Fulda erZeitung
Nr. 227.
Veramwonttch für den revaUiovellen Teil: Karl Schütte, z für dir Anzeigen: I. Parzeiirr-Fulda. z Rotationsdruck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckeret in Fulda. Fern,, echer Nr. 9 Pelegr.-Adrrile: Fuldaer Zeitung
Donnerstag, 30. Sept. 1920.
Bezugspreis: Lconatlich 3,00 Mk. ohne Zustellgebühr. In Fulda bei unsabgeholt3,15 Mk. Anzeigenpreis: DieKtrinzrile (Lolonelmad) 60 pfg. u. 10°,» Zuschlag, die Reklamezeile (Textbrette) 1.80 2RL, u. IO0'« Zuschlag. Bet Wiederhol. Rabat».
47. Zahrg.
Die Finanzkonferenz.
Der gestrige Konferenziag biente bet Besprechung bet Geld- unb WechselkurSfrage. Die Grundlage für diese Besprechung war der Vortrag der Präsidenten dec Nieberländijchen Bank Dr. Vissering. Für Donnerilag wurde auf die Tagesordnung eine allgemeine Besprechung über die internationalen Handelsgesetze gesetzt. Zur näheren Unter,»!, .-lug der Gelb» unb Wechselkursfrage wirb noch ein besonderes Arbeiiskomiiee gebildet.
Der günstige Eindruck, den die Rede des deutschen Berlreters Bergmann in Konferenzkre-sen ausgelost hat, spiegelt sich auch m den Besprechungen der Brüsseler Presse wieder. Die „dnbepebance Beige" konstatiert die gespannte Aufmerksamkeit, mit der die ganze Versammlung den Darlegungen folgte, und die Ein- mütigkeit des Beifalls, den sie hervorriefen. Der „Malin Beige" hebt die große Gewandtheit hervor, mit der Bergmann sich der französischen Sprache bedient habe. Dos "XX. Siede" schreibt: „Wir müssen, um objektiv zu sein, gestehen, daß die mutige und doch bescheidene Rede des deutschen Delegierten den einmütigen Beifall aller Delegationen, einschließlich der belgischen und französischen gefunden hat.
In deutschen amüichen Kreisen zeigt sich eine recht zuversichtliche Stimmung über den bisherigen Verlauf der Brüsseler Konferenz. Den in Berlin eingetroffenen Mitteilungen der deutschen Vertreter in Brüssel glaubt man entnehmen zu können, daß sich alle Teilnehmer der Verhandlungen bemühen, die Vernunft sprechen zu lassen, We sich aus der gemeinsamen Rot der Zeit durchzusetzen beginne. Eine Ausnahmestellung nehme auch hier wieder Frankreich ein, und es sei deshalb bereits zwischen einem französischen und italieni- schen Delegierten zu sehr heftigen Auseinandersetzungen gekommen, die zuletzt einen persönlichen Charakter angenommen hätten. Den deutschen Vertretern sei ober versichert worden, daß man eine Uebertragung derartiger Reibereien auf die allgemeinen Sitzungen nicht dulden werde.
Wir werden gut tun, auf den günstigen Eindruck der Verhandlungen nicht allzu große Hoffnungen auf- zubauen. Die eigentlichen Politiker von beiden Seiten sind nicht da; es spricht nur die nüchterne Vernunft, unb da die Teilnehmer mehr Sachkenntnis haben, als dir Abgeordneten und Minister, so machen die Vorträge auch Eindruck. Was nachher die Politiker sagen werden, sicht auf einem anderen Blatt. Sm Übrigen hat die ganze Klage-Rederei wenig Zweck. Einer will Rettung vom anderen. Aber freilich, wenn alle Länder, sogar die Neutralen mit Jammerberichten kommen, dann kann erst recht Deutschland nicht mit der nüchter- nen Darlegung seiner Lage zurückhalten. Was da aber gesagt wird, weiß ja doch schon jeder Teilnchmer und was vorgeschlagen wird, ist noch längst nicht ausgeführt. Wer soll z. B. die von Bergmann verlangte Hebung Deutschlands in den Weltverkehr bewirken? Etwa die anderen? Die nchmen uns höchstens mit, soweit sie uns zu ihrer eigenen Gesundung brauchen; wir bleiben dann aber stets das fünfte Rad am Wagen. Selbst müssen wir uns helfen, müssen unsere Arbeit wieder in glatten Lauf bringen. 3n den Mittel- und Kleinstädten und auf dem Lande ist die Arbeft erfreulicherweise kaum erheblich unter« brachen worden, aber in den Großstädten und in den eigentlichen Industriebezirken gibt es alle Augenblicke Arbeitsstörungen und dazu werden dann noch unnütze, schädliche, aus politischen Motiven diktierte Wirtschaftsexperimente gemacht. Da kann uns das Ausland nicht helfen, bas muffen wir selber tun.
Wenn Brüssel uns helfen sollte, hätte es die en d- gültige Festsetzung dessen bringen müffen, was
Die perlen der Eggenbrechts.
45] Roman von Alexandra von Bosse.
(SlUue.)
Silvia verstand nicht gleich, was sie sollte, und schüt- feite den Kopf.
„Nein! Sie waren im Koffer — in dem Etui da, und den Koster hatte ich . . sie brach ab, da sie sah, wie es zornig in Wolfs Augen aufblitzte, und er dabei eine verzweifelte Geberde mit den Händen machte, und blickte ihn fragend fasiungslos und bann langsam be- greifend an. Do rief schon der Referendar und hob anklagend die Rechte:
„Einbruch! Raub! Sofort muß das .Haus alarmiert werden."
„Mein Gott — stt es möglich? Wie entsetzlich!" klagte Therese und schmiegte sich ängstlich an Branding.
„Wer wo ist denn der Einbrecher hingekommen?" fragte die praktische Alice, sich umblickend. „Er müßte doch noch hier sein, denn die Tür zum Gang war ja verschlosien!" ।
„Sofort muß nachgeforscht werden!" rief sehr energisch Branding. „Die Perlen müffen sich finden! Sogleich muß zunächst die Dienerschaft geweckt werden und ..." Et wollte an die Klingel. Da sagte plötzlich Wolf ganz ruhig:
„Die Perlen habe ich!"
Allgemeine, fasiungslose Verblüffung folgte seinen Worten. Minutenlang stand alles sprachlos, und Silvia war schneebleich geworden, stützte sich mit beiden Händen auf die Lehne eines Stuhles; es schien, als würde sie ohnmächtig. Endlich ftammette Therese mit weit oufgeriffenen Augen:
„Sie haben die Perlen . . .? Aber — wie — wie kommen Sie denn dazu?"
„Ganz einfach," erklärte Wolf mit der Gelassenheit eines Verbrechers, der, nachdem er einmal gestanden bat, einsieht, daß es am gescheitesten ist, die volle Wahr- heft zu sagen. „Sie wisien alle, daß ich der Perlen wegen nicht prozesiieren wollte, wie ich mußte, wenn Kusine Silvia nicht freiwillig auf ihren Besitz verachtete. Also benützte ich die günsttge Gelegenheit unb bette sie mir."
.Himmelherrgott, da hat der verflixte Kerl doch noch die Wette gewonnen!" entfuhr es Weltin halblaut, aber tiemanb gab auf feine Wbrte acht, weil nun Branding Mit geballten Händen auf Wolf zuttot.
die Feind« von uns verlangen. Das tut diese Konferenz aber nicht, weil die Franzosen es nicht dulden.
Empfang des Botschafters Mayer im Elysöe.
Der Präsident der französstchen Republik empfing am Mittwoch nachmittag den deutschen Botschafter Dr. Mayer, der ihm sein Beglaubigungsschreiben als außerordentlicher Bevollmächtigter Deutschlands in Paris überreichte. Bei der Ueberreichung seines Beglaubigungsschreibens hielt Dr. Mayer folgende Ansprache: „Herr Präsident! Da di« deutsche Regierung nach dem Beispiel der Regierung der französischen Republik die diplo- malischen Beziehungen zwischen den beiden Ländern in ihrem vollständigen Umfange wiederherzustellen wünscht, habe ich die Ehre, Ihnen hiermit mein Beglaubigungsschreiben als Botschafter Deutschlands in Paris zu Überreichen. Aus der vom Versailler Beitrag geschaffenen Grundlage werde ich fortfafjren, wie ich es bis jetzt in meiner Eigenschaft als Geschäftsträger bestrebt war, im Ein- Verständnis mit Ihren und entsprechend den Intentionen meiner Regienmg alle meine Bemühungen einer gün- fügen Entwicklung der Beziehungen zwischen unseren Ländern zu widmen. Ich bin mir der Schwierig- teiten, die sich dem entgegenstellen, voll bewußt, habe jedoch das beste Vertrauen, daß dank Ihrer Unterstützung und der Hilfe der Regierung der Republik die Bemühungen meiner Regierung von Erfolg gekrönt sein werden. Indem ich dieser Hoffnung Ausdruck gebe, bitte ich Sie, den Ausdruck meiner Hochachtung für den höchsten Beamten der Republik entgegennehmen zu wollen."
Mi Heran b antwortete:
„Herr Botschafter! Mft Genugtuung nehme ich aus Ihren Händen das Schreiben, das Sie bei mir als Bot- fchaster Deutschlands beglaubigt, entgegen. Es freut mich in der Tat, Sie erklären zu hören, daß sie sich bemühen werden, die Intentionen Ihrer Regierung zu verwirklichen, indem Sie auf der Grundlage des Versailler Vertrages die günstige Entwickelung der Beziehungen, die zwischen unseren beiden Ländern hergestellt werden sollen, sichern. Die ganze Politik der Regierung der Republik Deustchland gegenüber wird vom gleichen Gedanken fein. Die loyale Durchführung des feierlichen Pattes, der dem Krieg ein Ende machte, ist das einzige Mittel, die ernsten Schwie- rigierten zu lösen, die zwischen den beiden Nationen be- stehen und die ihnen noch nicht erlauben, an dm großen Friedenswerken ganz zusmmnm zu arbeiten. Die Art, wie Sie die provisorische Geschäftsführung leiten, ist mir eine Garantie für oie hohe Auffassung, die Sie von Ihrer Ausgabe haben. Mit voller Aufrichtigkeit entbiete ich Ihnen daher meine bestm Wünsche für den (Erfolg Ihrer Mission."
Bei dem Empfang war auch der Mimsterpräsident Leygues zugegen.
Neudeutsche Sparsamkeit.
Unter dieser Ueberschrift lesen wir in der ,Münchener Leitung': Man darf angesichts des von Dr. Wirth ent- hüllten Fincmzelends daran erinnern, daß einsichtige und wertsichtige Politiker schon lange Zeit darauf hin- gewresen haben, daß die Verwaltung des Reiches, das trotz feiner Verengung und Verelendung heute mehr als 27 Milliarden kostet, für unS viel zu der- schwenderisch ist. Man darf daran erinnern» daß kürzlich eine Statistik bewies, daß auf jeden fünf, zehnten lebendigen Deutschen (Greise, Säuglinge und alle Frauen mitgerechnet) ein Beamter kommt. Wenn sich in diesen schweren Zeiten süns Deutsche (denn mehr werden von den fünfzehn nicht erwerbsfähig fein), plagen müffen, um einen sechsten zu ernähren, der sie verwaltet und regiert, so ist von vornherein ersichtlich, daß unsere nationale Wirtschaft materiell ungesund ist und zweifellos auch ökonomisch falsch organisiert ist. Mit erfreulicher Genugtuung hat man daher festzustellen, daß wenigstens iti Zukunft der Vermehrung de» Beamtenheeres Einhalt getan werden foll. ES sollen keine neuen Beamtenstellen mehr geschaffen, eS sollen die vorhandenen abgebaut werden. Von dem Entschluß zur Durchführung ist sicherlich noch ein weiter Weg — um so mehr, als uns Deutschen der
„Was habm Sie getan? Hier in dies Zimmer sind Sie eingedrungen bei Nacht! Haben den Koffer durchwühlt? Die Perlen geraubt? Herr —* donnerte er, und Weltin schloß schnell die Tür nach dem Gange, damit von dem lauten Sttrnmenschall nicht noch mehr Schläfer geweckt wurden.
„Herr von Eggenbrecht, dafür werden Sie mir Rechenschaft geben!" schloß Branding zornbebend und hob die Faust, als wolle er sich auf Wolf stürzen.
„Nein!" rief plötzlich Silvias klare Stimme, unb sie trat zwischen die Herren und hob abwehrend die Hand gegen Branding auf. „Nein," wiederholte sie, „nichr Ihnen, Sjirr von Branding, nur mir allein hat mein Detter Rechenschaft zu geben. Niemanben als mir! Unb ich — ich . . .'
Ihre Stimme versagte, solche Angst burchzitterte sie, weil sie fürchtete, es könnte zwischen Wolf und Branding ihretwegen noch zu Beleidigungen kommen, die nur ein Zweikampf zu sühnen vermochte. Sie preßte die Linke auf das flatternde Herz, hotte ein paarmal tief Atem, dann klang wieder klar ihre Stimme durch den Raum:
„Was geschehen ist, bleibt ganz allein meine und meines Detters Angelegenheit, niemand soll sich ein- mffchen! Ich habe oft gewünscht und das auch ausgesprochen, man würde mir die Perlen gewaltsam nehmen müssen, weil ich fie freiwillig nicht hergeben dürfte. Heute ist nur geschehen, was ich wünschte."
„Silvia!" rief Wolf ganz leise aus.
Alles stand regungslos, wie gebannt, der alte Kämmerherr und der Referendar aber sahen sich an und gleichzeitig formten ihre Lippen ein Wort „Die Wette!"
Silvia aber hatte sich auf den leisen Anruf zu Wolf herumgewandt, legte ihre Hand auf feinen Arm, unb ein mattes Lächeln glitt um ihre Lippen, als sie leise sagte:
„Wolf, ich vergebe — ich weiß ja, Sie haben es nur getan „ ."
„Ja, weil ich Dich (lebe, Silvia! Weil ich Dich liebe!" rief er. alles unb alle ringsum oergeffenb. Und schon lag sein Arm um ihre Schultern, er zog sie an sick, die wohl zuerst zurückwich, bann aber wie erschöpft ihre Stirn an seine Brust lehnte.
Sogar Stettin wurde durch diese plötzliche Wendung überrascht,, aber sie gefiel ihm. Das war doch mal eine originelle Liebeserklärung und Verlobung! Therese faltete ganz sprachlos die Hände unb sah Branding an, besten finsteres Gesicht tief erblaßt war. Allee preßte die Livoen scharf aufeinander, zuckte dann die Achseln.
Drang zum Organisieren und zum Organisiertwerd,n, zum Verwalten und zum Verwaltetwerden so tief im Blute liest, daß wir noch künstlich unser Elend organisieren Die Zwangswirtschaft hat un8 tm letzten Jahre 14 Milliarden Mark gekostet. Nun liegt« die Dinge aber so, daß wir jene 14 Milliarden Unkosten der Zwangswirtschaft ganz außerhalb der eigentlichen Aus- gaben für Steuern usw. aufzubringen haben, sie sind eine Extrasteuer in Höhe von 235 Mark auf den Kopf unserer 60 Millionenbevölkerung. Während des Krieges reichte die Summe von 14 Milliarden hin, um ein halbes Jahr Krieg zu führen, um Millionenheere auszuftatten und zu erhalten. Heute brauchen wir die gleiche Summe, nicht etwa um irgend etwas zu produzieren ober zu leisten, sondern lediglich um Nicht- Vorhandenes zu verwalten und zu verteuern......
Aus dem besetzten Gebiet.
• Bestrafung wegen der Singens patriotischer Lieder. Auf einem Jahrmarkt tu Kreuznach wurde in einem Wemzelt u. a. auch das Lied ,O, Deutschland hoch in Ehren" gesungen. Es befanden sich keine uniformierte Franzosen tm Zelt. Am nächsten Tage wurde der Besitzer deS WeinzeltS und der Musikdirektor verhaftet, nach zehn Tagen noch zwei Herren, die mitgesungen hatten. Bei der Verhandluna wurde der Besitzer des Weinlokals mit 15 Tagen Gefängnis, die beiden Sänger und der Musiker mit je zwei Monate GefängnrS be- straft. Einige Tage vor dem Vorfall hatten rheinische Zeitungen die Mitteilung gebracht, daß patriotische Lieder künftig wieder gesungen werden dürfen, sofern sie nicht herausfordernd wirkten. Die Angeklagten beriefen sich vergeblich auf diese nicht widerrufene Mit- teilung.
Die Großfunkstelle Nauen.
Gestern wurde in Anwesenheit deS Reichspräsidenten, der Reichsminister GieSbertS, Dr. Geßler und Dr. Schulz der Erweiterungsbau der Großfunkstelle Nauen feierlrchst eingeweiht. Nachdem Direktor Fricke die Säfte begrüßt hatte, hielt Graf Arco einen durch Filmvorführung lebendig ergänzten Vortrag über die den ganzen Erdball umspannenden technischen Einrichtungen der Station. Hierauf ergriff der R eich S- präsident das Wort, um den Dank der Gäste unb die besten Wünsche für daS neuvollendete bedeutende Werk auszusprechen. Nachdem noch Reichsminister GieSbertS gesprochen hatte, folgte ein Rundgang durch die Anlagen der Station. Ministerialdirektor Dr. Bredow sandte einen Rundfunkspruch ,21 n_Sitte!" in die Welt hinaus, in dem die Eröffnung der totation mitgeteilt wird Etwa zwei Stunden nach Eröffnung der Festsitzung liefen bereits aus vier Weltteilen die Antworten auf das Telegramm ein.
Um dem Laien einen Begriff zu geben von den Riesenausmaßen der neuerrichteten 250 Meter hohen Antennenmasten, genügt der Hinweis, daß ein geübter, im Steigen besonders auSgeblldeter Monteur etwa drei» viertel Stunden gebraucht, um bis zur Spitze zu gelangen. Der bis jetzt erreichte Aktionsradius beträgt 20000 Km., umfaßt also die Hälfte des WeltumsangeS. Hauptsächlich wird uns die neue Funkenstation, bei den mit Amerika unterbrochenen Verbindungen durch neue Aufnahmebeziehungen hervorragende Dienste leisten. Allerdings ist zu betonen, daß die Ausschaltung unserer, uns durch die Entente geraubten überseeischen Kabel nach dem jetzigen Stande der Technik zwar zum grüßten Teil aber doch nicht völlig ausgeglichen werden kann.
Preußische Landesversummluug.
Die Sitzung der Landesversammlung stand am Mittwoch im Zeichen der O bstruktion der sozialdemokratischen Parteien. Das war für einen aufmerksamen Beobachter der Ereignisse in der Landes- Versammlung keine Ueberrafchung. Die bürgerlichen Parteien hatten denn auch möglichst alle ihre Mitglieder herbeizuholen versucht, sodaß das Haus zunächst eine gute Besetzung aufwies.
„Abgekartetes Spiel!" zischte sie ihrem Vater zu, der sich plötzlich darauf besann, daß er im Schlafrock war, und hastig die rote bequaftete Schnur vorne fester zusammenzog. Der Referendar machte erst ein sehr dum- mes Gesicht, dann sagte er langsam:
„Ja, — da muß man ja eigentlich gratulieren!"
„Getroffen!" rief lachend Weltin. „Aber meine Herrschaften, das wollen wir uns für morgen aufsparen, wenn Sie alle einverstanden sind. Die Frau Ynro :in braucht jetzt vor allem Ruhe."
Die Domen lächelten zustimmend.
„Io, es ist spät," meinte der Kammerherr.
„Stein, früh," widersprach Weltin.
„Gehen wir!" sagte der Referendar.
„Roch nicht!" rief Weltin. „Meine Herrschaften, ehe wir das Zimmer verlassen, geloben wir einmütig un- verbrüchliches Schweigen über alles, was heute nacht sich hier ereignet hat. Es darf kein Gerede darüber entziehen, darin sind Sie doch mtt mir einig?"
Alle stimmten zu, wenn auch Branding bloß mit einer steifen Verbeugung und Alice nur widerwillig.
„Bravo!" rief Therese. „Aber vergessen werde ich diese Nacht nie!"
„Es war ein reizendes Intermezzo!" sagte Welttn, dann trat er auf Silvia zu, die mit gesenktem Blick neben Wolf stand, der ihre Hand fest in der seinen hielt.
„Gnädigste Frau, gestatten Sie, daß ich jetzt den Räuber Ihrer Perlen und Ihres Herzens verhafte unb entführe? Auch er muß nach feinen Moritaten noch ein paar Stündchen schlafen — wenn er kann."
„3a, Graf Weltin, bitte, entführen Sie den Miste- tätet,* erwiderte Silvia aufblickend, und holde Röte überhauchte ihre Wangen, ein Lächeln teilte ihre Lippen, als sie Weltin rasch die Hand reichte, die er an die Lippen zog. „Danke, Graf Welttn!"
„Dafür, daß ich ihn entführe?"
„Auch dafür, denn er muß schlafen. Sicher hat er in tiefer Nacht noch gar nicht geschlafen."
„Wie kann man, wenn man fein Glück sucht unb findet?" sagte Wolf, ergriff Silvias Hände und ihr mit schelmischem Lächeln in die Augen blickend, küßte er sie.
„Wenn man Perlen raubt!" verbesserte Weltin.
„Gute Nacht, mein Lieb," sagte Wolf. „Nein, guten Morgen!" verbesserte Welttn, nahm des Freundes Arm unb zog ihn mtt sich fort
Dierundzwanzigstes Kapitel.
Zwei Jahre waren feit der denkwürdigen Nacht, die Hilde Eggenbrechts Hochzeit voranging, verflosten, und
Einen Vorgeschmack von dem, was kommen sollte, gab vor Eintritt in die Tagesordnung eine Geschäfts- ordnungsdebatte, in welcher die Unabhängigen gegen die vorgesehene 2. Lesung der Abänderungen zum Gesetzentwurf Groß-Berlin Einspruch erhoben. Eine Reihe ebenfalls auf der Tagesordnung stehender dritter Beratungen wurden abgesetzt. Dagegen wird die Absetzung der zweiten Beratung des Groß-Berliner Gesetz- entwurfes gegen die Unabhängigen und einige Mehr, hettssozialisten abgelehnt. Darauf löste sich plötzlich die linke Hälfte des Hauses, beide sozialdemokra- tische Parteien verließen den Saal.
Erster Gegenstand der Tagesordnung war die nochmalige Schlußabstimmung betreffenb Den Austriti aus ben Religionsgesellschaften. Schon am Donnerstag voriger Woche hatten die beiden sozial- dernokrattschen Parteien die Verabschiedung des Gesetzes durch Verlosten des Saales vereitelt. Dasselbe Schauspiel wiederholte sich am Mittwoch. Die bürgerlichen Parteien waren trotz Aufgebots ihrer Mitglieder nicht so stark, um die Obstruktion der beiden Linksparteien zu vereiteln. Die namentliche Abstimmung ergab die An- Wesenheit von nur 182 Mitgliedern und infolgedessen mußte die Sitzung wegen Beschlußunfähigkeit aufgehoben werden. Schuld an diesem Ergebnis der Abstimmung haben zweifellos die Demokraten und die Deutschnationalen, die mit Leichtigkeit die fehlenden 20 Stimmen hätten aufbringen können. Wir halten es in Anbetracht der Tatzachen, daß die Deutschnationalen in jüngster Zeit wieder es sich sehr angelegen sein lassen, sich als berufene Vertreter der Interessen der Kirche namentlich auch den Katholiken gegenüber anzu- preisen, für zweckmäßig darauf Hinweisen, wie wenig Theorie und Praxis bei den Deutschnationalen in Ein. klang stehen. Hier, wo sie wirklich einmal durch die Tat zeigen konnten, daß sie sich für die Interessen der Kirche einsetzen, haben sie es nicht einmal vermocht, ihre Mitglieder zur Stelle zu bringen. Die Mehr- heitssozialdemokratie sollte sich aber sagen, daß sie da. durch, daß sie den Obstruktionsversuchen der Unabhän- gigen Vorschub leistet, mit dazu beiträgt, das Ansehen des Parlaments im Volke zu untergraben.
In der neuanberaumten Sitzung gelangte Groß- Berlin zur Verhandlung. Der zur Beratung der von den bürgerlichen Parteien beantragten Abänderungen eingesetzte Ausschuß hat seine Arbeiten bereits beendet und sich die Anträge des Zentrums, die dahin gehen, daß von den 30 Magistratsmitgliedern Groß-Berlins 12 unbesoldet sein müssen, und die dem Magistrat bezüglich der Ernennung der Bezirksvorsteher gewisse Schranken zieht, sich zu eigen gemacht und der Vollversammlung zur Annahme empfohlen. Es kam über diese Anträge zu einer kurzen aber lebhaften Auseinandersetzung zwischen den Rednern der Sozialdemokratie und denen der Rechten.
Das Haus beschloß entsprechend dem Anträge des Ausschußes und hat dadurch dem Bestreben der beiden sozialdemokratischen Parteien, in Groß-Berlin eine schrankenlose Parteiwirtschaft einzuführen, einige kräftige Riegel vorgeschoben. Das Zenttum kann für sich in Anspruch nehmen, daß dieser Erfolg wesentlich auf fein energisches Eingreifen zurückzusühren ist.
Dann fetzte das Haus die am Dienstag abgebrochene Aussprache über Ernährung s- und landwirt- fchaftliche Fragen fort, die veranlaßt waren, und die sich u. a. auf Förderung der landwirtschaftlichen Erzeugung und Beschaffung von Saatgetreide und von künstlichen Düngemitteln besog. In großzügiger Weise nahm zu dem Problem der Ernährungsfragen der Zen- ttumsabg. Sprenger Stellung. Er macht die Regierung vor allem auf die Notwendigkeit aufmerksam, daß sie, nachdem der Abbau der Zwangswirtzchaft erfolgt sei, mehr System in die Ernährung bringen, einen fe> sten Plan aufstellen müste, sonst werde bald alles drikber unb drunter gehen und die ohnehin schon große Sette- rung noch mehr anwachsen. Als Oberbürgermeister der Stadt Gelsenkirchen wies er besonders auf die Schwierigkeiten hin, durch welche die Städte durch die plötzlickse Aufhebung der Zwangswirtzchaft geraten feien. Sie hätten kostspielige Organisationen schaffen müssen, und niemand fei es, der ihnen diese Kosten ersetze.
Donnerstag: Kleine Vorlagen und Antrag.
wieder wurde ein Fest gefeiert. Diesmal nicht tm alten Herrenhause von Holten, sondern im Schlosse von mied. Und diesmal war es nicht eine Hochzeit, oie gefeiert wurde, sondern eine laufe, die Taufe eines ersten männlichen Erben, den der Himmel dem glücklichen jungen Paar auf Allenwied geschenkt hatte. Der jüngste Eggenbrecht erhielt bei der heiligen Handlung den alten Familiennamen Hans Joachim, und der lange Weltin wurde sein Pate.
Als Gäste waren viele nach Altenwied gefommen, die damals auch in Holten gewesen, darunter alle, die Zeuge der seltzamen nächüichen Verlobung waren.
Welttn war mit feiner jungen Frau gekommen, bei schönen Alice, in die er sich, wie er behauptete, in jener Nacht verliebt hatte. Auch Therese war da, noch in Trauer. Sie hatte, bald nachdem Wolf feine Silvia heimgeführt, wirklich Leo Branding geheiratet, doch dieser war vor Jahresfrist ein Opfer feiner Forschungen geworden. So hauste die lebenslustige Therese jetzt ganz allein auf Stolzen, denn auch die alte Frau von Branding hatte ihres Sohnes Heimgang nicht lange überlebt.
Nachdem alle Gäste Altenwied wieder verlaßen hat- ten, war nur Therese noch zurückgeblieben, die immer lieber in Altenwied weitte wie in dem einsamen Stolzen. Es war ein warmer Herbstabend und sie saßen noch gemeinsam auf der Terrasse am Park und genossen die angenehme Ruhe nach dem Trubel der Festlichkeit.
„Höri, meine Sieben," begann Therese bas Gespräch, nachdem sie alle einige Zett nachdenklich geschwiegen hatten, „der erste Junge ist nun da und euer Glück vollkommen. Wißt ihr, wem ihr es' zu verdanken habt?"
Und ehe Wolf oder Silvia sich das überlegen konnten, beantwortete sie selbst ihre Frage:
„Mir! Denn — erinnern Sie sich, Wolf — ich war es, der Sie zuerst darauf aufmerksam gemacht, daß Silvia die einzig paßende Frau für Sie fein würbe, wie ich auch Silvia damals versicherte, daß sie unbedingt ihren Setter Wolf heiraten müße"
„Stimmt!" gab Wolf lächelnd zu. „Ihnen also, verehrte Frau Therese, ober vielmehr Ihrem Scharfblick verdanken wir unser Glück. Ihnen und — den Perlen!"
Silvia ließ ihre Hände kosend über die Perlenschnur gletten, die sie, fett sie Wolfs Frau geworden, wieder immer an sich trug. Träumerisch schweifte ihr Blick in die Ferne, bann nickte auch sie zustimmend:
„Ja, gewiß, den Perlen auch . . ." sagte sie leise, und noch leiser fügte sie hinzu:
„Sen Serien und — der Liebel"