Einzelbild herunterladen
 

FuldaerZemmg

Amtlicher Anzeiger für den Kreis und die Skadt Fulda.

Nr. 234.

Leramwonttch für den redaUionellen Teil: Karl Schütte, :: für die Anzeigen: I. Par ze> ier-Fulda. ::

Roiationsdruck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernsprecher Nr. 9 Telegr.-Adrefie: Fu idaer Zeitung

Zreitag» 8. Oktober 1920.

Bezugspreis; Monatlich 3,00 Mk. ohne Zustellgebühr. In Fulda bei uns abgeholt 3,15 Ult Anzeigenpreis: DieKleinzeiie (Colonelmak) 60 JJfg, u. 10°/o Zuschlag, die Reklamezeile fTextbreite) 1.80 Mk., u. 10% Zuschlag. Bei Wiederhol.Rabatt.

47. Zahrg.

Die Ergebnisse von Brüssel.

Die Finanzkonferenz trat gestern wieder zusammen 2nb hörte die Berichte der Kommissionen an. Die von - ihnen vorgelegten Resolutionen sind zum Teil recht um­fangreich und enthalten mehr wertvolle Vorschläge, als man erwartet hatte. Sie sind geeignet, der Konferenz doch ein praktisches Ergebnis zu sichern. Das gilt ins­besondere von den Resolutionen der Finanz- und Kreditkommissionen.

Mit mtßerordentlichem Nachdruck stellt die Finanz­kommission die Notwendigkeit der Beschränkung der Rüstungsausgaben in den Vordergrund und erklärt, daß die Einschränkung aller unproduk­tiven außerordentlichen Ausgaben eine der Vorbedin­gungen für die Wiedergesundung der Finanzen sei. Demgemäß fordert sie den Verzicht nicht nur auf Er­werbslosenunterstützung, sondern verlangt auch, daß Staatsgelder zur Verbilligung des Brotpreises u. -er sonst. Lebenshaltung nicht mehr verwendet werden. Wenn diese Forderung auch die Zustimmung der beut« fchenDelegation gefunden hat, so legt bas bie Haltung -er deutschen Regierung in keiner Weise fest, denn die einzelnen Delegationen sind hier nicht Vertreter tzrer Regierung, sondern jeder vertritt seine eigene Krivatmeimmg.

Die Resolution des Krebitausschusses stellt ben ersten Schritt im Sinne der praktischen Ar- -est bar. Sie schlägt die Gründung eines inter­nationale» Kreditinstituts vor auf der Grundlage des von ter Meulen der Konferenz unter« breiteten Vorschlages, ter Meulens Projekt sah vor, durch Vermittlung der Staaten retbft sichere Garantien für die den Staatsangehörigen zu gewährenden Han- delskredite zu schaffen. Jeder Staat sollte Obligatio­nen ausgeben, die durch gewiße staatliche Einkünfte gedeckt seien unb von dem Importeur dem Exporteur als Unterpfand zur Verfügung gestellt u. zurückgegeben werden sollten, sobald die Schuld abgetragen wäre. Die Kommission hat sich diesen Vorschlag zu eigen ge­macht mit der Abänderung, daß es den einzelnen Staaten freigestellt bleibe, welche Sicherheiten sie zur Deckung der Obligationen zur Verfügung stellen wollen. Es wird also ausdrücklich auf die Garantierung be­sonderer Steuereinnahmen verzichtet.

Don den übrigen Vorschlägen ist von besonderem Interesse die verlangte Vereinheitlichung der Wech­selgesetzgebung und die Schaffung einer Ge­genseitigkeit. Nicht unbedenklich vom deutschen Stand­punkt aus erscheint die Ausgleichsstelle, die den Fi­lialen der fremden Banken gewährt werden soll. In Deutschland verbietet das Depotgesetz die Unterbringung deutscher Gelder und anderer Vermögenswerte bei aus­ländischen Banken. Würde diese Bestimmung aufge- hoben werden, so wäre der Steuer- und Kapitalflucht rufs neue Tür und Tor geöffnet.

Die furchtbaren Besatznngsikosten.

lieber die Ausbeutung Deutschlands durch die feind- Nche Besatzung hat der Reichsschatzminister im Reichsrat Zahlen mitgeteilt, die starres Entsetzen Hervorrufen müs­sen (oergl. Nr. 233). Die Ausgaben belaufen sich auf nicht weniger als 27% Milliarden Mark jährlich. Das ist eine Summ«, die wir unmöglich noch neben unseren anderen Verpflichtungen aufbringen können. Dieser Eindruck kam auch hn Reichsrat allgemein zum Ausdruck. An die Rede des Reichsschatzministers schloß sich eine Aussprache, die bis in die späten Nachtstunden dauerte. Reichsftnanz- minister Dr. Wirth versicherte, er habe den Tag, als er die Nachricht vom Umfang dieser Kosten erhielt, als einen Tag des Unheils für die deutschen Finanzen be- zeichnet. Der sächsische Gesandte v. Sichart erklärte: Wir müßen über die unS gemachten Mitteilungen unser höchstes Erstaunen ausdrücken. Wenn daS keine amtlichen Mitteilungen wären, so würde ihnen nirgends

Das Schwert von Thule.

Roman von Leontine von Winterfeld-Platen.

4] -----------

Da trat Veit zur Seite und machte ihr Platz, daß sie neben dem Ratsherrn hinaussehen konnte, zum Kenster.

Sie sah nicht viel.

Nur aufgeschlagene chelmviflere und eiserne Harnische und darüber das Wappen blau-gelbex Fähnlein im Abendwind. Und dann war das Häuflein vorüber, jo schnell wie es gekommen.

Sie standen noch ein Weilchen an dem offenen Fm- ster im lauen Sommerwind und sprachen von dem Ge­schehenen.

»Wenn er nur nicht wieder Unheil brütet, der wilde Eernd," tagte sinnend der Ratsherr uno wiegte den Kopf.

Es bedeutet fein Kommen nicht immer Gutes. Er har einen eignen Kopf und besteht eifern auf seinem Recht. Diesen Frühling ist es erst gewesen, als der Markgraf Johann von Brandenburg den Herzog So- gislav von Pommern endlich dazu bewegte, seinen Hof­tag in Prenzlau zu beziehen. Er sollte hier in Freund­schaft seinem künftigen Schwager, unferm Herzog Mag­nus, begegnen, mit dem er bis dahin ein Jahr lang in Fehde gelegen. Nur mit Widerwillen gehorchte ihm der junge, kecke Dogislav und mit ihm fein Lehnsmann Ecrend Maltzan, der ebenfalls schon lange erbittert auf unfern Herzog Magnus war wegen allerhand Zwistig­keiten. Nun, als Herzog Magnus auf dem Heimzug ist. überfällt ihn Bernd Maltzan und raubt ihm aus feinem Gefolge den Joachim Levetzow mit vier Pferden.

heißt, er wollte Levetzow züchtigen, der einen porn- werschen Geistlichen abgeschatzt hatte."

»Ha, ha, so geht der Zwist nun immer hin und her zwischen Pommern und Mecklenburg."

Der Ratsherr trat vom Fenster zurück und ging mit setzen Schritten im Zimmer auf und ab. Frau Katrine rückte chre Haube gerade und meinte eifrig:

-Ei, der Zwist wird sich nun wohl legen, da unser Herzog Magnus sich ja zur Hachzest rüstet mit der pom- b»erschen Prinzeßin Sophie."

Glauben geschenkt werden. Wir müßen verlangen, daß uns ganz genaue Angaben gemacht werden über alle Anlagen im besetzten Gebiet, ihren Zweck und ihre Kosten. Wir stehen wohl alle auf dem Stanüpunkt, daß jeder Forderung, die nicht im Friedensvertrag aus- drückllch begründet ist, der nachdrücklichste Wider- stand entgegengesetzt wird. Nach dem verlorenen Krieg sind das Summen, die die Finanzkraft Deutsch­lands übersteigen und überhaupt nicht geleistet werden können. Das muß mit aller Schärfe aus­gesprochen werden. Wenn darauf bestanden wird, daß wir solche Leistungen jedes Jahr wirklich machen, dann entsteht die Frage, ob daneben überhaupt an eine Wiedergutmachung zu denken ist. Schatz­minister v. Raumer: Ich kann diese Ausführungen nur unterstreichen. Die Verhältnisse erschienen mir so exorbitant, bau ich in der zweiten Hälfte des August eine kurze Reise in daS besetzte Gebiet machte, und ich bin zu der Ueberzeugung gekommen, daß die Lasten, die uns auferlegt werden, weit über die Anfor­derungen des Friedensvertrages hinauSgehen. Es handelt sich um Anforderungen für Munitions- depotS u'to., die für eine Millionenarmee be­stimmt sind, und ich bin der Meinung, daß wir i egen jede Anforderung den energischsten Widerspruch erheben müßen, die das Mag einer Friedensbesatzung über­steigen. Wenn uns jetzt die Besatzung 15 Milliarden kosten soll, so würden wir tatsächlich int Etat vo.t 1920 vor einer Gesamtleistung von 40 Milliarden aus Anlaß des verlorenen Krieges stehen.

(Eine fiunbegbung des Reichsrals.

Der Reichsrat nahm eine Entschließung an die Reichsregierung an, in der es heißt: Die Ausgaben in dem dem Reichsrat vorgelegten Reichshaushaltsent­wurf fjir 1920 vermehren sich, wie jetzt festzustellen möglich gewesen ist, durch Steigerung der laufenden Aufwendungen zur Unterhaltung des Besatzungs- Heeres in den Rheinlanden auf 91,5 Milliarden Mark. Ungedeckt hiervon sind 49,7 Milliarden Mark. Der Gesamtfehlbetrag unter Einschluß des Fehlbetra­ges bei der Eisenbahn- und Postverwaltung beträgt so- mit 67,7 Milliarden Mark. Die Finanzlage ist hiernach so ernst, daß das Gebot strengster und rück­sichtslose st er Einschränkung der Aus­gaben nicht aufs neue betont zu werden braucht. 3e mehr zudem die Gestaltung des Haushalts von den in ihrem Ausmaß ungeheuren, aus den Bestimmungen des Friedensoertrages hergeleiteten Forderungen un­serer Gegner abhängig ist, umso zwingender ergibt sich die Notwendigkeit, auf allen unseren Gebieten die starke Minderung der Ausgaben eintreten zu laßen, die für ein verarmtes Staatswesen unent­behrlich ist. Dazu bedarf es eines wirksamen Ein- flusses des Reichsfinanzministers auf bie Gestaltung derjenigen Ausgaben, deren Bemessung in unserer Hand liegt. An die Reichsregierung richtet der Reichsrat daher die Bitte, ihre Entschließungen so zu gestalten, daß das Ziel erreicht wird, den Reichs- finanzminister mit den zur Durchführung streng­ster Sparsamkett bei den Reichsausgaben unenibehr- lichen Machtbefugnissen auszugestatten, erreicht wird.

Der Terror der SLdflawe« in Kärnten.

48 Verbandsoffiziere, je 16 Engländer, Franzosen und Italiener find zur Kontrolle der Abstimmung in Klagenfurt eingetroffen. Sie sind auf Anordnung der Botschafterkonserenz vom Wiederg'utmachungsaus- schuß abgesandt und verteilen sich gleichmäßig auf die vier Bezirke der ersten Astimmungszone.

Die Südslawischen Blätter kündigen unverhüllt ein gewaltsames Eingreifen bei der Volksab­stimmung an. Ein Blatt forderte in einem Bericht aus Kärnten die Slowenen auf, den Brüdern in Südkärnien zu Hilfe zu kommen. Ein anders Blatt schrieb:Tie Südzone gehört uns und bleibt es auf

Der Ratsherr nickte.

Ja, am 6. Oktober dieses Jahres soll sie fein und gleichzeitig Beilegung aller Streitigkeiten. Also wenige Wochen nur noch bis dahin. Gott gebe in Gnaden, daß alles zum Heil ausschlägt, damit das Land endlich seine Ruhe hat!"

Veit schlug mtt der Hand durch die Lust, als hätte er einen unsichtbaren Gegner vor sich.

Wiegt Euch nicht zu sehr ht rosige Zukunftsträume, Dater, ich gfcrnbe nicht daran So lange die Herzöge also gehässig gegen uns Seestädte sind, nur weil wir auf unfern uralten, verbrieften Sonderrechten fußen, so lange ist an Ruhe und Frieden nicht zu denken. Schaut Lübeck an, was das gelitten hat die ganze Zeit. Nun sind wir an der Reihe. Die Herzöge brauchen Geld und wißen, daß es bei den Seestädten noch etwas zu holen gibt. Laßt unfern greifen Herzog Hein­rich erst tot fein und feine Söhne ans Ruder kommen, ich sehe düster in Rostocks Zukunft, Dater."

Es war jetzt fast ganz dunkel geworden im Gemach, unb Elisabeth schlüpfte leise hinaus, um eine Leuchte zu holen. Frau Katrine und Heilwig hatten sich an die Spinnrocken gesetzt und ließen die Räder schnurren, ttotz sinkender Dämmerung.

e

In das kleine Schlafgemach, das Elisabeth und Heil- wig miteinander teilten, schien hell der weiße Mond­schein. Im bangen Nachtkleid, die blonden Haare gelöst im Nacken, saß Hellwig auf ihrem Bettrand, die Hande im Schoß gefaltet. Sie sah bleich aus im Mondlicht, das fand auch ihre dunkelhaarige Safe, bie vor ihr stand.

Gräme Dich nicht so, Hellwig, allmählich wird schon alles beßer werden. Gewohnheit ist eine alte Lehrmei- fterin, die nach und nach alles einlullt, was einst weh tat."

Sie kniete neben Hellwig nieder auf die Erde unb schlang beibe Arme um sie.

'Du barsst nicht so traurig aussehen, Hellwig, bas schneibet Seit unb mir ins Herz Wir möchten Dir fo gern alles zu Ge'allen tun, barmt Du wieder lachst."

Heilwig strich der andern leise und zärllich über bas bunkle Haar.

Ihr seid so gut zu mir. Elisabeth, und ich schäme mich, so ich es Euch nie recht mache. Es ist etwas an

jeden Fall." Die Südslawen würden diese Zone ohne Abstimmung in Besitz nehmen. Die Nachrich­ten, daß sich die Deutschöst.'rreicher in der Südzone aus Angst vor dem südslaw scheu Terror größtenteils der Abstimmung enthalten würden, mehren sich. Die Südslawen fordern ihre Leute auf, rechtzeitig vor den Stimmlokalen zu erscheinen, damit die stimm­berechtigten Oesterreicher erst später oder gar nicht zur Abstimmung gelangen könnten.

Die Durchfahrt durch den Nordostsee-Kanal.

Der Botschafterrat beschloß, das Anhalten eines dänischen Dampfers am Ausgang des Kieler Kanals als Verletzung des Artitels 380 des Friedensvertrags zu betrachten. Dieter Artikel gewahrt allen Mäch- ren im Kriege wie im Frieden die Durchfahrt durch den Kanal. Der deutschen Regierung soll eine Note in bietet Anaelegenheit überreicht werden.

Der Damfer enthält bekanntlich Lebensmittri für das polnische Heer und Munition. Die deutsche Re­gierung steht aus dem Standpunkt, daß das in Ar­tikel 380 bes Friedensvertrages vorgesehene Recht der freien Durchfahrt durch den Kieler Kanal nicht aus­schließt, daß bie beutschen Neutralitätsoorschristen zur Anwendung gebracht würden.

Immer neuer Zündstoff.

Wenn eins von den Feuerchen gelöscht zu sein scheint, flau.mi wieder ein anderes auf. Der Tettstrcik im Berliner Elektrizitätswerk wirb nun abgelöst durch die weite Ausdehnung bes Streiks in ben Berliner Zeitungsbetrieben. Der Ausstand der kauf­männischen Angestellten, der sich schon eine Zeitlang hingeschleppt hatte, griff auf das technische Personal über, indem die Setzer sich weigerten, die Inserate und die sonstigen Vorlagen, die eigentlich durch die Hände der kaufmännischen Angestellten gehen müßten, noch weiterhin zu erledigen. Darauf schritten die betroffe­nen Prinzipale zur Enttaßung des technischen Personals wegen Arbeitsverweigerung. Infolgedessen sind die meisten Zeitungen in Berlin vorläufig lahmgelegt.

Zum Ueberfluß hat noch der Kongreß der Betrirbs- räte, der gerade in Berlin tagt, sich in den Kampf ein­gemischt, indem ereinstimmig" beschloß,die Arbeiter­schaft von ganz Deutschland muß den Arbeitern der Zeitungsbetriebe ihre Solidarität beweisen." So kann der Berliner Zwischenfall zu einer allgemei­nen Gefahr für bie wirtschaftliche und politische Ruhe im Lande werden. Hoffentlich aber hat der Aufruf keinen Erfolg.

Weiterer Zündstoff kann sich noch aus den inneren Kämpfen der unabhängigen Partei ergeben. In Württemberg, wo bk Spaltung bereits vollzogen war, hat die Moskauer Richtung sich alsbald des dortigen LcmbesorgcmsSozialdemokrat" bemächtigt, so daß der alte Parteivorstand sich ein neues Mitteilungsblatt schaffen mußte, bas auf den russischen Ursprung der Geldmittel ihrer Gegner hinweist und eine neue Lan- desversammlung anfün&igt In Berlin suchen die Moskauer das Vorbild von Stuttgart nachzuahmen. Ihre Mehrheit in derunabhängigen" Preßkommis- sion haben sie bekanntlich benutzt, um die 10 Redakteure der antirussischenFreiheit" sofort zu verabschieden. Die Redaktion wchrt sich gegen diesen angeblich unbe­rechtigten Utas der Preßkommission, und damit wird die Aussicht eröffnet, daß die rücksichtslosen Moskauer durch eine Gewwalttat den Besitz derFreiheit" er­streben werden, was zu sehr weitgehenden Folgen führen kann.

Unterdessen ist in der preußischen Lcmdesversamm- lung eine lange und sehr heftige Debatte im Gange

mir, bas schreit gegen all ben Druck unb Zwang von außen."

Sie Hobe beibe Arme wie in großer Sehnsucht.

»Sieh, wenn ich mich so burchgekämpft habe durch ben langen, langen Tag unb fein brav in ber Küche ber Muhme zur Hanb gegangen bin ober ftunbenlang am Spinnrab gesessen habe, baß mir ber Rücken unb Arme steif würben, wenn ich mir soviel Mühe gab, wie ich nur irgenb konnte, bann war es boch Deiner Mutter immer noch nicht recht! Unb bann kommen bie Nächte! O, Elisabeth, bas ist bas Schlimmste von allem! Dann kann ich nimmer schlafen, wenn ich auch noch so mübe bin, unb liege ftunbenlang wach. Unb bann sehe ich bie Heimat."

Sie senkte ben Kopf tief unb preßte bie Hänbe auf bas Herz.

D, meine Heimat! Den Fforb sehe ich, unb bie fernen, hohen Schneeberge! Das Haus, wo ber Ahne lebt, unb bie weite, weite See. Da finb keine hohen Mauern unb engen Gaffen, Elisabeth, wie hier. Die bas Schauen hindern und jeden Ausblick in die Ferne. Da sieht man fo weit, so well ohne Grenzen unb Schranken bis bahin, wo ber Himmel bie Erbe küß! unb bie salzige See. Sieh, als ich heute bie Möven schreien hörte braußen über ber Warnow ba schrie mein Herz mit unb wünschte sich Flügel, um heim zu können."

Elisabeth hatte sich langsam erhoben unb war an bas Fenster getreten, mitten in ben flutenben Mondschein.

Ich glaube wohl, baß es bitter unb hart für Dich ist, Heilwig. Aber was kann bas helfen? Jeber hat feinen Kampf zu kämpfen, fo ober so. Meinst Du etwa, mir sei er nicht auch beschrieben?"

Da sah Heilwig auf unb sah zum erstenmal im An­gesicht ber anbern einen tiefen Gram, ber ihr sonst nie­mals ausgefallen war. Hub sie war erschrocken über ihre Eigensucht, bie immer nur an sich selbst gedachi hatte, unb sagte saft scheu:

Du hast auch ein Leib, Elisabeth? Aber Du bist boch daheim bei ben Deinen, unb was mir fremb beucht, ist Dir liebe Sitte unb Gewohnheit."

Elisabeth nickte. In ihren buntlen Augen stauben große Tränen.

(Fortsetzung folgt?

wegen des Wahlgesetzes und des Termins der neuen Staatswahlen. Da könnte man doch von der Opposition aus der Rechten wohl verlangen, daß sie ihre Agitation vorläufig in gemäßigteren Formen und Grenzen halte, bis die brennenden Gefahren aus den Streiks und den unabhängigen Zuckungen überwunden sind.

Die ohnehin schwer leidende Nation bleibt fortge­setzt unter dem Alpdruck der Lohnkämpfe, und cs ist verzweifelt schwer, ein Hellmittri gegen dieses Fieber zu sinden. Wenn man alle Schuld auf die e i n e Seite schieben will, so ist das Urteil vielleicht befangen und einseitig, kann uns auch schwerlich weiter helfen. Be- sonnenheit und Gewandtheit ist auf beiden Seiten nötig, und die einsichtigen Elemente müssen vereint dahin streben, daß das Einigungs- mrd Schlichtungs­verfahren möglichst gut ausgestattet wird und schnell genug arbeitet, um Ausstände zu verhüten oder doch im Keime zu ersticken.

Der Berliner Zeilungsskreik.

Der Streik unb bie Aussperrung im Berliner Zeitungsgewerbe umfassen sämtliche Unternehmungen ber Berlage Ullstein, Masse unb Scherl, ferner bie Deutsche Tageszeitung" und bieTägliche Rundschau", während bie übrigen Blätter erscheinen. Die Aussper­rung betrifft 5000 bis 6000 Arbeiter, bie sich in ber Hauptsache auf bie Verbände ber Buchdrucker, Buch druckereihilfsarbeiter unb Buchbinder verteilen, unb biss Folgen sinb noch nicht abzusehen.

Große Arbeikslosen-DemonstraNonen

finben in Berlin neuerbings allwöchentlich statt. Hinter ben Veranstaltungen stehen rabifale Elemente, bie ganz offen zu Putschen treiben, unb bie es auch trefflich ver­stehen, bie Stimmung ber Demonstranten gegen ihr eigenen Führer aufzupeitschen. Das ergab sich auch mieber bei einer Arbeitslosendemonstration, die am Mittwoch in Berlin ftattfanb. Die Demonstranten zo­gen vor bas Rathaus unb erzwangen den Empfang ihres Führers. Als dieser nach den Verhandlung» mit ben Magistratsvertretern vom Balkon bes Rat." Hauses herab erklärte, baß bie Wünsche und Forderun­gen geprüft unb berücksichtigt werden sollten, daß aber jetzt noch keine beftimmten Maßnahmen getroffen »er­ben könnten, ba gab es ein ungeheuerliches Wüten gegen biefen Führer unb bie fäuftebaQenbe Menge zeigte nicht übel Lust, bas Rathaus zu stürmen, unb ihren eigenenVertreter" herunterzuholen. Dieser konnte nichts anderes tun, als sich durch bie Flucht vor feinenFreunbeii" zu retten. Die Menge brachte es bann noch fertig, ben gesamten Straßenbahnverkehr mehr als 1 'nhtnhwti'itmg jMmWtsn 8rir wich unb wankte nicht, bis Nacht unb Kälte zur Auflösung bes Zuges zwang. Als charakteristisches Zeichen ber Zei? fei noch bemerkt, daß im Betriebsrätekongreß ein Ver­treter ber Arbeitslosen bie Forberung stellte, daß bie Arbeitslosenunterstützung auf bie gleiche Höhe tote ber Lohn ber Arbeiter gebracht werben müsse. Würde dieser Forderung stattgegeben, so würben wir nächstens im ganzen ßanbe Millionen Arbeitslose haben, die vo» ihrenRenten" lebten.

Kommunistische Vorbereitungen.

Am Mittwoch fanden in Berlin nicht weniger als acht, tags vorher zwei Kommunisten-Versammlungen statt. Heute find 9 Versammlungen einberufen wor­den. In den bisherigen Versammlungen kam es zu Ankündigungenneuer entscheidender Handlungen* des revolutionären Proletariats.

Eisenbahnerausstand in Oberschlefien.

Die deutschen Eisenbahner in Oberschlesien sind in den Streik getreten, um polnisch-französischen Gewalt­maßnahmen zu begegnen. Der Eisenbahn ist mit Rück­sicht aus die zahlreichen Heimattreuen im Reiche eine besondere Bedeutung im Abstimmungskampfe beizu­messen. Die polnisch-französische Absicht scheint dahin zu gehen, diese Abstimmungsberechtigten fernzuhalten.

Ein Ausflug auf die Milseburg.

Von Dipl.-Jng. Freckmann.

Um bie Türme Fulbas spielt bie warme Oktober sonne, umspinnt Mauern unb Dächer mit zartem Gold- geflimmer. Das ist ein Tag zum Wanbern und Schauen, um bie Natur in ber Pracht bes Herbstes kennen zu lernen, ber wohl bie günstigste Jahreszeit für bi» Rhön ist.

So führte benn ber Zug eine große Anzahl Teilneh. tner an ber Generalversammlung ber Görresgesellschast im wechselvollen Spiel einer knappen Stunbe zur Sta­tion Milseburg. Unter Professor Donberaus kundiger Führung trat bie recht zahlreiche Gesellschaft ben Auf- stieg an. Beim ersten Ringwall erläuterte ber uner» mübliche Heimatforscher in kurzem Dortrage bie Ent­stehung tiefer weit unb breit bebeutenbften Bolksburg aus ber La Töne-Zeit, zeigte weiter oben die kleinen Wohnplätze unb führte uns in fröhlicher Kraxelpartie ben Phonolitsteilhang hinaus auf bie Befestigungslinie zwischen betn Kälberhutweibstein unb ber kleinen Milfo bürg.

lieber ben Gangolssbrunnen führte ber Aufstieg auf bie große Milseburg, wo eine entzückenbe Ueberrafchung unser wartete: ein kleines Dorfmädchen, mit buntem Herbstlaub bekränzt, stand am Rande der Plattform vor dem Kirchlein und entbot uns einen poetischen Will- kommengruß. Und vor dem Muttergattesbilb widmeten drei mit Blumen geschmückte Mädchen ber Rosenkranz­königin an ihrem Festtage einen Kranz mit bes Herbstes golbnen Gaben, roieberum in rührender Gedichtform. Unser Rhöndichter Ludwig Rübling hat bamit feinen Gästen einen ergreifenben unb unvergeßlichen Empfang bereitet.

Auf bem Gipfel broben aber schweifte ber Blick immer roieber erstaunt über bie golben gebrannten Hänge unb Wälber, bie bunt zerstreuten Dörfer, Weiler unb Einöbshöfe bis hin zu ben verdämmernden Linien bes Thüringerwalbes unb hinauf zum pastellblauen Himmel, geblenbet von bem fast süblichen Glanz diese? einzigen Tages.

Ueber rotblühenbes Heibekraut, burch kleine, warme Tannenwälder führte nur zu halb ber Heimweg hinab. Vor einem großen Felsen bes unteren Ringwalles aber ließ Pfarrer (Rübling es sich nicht nehmen, den Gästen