Amtlicher Anzeiger für den kreis und die Stadt Fulda.
ilt. 239.
Beranlworliich lür den redautonellen Teil: Karl Schütte, für die Anzeigen: I. Parzeiier-Fulba. u Rotationsdruck u. Vertag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernfprecher Nr. ». Teiegr.-Abreffe: Fuldaer Zeitung
Donnerstag, H* Oktober |920
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Der Kampf um den Dieselmotor.
Es wird von Regierungsseite bestätigt, daß die Verbandsregierungen verlangen, die schnellaufenden Dieselmotoren sollten als Kriegsmaterial, wo immer sie sich in Deutschland befinden, zerstört und ihre Anfertigung künftighin untersagt werden. Die Nachricht wird überall, nicht nur m Deutschland, sondern in allen Ländern, wo Kulturvölker wohnen, die tiefste Erbitterung Hervorrufen gegen einen verblendeten Dölkerhaß, der sich noch weit über den Krieg hinaus von nichts anderm leiten läßt, als von einer sinnlosen Zerstörungswut.
Wo sind die urweräußerllchen Menschenrechte, die jede Kreatrrr am Leben hat? Die Rechte, die auch uns noch zustehen: zu leben, zu arbeiten und der Welt das zu geben, was wir als Wertvollstes, Bestes in uns tragen, nämlich das Denkvermögen unsers Gehirns, mit dem wir jahrhundertelang alle Volker bereichert haben? Wenn man uns mit einer Mischung aus Spott und Hochachtung das Volk der Dichter und Denker genannt hat, so wird einst die Völker geschickte dem deutschen Volke die Charakteristik gewähren, das wisienscbaftliche Genie unter den andern gewesen zu sein. Freigebig haben wir ihnen allen von unserm wissenschaftlichen Geist ausgeteilt, was immer wir zu geben vermochten. Es ist so unendlich beschämend für jedes Mitglieder der Mrnschheitsfamilie, daß der Dölker- wahnsinn so weit geht, die großen Werte und epochalen Errungenschaften des genialen deutschen Erfinder- gefftes, um die sie alle uns Haffen und beneiden, und die sie uns nicht nachmachen können, zu zerstören. Furchtbar ist es, daß ein uns zehnfach überlegener Gegner uns niedergeworfen und ?um langsamen, qualvollen Tode niedergeworfen bat, daß bei einer gewaltsamen Zerstörung unserer Dieselmotore, die heute in Deutschland viele Tausende von kleinen, großen un- größten Arbeitstellen treiben und am Leben -alten, olle diese Betriebe stillstünden, so daß Millionen unsrer Dolks- genoffen brotlos würden. Das ist furchtbar, aber es ist auch nur ein Schritt mehr auf dem Wege zum Schafott, den wir feit zwei Jahren gehen. Unser tief» ster Schmerz jedoch gehört der erschütternden Einsicht, daß wir hier einem bodenlosen Abgrund gegenüber- stehen, den fremder Haß aufgerissen hat: ein Haß, der lieber die Menschheitskultur verkümmern sehen und auf zivilisatorischen Fortschritt verzichten möchte, als daß er das Gehirn, das diesen Fortschritt der Welt geschenkt hat, fernerhin am Sehen lasten will. Vor diesem Abarund muß man erschaudern wie vor einem Totengewölbe, aus dem es uns mit dem eisigen Hauch der Verwesung entgegenweht.
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Der von dem deutschen Ingenieur Diesel erdachte und zuerst 1897 in betriebsfähiger Form hergestellie Motor ist ein Motor für flüssigen Brennstoff (Petroleum, Paraffinöl, Braunkohlenrohöl ufro.), der im Viertakt tätig ist, aber im Gegensatz zu dem mit plötzlicher Verbrennung eines Gemisches von Gas und Lust arbeitenden Verpuffungsmotor ein Gleichdruckmotor, in dem also die Verbrennung allmählich unter annähernd gleich-'übendem Druck erfolgt. Die Mertaktbewegung bei der G a s ° kraftmafchine geht so vor sich: Während des ersten Kolben- vorlaiffs werden Gas and Lust onnefaugt (1); beim Rücklauf des Kolbens wird dos Gemisch verdichtet (2); nun — im Totpunkt des Kolbens — erfolgt die Zündung, das Gas explodiert und treibt den Kolben vor (3); der Kolben läuft zurück und stößt die Derbremnmgsgase aus (4). Beim Dieselmotor sieht dieser Wertakt so aus: beim ersten Kol- bermorlauf wird Luft angesaugt (1); bet Rücklauf preßt diese Luft stark zusammen (bis auf 32 bis 35 Atmosphären) und erhitzt sie dadurch so beträchtlich saus 550 bis 600 Grad), daß die erzeugte Wärm« die Entzündungstemperatur des Brennstoffes weit überschreitet (2): Preßluft von 60 Atmosphären spritzt den Brennstoff (seine Zufuhr hört nach dem ersten Achtel des Kolbenweges auf) in zerstäubter Form ein, er verbrennt und treibt den Kolben vor (3); der rücklausende Kolben entfernt die Werbwnnungsgase (4).
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Wie von zuständiger Seite mstgeteitt wird, halten zu der beabsichtigten Zerstörung der Dieselmotoren sowohl die Motorenfabriken wie die hauptsächlichsten
Das Schwert von Thnle.
Roman von Leontine von Winterfeld-Ploten.
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Da räusperte sich der Ratsherr zum zweiten Male und fuhr erhobenen Tones fort:
»Cs hat nämlich der sehr ehrenwerte Fridolin Säm- merzahl gestern bei uns um Deine Hand angehalren, dieweil er Dich, Heilwig, zu feiner Ehefrau begehrt.'
Beide Hastelboch sahen nun gespannt auf und erwarteten bei Hellwig ein jungfräuliches Erröten und verschämtes Reigen ihres blonden Kopfes.
Aber Heilwig fband unbeweglich. Nur ihre Augen waren immer größer und erstaunter geworden. Dann begann es plötzlich um ihre Mundwinkel zu zucken. Und jetzt brach sie in ein so helles, schallendes Lachen aus, wie man es noch nie bei ihr gehört hatte. Beide Hände schlug sie zusammen und lachte immer noch.
»O Oheim! O Frau Muhme! Das ist doch wohl nimmer möglich! Das muß ganz gewiß ein Irrtum sein!'
Die beiden Alten sahen sich stirnrunzelnd an und schüttelten die Köpfe.
»Aber Heilwig, bist Du von Sinnen? Bei so ern- sier Angelegenheit lacht man doch nimmer so toll,' sagte verweisend der Ratsherr.
Frau Satrines Angesicht aber war vor Zorn so hoch. r°t geworden, doch sie kein Wort in diesem Augenblick hervorbringen konnte.
Heilwig war einen Schritt näher gekommen und stützte beide Hände fest auf den Tisch. Sie hatte sich ein •Denig vorgebeugt, und ihre Augen flammten. Ganz *<mft war sie fotzt geworden, als sie sprach.
»Rein, Oheim, ich habe, weiß Gott, seither auch im. "er gedacht, so etwas sei eine ernste Angelegenheit. Und ba kommt einer daher und betreibt es wie ein närrische, GPiel. Nur wenige Tage erst bin ich zusammen ge- •»efen mit diesem Fridolin Lämmerzahl. Geredet haben vir wenig und nur ganz nebensächliches Zeug mitein- ander. Und nun kommt er und begehrt mit zum Weibe?"
verkaufenden Gewerbe Stellung genommen, mü im Reichswirtschaftsministerium fand eine Besprechung statt, in der die in Betracht kommenden Verbände die große Bedeutung der Sache entwickelten. Nicht nur die Dieselmotorenfabriken seien mü Arbeüs- losigkeit bedroht, sondern z. B. auch städttsche Elektri- züätstverke, Wasserwerke, Eifenbahnreparaturiverkftät- ten, Gummifabriken, Textilfabriken und Landwirtschaft. Alle diese stünden vor erschütternden Tatsachen, wenn der Verband seinen Beschluß durchführe. Der schnell- laufende Dieselmotor ist schon vor dem Kriege in diesen Friedensbetrieben in Anwendung gewesen, neuerdings hat er unter dem Einfluß der Kohlenknappheit in verstärktem Maße Eingang gefunden. Nachdem diese Kohlenknappheit sich infolge der Beschlüsse von Spaa noch verschärft hat, war der Dieselmotor die inzige Rettung gegen Stillegung und Arbeiterentlassungen. Die Regierung würde sich vor Schadenersatzansprüchen von mehrern Milliarden Mark gestellt sehen, wenn die Dieselmotoren abgebaut oder zerstört werden müßten.
Der bayerische Ministerpräsident v. Kahr hat auf diplomatischem Wege Schritte unternommen, um die Vernichtung der Dieselmotoren hintanzuhalten. . Es wurden der Entente bestimmte Vorschläge unterbreitet, die dahin gchen, daß die Dieselmotoren katalogisiert, d. h. mit Nummern versehen werden, und daß Buch darüber geführt wird, wo sie untergebracht sind. Auf diese Weise sei die Gewähr gegeben, daß keiner der Dieselmotoren zu Schiffbauzwecken verwandt werde. Bei den von der Entente beanstandeten Motoren soll es sich übrigens nicht um alle Dieselmotoren, sondern nur um die sogenannten „Schnelläufer" handeln, die für Schiffszwecke Verwendung finden könnten.
Der Parteitag der Mehrheitssozialisten nahm unter starkem Beifall eine Entschließung' geoen das kulturschänderische Verlangen der Entente auf Vernichtung der Dieselmotoren an. Der öorfi'intbe Müh ler sprach die Hoffmtng aus, daß dieser Beschluß bei der Arbeiterklasse der Ententeländer ein Echo ffnden werde. _______________
Der Streit um Genf.
Trotz oll r Parteitage, die gegenwärtig den größten Raum in den Erörterungen der deutschen Oeffenilichkeü einnehmen, muß unsere höchste Aufmerksamkeit doch beanspruchen, was in diesen Tagen wegen der Genfer Konferenz zwischen den Reg erungen in L o n d o n und Paris vorgcht. Denn über alle Ereigniff« der Gegenwart hinaus bleibt die „Wiodergutmachungsfrage" die wichtigste Angelegenheit für uns, we l sie für unsere Zukunft von ausschlaggebender Bedeutung ist.
Wer die Vorgänge genauer beobachtet, dem fällt auf. mst welcher Hartnäckigkeit Frankreich bestrebt ist, jede für Deutschland künftige Wendung in ihr Gegenteil zu verkehren. Freilich ist die französische Politik bestrebt, für dos eigene Volk das Möglichste herauszuschlagen, aber die französische Anschauung von der sogw Wieder- gutmochungsfrage brngt es mit sich, daß der französische Vorteil stets den Schaden Deutschlands bedeutet. Mit anerkennenswertem Festhalten an den Geboten der Vernunft hingegen ist England bestv bt, Deutschland auch weiterhin zur Mitarbeft an der Gestaltung seines eigenen Schicksals heranzuzieh«t und es besteht desbalb mit Energie auf das Zustandekommen der Genfer Konferenz, während Frankreich nach wie vor bestrebt ist, die von Deutschland zu zahlende Entschädigungssumme durch dieAlliierteiruntersich festsetzen zu taffen, ohne daß Deutschland übet die Möglichkeiten der Bezahlung gefragt würde.
Der französische Gedcmkengcmg ist baM ersichtlich der, daß bei ferneren Zusammenkünften mst Vertretern Deutschlands mehr und mehr Klarheit verbrestet werden wird nicht mir über die wirklichen Zustäirde in Deutschland und die außerordentlich schwachen Grundlagen, auf denen fe:ne Zahlungsfähigkeit ruht, sondern auch über die Umtriebe der französischen Regierung und über die wahren Gründe ihres Widerstandes. Wird
Sie schüttelte den Kopf und sah ratlos vor sich hin.
„Das verstehe ich nimmer, Oheim. Soll das etwa die Liebe fein?* Die habe ich mir anders gedacht. Richt fo, o nein, nicht fo!*
Letzt hatte die Ratsherrin ihre Sprache wiederge. funden.
„Also nicht so hat sich die Jungfer die Liebe gedacht? Wie denn, möchte ich wohl fragen? Wohl heimlich hinter unferm Rücken, mit Tuscheln und Küssen, wie? Dies geht ihr wohl zu anständig und ehrbar zu in unferm Hause; he? Und diese große Ehre, daß ein so vermö- genber, biederer Mann, wie mein Reffe, um sie wirbt, das weiß sie Überhaupt nicht zu würdigen? Lachen tut sie darüber? Und ich sage Dir, Heilwig, Du sollst noch meinen, bitterlich meinen über Deinen sinnlosen Hochmut!'
Und Frau Kattine schüttelte ihre beiden Fäuste zorn- bebend in der Luft.
Der Ratsherr hob begütigend die Hand.
„Run, nun, Kattine, nicht immer gleich so hitzig werben. Heilwig ist jung und unerfahren und hat sich die Sache nicht so überlegt. Es kam ihr wohl alles so plötznch. Run mag sie erst einmal in Ruhe darüber Nachdenken und alle Für und Wider überlegen Kommt Zeit, kommt Rat. Du wirst Dich schon noch eines Besseren besinnen, mein Kind. Des bin ich sicher. In einigen Tagen reden wir wieder über diese Angelegenheit. Und nun gehabt Euch wohl, ich muß ins Rat- haus.'
Er stand auf und ging schweren, wuchtigen Schrittes zur Tür hinaus. Denn er liebte keine Familienszenen und ging ihnen gerne aus dem Wege.
Schweigend bückte sich Heilwig und nahm ihre Wisch- wieder auf den Arm. Schweigend ging sie hinter dem Oheim her aus der Tür. Es war ein dumpfes S Minen ■ in ihrem Kopf und ein großes, fortwährendes Verwundern.
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Cs mar Ihr zuerst vor allem darum zu tun, mit Elisabeth zu reden. Sie fand sie endlich oben auf dem
4 Boden des fpitzgiedel'.gen Hauses, wo sie Zwiebeln zum
aber Deutschland bei dm Besprechlmgxn über die Wiedergutmachung nicht gehört, dann hat Frankreich die b.ste Aussicht, das Märchen von dem bösen Willen Deutschlands und von der Notwendigkett schärfster Gegenmaßregeln zur Grundlage der zu fassenden Beschlüsse zu machen. Dabei findet Frankreich dcmn aus jeden Fall seine Rechnung: denn sollte Deutschlarck» außerstande sein, die'schweren Bedingungen zu erfüllen, so ist Frankreich stets m der Lage, mit Hilfe seiner mili- mrisck^n Machtmittel sich durch Wegnahme deutschen Landes schadlos zu halten. Ob Deutschland dabei zu Grunde geht, ob das deutsche Volk dem Mangel und Elend verfällt, ist der französischen Politik vollständig gleichgültig.
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Die Vermittlungsversuche des belgischen Ministerpräsidenten Delacroix haben noch keinen Erfolg gehabt. Er soll nach belgischen Blättern zwar erklär! haben, er habe seinen Zweck erreicht, die Genfer Konferenz werde nicht stattf ndm; von unterrichteter englischer Seit- wird aber versichert, daß England ben Plan der Konferenz nicht fallen gelas fen hat und nicht fallen lassen wird.
Die Londoner Hungerkonferenz.
3rt London wurde am Dienstag die Internationale Wirtschaftskonferenz eröffnet. Der deutsche unb ber österreichische Botschafter wohnten ber Berhanblung bei. Frankreich war nicht, Belgien unb Italien nur schwach vertreten Die wirtschaftliche unb politische Notlage Europas unb ber baraus folqenbe Zwang zum gemeinsamen Aufbau würben burdj zahlreiche, vielfach aus. vezeichnete Reben nachgewiesen. Die Englänber Bebson, Mackinson, Locb, Lees u. a. gestalteten ihre Re en zu schweren Anklagen. Abele Schreiber schilberte bie soziale Zerrüttung Deutschlands, insbefonbere bie Ber* elenbung ber heranwachsenben Generation, bie so nicht Trägerin bes Wiederaufbaues werben könne. Ihre fließenb englisch gesprochene Rebe machte sicherlich E.n- brück. Starken Beifall fanben bie Ausführungen von Schulze-Grävenitz unb Helmut v. Gerlach, von beten ersterer bie Ursachen ber Notlage, herunter ben Frie- bensverttag unb bie Grundlinien bes Wieberauflaues mit Betonung ber Bereitschaft zur loyalen Erfüllung ber Entschäbigungspflicht barlegte. Seine Ausführungen tafelten in bem Satze: Gebt uns Kohlen, bann arbeiten wir. v. Gerlach legte ein beifällig aufgenommenes Bekenntnis zum Völkerbunbe ab unb forberte bie baldige Aufnahme Deutschlanbs in benfelben.
Tas Ergebnis der
Kärntner Volksabstimmung.
Das amtliche Ergebnis der Volksabstimmung in Kärnten entspricht den Sck)ätzungen, die angcstellt wurden. Von 36 948 abgegebenen Stimmen sind 21 852, also 59,14 vom Hundert, sürOe st erreich.
wtb Klagensurt, 13. Okt., 6,30 Uhr nachm. Soeben ertönen vom Stadthausturm die 16 Böllerschüsse, die der in der größten Erwartung befindlichen Bevölkerung verkünden, daß das Ergebnis der Volksabstimmung vom Rathause bekannt gegeben wird. In den Straßen der Stadt herrscht außergewöhnlich reges Leben. Alle Häuser sind beflaggt. Alles strömt zum Neuen Platz, der von einer virltausendköpfigen Menschenmenge besetzt ist. Von den umliegenden Höhen dröhnen Böllerschüsse, alle Glocken läuten.
Die Soldauer FGcklsinge.
3n ber Angelegenheit ber Soldauer Flüchtlinge ist ber Vertrag mit Polen gestern unterzeichnet worben. Dem Vertrage ist eine Liste von 1426 Personen angefügt, bie ungefjinbert sofort zurückkehren können. Wegen berjenigen Flüchtlinge, bie nicht auf ber Liste stehen, finb weitere Schritte unternommen.
Unterzeichnung des russisch-polnischen Vorfriedens.
Rach wochenlangen Verhandlungen, die durch Polen immer wieder hinausgezogen wurden, sind cm Dienstag abend in Riga endlich die Verträge über den
Trocknen ausbreitete. Auf eine umgeftülpte Kiste fetzte sich Heilwig zu ber anbern unb berichtete ihr von bem Erlebten.
„Hast Du so etwas für möglich gehalten, baß er um mich werben mürbe, Elisabeth? Das scheint mir ein so miberfinniger unb lächerlicher Gedanke, ber mir nie unb nimmer gekommen märe." ,
Elisabeth schüttelte ttaurig ben Kopf.
„Ich verstehe es auch nicht, Heilmig. Aber ich sehe aus Deiner Rebe, daß meine Eltern sehr bafür finb. Unb bas ist schlimm für Dich, denn nun merben sie nicht eher ruhen, als bis ihr Wunsch erfüllt ist. Wenigstens bie Frau Mutter."
Heilwig fuhr auf. Ihre Wangen brannten.
„Zwingen können sie mich nicht, Elisabeth. Eher gehe ich betteln in frembem Sanb, als baß ich meine Seele verkaufte."
In Elisabeths Augen stauben Tränen. Sie schmiegte sich fest an bie anbere.
„Ach, Heilwig, was ist bas eben so bitter unb hart gegen uns. Aber still, ich muß Dir auch etwas er- zählen."
Unb bicht am Ohr bet Freundin flüsterte sie unter süßem Erröten:
„Sieh, ich werbe meinen Liebsten heute abenb sehen unb sprechen Natürlich heimlich. Es finb Vater unb Mutter heute zu einem Gastmahl beim Bürgermeister Kerkhoff geloben. Da hab ich ihm Botschaft geschickt, baß er nach Dunkelwerben hinter unser Haus in bas kleine ©ärtlein kommen soll. O, ich werbe chn enblich, enblich miebersehen, — meine Arme wieder um seinen Hals legen dürfen!"
Heilwig sah ängsllich aus.
„So heimlich, Elisabeth? Unb wenn Dich nun einer entbeett ober verrät?"
Elisabeth zuckte bie Achseln.
„Es wirb uns keiner sehen, Heilwig, — bafür laß mich sorgen. Unb heimlich? Der große Gott im Him- mel weiß, bah ich nichts heimttch gegen meine Ettern tun p-"*(<’. Hellwig. Aber gegen feine Liebe kann kein ' Mensch Unb nun, ba wir auseinanbergerissen werben
Waffenstillstand und den Dorfrieden zwischen Polen und Sou "etrußland unterschrieben worden. Der Waffenstillstand beginnt Montag Mitternacht, der Austausch der Ratifikationen spätestens in drei Wochen. Sollte der Austausch aus irgendwelchen Gründen an diesem Termin nicht stattfinden, erlischt der Waffenstillstand mit zweitägiger Frist.
Das Waffenstillstandsabkommen besagt u. a., daß die polnischen und russischen Truppen sich 15 Kilometer von der Demarkationslinie zurückziehen sollen. Die dadurch entstehende 30-Kilometerzone wird als neutral erklärt. In dem Dorfriedensvsctrag ist gesagt, daß beide vertragschließenden Parteien die Unabhängigkeit der Ukraine unö Weißrußlands anerkennen. Polen braucht seinen Teil der ruffischen Schuld nicht zu be- zahlen. Rußland zahlt an polnische Staatsangehörige eine Vergütung für die durch den Krieg veranlaßten Schulden. Polen erhebt Anspruch auf eine Entschädigung in Gold und fordert die Rückgabe der geraubten Archive. In der GoDfrage, in der von Polen zweihundert Millionen Goldru-bel gefordert, von Rußland ein Maximum von fünfzig zugestanden wurde, fand bloß eine grundsätzliche Regelung, das Materielle bleibt dem Endfrieden überlassen, der den Golbanfpruch teilweise durch Ausbeutung der Forsten und Hergabe von Rohstoffen ablösen soll.
Der sozialdemokratische Parteitag.
Kassel, 13. Okt.
Der Mittwoch brachte bie Fortsetzung ber Aussprache über ben Frackivnsbericht. Es wurde bie Lage in Oberschlesien, bie Drangsale ber besetzten Gebiete, bie Absplitte- rungsbeftrebungen von Preußen, bas Eherecht, bas Recht ber unehelichen Sinber unb verschiedenes anbere berührt.
Alsdann gab es bei ber Debatte über bie allgemein Wirtfchaftsfragen, über Sozialisierung und Ernäh- nmg. die große Auseinandersetzuna zwischen ben ‘■eiben ehemaligen Wirtschastsminisbern 5B i f f e 11 unb Robert Schmibt. Wissells Rede gestaltete sich zu einer vernicht e n be n Kritik an ben Taten und Unterlafiunaon der sozialdemokratischen Reichstagsfraksion. Von Wiffell rührt bekanntlich bas Wort her. daß die sozialbemokr. Wirt- fchaftspolitik Fiasko gemacht habe. Seine Rede war eine Bearündunci für dieses Wort. Er legte ber Versammlung, die seinen Ausführungen mit gesparmier Aufmerksamkeit folgte, in ein stündiger Rede bar, daß ben Heutinen chaotischen Verhältnissen bes Wirtschaftslebens nur durch eine streng zwangsmäßige Zusammenfassung unter Mitwirkung ber bürgerlichen Kreise Haube! unb Verkehr entgeyenaesteuert werben könnte. Er unterzog bie Wirtschaftsmaßnahmen Schmidts einer itfrtrrfen Kritik unb machte diesen für den heutigen Tiefstand der Valuta -eranfwortlid), ebenso für den Zickzackkms, in dem sich noch heute "bie gesamten beut« scheu Wirtschaftsmr!fuiahm-m bewegen. Auf einen Zwischenruf bes ehemaligen Reichskanzlers Bauer hin. baß die schlechte Datuta auf Wissells Konto komme, antwortete dieser erregt: Nein, deine Politik bat verwüstende Wirkungen aehabt! Demgegenüber versuchte dcmn Robert Schmidt nachzuweifen, daß nickt bie Organisation bes Wirtschaftslebens, bie Wiffelliche Planwirtschaft keineswegs bas Mittel fein würbe, bie ökonomische Entwicklung Deutschlands zu förbern. Er nennt Wissells Auftreten höchst bemogogifch. Wir muffen mit aller Energie ben Außenbcmdft wieder in Gang bringen. Wir machen heute sehr gefährliche Experimente auf rvlksrvirifckaftlichem Gebiete. an einen Preisabbau ist für lange Zeit nicht zu denken. Irrtum der Planwirtschaft ist der, baß er bie Wirtschaft organisieren will, währenb wir es als untere Aufgabe betrachten müßten, die Arbeiterschaft zu organisieren. Ein Ergebnis ließ bie Auseinandersetzung noch nicht erkennen. Morgen werben die Diskussionsredner ihre Stellung zu ben Problemen darzulro-m haben. Welche Haltung bann bie Partei zu den beiden wirtschaftlichen Systemen einnehmen wirb, bleibt abzuwarten.
Die Tagung der Unabhängigen.
•• halle, 13. Oft Schon ber erste Verbanblun -Stag Hai uezeiat, daß die Geiensätze innerhalb ber U. S. P bis zu einem Grade rebieben finb, her e? avSoefckloffen erscheinen läßt, daß bie beiden Richtungen noch weiter in einer Organisation zusammen sein können. Am Mittwoch begannen bie Referate über den .sbaupipunkt
follen, ist sie stärker unb brennenber benn je. Du kennst bas noch nicht, Heilwig, weif Du noch nimmer einen lieb hattest. Aber es ist größer als alles anbere."
Unb sie lehnte unter Tränen lächelnb ihr Haupt an Heilwigs Schulter.
Als ber Abenb kam, war Heilwig in großer Unruhe Sie bangte um Elisabeth. Unb ihr war von jeher nichts frember unb mehr zuwider gewesen, als alle Heimlichkeit. Lieber offen unb ehrlich kämpfen Auge in Auge, als heimlich hinter bem Rücken ben Feinb überlisten und trügen. Das ging gegen ihre offene Natur. Sie faß mit Veit oben im Wohnzimmer bei ber unruhig fta- tfernben Leuchte. Der Oheim unb bie Muhme waren soeben beibe in feierlich raufchenben Staatskleibern zu bem Gastmahl gegangen. Es hatte Frau Kattine Heil- wig fett bem Vorgang heute morgen keines Wortes unb keines Blickes mehr gewürbigt. Als bie schwere, eichene Haustür hinter ben beiben ins Schloß gefallen war, hatte Elisabeth sick in ein bunkles Tuch gehüllt unb war buxch bas Hint -nfärttein in ben kleinen Sorten geschlüpft.
Heilwig sah ängstlich von Zeit zu Zeit aus dem Fenster, wo bunkle Regenwolken sich am Himmel ballten. Em Winb kam burch bie Gaffen gesagt unb wirbelte ben Staub auf bem Marktplatz hoch auf. Sie lauschte auf jeben Schritt — jebes Knarren einer Tür im Erbgeschoß. Denn sie sollte >a hier mit Beit Wache halten, baß niemanb bie Lieberben überraschte. 3m Hintergrunb bes Zimmers saß Veit. Er saß weit vorn, überaebeuqt im Lehnstuhl feines Vaters, Die mageren Hänbe zwischen ben Rnieen gefaltet. Furchen lagen auf feiner Stirn, unb er sprach nur wenig. So war bas Schnurren bes Spinnrabes an Heilwigs Fenfterfitz bas einzige Geräusch in bem matt erhellten Zimmer. Drau- ßen pfiff ber Herbstwinb um bie Hausecken, baß es klang wie eine wehe, frembe Weife.
Sie mochten wohl eine gute Stunbe fo gesessen ha- ben, als eine Tür unten ging im Erbgeschoß. unb bann ein (eifer, mübet Schritt auf ber Treppe klang. Sie hoben beibe ben Kopf tmb sahen nach ber Tür.
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