Donnerstag, 7. Oktober 1920
Nr. 233
um
der der
Gesicht!"
Elisabeth hatte sich auf die Fußspitzen gehoben, auch etwas sehen zu können.
„Und der da, Di"er, der junge Dunkelhaarige, ihm zur Linken reitet und auch den Wappenschild Maltzan führt, — wer ist das?"
Der Ratsherr {tu s-y-^-f hinab.
Das Schwert von Thule.
Roman von Leontine von Winterfeld-Platen.
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Sie sagte es mit leiser Stimme, fast schuldbewußt. Vie Ratsherrin hatte die Stirn gefurcht und klapperte laut mit Tellern und Bechern.
„Aber man wird doch wohl fragen dürfen, wo Du die ganze Zeit gesteckt hast? Es sind viele Stunden her, seit Du zur Bleiche gingst."
Ihre Stimme klang scharf und spitz.
Heilwig sah jetzt auf. In ihren Augen war ein großes, warmes Licht.
„Als ich da, Linnen gegossen hatte auf der Wiese an 6er Warnow, stieg ich in den Kahn, der den Hassel- bachs zu eigen, und bin hinaufgerudert, um das Meer zu sehen."
Die Ratsherrin schlug beide Hände zusammen.
„Du ganz allein? Und diese weite Fahrt? Schickt fich so etwas für ein ehrbares Rostocker Bürgermäd- chcn?"
Jetzt schüttelte auch der Ratsherr langsam den dunklen Kopf.
„Das hättest Du nicht tun dürfen, Heilwig. Wenn ein Sturm gekommen wäre! Und der Kahn ist schwer.
Heilwig lächelte.
„Ich bin dar Rudern gewöhnt von Kindheit an. Und auch die Stürme. Mir macht das alles nichts."
Die Ratsherrin fuhr herum.
„So, Dir macht das alles nichts? Aber uns dafür um so mehr. Denn so eigenartiges Tun ist man hier nicht gewöhnt in Rostock Und wenn Du in unserem Hause bist, so hast Du Dich unseren Sitten zu fügen. Hier gehört ein Mägdlein ans Spinnrad und in die Küche, aber nimmer allein aufs weite Master. Daß Gott behüt!"
Da nickte Beit der Base zu von der andern Seite des Tisches.
„So Du wieder einmal Lust hast, Kahn zu fahren, so will ich Dich wohl gern begleiten und schützen. Heil- wig. Auch Elisabeth kann mitkommen, dann wird die Mutter wohl nichts dagegen haben.-
Berantwonlich fflr den redaktionellen Teil: Karl Schütte, :: für die Anzeigen: I. Parzeiler-Fulda. ~
Rotationsdruck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernsprecher Nr. ü. Telegr.-Adreste: Fu ldaer Zeitung
„Das ist sein Suesbruder Ltto, der bei ihm ist in jeder Not und Fahr. Die beiden sind unzertrennlich. Es heißt, daß Otto sein Leben lasten würde für den Bruder, wenn es sein müßte."
Da kam langsam aus der Tiefe des Zimmers, wo sie bisher gestanden, auch Heilwig an das Fenster getreten. Es lag wie eine Freude in ihrem Gesicht.
„O, gibt es so etwas auch noch in diesen Lander,, Ohm? Noch solche Treue bis zum Tod? Laßt mich die Brüder sehen. Ohm, von denen Ihr so großes spracht."
^(Fortsetzung fjlGt).
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Und der Ratsherr langte ungeduldig nach dem dampfenden großen Napf in der Mitte.
„Ich habe Hunger, ihr Leute. Laßt uns nicht den Abendimbiß kall werden."
Mit leisem Murren folgte die Ratsherrin seinem Winke. Sie ärgerte sich, daß ihr Gatte Heilwig nicht auch mit Schelte empfing, wie es sich doch gehörte.
Das Mädchen stand noch immer regungslos am Tischende in ihrer großen schlanken Herbheit. Jetzt wandte sie langsam den Kopf zum Fenster, wo der letzte Abendschein am Westhimmel verglomm und atmete tief. Und legte dann beide Hände wie in krampfhaftem Schmerz auf die Brust.
Und sagte leise, in schweren Gedanken — wie zu sich s-lbst:
„Ich weiß nimmer, wie ihr das alle hier so ertragen könnt in der grauen Stadt — tagaus — tagein — wie gefangene Vögel im Käfig zu flattern und nicht zu wisten. wie stark und kräftig Eure Flügel sind! Immer und immer nur Mauern und Dächer — und Dächer und Mauern. Und will man den Himmel sehen und die Sonne, so muß man sich recken oder hinauffteigen zum Bodenluk. Und nie kann man das Meer hier hören — nie."
Als sie merkte, wie alle sie erstaunt ansahen, fuhr sie sich erschrocken über die Stirn, als mühte sie sich erst besinnen.
„Wenn Du meinst, daß der Haferbrei und der Speck bester werden durchs Warten, so irrst Du Dich", und die Ratsherrin schob ihr unwirsch den noch übrigen Teller zu.
Ach, sie hatte es ja vorausgesehen, daß es so kommen würde, als ihr Mann das ellernlose Kind seiner Schwe. stex zu sich nehmen wollte. Genug dagegen geredet hatte sie — aber was nützte es? So aus dem fernen Norden her, von dem man nichts wußte, noch kannte — wo die Menschen fast noch.Heiden waren und von Göttern redeten! Du meine Güte! Sie, die Ratsherrin, war so etwas nicht gewohnt. Sie war aus Güstrow, die einzige, ehrbare Tochter des Kaufmanns Fridolin । Lämmerzahl. Aber die Haffelbachs raren ja oft etwas
Aus Dem besetzten Gebiet.
* Aachen. kürzss/h non den Belaiern verhaftete Chefredakteur des „Aachener Dolksfreunds", Dr. Heinen, ist jetzt gegen Kaution auf freien Fuß gesetzt worden.
Die Flnanzkonferenz.
Die Finanzkonferern wird erst am heutigen Donnerstag ihre Sitzunoen wieder autaebmeit da die Ausschüsse noch nicht einig geworden waren. Inzwischen haben jedoch die Unstimmigkeiten, die in einzelnen Kommissionen zu Tage getreten waren, einen friedlichen Ausgleich gefunden. Die zur Stunde noch nickt befanntaerebenen Emsckließungen sind
sämtlich sehr allgemein gehalten; sie beschranken sich daraus, in einzelnen Fragen gewisse Richllrnien auf- zustellen, deren Befolgung allen beteiligten Ländern empfohlen wird. Die Beschlüsse weisen, was nach der Zusammensetzung der Konferenz weiter nicht verwunderlich ist, einen starken Zug zu freihändlerischen Tendenzen auf.
Ein Zwischenfall auf der Londoner Konferenz.
In London wurde eine Konferenz für den Freihandel eröffnet, woran auch deutsche Vertreter teil- nahmen. Der ,New-York Herold' berichtet über folgenden bezeichnenden Zwischenfall: Der belgische Delegierte Louis Strauß verlas einen offenen Brief des Professors an der Frankfurter Universität, Dr. Paul Arndt, der die Einladung zu dieser Konferenz ablehnte, weil die Frage des Freihandels für Deutschland gegen- toärtia kein Interests habe, so lange der Versailler Frieden zu Recht bestehe. Beziehungen zwischen den Völkern könnten nicht aufgenommen werden, so lange Deutschland durch den Versailler Vertrag unterdrückt sei. Strauß hingegen erklärte, er könne an der Konferenz nicht teilnehmen, so lange die deutschen Vertreter nicht ihrem Bedauern Ausdruck gegeben hätten für alle die Hebel, die sie in der Welt verursacht hätten. Der englische Vertreter Bell versuchte, den aufgeregten Belgier zu beruhigen, und erklärte, daß gewiß die ganze Welt Sympathien empfinde für jene Länder, die durch den Krieg gelitten hätten, aber er rate den Belgiern und Franzosen, mit den übrigen Teilen der Konferenz redlich zusammenzuarbeiten und zu versuchen, die Leidenschaften zu beruhigen statt sie aufzustacheln.
Wirkungen des Spaa-Abkommeus. Die Rhein- Per sonenschifsahrt ist infolge der Kohlenkrise in eine schwierige Sage geraten. Die Lokaldampfschiffahrten sind fast auf dem ganzen deutschen Stromteil eingestellt. Die Kölner Reederei hat mehrere ihrer Schiffe ve» kauft. — Die Verwaltung der Deutsch»Luxembulgl'chen Becgwerks-A.-G. sah sich veranlaßt, infolge Kohlenmangels von ihren fünf betriebsfähigen Hochöfen in Dortmund drei, von den fünf Mülheimer Hochöfen ebenfalls drei und beide Hörster Hochöfen ausblaseu zu müssen. Auf diese Tatsache ist auch das Nachlasten jer monatlichen Produktion zurückzuführen, welche in gewöhnlichen Zeitläufen 70000 Tonnen Roheisen beträgt und nunmehr auf 35000 Tonnen gesunken ist.
Die Eiseumann-Werke, einer der größten Stuttgarter Industriebetriebe müssen infolge Riangels an 'Aufträgen die Arbeit aus drei Tage in der Woche beschränken.
Eleklrizilälsslrefk in Berlin.
Am Dienstag hatten ohne jede Ankündigung die Kesielheizer des Berliner Elekttizllätswerkes Moabit die Arbeit niedergelegt, sodaß plötzlich große Teile der Stad lohne Strom, ohne Licht und Kraft waren. Knapp zwei Dutzend Arbeiter terrorisierten um persönlicher Forderungen willen ohne jedes Berantwortungsgefühl eine Millionenstadt. Die Heizer erklärten, sie könnten bei der schlechten Kohle, die jetzt geliefert wird, keine acht Stunden mehr arbeiten und forderten die Sechs, stundenschicht. Als die Direktion nicht sofort ja sagte, wurde gestreikt ohne Rücksicht darauf, welche Werte dadurch jerftört wurden. Die Folge war, daß der ge- samte Straßenbahnverkehr eingestellt werden mußte und auch sonst mußten Betriebseinstellungen erfolgen. Es handelt sich um einen wilden Streik, mit dem keine Gewerkschaft etwas zu tun hat. Ein paar Arbeiter stellen Forderungen, sie werden nicht sofort bewilligt, bumms steht der ganze Laden still. Zustände, die man bereits überwunden wähnte.
Gestern abend ist der Streik durch Nachgeben der Direktion beigelegt worden. Den Heizern, Schlacken- arbeitern und Kohlenschippern wurde die Sechsstunden- schicht zugestanden.
60,000 belgische Bergarbeiter im Ausstand.
Gegen 60,000 belgische Arbeiter sind in den Ausstand geneten. In den Grudenbezirken von MonS I haben die streikenden Bergleuie Sabotage verübt. I Miluär ist zur Aufrechtervallung der Ordnung nach dem Grubendtstrikt abgerückt.
Waffenstillstand im Osten?
Ein Moskauer Funkspruch meldet, daß in Riga die Unterzeichnung des russisch-polnischen Waffenstillstandes erfolgt ist.
Die russische Krisis.
Für den Bolschewismus ist eine kritische Zeit an- gebrochen. Der polnische Krieg war in Rußland außerordentlich populär, nunmehr aber nach der Niederlage hat er seine Popularität vollkommen verloren. Nach cngl. Meldungen bedroht eine Hungersnot das ganze Land. Eine der größten Gefahren für die Sowjetregierung besteht in der Möglichkeit, daß alle Getreitezufuhren aus Kuban, alle Kohlenzufuhren aus dem Donezgebiet und alle Petroleumzufuhren aus Baku aufhören müßten. An vielen Stellen kam es infolge des Lebensmittelmangels zu großen Arbeiter- ftrerfs. Petersburg ist ohne Brot. Lebensmittel- und Munitionslager bei Moskau wurden von unbekannten Tätern in Brand gesteckt. Eine große Reihe von bol- schewistischen Soldaten wurde erschossen. Sn den Gouvernements Petersburg, Nowgorod und anderen Bezirken erhoben sich die Bauern gegen die Bolschewisten.
Ein „Aufruf an alle", worin das Zentralvollzugskomitee &ie Bauern auffordert, die Lebensmittel vollständig abzuführen, wird schwerlich tat Kampf gegen den Hunger viel nützen und Trostsprüche Lenins, der auf dem allrussischen Kongreß die Notwendigkeit eines Winterfeldzuges zugab, aber den endgültigen Sieg Rußlands für gesickert erklärte, verfangen auch nicht mehr. Die siegreichen Polen treiben die .ufsi- schen Armeen vor sich her, aus der Ukraine werden Niederlagen der Rusien gemeldet, im Südosten hat General Wränget, besten Machtbereich sich stets vergrößert und desten Stern zweifelsohne im Steigen begriffen ist. neue Siege erfochten. Daß diese militärischen Schwierigkeiten der Sowjetdiktatoren die mit den klägsich verrotteten Zuständen des kommunistischen Dorados längst unzufriedenen Bevölkerungskreise zur Erhebung gegen ihre Unterdrücker aufstacheln, ist begreiflich. Auch wenn es fich bei den vorliegenden Alarmmeldungen über Unruhen und Auflehnungen um Untertreibungen handeln sollte, ganz aus den Fingern sind sie wohl nicht gesogen: sie kommen von sehr "er-
Deutsch-französische Annäherung?
Meterausnahme der wirlschafllichen Beziehungen.
Es bestätigt sich immer mehr, daß von beiden Seiten, nicht nur von Deutschland, sondern auch von Frankreich, die Wiederaufnahme der Wirtschaftsverhandlungen zwischen beiden Ländern ernstlich betrieben wird. Die Verhandlungen hatten bereits tat Mai begonnen tmb nahmen zuerst einen befriedigenden Verlauf, scheiterten schließlich aber daran, daß Frankreich von Deutschland die Einstahrgenehmigung für zahlreiche französische Luxusartikel verlangte, die die deutschen Delegierten im Intereste unserer Volkswirtschaft nicht zugestehen dursten. So gingen die Verhandlungen stillschweigend auseinander.
Inzwischen kamen die Reichstagswahlen, die deutsche Regierungskrise, Spaa, der russisch-polnische Krieg — ob all diesen Fragen verschwand die Wirtschastsfrage mehr im Hintergründe. Jetzt ist das Intereste für sie mietet erwacht, und, wie es scheint, legt man auch auf französischer Seite jetzt großen Wert auf diese Verhandlungen, die eine wirtschaftliche Annäherung zwischen Deutschland und Frankreich bezwecken, die dem Handel beider Länder zum großen Vorteil gereichen würden. Und ist erst wieder ter friedliche Handelsverkehr im Gange, dann können wir hoffen, daß auch der übrige Verkehr zwischen beiden Ländern das immer noch feiMiche Verhältnis Kn ein friedliches ändert.
Wie großen Wert man in Frankreich auf das Zustandekommen dieser Verhandlungen zu legen scheint, zeigt ein Blick in die französischen Blätter. Denn feit ter Reise des Botschafters Laurent nach Paris und feit dem letzten Empfang des Botschafters Dr. Mayer durch den netten Ministerpräsidenten, wobei biefe Verhandlungen zum erstenmal öffentlich erwähnt wurden, zeigt die Pariser Preste, die bisher gegen alles Deutsche in ter übelsten Art hetzte, Deutschland gegenüber einen auffallend gemäßigten Ton. Sie bemüht sich offenbar, dem guten Willen Deutschlands zur Erfüllung des Versailler Vertrages gerecht zu werden und'scheint sich Mühe zu geben, an ein ersprießliches Zusammenarbeiten der beiten Nationen zur Wiederherstellung der zerrütteten europäischen Volkswirtschaft zu glauben. Man merkt ihr freilich trotzdem an, daß sie von ihren übertriebenen Hoffnungen auf die großen finanziellen und wirtschaftlichen Leistungen Deutschlands nicht verzichten möchte, und deutlich ist zwischen den Zeilen die Angst vor einer Zukunft zu erkennen, in der man nicht restlos alle Lasten und Mühen auf das besivate Deutschland abfckieben könnte.
Es scheint, daß die Preste von Regierungsseite ge- mahnt worden ist, nicht durch allzu schlimme Gehässigkeiten gegen Deutschland die Möglichkeit einer Verständigung von vornherein zu untergraben.
Ob man diesem Zeichen einer beginnenden Mäßigung allzu großes Gewicht beimessen soll oder gar große Hoffnungen daran knüpfen darf, muß uns die nächste Zukunft lehren. Jedenfalls stt sie da. ein, wenn auch vielleicht kleiner Schritt vorwärts auf dem Wege zum wahren Frieden. Hoffen wir, daß sich dieses Zeichen beginnender Einsicht und Vernunft in Frankreich nicht verliert, sondern Wurzel schlägt und zur schließlichen Verständigung führt. Nur diese wftd beiden Ländern zum Vorteil gereichen. Sä^-nst.-ln und Gewaltmaßnahmen beiden zum Verderben.
Die Wirtschastsnöte.
Maßnahmen gegen die WirtschaftsnSte. Dem Reichstag wird demnächst eine Verordnung über den Abbau iind die Stillegung von Betrieben zugehen, ferner sollen die Mittel der produktiven Erwerbslosenfü'rsorge in weitem Umfange anaewendet und die Unterstützung der Arbeitslosen | erhöht werden. Der Unterausschuß des Reichstags hat mit dem Arbeitsministerium bereits über die Anpassung der Arbeitslosenun'ersiützung an die Bedürfnisse des kommenden Winters beraten. Endlich ist die Reichsregierung in letzter Zett erfolgreich bemüht gewejen, mit Hilfe eines Zusammenschlusses der Erzeuger und der gewet kschaf tlichen Bei bände die Preise wichtiger Gebrauchsgegenstände zu verbilligen.
sonderbar. Wie war es überhaupt schon möglich gewesen, daß eine Hasselbach sich so weit vergessen konnte, und einst dem nordischen Fremden in seine ferne Heimat folgen? So etwas hätte sie doch nie und nimmer getan! Bleibe im Lande und nähre dich redlich, das war der Wahlfpruch der Lämmerzahls und somit auch der ihre. Alles andere war vom Hebet und brachte nur Mißverständnis und Aerger.
In stillem Grimm löffelte die Ratsherrin und hob den Kopf weder nach rechts noch links.
Elisabeth drückte heimlich unter dem Tisch Hellwigs Hand, denn sie hegte eine große Bewunderung und Zuneigung zu der fremten Base, die so anders war als alles, was sie kannte.
Die beiden Männer sprachen wShrenddesten ange- legentlich von Geschäften, wie um dem Denken eine andere Richtung zu geben.
Heilwig würgte an ihrem Brei. Sie konnte nichts esten. Immer sah sie das unablSstige Wogen der weiten WasterflSche vor sich, die ihre Augen vorhin in Hast und Sehnsucht gesucht.
O, daß fie in diese Stadt gekommen wart Sie hatte nicht geahnt, daß Heimweh so brennen und zehren könnte. Jeden Augenblick am Tage dachte sie, was jetzt wohl der blinde Ahne macht in seiner großen Einsamkeit! O, daß ich ihn verlästen konnte, ihn und den Fjord und die Festen und die weite, salzne See! Ob er noch lebte? Ob er auch so in Sehnsucht ihrer dachte? Ja, ja, sie wollte sich wohl hart machen und stark sein, weil es ja sein letzter Wunsch war, daß sie hier in Sicherheit sei. Wer es war so schwer — so bitter- schwer/ Und Heilwig graute vor diesem Leben zwischen den hohen, dunklen Stadtmauern und den vielen, vielen gaffenden, schwatzenden Menschen.
War sie wirklich erst einige wenige Wochen hier? Sie dünkten es "endlose Jahre in Kerker und Gefangenschaft.
Da klang ein'schmetternder Hornruf jäh durch die stillen Gaffen Und über den schweigenden Marktplatz. Und man hörte deutlich Pferdegetrappel vom Ktöpe- 1 liner Tor her.
Fulda er Zeitung
Amtlicher Anzeiger für den kreis und die Stadt Fulda. ___________
Der Betriebsräte-Kongreß.
In der gestrigen Sitzung des Bettiebsrätekongrefses erschien eine Aroeftslosendelegation im Saal und verlangte Sitz und Stimme. Der Kongreß entsprach dem Verlangen, um Störungen hintanzuhalten, worauf ein Arbeitsloser eine radikale Ansprache bleit. Alsdann ging der Kongreß zur Diskustion über die Referate von Wiffell und Dr. Hilferding über. Die Diskussion war sehr unergiebig. Charakteristisch mar nur das tiefe Mißtrauen gegen die Unternehmer, das fich durch alle Reden hindurchzieht. Der Ton war meist sehr radikal. Im Verlaufe der Sitzung erklärte der Bergmann Kiel, die arbeitet wollten zur Durchführung des Spaa- Abkommens tun, was sie konnten, aber sie wollten nicht hungern, um ben Ansprüchen des Auslandes zu genügen. Der Kongreß nahm eine Entschließung an, in ter nicht die Sozialisierung des Kohlenbergbaues, sondern des gesamten Bergbaues gefordert wird. Ferner wurde eine Entschließung angenommen, die dem Proletariat Rußlands vollste Sympathie des Kongresses ausspricht. Es wurde als Verpflichtung der deutschen Betriebsräte bezeichnet, jede Verteilung und ,j-den Transport von Waffen und Munition, die gegen Rußland verwendet werden konnten, mit allen Mitteln zu unterbinden.
Der Ratsherr sprang auf und beugte sich aus dem Fenster, und auch Frau Katrina hatte nichts Eiligeres zu tun, als das zweite Fenster weit aufzureißen und sich hinauszulehnen. Hinter den Ratsherrn war Beit getreten und suchte ihm über die Schulter zu sehen.
Langsam kam ein Fähnlein Gewappneter die Straße heruntergcritten auf den Marktplatz zu.
Da sttich sich Heinrich Hasselbach den langen, schwär- zen Bart und runzelte die Stirn.
„Die Hasenköpfe auf blauem Grund und die Wein» trauben auf zwiegeteiltem Feld! Wer sollte dies Wap- pen nicht kennen im Mecklenburger Lande? Könnt auch lieber bleiben, tro er hingehört, als eine friedsame Stadt beunruhigen. Schau, Kattine, das ist der Berend Maltzan, der dem Herzog Magnus ttotzt, wo er mir kann."
Die Ratsherrin bekreuzte sich.
„Gott schütze uns vorn» bösen Berndl" murmelte sie und sah dabei doch recht neugierig aus dem Fenster herab.
„Ein stolzer und stattlicher Herr!" sagte Beit be- wundernd — „wie sicher seine Hand den tollen Rappen lenkt, und wie ihm die Dgen blitzen in dem klugen
schiedenen Seiten und auch von solchen, die ein ge- f wistes Wohlwollen für die Sowjetregierung empfinden. Nach einem Telegramm aus Nerva sollten die I Eisenbahner tat Nordwesten Rußlands streiken und zwöls Moskauer Sowjetdelegierte erschosten haben. Fast I alle Arbeiter ter Petersburger Fabriken sollten in den I Ausstand eingetreten sein. Ferner melden Gerüchte, die Bevölkerung habe mehrere bolschewistische Kommis- I fare getötet, Trotzki sei verwundet. . I
Ein Schweizer Kommunistenführer, Naftonolrat I Platten, ter längere Zeft die Derhältniste in Rußland an Oft und Stelle sttidieft hat, sagt, das E l e n d in Rußland sei unerhört, es sei zu groß, als daß sich ter Rat ter Volkskommistare noch länger an der Macht halten könne. In den Städten stürbe man buchstäblich vor Hunger. Die in den Fabriken beschäftigten arbeitet seien elend ernährt und ihre Arbeitsleistung kläglich. Davon abgesehen fei der Arbeitsertrag auch durch den gewaltigen Abfchub von Arbeitern an die Front herabgemmdeft. Munition, Kleidung, Ausrüstung, Lokomotiven, alles fehle. Garn fei nicht auf- ] zutreiben, man klebe die Stoffe, da man sie nicht mehr nähen könne. Das rollende Eifenbahnmaterial befände sich in geradezu trostlosem Zustand. Mehr als 20 000 Lokomotiven seien unbenutzbar. Schließlich erzählt Platten noch, daß an ter Front kürzlich ein Regiment von 600 Mann, das den Gehorsam verweigert hatte, bis auf den letzten Mann samt feinen Offizieren zur Strafe hingerichtet wurde.
Polenherrschaft in Oberschlesien.
In Oberschlesien herrscht der von den Polen ae- schaffene Wirrwarr ununterbrochen. Die Abstimmungspolizei besteht nur zum geringen Teil auS Deutschen, in manchen Gebieten nur aus Polen, bte Offiziere sind größtenteils Polen und Franzosen. In dem Grenzgebiet, das die Polen bei ihrem Ein- fall besetzt hatten, herrschen sie unbeschränkt und lasten sich auch von den Alliierten nicht viel sagen. Lauge bat die Interalliierte Kommission diesem Treiben völlig untätig zugeseben, jetzt scheint sie etwas mehr durchgreifen zu wollen. Denn nach einer neuen Meldung lösen die Besatzungsbebörden jetzt die sog. Otiswehren uni), sonstigen wilden Polizei- oraanisationen auf. Die Palen in den Grenzbezirken leisten aber dem Wiedereinzuge der blauen Polizei besonderen Widerstand. Als der Myslowitzer französische Kreiskommandant diese Maßnahme in Der Stadtverordnetenversammlung bekannt oab, verursach) en die Polen einen unoeheuten Lärm und diobten mit dem bewaffneten Aufstand. Doch ist es zunächst noch nicht dazu getommen. Die blaue Poli- zei zog Tiepstag in Mysiowitz, von französischen und Abstimmungs-Offizieren geführt, ein und besetzten das Polizeigebäude, doch mußten zahlreiche Zusammenrottungen durch französisches Militär mit Waffengewalt gesprengt werden. Die Stimmung ist sehr erregt, ebenso in Bogutschütz. Ob die Franzosen energisch bleiben, wird sehr bezweifelt.