FuldaerZeitung
Amtlicher Anzeiger für den kreis und die Stadt Fulda.
LerantworNich für den redatlionellen Teil: Karl Schütte
Nr. 240
Rotationsdruck u. Verlag
Fernfprecher Nr. S Telegr.-Adresfe: FuldaerZeitung
für die Anzeigen: I. Parze! ler-Fulda. u »druck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda.
$reltag, 15» Oktober 1920»
Bezugspreis: Monatlich 3,00 2Ht. ohne Zustellgebühr. In Fulda bei uns abgeholt 3,15 Mk. Anzeigenpreis; DieKleinzeile (Colonelmatz) 60 pfg, u. 10°jo Zuschlag, die Retlamezeile (Textbreite) 1.80 INk., u. lOO/o Zuschlag. Bei Wiederhol. Rabatt.
47. Zahrg.
Unpolitische Zeitläufe.
Von Fritz Nientemper.
Berlin, 13. Ollober 1920.
Lieber Onkel Fritz!
9ch habe eine Idee. Ein blindes Huhn findet auch ivohl mal ein Korn. Wie wäre es mit einer Frauen» Regierung in Deutschland?
Warum? Das ist doch sehr einfach. Seit zwei Iah- rrn wursteln wir Männer in der republikanischen Küche und bringen nichts Rechtes zustande. Also Ablösung vor! »>elleicht wird s besser: schlimmer kann s nicht werden.
Was har sich bewährt seit dem großen Krach? Von uuen aufgeblasenen Neuerungen nur eins: das Stimm, ttajt der Frauen. Für uns bärtige Helden vorn l arten Geschlecht ist das nicht schme.chelhaft, aber tröst- ati u Slopfen mlr nur an d,e zottige Männerdrust und «estehen es ein, daß es in ganz Deutschland so toll zu- Mnge wie im Berliner Rathause und im Moskauer «reml, wenn nicht die wühlenden Frauen uns bewahrt ?1Qt“n v°r einer knallroten Mehrheit im Reichstag und audlag Mein Bruder, der hartnäckige Junggeselle, war seinerzeit entsetzt über das Wahlrecht der schnat- eruüen Gänse; aber inzwischen Hai auch dieser Weiber» irino er kaum, daß die Gänse das deutsche Kapitol ge- euet haben. (Ich meine das Kapitol, nicht das Ka- pual.) Dix deutschen Frauen und Jungfrauen haben el vernünftiger gestimmt, als die roten Väter des ahicechles es sich gedacht hatten. Lange Haare und Malserhaltende Gedanken! Von den weiblichen Stimm- Aiteln sind viel mehr auf die Ordnungsparteien gefal»
M’ auf die radikalen Umstürzler.
, Schön. Also Mitarbeit der Frauen Doch trotzdem *3 J*1 h,e inännlichen Staatsleiter ihr Ziel nicht er»
Nach zwei Jahren stehen wir noch auf der rummerstätte und krauen uns im Barte, weil wir -5 nicht zu helfen wissen. Haben wir eine gesicherte k npn9’ Nein, aber Streike und Putschgefahren! Hai ""eid> Geld? Nein, aber eine Notenpresse, die Tag Nacht Markscheine fabriziert, für die das Ausland «tr wenige Pfennige zahlt. 23 Monate ist die deutsche «epubltk schon alt und erst gestern hat der Finanz» mmtster einen Sparplan auf» und durchgesetzt. ,3e
Südslawische Truppen in Kärnten.
Die Südslawen beginnen ihre Drobung, das Kärntner Abstimmungsgebiet auf alle Fälle, auch wenn die Abstimmung gegen sie entschelde, zu besetzen, wahr zu machen. Nach Meldungen, die in Wien aus Klagenfurt vorliegen, sind südslawische Truppen in die Abstimmungszone ein gerückt. Auf der Karawankenbahn traf über Rofenbach in Weizelsdorf gestern morgen ein Elienbahnzug mit Sctlttät ein, von dem 60 Mann mit allen erfoider» vchen militärischen Geräten ausgerüstet ausgeladen wurden. Das noch in dem Euenbanzug befind« liche weitere Militär setzte die Fahri in die rein- deutschen Gebiete der südlichen Zone fori. Nach der ganzen Ausrüstung handelt es sich nicht um irregu- lore Truppen des berüchtigt n Generals Nkoister.
Das neue Kapitalfluchtgesetz.
Die Vorlegung eines neuen Kapitalfluchtgesetzes ist veranlaßt durch die Tatsache, daß das bisherige Gesetz am 1. Oktober außer Kraft trat. Man nahm bei der Festsetzung dieses kurzen Termins an, daß die Veranlagung der Haupt- sächlichsten neuen Steuern bis dahin abgeschlossen sein werde. Diese Voraussetzung trat nicht ein, und es müssen daher die Abwehrmahnahmen gegen die Kapitalflucht aufrecht erhaltm werden.
Die bisherigen Maßnahmen gegen die »Schiebung"' haben aber großenteils versagt. Wer fein Schäfchen vom Ariegsgewinne ins Trockene bringen wollte, der hat es getan. Millionenwerte sind über die Grenze geschmuggelt, per Schiff oder per Schiffchen, im einfachen Kahn bei Rächt und Nebel. Die Tatsache, daß bei deutschen Juwe» deren kaum noch ein großer, hochwertiger Brillant zu finden ist, besagt genug. Alles ist von den Kriegs» und Reoolmionsgewirmlern aufgekaust, in Kleidern und Schuhen himibergeschmuggeit und mit Nutzen zu ausländischem Selbe gemacht. Dazu die Kapitolverbergung im Inlande. Das riesige Anwachsen der Geschäfte der Steuerverwal» tilngsbehörden, die Einstellung von Neulingen, die der Fülle des Gefchästszuwachfes ratlos gegenüber standen, haben dazu geführt, daß die Steuerhinterziehungen geradezu tolle Formen angenommen haben. Wer im Leben steht, bet weiß, daß es in Berlin zahlreiche Leute gibt, die von ihrer Privatwohnung aus Riesengeschäfte ad- wickeln, ohne auch nur die Tatsache, daß sie ein Geschäft betreiben, bet Gewerbesteuerbehörde zu melden. Unter diesen Schiebern gibt es solche, deren Geschäfte den Umfang einer mittleren Aktiengesellschaft erreichen. Wer zählt die Schiebungen, die ntit frechem Hohn durch di« Aus- «tzung der Lücke in den gesetzlichen Bestimmungen bedingen wird, nach denen man zwar eine Wohnung polizeilich anmelden muß, nicht aber ein Geschäftslokal. Bei Ladengeschäften führt ja die Polizei aus andern Gründen (Firmenbezeichnung usw.) eine gewiße Kontrolle, aber der Etagenschieber ist jedem derartigen Zugriff vollkommen entrüeft Solche skrupellose Elemente haben während des Krieges chr Hauptbuch in der Westentasche gehabt. Ihr Darvermögen wisien sie durch Ueberschreibung auf Frau und Kinder und durch Aufbewahrung an den seltsamsten Orten so zu verstecken, daß nur durch Zufall ihre Ent» lawung mögsich ist. Aber auch in anderen Kreisen wird zum Zwecke der Steuerhinterziehung unendlich viel geflun- lert. Gewisse Großkaufleute halten es für praktisch, ihr gesamtes verfügbares Kapital in außerordentlich großen Warenmengen anzulegen. Bei Jahresschluß, bei Ausstellung der Bilanz, schätzen sie bann diese Waren nach kaufmännischer Unfance und Vorschrift, zum angeblich wirklichen Realisationswert ein, den sie natürlich niedriger ein- stellen, als den Anschaffungspreis. Sind z. B. die Waren um den Preis von 800 000 M, erworben worden, so roerben sie in der Jahresbilanz nunmehr mit dem Werte von 200 000 M. geführt. Wenn die Steuerbehörde bei Prüfung der Bücher dies« Differenz bemängelt, fo weisen ste darauf hin, daß es sich hier um Konjunkturverluste handle, die sie selbst am meisten bedauern, die aber nicht zu verhindern gewesen wären. Wie die Praxis lehrt, ist der Beweis der beabsichffgten Täuschung schwer zu führen, da man den bösen Willen kaum feststellen kann. Wie will man dieser raffiniert ausaebilbeten Steuerflucht-Technik auf die Schliche kommen? Wir möchten wünschen, daß bei der Beratung des neuen Gesetzentwurfes im Reichstag nnfere Parlamentarier zeigen, daß sie nicht allzusehr dem «vahren Leben nachhinken.
sondern um offizielles südslawisches Militär, dos verriet, daß die eingetroffenen Truppen nur die Quartiermacher nachfolgender größerer Abteilungen seien. Die interalliierte Ahstimmungs- kommission wurde sofort in Kenntnis gesetzt. Sie hat nach dem Ergebnis der Volksabstimmung bis zur Ueoernahme der Verwaltung des Landes durch Oesterreich die Verwaltung der Zone A selbst übernommen._____________
Die Lage im Osten.
Auch Minsk von den Polen befehl?
Die Londoner „Morning Post" meldet, daß die Polen unter General Valachowitsch Minsk besetzt haben.
Wenn sich diese Meldung bestätigt, handelt es sich vermutlich um den gleichen Fall wie in Wilna. Da Minsk die natürliche Hauptstadt Weißrußlands ist, das nach den Bestimmungen des am 12. in Riga unterzech» nieten Vorfriedens selbständig sein soll, widerspricht es zmn rnirchcsten dem Geist dieses Abkommens, wenn dis Polen die Stadt jetzt noch besetzen.
Die Unruhen in Irland.
Am Dienstag ist es in Irland zu neuen Anschlägen und Verbrechen gekommen. Die Unruhen begannen in Londonderry, wo die Unionisten auf die Nationalisten zu schießen begannen. Danach wurde die Polizeikaserne in Dunnauway, in der Grafschaft Cork, angegriffen, regelrecht belagert und mit Handgranaten beworfen. Etwa 50 Sinnfeiner hatten das Haus umstellt, das von 29 Polizeisoldaten verteidigt wurde. Schließlich gelang es diesen, auf drahtlosem Wege Hilfe herbeizurufen. 3n Dublin wurden Warenhäuser geplündert und bedeuten, der Schaden angerichtet. In der Nähe von Crolly wurde ein Postzug Überfällen und ausgeraubt, wobei zwei Zivilisten schwer verwundet wurden. In einem Hause in Sintern ereignete sich eine heftige Explosion, die das Haus vollkommen zerstörte. Sieben Männer, die sich in dem Haufe befanden, wurden getötet, außerdem sind fünf Männer v->rwundet worden. Man nimmt allgemein an, daß die Männer mit der Herstellung von Bomben beschäfttgt gewesen sind.
Anklage gegen Llyob George.
Grey und Robert Cecil veröffentlichen gemeinsam einen Brief, in dem sie erklären, daß erdrückende Beweise dafür beständen, daß bewaffnete Streit» tr_äfte der Krone feit Monaten systematisch Häuser verbrannten oder zerstörten, Frauen und Kinder in die Wälder und Berge verjagt haben. Unter den Opfern befanden sich Unionisten, die erbit» terten Gegner der Sinnfelner. Die Politik, die zu solchen Ergednisien geführt habe, würde von Ministern, darunter Lloyd George, gebilligt. Dies seien ernste Anklagen, die eine öffentliche sofortige Untersuchung durch das gesetzliche Gericht heischten.
Aus dem besetzten Gebiet.
Diene MililSr-Uebungsplätze. Wie die „Niersteiner Warte" meldet, sollen bei Nackenheim und Nieder-Jngel» heim durch die französische Militärbehörde über 2 0 0 5e,tar„beften Ackergeländes zu „Reserve- Uebungsplätzen beschlagnahmt werden.
Es hämmert.
Die Londoner „Daily News" schreiben im Leitartikel, Deutschland werde durch die Milliarden, die es für die Desatzungstruppen aufwenden müsse, langsam erdrosselt.
Der sozialdemokratische Parteitag.
Kassel, 14. Oktober.
Die Dormittagsverhandlungen wurden gänzlich in Anspruch genommen von der Aussprache über die geft» ngen Referate von Wissell und Robert Schmidt. Es gab eine allgemeine Wittschaflsdebatte mit heftigen Angriffen gegen den ReichsernLhrungsminister. Heilmann (Berlins
mehr Schulden der Leutnant hat, desto größere Trinkgelder gibt er." So sagte man früher, als noch schrei» öige Offiziere ihren Personalkredit leuchten ließen. Die pumpenden Leutnants sind verschwunden; das Deutsche Reich ,edoch betreibt die Pumpwirtschaft en gros und bat nicht einmal einen Erblasser hinter sich. Es ist das Gegenstück vom Dukatenmännchen: es frißt die fälligen Steuerst auf und gibt nur neue Schuldscheine von sich.
Jammer, Elend und Not! Wie kommen wir da heraus? Nachdem die männliche Staatskunst fo glän- jenb versagt hat, möchte ich den Notruf erheben: Die Frauen an die Front! Bildet eine weibliche Regierung!
Herrn Ebert, dem Reichspräsidenten, kann man wahrlich nichts lledles nachsagen. Es ist ihm neulich noch vor Gericht bezeugt worden, daß er einen einfachen Lebenswandel führt und getreulich feine Pflicht tut. Aber er wird sich selber nicht für den Retter des Vaterlandes hallen und wahrscheinlich nichts dagegen haben, wenn wir versuchsweise mal eine wackere Haus» frau zur Reichspräsidentin wählen.
Herr Fehrendach, unser alter, treuer Parteiführer, ist als Reichskanzler in die Bresche gesprungen. Er hat mehr Aehnlichkeit mit dem opfermutigen Winkeln ed, als mit dem herrschsüchtigen Napoleon. Er würde schmunzelnd sich in feinem geliebten Freiburg er» holen, wenn ihn eine, tüchtige Frau, eine perfekte Reichsköchin ablösen sollte.
Ist ja alles schon mal bagemefen; auch das Frauenregiment. In der Weltgeschichte stehen ruhmvolle Herr» icherinnen verzeichnet, denen man die „Schwäche ihres Geschlechts" gar nicht anmerkte. Meine L rblingsheldin ist Maria Theresia, weil sie nicht bloß ihr Kaiserreich meisterhaft regierte, sondern auch zugleich eine musterhafte Hausfrau und Mutter blieb. So vielseittge Frauen möchte ich auch bei uns an der Regierung sehen Die alten Griechen nannten die selbstregierenden Weiber Amazonen. Der Name gefällt mir nicht. Ich würde die künftigen Staatsleiterinnen lieber Matronen nennen; das ist schon ein eingebürgertes Fremdwort, also ein deuffches Lehnwort.
Was sollen denn die weiblichen Regenten leisten? Sie sollen als Nothelferinnen die ermattete Mannschaft
। gewissenloser Weise dazu mißbrauche, um das deuffche Volk aufs schwerste zu schädigen. Er begründete diese Anklagen mit den Maßnahmen des Ministers in der Fett-, Del. und Getreidewirtschaft, die dem Volke durch Preissteigerungen
I viele hundert Millionen Mark kosteten. Hoch (Hanau) । meinte demgegenüber, mit allgemeinen Angriffen gegen einen einzelnen Minister erreichen wir gar nichts. Wir bekommen nur einen anderen Dr. Hermes. Wir müssen die Regierung arbeiten lassen, besonders auf dem Gebiete der Sozialisierung und dann das Volk zur Entscheidung auf» rufen. Eine Reichstagsauflösung in diesem Augenblick würde uns gar keine Vorteile bringen. Die Diskussionsredner waren darüber einig, daß das Wisiellsche System in feinen fundamentalen Sätzen unvereinbar sei mit der sozialistischen Wirtschaftspolitik. Exreichskanzler Bauer, der sich — wenn auch äußerlich ruhig — mit außerordentlicher Schärfe gegen die Angriffe Wiffslls verteidigt, wirft feinem ehemaligen Kollegen im Wlrtfchaftsministerium weltfremden Doktrinarismus vor. Die eigensinnige Verteidigung und Propaganda Wissells fei nahezu krankhaft. Sämtliche Redner ließen erkennen, daß es bei den sozialistischen Führern allmählich zu dämmern beginnt, daß eine Gewaltkur nach unzulänglichen Theorien nicht das Mittel fern kann, um ein zerklüftetes, am tiefsten Abgrund entlang taumelndes Volk auf die ebenen Dahnen ruhiger Entwicklung und langsamen Wiederaufstiegs znrückzufuh- ren. Die geschlossene Ablehnung jeder unfruchtbaren Ueberorganffatton, wie sie Wissells Planwirtschaft mit sich bringen würde, ist bezeichnend für die wachsende Erkenntnis, daß nur, auf realpolitischen Wegen eine Gesundung unseres kranken Volkskörpers herbeigessihrt werden kann.
Bei den Abstimmungen über die zahlreichen Anträge zur allgemeinen Wirtschaft, Sozialisierung und Ernährung geht es in der Nachmittagssitzung recht lebhaft und teilweise sehr erregt zu. So z. B. beim Antrag Mannheim, wonach die Führer des Kapp-Putsches, nachdem das Verfahren vom Reichsgericht gegen sie bereits eingestellt wurde, nochmals einem Sondergerichl zur Aburteilung zugeführt werden sollen. Die Relolu- tion wurde erst nach zweimaliger Abstimmung mit knapper Mehrheit abgelehnt. Ein Antrag Braun, der die Sozialisierung der Düngemttt-lfr.briken verlangt, sand einstimmige Annahme. Tin Antrag Heilmann über das Mißtrauensvotum für der Reichsernährungsminister Dr. Hermes wurde mit 138 gegen 137 Stimmen angenommen. Er sollte zuerst n a; einem anderen Vorschlag der Reichstagsfraktion überwiesen werden. Hermann Müller gab die Erklärung ab, daß der Parteitag strengste Nachprüfung der gegen Hermes erhobenen Anschuldigungen fordern werde. Der Antrag Adolf Braun und Gen., der zur einstimmigen Annahme kam, formuliert in großen Zügen die Wirtschaftspläne der Partei für die nächste Zeit: „Verhinderung und Stillegung und Vernichtung noch leistungsfähiger Betriebe. Preis- gestaliung der unentbehrlichen Rohstoffe durch eine ziel» klare und weitsichtige Handelspolitik und Produktionsförderung, Gesundung unseres Geldwesens auf völlig neuen wirtschaftlichen Grundlagen, Ausdehnung der Preiskontrolle durch das Reich. Zur Vergesellschaftung der Produktionsmittel muß alle Kraft zur Anwendung gebracht werden. Kann dies auch nur schrittweise ge- fchehen, so muß es doch großzügig in Angriff genom- men werden. Das Privateigentum ist zu beseitigen, tro es die Gesundung unseres Wirtschaftslebens hemmt. Deshalb ist die Sozialisierung tatkräftig dort zu fördern, wo die Voraussetzung gegeben ist. Das gilt vor allem für die Kraftquellen' und hier in erster Reihe für den Kohlenbergbau, für die Koblenvertei» hing und für die Roheisen- und Stahlerzeugung.
Schließlich wurde noch ein Bericht von ‘ Meerieldt- Köln über den internationalen Kongreß in Genf entgegengenommen, der u. a. die verhängnisvolle Selbst- Verurteilung der deuffchen Sozialisten in der bekannten Schuldresolution brachte. Der Bericht sand im großen ganzen die Billigung der Delegierten. Mtt einem scharfen Protest gegen die Ablieferung der ungeheuren Zahl von Milchkühen an die Entente schloß die Sitzung.
Die Tagung der Unabhängigen.
Halle, 11. Oktober.
Vom Morgen bis zum Abend liegen die kindlichen Genossen sich in den waren. Koener wettert «e.ien die Sentialleitunfi, Sri pien überschüttet die Kommunisten mit Anklagen und Vorwürfen, Stöcker beschimpft Crikpien und Däumir, Adolf Hoffmann bemüht sich, den
I ablösen und versuchen, ob sie es nicht bester machen können. Man sagt freilich, die Männer hätten mehr Der- stand als die Frauen; doch Verstand ist nicht gleichbedeutend mit Vernunft oder mit Klugheit. „Was kein verstand der Verständigen sieht, das ahnet in Einfalt ein weiblich Gemüt." In Einfall — das soll heißen in natürlichem Instinkt. Der Mann hat eine höhere Handschuhnummer; aber eine kleine geschmeidige Frauenhand leistet in manchen Dingen mehr als die gröbere Faust. (Manche von den Fausten hat man auch nur in der Tasche geballt gesehen.) Es heißt ferner bei dem Dichter, wenn man wissen will, was sich ziemt, so soll man bei edlen Frauen anfragen. Mir kommt eine solche Anfrage sehr zeitgemäß vor; denn es ist ein Hauptübel der Gegenwart, daß die Leute nicht mehr wisten, was sich ziemt und was sich nicht ziemt.
Ein Frauenregiment könnte wieder etwas mehr Sinn für Anstand und Sittlichkeit in das öffentliche Leben bringen. Die tonangebende Frau würde auch vielleicht das Streittieber eindämmen können; die verant- worlliche Hausmutter weiß ja am besten, wie die Ver- fcherzung des Wochen» oder Monatslohnes wirkt. Die Ernährungswirtschaft des Reiches kommt aus den Kämpfen nicht heraus; sollte nicht eine erfahrene Wirtschafterin den gordischen Futterknoten auflöfen können? Und was die Sparsamkeit angeht, so traue ich den zähen Hausmüttern mehr Eifer und Ausdauer in der Durchführung des Sparplans zu, als den Männern, die gar zu gern eine Lieblingsausgabe für notwendig halten.
Nun, auf keinen Fall könnte es aber schaden, wenn wir es mit einer langhaarigen Regierung versuchten. Vielleicht wäre es sogar für die hohe Politik vorteilhaft. Denn Marschall Foch und feine Gesinnungsgenossen tun ja immer noch so. als ob das entwaffnete und ausgemergelte Deuffchland sie mit einem neuen Kriege be. droht. Würden sie auch ein deutsches Amazonenreich für friedensgefährlich halten? —
Ich habe mein bekümmertes Männerherz aus. geschüttet. Nun reden Sie, lieber Onkel, und kleiden Sie gewogen
^tzrem alten
Gottlieb.
Vorsitzenden Dittmann lächerlich zu machen. Crispren wiederum beklagt den Parteiverrat, der von Koenen und fernen Freunden begangen worden, indem sie ver- traunche Partetverhandlungen auf den Markt zerrten. Das habe man davon, wenn unreife Genossen in die Parteileitung kommen, die noch nicht einmal das ABC der Politik begriffen haben. Natürlich wandten sich die Angegriffenen entrüstet gegen diese Vorwürfe und beschuldigten die Parteileitung, die Genossen Säumig, Crispien und Rosenfeld der faulen Kompromißlerei und des Mangels an Führersährgkeit. Sie sind durchweg „schwankende Gestalten" in den Augen der zielbewuß» ten Propheten von Moskau. Der Gegensatz zwischen den beiden Richtungen verschärft sich mtt jeder Stunde.
In bet heutigen Sitzung erhielt Dittmann als Vertreter der Rechten bas Wort. Er führte aus: man will, daß wir in Deutschland die Kinderkrankheiten Lenins durchwachen. Mr find aber hier auf dem Parteitag der USP.I Die Moskauer Aufnahmebedingungen muten uns nach militärischem Muster den Kadavergehorsam zu, der in Rußland Bankerott gemacht hat. (Beifall rechts.) Wir wisten selber, was für Deutschland notwendig ist. „Im Bolschewismus liegt der rücksichtslose Wille verwirklicht, mit jüdischem Fanatismus und asiatischem Haß gegen alles Europäische." So spricht nicht etwa der Antibolschewist Dittmann, fonbem der Moskauer getreuer Führer, der Hamburger Herzog. (Stürmische Heiterkeit rechts.) Was man uns mit der Unterwerfung unter die Moskauer Bedingungen zumutet, zeigt deutlich der Bericht Sinowjews über die heutigen Zustande in der Kommunistischen Partei Rußlands, der zwar eine eigentliche Opposition in der Partei noch nicht zugibt, aber von Strömungen der Unzufriedenheit spricht, die zusammenfließen und mit denen gerechnet werden muß, bet die Willkürherrschaft der einzelnen Zentralstellen geißelt, die mit bürokratischen Methoden wirtschaften und selbst bei der Verteilung der vorhandenen Lebensmittel oft versagen. Sinowjew spricht darin selbst von der Militarisiermig der Parteiorganisation und des ganzen Verwalttmgs- und Wtrtfchaftsapparates, vom Kommandoton u. a., von Dingen, die Anlaß zu einer gerechten Mißstimmung in der Partei geben. Die Unabhängige Partei wird, schloß Dittmann, auch in Zukunft im revolutionären Prozeß vor- wärtsgehen. Wir und nicht die kommunistische Partei werden die Führerin und Bannerträgerin fein. (Brausender Beifall rechts.)
Stöcker als zweiter Redner für die Radikalen polemisiert heftig gegenCrispien. Seine Worte, daß er auf dem Wege nach Kassel fei, riefen einen gewaltigen Lärm hervor, Ledebour fuchtelte Adolf Hoffmann mit bet Faust vor bem Gesicht und schrie ihm zu: „Halunke". Nur mit Mühe wurden die beiden Streitenden auseinandergebracht. Ein ungeheurer Tumult setzte auf beiden Seiten ein. Hoffmann (Oldenburg) bezeichnete Stöcker als Verbrecher. Braß rügt diesen Zwischenruf. Erst allmählich kann der Vorsitzende die Ruhe wieder Herstellen. Stöcker fortfahrend, geht auf die Frage der Anwendung von Gewalt ein. Es heißt jetzt Kampf gegen Kampf, auch gegen das Proletariat, welches sich im Gefolge des Bürgerttrms befindet. Alles, was zwischen Scheidemann und uns steht, wird zerrieben werden.
In der Nachmittagssitzung sprach der rustische Delegierte Sinowjew. Er sprach außerordentlich leidenschaftlich und hob hervor, daß weder Crifpien noch Dittmann das Wort „Weltrevolution" ausgesprochen hätten, was beweise, baß die Rechtsunabhängigen die Weltrevolution als eine Überwundene Idee betrachteten. Die erste Pflicht fei aber die Propaganda der proletarischen Revolution. Diese Aufgabe könnte nur von den Kommunisten durchgeführt werden. 3m weiteren Verlaufe sei» ner Rede stellte er den rechten Parteiflügel vor eine ganz neue Situation: Das Moskauer Exekutivkomitee wird mit sich handeln lasten; es verlangt nicht sklavische Annahme der Bedingungen, es ist bereit. Gegenbedin» gungen der Unabhängigen Partei zu prüfen. Das hatten die um Crispien nicht erwartet, und die allgemeine Un- ruhe, die auf der Rechten einsetzte, zeigte, daß der schlau, Rüste ihnen den Plan verdorben hatte. Anfangs versuchten sie mit abfälligen Zwischenrufen über die unangenehme Situation Hinwegzukommen, dann aber begannen einzelne Gruppen unter ihnen die neu geschaffene Lage zu beraten, wobei es so lebhaft zuaing, daß bi, Stimme des Redners in der allgemeinen Unruhe kaum noch zu hören war.
Als der galante Gottlieb diesen Hilferuf an die Weist litfjleit erließ, wurde gerade wieder in Berlin gestreikt Vor den Zeitungsbetrieben standen weibliche Streikposten mit grellen Plakaten, die da verkündeten, daß di, Angestellten in den Zeitungsbetrieben streiken müßten, um nicht zu verelenden. In diesen Lohnkampf will ich mich nicht einmischen, sondern bloß die Tatsache fest- stellen, daß die weiblichen Streikposten recht hübsch gekleidet waren. Das Elendseinkommen, über das si« klagten, reichte anscheinend immer noch aus für schick« Hüte, hübsche Sttefelchen und zarte Florstrümpfe.
Daraus schließe ich, daß der Sinn für Sparsamkeit nicht überall gleichmäßig entwickelt ist. Wenn wir die weibliche Regierung bekämen, so würde die ihre liebe Not haben mit der Einschränkung des Aufwandes für Toilette. Finanzministerin dürfte nur eine Frau werden, die über alle Eitelkeit ihres Geschlechts erhaben wäre.
Im übrigen würde ich die weiblichen Minister gern beglückwünschen, aber nicht beneiden. Denn stürmische Kabinettssitzungen und häufige Ministerkrisen würde es bann erst recht geben.
Richtig ist die Ansicht Gottliebs, daß die Frauen durch ihre Stimmzettel uns vor dem schlimmsten bewahrt haben. Damit ist aber nicht gesagt, daß ein weibliches Regiment das Vaterland aus der Patsche ziehen könnte. Wir sitzen zu Hef darin. Das Unglück von außen ist noch nicht bas ärgste. Drinnen in den Köpfen und Herzen steckt das Verhängnis: ein großer Teil des Volkes ist verrückt und roh geworden. Diese kranken ©fieber der Gesellschaft müssen erst Juri e r t und neu erzogen werden. Wenn die brave Weiblichkeit mithilft zur Neubelebung von Vernunft. Anstand und Gemeinsinn, dann werden die Frauen zu Daterlandsretterinnen auch ohne Ministerposten.
Ich frage nicht: Mann ober Weib? Ich sage viel- mehr: Mann und Weib, b. h. alle guten Strafte im Volke sollen sich regen und vereint wirken: bie verstau- bigen Männer unb bie wackeren Frauen, überall sich ergänzend, Hand in Hand für bas bedrängte Vaterland.