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FirldaerZeitung

Amtlicher Anzeiger für den kreis und die Stadt Fulda. _______

Nr. 232.

Verantwortlich |ür Öen redattionellen Teil: Karl «schütte, " für die Anzeigen: I. ParzeUer-Fulda. ~ Rotationsdruck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernsprecher Nr. 9. Telegr.-Adresse: Fulda er Zeitung

Mittwoch, 6. Oktober920-

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47. Zahrg.

Draußen wird es

Richt wahr, es ist unerhört.

Du

dunkel und das Kind ist immer noch nicht hier.

General - Versammlung der Görres-Geseilschaft

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kann, sodnren daß die Verluste dieses Amtes allein in­folge Aufwendungen für persönliche Entschädigungen jetzt schon über 500 Millionen Mark ausmachen. Und dabei hat das Monopolamt den im Auslande zum Preise von 12 bis 14 Mk. erworbenen Sprit im Jnlande mit 90 bis 100 Mk. und mehr verkauft, alfo Gewinne er­zielt, die selbst dem gerissensten SchieberEhre" mach­ten!

Die Axt ist an der Wurzel anzusetzen! Die Wurzel des Hebels aber sitzt in unseren behördlichen Or- ganisationen selber. Gewiß ist es eine heikle Sache, zu solchen Dingen Stellung zu nehmen, da keine Reichsstelle es mit ihren Beamten verderben will, und da andererseits in verschiedenen Parteien gerade die Beamtensragen als ein KräutleinRühr-mich-nicht-an" behandelt werden. Hier aber handelt es sich nicht mehr um wohlberechtigte Interessen der Beamtenschaft, son- dern um das allgemeine Interesse von Volk und Vaterland. Die Beamtenschaft selber hat das größte Interesse daran, daß einem in ihren Reihen er- wachsenen Schmarotzertum der Garaus ge- macht wird. Es muß gefordert werden, daß die Reichs­regierung unverzüglich die von ihr proklamierte Spar­samkeit in ihrer allernächsten Nähe zur Tat werden läßt. Denn aus der Weiterdauer der jetzigen Verhällnisse in deren Vorhandensein ja mit eine der Hauptursachen für die Reichsfinanzministerkise zu erblicken war, er­wächst dem Bestände des Reiches und der Existenz des Volkes eine furchtbare Gefahr.

Erfreulicherweise hat das Reichskabinett kürzlich den scharfen und beschleunigten Abbau der Kriegs- organisationen unter Mitwirkung und Mitkontrolle des Finanzministeriums beschlossen. Jeder Tag bringt neue Bestätigungen für die Auffassung, daß eine Gesundung unseres Wirtschaftslebens nicht möglich ist, solange die Kriegsbürokratie noch dreinzureden hat.

lang die Spaltung bereits vollzogen ist, weil die bis­herigen Parteiführer und die übrigen Gegner des An-« fchlusfes das Lokal verlassen und sich in einer eigenen, Versammlung für die rechtmäßige U. S. P. Württem­bergs erklärt haben .

3m ganzen scheint es, daß der Widerspruch gegen die Moskauer Diktatur sich stärker zeigt, als man er­wartet hatte. Es ist immerhin erfreulich, daß auch in diesen knallroten Kreisen, wo man sonst das nationale, Bewußtsein vermißte, sich noch weiterhin der Wider-, wille geltend macht gegen die K n e ch t s ch a f t, die Lenin, Trotzki und Radek den nichtrussischen Mitglie­dern ihrer Internationale zumuten wollten. Um so, erfreulicher, als nicht bloß aufgepeitschte Leidenschaft-, ten desProletariats" zu überwinden waren, fonbem: auch sehr reelle Geldspekulationen. DerVor­wärts" kennzeichnet diese durch die Randglosse zu dem Stuttgarter Vorgang:Die Kasse ist leer, es lebe Moskau." Die russischen Millionen, die schon von Joffe und Genossen den deutschen Radikalen zugeflos­sen sind, haben vielfach den Hunger nach weiterem Sold aus Moskau erregt. Den Gegnern despro- fitablen" Anschlusses kann man also eine gewisse An­erkennung nicht versagen für das nachträgliche Er­wachen ihres Ehrgefühls.

*

Nachdem in vielen Organisationen der Partei ein regel- rechter Fauftkampf um die Parteikasfe ausgetragen ist und nachdem der kommunistische Flügel sich dieser Kasse teilweise in einer Art bemächtigt hat, die mit Erpressung gleichsteht, wird nun die Zerselpmg auch in die Zei­tungen der U. S. P. gebracht. Ein solches Durchein­ander, ein solches Gegeneinander-Ausspielen der verschie­denen Richtungen, ein Hin- und Herzerren, wie es jetzt in den unabhängigen Presseorganen zu verfolgen ist, hat man in der Parteigeschuhte noch nicht gekannt. Am toll­sten gcht es im Berliner Zentval-Organ der Unabhängigen der Freiheit" zu. Dort hatte die Preß-Kommission am letzten Donnerstag mit 12 gegen 8 Stimmen beschlossen, daß sofort eine Neubesetzung der Redaktion zu erfolgen habe. Das bedeutet nichts anderes, als daß man die Re- I haft eure, welche nicht den Moskauer Bedingungen sich fügen und danach handeln wollen, unverzüglich auf die I Straße setzt. Die Redaktion ruchm gegen diese Entschei- I düng in derFreiheit" Stellung. Sie stellte dabei folgende I interessante Tatsache fest: nirgends, wo bisher ein Miß- I trauensootum gegen die Redaktion angenommen worden I ist, ist der Redaktion Gelegenheit gegeben worden, ihre 1 Auffassung darzustellen. So also geht man mit den gei* I stigen Arbeitern der Partei um. Die Redaktion derFrei- I heil" bezeichnet die Preß-Kommission alseine von Ge- I häffigkeit und Unfachlichkeit geleitete Körperschaft". Ihrer I Entscheidung will sie sich nicht fügen, sie ruft vielmehr die I Willensmeinung der Parteimitglieder an. Wie die Dinge nun aber in Berlin stehen, wird dieFreiheit"-Redaktion I mit diesem Appell nichts erreichen. Sie wird traft des demokratischen Prinzips" genau sofliegen" wie das seinerzeit mit denVorwärts"-Redakteuren geschehen ist. I Es wiederholt sich alles in der Welt, und es rächt sich I alles in der Welt.

Das Schwert von Thule.

Roman von Leontine von Winterfeld-Platen. I

2] ---------

.Das ist, Heilwig, well wir aus Thule kommen. I Richt alle Nordmänner kamen aus Thule, aber viele I Biele Vor tausend Jahren schon. Nun sind sie über die ganze Erde verstreut. In allen Orten und (Bauen gibt es einige wenige, die von Thule tarnen. Auch in den großen Städten im Südland. Die haben immer Heimweh und sind anders als die andern. Aber die andern verstehen sie nicht. Doch untereinander erten- nen sich die von Thule immer und überall. Denn sie haben dasselbe Blut in den Adern, uraltes, helliges Nordmännerblut.

Und sie haben all dieselbe Sehnsucht und dasselbe Heimweh. Das liest Du in ihren Augen, die herb und rein sind wie das Nordmeer. Ihnen kann des Südens Glut und der Städte Sumpf nichts anhaben. Die mußt Du aufsuchen, Heilwig, nur immer die. Du wirst sie schon erkennen, weil Du auch von Thule bist. Wo die Götter wohnten und das Recht und die Reinheit. Drum lasse ich Dich getrost ziehen, Heilwig. Du wirst die Heimat nicht vergessen und das, was sie in Dich gelegt"

Er stand auf und stützte sich auf feinen Stab.

'Siehst Du noch immer kein Segel, Heilwig?"

Da stand sie neben ihm, und ihr Anllitz war ernst und weiß aber ohne Rot.

Und ihre klaren, blauen Augen sahen weit in die Ferne.

Jetzt sehe ich ein Segel, Ahne, das von Süden kommt." . !

Sie sagte es fest und ruhig, aber ihre Hand zitterte, als sie sie leise auf ihr Herz legte.

Da tastete er nach ihrem Arm.

So laß uns hinabsteigen, Heilwig. Vielleicht, daß es von Deiner Sippe ist aus der Hansestadt."

Und sie stiegen langsam die Felsstufen hinunter an den Fjord.

Es war ein hohes, spitzgiebeliges Haus am Markt- platz der alten Hansestadt Rostock, das dem ehrsamen ind hochlöblichen Heinrich Hasselbach zu eigen gehörte.

Du mußt immer entschuldigen, Elisabeth, genau wie Veit. In Euch beiden steckt Eures Vaters Wider­spruchsgeist. Ich habe es Heilwig schon oft und oft ge­sagt, daß sich das nicht schickt. Sie kann es nun wirk­lich allmählich wissen."

Auf der breiten Holztreppe im Flur erklangen laute, knarrende Schritte.

Die beiden Frauen hoben zu gleicher Zeit den Kopf.

Der Vater und Veit", sagte Elisabeth und sah die Mutter ängstlich an. Und dann leise, wie bittend:

Sagt ihm doch nichts von Heilwig, Frau Mutter, bitte, er hat schon genug Sorgen in seinem Kopfe jetzt, die größer und schwerer sind als dies."

Da ging auch schon die Tür auf und über die Schwelle traten zwei Männer.

Es war Seit Hasselbach, der Sohn, ein kleiner, schmächtiger Mann mit gebeugtem Rücken und gefurch­ter Stirn. Aber unter bne buschigen Brauen blitzte ein kühnes und kluges Auge, und es lag viel Güte in sei­nem hageren Gesicht.

Anders der Ratsherr.

Er war von wuchtiger, imponierender Gestalt, und fein ganzes Auftreten zeigte Kraft und Selbstbewußt- fein. Ein langer, schwarzer Bart wallte ihm nieder auf die breite Brust, und fein Reden und Bewegen war sicher und ruhig. Man sagte ihm nach, daß sein Ehr­geiz sei, einst Bürgermeister von Rostock zu werden, zusammen mit Kerkhofs, dem jetzt regierenden Stadt­oberhaupt.

Die beiden Männer hatten den Frauen guten Adenv geboten und setzten sich nun, ein wenig müde und abge­spannt, an den schweren Eichentisch inmitten des Zim- \ mers. Es irrten dabei die Augen des Jüngsten rote 1 suchend im Gemach umher.

Es scheint sich aufzuklären zum Abend", sagte der Ratsherr und blickte zum Fenster.Es wäre wohl zu wünschen nach all dem Regen der letzten Zeit. 2tber roo ist unser neuer Hausgenosse, die blonde Heilwig?

Da konnte Frau Katrine nicht mehr an sich halten | tr0fa tier bittenden Blicke ihrer Tochter. Von ihrem Fenstersplatz sprang sie auf und trat zu dem Gallen | bin, beide Arme in die Seite gestemmt

3m WM. MNMüW,

bas heute abend 81/« llhr im Stabtfaal veranstaltet wird, sind die verehrlichen Mitglieder alter ange- totoffenen Vereine und Organisationen herrlich einge laben.

wntentomitee her Staat Wa.

sthiet, Vorsitzender.

So tarnt es nicht weitergehen!

Von unserem parlamentarischen Mstarbeiter.

Die Hauptfrage des Tages bleibt diefianzielle j und wirtfchaftlicheLagedes Reiches.So kann es nicht meiier gehen!" so hört man es aller­orten. Besorgt sagt es sich der Politiker, bestürzt der Dolkswirtfchaftler und in tmmpf ahnendem Gefühl der nahenden Katastrophe jeder Laie, der an dem Geschicke seines Volkes und Landes Anteil nimmt. Ist von Sei­ten der das Volk führenden Stellen auch alles getan, um das erste Erfordernis unserer Zest, das der Spar- j famkeit, zu erfüllen? Das Ministerium hat zweifellos i den besten Willen die Ausgaben einzuschränken und ! Sparsamkeit walten ssu lassen. Sie können aber nicht ' mit einem Schlage emgeftessene liebel beseitigen.

Die Wurzel unseres Finanzelendes liegt mit zum ; allergrößten Teile in der lleberorganlfation, \ die wir als ein unseliges Erbe aus der Kriegszeit noch bis heute beobachten. In den Behörden und Aemtern drängen sich die Beamten, dieReferenten", die auf ! Dienstvertrag" angestelltenHilfskräfte" und derglei- chen mehr. Es wirb eine geradezu wahnsinnige Ver­schwendung mit den Reichsgeldern getrieben. Das muß offen ausgesprochen werden. Alle Bemühungen des Ka­binetts Fehrenbach, hier Wandel zu schaffen,, sind an dem passiven Widerstand, ja auch an der offenen Auf­lehnung der Aemter felber bisher gescheitert. Das Volk muß von diesen Dingen wissen und erfahren, und es muß vom Volke aus mit aller gebotenen Energie auf eine gründliche Aenderung dieser Verhältnisse gedrängt werden.

Mit der Sparsamkeit muß in den Aemtern 'felber zuerst begonnen werden, sie muß im gehöri­gen Ausmaße erfolgen. Das bedingt eine reinliche Auskehr, die nicht gründlich genug betrieben werden kann. Es ist ein wahnsinniger Zustand, daß ein armes, niedergeschlagenes und durch den Verlust des Krieges total verarmtes Volk sich einen Beamtenapparat leistet, der Milliarden und Abermilliarden aus diesem darben- den Volk herauspreßt. Gegen einen solchen Zustand müßte sich das Volk leidenschafllich zur Wehr setzen. Nun müssen wir aber beobachten, daß es zuweilen behörd­liche Stellen selbst sind, welche behördliche Anordnungen sabotieren. Das geschieht beispielsweise in folgendem Falle: Der Berliner Demobllmachungsausschuß hat eine Verordnung herausgelassen des Inhalts, daß bestimmte Angestellte, die es nach Meinung dieses Ausschusses nicht nötig" haben, durch andere hilfsbedürftige Per­sonen ersetzt werden. Man geht mit einer beispiellosen Rigorosität vor, und man hat es fertig gebracht, daß ein Denunziantentum großgezogen wird, das auf die Moral unseres Volkes unheilvoll einwirkt. Nun kommt aber das Schlimmste: Diese Verordnung kann auf die Beam­ten in den Reichsämtern nicht angewandt wer- den, weil die betreffenden Behörden sich selber gegen die Verordnung einer anderen Behörde sträuben! Da­bei ist es Tatsache, daß gerade in den Reichsämtern Hunderte, ja tausende von Beamten sitzen, die ohne net­teres Ersetzung finden können, auf die die Voraussetzun- gen der Verordnung des Demobilmachungsausschufses zwar zutreffen, die es aber dank ihrerBeziehungen" nach Erlaß dieser Verordnung fertig gebracht haben, aus anderen Positionen zu flüchten, und in Reichs- ümtern Unterschlupf zu finden. So wird mit den Reichs- gelbem gehaust! Da soll doch ein Donnerwetter in diese Zustande hineinfahren! Was soll man auch dazu Jagen, daß, wie kürzlich aufgedeckt worden ist, zur Ab­lösung von Stenochpistinnen und ganz kleinen Hilfs­kräften im Reichs-Monopol-Amt Entschädigungssummen von 50 000, 60 000, ja in einzelnen Fstllen sogar 75 000 Mark bezahlt worden sind. Für solche Entschädigungen sind Millionen ausgegeben worden. Von dem Brannt­weinmonopol erwartete man eine jährliche Einnahme zu Gunsten des Reiches von mindestens 1% Milliarden Mark. Nun stellt sich bekanntlich heraus, daß von dem Eingang dieser Summe nicht nur nicht die Rede fein

Scheidemanns Parteipolitik.

Kassels Oberbürgermeister, Philipp Scheide- mann, der lange Zeit hindurch der mehrhettssozia- I Wischen Partei seinen Namen gab, veröffentlicht im Vorwärts" einen Artikel über Partei, Regierung und I Republik, der leider von viel Fanatismus, aber von I wenig staatsmännischer Gewissenhaftigkeit zeugt.

Er will nämlich vonderMitarbeit seiner Par- I tei in der Regierung nichts wissen und stellt doch die größten Ansprüche namens seiner Partei, als ob sie die Alleinherrschaft in Reich und Staat habe. I Alle Behörden sollen von denreaktionären" (Sternen- I ten gesäubert werden, mag es kosten, was es wolle, und zu Vertretern Deutschlands im Auslande sollen I nur ehrliche, überzeugte Republikaner erkoren werden dürfen. D. h. auf deutsch: Die Minister als die mühseligen Prügelknaben sollen allenfalls von den bür­gerlichen Parteien gestellt werden, aber die behaglichen Beamten- und Diplomatenposten sollen von der Sozialdemokratie besetzt werden? I

Hochmut kommt vor dem Fall, ruft Herr Scheide­mann aus. Dabei denkt er an den vermeintlichen Hochmut auf der Gegenseite und beachtet nicht, daß er selbst den Hochmut m Reinkultur betreibt. Dieser parteipolitische Größenwahnsinn ist nicht besonders zeit- gemäß nach dem ungünstigen Ausfall der Reichstags­wahlen, angesichts der offenbaren Furcht der Mehr­heitssozialisten vor dem Wettbewerb der radikalen Agi- I tatoren und nach der Unterwerfung der Gemäßigten I unter die Diktatur der Unabhängigen im Berliner Rat- Haus.

Die gegenwärtige Regierung hat die Führung der I Reichsgeschäfte übernommen in einer sehr schwierigen, fast verzweifelten Lage, nicht aus Ehrgeiz oder,Macht­gier, sondern aus opferwilligem Patriotis­mus. Sie hat auch wahrsich kein Hehl gemacht aus den inneren und außenpolitischen Schwierigkei­ten. Aber Herr Philipp Scheidemann behauptet dreist, die Herren hättenim Juni dem Volk das Blaue oom

Ein grauer, trüber Augusttag des Jahres 1476 neigte sich feinem Ende zu. Nebel und Wolken hingen schwer über den Dächern von Rostock, und früher als sonst sank j die Dämmerung in die schmalen, winkeligen Gassen.

Im großen, eichengetäfelten Wohnzimmer im ersten Stockwerk des Hasselbach-Hauses saß Frau Kathrine, des Ratsherrn strenge Gemahlin, spinnend auf erhöhtem Fenstersitz. Sie hatte ein rundes, roohlgepolstertes An­gesicht, aber e'nen klemen f-yr strengen Mund darin. Der ©Miet teuer der Frauenhaube war erst spärlich I mit grauen Haaren durchmisch- Ihre festen, Hände I drehten emsig den Faden, was sie aber nicht hinderte, I mit unmutig gekaufter Stirn von Zeit zu Zell hinaus- I zusehen auf den grauen Marktplatz.

I Ihr gegenüber in dem zweiten Fenster saß ein dun- I kelhaariges, blasses Mädchen, ihre einzige Tochter Elifa- I beth. Jetzt hob die Hasselbacherin mit fast hörbarem

Ruck den Kopf, daß die große Haube rauschte.

Hast Du schon einmal so etwas erlebt, Elisabeth? Jetzt schlägt es bereits sechs Uhr, und von Heilwig ist I immer noch nichts zu sehen. Wenn ich nur eine Ahnung I hätte, wo sie stecken mag!"

Das Gesicht der Ratsherrin war rot geworden vor I Erregung, und man merkte ihr an, daß sie nur müh- I fern den aufsteigenden Zorn unterdrückte. Das blaffe I Mädchen spann ruhig weiter.

Laß nur gut sein, Frau Mutter. Vielleicht ist sie I zum Krämer, um die Abendwecken zu holen, ober noch an der Bleiche am Fluß. Sie wird wohl jeden Augen- I blick kommen." I

Aber die Ratsherrin ereiferte sich immer mehr.

Und schickt sich das für ein ehrsames Mädchen, das I einen Ratsherrn Hasselbach zum Oheim hat, im Däm- I mem allein auf der Straße zu laufen? In Rostock versteht man etwas anderes unter züchtig und ehrbar."

Ihr müßt bedenken, Frau Muller, daß sie erst so kurze Zeit bei uns ist. Sie muß sich erst an die Sitten I und Gebräuche der Stadtleute gewöhnen. Sie hat mir oft erzählt, wie so ganz, ganz anders es war bei ihr da oben im Norden."

Die Ratsherrin trat unwillig mit ihrem kleinen Fuße | auf das Trittbrett des Rades, daß es leise ächzt

mußt ihr einmal ganz gehörig die Wahrheit sagen, Heinrich. Sa geht das nicht langer weiter."

Veit streckte seiner Mutter begütigend die Hand hin.

Sie wird wohl gleich kommen, Frau Mutter. Ich denke mir, sie ist am Wasser. Dieweil sie doch immer solch Heimweh hat danach."

Der Ratsherr nickte.

3a, auf einmal geht das nicht, Katrine. Sie muß sich allmählich gewöhnen, nach und nach. Es ist so an, ders da oben als hier bei uns in den Stadtmauern."

Währenddes hatte Elisabeth leise und sorglich bei. Abendimbiß hereingetragen mit der Magd und beit Tisch gedeckt. Jetzt stieß sie einen der beiden Fenster» flöget weit auf, denn man konnte sonst wenig sehen durch die Butzenscheiben. Mit suchenden Augen sah sie auf den Marktplatz nieder, ob sie Heilwig nirgends ent­decken könnte. Eine laue, feuchte Spätsommerluft flutete durch das offene Fenster. Man sah den Wolkenschleier hervorleuchten. Das gab ein wundersames, grelles Licht, daß man fast geblendet die Augen schließen mußte. Es hatte dies jähe Sonnenausblitzen in der buntlen Wetterwand fast etwas Wildes, Kampffrohes, als wollte es wie ein scharfes Schwert mit jähem Schnitt das Grau für immer durchfchneiden, das schwer und lastend über der scheuen Erde lag.

Und just als dieser goldrote Flammenschein so jäh und grell hineinfiel durch das offene Fenster in- bas düstere Gemach der Hasselbach, ward die Tür aufgesto- ßen und Heilwig trat über die Schwelle Sie schloß für eine Sekunde die Augen, well der Glanz von gegenüber sie blendete. Aber es war, als ob ihr Haar auflammte unter dem Kuh der Abendfonne wie lauter Gold. Mit raschen Schritten war sie an den Tisch getreten und hatte dem Licht den Rücken gewandt, um besser sehen zu können. Ihr Atem ging schnell, und ihre Wangen brannten, als sei sie sehr hastig gelaufen.

Wollet vergeben, wenn ich unzeittg he:mkomme, Frau Muhme. Es war nicht mein Wille gewesen, als ich ging."

(Fortsetzung folgt.)

Himmel herunter versprochen". Auf dieser blanken Erfindung konstruiert er nun drei Möglichkeiten: Ent- , weder machen sie ihreVersprechungen" wahr, oder sie «-suchen die Sozialdemokratiein , aller Form wie­der zu helfen", oder sie werdeneines Tages vom Unwillen des Volkes hmweggejagt". Ob das Wegjagen I durch die Stimmzettel erfolgen soll oder durch einen Ausstand, sagt er nicht. . .

Für die hinterhältige Tonart bezeichnend sst die Wendungin aller Form". Scheidemann weiß natur- I sich sehr gut, daß die Sozialdemokratie im Juni drin- I gend e i n g e l a d e n worden ist, weiter mitzuarbett m, wie sie es bisher getan hatte. Sie wollte aber aus parteipolitischer Selbsssucht sich in eine verantwortungs­lose Nankenstellung begeben und die heikle Arbeit an­deren überlassen. Wer mm nachträglich einen Hilferuf in aller Form" verlangt, der will keine Arbeitsge- meinschast mit anderen Parteien, sondern die Ueber- tragung der Alleinherrschaft an die Part« Scheide- mann. .

Wir unsererseits rechnen nicht mit drei Möglich­keiten der Zukunft, fonbem nur mit zweien. Ent­weder bleiben bei den künftigen Wahlen diebürger­lichen" Parteien im ganzen in der bisherigen Stärke bestehen, dann muß nach wie vor eine Koalition die Geschäfte sichren. Oder es ergibt sich eine durchlchla- genbe Mehrheit der sozialistisch-kommunistischen Par­teien auf der Linken; dann wird es im Reche ebenso I schlimm, wie im Berliner Rathause. Im letzteren Falle wird nicht etwa Herr Scheidemann zmn Diktator berufen sein, sondern die Radikalen werden mit dem gewohnten und erprobten Terror die Gewalt an sich bringen und wir treiben dann in das bolschewsstische Elend hinein. , ,

Sehr richtig sind die Schlußsätze des Scheidemann- schen Artikels, wenn man sie für sich betrachtet. Er meint, wir hätten alle Ursache, die Stimmung im Aus­lande zu beachten, denn ohne einen Umschwung dieser Stimmung zu unseren Gunsten sei an eine Revision des Friebensvertrages nicht zu denken. Das stimmt. Aber wird es zur Besserung der Auslandsstinrmung beitragen, wenn in Deutschland eine einseitige Klassen­herrschaft mit moskowitischer Tendenz sich auftäte? Oder ist es für unsere Weltgeltung nicht besser, wenn wir in einer Koalition der Ordnungsparteien alle Kräftezusammenfassen, die für den Wieder- aufbau Deutschlands in stetiger Friedensarbeit brauch­bar sind? w ______________

I Die Unabhängigen vor der Spaltung.

Innerhalb der unabhängigen sozialdemokratischcn Partei Deusschionds gehen heftige Kämpfe vor sich. Es handell sich, wie bekannt, um den Anschluß an Moskcm. Die diktatorischen Moskauer Bedingungen haben zahlreiche Anhänger und zahlreiche Gegner innerhalb der Partei. Arn 12. Oktober tritt nun der entscheidende Parteitag zusmnmen, der über die Annahme bezw. Ablehnung der Bedingungen entschei­den soll. Am Sonntag fanden im ganzen Reiche die Wahlen der Delegierten zu diesem Parteitag statt. So- wett deren Ergebnis bekannt geworden ist, zeigt es, welcher Wirrwarr und welches Durcheinander in der Partei herrscht. In Berlin hat sich eine geringe I Mehrheit für die Unterwerfung unter Lenins Dik- I toter ergeben, m den Vororten Berlins mit mehr Sn- I buftrie desgleichen, während die ländlichen Vororte | dagegen waren.

Sm allgemeinen werden die Gegner und bte Freunde des Anschlusses sich so ziemlich . die Woge I halten. Wenn dann schließlich mit einer kleinen Mehr­heit der entscheidende Beschluß gefaßt wird, so dürfte sich die starke Minderheit schwerlich fügen; es wäre also eine Scheiimng der Geister zu erwarten. Daher versieht das Organ der Mehrheitssozialisten, derDor- I märte", seinen Montagsbericht bereits mit der Ueber- fdjriftSpaltung der U. S. P." und hebt hervor, daß I in der Württemberg i scheu Landesversanun-