Fuld aerZenung
Zreitag, 1. Oktober 1920
Nr. 228
>ecks Auf-
wch weder
«e Arbeiterschaft, ihren Egoismus auf ein vernü if- tiges Maß zu ermäßigen.
Vorerstkeine Zwangsanleihe, aber sofortige Einziehung des Reichsnotopfers.
Hierzu wird uns geschrieben:
Es ist in der »Fuldaer Zeitung^ schon früher darauf hingewiesen worden, daß das Reichsnowpfer- gesetz seinen Zweck verfehlt, die schwebenden Schulden des Reichs zu vermindern, weil es jedem Steuer- pflichtioen frei gestellt ist, erst innerhalb 30 oder gar 50 Jahren seine Steuerschuld zu bezahlen. Es wurde deshalb, weil erfahrungsgemäß die meisten kapitalkräftigen Leute aus mancherlei Gründen vorzieh en, von diesem Recht Gebrauch zu macken, so gaß nur gerinae Beträge in die Reichskasse fließen, empfohlen, an Stelle des Notopfers eine unverzinsliche Zwangsanleibe auszuschreibcn, die sofort gezahlt werden müßte.
Im Reicksfinanzministerium gewinnt jetzt nach mehrfachen Schwankungen die Ansicht die Oberhand,
motts (22), Pourzilhac (15), Cuers (146), Agay (63) und das Lazarett in Avignon (3). Wenn auch die Klagen über mangelhafte Beköstigung nicht mehr so häufig waren, so stellte sich doch die Lage der Kriegsgefangenen bezüglich Kleidung und Unterbringung und vor allem in seelischer Hinsicht als sehr traurig heraus. Die Entbehrung der Freiheit, der Mangel an religiöser Versorgung, das Leben unter hartem Kriegsgesetz, nachdem der Krieg schon seit zwei Jahren beendet ist, die sich immer steigernde Sehnsucht nach der in so tiefe Not geratenen Heimat, an der sie mit jeder Faser ihres Herzens hängen: das sind die Seelenqualen, die das Los unserer armen Landsleute fast unerträglich machen. Um so erhebender wirkten auf die Kriegsgefangenen die teilnehmenden Grüße der Heimat und die, wenn auch geringen Liebesgaben, die der Delegierte überbringen konnte. Trostreich und erhebend war für die Katholiken in den Lagern von Euers und Agar; die Teilnahme an einem Feldgottes- dienst sowie der Empfang -der hl. Sakramente, zumal manche die religiösen Heilsmittel lange Jahre hatten entbehren müßen.
Es ist dankbar zu begrüßen, daß es den ununterbrochenen Bemühungen der deutschen Bischöfe nun* mehr gelungen ist, auch in diese Strafgefangenenlager, die bisher allen Delegierten verschlossen waren, einen Boten der Heimat zu entsenden.
Die Finanzkonferenz.
Der gestrige Sitzungstag war der allgemeinm Besprechung der Frage der internationalen Handelsbeziehungen gewidmet. Hierbei hielt einer der Vizepräsidenten der Konferenz, der belgische Handels- minister de Vonters, die einleitende Rede. Die Wirkungen des Krieges und die noch anhaltenden staatlichen Eingriffe in das Wirtschaftsleben gäben dem internationalen Handel eine ganz neue Richtung. Als wichtige Voraussetzung für die Mederaufrichtung des internationalen Handels bezeichnete er ife Freiheit in der Wirtschaft. Alle einschränkenden Maßnahmen müßten abgebaut werden. Die anschließende Aussprache brachte keine wesentlich neuen Gedanken zum Ausdruck. Ein Vertreter Italiens betonte das Recht oller Staaten auf Rohstoffe. Bemerkenswert ist noch, daß der japanische Vertreter bemüht war, die von dem belgischen Handelsminister gekennzeichnete günstige wirtschaftliche Verfasiung seines Landes abzuschwächen. — Auch für die Frage des internationalen Handels wurde eine besondere Kommission gebildet, die über alle Einzelheiten noch zu beraten hat.
Aus dem von dem Präsidenten der Niederländischen Bank, V i s s e r i n g, zur Frage des Wechselkurses und des Geldproblems erstatteten Bericht ist noch hervorzuleben, daß Msiering entschieden gegen den Zustand anging, daß man Parlamentariern die Entscheidung über so 'tiefgehende Fachfragen überlasse. Er bekämpfte den lange Zeit unzerstörbaren Glauben der „starken" Staaten, daß selbst unter den gegenwärtigen Umständen Papiergeld als gesetzliches Zahlungsmittel gleichwertig sei mit Gold, ferner den Glauben des einzelnen, !>aß der Staat, finanziell genommen, etwas anderes fei als er selbst, während tatsächlich der einzelne nicht nur die Aktiva, sondern noch mehr die Pafliva des Staates zu tragen habe. Sehr deutlich wies Vissering auf das Uebel hin, daß der Staat und die Gemeinden, oft noch getrieben von Volksvertretungen, die nur politischen Vorstellungen zugänglich seien, der Verschlechterung des Geldes durch neue Ausgabe von Schuldpavie- ren geradezu in die Hand arbeiteten. Besonders betonte er, daß sowohl Lohn-wie Preiserhöhungen den Prozeß dex Geldentwertung unter den gegenwärsigen Umständen nur beschleunigen können, er setzte das izn einzelnen von neuem auseinander und richtete einen dringenden Appell an
(c) Provinziallandlagswahlen. Der preußischen Landesversammlung ist ein Entwurf betr. die Wahlen zu den Prooinziallandtagen und den Kreistagen zugegangen. Danach sollen die Prooinziallanb- tage mit Rücksicht auf die Vertretung der Provinzen im Staatsrat in direkter Wahl gewählt werden. Auch für die Kreistage sieht der Entwurf direkte Wahlen vor. Im Durchschnitt soll auf je 25 000 bis 50 000 Einwohnern ein Abgeordneter für den Provin- ziollandtag kommen. Die Einteilung der Wahlkreise soll so geregelt werden, daß auf jeden Wahlkreis we- Nigstms drei und möglichst nicht mehr als 6 Abgeordnete entfallen. Die Zahl der Kreistagsabgeordneten schwankt zwischen 24 und 48. Mit Inkrafttreten des Gesetzes am 1. Ian. 1921 werden die bestehenden Provinziallandtage und Kreistage aufgelöst. Der Zeitpunkt der Neuwahlen wird erstmalig von der Staats- rvgisrung festgesetzt.
Mehverschiebrmg nach dem Ausland.
llebec die am Sonntag in Königsberg abgehaltene Sitzung der ostpreußischen Viehhändler, worin über das Thema „ZwanMwirtschast oder freier Handel" gesprochen wurde, veröffentlicht die „Volkszeitung einen Bericht, der auf das in der ostpreußischen Vieh- wirtschast vorhandene Schieber- und Wu cher- tum bezeichnende Schlagüchter wirst. Ein Viehhändler erklärte, daß aus Ostpreußen allein im September 24000 Stück Vieh ausgeführt seien. Bei vollständiger Aufhebung der Zwangswirtschaft wurde bis Weihnachten kein brauchbares Stück mehr in Ostpreußen vorhanden sein. Ein anderer Händler machte die Mitteilung, daß bisher unter der Zwangswirtschaft das Vieh unter falscher Flagge ausgeführt wurde. Auf dem Berliner Magerviehhofe wurde das V°ch umdeklariert und ging dann nach auswärts (Brussel, Frankreich), während die Arbeiter in den Städten ge- hungert hätten. Zwei Mllionen habe ein derartiger Händler an 130 Ochsen verdient.
Hier liegt ein Gebiet vor, auf dem sich die „W a ch- samkeit" der Eisenbahner sehr zum Nutzen für die Allgemeinheit betätigen könnte.
Die Rot der deutschen Kriegsgefangenen in Frankreich.
Im Auftrage der kirchlichen Kriegshilfe Paderborn besuchte in den ersten Septemberwochen ein katholischer Geistlicher die noch immer in Südfrankreich zurückgehaltenen Kriegsgefangenen. Durch Vermittlung unserer Friedensdelegativn in Paris wurde vom ftanzö- sischen Kriegsministerium die Erlaubnis zum Besuch des Stammlagers Avignon und der verschiedenen Zweiglager erwirtt. 2km dem Geistlichen wird uns über die Lage der Gefangenen u. a. mitgeteilt: Es befinden sich dort im ganzen 299 sogenannte „Straf"- Gefangene, die nur mMürische Strafen zu verbüßen
Neuwahlen erst im Frühjahr.
Februar oder März sollen uns die Neuwahlen in Preußen bringen. So hat gestern der Aeltesten- rat der Landesoersammlung beschlossen, und bei diesem Termin wird es wohl bleiben.
Die Frist wird manchem lang erscheinen, aber die Verschiebung hat chre guten Gründe.
Die Rechtsparteien hatten sreilich beantragt, schon den 12. Dezember als Wahltermin zu bestimmen. Das war ein agitatorischer Schachzug, doch kein praktischer Vorschlag. Wenn im gegenwärtigen Augenblick die Verfassung und das Wahlgesetz schon six und fertig wären, so würden die verfügbaren zehn Wochen kaum ausreichen, um die Wählerlisten aufzustellen und aus- zulegen, die Wahlbezirke zu bilden, die Wahlvorstände zu berufen, die erforderliche Menge von Drucksachen fertigzustellen und zu versenden, usw. Nun haben wir aber in Preußen noch keine Verfasiung und kein Wahlgesetz. Soll aufs Geratewohl eine Baracke aus- gebaut werden ohne Fundament und ohne Stützen? Der hestehende Landtag ist als verfassunggebende Landesversammlung gewählt. Gerade setzt sind die Mehrheitsparteien im besten Zuge, diese ihre Ausgabe zu lösen. Diese Arbeit darf man nicht stören, wenn nicht ein zwingender Notstand vorliegt.
Ueberdies handelt es sich um noch etwas mehr als um die gesetzgeberische und technische Vorbereitung der Wahl. E s muß den Parteien Zeit gelassen werden zur Belehrung und Sammlung der Wähler. Eine überstürzte Wahlagüation mag wohl zulässig sein, wenn eine Auflösung der Volksvertretung erfolgt ist und die Sache sich um eine einzelne, durchschlagende Konfliktsfrage dreht. Dann läßt sich die Wahlnuß verhältnismäßig schnell knacken. Jetzt aber soll nicht Line Einzelheit entschieden, sondern für die ganze künftige Entwicklung Preußens, für seine innere Ordnung und sogar für seinen Umfang die Richtschnur gegeben werden. Das erfordert eine umfassende Belehrung der Wähler und ein ausgereiftes Urteil.
Von unseren Freunden im Preußenhause ist noch ein anderer Gesichtspunkt beleuchtet wordeit, der ernste Beachtung verdient. Die Wahlbewegung mit ihren vielen großen u. kleinen Versammlungen, mit der Lektüre der vielen Drucksachen, mit den politischen Gesprächen in der Werkstatt und so weiter wirkt vielfach hemmend auf die s ch a f f e n'b e Arbeit. Nun können wir aber gerade in den nächsten Monaten keine Ar- beitLstörungen vertragen. Wir müssen alle Kraft und alle Zeit zusammennehmen, um in dem schweren W i n Le r das wirtschaftliche und häusliche Leben in erträglichem Gang zu halten sowie die ü u s w ä r t i • gen Verpflichtungen zu erfüllen, von denen die Sicherheit unseres Landes abhängt.
Läßt man uns ausreichend Zeit, so können wir die Wchlgeschäfte gut und gern in den Mußestunden erledigen, ohne daß die schaffende Tätigkeit gestört wird.
Preußische Laudesversammluug.
Der Landesversammlung lagen am Donnerstag zur I Erledigung eine große Anzahl von Anfragen, Anträgen und kleinen Vorlagen vor. Unter anderem der Gejetzentwurf betr. das Gemeindewahlrecht in Hel- I goland, betr. die Abänderung der Zusammensetzung der Schuldeputatton, betr. das Hebammenwesen urtb Rech- I nungssachen, meist Gegenstände, die zu grundsätzlichen Auseinandersetzungen keinen Anlaß boten. Die Aus- I spräche bei den einzelnen Vorlagen hätte sich daher ohne I jede Reibung vollziehen lasten, wenn nicht die Unab- I hängigen, die offenbar durch die einschränkenden Abänderungen zum Gesetz Groß-Berlin stark verschnupft I sind, ihrem Aerger freien Lauf gelosten und verschiedentlich durch ihr Auftreten zu lärmenden Auseinander- fetzungen Veranlassung gegeben hätten. So entspann sich u. a. eine lebhafte Aussprache bei dem Gesetzentwurf betr. das Hebammenwesen, bei der sich namentlich durch I Zwischenrufe der Zehn-Gebote-Hoffmann als „literatur- I kundiger" und „bibelfester" Mann erwies.
In einer Polemik mit Rednern der Rechten bemühte sich Abg. Hoffmann und sein Genosse Meyl, ihre Ausführungen mit Bibelstellen zu belegen, sie wurden aber bald dahin belehrt, daß ihre Kenntnis in der Bibel nicht weit her ist. Roch viel schlechter scheint es um die Lite- raturkenntnis des einstmaligen Ministers der Bildung und Wissenschaft bestellt zu sein. Er verglich den Red- ner der Rechten unter schallendem Gelächter mit dem Kapuziner aus den „Räubern". Die Belehrungsoersuche aus dem Hause, daß der Kapuziner eine Figur aus dem Wallenstein ist, wies er mit der Bemerkung ab, das wäre ihm ganz egal, ein Kapuziner wäre der Redner der Rechten doch. Den Mitgliedern der Rechten scheint aber doch an der Bildung des Herrn Hoffmann sehr viel ! gelegen zu sein und sie ließen es sich nicht verdrießen, ihm aus der Bibliothek des Hauses ein Exemplar des Wallenstein zu verschaffen, um unter lebhafter Heiterkeit des Hauses Herrn Hoffmann durch den Augenschein zu belehren.
Unter den Anfragen verdient bemerkt zu werden eine solche des Abg. Hager (Ztr.) über die Z a h l u n g s u n- fähigkeit der Gemeinden. In der Begründung der Anfrage forderte der Abg. Hager die Regierung auf, schleunigst helfend den Gemeinden beizuspringen, damit schweres Unglück von ihnen abgewendet werde.
Der Gesetzentwurf zur Aenderung der Zusammen- ! setzung der Schuldeputation und Kommissionen wird nach betr Beschlüsten des Ausschusses in zweiter Lesung angenommen. Dabei wird gegen den Wider- spruch der Unabhängigen derPastus wiederhergestellt, daß der Geistliche ohne weiteres Mitglied der Deputation ist. Zur Anfrage des Zentrumsabg. Hager über die drohende Zahlungsunfähigkeit der Gemeinden, da noch Monate vergehen würden, bis das Reich den Gemeinden ihren Steueranteil entrichte, erwidert ein Regierungsvertreter, daß die Einnahmen aus den beiden ersten Steuervierteljahren 1920 den Gemeinden zufließen würden, um den drückendsten Sorgen zu begegnen. Ein Antrag Hoff- I mann (Unabh.) gegen den Abbruch von Ziegeleien wird angenommen, nachdem ein Regierungsvertreter darauf I hingewiesen hat, daß von 18 000 Ziegeleien etwa 250, I abgebrochen seien, von denen nur % noch betriebsfähig I war.
Freitag: Anfragen und Anträge.
Oberschlefien. i
In deroberscklesischen Abstimmungspoli- -ei ist von 13 bisher genannten Offizieren nur einer ein Deutscher. Ob auch Haller-Offtztere eingestellt sind, konnte noch nicht ermittelt werden. In den Lesehallen für die Abstimmnngspolizei findet man Zeitungen in den verschiedensten Sprachen, vor allem polnische — nur keine deutschen.
Wie das „Berl.TM." meldet, wurde in Buer (Westfalen) der polnische Agitator Kowal la fest- genommen. Er ist dadurch überführt worden, daß er einem Oberschlesier 1000 Mark gab, mit dem Ersuchen, für Polen einzutreten und den Deutsch« gesinnten Oberschlesiens ihr Stimmrecht abzulocken. Für jeden Stimmankauf eines Oberschlesiers ver« । sprach Kowalla 1000 Mark. Bei einer Haussuchung j wurde bei Kowalla Material vorgefunden, das den dringenden Verdacht rechtfertigt, daß die Großpolen des Industriegebiets mit Hilfe der Kommunisten die Bergarbeiter in einen Generalstreik treiben wollen, um so die Erfüllung des Abkommens von Spa unmöglich zu machen.
„Homme Libre" glaubt zu wiffen, daß die Volksabstimmung in Oberschlesien für den November vorgesehen sei.
Polnischer Raub.
Dienstag abend sind neun Schiffseigner mit ihren Familien aus dem von den Polen besetzten Bromberg nach Nienburg (Saale) zurückgekehrt, nachdem die Polen ihre wertvollen Kähne samt Geschirr weggenom- men und sie selbst ausgewiesen haben. Keine Legitimation berechtigt die Polen zu diesem Vorgehen, das sich als gemeiner Raub darstellt. Die Kähne repräsentieren einen Friedenswert von 183 000 Mark; der jetzige Wert beträgt etwa das Zwölffache. Ihre per- fönliche Habe konnten die Flüchtlinge in drei Waggons fortschaffen, deren Fracht allein bis Schneidemühl 3021 Mark betrug. In dem einen Waggon, der bisher :n Nienburg eingetroffen ist, war der Inhalt ganz verwüstet und nahezu vollständig unbrauchbar gemacht. Den Inhabern der Kähne und ihren Familien war feit Jahr und Tag von den Polen übel mitgespielt worden. Sie erzählen, daß etwa 100 Berufsgenossen ebenso wie sie selber von den Polen beraubt worden sind.
Ein Reichstagsmitqlied im Korridor festgehalten.
Der unabhängige Sozialdemokrat, Reichstagsabgeordneter Hertz, ist auf der Reise nach Marienburg bei Dirschan im polnischen Korridor von einem polnischen Offizier im Zuge verhaftet und dreißig Stunden lang von den polnischen Behörden festgehalten worden, obwohl alle seine Papiere in Ordnung waren. Die Paßkontrolle in Dirschau hatte ergeben, daß die Papiere von Hertz und von drei anderen in demselben Abteil reisenden Herren vollkommen in Ordnung waren. Unmittelbar vor Abgang des Zuges kam jedoch ein polnischer Offizier, revidierte die Päsie erneut und er- suchte alle vier Herren, den Zug zu verlasien. Der Zug hatte sich aber schon in Bewegung gesetzt, kurz vor der Brücke über die Weichsel wurde er zum
von einer Zwangsanleihe zwar abzusehen, aber die Befugnis der Steuerpflichtigen, ihre Schuld erst in 30—50 Jahren zu entrichten, auszuheben und das gesamte Notopfer sofort einzuziehen. Nur in solchen Fällen, wo die Einziehung ohne schwere wirtschaftliche Nachteile unmöglich wäre, soll eine, aber auch nur soweit unbedingt notige, Frist gegeben werden. _
Dieser Entschluß der Reichsregierung wurde dazu beitragen, unsere Reichsfinanzen und unsere wirtschaftlichen Verhältnisse überhaupt der Gesundung entgegenzuführen, vorausgesetzt, daß er rasch und mit der nötigen Energie durchge. führt wird.
Kurland.
* Die Konsereuz der englischen Bergwerksbesitzer und Bergarbeiter hat keine Uebereinhtnft erzielt. Die Streikgefahr besteht weiter.
* 3n Italien geht die Räumung der Fabriken hn allgemeinm friedlich vonstatten, nur in Turin ereigneten sich neue Zwischenfälle. In 1 ailand wurden Techniker und Beamte der Fabrik Pi. öi mißhandelt. Sie entfernten sich protestierend und erspra- chm, erst wiederkomemn zu wollen, wenn ihnen seitens der Arbeiter persönliche Sicherheit garantiert würde. Dies geschah, aber bei der Rückkehr wurden die Beamten neuerdings geschlagen. Darauf verließm alle Beamten die Fabrik.
* Die Rigaer Ariedensverhandlungen. Die Beratungen der polnisch-russischen Kommiffion über den Dorfriedensentwurf finben in geheimer Versammlung statt. Die Russen legten einen 15 Punkte umfassenden Entwurf vor, dessm Hauptpunkt folgender ist: Rückzug beider Armeen auf 25 Kilometer hinter der Demarkationslinie an sämtlichen Fronten. Die großen Erfolge der polnischen Truppen durch die Einnahme von Grodno und Uebergang über den Njemen riefen unter ben Sowjetdelegierten Besorgnis hervor und dürftm nicht ohne Einfluß auf die weitere Haltung der Rusten bleiben.
** Noch ein Winter in Sibirien! Vom 11. Jul! bis 6. September wurden in Narwa 44,440 Kriegsgefangene der Mittelmächte ausgetauscht. Indes müssen noch über 100,000 Kriegsgefangene abermals in Sibirien überwintern,
Aus vem besetzten Gebiet.
• neue Belastungen. .Echo de Paris- meldet, daß der Heeresetat für bte besetzten Gebiete im kommenden Etatsjahr den Bau von elf Kasernen und zwei Truppenübungsplätzen vorsieht. — Auf unsere Kosten natürlich.
* (Eine Mordtat in Oberingelheim. In Obenngel. heim kam es bei einer Tanziestlichkeit dadurch zu Zwistigkeiten, daß französische Soldaten sich auf dem Tanzboden einfanden und die Plätze der Tanzenden einnahmen. Sie entfernten sich schließlich; einige von ihnen schossen dann aber von außen durch die Fen. ster Beim Herausströmen der von einer Panik er- griffenen Festteilnehmer wurden mehrere Personen durch Schüsse verwundet. Ein junges Mädchen, die 16 jährige Elise Kaiser aus Frankfurt, wurde durch einen Lungenschuß so schwer verletzt, daß sie starb.
* westeuropäische Seit Der «otschafierrat hat es abgelehnt, tn dem besetzten Rheinland die mitteleuropäische Zeit wieder einzuführen.
Verantwortlich für den redaktionellen Teil: Karl Schütte, :: für die Anzeigen: I. ParzeIler-Fulda. __ .
Rotationsdruck u. Verlag der Fuldaer Aetiendmckereiin Fulda. Fernsprecher Nr. 9. Telegr.-Adresse: Fuldaer Zeitung
Halten gebracht, und die vier Reisenden zum Äus- steigen gezwungen. Alle vier wurden unter militärischer Begleitung zur Ortskommandantur ge» bracht und von dort ohne jedes Verhör «vecks Aufnahme zum Polizeigefängnis geschickt. Doch weder dieses, noch das GerichtSgefängnis boten Platz — angeblich waren beide überfüllt. Die Nacht mußten die Verhafteten auf Stühlen in der Wachtstube verbringen. Vom Hotel, wo die vier ihr Essen einnehmen durften, konnte sich Hertz mit seinen Parteifreunden in Danzig telephonisch in Verbindung setzen, ein Telegramm von ihm, das er zu demselben Zweck absandte, wurde von den Polen trotz vorheriger Zusage nicht befördert; die Entlassung erfolgte erst am anderen Tage.
Deutscher Reich.
** Berlin, 30. Sept. Der Generalsekretär des Völkerbundes hat der deutschen Regierung seine Einladung zu einer am 5. Oktober in Paris beginnenden Tagung des Ausschusses für Transit» und Verkehrs fragen zugehen lassen. Dte deutsche Regierung hat diese Einladung angenommen. Es handelt sich um Maßnahmen zur Erleichterung des internationalen Reiseverkehrs. —> Nunmehr hat auch der Volkswirtschaftliche Ausschuß, des Reichstags die erhöhten Malzzuwendungen an die Brauereien gegen die Stimmen der Unabhängigen gutgeheißen. Das bessere Bier soll vor allem der Gefahr einer Zunahme des Schnaps- genuffes entgegenwirken. — Der Hauptausschuß der Heeres- und Marinekammer ist zu einer neuen Tagung in Berlin versammelt. Das Wehr gesetz steht zur Erörterung. — Ein für Polen bestimmter Sanitätszug hat Brüssel verlassen. Entgegen anderen Meldungen denkt Deutschland nicht daran, Saniiätszüge anzuhalten. Aber natürlich ist eine Kontrolle der Züge erforderlich.
c Die preußische Wahlrechtsvorlage wird, wie wir zuverlässig hören, der preußischen Landesver- lammlung im Laufe der nächüen Woche zuaehen.
# Zur Sozlaliflerungsfrage. Im Großen Ausschuffe des Reichskohlenrates wurde auch das Arbeitsprogramm in der Sozlaliflerungsfrage besprochen. Die Vollversammlung des Reichskohlenrates soll am 14. Oktober d. I. stattfinden. Der Große Ausschuß war einmütig der Auffassung, daß, ausgehend von der Beratung im Plenum, eine sorgfältige Einzelberatung der ganzen Frage stattfinden soll, damit der Reichskohlenrat seiner- feite nach Erwägung der praktischen Möglichkeiten und Wirkungen Vorschläge unterbreiten kann. — Die Bestre- bangen zur Sozialisierung des Kohlenbergbaues haben gleichartige Bestrebungen auch bezüglich des Kohlenhandels hervorgerufen. Ein Mitglied des Betriebsrats der Berliner Kohlenstelle hat einen Plan zur Kommunalisierung des Kohlenhandels ausgearbeitet. Der Vorschlag wird von den Angestellten- und Arbeiteror- । ganisationen unterstützt und dürfte schon in einer der I nächsten Sitzungen der neuen Berliner Stadtverordne- ten-Dersammlung Beratungsgegenstand fein.
* Feindliche Brüder. Die Unabhängigen haben in der „Freiheit" vor einigen Tagen den Kommunisten vorgeworsen, daß sie von Moskau bezahlt werden. Darauf antworten jetzt die Kommunisten in der „Roten Fahne", die Unabhängigen müßten ein sehr kurzes Gedächtnis haben, denn gerade unabhängige Organisationen und Zeitungen hätten do Ische- wistisches Geld gern angenommen. Ncr- türlich sind beide Feststellungen richtig: der bolschewistische Rubel rollte gleichmäßig zu Unabhängigen I und Kommunisten.
c Gegen die Sriegsgesellschafken. Der volkswirtschast- I liche Ausschuß des Reichstags nahm am Mittwoch nach I längerer Besprechung der Zwangswirtschaft in der In- dustrie gegen 3 Stimmen der Unabhängigen folgenden I Antrag Keinath (Dem.), Allekotte (Ztr.) und Genoflen I an: Mit Rücksicht darauf, daß die Zwangswirtschaft I auf dem Gebiete der industriellen Rohstoffe und Fabrikate in zunehmendem Maße volkswirtschaftlich schädlich wirkt und immer weniger praktisch durchführbar wird, die Reichsregierung zu ersuchen, alle noch I bestehenden Kriegsgesellschaften und andere mit Monopolrechten ausgeftatteten Organisationen tunlichst bald aufzulösen, in der Uebergangszeit die Her- I absetzung des Personalbestandes auf das durch den tat- I sächlichen Geschäftsumfang gebotene Maß herbeizufüh. I ren und über die geschäftlichen Unternehmungen, insbesondere die Preispolitik dieser Gesellschaften eine g e- I naue Aufsicht auszuüben. Der Vertreter des Reichs- I Wirtschaftsministeriums, Staatssekretär Dr. Hirsch, er- I klärte sich mit der Entschließung ausdrücklich einverstan- I ben. Ferner teilte er mit, daß der Reichswirtschafsrat I nunmehr auf Ersuchen des Ausschusses zur N a ch p r ü. I fung des Geschäftsgebarens der Kriegsgesellschaften I drei Treuhänder benannt Hot. Die Treuhänder treten I noch im Laufe dieser Woche zusammen, der Ausschuß I voraussichtlich in der ertten Oktoberhälfte.
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