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Amtlicher Anzeiger für den kreis und die Stadt Fulda.

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Nr. 242.

LerantworNich für den redatlionellen Teil: Karl Schütte, s für die Anzeigen: I. Parze, ler-Fulda. - Rotationsdruck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernsprecher Nr. ü. Telegr.-Adrefje: Fuldaer Zeitung

Montag, )5. Oktober )920.

Bezugspreis: Xionailict) 3,00 ißt. ohne Zustellgebühr. Zn Fu.üa bei uns «bgeholt 3,IS Bit. Anzeigenpre,»: Die K > e tnze i le (Coioneimag) 60 p,g„ u. 10°(o Zuschlag, die Sietlamezeile (Tenvreiie) 1.83 2UL, u. 10°'o Zuichlag. Lei Wiederhol. Raball.

47. Zahrg.

Um Dr. Hermes.

Gegen den Reichsernährungsminister Dr. Hermes hat bekanntlich der sozialdemokratische Parteitag in Kastel mit knapper Stimmenmehrheit ein Mißtrau» ensootum angenommen. Dieses Mißtrauensvotum stützte sich aus angebliche Mißgriffe, die ihm in seiner Ernährungspolitik unterlaufen sind. Die Behauptun­gen hierüber stellen unnachgeprüftes Material dar, das man gewiß nachprüfen soll. Aber selbst einzelne Miß­griffe in der Ernährungspolitik wären, meint der „Tag", einem Reichsernährungsminister kaum zu ver- Kbeln, der das von den sozialdemokrati­schen Amtsvorgängern hinterlassene Chaos wieder in Ordnung bringen will. Di« So- xialdemokraten sind wahrhaftig die unberufensten Kri­tiker. Ihre beiden Größen auf diesem Gebiete, W i s, s r l l und Robert Schmidt, haben sich in aller Deff entlief) feit wechselseitig bezeugt, daß sie von der Sache nichts verständen und daß sie alle» falsch ge­macht hätten. Der Sturmlauf gilt auch gar nicht in erster Linie Dr. Hermes, vielmehr dem Abbau der Zwangswirtschaft, die der Sozialüemckratie so sehr ans Herz gewachsen ist.

Als eifriger Bekämpfer des Reichsernährungs- Ministers betätigte sich in Kastel auch der vreußische Ernährungsminister Braun, besten Befähigung als Landwirtschaftsminister sa genügend bekannt ist. Mi- mster Braun glaubte offenbar große Enthüllungen S machen, wenn er dem Parteitag mitteilte, daß im eichsernährungsministerium ein Mann an einfluß­reicher Stelle sitze, von dem er persönliche wisse, daß er bestechlich sei. Es handelt sich dabei um einen Geheimrat Augustin, der sich allerdings Ver­fehlungen hat zu Schulden kommen lassen. Der Reichs- ernährungsminister Dr. Hermes hat sich, ro;e uns dazu aus Berlin mitgeteilt wird, in dieser Sache vollkom­men korrekt verhalten. Er hat den betr. Geheimrat sofort, wie ihm die Dinge bekannt geworden sind, aus dem Amte entfernt, und Geheimrat Augustin ist am 1. Oktober endgültig entlassen. Immerhin muß man den Wunsch haben, daß die persönlichen Vorwürfe gegen Dr. Hermes und das gegenüber Dr. Augustin innegehaltene Verfahren authentisch aufgeklärt wer­den. Diesem Wunsche soll auch entsprochen werden. Amtlich wird mitgeteilt:

Gegen den Reichsernährunqsminister Dr. Aerws sind in der letzten Zeck in ter Oesfentl'chkeit Angiisse sacht cher und persönlicher Alt erhoben worden. Soweit diese Um­griffe sich auf dem Gebiet der Wirtschaftspolitik bewegen, wird Gelegenheit sein/ bei der, Verhandlungen des Reichstags die erforderliche Klärung herbeizuführen, soweit es sich um Vorwürfe handelt, die gegen di« Per­son des Reichsministers gerichtet sind und Mahnahmen seiner Geschäftsführung in Zweifel zu ziehen suchen, hat der Reichskanzler auf ausdrücklichen Wunsch des Reichs- mmifters Dr. Hermes im Einvernehmen mit dem Kabi­nett den Reichsjustizminister und den Reichsfinanzminifter beauftragt, die Sach- und Rechtslage festzu» stellen. ____________

Wie kann der Staatsbankrott vermieden werden.

Diese Frage beantwortet der sozialdemokra» tische Wirtschaststheoretiker Calw er in den „Wirt- fchafilichen Tagesberichten" in einer Weise, daß den sozialdemokratischen Arbeitern die Haare zu Berg stehen werden, wenn sie es lesen. Und doch ist es gut, daß Calwer so radikale Vorschläge macht, damst die Arbeiter einmal sehen, wo und wie wir heute tatsächlich stehen.

Calwer fordert nämlich u. a. die sofortige Herab­setzung der Gehälter der Staats- und Ge- memdebeamten und Arbeiter auf die Hälfte, Ent­lastung aller überflüssigen Elemente aus dem Staats- vnd Gemeindedienst und ihre Verwendung in Land-, Forstwirtschaft und Bergbau, Herabsetzung des Zins- E aller öffentlichen Anleihen auf 2 Prozent, Ein-

ng des Druckes neuer Noten, Erhöhung der Dahn- en um 50 Prozent, Aufhebung der Zwongswirt-

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Das Schwert von Thnle.

Roman von Leontine von Winterfeld.Platen. _

Hellwig krauste wie in leichtem Unwillen die Stirn.

»Ja, mein Ahne! Aber noch lebt er. Und wer hätte ein Recht, schon jetzt über sein Hab und Gut zu be- stimmen?'

»Su*, sagte die Ratsherrin schwer und eindrucksvoll wtd ihre Haube nickte dazu. „Du allein, Heilwig. Denn R ist tot und hat Dir alles vermacht, wie mein Gatte schrifllich in Händen hat."

Da schrie Heilwig auf. Wie Schnee war ihr Gesicht.

„Das — das ist nimmer wahr, Frau Muhme, daß er ist. Das kann nicht wahr feinl*

Sie hatte die Hände ineinander gelegt und sie halb erhoben wie in heißem Beschwören.

»Doch, mein Kind, es ist so, wie ich sage. Frage Oheim. Es starb Dein Ahne vor etlichen Wochen schon. Wir wollten es Dir damals nicht gleich sagen, ein Schiff uns die Botschaft brachte, dieweil ihr ge- tt&e hier alle so fröhlich beisammen wart mit meinem

lieber die andere hinweg, sah Heilwig. Hinaus aus dem weitgeöffneten Fenster, durch das die Morgensonne schien.

»Tot, und es hat mir keiner gesagt! Sie haben mich schwätzen und lachen lasten, als sei nichts geschehen."

Die Hönde schlug sie vor das Gesicht, und es ging stß Schüttern durch ihren Körper.

Da ging die Muhme leise hinaus. Denn sie wußte wchts mehr zu sogen.

Mit schweren, müden Schritten stieg Heilwig die *rePPe zu ihrem kleinen Schlafgemach empor. E» summte und rauschte in ihrem Kopf von hundert wehen, nagenden Gedanken. Als sie oben die Tür geöffnet Wtte, blieb sie erschrocken stehen auf der Schwelle. Denn m ihrem weißen Himmelbett, dessen Gardinen weit zu- Nlckgeschiagen waren, lag Elisabeth mit geschlossenen

Ein bleiches, schmales Gesichtlein umrahmten •** Pichten, schwarzen Haare, und die Hände lagen wie

schäft und Auflösung aller bestehenden Wrtschaftsärn- ter, Aufhebung der Arbeitslosenunter­stützung, Erhöhung der Arbeitszeitvon 8 auf 11 Stunden unter Bezahlung von 3 Stunden als Ueberstunden, wobei der Strbetgeber 10 Proz. des Ueberstundenlohnes ans Reich abführen muß und schließlich Einführung des Arbeitszwanges. Die Arbettsloftn und Arbeitsunlustigen sollen in Land­wirtschaft, Berg-, Straßen- und Tiefbau und bei Not- standsarbesten beschäftigt werden.

Schluss in Kassel.

• Kassel, 16. Oft.

Der sozialdemokratische Parteitag hielt am Slimtag seine Schlußsitzung. Zunächst wurde der bisherige Par­teivorstand wiedergewählt, mit Ausnahme des preußischen Ministerpräsidenten Braun. Hierzu gab der Vorsitzende Müller die Erklärung ab, Parteioorstand und Parteiansschuß seien zu der Ueberzeugung gekom­men, daß Minister nicht dem Parteivorstand ange­boren dürfen. Der Parteivorstand mäste gegenüber der Reichsregierung und der preußischen Regierung völlig freie Hand haben.

Rach einem Referat über die 5Bohnungsfrage und Erledigung der restlichen Anträge sprach Herrn. Mül­ler das Schlußwort. Es gipfelte in einem Bekenntnis zur republikanischen Staatsform, das durch Angriffe auf den früheren Kaiser „gewürzt" wurde. Die Snmpathie des deutschen Bürgertums für den „feigen Deserteur" und den „entthronten Narren" sei unverständlich, wäh­rend seiner Herrschaft habe er für das Bürgertum so nut wi» nichts getan. — Herr Müller hat offenbar kein Verständnis dafür, daß Leute von Geschmack keinen Ge­fallen daran finden, an dem gestürzten Herrscher ihren W tz zu üben, zumal damit heute nicht einmal mehr das geringste Risiko verknüpft ist. Mit einem Hoch auf die „internationale und die völkerbefreiende Sozialdenm- tratie“ und dcm Absi gen der Arbeitermarseillaise faich der Parteitag fein Ende.

Die Sprengung der NnabhKngkgen.

* Holle, den 17. CItober.

Die unvermeidliche Sprengung der U nab, hänaigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands iftSamStai nachmittag in aller Form ertötet. Zur '.'lbstimmung kam eine Resolution Däunng-Stocker, die sitz für den sofortigen Anschluß an Die Dritte Moskauer Internationale und für die be, din mn slose Annahme der Moskauer Aufnahme­bedingungen ausiprach. Die Resolution wurde mit 237 fit) en 156 Stimmen anaenomme n. Darauf verließ auf Aufforderung des Vorsitzenden Crispien dte Minderheit den Saal.

lieber die Vorgänge vor, während und nach der politisch so beöcutfamen Abstimmung ist noch zu berid), ten: In der VormittagLsitzung hatte der Franzose Lonquet vergeblich sich ae en Moskau gewendet. Er sagte. Die russischen Methoden mögen für Rußland gut und notwendig gewesen sein, für die westlichen Länder sind sie ungeeignet, (stürmischer Beifall rechts.) Das, was uns die russischen Genossen anbieten, ist eine russische internationale, wir wollen eine internationale Internationale. Auch diese Rede begegnete auf der Limen tauben Ohren. Schon Die Abstimmung über Die Gültigkeit oder die Ungültigkeit Der Mandate hatte das Stimmverhällnis enogültig gezeigt. Die Rechte war mit 144 gegen 209 Stimmen Der Linien unter­legen. Die Nachmittagssitzung begann dann Über­raschenderweise mit einem allseitigen Verzicht auf das Schlußwort. Weder Sinowjew noch Crispien, noch Säu­mig noch Hilferding» Die man alle erwartet hatte, waren zum Sprechen gewillt. Theodor Liebknecht, der sich noch zum Worte gemeldet hatte, wurde niebcrnefArien.

Die Vorbereitung der Abstimmung über die' Mos- tau er Bedingungen dauert eine ganze Weile und brachte allerlei Zwischenfalle. Unter anderem auch einen Zusammenstoß zwischen ßebebour und Koenen, weil man sich anfänglich nicht darüber einigen konnte, ob man nicht nur‘über die Bedingungen als Ganzes, son­dern auch über die einzelnen Thesen abstimmen sollte. Ueber die entscheidende Resolution D ä u m i g - S t ö- cker wurde namentlich abgestimmt. Diese Resolution erklärt sich für den sofortigen Anschluß an die

Wachs auf der Decke. 3m Augenblick hatte Heilwig ihr eigenes Leid vergesten und trat leise auf den Fußspitzen dicht an das Lager heran. Liebevoll beugte sie sich tief über die andere. Da öffnete Elisabeth weit die dunklen Augen.

.Dckr ist schön, Heilwig, daß Du kommst. 3ch war fo mutterseelenallein hier oben."

Heilwig streichelte die schmalen Hände auf der Bett­decke

„Bist Du krank, Elisabeth? Soll ich Deine Mutter rufen?"

Elisabeth schüttelte den Kopf.

„3ch bin nicht krank, Heilwig, nur fo schwach. Als ich aufstehen wollte, brach ich zusammen."

Ihre Augen fußten sich langsam mit Tränen.

„Es ist wohl, weil ich nur immer das eine jetzt den­ken muß. Wie wir beide, er und ich, nun allein weiter ziehen müssen, jeder für sich, durch diese bitterkalte Welt."

Heilwig hatte sich auf den Bettrand gesetzt und die Hände im Schoß gefaltet. Sie wußte auch keinen Trost mehr für die andere, so sah sie regungslos, das blonde Haupt tief geneigt

Es war eine große Stille in dem Heinen Zimmer. Durch den Rosmarinzweig, der in einem Blumentopf auf dem Fenstersims stand, zwitscherte ein Spatz und pluderte sein Gefieder in der klaren Herbstluft.

Da hörte Heilwig nach einer Weile die ruhigen, ebenmäßigen Atemzüge der andern. Elisabeth war ein- geschlafen. Und jäh, wie erlösend war ein Gedanke über Heilwig gekommen. O Gott, ja! So konnte man der andern helfen! So würde es gehen! Warum war ihr das nicht früher eingefallen? Oder hatte ihr die lichte Morgensonne diesen Gedanken eingegeben.

x Ganz leise erhob sie sich vom Bettrand, um Elisa- b-th nicht zu wecken. Ganz leise schlich sie aus der Tür die Treppe herunter.

Sie suchte die Ratsherrin und fand sie endlich In der Küche, eine große Schürze über dem dunklen Haus- kleid. Es stand Frau Katrine am Herd und rührte mit einer mächtigen Holzkelle in einem Kessel mit duftendem ZwetfchenmuL.

3. kommunistische Internationale, verzichtet auf die Autonomie der bisherigen selbständigen Parteien und erkennt ausdrücklich die Moskauer Aufnahmcbebinzun- -en an. Schließlich wird diese Resolution, die die Par­teien zur Schaffung einer einheitlichen deutschen Sektion der kommunistischen 3 n t e r na­tionale auffordert, angenommen. Die Abstim- mung ergab die Annahme der Resolution Säumig- Stocker mit 237 gegen 156 Stimmen.

Ehe noch die zweite Resolution der Gegenpartei (Ledebour-Rosenfeld) zur Abstimmung gestellt werden kann, nimmt Crispien als Vorsitzender der Partei das Wort zu einer Erklärung: „Ein Teil dieses Partei­tages hat die 21 von der Dritten Internationale vor­geschriebenen Aufnahmebedingungen angenommen. So­mit hat dieser Teil die Gemeinschaft mit den Mitglie. dern der Partei gelost. Diese Ber-amm'um hat durch die Annahme des Antrags Däumig-Stocker aufge- hort, Parteitag der Unabhängigen So­zialdemokratie zu fein.

3n dcm nun entstehenden Lärm gehen die weiteren Ausführungen Crsipiens unter. Mit Hochrufen auf die U. S. P. verläßt die Rechte den Saal, wäh­rend Pfeifen der Zuschauer und das Absingen der In­ternationale durch die Zurückgebliebenen sie begleiten.

Der Vorsitzende Braß erklärt, den Parteitag roeiter« llihren und die Tagesordnung erledigen zu wollen. Z im Vorsitzenden wird Adolf Hoffmann gewählt. Sinowjew, der stockheiser ist, besteigt dann das Podium und ent­bietet, stürmisch begrüßt, den Neuaufgenommenen ein Willkommen der dritten Internationale und schlägt vor, einen Vertreter in diese zu entsenden.

Die Rechte hielt am Abend in einem anderen Saale eine nichtöffentliche Sitzung ab. Am Sonntag ta en in Halle beide Flügel der ehemaligen U. S. P. in g e- trennten Sälen. In be den Tagungen wurden [angatm:ge Manifeste an das Proletariat angenommen, worin sich die Versammelten als die allein re d) t- mäßige U S. P. bezeichnen. In der Versammlung des rechten F ügels wurden Crispien und Lede- bour zu Vorsitzenden der Partei gewählt. Im übrigen zeigte sich in der Debatte, daß auch d eser Rest der alten U. S. P. keineswegs in sich einig ist.

Die Unabhängige sozialdemokratische Partei i st ge­wesen. Der größte Teil schwenkt ab unter das Joch der russischen Knute. Was sich in Halle vollzogen hat, war aber erst der Anfang. Jetzt kommt die Hauptsache: der Streit um die Mitalieder!'st»n und die Kaffenbestände, vielleicht sogar auch um die Firma. Es kann noch lustig werden.

Für uns bringt die Sprenmma der nnabhänginen Partei noch keinen Gewinn; sie kann aber zu einer heilsamen Klärung führen, wenn sich für die nächsten Wahlen eine Scheidung der ©elfter anbahnt in dem Sinne, daß alle sich zrisammens-'l'ließen, die das Va­terland retten wollen, gegenüber denjenigen, die Deutschland zum Schauplatz des Kriege- um die W»lt- revolution machen und auf fremdes Kommando hin sich und ihre Mitbürner ins Verderben st"men möchten.

Ausweisung S’noroieros und Losowskis.

Stuf Veranlassung der Reichsregierung Hal der preu­ßische Minister des Innern Severing den Vorsitzenden des Exekutivkomitees der Dritten Internationale S i - n o w j e w und den Präsidenten der allrussischen Gewerk­schaftsverbände Losowski — jetzt, nachdem sie ihre Blut- und Brandreden auf der Tagung der Unabhängigen gehallen haben — ausgewiesen.

Crispiens Nägel.

Reben dem recht vielen „Erbaulichen", welches der Parteitag der Unabhängigen in Halle gebracht hat, hat er auch mancherlei Ergötzliches gezeitigt. Recht amüsant ist ein Bekenntnis des Vorsitzenden der Unabhängigen Partei, daß er die Taschen mit Nägeln gefüllt nach Sowjetrußland gereift fei; dazu hatten ihm Däumig uno Stocker (zwei Führer des linken Flügels der Unabhän- gipen) geraten, weil er für jeden Nagel in Rußland jeden Dienst und jede Gefälligkeit erlangen könnte.

Crispien, der Parteivorsitzende und zugleich Nägel- schieder, gewiß eine recht köstliche Figur. „Wir erinnern uns“, schreibt dazu der „Vorwärts", „gelesen zu haben, daß vor Zeiten die Forschungsreisenden, die Zentral- afrita erschlossen, sich reichlich mll Glasperlen, Spiegeln

„Ei kommst Du endlich, Heilwig? Ich habe schon • ausgeschaut nach Dir und Elisabeth, daß Ihr mir Helsen sollt. Da hat man fo viele junge kräftige Arme im Hause und merkt nichts davon."

Heilwig nickte eifrig.

„Gleich will ich Euch helfen, Frau Muhme. Nur zuerst muß ich Euch etwas sagen, was keinen Aufschub erträgt"

Es war ein fo frohes Leuchten dabei in ihrem Ge- sicht, daß Frau Kattine aufmerfam wurde und die Magd rief.

„Heda, Fielen, ich gehe nur einen Augenblick hin. aus. Gib derweile gut acht auf das Zwetschenmus, daß es nicht anbrennt."

Dann wischte sie rasch die Hände an der Schürze ab und folgte Heilwig auf die große, geräumige Diele, auf der die weitbauchigen Truhen und die uralten, geschnitz­ten Schränke standen.

„Du kannst es mir wohl hier sagen, denn ich habe nicht viel Zeit."

Heilwig nickte. Aber nun, da sie sprechen sollte, wurde sie doch ein wenig rot und verlegen.

„Es ist, es ist nur, Frau Muhme, wegen Elisabeth und ihrem Liebsten. Weil ich ihr doch so sehr gern helfen mochte. Denn sie liegt krank und matt oben in ihrem Bett vor lauter Gram. Seht, es ist mir ein Ge- danke gekommen."

Sie stockte wieder und suchte nach Worten.

„Weil ich doch den Fridolin Lämmerzahl nimmer heiraten kann. Aber mein Geld, so mir der Ahne ver­erbt hat, brauche ich auch nimmer. Es kann alles die Elisabeth haben. Und nun bitte ich Euch, Frau Muhme, geht eilends hinauf zu Eurem armen Kinde und sagt ihr, daß sie freien darf. Doch nimmer, von wem das Geld dazu kam. Das soll nur unser beider Geheimnis sein."

Sie hatte die Hände bittend ineinandergelegt und sah die Ratsherrin so hoffnungsfroh und zuversichtlich an dabei. So, als wollte sie sagen: nicht wahr, Frau Muhme, nun kann alles noch gut werden.

Die Ratsherrin hatte mit leisem Erstaunen zugehört. Als die andere das von Fridolin Lämmerzahl sagte, war ein jäher Aerger in ihr Gesicht gesprungen. Jetzt.

und ähnlichen billigen Industrieprodukten versahen. Für die Eingeborenen, die so etwas noch nie geseyen hauen und auch nicht Herstellen konnten, erschien der billige Tand als höchstes Wertobjekt und sie gaben willig für ein paar Glasperlen Lebensrnittel in Hülle und Fülle. , Der Crispien, der sich zum Besuche Sowjetrußlands * eifrig Nagel in die Tasche steckt, bietet ein anschauliches Bild dafür, auf welches Niveau die wirtschaftliche Kultur Sowjetrußlands herabgesunken ist." Damit dürste das sozialistische Hauptorgan wohl das richtige getroffen haben.

Präsivenieirlrise in Polen.

Der Waffenstillstatrdsbruch des Generals Zestgorvsky, der Wilna besetzte, droht dem Präsidenten her pol­nischen Republik, dem Marschall P i l s u d s k i, das Gtntck zu brechen. Die doppelzüngige Politik, die di« polnische Regierung treibt, die heimlich Zeligorvslys Vorgehen gutheißt und unterstützt, öffentlich aber mtt Rücksicht aus die Entente und die Linksparteien des eigenen Volkes ihn athchüüeln muß, läßt sich nich. mehr durchführen.

Jetzt hat der polrrische Staatschef P i l s u d s k i, der selbst aus Wilna stammt, seinen Rücktritt erklärt, um offenbar ixn Gewissenskampf anzudeuten, den es ihm bereitet, daß er den Handstreich, den er natürlich von Herren billigt, von Amtswegen bedauern müßte. Na­türlich wurde der Rücktritt nicht angenommen, und die Popularität Pilsudeki wird dadurch, ohne daß er sich w he getan hätte, durch diese leere Kundgebung noch gesteigert. Schließlich wird er aber doch an dem end­gültigen Rücktritt nistst vorbeikommen. Ein wenig ehr­licher ist der polnische Vizeministerpräsident Das- cy skl, der offen erklärte, man müsse in der V-jetzung Wilnas eine „vollzogene Tatsache" sehen, und wer sich einmischen sollte, mit dcm werde Polen den Kampf aufnehmen.

Nunmehr haben die Vertreter Englands und Frankreichs eine gemeinsame Note in Warschau über­reicht, in der sie Polen für den Handstreich auf Wilna verantwortlich machen. Auch die Völkerbundkommis- sion, die nach Wilna gegangen war, ist in Warschau eingetroffen. .Man darf wohl gespanM s -in, wie der Völkerbund bei dieser neuen Erprobung seiner bisher so wenig geachteten „moralischen" Kräfte abschneiden wird. Wir fürchten, es wird ihm mit Wilna nicht besser gehen als mit Fiume.

Unbekümmert um alles was Völkerbund und En­tente heißt, rückt inzwischen General Zcligowsky weiter gegen K o w n o vor.

Ein polnisches Lügenbuch.

In Spaa war seinerzeit ein polnisches Weißbuch überreicht worden, in welchem durch 47 darin veröffentlichten Dokumenten bewiesen werden sollte, daß sich Deutschland in Oberschlesien der Verletzung des Friedensoertrages schuldig gemacht hat. Die deutsch« Regierung konnte sich erst viel später ein Exemplar dieses Weißbuches verschaffen, und das Auswärtige Amt veröffentlicht nunmehr eine Denschrist „Der ‘ wahre Wert des polnischen Weißbuches", worin das Ergebnis der sorgfältigen Prüfung der polnischen Dokumente auf­gezeichnet ist.

Das Ergebnis ist überraschend genug: Don den polnischerseits veröffentlichten 47 Dokumenten sind 2 7 vollkommen gefälscht. Von den übrigen 20 Dokumenten sind sechs die Berichte polnischer Agenten und polnischer Zeitungen ohne jede Beweis­kraft und sechs Privatschreiben ohne jede Ve-» deutrmg. Nur acht Dokumente sind echt, aber zum Teil noch entstellt. Diese acht Dookumente beweisen aber so ziemlich Las Gegenteil der polnischen Behaup­tungen und stellen zum Teil geradezu die loyale Hal- tung der deutschen Neuerung fest. Das polnische Weißbuch stellt sich mithm als eine Massenfälschung schlimmster Art dar.

Vne von deutscher Sette demnächst erscheinende Denkschrift wird auf Grund bafferer Deweismitlel den

stemmte sie beide Arme sehr fest und energisch in die Seite und trat einen Schritt von Heilwig hinweg. Und sie verzog ihr Gesicht zu einem sauren, spöttischen Lä- cheln. -

„Ach, als Barmherzige willst Du nun kommen, Hell­wig, und mit milder Hand Gaben ausstreuen. Aber wir Haffekbachs danken für Deine Barmherzigkeit. Oder meinst Du etwa, wir hätten nicht selber genug, um un­serer Tochter mitzugeben, was sie braucht? Nein, eben weil Elisabeth bas Kind von vermögenden Eltern ist, wollen wir sie nimmer fortgeben an einen blutarmen Habenichts, mit dem man nicht prunken kann vor Ver­wandten und Nachbarn. Der Herr Magister mag selbst Mittel und Wege sinnen, seinen Bruder zum Auszahlen zu bewegen. Kommt er weiter mit leeren Händen wie ein Bettler, so müssen wir ihn auch weiterhin abwei­sen. Das will der Stolz der Haffeibachs."

Sie wollte gehen.

Aber Heilwig griff mit beiden Händen nach ihrem Arm.

„Um Gott, Frau Muhme, wie könnt Ihr so har» fein! Und darüber stirbt Euch Euer Kind!"

Die Ratsherrin lachte kurz auf.

„Dor Liebesgram stirbt ein Mägdelein nimmer st> bald. Obschon jede einzige meint, es tun zu müssen. Wir kennen das. Auch Elisabeth wird sich wieder be. sinnen. Und nun komm schnell in die Küche. Den hat. ben Vormittag verschwatzt man hier mit Müßiggang, indes die Arbep berghoch auf einen wartet."

Und sie ging mit festen, raschen Schritten die Diele entlang zur Küche zurück, ohne sich auch nur einmal noch umzusehen.

Heilwig stand regungslos auf derselben Stelle. Wohl minutenlang. Sie hatte beide Hände an die Schläfen gepreßt und starrte vor sich hin.

So stand sie auch noch, als die Haustür sich knarrend auftat und ein Strom von Sonnenlicht auf die düstere Die'e flutete. Da schrak sie zusammen und wandte scheu den Kops. Es war Veit, der mit schnellen Schritten auf sie zukam. Er griff besorgt nach ihrer Hand und fragte ängstlich

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