Mittwoch, 29. Sept. 1920
Nr. 226
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Verantworlltch für den redattionellen Teil: Karl Schütte, n für die Anzeigen: I. Parzeller-Fulda. :: Rotationsdruck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernsprecher Nr. 9. Telegr.-Adresse: Fuldaer Zeitung
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Die Brüsseler Konferenz.
Auf der Finanzkonferenz in Brüssel wurde gestern die mündliche Berichterstattung über die Lage der einzelnen Länder wieder ausgenommen. Nach den erstatteten Berichten gibt es kaum ein Land der Welt, das nicht dringend der Hilfe von außerhalb bedürftig wäre. Die Frage ist nur, wer sie gewähren soll. Amerika, das vielleicht allein dazu im Stande wäre, hat deutlich genug zu erkennen gegeben, daß es nicht die Absicht hat, sich zu Gunsten der notleidenden europäischen Staaten finanziell zu engagieren. Auch England, auf das eine ganze Reihe von Staaten noch immer ihre Hoffnungen gesetzt hatten, hat in der gestrigen Sitzung auf die offenen und versteckten Appelle an seine Hilfeleistung eine glatte Absage. Lord Chalmers, der Chef der britischen Delegation betonte, daß England aus eigener Kraft den Ausweg aus den finanziellen und wirtschaftlichen Schwierigkeiten, die der Krieg geschaffen, gefunden hat und daß den andern Ländern kaum etwas anders übrig bleiben werde, als das Gleiche zu tun.
In der Nachmittagssitzung erstattete Unterstaats- sekretär Dr. Bergmann den Bericht der deutschen Abordnung. Seine sachlichen Ausführungen, die sich darauf beschränkten, die wichtigsten Punkte des deut- schm Exposes kurz zu wiederholen, begegneten starkem Ämeresse, das sich steigerte, als der Staatssekretär er- fiürle, daß die deutsche Regierung trotz der bestehenden unerfreulichen Verhältnisse die Finanzlage nicht für verzweifelt halte und daß sie aus der Wiederkehr von Ruhe und Ordnung und aus der erfreulichen Wiederbelebung des Willens zur Arbeit in allen Devölkenmgsfchichten das Vertrauen schöpfe, daß mit ernstem Bestreben und unter größter Sparsamkeit Deutschland in der Lage sein werde, den gegmwärti- gmTiefstandzu überwinden. Auch die Betonung der Notwendigkeit, Deutschlands T e i l n a hm e amWeltverkehr zu ermöglichen, weil allein durch die Herstellung einer aktiven Handelsbilanz Deuffchland in der Lage fein werde, die auf ihm lastendm Verpflichtungen zu erfüllen, machte star- fen Eindruck. Nicht minder die Versicherung, daß Dmtschland, das mit der wirtschaftlichen Hilfe der Welt rechne, sich verpflichtet fühle, zunächst volle Klarheit über seine wirtschaftliche und finanzielle Lage zu schaffen und entschlossen sei, in diesem Geiste zu der Arbeit der Konferenz beizutragen. Die Rede Bergmanns, die in einem Appell an das Verständnis für die Eigenart unserer Lage und an das Vertrauen und dm Ernst unserer Bemühungen ausklang, fand auf allm Bänken des Hauses lebhaften Beifall, der sich keineswegs nur auf.die Delegationen der neutralen Staaten beschränkte.
Der Eindruck, den der bisherige Verlauf der Konferenz in den Kreifm der deutschen Teilnehmer aus- gelöst hat, kann im allgemeinen als günstig bezeichnet werdm. Wenn auch bedeutende positive Ergebnisse nicht erwartet werden, so ist doch festzustellen, daß in den Konferenzkreisen der Wille zur Verständigung und zur Zusammenarbeit vorhanden ist und sich in erfreulichem Maße auszuwirken beginnt. In den Verhandlungen des Plenums kommt das naturgemäß weniger zum Ausdruck als in den zahlreichen unverbindlichen Besprechungen, zu taten sich die Vertreter der einzelnen Länder außerhalb der Sitzungm zusam- «nenfinben. Die deutsche Delegation hat wiederholt Ge- tegenheft gehabt, mit den Vertretern der übrigen Länder in Beziehungen zu treten. Der Meinungsaustausch pflegt sich dabei nicht nur auf die Gegenstände der Konferenz zu befchränken, sondern darüber hinaus bietet sich Gelegenheit, auch andere zwischm den einzelnen Regierungen schwebende Fragm zu erörtern.
Die perlen Der Eggenbrechis.
44] Roman von Alexandra von Bosse.
Ganz selbstvergessen kniete Wolf so in Betrachtung versunken, da knarrte hinter ihm eine Diele und als wäre ein Schuß gefallen, so durchfuhr ihn das leise Geräusch. Instinktiv barg er blitzschnell seinen Raub In der Brusttasche seines Nachtanzuges, dann erst wandte er den Kopf und erftarrte vor Schrecken zur Bildfäule: An der Tür des Alkovens, hell von dem Dunkel des Hintergrundes sich abhebend, stand aufgerichtet eine Gepalt in wallendem weißen Gewände — Silvia!
Aus ihrem blaffen Gesicht, das ihm voll zugewandt war, sahen ihn mit dem Ausdruck starren Enffetzens ihre Augen an. In der Hand aber, die sie erhoben hielt, blitzte ein kleiner metallener Gegenstand — eine Pistole.
„Nicht schießen!" rief Wolf und erhob sich, aber gerade, was er verhüten wollte, geschah. Schreckhaft zuckte Silvia bei seinem Anruf — wohl die Stimme er- kennend — zusammen, ein Blitz, ein mächtiger Knall folgte, und Wolf, vor Schreck zurücktretend, trat auf den Rand des Koffereinsatzes, verlor das Gleichgewicht, versuchte sich am Koffer zu halten, doch der kippte, dem Drucke nachgebend, und schüttete seinen Inhalt über Wolf, der zu Boden sank.
Nur eine Alarmpistole konnte einen so mächtigen Knall erzeugen, der wie ein Kanonenschlag durch den Raum und den ganzen alten Teil des Hauses donnerte. Aber Silvia vergaß, daß ihre Waffe kein tödliches Blei enthielt, als sie den Überraschten Eindringling, in dem sie Wolf erkannt, niederstürzen sah. Mit einem Ausruf namenlosen Schreckens eilte sie auf den Gefallenen zu, in der Meinung, ihn verletzt oder gar getötet zu haben. Ehe Wolf sich noch auftichlen konnte, umfaßten ihn zwei weiche Arme, und Silvias liebe, ongstdurchzitterte Stimme schlug an sein Ohr:
„Wolf — Wolf! Ach, was tat ich? Lieber, lieber Wolf!"
Wolf fühlte einen heftigen Schmerz in der linken Hand, die er sich beim Sturze leicht verstaucht haben mochte, er glaubte wirklich durch den Schutz verletzt worden zu sein, aber wenn er auch ernstlich verwundet worden wäre, jetzt hätte er nicht daraus geachtet. Rasch Achtete er sich auf, ergriff Säoias Hände und küßte sie.
Deutschlands Ausfuhr wieder größer als die Einfuhr.
Unser Elend hat feinen Grund in dem schlechten Stand der Valuta. Weil unser Geld im Ausland seine Kaufkraft bis auf ein Zehntel eingebüßt hat, können wir im Ausland nur noch zu ungeheuerlichen Bedingungen einkaufen: und die Folge davon ist, daß es uns an Rohstoffen fehlt und daß die Nahrungs- msttelzufuhr in furchtbar engen Grenzen gehalten werden muß, fo daß unsere Bevölkerung nicht zur vollen Ernährung, zur Wiederaufrichtung der im Kriege geschwächten Gesundheit und zu besserer, arbeftsbereiterer Stimmung, zu vernunftgemäßer Auffassung des Lebens und der Wirtschaft gelangen kamt. Erst wenn die Valrsta ernsthaft gesunden könnte, wird es uns wieder besser gehen.
Und wodurch wird die Valuta gesunden? Nur durch vermehrte Ausfuhr. Die Regierung hat jetzt eMich durch Veröffentlichung von Ausfuhr» ziffern dem jahrelangen Rätselraten aller möglichen „Fachleute" über die Urfache der Entwertung unseres Geldes im Auslande ein Ende gemacht. Hier ist die gegenüber allen diesen Spitzfindigkeiten unleugbare Wahrheit ausgesprochen worden, daß der Preis einer Ware, also auch unseres heutigen Papiergeldes und unserer Wechsel, auch der fremden Wechsel, sich nur nach Angebot und Nachfrage richtet, und dieses Angebot und triefe Nachfrage werden bewirkt durch das, was wir erarbeüen, um ins Ausland auszuführen. Die amtlichen Ziffern tun das unwider- leglich dar.
Die Denkschrift, die die deutschen Delegierten der Finanzkonferenz in Brüssel überreicht haben, enthält nämlich auch einige Angaben über unsere Außenhandels st ati st Hk. Es werden dort die monatlichen Ziffern für das Jahr 1919 und die ersten fünf Monate des Jahres 1920 bekanntgegeben. Das Jahr 1919 zeigt danach mit einer Einfuhr im Werte von 32 Milliarden und einer Ausfuhr von 10 Milliarden einen Einfuhrüberschuß von nicht weniger als 22 Milliarden Mark. In den ersten drei Monaten des Jahres 1920 hast diese Passivität der Handelsbilanz noch an. Der Januar zeigt einen Einfuhrüberschuß von 3,3 Milliarden, der Februar von 1,7 Milliarden, der März von 1,5 Milliarden. Vom April an aber machen sich die Wirkungen der Schließung des Loches im Westen und der Erhöhung der Ausfuhr geltend. Der April zeigt einen Ausfuhrüberschuß von 5,76 Millionen, der Mai einen solchen von 1,1 Milliarden.
lieber die weitere Entwicklung des deutschen Außenhandels können, so heißt es in der Denkschrift, nur Vermutungen geäußert werden. Ein merklicher Fortschritt nach dem Ziel einer starken aktiven Handelsbilanz, das erreicht werden muß, wenn Deutschland seine Zahlungsverpflichtungen erfüllen soll, ist nur denkbar, wenn es gelingt, den deutschen Snlanibe&arf möglichst niedrig zu halten und zugleich die deuffche Güter-Erzeugung möglichst zu heben. Vorerst handelt es sich aber für Deutschland noch immer darum, feine Wirtschaft aus dem akuten Notstand herauszuführen, in den sie durch den Krieg geraten ist. Noch ist die Gefahr nicht beseitigt, daß die deutsche Wirtschaft in völlige Desorganisation gerät
Es wird noch nicht genug gearbeitet
Wir haben doch diese Massen von, Arbestslosen. Die Gründe für das Nichtarbeiten sind sehr zahlreich. Sicher spielt mangelnde Organisation der Wirtschaft eine große Rolle dabei. Aber die Haupturfache liegt doch in der Umstellung unseres Gemütes. Wir sind ganz anders geworden, als vor dem Kriege. Diese halb? Million Arbeitslose, wie wir sie jetzt haben, die wäre vor dem Kriege nicht möglich gewesen, selbst wenn die Arbeitsgelegenheit noch so dünn gewesen wäre.
„Nichts taten Sie, als was mir recht geschah, Silvia!" rief er aus. „Aber was ich tat — Silvia — werden Sie es mir jetzt vergeben können?"
„Ja, was tun Sie hier?" fragte sie, ihm ihre Hände entziehend. „Wie tarnen Sie hier herein?"
„Ich mußte es tun!" versicherte er, die Hände faltend. „Und Sie werden es verstehen, Silvia, wenn ich erst alles erklärt habe. Sie werden mir vergeben, ja, Du ryirst mir vergeben, denn ich weiß, Du liebst mich und um unserer Liebe willen . . ."
„Wolf — ich verstehe nichts . . .!" stammelte sie, zu- rücktretend.
„Die Perlen . . ." begann er, verstummte jedoch erschrocken, denn nun wurde es lebendig im Hause. Die Schläfer im alten Flügel des Herrenhauses von Holten waren von dem Schuß aus ihrem Schlaf aufgeschreckt worden und eilten herbei. Türen wurden geöffnet, Schritte tappten im Gang, Stimmen wurden laut. Voll Entsetzen hörten es Wolf und Silvia, und mit dem Mut der Verzweiflung zog er sie an sich, raunte ihr zu:
„Ich liebe Dich! Das erklärt alles, Silvia. Und was auch geschah — was noch geschehen wird, ich lasse Dich nicht! Du bist mein!“
Da klopften schon erregte Hände an die Tür, und aufgeregte Stimmen riefen:
„Frau von Eggenbrecht! Silvia —! Um Gott, was ist geschehen?"
Für einen kurzen Augenblick lang berührten Wolfs heiße Lippen Silvias Mund, dann gab er die Geliebte frei.
„Man darf mich hier nicht finden!" flüsterte er. „Sage ihnen, was du willst — sage, Du habest geträumt — nichts von mir — nichts von den Perlen!“
Ganz verstört, nichts verstehend, sah Silvia, wie et sich geschwind bei dem Spiegeltisch oorbeidrückte, wie der grüne Vorhang sich bauschte und wieder zusammenfiel, hörte, wie eine Tür leise ins Sch'oß gedrückt wurde, und alles das erschien ihr wie ein seltsam-- unwirklicher Traum.
Aber immer heftiger wurde an i' "r gbklopft, immer lauter forderten erregte Stirn: nlaß. St -
mußte öffnen, muhte erklären, obglci 1 selbst sich nicht klar darüber war, was geschehen. ch warf sie einen silbergrauen seidenen Schlafrock der noch vom Abend zuvor über einer Stuhllch.:. hing, dann ging sie und öffnete di- Tt
Aber heut« haben wir Arbeit in Hülle unb Fülle. Wir können sie z. B. itt der Aufbereitung neuer Braun- kohlen-Bergwerke beschäftigen, und zwar unmittelbar nutzbringend, also ohne allzu großes Kapital beschäftigen. Aber ... die Arbeitskräfte fehlen. Sie fitzen in den Großstädten und beziehen Arbettslosen- unterstützung, sind aber nicht zu bewegen, auf das Land zu gehen, dort im Braunkohlenbergwerk zu arbeiten. Die Arbeit mag für viele recht unangenehm fein, aber sie muß doch nun einmal gemacht werden. Und diefe Arbeit ist ja auch fo wichtig, fo u n- geheuer wichtig, weil sie den Grund für alles übrige legt. Nur wenn wir Kohlen genug herbei- schaffen, kann sich die Industrie in Fluß halten, indem sie Fertigfabrikate und mit diesen Arbeit für die Ausfuhr ins Ausland bereit stellen. Die Technik hat sich längst hinreichend auf Rohbraunkohle eingestellt. Die Benutzung im allergrößten Umfange scheiterte nur immer wieder am Kohlenmattgel.
„In nächster Zeit."
Der Botschafter der Vereinigten Staaten in London, Davis, erklärte in einer Unterredung, Oesterreich, Ungarn und Deuffchland würden in nächster Zeit in den Völkerbund auf genommen werden._______________ _
Der Osten.
Auf dem Parteitag des oberfchlefischen Zentrums in Breslau wurde einstimmig eine Entschließung gefaßt, welche energisch dagegen Stellung nimmt, daß dem Fürstbischof in dieser Zett, in welcher der heilsame Einfluß des Bischofs auf seine Diözesanen besonders notwendig sei. Der Parteitag erhebt Protest gegen jeden Versuch, den Oberhirten von seinen vberschlesi- schen Diözesanen fernzuhalten als einen schweren Eingriff in die resigiöse Freiheit, der an die schlimmsten Zeiten des Kulturkampfes erinnert und erwartet mit Bestimmtheit Aenderung der Beschliffse.
General Le Rand zurückgekehrt.
Wie aus Basel gemeldet wird, ist General Le R o n d nach Oberschlesien zurückgereist. Für die Ent- waffmmg der Insurgenten beider Nationaütäten smd neue Anordnungen ergangen. Der Bvffchafterrat wird sich innerhalb der nächsten vierzehn Tage über den Termin der Abstimmung in Oberschlesien schlüssig werden.
Aus dem besetzten Gebiet.
• Gegen die schwarze Schmach. Der Frauenverein vom Roten Kreuz für Deuffche über See erhob bei seiner 31. Hauptversammlung wiederum Protest gegen die dem deutschen Volke angetane Schmach der Besetzung deut- scheu Gebietes mit schwarzen Truppen. Nach authentischen Berichten mehren sich die Bergewaltigun. gen deutscher Frauen und Kinder in erschreckender Weise, und die gesundheitlichen und sittlichen Schädi- gungen unseres Volkstums lassen sich nie wieder gut wachen. Als deutsche Frauen und Mitarbeiterinnen im Roten Kreuz fordern die Mitglieder des Vereins, daß Ehre und Gesundheit unserer Volksgenossen in Zukunft geschützt und die farbigen Truppen aus dem besetzten Gebiet zurückgezogen werden.
Preußische Landesversammlung.
Die Landesversammlung -beriet am Dienstag eine Reihe von Anträgen über die Erzeugerpreise und die Freigabe der landwirtschaftlichen Erzeugnisse, die Förderung des Zuckerrübenbaues, Aufhebung der Zwangswirtschaft f Kunstdüngervefforgung und Preissteigerung für Kartoffeln.
Abg. fiaulen (Ztr ): Die Frage der ausreichenden Belieferung der Landwirtschaft mit Kunstdünger erfordert ausreichende Belieferung der Düngerfabriken mit Kohlen Es bedarf einer dauernden Kontrolle über die Erzeugung
„Was ist geschehen?" tönte es ihr mehrstimmig entgegen. „Warum der Schuß? Es riecht auch im Gange nach Pulverdampf, und von hier kommt er!"
„Ich habe geträumt," sagte mechanisch Silvia.
Da drehte einer das elektrische Licht ein, und ganz erschrocken überflog Silvias Blick die Erscheinungen, bte nun in ihr Zimmer eindrangen, sich von dem, was geschehen war, zu überzeugen. Alle diese Gesichter erschienen ihr bekannt und fremb zugleich. Unb sie war noch so verwirr«, noch immer glaubte sie zu träumen. Aus süßem Schlaf geweckt, sah sie sich einer Folge sich überstürzender Ereigniffe gegenüber, sollte handeln. Rebe unb Antwort stehen, denn von allen Seiten drangen Fragen auf sie ein.
Verstört blickte sie einen alten kleinen Mann an, der einen grauen Filzschlafrock mit roten Aufschlägen trug, und dem ein dunkles Seidenkäppchen schief auf gesträubtem Haar saß. Immer wieder fragte er sie mit zahnlosem Munde, ob sie geschaffen habe. Plötzlich erkannte sie in dem Alterchen den sonst-so würdevollen Kammerherrn von Eggenbrecht unb ganz erschrocken stammelte sie Antwort:
„Ja — ich — ber Schuß ging von selbst los.“ ""„man spielt doch nicht nachts zwischen zwölf unb vier Uhr mit geladenen Revolvern!" nuschelte ärgerlich das Alterchen.
„Sogar nicht mit ungeladenen!“ sekundierte Weltin. besten magere Schultern unb hagere Lenden von einem dunkelblauen, glänzendseidigen Kimono umflutet wur- den. Sein junges Don-Ouichotte-Gesicht sah sehr vergnügt aus, seit er festgestellt, daß hier kein Unglück geschehen war. Neben ihm stand die schöne Alice in einem wallenden, sehr schönen Morgengewande von gelblichen Spitzen, ihre weiße Stirn umkränzt von wei- ßen Papierwickeln, die gleich kleinen Hörnchen empor- standen, während ein ziemlich langer Zopf ihr am Süden herabbaumelte. Sie ergriff mit beiden Händen Silvias Arm.
„Silvia ich bitte Dich, erkläre doch!"
„Was veranlaßte Sie zum Revolver zu greifen?" ’te hinter ihr Brandings gebieterische Stimme, und schrocken wandte Silvia den Blick ihm zu, ber in einen dunklen verschnürten Morgenanzug gekleidet war. Aber i schon war Therese in rosenrotem Schlafrock, ein zier- i liebes Häubchen ar dem roten Haar, an ihrer Seite 1 unb umarmte
und Abführung der Düngemittel. Vom Reich müffen an- gemessene Preise festgesetzt roeren. .
Abg. Ceinerf (Soz.) wies auf die Unmöglichkeit für den freien Handel hin, Kartoffeln unter dem für die Sie- fevungsoerttäge der Städte festgesetzten Preis von 31,75 M zu erhalten, solange diese Verträge noch in der Ausführung feien. Die ausreichende Versorgung der Bevölkerung sei vollständig unmöglich gemacht, und neue Unruhen und Erschütterungen des Wirtschaftslebens müßten die Folge sein. Als weitere große Sorge laste auf den Minderbemittelten ber Zustand, der sich nach Aufhebung der Fleifch- wirffchast herausgebildet habe. .
Slaalskommiffar Dr. Hagedorn: Die Regierung ist nicht gern zur Freigabe geschritten. Der dringende Wunsch danach tarn aber nicht nur von Landwirtschaft und Handel, sondern auch aus wetten Kreisen der Konsumenten unb vor allem der Konsumvereine. Der Kartoffelpreis ist von der Indexkommission festgestellt worden. Den Kommu. nalverbänden werden mehr Kartoffeln zur Verfügung stehen Äs früher. Die Lieferungsverträge bleiben aufrechterhalten und nur für diese Kartofeln gilt der Preis von 31,75; für die im freien Verkehr bleibenden Kartoffeln kommt nur ein Preis von höchstens 25 M in Betracht. Gegen Preisüberschreitungen wttd eingeschritten werden. Auch für Fleisch ist die Zwangswirffchast nicht ohne Sichefftel- jung ausreichender Reserven ausgehoben worden. Es handelt sich hierbei um 70000 Tonnen Auslandsfleisch. Auch wirb ber freie Handel nicht unbeschränkt fein, sondern an bestimmte Weisungen des Ernähnmgsministeriums ge- Hunden bleiben. Das System ber Preisprüfungsstelle wird einen wetteren Ausbau erfahren.
In der Aussprache fand die Kartoffelpolitik ber Regierung besonders bei den Parteien der äußersten Rechten unb Linken scharfe Kritik. Abg. v. d. Offen (Dnatl.) bemängelte vor allem bas unzureichende Vorgehen gegen Kartoffelschiebungen, die mit drakonischen Strafen belegt werben müßten. Zur befieren Versorgung ber Städte schlug er die Schaffung von Organisationen für ben SartoffÖltransport durch die Kreise vor. Abg. Held (D. 58p.) hält die diesjährige Kartoffelernte im allgemeinen, für ausreichend. Die Nervosität der Bevölkerung erkläre sich nur durch die Desorganisation in der Preisbildung. Abg. Westermann (Dem.) roamte davor, die Lieferungsverträge nachträglich zu beseitigen. Eine Herabsetzung des Preises werde im nächsten Jahre einen scharfen Produktionsrückgang zur Folge haben. Für eine Wiederaufrichtung der lückenlosen Zwangswirtschaft in Kartoffeln und Fleisch traf lediglich ber Unabhängige Klausner ein.
Mittwoch: Weiterberatung.
Deutsches Heid?.
* * Berlin, 28. Sept. Der Reichspräsident empfing heute in Anwesenheit des Ministers des Aeußerts den neuernannten spanischen Botscha fter Pablo Saler v. Guardiela zur Entgegennahm» seines Beglaubigungsschreibens. — Geheimrat Trautmann hat den Posten eines Referenten in der Pressestelle der Reichsregierung übernommen. Er war in ähnlicher Eigenschaft im Auswärtigen Amt bereits tätig. — Eine ReichSverkebrs» konferenz tritt Ende dieser Woche in Würzburg zusammen. — Das deutsche Generalkonsulat in Budapest wurde in eine Gesandtschaft umge- wandelt. Auch Ungarn ist in Berlin durch eine Gesandtschaft vertreten.
(*) Di« Konferenz der einzelstaallichen Flnonzminl- ster, die, wie mitgeteilt, am 29. d. Mts. in Berlin statt- findet, soll sich hauptsächlich mst den Folgen der Konferenz von Spaa und Brüssel und im Zusammenhang damit mti der ganzen Finanzlage des Reiches und der Lander beschäftigen. Daneben werden aber auch die Minister, wie der „Tag" wiffen will, ihrer Mehrzahl an einer Sitzung des Reichsrats teilnehmen, auf deren Tagesordnung als wichtigster Segenftanb ein Antrag des Reichsfinanzmittisters auf Aenderung des Gesetzes betr. das Reichsnotopfer stehen 'oll. Dies« Aenderung soll notwendig sein, weil der Reichssinanz- min'str verlangt, daß ein Teil des Reichsnot - Opfers sofort eingezogen werde. Sonst sei er gezwungen, ein Gesetz über eine Zwangsanleihe einzubringen. Die große Mehrzahl der en-zet-
„Um Gottes willen, Silvia, was ist paffiert?“
„Nichts — gar nichts!" versicherte geänftigt Silvia unb blickte nach ber Tür, bte noch offen war unb auf deren Schwelle der Referendar von Eggenbrecht, der in ber Eite eine rote Bettdecke um sich gewickelt haft, er- schinen war unb sofort wieder in das Dunkel des Ganges zurückgewichen war. Dort tauchte jejtzt Wolf Eggen» brecht auf — als letzter, obgleich er, da er Silvia zunächst wohnte, eigentlich als erster zu ihrer Hilfe hätte tjerbeieilen müffen, wenn alles mit rechten Dingen zu- gegangen wäre. Eine jähe Blutwelle ergoß sich bei sei- nem Anblick über das Gesicht der jungen Frau, und zu- gleich besann sie sich auf feine letzten Worte, versuchte eine Erklärung zu geben:
„Ich habe wohl lebhaft geträumt, glaubte im Erwachen Geräusche zu hören unb, meine kleine Alarmpistole ergreifenb, wollte ich nachsehen, ba ging der Schuß um versehens los und . . .“ Ihr Blick überflog die Anwesenden, traf auf den Referendar, ber sich rasch an« gekleidet hatte und wiedergekommen war. „Bitte, meine Samen und Herren, entschuldigen Sie, daß ich Sie so erschreckt habe," schloß sie ihre Erklärung, „es tut mit so leid." t
„Fiel ber Koffer aus Schreck über ben Schuß von seinem Piedestal?" ftagte plötzlich Weltin unb wies auf das Chaos am Boden, weshalb natürlich aller Blick« sich auf den umgestürzten Koffer richteten. Enffetz» blickte auch Silvia das Durcheinander ihrer verstreuten Sachen an, doch ehe sie noch irgend eine Erklärung dafür gefunden, hob Weltin das weiße Samtkästchen auf, besten Deckel sich von selbst öffnete.
„Enthielt das Kästchen Schmuck?" fragte er.
„Deine Perlen, Silvia! Die Perlen der Eggen- brechts — wo sind sie?!" schrie Alice auf.
Unb Silvia, bis in Re Lippen erblaffenb, starrt« bas teere Schmuckkästchen ganz fassungslos an, hatte sie boch gar nicht Zeit gehabt, sich darüber klar zu werden, weshalb Wolf nachts in ihr Zimmer gedrungen war.
„Meine — meine Perlen — sind fort!“ stammelte sie.
„Tragen Sie die Perlen nicht immer an sich?" fragte rasch vortretend Wolf und blickte dabei Silvia einbring- lich an. Er hatte über ben bünnen Nachtanzug eine buntle Hose unb eine hübsche Joppe von grauem Tuch mit bunteiblauer Verschnürung angezogen unb sah gar nicht aus wie einer, ber eben aus dem Schlaf geschreckt worben war.
(Schluß folgt,