt die radikale Linke, die eine Tumultszene nach der anderen hercrufbeschwor. Danzig muß nun sein Schicksal aus den Händen der Alliierten entgegenrTefyrren, ohne durch eine eigene Körperschaft Stellung dazu nehmen zu kön­nen.

Die Abreife der ausgewiesenen Bolschewisten.

Die von der Re, iecung ausgewiesenen Sowjewer» tretern Sinowjew und Losowsli haben am Samstag unter polizeilicher Bedeckung Berlin verlassen, um über Stettin nach Revcu gebracht zu werden, von wo sie nach Sowjetrutzland hermkehren.

Die Abreise war von den Behörden nach Möglich­keit geheimgehalten worden, um Massenansammlungen zu vermeiden. Schon tn der Nacht war das Gepäck der Russen, bas nicht weniger als zvei große Lastautos ullte, nach dem Bahnhof gebracht worden. Die Absahrt vom Hotel gestaltete sich einigermaßen dramatisch, da eine größere Anzahl Unabhängiger und Kommunisten vor dem Hotel Aufstelluug genommen hatten, um ihren künftigen Moskauer Gebietern noch ihre Eraebendcit zu bezeigen. Der Sowjet-Delegierte Pikror Kopp holte rn einem sehr eleganten Pcivatauto zuerst Sinowjew, dessen Privctakten in einigen nagelneuen Leüerloffern unter­gebracht waren, ab. Sinowjew hob sich tn seinem kost­baren Pelz sehr auffällig , egen seine etwas phantastisch gekleideten russischen Genossen ab. Dem Auto folgten vier deutsche Kommunisten, die Sinowjew während seines ganzen Aufenthalics in Berlin bewacht haben. Losowski stach ebenfalls mit seinem dunklen, abge. tra enen Ü berzieher und einem weichen Hut sehr deutlich gegen den eleganten sinowzew ab Die Neu­kommunistische Partei und die Kommunisten hatten Adolf Hoffmann und Dr. Paul Levi als Ehren mrde auf den Bahnhof delegiert, die bis Stettin mitfuhren.

In Stettin begaben sich die Russen nach dem Freihafen, um sich an Bord des Dampfersyictoria* einzuschiffen. Da daS Schiff jedoch bereits mit 20 Passa­gier en besetzt war, und der tleine Dampfer nicht mehr Kabinen besitzt, müffen die Ruffen die Ueberfahrt auf Deck deS Schiffes mitmachen, was bei der jetzigen vor­geschrittenen Jahreszeit sicher kein Vergnügen sein durfte.

Deutsches Reich.

** Berlin, 24 Oft. In Münster starb Geh. Justiz- rat Rudolf 3 mWalle, früher Lanalagsabgeordneter and Mitglied der Zentrumsfraktion, im Atter^von 75 Jahren. Der neu ernannte Botschafter für Spanien, Frhr. Langwerth von Simmern, st in Madrid eingetroffen und hat die Geschäfte übernommen. Am Dienstag tritt in Berlin die Ostpreußenkon- f e r e n z zusammen, in der über wichtige Lebensfragen dieser Provinz betreffend Verkehr, Ernährung und Ein- und Ausfuhrhandel beraten werden wird. Die Mel­dungen über eine Erhöhung der Versiche­rungsgrenze aus 30 000 Mk. treffen angeblich nicht zu. Wenigstens erklärt das Arbeitsministerium, daß sienoch keineswegs feststeht". Danach darf man annehmen, daß sie d o ch kommt, und die Oeffentlichkeit sei gewarnt.

* D'e Prsußenwahlen. Der 25er Ausschuß der Landesversammlung begann am Samstag die Be­ratungen des Gesetzes über die Wahlen zum Preußi­schen Landtag in Verbindung mit dem Anträge der Unabhänaioen, sofort Neuwahlen ausrufckreiben. so-

Beich e tnigung der Steuerzahlung.

Wer schnell gibt, gibt doppelt. Das Geldbedürfnis Wn Reich und Staat ist so dringend, wie niemals zu­vor, und die ganze Reihe der Steuergesetze kann den Brand nicht löschen, wenn die Spritzen zwar längst Kifgefahren sind, aber noch immer kein Wasser geben.

So lange die Steuerbeträge nicht eingehen, muß hie Notenpresse zur Deckung des laufenden Be­darfs in rastloser Tätigkeit bleiben, die Masse von Papiergeld vermehrt sich fortwährend, und mit der anwachsenden Masse muß der Wert unserer Geld- ,scheine immer weiter sinken. Die schwebende Schuld, die auf solche Weise das Reich sich aufbürbet, ist nicht mit Zinskoupons versehen, aber wir müffen doch für diesen Zuwachs an Banknoten und Kassenscheinen wahre Wucherzinsen aufbringen, denn die schwe- benbe Schuld steigert die allgemeine Teuerung, also die Mehrausgaben im ganzen Volksleben, und legt «ns überdies einen weiteren Tribut an das Ausland auf, da wir dessen Waren um so teurer bezahlen müs­sen, je schlechter unsere Valuta steht, und obendrein für unsere Ausfuhrware.« auch um so weniger er­halten. Die Rotenpreffe gibt Papiere von sich, aber sie frißt den Wohlstand Deutschlands auf.

Wie kann sich das Reich schnell und aus­giebig die erforderlichen Barmittel verschaffen? Das ist die grundlegende Frage für die Finanz- und Wirt- jchaftsreform.

Die Sparprämienanleihe hat ja einige Milliarden gebracht, aber das war viel zu wenig. Eine weitere Anleihe zur freiwilligen Zeichnung mag man nicht riskieren. Daher tauchte der Gedanke an eine Zwangsanleihe auf. Das ist ein Hilfsmittel, das etwas nach Verzweiflung und Staatsbankerott riecht. Der Finanzminister und feine Kollegen im Kabinett wollen darum nach wie vor auf die Zwangs­anleihe verzichten. Mit Recht; denn fo lange über­haupt noch auf anderem Wege durchzukommen ist, kann man diesen letzten Behelf sich für den äußersten Notfall aufsparen.

Abhilfe aus einem anderen Wege hoffte man zu finden durch beschleunigte Einziehung der bereits beschlossenen Steuern, in erster Linie des R e i ch s n o t o p f e r s. Ein Berliner Blatt berichtet mit aller Bestimmtheit, daß bereits in dieser letzten Oktoberwoche ein neues Gesetz über die Beschleunigung des Reichsnotopfers dem Reichstag vorieloot werden soll. Die Verzögerung wurde in erster Linie herbei­geführt durch die lleberlchtung der neueingeriditeten Finanzämter. Die Veranlagung zu den verschiedenen Steuern erfordert eine gründliche Untersuchung der Vermögens- und Einkommensverhältniffe von Dutzen­den von Millionen von Reichsbürgern, und das kostet natürlich viel Zeit. Um so mehr, als die Behörden heutzutage nicht mehr so flink arbeiten, wie in der vielgelobten alten Zeit. Die Einschätzung über das Knie zu brechen, wäre aber sehr gefährlich. Nach dem Bericht des Berliner Blattes wurde nun ein Ausweg gesucht, in der Weise, daß man zuerst eine vorläu­fige Einschätzung vornimmt und daraufhin einen Teil des voraussichtlichen Steuerbetruges f o - fort erhebt.

Ein solches Verfahren hat Vorteile für die Reicks- kaffe und ist für den Steuerpflichtigen wohl erttäglich, wenn die beschleunigte Abgabe sich in solcken Gremen hält, daß der Pflichtige auf keinen Fall stärker belastet wird, als es nach feiner endgültigen Veranlagung der Fall fein kann. Die Schattenseite ist andererseits, daß bet Steuerzahler noch weiter in Unsicherheit bleibt über die Gesamtsumme, und daß die endgültige Ver­anlagung sich meaen der Störung durch die vor­läufige Einschätzung und Ausschreibung noch wei­ter hinausschiebt.

Ferner soll das geplante Gesetz die bisherigen Be­stimmungen über die Zahlung m dreißig Jahres- raten abändern in der Richtung, daß ein Teil des Notopfers, wahrscheinlich ein Drittel des Gesamt­betrages, bereits im Laufe des nächsten Jahres gezahlt

werden muß. Da erhe bt sich die Frage, ob diese s o - f o r t i g e Abgabe von. den Steuerzahlern und von der gesamten Volkswirtschaft ohne schweren Schaden ertragen werden kann. Das genannte Blatt hat einen Fachmann aus dem deutschen Finanzleben um seine Meinung befragt und die Antwort erhalten, daß die geschilderte Maßregel non den Betrieben wohl getra­gen werden könne. Db das auch für die kleineren Betriebe gilt, die mit cienig flüssigem Kapital arbeiten, wäre freilich noch erst nachzuprüfen. Vielleicht läßt sich für die finanziell schwächeren Betriebe oder Einzel­personen eine Stundung offen halten, ohne daß die Gesamtwirkung der Maßregel wesentlich beeinträchtigt wird.

Der erwähnte Finanzmann rechnet nun so, daß von den 45 Milliarde n, die das Notopfer bringen soll, etwa 24 Milliarden in bar (bas übrige in Krieasan- leibe) zu erwarten seien. Das beschleunigte Drittel würde also 8 Milliarden einbringen, d. s. für drei Monate die Not ttnpresfezumStill st and bringen können. Dmi Monate nur, das sieht wie eine'Galgenfrist aus, Aber wenn man die Rückwir- hing auf das Vertrauen des Auslandes und den Stand der Valuta in Betracht zieht, winkt doch schon ein sehr erheblicher Vorteil für unsere wirtschaftliche Erholung. .

Unter den gespannten Verhältnissen der Jetztzeit könnte man sagen: Wer schnell gibt, gibt dreifach und vierfach!. ____________________

Bundes staat Oberschlesien.

Die Frage der bundesstaatlichen Selbständigkeit Obcrfchlesiens wurde am Samstag im Reichstagsaus­schuß für auswärtige Angelegenheiten weiterverhandelt. Es waren n. a. acnwesend: der Reichskanzler, sowie die Reichsminister des Aeußeren und des Inneren, ferner die oberschlesüschen Abgeordneten des Reichstags und der preußischen Landesversammlung. Das Er­gebnis der Verhandlungen ist folgendes:.

Die Reichsremerung wird demnö-^st em Gesetz ein­bringen, das in Oberschlesien nach besten Entschei­dung für Deutschland die volle bundesstaat­liche Selbständigkeit einführt, wenn Ne oberschlesische Bevölkerung sich für diese Selbständig­keit erklärt.Die Annahme des Gesetzes im Reickstag ist nach den Verhandlungen des Aus- schuffes und dec dort von den Vertretern sämtsicher Parteien abgegebenen Erklärungen gesichert.

Veraiuwonlich für Öen .toautonellen Teil: Karl Schutte, I ___

u M ött Unze,gen: I. Parze,,er-Fulda. :: si Hlötlttlß. 25. OktobCT 1920 Rotationsöruä u. Verlag der Fuldaer Actienöruckerei in Fulda. I 11t VlllUy > vwt wvt > -ermpiecher Nr. 9. Telegr.-Adreffe: Fuldaer Zeitung j

zubilligt, so geschieht das nicht nur wegen des polni­schen Vorbildes, sondern wegen des starken Wunsches, der von Oberschlesien selbst ausgeht und wegen der besonderen politischen und wirtschaftlichen Bedeutung, die diesem Lande zukommt. Die Oberschlesier wollen nun einmal von Preußen los, aber sie wollen Deutsche bleiben. Das Mißtrauen und Ne 2lbrteigung_ gegen Preußen ist eine Folge der alten hakatistischen Sünden des preußischen Regimes, aber auch der Berliner Ein­griffe der Nachkriegszeit auf kulturellem Gebiet, vor allem in der Unglückszeit Adolf Hoffmannfcher Kultus­ministerschaft Solchen Einflüssen wollen die Ober» schlesier für immer entzogen sein, und daher wollen sie innerhalb des Reiches einen selbständigen > Staat bilden.

Da Ne Regierungsparteien für das in Aussicht ge­nommene Gesetz sind und auch die Deutschnationalen und die Linke ihren Widerstand aufgegeben zu haben und entschlossen zu sein scheinen, den Ersordernisten prakttscher Gegenwartspolitik Rechnung zu tragen, dürfte die Annahme im Reichstag mit überwältigender Mehrheit sicher sein.

Die Entscheidung über Oberschlesien kommt, wenn auch spät, doch noch früh genug, um bei der Abstim­mung über Ne künftige Zugehörigkeit des Lanoes zu Deutschland oder Polen ihr Gewicht in die Wagschale zu werfen. ______________

Die Polen und Mlna.

Die Polen denken nicht daran. Ne englisch-französi­sche Forderung, die auch eine Forderung des Völker­bundes ist, W i l n a zu räumen, zu erfüllen. 3m Ge­genteil, General Seligewfki hat seit der Besetzung Wil­nas seine Truppenzahl verdoppelt, und bereitet sich an­scheinend vor, auch K o w n o in Besitz zu nehmen. Es ist festgestellt, daß Ne polnische Regierung die Truppen des General Seligewski eifrig unterstützt. Es kommen Truppen und Waffen- und Munitionstransporte von Warschau. Jetzt heißt es, daß der Kommissar des Völkerbundes dem Völkerbundrat die Maßnahmen Vor­schlägen werde, die geeignet seien, den Zwischenfall so gerecht wie möglich" zu regeln. Man kann auf diese Maßnahmen recht gespannt fein.

Der Reichstarif für das deutsche Dankgewerbe.

Der Reichstarif für das deutsche Bankgewerbe ist von dem Allgemeinen Verband der deutschen Bankan­gestellten, dem Deutschen Bantbeamtenverein und dem Reichsverband der Bankleitungen endgültig unterzeich- net worden. Die allgemeine Berbindlichkeltserttärung des Reichstarifs ist beantragt.

Das Schwert von Thnle.

Roman von Leontine von Winterfeld-Platen. 12 --------

Die das flackernde Licht des Kienspans auf ihrem blonden Haar lag, daß es glänzte wie mattes Gold! Das war in dem Dunkel der Kammer wie ein immerwähren­des, stetes Leuchten.

Und Heilwig grübelte. Es war so viel über sie ge- kommen all diese letzten Tage. Ach, was war es nur alles gewesen?

Erst das mit dem Fridolin Lämmerzahl. Und dann der Gram und die Krankbeit von Elisabeth! Und der Tod des greifen Ahnen! Und nun am Ende die Liebe des armen Beit. Darunter litt sie sehr, denn sie hatte ihn gern. Aber an so etwas hatte sie nie gedacht. 3a, ja fort mußte sie nun ganz fort das war klar.

Sie lchrak hoch.

Elisabeth hatte sich jäh aufgerichtet im Bett und sah sich mit großen, glänzenden Augen ringsum.

Was tust Du hier, Hellwig? Warum schläfst Du dicht?"

Die andere war aufgestanden und beugte sich über sie.

Du stöhntest so im Traum, E'ifabeth, und warst 1° umutjig. Da wollte ich ein wenig wachen bei Dir.* *

Elisabeth hob mühsam die Hand und streichelte ihr hie Wange.

Du bist so gut mir, Heilwig, so gut. Wie soll Ich Dir das danken?"

Dann fiel sie wieder matt in die Kiffen zurück und lauscht» auf den Nachtwind, der zum Sturm geworden war. Und letzt faltete sie die schmalen, weißen Hände auf der Bettd-cke.

Wo et wohl zu dieser Stunde weilt, mein armer Liebster! Ob feine Srele auch so traurig unb he.rna Irs irrt rote Ne meine? Er wollte fort von hier weit, weit fort, in die kalte, riesengroße Welt. Weil sie ihm hier das Leben zur Qual gemacht haben mit all ihrer bitteren Härte O. daß ich mit ihm könnte! Bettelarm wollte ich ziehen mit ihm, durch die Lande. Nur, daß er

ein Herz hat, 'das für ihn schlägt an dem er sich aus» ruhen kann, wenn er müde ist."

Sie schluchgte auf.

Vor seinem Bruder Fridolin hat er in den Rnieen gelegen und khn beschworen um fein Erbe. Weil es dies allein ist, was die Eltern wollen. Aber der Bruder hat ihm den Rücken gewandt und die Achseln gezuckt und gesagt, er könne cs nicht. Nun will ich den Schleier nehmen und beten für meines Liebsten arme, einsame Seele."

So sprach sie halblaut, in Tränen erstickt mit mü­der, schwerer Stimme. Indes die Hände immer noch reglos gefaltet auf der weißen Decke lagen.

Und unablässig, die ganze Zeit, während die andere sprach, schrie es in Hellwigs Seele:

Du kannst ihr helfen! Du allein! Die Muhme hat es auch gesagt! O, sieh ihr großes Leid und ihren Jam­mer und hilf ihr! Oder willst du schuld daran fein, wenn sie stirbt an ihrem Weh? So wie du schon schuld daran worden bist, daß der Hasstlbachsohn fort will aus seinem Vaterhaus? Willst du nun auch noch schuld seM, daß die Hasseibackstochter zugrunde geht an ihrem Leid? Oder was hoffst du noch von deinem Leben? 31 nicht doch das Schönste von deinem Leben tot, seit du die Heimat kaffen mußtest? Hat nicht der Abne gesagt, daß di? Nordrandskinder stolz und hart sein müssen gegen sich selbst? Und wenn es an ihr einen Herzblut gebt?

Mitten im Z'mmer stand Hellwig und hatte den Kopf lauschend gehoben. Ihr Angesicht war weiß wie der Tod Sie wußte nicht mehr was das Rechie war. Nur eines wußte sie, daß sie Elisabeth nicht mehr so lei- den sehen konnte. W e im Fieber jagten ihre ®esan» ten und überstürzten sich. Alle die fremden, selt'amen Dinge der letzten Tage, die fo jäh auf sie ein gestürmt waren, riffen und zerrten wild an ihrer wunden Seele.

Und setzt kniete sie neben dem Bett der Meinenden und umfing sie fest mit beiden Armen.

.Du darfst nicht mehr weinen, Elisabeth, hörst Du? Denn es rottd fa nun alles gut jetti alles, alles gut. Ich verspreche es Dir mit einem Eid, daß Du den hei­raten wirst, den Du jo liebst. Und nun sei still gan.i still."

Elisabeth starrte sie an.

Wie kannst Du mir das versprechen, Hellwig? Bist Du denn Gott?"

Heilwig sah an ihr vorüber In die stürmende Herbst­nacht hinaus.

Glaube mir, Estsabeth, es wird alles gut. Ich schwöre es Dir Morgen früh wird Deine Mutter zu Dir kommen und Dir sagen, daß Du ihn heiraten kannst "

Und es war etwas so Bestimmtes, Sieghaftes in ihren Worten, daß Elisabeth nichts mehr sagte. Nur den Kopf lehnte sie todmüde in den Arm der andern. Und ihre Lippen lächelten in seliger Verträumtheit. So schlief sie ein.

Und Heilwig saß regungslos wie ein Marmorbild, und wagte nicht, sich zu rühren.

*

lieber die Dünen gebt der Nordwind. Unter seinem kalten Kutz beugten sich die grauweißen Stranddisteln, und das langfab'.e Seegras. Er peitscht die Wellen der Ostsee, daß sie sich brültend wie schäumende Tiere gegen den Strand aufbäumen in wildem Rasen.

3m Tosen des Sturmes steht einsam ein Mann am Strande.

Er steht stell und aufrecht, die Hände auf sein Schwert gestützt Da? Schwert ist blutig. Und neben ihm wölbt sich ein Hügel wie ein frisches Grab. Hat es der einsame Mann selbst gegraben mit seinen Hän­den oder mit seinem Schwert? Um seinen zerbeulten Helm schießen kreischend die Möven, die gegen den Nordwind kämpfen.

Und olles ist ein stilles, dunkles Grau rings-m. die Regenwolken, die schwer herniederhängen, das Mec- und die Dünen.

Die Warnow stromab kommt ein Kahn. Der darin sitzt, braucht weder Ruder noch Segel, denn die Flut treibt ihn ganz von selbst der S'e zu.

Der Mann am Strande hat mit scharfem Auge den Kahn erspäht, trotz der Dämmerung. Aber er bleibt regungslos flehen, immer nock auf fein blutiges Schwert gestützt. Er siebt, wie der Menick im Kabn zur See

btnnusfteuern will. Aber die Wogen zu wild und ge- roaltig sind, und ihn hindern. So daß er beidreht und den Kahn an einem der Uferpfähle festmacht vor der Mündung des Stromes. Und dann steigt der Mensch selbst an den Strand, wo sich ihm der Wind entgegen, wirft mit aller Macht.

Da sieht der Mann mit dem Schwert, daß das an­dere ein Weib ist. Sie hat es schwer, gegen den Sturm gzugehen, weil sich der Wind in ihren Kleidern fängt Ein dunkles Tuch hat sie fest um die Schultern gezogen und hält es über der Brust mit den Händen zusammen. Das helle, gelbe Haar fliegt ihr im Wind, ob es auch in feste, starke Zöpfe geflochten ist.

So kommt sie langsam den Strand entlang, Schritt für Schritt sich erkämpfend im Sturm.

Als sie an dem Manne vorüberkommt, sieht er, daß hr Gesicht weiß wie Schnee ist und daß ihre Augen narr geradeaus sehen auf die weiten, grauen Wasser. 3«' den Zeitraum einer Sekunde streift ihr Blick seine steile,, regungslose Gestalt und fein blutiges Schwert. Und auch das fri'che Grab zu feinen Füßen. Aber ihr Fuß stockt nicht. Ruhig und furchtlos schreitet sie wei- ter Stumm und grußlos an ihm vorüber.

Denn Heilwig hat keine Zeit sich zu wundern. 3hre Seele ist ja nicht hier. 3hre Seele ist droben am Nord- meer in der alten Heimat. Sie sitzt zu Füßen des grei­fen Ahnen und lauscht seinen Reden. Was sagt er doch?Worthalten ist nötiger als Atemholen, Heilwig. Das ist uralter Nordmänner Brauch. Und ob das Herz zugrunde geht dabei. Wenn es nur rein bleibt und treu."

Hellwig preßt mit der einen Hand das Tuch fester um die Schultern. Mit der andern fährt sie sich über die Stirn, zwei, drei Mal. Wie war es doch nur alles ge­wesen diese Nacht und heute morgen? Ach ja, nun kommt ihr alles wieder in die Erinnerung zurück. Sie hatte die ganze Nacht gewacht bei der kranken Elisabeth. Und am frühen Morgen, als sie den ersten Schritt der Ratsherrin auf der Diele hörte, war sie zu ihr gegangen I und hatte sie gebeten, sie noch einmal allein zu sprechen. 1 ^Fortsetzung folgt.)