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Fulda er Zeitung

Amtlicher Anzeiger für den kreis und die Stadt Fulda.

Nr. 237.

iberunttuotilkt) tüt den rtOmiionellen Teil: Kart Schütte, ü für die Anzeigen: I. Par;e > i«r-Fuldx. - Rmotionsdruck u. Vertag der Fuldaer LctienLruckerei in Fulda. Fernsprecher Rr. V Teiegr.-Adre >e: Fuldaer ZrlIun«

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Dienstag, )2. Oktober >920.

Bezugspreis: Monatlich 3,öu Sic. ohne Zustellgebühr. Zn yiuöa bei unsadgehoit3,15 LA. Anzeigenpreis: SleSitinjeile (Gfoioneinwb) 6u pjg, n. 10’it Zuschlag, die Reklame zeite (Textbreile) 1.80 Mk^ u. IO*'« Zuichlag. 'Sei Wiederhol. Rabatt. ——■ ■■ ————————

47. Zahrg.

Der FinanzdiktaLor.

Die näheren amtlichen Auskünfte über bk Etefstzang fites Reichskommissar, im Finanzmini st e. »ium lassen erkennen, daß die neue Stelle nicht zur be­schleunigten Beitreibung von Steuern und Abgaben g«. schaffen wird, sondern zur Vereinfachung und Ver- «inheitlichung der Derwaltrmg. Der Kommissar ar» Wertet unter der Verantwortung der Fmanzmimsler,. Die Stelle ist angeblich als vorübergehend gedacht, bis die Dereinsachung der Derwaltrmg durchgeffihrt ist. Da, Reichskabinett hat dafür umfangreiche Leitsätze aus- gearbeitet, die ein Progrmmn der Sparsamkeit großen Stil» darstellen. Zunächst wirb auf die Stärkung der Stellung de» Fimmzminifter» hingewiesm, deren einzig.i Aweck die Derringerung der Ausgaben des Reiches ist. Wichtig ist vor allem die bereits erwähnte Steuerung, daß die Reichsregierung keine Ausgaben gegen die Zustimmung des Finanzministers befchlirßen kann. Gegen derartige Befchlüffe steht dem Finanzminister das Recht des Widerspruch» zu. Wird der Wid.r- spnich erhoben, so ist über die Angelegenheit in einer weiteren Kabinettsitzung erneut abzustimmen. Gegen die Stimme des Reichsmimsters kann nur durch die Mehr­heit sämtlicher Reichsminister in Anwesenheit des Reichskandzlers, oder, in besten Behinderung seines Stell­vertreters, Beschluß gefaßt werben.

Don bett Leitsätzen für die Sparsamkeit Ist besonder« heroorzuheben: Der Aufgabenkreis des Rei­ches ist innerhalb der Grenzen der Derfastung so eng wie möglich zu halten. Reue Verwaltungseinrichtungen dürfen nicht geschaffen, bestehende nicht vergrößert werden. Insbesondere dürfen gnmdsätzlich neue Stellen nicht geschaffen, vorhandene Ausgabeposten anderer Art nicht erhöht werden. Ausnahmen von diesen Leit- stitzon sind nur zulässig, sofern es sich um unbedingt lebens­notwendige Fragen des Reiches handelt, allerdings eine Kautschukbestimmung, denn feder Mim'ster wird seine Aus­gaben für unbedingte Lebensnotwendigkeiten hallen. D»nn heißt es weiter: Die bestehenden Derwaltungscinrichkmgen unä Stellen vorübergehender oder dauernder Natur, sind fo weit als irgendmö^ich einzuschränken und ab­zubauen, und die Kosten der Derwaltung in jeder Weise zu vermindern. Alle Einrichtungen, Behörden und Stellen, welche gleichen oder ähnlichen Zwecken dienen, sind so weit wie möglich zusannnenzu- legen. Bei Leistung sonstiger Ausgaben ist sowohl auf persönlichem, wie aus sachlichem Gebiete die aller­größte Sparsamkeit zu üben und mit allen Mitteln darauf hinzuwirken, daß die Ausgaben tunlichst mederge» halten und Erfporniss« gegenüber dem Dor- anschlag erzielt werden. Grundsätzlich dürfen keine Ausgaben m den Haushalt eingestellt oder aus Mitteln des ordentlichen Haushalts bestritten werden, für welche eine Deckung durch ordentliche Einnahmen nicht vorhanden ist. Ueberschreitumgen der Ansätze oder außerplanmäßige Ausgaben haben grundsätzlich zu unterbleiben, mit in sel­tensten Ausnahmefällen dürfen sie insoweit stattsinden, al, M sich um bk Bestreitung unbedingt« Lebensnotwendig- ketten handelt.

So ist ein entscheffxmer Schritt in 6er Richtung der Drdmmg unserer Finanzen getan. Run wird auf die Ausführung alles ankommne. Es will uns scheinen, als ob wir in nächster Zeit van Maßnahme« und Ent- schlössen hören werden, von bene« wir uns bisher sicher »och nichts haben träumen lasten. Unserem Fmonzelend lst nur beizukommen mit ganz radikalen Maß­regeln, es läßt nicht mehr viel Zeit zu ber Frage, ob btefer oder Jener Rettungsweg brenzliger ist. Wenn ein Schiff untergeht, klammert man sich auch an den letzte« Balken, um sich über Master zu halten, und da» Reichs» Mf tst am Untergeben!

Fort mit bett KriegSgesellschasten.

dir Schädlichkeit der meisten ÄrkgsgtfeH« ieses wahren Krebsschadens unseres Volks-

Das Schwert von Thale.

Roman von Seontine von Wixt»»feld-Platen.

Vs ----------

Elisabeth hatte sich auf einen der Körbe gesetzt und biß in einen rotbäckigen Apfel.

»So sollte die Frau Mutter Dich einmal sehen, Seit Dieweil sie es nicht glauben würde, daß der wohllöbliche Herr Stadtschreiber in höchsteigener Person in die Aepfelbäume klettert."

Da runzelte Beit die Stirn und sägte rauh:

-Die Mutter wird wohl bald selbst Herkommen und test ihr der Besuch."

»Was für Besuch?" fragte Elisabeth neugierig. Ist denn der Detter aus Demin schon angekommen?"

Seit nickte.

-Just, als Ihr eben fortgegangen wart. Sch haste chn."

Er hieb mit der -and durch die Lust.

Clifabeth sah erstaunt auf.

»Aber feit wann denn, Seit? Und weshckkb? Er Hot Dir doch nichts zuleide getan?"

Der Bruder antwortete nicht. Wie abwesend sah er über den Garten fort in die weite, fonnendurchzillerte Ferne.

Heilwig war den asternumsäumten, schnurgeraden ®fS entlang gegangen bis an die hohe Steinmauer, die den Sorten von den Wiesen trennte. Auf die Erd- erhöhung stieg sie, die einen weiten Umblick gewährte Über bas Land ringsum. Beide Ellbogen lehnte sie aus den Mauerrand und stützte den Kopf in die Hände. Heber die Wiesen ging der Blick bis dahin, wo ein trauer Rebelstreifen das ferne Meer kündete.

Seit war von feinem Baum herabgestiegen und zu ihr an die Mauer getreten.

-Du schaust wieder zur See hinüber, Heilwig. Da» tst nimmer gut, well bann Dein Heimweh stärker wird." s

Sie sah ihn freundlich an.

»Ich glaube nicht, Seit Im Gegenteil, neue Kraft

Stärke hole ich mir von da drüben. Rur wenn ich das Meer nimmer sehen dürfte, würde ich sterhen ®or Heimweh."

Heber sthaften,

lebens, sind sich alle Kreis«, di« es mit der Gesundung unseres Volkes ernst meinen, con der äußersten Rech­ten bis zur äußersten Linken völlig einig. Urti) doch bestchen diese Perteuerungsgescllschäften immer noch und denken nicht daran, von der Dildsläche zu ver­schwinden. Erst vor kurzem wurde eine amtliche „Be­ruhigung Spille" aurgegrften, nach der sich so und so nid Krisgsgefellschaften „in ßiquföation" befinden. Fest steht bogegen aber, daß tatsächlich erst drei Kriegsgesellschaften wirklich auf ge» l ö st sind. Nämlich bk Verwaltungsstelle der Rrichs- fttttermittelstell«, der Reichskommiffar für Fischverfor- gung, mit der Ueberwochungsstelle für Seemuscheln und der Kriegsaueschuß für Kasse« und Tee und d«ren Ersatzmittel. Alle anderen Gesellschaften befinden sich „fti Abwickelung", teilweise bereits feit länger als einem Jahre!

Wie diese Abwicklung aussicht, davon bringt bk Wochenschrift „Die Wahrheit", eine — ganz blind aus der Masse des Materials hercmsgegr'iffene — nette Dlütenlese. So teilt sie mit, daß die angeblich m Auf­lösung begriffene Reichest-'sie für Obst und Gemüse sich eist tirrlid) ein neues Auto für 140 000 .« zuae- kegt hat. So geht also diese gänzlich über fluffige Ge­sellschaft, die schon länrft vom Erdboden verschwunden sein müßte — wie lange tft schon die Zwangswirtschaft für Gemüse und Obst auf gehoben? — mit dem Geld« der Steuerzahler um, während im Re-cksrat ftstgest'llt wird, daß das Reich 67 Milliarden Mark ungedeckte Schulden hat, während unsere Regierung unseren ">n- versöhnlichen Feinden unsere gänzliche Zahlunvsun- fähiokeit darzulegen sucht, während das steuerzahlende Volk bis zmn äußersten ausgepreßt wird, während von oben her und von sedem Einsichtigen gepredigt wird, daß nur Sparen, Sparen und Mrtoten uns retten kann. Zum Teufel, soll einem da nicht die Galle kochen?

Roch einige andere duftige Blüten wollen wir aus bkfem Strauß Herausnahmen. Wir lesen da: Rach Freigabe der Margarine sank bekanntlich der Preis für gute Ware auf 10—11 M herab. Kein Mensch wollte mehr das teure, dafür schlechte Zeug der Reichrfettstelle lausen. Dk Talgschmelze des Echlachihose» Hambmg lkferte zu 10.50 JA. ein aus­gezeichnetes Produkt. Durch große, sehr günstige Ab- schlüsse auf Rohstoffe tm Aue lande war dies möglich. Das tat nun dkfe fürs Wohl der Bevölkerung eifrig tätige Institution der Reichsfettstelle" Sie verbot die Einfuhr der Rohstoffe ganz einfach, um erst ihr Fett los zu werden. — Schweden hat den Rüge nicken Dcchnarbeitern ein Quantum erstklassiger Margurme für 7 bis 8 M zugesichert. Auch hier hangt die Fett­stelle um ihren Geidsäckel, und auch hier verweigert si« ganz einfach die Einfuhrerlauonis und wird den Leuten dafür ihr teures Schmalz andrehen!

So hintertreibt die Fetfftelle, die für di« Ernährung des Volkes sorgen soll, die Versorgung der Bevölke­rung mit billiger und guter War«, um die durch ihre Mißwirtschaft schlecht und teuer gewordene Ware los zu werden!

Ein anderes BKM Aus Buenos Aires (Mrgen« tmten) wird dem Blatt geschrieben:

„Man greift sich ummllkürlich en den Kopf: wacht ober träumt man, ist es Wahrheit ober alles Lug. was man von Deutschland» Hungersnot schreibt? Dk hiesigen Zei­tungen bringen Anzeigen, daß KufekrsKIndermehl mkber «igekommen und überall zu haben fei. Soweit mir bekannt ist, ist Prima - Weizenmehl der Haupt- beststtdiril genannte« Kinbermehl». «n Artikel, der in D«uffch!<md so selten sein soll, daß da» Sott Hunger leibet! Was mag die Regierung bewogen haben, die Ausfuhr- erlaubni, zu geben? Dk Besserung der Saluta? Um Mehl kaufen zu können, führt man Mehl, wenn auch ix etwas verfeinertem Zustande, aus?"

Das sind nur wenige Tatsachen von unzähligen, doch sie dürften genügen.

Wann wird hier endlich mft dem eifer,ne« Besen dazwischangefohren? Reichstogsausschüfse and

I, ......... »III.......

Er sah an ihr vorüber in die graudunstige Ferne.

„Ich will die Mutter bitten, daß wir heute nach, mittag alle miteinander die Warnow herunter und auf die See fahren dürfe«. Würde Dich da» freut«, Hell­wig?"

Sie sah ihn glücklich an und griff nach feiner Hand, die neben ihr auf der Mauer lag.

»O, wie sehr, Seit! Tag und Nacht ist es schon mein stiller, Wunsch gewesen, seit mir das einsame Rudern verboten ward neulich. Aber nun wollen wir wieder an die Arbeit gehen und schaffen, daß dk Frau Mutter nicht schilt."

Und sie ging vor ihm her, den langen, buntgefäum- ten Asternweg entlang, mit leichtem, frohem Gang. Ganz langsam kam Seit hinterdrein. Er fühlte noch im­mer den Druck ihrer Hand auf der feinen. Und auf seinen hageren Wangen brannten rote Flecke vor innerer Glut. Er konnte seine Augen nicht losreißen von ihrer hohen Gestalt. Und wie die Herbstsonne goldig in ihren weichen, blonden Haaren lag! Er mußte die Augen schlleßen, so blendete ihn der Glanz. Da wandte "sie sich um.

„Warum fe langsam, Bett! Komm eilend»! Dir stellen die Leiter «« jenen Birnbaum und Du steigst schnell hinauf und schüttelst."

Sie waren mitten in der Arbeit, mit roten Wangen und blauten Augen, vom Schattenspiel des Blattwerke» und dem goldenen Herbstsonnengeriesel wechseloall be- schienen, als sich die Gartenpforte abermals öffnete und Frau Kattine mit ihrem Reffen Fridolin Lämmer­zahl hereintrat. Es sah die Ratsherrin sehr stattlich aus in ihr-rn rotbraunen Feiertagskle de mit zitronen- gelben Lermelschlitzen. Dazu hatte sie ihre beste, schnee- weiße bonntogshaube aufgesetzt, und da» große Schlüs­selbund am Gürtelgelenk klirrte refoektheischend.

Ihr Neffe war ein kleiner, untersetzter Mann in mittleren Jahren, fest und breitschulterig gebaut. Sein rundes, freundliches Gesicht war rosig und ohne beson. deren Ausdruck. Es tarnen die beiden jetzt langlcm auf die Früchtrlef enden zugrschv.ltten, und man begrüßte ein. ander steif und förmlich, wie es dir Bitte der damalige« Z:tt gebot.

Heilwig wunderte sich, daß Frau Katrin« heute so besonders freundlich zu ihr war und sie sogar hi« und

ander« Kommission«« sind gebildet worden, von feiten der Regierung sind dir schönstm Versprechungen ge­macht worden. Aber wo ist der Erfolg? Der gute Wille ist to den verantwortlichen Stellen sicher da, doch hinter den Kulissen sind unsichtbare Kräfte am Werte, die alles wieder hintertrekben. Diese Klub- sesselgesellschasten, die im wahrsten Sinne des Worte» am Marte des Boltes zehren, kleben natürlich an ihren fetten, een tragischen und bequemen Peste« und setzm allen Aufl'ffungebestrebungrn e'-en zähen, hartnäckig m Widerstand entgegen. Hier hilft nur rücksichtsloseste, schärfste Energie. Dem Skandal muß endlich ein Ende gemacht werden.

Der soztaldenrorrat'lsche Valettas.

*• fiafirt. 11. Ott.

Die Bormittapssitzung war außerordentlich start be­sucht. Der S z-aldemotrat S iegen überbrachte die Grüße der holländischen Sozialisten und tei'te mit, daß sie die Einladung von Moskau ablehnen würden. Den größten Teil d»s Vormittags nahm ein Bericht de» Parteivorstandes ein. Ih i erstattete A'.-g. Wels. Die Aufmerksamkeit des Hauses war gering, cheimann Müller mußte öfters die Glocke ertönen la'« frn. weil die Privatgesvräche lauter waren als die starke Stimme von Wei». Der Bericht ist ein umfangreich-» Dokument parteipoütifchen Eigenlobs und läuft im übrigen auf Erklärungen sattsam belangter Art hlnau», die besagen, daß die bisherige Gesellschaftsordnung, die einen dreifachen Tod verdient habe, beseitigt werden muffe, daß m keine Versöhnung zwischen Sozialismus und Kapitalismus gebe, und andererseits bezü lich der linksradikalen Agitation, daß der tote Lassale dem P v- letariat von heute mehr sei, als dar lebende Lenin ihm fe bedeuten könne Diktatur des Proletariats fei, nach Marx und Engels, gleichbedeutend mit demokratischer Republik und könne nicht anders gedeutet w-rden. Alle» sei vom Siez des Völkerbünde» zu erhoffen, und in diesem Sinne verlange die deutsche Sozialdemokratie die Revision des Versailler Verttage» noch den Gesich »- punkten der praktischen Beteiligung Deutschlands rm Wiederaufbau der zerstörten Gebiete, Bi'dung eines in­ternationalen proletarischen Generalstabr und voller Wiederaufnahme der Beziehungen zu Rußland. Die Grundlage des Wiederaufbaues des Wirlschafts'ei'ens bilde die sofortige Derstaatiichunq des Bergbaues, fianb In Hand mit dem Aufbau der Wirtschaft muss- di« Woh- nungsrelorm gehen und die Festlegung der Baiufa, di« nur auf internationalem Wege durchgeführt werden könne.

Der nachfolgende Kassenbericht (erstattet durch den Referenten Bartels) fand womöglich noch geringere Aufmerksamkeit als die Red« Wels. Die Teilnehmer der Versammlung verteilten sich immer mehr auf Korridore und andere Räumlichkeiten. Bartels stellte fest, daß von einer Maffenflucht aus der Bartet nicht zu sprechen sei. Rur die Zahl der weibl. Mitglieder sei um 15 000 ge­sunken. Dafür sei die Gesamtzahl der Mitglieder um 168 000 auf 1 180 208 gestiegen. Die nächste Aufgabe der Partei fei, für die Preußenwahlen in diesem Winter zu "üfttn. Auch eine Neuwahl de» Reichstages werde nicht lange auf sich warten lassen.

3n der Nachmittagssitzung begann die Aussprache. S ch n a b r i ch (Hersfeld) beklagt, daß die Partei zu sehr die Politik der Straße mitmache, wie die U. S. P. sie beliebe. Hätte nur ein kleiner Teil der Sozialisten die Courage eines Moste besessen, so. stünde es besser um die Partei. E o h e n-Reuß (Berlin), der eine scharfe Sprache redet, zieht einen größeren Kreis um da, Red- nerpult. Der Hauvtlehler vor dem Krieoe sei die so­genannte englische Einstellung gewesen. Man habe im­mer gehofft, mit Hilfe von England zu einem bi kgen Frieden zu kommen ober .wenigsten» zii einer Ritte- runsi der Bedingungen. Demgemäß tritt er für eine Verständigung mit Frankreich ein. Wenn mir keine direkte Verständigung mit Frankreich suchten, werde der Krieg In Europa nie zu Ende gehen. Diese Ausführun­gen rufen sofort Parteigrösten rote Bernstein, Dr. Braun, den preußischen Landwirtschaftsminister, und H e i s m a n n auf den Plan, die nun je nach der per­sönlichen Beranlagung in mehr oder roeniier temve-a- mentoollen Darlegungen dagegen polemisierten. ' Alle wieder lobte, was noch nie, so lange Heilwig sich ent- nen konnte, der Fall gewesen war. Heilwiz freute sich darüber. Und diese Freude, zusammen mit der son­nigen, klaren Herbstlust, ließ sie rosiger wtb frischer er- scheinen denn je.

Elisabeth war bald blaß und bald rot geworden, als sie den Setter begrüßte. Heilwig sah e, und es stieg ein leises Mitleid in ihr auf mit der Base. Wußte si« bodj„ daß Elisabeth den Bruder Fridolins Neble. Di« Eltern aber wollten nicht» davon hören, da es der jüngste Sohn au» dem Hause Lämmerzahl war, der al» armer Magister an der Rostocker Universität amtierte und dessen kleine, BermBgen im Geschäft de, älteren Bruder» stak, der es nicht herauszahlen konnte oder wollte. Das hatte Elisabeth der Base alles in einsamen Stunden an vertraut. Und Heilwig wußte, daß die andere nur auf einen günstigen Augenblick des Allein- seins mit dem Vetter harrte, um von diesem Näheres und Neues über den Geliebten zu hören, den sie je selber nimmer sehen durfte.

Al» es von der gewaltigen Marienkirche Mittag schlug, mahnte die Ratsherrin endlich zum Heimgang, damit der gestrenge Satt« nicht mit dem Este» auf sie zu märten brauche.

Eie wußte e» so einzurichten, daß auf be* Heim- weg Fridolin neben Heilwig ging. 5m blauen Tuch kleid, das kleine weiße Häubchen auf den blonden fiaaren, die in langen, dicken Zöpfen schwer über den Rücken nie« derhingkn, ein Körbchen Aepfel am Arm, so schritt Heil- wlg frisch neben 6an jungen Lämmerzahl, den sie fast um Haupteslänge überragte. Er war eifrig bemüht, ein GffprSch mit ihr anzuknüpfen, und erzählte von feiner Saterstsdt Dernm'n und dem großen Tuchgecchüst der Lämmerzahl am Markt. Sie hörte nur halb, zu, denn ihre Gedanken waren bei der geplanten Wasser- fahrt heute nachmittag, auf die sie sich freute wie ein Kind. Rur von Zeit zu Zeit wandte sie halb den Kopf zu Ihm und wunderte sich dann jebrmal über fein rotes Haar und bi« vielen Sommersprosse« auf der kurzen Rase.

Die Ratsherrin war heute sehr leutselig gestimmt und erklärte sich gleich einverstanden mit der beabsich­tigten Kahnfahrt der vier jungen Menschenklknder. Und fo fuhren sie denn fröhlich zwischen den duftenden, grü­nen Warnowwiesen den Fluß hinab, d«r See entgegen.

diese Redner sind sich einig in der scharfen Verurteilung der ausgesprochen dcutschfttndlichrn Politik des französt» sthen Nachbars, dessen versöhnungsfcindliche ©efinnung- nicht nur in der Unterstützung derAbtrennungsbestrebuiv, gen zum Ausdruck komme, sondern auch in der menschen­unwürdigen Behandlung der deutschen Volksgenossen in den besep en Gebieten. Für diese leidendn Brüder und Schwestern werden viele herzliche und warme Worte bet Teilnahme gefunden. Die strengen Maßnahmen der Be» fatzungsbehörden der „ritterlichen" Nation machen e« den dort ansässigen Delegierten unmöglich, selbst zur Verteidigung ihrer Interessen das Wort zu ergreife«. Als die Sitzung um 6 Uhr geschlossen wird, find erft zehn Redner brr Liste zum Wort gekommen. Dte Liste umfaßt aber 37 Namen. -

Kundgebung der chrkstllch-nakionale« Arbrkkerschaft gegen den Terror.

Da» Berliner Kartell der christliche« Gewerffchaste« hatte am Sonntag eine Funkttonärversammlung einbe» rufen, um zu dem Terror, der von den Anhänger« der fozialiitifchen Arbeiterbewegung aurgeübt wird, Stillung zu nehmen. In der stark besuchten Versamm» hing sprach als erster Redner Gewerkschaftssekretär Minter, der daraus hinwies, daß die sozialdemokra­tische und die chrisllich-nationale Arbeiterbewegung zwei- entgegengesetzte Weltanschauungen vertreten. Der So»' ziallst an der Arbeitsstelle habe nur die eine Sehn», sucht, den christlich-nationalen Arbeitskollegen auszurot»: ten und deshalb bemühe er sich, ihm bas Leben fe schwer, wie möglich zu machen. Hunderte von christ»' licken Arbeitern seien infolge des Terrors genötigt ge­wesen, in da, sozialistische Lager überzugehen. Trotz aller Resolutionen höre diese Gewaltherrschaft nicht auf. Die christlichen Gewerkschaften müßten sich diesen Druck von links ganz entschieden verbitten. Wen« die Regi«»- ning es nicht für notwendig halte, die im Arttkel IM der Reichsverfassung gewährte Koalitionsfreiheit wirte fam zu schüfen, ba m müßtei» die christlichen Arbeit« zum Selbstschutz »reifen. Der Vorsitzende des Berliner Kartells der christlichen Gewerkschaften, Stadtverorbno» ter Riedel, forderte vo« der Regierung gefeßliche Strafen für Verstoße gegen Artikel 159 der Rrichsver» fossung. Weiter forderte er Abänderung des Betrieb»» rötegesetzes hinsichtlich der Koalitionsfreiheit und $«»• strafuM der Betri-brräte, die ihre Pflicht verletzen. C» w-'rde eine Entschließung angenommen, die Pro» test gegen den Terror erhebt und mit Nachdruck fordert, daß der im November In Esse« tagend« 10. Kongreß dar, christlichen Gewerkschaften bei der Reichsregierung Maß­nahmen erwirkt, daß dte in § 159 der Reichsverfassung ausgesprochene Koalitionsfreiheit in lebt* Weise geschützt wird.

„Die Neben regkrunz".

ftn der abzelau'enen Woche ftxb im Bereich bet SRvdtleiienbafjnen iwei Entenietian-porte, 8 Muxiä '--ontzüge und 13 Kirtoffeltranspocte eigen mich« tig exgebalten wo-de«. Die Ge-enbefehle d»ch Mmistert Gcöner werd?« immer mehr »ex bei» radikal«« Steinenten der Eisenbahnbetriebstebe» ttetf.

Kärnten ist deutsch.

Bff bet Abstimmung am Sonntag hato, Me $flh sche« eine« Sieg errungen, bte genaue« Offerte stehen «och nicht fest, öfter man glaubt doch, baß rtwq 80 bis 65 Prozent der abgegebenen Stinrmtx zugunsten Deuffch-Ocsterrkichs lauten. Es wirt) «wrfenwt, befc b e Ententevertreter, deren Verhalten bis lnchft, gegen­über be« füdpowischen Umtriebe« zn wünsche« übrig petoffe« haft«, hn entscheidenden Augenblick tatkräftig für die Freiheit der Abstimmung ringetrettn sind. Ster» fe« E ndruck scheint insbescmftere eine unmittelbar eoi ter Mbftimrratng erlassene Beifügung zu h*»' den, derzutelpe hi den Orten, wo der Wahlakt geftor< würbe, alle Stimmen für Oesterreich gezahlt weidete sollttn. Es wird als sicher angenommen, daß die Lot» schafterkonferenz, der nach dem Friedeneoertrag da« legte Wort zvkommt, im Sinne der Abstimmung eidt scheidm wird, d - zuglrich für die Zugehörigkckt so« 9 c " i Körnten maßs-brnb Ist, da für die zv7-ite Z-n«

Heilwl, saß em Steuer und sah mit großen, frvhete Knge« erwartungsvoll In die Ferne. Sie hört« k-Mte auf das, was die anderen um sie her sprachen und tes­ten. Und da lag wie ein glitzernder, goldiger Streift« im funkelnden Sonnenlicht bas weite blaue Meer.

cheilwig war aufgesprungen und hatte die Hand to* bi« Augen gelegt, denn das flimmernd« Wasser blendete» Sie schien alles um sich her vergessen zu haben. 3* kurzen, jähen Stößen ging Ihr Herz, und ihre Lipps* zitterten.

Wie die weißen Möven schrieen in der Sonne!

Wie es noch Fischen und Seetang roch und geteeflk neten Retzen. Wie die Wellen sich leis« rauschend am- Strande brachen und dann wieder zurückfluteten — aulf und nieder — unermüdlich.

Es kam wie ein Schluchzen aus Hellwigs Kehle, unb sie breitete weit die Arme aus. Aber dann besann sie sich plötzlich, daß sie nicht allein war, und fragte kurz, mit fremder, harter Stimme, ob sie hier entlegen unk am Strande sich ausruhen oder weiterfahren wollte«^

Fridolin Lämmerzahl mar dafür hierzubleibe« tntb sich ein wenig am Strande und in der Sonne zu lagere und vs« de« mitgenommenen Imbisse« ber Fra« Katrine zu schmausen. Er fürchtete die offene See, die- weil er da» Schwanke« des Bootes nicht e er trage« konnte und fein Gesicht schon ganz grünweiß vor Schrote, del war. Elisabeth bot sich an, bei ihm zu bleibe«, denn sie sehnte sich, nun endlich etwa, unter vier Auge« über seinen Bruder zu erfahren, »o« dem fte f« leigt nicht» gehört hatte.

Beit sah Heilwig an.

»Dich brauche ich nicht erst zu fragen, «M Ste möchtest, Heilwig. Denn Deine Hände hakten fchon b* Segeltau und da» Steuer umklammert, al» wollten sie es nimmermehr lassen. So fahre ich noch ein Stückchen mit Dir, denn die See ist heute so ruhig und still wi« ein Spiegel."

Da fliegen die beiden anderen em den Strand mA warfe« sich In den weißen Dünensand, Indes Hellwig beidrehte und mit dem leichten Landwind hinems- schwamm auf die weite, silberne Fläche, fe daß die Z» rückbleibenden da» weihe Segel bald wwr sech Wft einen stcht« Schein in der Ferne sah««.

Eottjetzung folgt)