Fulda erZeitung
Amtlicher Anzeiger für den kreis und die Stadt Fulda.
Ur. 236.
Uterantrooniio) tut üen reöauiur.eUen Teil: Karl Schütte, u iür die Anzeigen: 3. ^ar je. ier«gulöa. :: Roialionsüruct u. Verlag bet Fuldaer lUctienbruderet in Fulda Ferniprecher Nr. ti Telegt.-2lbre* *ie; Fuldaer Zeiiung
Montag, U. Oktober )920.
Bezugspreis: Monatlich Z»V0 Alt. ohne Zuileugevuhr. jn yuiba vei unsadgeholi 3,1S Mt. Anzeigenpreis: SieSieinjelle (SmoneimaB) 6u pig, u. 10° - <)u|d)lag, die Reklame jeile (lejtbreite) 1.80 Alk^ u. 10°'» Zuschlag. Bei Wiederdor RabaN.
47.3ahrg.
Um Vie Sozialisierung.
Dir Sozialisierung der Betriebe war mit die erste mtb am lautesten vertretene Forderung nach der Re. oolution. Als man an die nähere Behandlung des Problems ging, fand man doch manches Haar in der Suppe und man sprach dann einschränkend von der Sozialisierung der „dazu reifen" Betriebe. Der Streit zwischen den unentwegten Anhängern der Sozialisierung und den gemäßigten Vertretern wuchs sich dann zu einem politischen Kampf aus, und die Stellungnuhme fr ihm wurde vielfach als Prüfstein für die allein „wahre und echte" sozialistische Gesinnung hingestelll. Eine Sozialisierungskommission wurde von Reichs, wegen eingerichtet und nach wechfeloollem Schicksal fiick) nun mit zwei in den Endergebnissen zu verschie- denartigen Vorschlägen neigenden Denkschriften heroor- getreten.
Auch seht wäre die Sozialisierungsfrage noch nicht in Fluß gekommen, wenn nicht die furchtbare Finanz, sage des Reiches zu einem Entschluß in der Richtung der Schaffung einer ausgiebigen Einnahmequelle für das Reich gedrängt hätte. Das nun aber ist auch der Kernpunkt: Die Aussicht, durch eine SoziÄisierung auch eine Steigerung der Produktion und damit eine wesentlich erhöhte Einnahm->- quelle zu gewinnen.
Die Anschauungen über diese Dinge gehen natur- sich sehr weit auseinander. Vorerst wird von Reichs- wegen die Sozialisierung der Kohle angestrebt. Die Bergbauinteressenten stehen in dieser Frage im natürlichen Gegensatz zu derjenigen, welche die Sozialisierung des Bergbaues für eine Notwendigkeit aus innerpolitischen wie aus wirtschaftlichen und finanziellen Gründen halten. Der Führer dieser Gruppe, der Kohlenlömg Stinnes, hat dieser Tage im wirt» schaftspolitischen Ausschuß des Reichswirtschaftsrates erklärt, daß die Frage der Kohlensozialisierung nicht für s i ch allein gelöst werden könne. Doraus- setzung wäre ein völliger Umbau unserer Gesamt- ivirtschast
Damit wird ein Punkt hervorgehoben, der allerdings von der entscheidendsten Bedeutung ist. Wir müssen »ns klar machen, daß in der Tat unser ganzes wirtschaftliches System von heute auf eine neue Grundlage gestellt werden muß. Wir werden mit der jetzigen Betriebs- und Wirtschafts-Ordnung kaum diejenige Kräftesammlung vollziehen können, die erforderlich erscheint, uns über die ungeheuerlichen Schwierigkeiten vnserer Zeit Hinwegzubringen. Man möchte als Wirt- schafts- und Fmanzpolitiker nur dringend wünschen, daß dieser Umbau vollzogen wird, so lange noch Gewahr dafür vorhanden ist, daß dieser Riesenprozeß ohne äußere Störungen m Ruhe und Ordnung sich vollzieht. 3m anderen Falle gibt es nur ein wüstes, ödes Trümmerfeld.
Der Kampf um die Sozialisierung ist durch den Kabinettsbeschluß vom 2. Spetember 1920 in Fluß gekommen. Der Reichsschatzminister von Raumer ha» erneut etfiärt, daß das Kabinett einstimmig die Vorlage eines Gesetzentwurfs über die Sozialisierung des Bergbaues gefördert habe. Mit Liefer Regierungserklärung fallen alle in letzter Zeit in einem Teile der Presse erörterten Kombinationen zu- fammen über die Stellung der Deutschen Volkspartei zu diesem Kabinettsbeschluß, der also auch unter voller Zustimmung der deutschvolksparteilichen Minister erfolgte. Das Kabinett ist in dieser Frage durchaus einig, und wenn innerhalb der Deutschen Dolkspartei, was ja unbestritten ist, gegensätzliche Auffasiungen in lüeser Frage bestehen, so ist deren Austrag eine rein häusliche Angelegenheit der Deutschen Volkspartei selber. 3m übrigen hat diese ja auch erklärt, daß eine endgültige Stellungnahme selbstverständlicherweise erst
Das Schwert von Thule.
Roman von ßeontine von Minterfel d-P laten.
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„CEs gibt noch anderes in der Wett als das, Hellwig. Sieh, ich hab einen lieb, aber meine Eltern sind gegen unsere Verbindung und wollen, daß ich einen anderen freie."
Mit entsetzten Augen starrte Hellwig sie setzt an.
„Das kann doch nimmer-Jein, Elisabeth, das können Deine Eltern doch nicht wollen?"
Elisabeth nickte.
„Ein andermal erzähle ich Dir mehr davon. Bin heute so müde und mein Kopf tut weh. Gute Nacht, Hellwig."
Sie küßte die andere auf die Stirn und schlüpfte in ihr blütenweißes Himmelbett.
Aber Hellwig saß noch lange auf dem Bettrand und konnte keine Ruhe finden.
*
Zur gleichen Zeit redeten nebenan in ihrem Schlaf- gemach die beiden Ehegatten Hasselbach auch noch em Weilchen im Mondschein miteinander. Frau Latrine hotte eben die Nachtmütze über den grauen Scheltet ge. Zogen und die rotgewürfelte Bettjacke zugeknöpft. Am Halse mußte sie sie allerdings immer ein wenig offen taffen, da sie einen kleinen Ansatz zum Kropf halte.
„3ch dachte es mir doch gleich. Heinrich, daß wir uns eine schwere Last aufbürden würden mit dem frem- 6en Mädchen. Das Gescheiteste wäre, sie käme bald untei die Haube und freite einen ordentlichen, biederen «ürgeremann. Dann würde Heimweh und all solcher llnsinn schon selber schweigen. Ich habe da übrige;i einen guten Plan. Mein Neffe Fridolin Lämmerzahl our Demmin, der dort das große Tuchge'chift hat. sucht schon lange eine Hausfrau. Der ist solide und Nichtig und wird sie sich schon erziehen. Heilwia ist eine reiche 2'röm- wenn dieser nordische Ahne tot ist. Und ®eö <mn mein Neffe aUmeil gebrauchen. Ich roerse ihn
einmal ein laben nach Rostock, da mag es sich dann tnttöeiben. Aber Du sagst ja gar nich'r, Heinr ch?"
Der Ratsherr kraute sich gedankenvoll den langen, schwarzen Bart.
e »®ieu>eil Du mich gar_n:d)t zu Worte kommen labt, Xatrine. Was soll ich auch jchließlich dazu sagen? E»
nach Kenntnisnahme des zur Vorlage geplanten Gesetzes möglich ist.
3uzw:fcher hat d« Sozialisierungsfrage einen ausgeprägten wirtschaftspolitischen und damit unter den heutigen Verhältnissen auch unmittelbar politischen Charakter erhalten. Bei den Bergarbeitern steht die Sozialisierungsforderung im Vordergründe aller Handlungen. Der Bergarbeiter- verdattd, der 460 000 Mitglieder umfaßt, hat die vermehrte Arbeitsleistung voll und ganz von der „unverzüglichen Verwirklichung der Sozialisierung des Berg- baues" abhängig gemacht. Man hat in den Verhandlungen durchblicken lasten, daß, falls die zugejagte So« znllifierung nicht erfolge, sofort die Uebcrschickt. -Ab- kommen gelöst würden. Das würde unmittelbar eine Minderung der Kohlenförderung von zwei bis drei Millionen Tonnen monatlich ausmachen. Darüber hin- aus hat man jede Erörterung über die achte Ardeits- Skunde obgelehnt. bevor mcht di« Sozialisierunos- frage gelöst fei. Welche Bedeutung die achte Arbeitsstunde tm Bergbau haben würde, mag daraus zu ersehen fein, daß allein diese Stunde jährlich eine Mehr- förderung an Kohle von etwa 7—8 Millionen Tonnen einbringen würde. 3n der soziaidernokratischen Presse wird heute auch bereits darauf hingwiesen, daß auf Grund der Beschlüsse des internationalen Bergarbeiter- Kongrestes trr Genf die Sozialisierung des Bergbaues „mit allen Mitteln ev. durch den GenerÄstreik" erzwungen werden soll. Auf diese Beschlüste wurden auch die deutschen Bergarbeiterverbände verpflichtet.
Es handelt sich also um eine Frage von allergrößter wirtschaftlicher und politischer Tragweite. Der Kampf um die Sozialisierung ist im Fluß. Bon seinem Ausgange wird ein guter Teil des Schicksals von Reich und Volk in nächster Zukunft abhängen.
Der sozialdemokratische Parteitag.
W Kassel, 10. Oft
Der sozialdemokratische Parteitag trat Sonntag abend unter Teilnahme von etwa 500 Delegierten zusammen. Oberbürgermeister Scheidemann wies m feiner Begrüßungsansprache u. a. darauf hin, daß die sozialdemokratische Partei heute mehr denn je nicht mir gegen das deutsche, sondern gegen da, internationale Kapital im Kampfe stehe, von dessen Geist der Vertrag von Versailles durchdrungen fei. Wir müßten in diesem Kampf um die Sympachi« und die Unterstützung der arbeitenden Bürger der gmizen Welt bitten. Weiter erklätt« Scheidemann, daß das Ziel der sozialdemokratischen Partei nicht das Verbleiben m der Opposition fei, sondern die Gewißheit eines stärkeren Einflusses auf den Staat, als sie ihn in der vergangenen Regierungskoalition hätte ausüben können.
Vor Vorsitzenden des Parteitages wurden einstimmig die früheren Reichskanzler Hermann Müller und S ch e b bemann gewählt.
Müller, der sodann den Vorsitz übernahm, sagte, nur die sozialdemokratische Arbeiterklasse trage dazu bei, daß gemildert werde, was in dem Versailler Frieden unerfüllbar und unerträglich sei. Was in Feindesland gesündigt fei, müsse wieder gut gemacht werden, aber wir müßten auch die Mögsichkeit dazu erhalten. Der Dölkerdunü müsse zum wahren Bölkerbmid gemacht werden. Die.englischen und belgischen Sozialisten hätten der Hoffnung Ausdruck gegeben, auf dem nächsten Parteitag anwesend sein zu können. Müller begrüßte dann den Dertteter der dänischen Sozialdemokratie, Stauning (Kopenhagen) sowie den Schweden Engberg. Für Holland werde Troelstra noch ersch«nen. Unter dem Beifall der Dersammlung wies Müller auf die Verdienste Branttngs um den internationalen Sozialismus hin. Müller dankte insbesondere den dänffchen Genossen für das Liebeswerk, das sie an beut- scheu Kindern getan hätten.
Nach einer kurzen Geschästsordimngsdebatte über di« Tagesordnung des Parteitages kommen di« genannten dänischen und schwedischen Sozialisten zu einem kurzen Be- grüßungswort. Im Namen der Sozialdemokraten Danzigs und des Sargebiets erklärten zwei Vertreter,
war von jeher Deine Vorliebe, Ehen zu stiften. Das versteht ihr Frauen auch besser als wir Männer. Doch .fürchte ich fast, baß Du bei Hellwig kein rechtes Glück damit haben wirst. Sie hat einen eignen Kopf und weiß, was sie will."
Sie seufzte.
„Ach ja, das habe ich auch schon bemerkt. Sie hat den Hastelbachschen Starrsinn wie auch leider unsere leiblichen Kinder."
Der Ratsherr, der eben das Fenster schließen wollte, lauschte
„Das ffingt wie Fiedelspiel in die Mondnacht hinaus. Da träumt der Seit wieder bei seiner Musika, statt zu schlafen."
Er schloß das Fenster.
Auf seiner Stirn lagen Furchen. Es war sein steter Kummer, daß seine beiden Kinder so zart und schmächtig waren, und waren doch die Eltern so stattliche, behäbige Leute.
Im oberen Giebelstübchen, fast dicht unter dem spitzen Dach, hatte Veit sein Schlafgemach. Aber er schlief nicht. Er saß rittlings auf der Fensterbank und hatte die Fiedel am Kinn. Ganz weich und leise tönten die Saiten in die stille Nacht hinaus. Sein hageres Antlitz war versonnen und ernst, und in seinen Augen war eine große Schwermut. Was lag denn für ein Fluch über dem Hasselbachhause, daß feine Jugend so traurig dareinsah? Er hatte schon oft darüber gegrübelt, aber keine Antwort gefunden. Jetzt legte er die Fiedel auf die Knie und starrte schwer hinaus in den Mondschein. Das stolze, blonde Mädchen sah er vor sich, das aus dem Norden zu ihnen gekommen Und er schloß die Augen und lehnte das Haupt an die Wand und träumte von ihr. Dabei glitt die Fiedel von feinen Rnieen und fiel mit einem schrillen Mißten hart auf den Fußboden. Er bückte sich erlchrocken danach. Und wie er so fein schwarz s Schatten' lld im Mondlicht auf der Di-le sah, schrak er jäh zusammen, daß feine Hände zitterten.
Es hatte das Schattenbild ja fo häßlche magere Beine und solchen krummen Rücken, daß mar fall den- fen kon-te, es fei ein Buckel Da hing er dte Fiedel an die Wand und begab sich eilends zur Ruhe, denn »r mochte das Schattenbild nicht mehr sehen.
daß sie trotz ihrer Losreißung von Deutschland, die nur eine vorübergehende sein dürfe, nicht aushören würden, kerndeutsch zu denken und zu fühlen.
Dom Reichspräsidenten Ebert fft ein Degrüßungstele- gramm eingegangen. Die eigentlichen Verhandlungen beginnen Montag 9 Uhr.
Der Spall in der Unabhängigen Sozialdemokratie ist so tief, daß er nicht nur zu gegensätzlichen Auseinandersetzungen in geistigem Kampf' geführt hat, sondern daß die Anhänger der Moskauer Richtung auch vor Tätlichkeiten gegen ihre eigenen Genossen, dte eine andere Meinung vertreten, nicht zurückschrcckten. Die Gegner der Moskauer haben Angst vor den Gewalttaten ihrer bisherigen Brüder und sie fragen sich besorgt, ob sie lebendig und mit heilen Knochen wieder aus Halle herauskommen werden, wo diese Woche chr Parteitag beginnt. Die „Freiheit", die sich bisher gegen das russische Joch gewehrt hat, bringt einen wahren Angstartikel wegen der bereits ausgesprochenen Drohungen. Der Vorsitzende der Halleschen Partei- organisatton habe erklärt, das Zentralkomitee dürfe aus Halle nicht wieder heraus, es müsse totgeschlagen werden. Die Bergarbeiter würden den Partettag sprengen. Dem Obergenossen Ledebour wurde offen der Mord angedroht, in Berlin wurde bereits ein Angestellter des Metallarbeiterverbandes von einem eigenen Genoffen erstochen. Den Genoffen Kuhnert hat man in Halle schmählich behandelt. Wir glauben gern, daß bei solchen Vorzeichen den Unabhängigen vor ihrer eigenen Genossenschaft bange wird; denn ihre radikalen Eelemente scheinen nicht nur den bolschewistischen Theorien zu fjutotgen, sondern haben es auch wohl verstanden, sich deren praktifchen Methoden zu eigen zu machen.
Die Unabhängigen flehen darum jetzt ihre eigenen Genossen an, doch nicht anstelle der Herrschaft des Rechts die Herrschaft der Willkür zu letzen. Das veranlaßt den „Vorwärts", das Organ der Mehrheitssozialisten, dem Ledebour und Genossen jetzt unter bte Rase zu reiben, daß sie s e l b st früher das betrieben haben, was sie jetzt für sich befürchten: Willkür, Parteispaltung, Sprengung von Versammlungen. Beschimpfungen und Mißhandlungen von andersgesitm- ten Wortführern. Schon lange vor dem Weltkrieg hätten die Ledebour und Genossen eine wirksame Geheimorganisation innerhalb der alten sozialdemokratischen Partei gehabt und auf verschiedenen Parteitagen, namentlich 1910 in Magdeburg, gegen die Andersdenkenden kräftig spielen lassen.
Das Sündenregister der Leute, die sich jetzt selbst bedroht fühlen, hatte noch beträchtlich erweitert werden können. An den Ruhestörungen nach der Um- wälzung, an den zahlreichen Versuchen der Urberreoo- lution waren die Führer der Unabhängigen bald als Anstifter, bald als Helfer der Spartakisten beteiligt. Aus diesen Treibereien einer radikalen Minderheit hat sich die moderne Lehre entwickelt, daß die widerstrebende Mehrheit nicht durch Stimmzettel, sondern durch brutale Gewalt besiegt werden muffe. Der Terror ist ein natürlicher Sprössling des „revolutionären Klaffenkampfes".
Das ist ja das sonderbare Kennzeichen für die neue Zeit, daß unter dem Aushängeschild der Dreiheit ein bisher unerhörter Terrorismus ausgeübt wird. Unter dem alten Regiment gab es freilich manchen gesetzlichen Drahtzaun; aber dahinter lauert n doch nicht gleich die Knüppel und die Handgranaten. Auch die Opponenten waren doch ihres Lebens sicher. Wer sich aber gegen die moderne „Dikiatttr des Pvoletariots" aufzulehnen wagt, wird nicht mit dünnen Ruten, sondern mit lebensgefährlichen Skorpionen gezüchtigt.
Don den Moskaufklaven, die mit ruf(irx"m Geld und russischen Weisungen versehen werden, haben wir alle noch weitere Proben der Gewalivolffik ?u erroar«
Durch feine Träume aber ging es wie ein Schluchzen aus weher, gequälter Brust.
*
Es war an einem goldenen, sonnendurchtränkten Septembermbrgen. Draußen vor der Stadt hatten die Hasseibachs nahe der Warnow einen Garten, worin Frau Katrine eifrigst Obst und Gemüse zog für die Küche. Heute hatte sie die beiden Mädchen mit großen Körben hinausgeschickt, um Aepfel zu sammeln und zu pflücken, die die Herbstsonne allmählich gelb und rot geküßt hatte. Hellwig und Elisabeth hatten sich dieses Auftrages gefreut, der sie hinausführte für einen gangen, langen Dormittag aus der dumpfen Stube und der dampfigen Küche. Sie hatten sich früh auf den Weg gemacht, als" noch der Nebel auf den Warnowwiefen lag und ein kalter Lufthauch von der See herübergestrichen kam.
Da hatte sich Hellwigs Brust geweitet und ein frohes Leuchten sprang in ihre blauen Augen, so daß Elisa, bech sie ganz erstaunt ansah.
„Du schaust heute ganz anders aus als sonst die läge. Fast als könntest Du wieder lachen und singen wie daheim."
Hellwig nickte.
„Ja, es wird mir allemal so leicht und ftoh hier dwußen, als nähme mir einer einen schweren Stein von der Seele. Anders rollt mir hier das Blut durch die Adern und der Gedanke durch den Sinn. Hier fühle ich, daß ich iung und gesund und stark bin, und wie schön Gottes Welt ist. O. Elisabeth, in euren engen Mauern meint man ja zu ersticken!» Hier ist mir wie einer GMannenen, der man die Kerkertür offen brach."
Und sie schwang ihren leeren Korb durch die Luft und ging so schnell, daß Elisabeth ihr kaum folgen konnte.
Es hatte der Herbst in dem Hasselbachgarten mit seinen leuchtendsten Farben Einzug gehalten. Rosa, violett und dunkelrot prangten die Astern in langen, sauberen Reihen am Wegrand. Und zw sch n den goldgelben und purpurnen Blättern der Kastanien schaute man einen tiefb’auen, wolkenlosen H mmel
O, war das schön! Gar nicht satffehen konnte flch Hellwig. Und über iede neue Entdeckung freute sie sich wie ein Kind. Auch Elisabeth lächelte still vor sich hin. Der stete Kummer war auch aus ihrem Mafien Gesicht
ten. Es klingt wie ein grausamer Hohn, wenn man dabei immer noch von der „B r s r e i u n g des Volkes" redet. Hätten wir doch nur die alte Freiheit mit ihrer Sicherheit für Eigentum und Leben wiederl
Oberschlesieu.
Nach Pariser Meldungen wird General L erond baldtgst auf seinen Posten zmückkeyren. Die Abstimmung ttt Oberschlesien werbe demnächst stattfinden. __________________________
Die Abstimmung in Kärnten.
Aus Klagenfurt wurde am Samstag gemeldet: Die letzten Vorbereitungen für die am Sonntag ftattfin- dende Abstimmung sind getroffen. Alle Straßen und Brückenübergänge sind besetzt, und wer nicht im Besitz einer Abstimmungslegitimation ist, darf die Demarkationslinie nicht mehr passieren. Die Hauptstadt Klagenfurt steht im Zeichen der 2500 Stimmberechtigten von ausserhalb, denen ein festlicher Empfang bereitet wird. Großenteils werden sie mit Lastautos in die Südzone gebracht. Es handell sich in der Mehrzahl um Leute, die in den letzten IVa Jahren aus der ersten Zone flüchteten bezw. von den Südslawen vertrieben wurden. Mit ihnen kommt neue Zuversicht in das Abstimmungsgebiet. Die Stimmung der enrgeschüch- terten Bevölkerung hat sich durch ihre Ankunft außerordentlich gehoben. Freitag abend haben die Körntest treu Gesinnten auf allen Bergen Kärntens Höhenfeusr angezündet. Don den Karawanken und ihrer Vorketst loderten riesige Feuer ins Land hinein, ein letzter Mahnruf vor dem Gang zur Urne. Die Zone A ist für die Abstimmung in vier Distrikte eingeteilt worden. 3m Hauptort jeden Distrikts hat em Ausschuß der Ple- biszftkommkssion seinen Sitz. Diese Ausschüsse sind ist den letzten Tagen wesentlich verstärkt worden. Aist Sonntag werden die Wahlurnen von den Gemeindeausschüssen zu den Distriktsausschüssen und von dort wiede- rum nach Klagenfurt gebracht werden. Dieser langwierige Weg wird es mit sich bringen, daß bas Ergebnis der Abstimmung erst im Laufe der Woche bekannt- gegeben wird.
Noch einer Meldung vom gestrigen Sonntag verlief die Abstimmung überall m Ruhe. Die Beteiligung wat außerordentlich rege, die Stimmung der Deutschkärntneij sehr zuversichtlich. Gewalttätige Eingriffe von Prügelbanden ereigneten sich nirgends, dagegen wurde teilweise von den-Südslawen vor den Wahllokalen stark agitiert. Eine Mehrheit für Oesterreich scheint gesichert. Verläßlich- Meldungen besagen, daß das südslawische Mlttär an der Südgrenze des Abstimmungsgebietes marschbereit ist. um nach einem ungünstigen Ergebnis auf Befehl von Belgrad binnen einer halben Stund« mit dem Einmarsch zu beginnen.
Streikbewegung.
Auf den Wisfener Eisenhütten im Sieger, land ist ein wilder Streit ausgebrochen. Anscheinend beabsichtigen die Stteikenden, auch die Notstandsarbeiten zu verhindern. Dadurch würden vier große Eisensteingruben mit 2000 Mann Belegschaft zum (Erliegen kommen und 4000 Gruben- und Hüttenarbeiter auf viele Monate hinaus erwerbslos werden.
Eine Gesundheitszulage von 1 Ttt. bte Stunde forderten die Gaswerksarbeiter der Badischen Anilin- und Sodafabrik Oppau und als sie nicht sofort bewilligt wurde, legten sie plötzlich die Arbeit nieder. Da ohne den Gaswerksbetrieb das Werk nicht aufrecht erhalten werden kann, so stand der Fabrikbetrieb innerhalb einer halben Stunde still. Da die Gasarbeiter und auch die Mehrzahl der übrigen Arbeiter sich weigerten, die Arbeit wieder aufzunehmen, wurde sämtlichen Arbeitern (8000 Mann) gekündigt.
gewichen und hatte einer stillen Hoffnungsfreudigkei- Platz gemacht.
Nun griff Hellwig mit starken Armen in die Hefte, und es begann ein Schütteln, daß Aepfel und Dirnen nur fo prasselten. Elisabeth konnte sich nicht schnell genug bücken, um die reiche Beute aus dem nassen Grase in die Körbe zu sammeln.
Sie waren beide so in ihre Arbeit oertieft, daß sie nicht merkten, wie di» hölzerne (Bartenpforte leist knarrte und ein Schritt näher kam auf dem Kies. Und sie fuhren beide fast erschrocken zusammen, als plötzlich Veit vor ihnen stand und ihnen „guten Morgen" wünschte.
Elisabeth strich sich erstaunt die Haare aus der erhitzten Stirn.
„Ist es beim schon Mittagszeit, Seit? Das kann doch wohl kaum möglich sein. Aber wie kommst Du sonst hierher?"
Er lächelte.
„Die goldene Aerbftfonne ließ mir keine Ruhe mehr in meiner engen Scheibstube. Sie lockte und lockte, bis ich nicht mehr widerstehen konnte."
„Das ist recht," lochte Hellwig, „denn wir brauchen gerade jemand, der hinaufklettert in den Baum, um uns b-e obersten Zweige zu schütteln, wohin ich nicht gelangen kann."
lieber Veits hageres Gesicht lief eine jähe Röte.
Denn so etwas hatte er ja noch nie getan. Es schien ihm fein Körper zu schwach und unbeholfen dazu, auch hatte er früher nie Lust dazu verspürt. Jetzt sah er sich rasch nach der Leiter um, die am Gartenhaus lehnte, und zog sie keuchend heran. Als Hellwig sah. wie er sich mühte, griff sie mit zu und half ihm tragen. Es sah alles so leicht und sicher aus, was sie tat und vornahm, daß es wie Neid tn feiner Seel aufftieg. Und ehe das bleiche Stadt'chreiberlein noch selber wußte, wie ihm geschah, saß es oben im Geäst und schüttelte die Zweige aus Leibeskräften. Und als der Baum kein, Früchte mehr hergab. fetzte er sich auf die oberste Leitersprosse und ruhte sich tiefatmend aus von der ungewohnten Arbeit. Hellwig sah lachend mit roten Wangen zu ihm empor.
.Bist Du müde, Seit? Aber wir lassen Dir nicht lange Ruhe, Du sollst noch viele Hefte schütteln für um." (Fortsetzung folgt.)