FuldaerZemmg
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Samstag, 2. Oktober 1920
Nr. 229
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Verantwortlich für den redattionellen Teil: Karl Schütte, - für die Anzeigen: I. Parzeller-Fulda. u Rotationsdruck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fuwa. Fernsprecher Nr. 9. Telegr.-s
Der Heilige Vater
<m den Würzburger Katholikentag.
Papst Benedikt XV. hat an den Fürsten Alois zu Loewenstedt durch den Kardinalstaatssekreiär Gafparri folgende Antwort auf die Kundgebung des Würzburger Vertrelertages der kath. Verbände Deutschlands richten lassen:
Der Hl. Vater hat mit großem Wohlwollen den Ausdruck der Ergebenheit, Liebe und Dankbarkeit entgegengenommen, den Eure Durchlaucht und alle Teilnehmer des Deutschen Katholikentages, die dort zur Beratung versammelt sind, dem Stellvertreter Jesu Christi übersandt haben. Das höchste Lob erteilte Se. Heiligkeit Euch für Euren Eifer, dafür Sorge zu tragen, daß Christi Kirche sich immerfort der absoluten, sichtlich erkennbaren und gesicherren Freiheit erfreue, in der ihr göttlicher Stfiter sie begründet hat. In diesen für den hl. Apostolischen Stuhl überaus schweren Zeilen hat der Hl. Later tiessten Trost geschöpft aus der starken Versicherung Eurer Treue. Se. Heiligtest dankt Euch dafür und spendet Eurer Durchlaucht und allen dort versammelten Teilnehmern des Bertretertages in größter Liebs den Apostolischen Segen.
Raub des Weichselufers.
- Ablehnung des deutschen Protestes.
Gegen jedes Recht und jede Vernunft, dem Abstimmungsergebnis ins Gesicht schlagend, hatte bekannt- üch der Botschafterrat das ganze rechte Weichselufer mst fünf Ortschaften von dem deutsch" bleibenden Teil Westpreußens losgerissen und Polen zugeschlagen. Die deutsche Regierung hatte gegen diese himmelschreiende Ungerechtigkeit der deutschen Friedenskonferenz eine eingehend begründete Protest, note überreicht. Auf diese Rote hat die K o n f e - renz jetzt eine Anwort überreichen lassen. Sie sagt idarm,
sie könne die Berechtigung des deutschen Protestes hei der Entgegennahme der Entscheidung nicht anerkennen. Die Mächte hätten in voller Ausübung ihrer Rechte gehandelt, die ihnen der Arttkel 97 des Friedensvertrages zuerkennt. Sie seien nur von dem alleinigen Wunsche geleitet worden, diesen Artikel anzuwenden: sie hätten ebensowenig das Selbstbestimmungsrecht der Völker verletzt (I), wie sie die wirtschaftlichen Notwendigkeiten des Landes verkannt hätten (I). Die deutsche Regierung könne sich übrigens nicht weigern, eine Entscheidung anzuerkennen, zu deren Annahme sie sich durch die Unterschrift unter den Friedensvertrag verpflichtet hat.
Dazu wird von deutscher Seite bemerkt, die Antwort vermeide sorgfältig jedes Eingehen auf den Pro- test der deutschen Regierung, besten Begründung eben nicht zu widerlegen sei. Auf jeden Fall bleib: diese neue Vergewaltigung deutschen Landes Tatsache. Ein neuer Beweis, daß wir von unseren Feinden keine Gerechtigkeit zu erwarten haben.
Die Brüsseler Konferenz.
In der Brüsseler Konferenz fahren die Vertreter der verschiedenen Staaten fort, Bilder Wer die Finanz- lage ihre Staaten zu entwickeln, von denen eines immer noch trostloser ist als das andere.
Der der Konferenz vorgelegte franz. Finanzbe- ri ch t schstdert die durch Kriegsmaßnahmen verursachten Schäden und die von Frankreich zur Ausmerzung Kefer Schäden unternommenen Anstrengungen. Die französische Regierung habe geglaubt, mcht auf die von Deutschland zu leistende Wiedergutmachung warten zu dürfen, sondern die notwendigen Vorschüfle geleistet. Sie gab bisher 30 Milliarden aus und erreichte, daß 77 v. H. aller Jnduftrieunternehmungen wieder aus- gebadet werden können und 66 v. H. des zerstörten Bodms wieder nutzbar sind. Dagegen wurde nur 6 v. H. der Kohlengruben wieder fn Betrieb gefetzt. Der WiÄeraufbau der Häuser und Dörfer hat kaum begonnen. 590 000 Häuser sind noch wiederherzustellen. Vom 31. Dezember 1919 bis Mn 31. Juli 1920 sei die Schuld Frankreichs um 16,35 Mlliarden gestiegen. Frankreich werde alle Schuld«: nicht zurückzahlen können, wen« der Friedensvertrag mcht durchgesührt werde.
Die Fmanzkonferenz begann gestern mst der Erörterung der Frage des internationale« Kredits. Ne ist dos Kernproblem der ganzen Der- hcmdlungm und alle anderen Fragen, mst denen sich Me Konferenz in den letzten Tagen beschäftigte, waren eigeiMch roetier nichts als Vorarbeiten dafür. Der Berichterstatter der „Frkft. Zig." faßt bas Ergebnis der gestrigen Sitzung in die Worte zusammen: Laßt alle Hoffmmg sochren, ihr, die ihr von der Konferenz ein positives Ergebnis aus finanziellem Gebiet oder gar Me Gnleitung wirksamer Akttonen für die Unterstützung noüeidender Staaten erwartet habt. England und Amerika, die, obwohl in verhältnismäßig günstiger Lage, doch nicht frei von inneren finanziellen Schwierigkeiten sind, wollen von Kosten in Form von An- feüjen von Staat zu Staat nichts wissen. Die (Sarantien aber, die ihre Finanzleute für private Kredite auf kommerzieller Grundlage fordern, vermag beute kein Land zu geben. So bleibt nur Lv Frage des Zusa mme nschlusses der notleidenden Staaten zu aktiver Selbsthilfe. Das einzige fertig ausgearbestete Projekt, das der Konferenz in dieser Hursicht msterbrestet worden, ist das des belgischen Ministe-rprästdenten Delacroix, der die Schaffung eines internationalen Kontroll- und, Emissionsmstilutes zur Finanzierung des zwischenstaatlichen Güteraustausches befürwortet. Die Kontrolle, Me ein solches Institut üben muß, würde indesten zu einer starken Beschränkung der staatlichen Autorität führen, die für ein großes Land unerträglich ist. Die beabsichtigte Ausgabe von Goldbonds würde eine neue Inflation zur Wirkung haben und die Diskontierung dieser Gold- bonds würde sekbst in Ländern mst Goldfiüstigkest auf Schwierigkesten stoßen. Der Berichterstatter der Konferenz, der ftanzösische Ministerialdirektor Gelier, beschränkte sich darauf, einigen dieser Bedenken Ausdruck zu geben, ohne jedoch, wie er meinte, dem Urteil der Konferenz nor greif en zu wollen. Dieses steht fcreäs fest. Es P ablehnend. Auf anderen Weaen
für Me Frage der Kreditgewährung eine Lösung zu finden, wird auch kaum möglich sein. Dann wird schließlich nichts anderes herauskommen als eine schon formulierte Resolution, mit der niemandem geholfen ist.
Traurige Folgen des Kohlenabkommens von Spaa.
Die Folgen des uns in Spaa vor zwei Monaten auf- gezwungenen Kohlenabkommens fangen allmähllch an fühl- bar zu werden. Di« Industrie nicht minder als die De- Hörden, sowie besonders das Privatpublikum sehen mit banger Sorge dem Winter entgegen und zerbrechen sich die Köpfe darüber, was werden soll, wenn sich herausstellt, daß die uns von der Entente gnädiglich gelassenen Kohlenmengen tatsächlich nicht ausreichen, wie das ja den Entente- vertretem in Spaa von unseren Delegierten bis zur Bewußtlosigkeit gepredigt worden ist. Dabei muß gesagt werden, daß der Ausfall, der bisher an die Entente ge- üeferten Kohlenmengen in seiner erschütternden Tragweite noch nicht so sehr in die Erscheinung getreten ist, well wir noch eine große Menge minderwertiges Brennmaterial Holz, Torf, Braunkohle, aller Art besitzen, mit dem wir uns einstweilsn beholfen hckben.
Der Ernst der Lage wird erst dann voll rmd ganz in die Erscheinung treten, wenn diejenigen Industrien und Betriebe, die nur hochwertige Steinkohlen aber kein minderwertiges Material gebrauchen können, mit ihren Kohlenförderungen herantveten werden.
Die Eisenbahn z. B., die nur gute Steinkohle ver- roerten kann, konnte im August nur noch mit Mühe mst den erforderlichen Mengen beliefert werden. Für die Schiffahrt dagegen reichtm die vorhandenen Mengen hochwertiger Steinkohlen schon nicht mehr aus. In Ham- bürg und Geestemünde liegt bereits eine große Zahl See- fifchdampfer aus Mangel an Kohle still. Ob unter diesen Umständen eine Wiederaufnahme des Derkehrs mst Ueber- fee in größerem Umfange als bisher möglich fein wird, erscheint fraglich. Den Gasanstalten konnten im August nur noch 75 bis 80 Prozent des gesamten Kontingents geliefert werden. Die Elektrizitätswerke haben schon Bstriebseinschränkrmgen und Betriebseinftellungen vornehmen muffen, sogar solche, die im Ruhrgebiet selbst liegen, von denen man es am allerwenigsten erwarten sollte, da diese doch der Kohle am nächsten sind. Bonden anderen industriellen Betriebszweigen lauten selbstverständlich die Nachrichten ähnlich. Der Monat August zeigt schon starke Einschränkungen und vorübergehende StiD- legung ganzer Betriebe. Die eigentliche Not der Industrie wird erst in einigen Monaten offen zu Tage treten. Ist bis dahin keine Sicherstellung der oberschle. fischen Kohle zu erwarten, so wird auch die aus dem Ruhrgebiet zu versorgende Industrie vor dem Zusammenbruch nicht mehr zu retten sein.
Berests jetzt macht sich infolge der mangelnden Der- sorgung der Wafierbauämter eine Versandung des Nardo st seekanals bei Brunsbüttel bemerkbM. Bei der Belieferung der Industrie der Steine unb Erden macht sich ein Ausfall von 20 Proz. geltend, bei der Glasindustrie von 50 Prozent. Besonders drückend ist Me Not in der Textilindustrie, in der auch der Mangel an Roh- stoffen eine Rolle spielt, ähnlich bei der Lederindustrie. In der Kaliindustrie beträgt der Rückgang gegenüber im Mai etwa 40 Proz., bei der Eisenindustrie, dem Rückgrat unserer gesamten Wirtschaft, hängt alles davon ab, ob wir in der Loge sind, di« Kohlenförderung zu steigern. Ohne eine Steigerung der Förderungsmengen können wir Me Eisenindustrie nicht ausreichend versorgen. Damst entfällt aber die Möglichkeit, die Erzeugung von Eisen und Stahl zu heben, was unbedingt nötig ist. Die Roheisenerzeugung ist von 19,3 Millionen Tonnen vor dem Krieg auf 6,2 Millionen Tonnen gesunken. Cs find berests Vorbereitungen zu wetteren Maßnahmen, Ausblasen weiterer Hochöfen, Stillegung ganzer Stahlwerke getroffen, da sich der Ausfall hochwertiger Steinkohle in keiner Weise ersetzen läßt. Trifft dieser Fall ein, ist der Zusammenbruch des gesamten Wirtschaftslebens besiegelt. Die Gewerkschaft „Deutscher Kaiser" z. B. sieht sich bereits genötigt, zur Aufrechterhaltung ihres Betriebes größere Mengen a m e- rikanischer Kohle aufzukaufen, ttotzdem ste Mrekts Berbindung mst Kohlenzechen hat.
Die Mindestbelieferung im August 1920 gegen- über Juni 1920 verteilt sich wie folgt: Reine Industrie rund 112 000 Tonnen, Elektrizitätswerke 41 000, Gaswerke 107 000, Eisenbahnen 320000, Hausbrand schätzungsweise 100 000.
Frankreich auf dem Sprung.
Die unhaltbare Lage, die in Europa durch den Friedensvertrag von Versailles geschaffen ist, findet ihre Stütze in der rachsüchtigen und haßerfüllten Hal- ttmg Frankreichs gegen Deutschland. Hier liegt der Angelpunkt für eine Lösung des unbefriedigten Zustandes in Mitteleuropa. Hier liegt aber auch der Gefahrenpunkt für wettere Verwicklungen, die sich aus der unhaltbaren Lage ergeben. Damm erscheint uns ein Aufsatz, den der „Grenzbote" (Rr. 31) von einer vertrauenswürdigen Seite, Me über „zuverlässige Beziehungen zu maßgebend«! Pariser Strilm verfügt", aus Paris erhält, wohl beachtenswert. Wir geben daher die wichtigsten Dellen dieses Aufsatzes wieder.
Ettlleüend heißt es, daß die französische Positik von heute „A n g ft" hätte vor dem wiedererwachenden Deutschland. Die heute in Frankreich maßgebenden Kreis« sind von der Rachsucht Deutschlands felsenfest überzeugt. Run steht chnen aber das unaufhaltsame Schwinden der eigenen Volkskraft vor Augen, daneben der bereits recht greifbare Formen annehmende Auflösungsprozeß innerhalb der Entente. Dies alles läßt das vereinsamende Frankreich vor einer Wiederstarkung Deutschlands den rettungslosen eigenen Untergang besorgen. Der Gedanke einer friedlichen Verständigung, der den vergebungs- freudigen und anbiederungsbeflisienen Deutschen ja so naheliegt, hat absolut keinen Platz in der Gedanken- wett des Romanen, dem kein Streben selbstverständ- sicher erscheint als das, für erlittene Unbill R a ch e zu nehmen. Somit ist die ganze französische Politik eigentlich kristallisiert um das Problem der dauernden Niederhaltung Deutsch lands.
Dies mußte Frankreichs Augen auf Rußland lenken. Vom Weltverkehr abgeschnitten, muß Deutschland zunächst feine wirtschaftliche Neuerstarkung bei seinen Nachbarn suchem Und da kommt ja Rußland mit einem großen Warenhunger und Reichtum an Rohstoffen in erster Linie in Frage. Und das wirtschaftliche Band kann zum politischen werden, gemein- farmes Elend ist ein gutes Bindemittel. Wie leicht könnte eine Liga der im Wettkrieg betrogenen imt> vergewaltigten Völker entstehen. Die russischen Men- schenmasien von deutschen Technikern ausgerüstet, vom deutschen Gsneralstab geführtl Kcku Wunder damit
wenn Frankreich mit größter Sorgfaü bemüht war, auch schon die kleinsten Anfänge einer solchen Entwicklung frühzeitig und gründlichst im Keim zu ersticken. Auf die Dauer würde natürlich Polen einem sowohl in Rußland wie in Deutschland wirksamen Zusammenstreben nicht Widerstand leisten können. Deshalb müs- en, um die Gewähr für Dauer der ftanzösischen Politik zu bieten, die Wurzeln solcher Triebkräfte unterbunden werden.
Die ftanzösische Polttik ist unterrichtet darüber, daß der Bolschewismus in einer ernsten Krise steht und daß man chm wohl keine lange Lebensdauer mehr geben wird dürfem Also gilt es für Frankreich, beizeiten die Fäden zu knüpfen, in deren Netz das zukünftige Rußland für die französischen Interessen gefangengehalten werden soll. Der sicherste Weg dazu ist natürlich Me Unterstützung der kommenden Männer Rußlands; so fft die Regierung Wrangels heute bereits fest an der Kandare. Das Doiwzgebier hat sie für 300 Millionen Goldsranken, Me sie erhielt, als Pfand Frankreich zufichern muffen. Neben Wränget sind weitere Mitglieder der wssischen Emigranten Vasallen Frankreichs geworden, um nur Hutschkow, Ssawinkow und vor allem Burzew zu nennen.
Trotz aller Sicherungen scheinen aber den Franzosen doch schon Zweifel an der Beständigkeit dieser von ihnen erzwungenen Gefolgschaft des werdenden Rußlands zu kommen. Auch die Erkenntnis, daß wirtschaftliche Notwendigkeiten Rußland und Deutschland späterhin doch zusammenführen müssen, und daß solche, in wirtschaftlichen Momenten begründete Entwicklungen durch künstliche Schranken meist nicht auszuhalten sind, mag dabei mitsprechen. Der gerade Weg ist, Deutschland vollends zu vernichten, solange Frankreich noch Zeit dazu hat. Das heißt, die Einheit des Deutschen Reiches zu zerstören, um sie nie wieder zuzulassen. In allen Tonarten ist dieses Lied schon im französischen Blätterwald seit Abschluß des Waffenstillstandes erklungen. Unverhohlen wurde festgestellt, daß der Vertrag von Versailles Stückwerk bleibe .solange er die deutsche Einhett nicht zu sprengen vermöge, Me die vornehmste Grundlage einer Wiedererstarkung Deutschlands bilde. Je mehr das Verhältnis zu den bisherigen Verbündeten, namentsich zu England, sich abkühlt, desto intensiver mahnen diese Gedanken die ftanzösische Polttik zur Tat, ehe es zu spät geworden ist. Um nun dem deutschen Volke nach Frankreichs Lebensinteressm seine Zukunft zu diktieren, ist nicht etwa, wie harmlose Leute in Deutschland meinen, die Besetzung des ganzen deutschen Reiches notwendig. Oberschlesien in polnischen, das Saargebiet in ftanzösischen Händen, genügt es, auch noch das Ruhrgebiet zu besetzen. Wer nicht gehorcht, bekommt Kohlensperre, das bedeutet la« Hünenhaftes Anwachsen t)er Arbeitslosigkeit, Stocken der Verkehrs, der Lebensmittelbelieferung der Städte, Hungersnot, Krawalle, Chaos. Nun ist es aber, um diesen letzten Schritt zu tun, der Frankreich noch von seinem Ziele trennt, notwendig, einen äußerlich unanfechtbaren Anlaß hierfür zu habem Der Friedensvertrag von Versailles böte hierfür ja zahlreiche, mit Liebe ersonnene Möglichkettem Nun ist es aber sehr störend, daß Dr. Simons immer wieder im letzten Moment die fein angelegten Pläne durchkreuzt. Da hat man mit viel Aufwand Me oberschlesi- sche Kohlenförderung in Unordnung bringen lassen, um Deutschland Vertragsbruch der Kohlenlieferung aufzunötigen. Spätestens im November 1920 soll das Ruhrgebiet besetzt fein, das fei der äußerste Tenmn, munkeln Eingewe'chte in Paris.
Die Grenzboten fügen bei, daß diese Ausführungen gewissen Kreisen nicht paffen werden, sie seien aber bereit, mit weitern Angaben zu dienen, wenn es nötig sei. Man mag über die Mitteilungen denken wie man will, der Verdacht ist nicht von der Hand zu weisen, daß Frankreich mit dem Gedanken spielt, gegen die Besetzung des Ruhrgebiets würde von Setten seiner Alliierten zwar ein mehr oder weniger ernsthafter Widerspruch erhoben werden, aber schließlich würde England und Italien sich dem festen Willen Frankreichs beugen. Es wird der deutschen Diplomatie nicht leicht werden, gegen Frankreich, das von Wllson in den Sattel gesetzt worden ist, und nun rücksichtslos darauf los reitet, mit Gründen des Rechts und der Billigkeit aufzukommen.
Wo es aber an Machtmitteln fehlt, wie bei uns, bleibt nichts anderes übrig, als daß man die Welt davon zu überzeugen sucht, daß das ftanzösische Gerede von der Kriegsschuld Deutschlands, das noch immer gegen uns ausgespielt wird, nichts anderes ist, als ein Mittel zur Bereicherung des Geldbeutels der ftanzösischen „Kulturnation*.
Me Me pariser presse hetzt.
In der Pariser Mittagszeitung „Paris ÜJliM' bemüht sich fett einigen Monaten Senator Henry Verenger den Nachweis zu führen, daß Deutschland das zahlungsunfähigste Land Europas fei. Er hat sich einige Wochen in Deutschland aufgehalten und erklärt, er könne gewissenhaft bestätigen, daß Deutschland nicht nur das bezahlen könne, was es schulde, sondern daß es auch von landwirtschaftlichem und industriellem Reichtume strotze. (!!) Wenn Deutschland feine Mark zum Sinken bringe, so wolle es dcttmrch besser leben und unter dem Schutz feines Papierbankerotts sich wieder erholen.
Im Anschluß daran sei bemerkt, daß Lauzanne im „Malin" es als eine riesige Schande der Verfertiger des Friedensverttages bezeichnet, daß sie ein derartiges Instrument fabriziert hätten, ein Instrument, das nicht weniger als 223 Setten voller Grundsätze, Klauseln, allgemeiner und besonderer Bestimmungen, Dor- schriften und Anordnungen, aber nur 1% Setten Garantien für die Ausführung enthalte. Es werde das ewige Verdienst Miüerands bleiben, Mefe Sicherungen langsam in den Dettrog hineingebracht zu haben. Lauzanne gibt dann den dringenden Rat, in der Wiedergutmachungsfrage nicht mehr Phrasen zu machen, sondern Strafen festzusetzen.
Der „Matin" treibt Me Deutschenhetze als Erwerb. Aber leider beeinflußt dieses verlogene Sensationsblaü der Pariser Presse Me Massen allzuheftig.
Italien gibt das „kleine" deutsche Eigentum heraus.
Der „Franks. Ztg.* wird'aus Rom gemeldete Die Regierung hat beschlossen, das kleine deutsche Eigentum bis 50 000 Lire des jetzigen Wertes herauszugeben. In Betracht kommen Barsummen, Handwerkszeug und kleine Immobilien. Die Maßnahme soll sozialen Charakter haben. Die Behandlung des größeren Eigentums ist noch ungeklärt; die Verhandlungen darüber schweben noch.
Der Abbau von Heer und Flotte.
150 000 Mann deutsche Reichswehr.
Gemäß dem in Spaa getroffenen Abkommen war hie Zahl der deutschen Reichswehr auf 150 OOO bis zum 1. Oktober herabzusetzen. Diese Zahl ist nunmehr, wie von gutunterrichleter Seite mitgeteilt wird, verwirklicht worden.
Die Stützpunkte der deutschen Flotte.
Die Entwertung der Kieler Börde als Kriegs- Hafen infolge der Schleifung der Festungswerke und die durch die Kohlenknappheit bedingte wirtschaftliche Notwendigkeit, die Minensuchverbände in der Nähe ihres Tätigkeitsgebiets zu stationieren, hat dazu geführt, einen Teil der Seestreitkräfte der Ostsee Swinemünde als Hauplstützpunkt zuzuweisen. Die Schiffsstammdivision soll Stralsund als Standort erhalten. Die beiden Seefestungen Swinemünde und Pili au werden von der Marine besetzt. In Kiel bleiben die wichtigsten Marinebehörden, die bisher dort ihren Sitz hatten, ferner die Küstenwehrabteilung und ein Teil der Seestreitkräfte.
Preutzische Landesversammlung.
Die Landesversammlung befaßte sich auch am Freitag mit einer Anzahl von Anträgen, welche die verschiedensten Gegenstände betrafen. U. a. stand zur Beratung ein Antrag des Abg. Dr. Schmittmann sZtr.) über die Schaffung von Einrichtungen für Minderbemittelte in den staatlichen und privaten Bädern. Eben, falls ein Antrag des Zentrums, vom Abg. Esser, betraf die Vergebung staatlicher Bauarbeiten zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit. Ein Antrag der Demokraten forderte die Erhöhung des Ehrensoldes der Krie'sveteranen. Die Beschaffung von Lebensmitteln für geflüchtete Oberschlesier betraf ein Antrag, der staatliche Unterstützung der ©etnetnben Schlesiens zu diesem Zwecke forderte. Die Aussprache bei den einzelnen Anträgen verlief durchaus ruhig und sachlich. Ebenso wie die Beratung von Anträgen des Zentrums bett, die Gewährung von Besatzungszulagen in den besetzten Gebieten. Die Anträge fanden im Sinne der Antragsteller ihre Er- ledigung.
Bei der Wahl zur preuß. Landesversammlung am 26. Ian. 1919 brachte das Zentrum in den künftig zum Wahlkreis Hanau gehörenden landräüichen Krei- fen insgesamt 53 974 Stimmen auf. Wir würden, gleiche Wahlbeteiligung vorausgesetzt, also auf ein Mandat rechnen können; gesichert ist das Mandat aber keineswegs, denn die erforderliche Stimmenzahl von 50 000, ist nur knapp überschritten. In den übrigen Kreisen Kurheffens erhielt das Zentrum 1919 nur noch 13 210 Stimmen, die erst durch die Zuweisung auf die Liste des Berbandswahlkreises wirksam würden. In ganz Hessen-Nassau (mit Wetzlar) betrug die Zahl der Zentrumsstimmen 199 753, also fast 200 000. Dem würden 4 Abgeordnete entsprechen, gegenwärtig wird das Zentrum in der Landesversammlung durch 5 heffen-nas» säuische Abgeordnete vertreten.
Bei der letzten Wahl zur Nationalversammlung war das Stimmenergebnis übrigens ein etwas 'anderes, eine amtliche Zusammenstellung darüber liegt noch nicht vor, sicher ist aber, daß die Aussichten für das Zentrum sich nicht gebessert haben.
Das preutzische Wahlgesetz.
Das Staalsmimsterium hat dem neuen Wahl" gesetz nunmehr zugestimmt. Es lehnt sich bekannt* lich an das Reichstagswahlrecht an und sieht Kreis- Wahl- und Verbandswahlvorschläge nach dem Belieben der Partei vor; der Staat wird in 74 kleine Wahlkreise und 19 Verbandswahlkreise eingeteilt. Die Zahl der Abgeordneten soll etwa 360 erreichen. Deshalb bat das Staaisministerium die Zahl der Stimmziffern, die zur Erlangung eines Mandats berechtigen, auf 50000 festgesetzt. Bei der ursprünglich in Aussicht genommenen Ziffer von 44000 Stimmen wäre bei einer Wahlbeteiligung von 80 w H. eine Verireterzahl von 410 herausgekommen.
Von den Wahlkreisen umfaßt:
Wahlkreis 56, Kassel-Nordwest, die Kreise Staffel Stadt und Land, Frankenberg, Fritzlar, Hofgeismar, Kirchhain, Marburg, Wolfhagen, Ziegenhain.
Wahlkreis 57, Hanau, umfaßt die Kreise Eschwege, Fulda, Gelnhausen, Gersfeld, Hanau Stadt und Land, Hersfeld, Homburg, Hünfeld, Melsungen, Rotenburg, Schlüchtern, Witzenhausen.
Wahlkreis 58, Limburg, umfaßt den Regierungsbezirk Wiesbaden-Nord.
Wahlkreis 59, Wiesbaden, umfaßt den Regierungsbezirk Wiesbaden-Süd.
Wahlkreis 60 bildet die Stadt Frankfurt a. M
Deutscher Reich.
* * Berlin, 1. Oki. Am 1. Oktober ist der General- Mrettor der preußischen Museen, Geheimrat v. Bode, aus seinem Amte geschieden. — Auf dem deutschen Pazisistenkongreß in Braunschweig wurde ein Antrag mit großer Mehrheit angenommen, der den Professor Friedrich Wilhelm Förster als Kandidaten für die Wahl des Reichspräsidenten empfiehlt.
* Der Reichskanzler an die technische Nothilse. Anläßlich des einjährigen Bestehens der Technischen Nothilst am 30. September hat Reichskanzler Fehlen- bach an deren Leitung ein Schreiben gerichtet, in dem es unter anderem heißt:
„Bei der Unterernährung und Entkräftung unserer Bevölkerung würde das Aussetzen lebenswichtiger Betriebe ganz besondere Gefahren für die Gesundheit der Bevölkerung, namentlich der Kranken und Schwachen, mit sich bringen. Es ist außerordentlich erfreulich, daß sich in dieser schweren Zeit eine stattliche Anzahl deutscher Männer und Frauen berett finden, um unter Lu-