M 22Z.
Samstag, 25. September 1920.
- Fuldaer Zeitung
^>-^1 Druck der Fuldaer Artreadruckerei üt Fulda
Vie Perlen der Eggenbrechts.
41] Roman von Alexandra von Bosse.
Zweiundzwanzig st es Kapitel.
Für den Polterabend war der sogenannte Rittersaal aufgetan worden, ein langgestreckter, riesiger und prächtiger Raum, in dem die 2lhnen der Eggenbrecht Holten mit ernsten Gesichtern aus goldenen Rahmen von den Wänden sahen. An der einen" Schmalseite hatte man eine kleine Bühne ausgebaut, auf der von Hansens Kameraden und von Hildes Kusinen und Freun- dmneu lustige Schwänke aufgeführt wurden, deren Stoss der Jugendzeit des Brautpaares entnommen war. Da trat ein Bänkelsänger auf, der schnurrige Balladen saug, die zugleich auf roh gezeichneten Bildern veranschaulicht wurden und Hildes einstige kindliche Streiche als wunderbare Mären verkündete. Dann trat ein Maat von dem Schulschiff auf, auf dem Hans feine Kadettensahre zugebracht, und spann in seinem heimatlichen Platt ein langes Garn, darin Hansens Heldentaten als Seekadett, die meistens für ihn tragisch verlausen waren, in drolliger Weise erzählt wurden. Aller- lei halb boshafte, halb scherzhafte Anspielungen auf des Brautpaars besonderen Eigenheiten, die als Tugenden gefeiert wurden, folgten in bombastisch verfaßten Gesängen, und endlich wurde das künftige Glück des jungen Paares von einem altgermanischen Sänger verkündet.
Silvia verfolgte diese Vorführungen mit fast lind- sichem Vergnügen, hatte sie doch noch nie ein solches Fest milgemacht. Ihre eigene Hochzeit war so still und un- festlich gewesen, wie es eine Trauung auf dem Konsulat mit nachfolgender kurzer, kirchlicher Feier eben nicht anders sein konnte. Mit Achim, ihrem Vater und einem jungen deutschen Ehepaar, mit dem sie sich im Hotel angefreundet, war danach im Hotel diniert worden, worauf sie mit Achim nach dem Süden Italiens abge- reist war. Es war dabei kein Jubel in ihrem Herzen gewesen, eher bangend und voll scheuer Ehrfurcht war sie dem viel älteren, ernsten Marrn, der ihr noch fast fremb gewesen, in ein neues Leben gefolgt. Erst jetzt aber kam ihr zum Bewußtsein, wie traurig doch eigeni- lich, wie still ihre eigene Hochzeit gewesen war, damals hatte sie es pü*' ^stunden da ihr iebor Vergleich «-fehlt. -
Zum rsmmenden Reichsschulgesetz.
Von Franz Heurich (Kassel).
In einigen Wochen wird die Reichsschulkommission zusammentreten, um bas Reichsschulgesetz zu beraten. Den äußeren Rahmen und die Richtlinien hierfür bieten die Artikel 142—150 der Reichsoertassung, welche von Bildung und Schule handeln. Es ist keine Frage, daß cs in den Ausschußberatungen und im Plenum der Nationalversammlung zu starken Kämpfen kommen wird, es wird ein Kamps der Weltanschau- u»9eit fein, der hier ausgefochten wird. Für uns Katholiken kommte es darauf an, 1. daß die nur bedingt zugelasfene konfesiionelle Schule nicht praktisch für die weit überwiegende Mehrzahl aller Orte unmöglich gemacht wird, 2. daß die Bedingungen für Prioatschulen (5. B. kath. Diasporaschulen) nicht so gefaßt werden, daß die Gründung und Erhaltung dieser Schulen praktisch unmöglich gemacht wird und 3. ob die kirchliche Leitung des Religionsunterrichts gesichert wird oder nicht. Zum letzten Punkt ist zu bemerken, daß nach Art. 441 das gesamte Schulwesen unter der Aufsicht des Staates steht, der die Gemeinden daran beteiligen kann. Das Recht der Kirche, selbst den" Religionsunterricht zu erteilen und zu leiten, wird darin nicht gewährleistet. Der Artikel 149 bestimmt nur: „Der Religionsunterricht wird in Uebereinstimmung mit dem Grundsatz der betr. Rcliqionsgesellschast unbeschadet des Aufsichtsrech. tes der Kirche erteilt." Die liberale Lehrerschaft spricht grundsätzlich der Kirche das Recht ab, den Religions. unterricht zu beaufsichtigen und gesteht dieses nur dem Staate zu. Es handelt sich jetzt darum, ob die Kirche ganz aus der Schule gedrängt werden soll oder ob sie die Instanz bleibt, welche feststellt, ob der Religionsunterricht im kirchlichen Geiste erteilt wird.
Welche Stellungnahme ist von den einzelnen politischen Parteien und den großen Lehrerorganisationen bei den Schul- kämpfen zu erwarten? Die Vorgänger der Deutsch- nationalen, die allen Konservativen, waren früher mit dem Zentrum in der Forderung der konfesiionllen Schule eins. Auch sonst stimmten sie in manchen Kul- tnrfragen zusammen. Ihre Nachfolger haben den alten Standpunkt längst verlasien, vielleicht zum Teil nur darum, die Koalitionspolitik nicht zu unterstützen. Eines ihrer hervorragendsten Mitglieder, der bekannte Pastor Traub, ist sogar gegen jeden konfessionellen Religions. unterricht. In der Nationalversammlung stimmten sie gegen bas Kompromiß vom 14. Juli 1919. demzufolge die konfessionelle Schule der simultanen Schule gleichberechtigt gegenüberstehen sollte. Wenn heute die Si- muüanschule Äs Regel und normale Schule anerkannt worden ist, so haben wir bas letzten Endes den Deutsch- nationalen zu verdanken. Jetzt haben letztere innerhalb der Partei „kath. Berater" in Kultus, usw. Fragen der kath. Kirche aufgestellt. In den kommenden Schulberatungen kann es sich zeigen, ob und welchen Einfluß sie haben werden.
Ebenso wie die Deutschnaüonalen hat auch die deutsche Dolkspartei in wichttgen Schulfragen das Zentrum im Stich gelaffen. In dem „Liberalen Kommunalprogramm", das die Kölner Ortsgruppe im September 1919 ausstellte, wird die Forderung erhoben: „Grundsätzliches Eintreten für die Simultcknschule". In den Richtlinien für 1920 heißt es: „als Grundschule die simullane ober konfessionelle Schule, je nach der Lag« der Verhältnisie."
Die Demokraten sind von jeher für die Simultanschule und für die kirchenfreie (weltliche) Schule eingetreten. Als Nachfolger der Fortschrittler und Freisinnigen. die stets radikale, kirchenfeindliche Tendenzen Dei*Dtaten, stehen sie den Sozialdemokraten cHer Richtungen in Sachen der Schule und Erziehung nicht nach. Deren Ziel ist natürllch von jeher die reit« gionslose Schule gewesen; dafür treiben sie gegenwärtig. besonders in Berlin eine lebhafte Propaganda. Sie erftreben die Hinausdrängung des christlichen Geistes aus der Schule und Erziehung für den Unglauben. Vor dm Wahlen freilich fingen sie ihr Lied von der „Religion, welche Privatsache" fei. Nach der Wahl zeigt sich ihre wahre christentumfeindllche Gesinnung. Ein neuer Beweis dafür ist die Tatsache, daß man in Groß-Berlin an die Spitze des gesamten Schulwesens den ungläu- bigen, christentumfeindlichen Juden Dr. Löwenstein, Mitglied der U. S. P., der, nebenbei bemerkt, noch niemals eine Schulklasie als Lehrer betreten hat und dem lebe schulische Erfahrung abgeht, als Oberschulrat ge- eracht hat. Das bedeutet eine Dergewaltung bee christ- Hchen Lebens schlimmster Art.
Damit kämen mir zu der Frage, welche Stellung eie großen Lehrerverbänbe zu den ich webenden Schulfragen einnehmen. Der liberale „Deutsche Lehrerverein" ist im allgemeinen im Geiste der demokratischen Volkspartei orien- tt-rt, also Anhänger der welüichen Schule. Vor der Revolution stand er auf dem Standpunkte der Simultanschule. Nach dem 9. November verlangte er die Zwangssimultanschule, und zwar mit gemeinsamem Re- ugionsunterricht für Kinder aller Bekenntnisse, d. h. die weltliche Schule. Ms das Schulkompromiß zustande gekommen war, begann der deutsche Lehrerverein den schärfsten Kampf dagegen. Es wurde Kampf angekün
digt, bis das „Vergehen der deutschen Nationalversamm- lung am Geiste der deutschen Volksbildung seine Sühne gefunden hat." Die „Allg. deutsche Lehrerztg." schrieb: „Die deutsche Schule und die deutsche Kultur sind unter das kaudinische Joch des Zentrums gebeugt worden." Man forderte zum Derfasiungsbruch auf, kündigte für den Religionsunterricht den Streik an, um die Einführung der weltlichen Schule zu erzwingen. Am schärfsten wurde gegen die konfessionelle Schule und für die weit- liche Schule von dem radikalen sächsischen Lehrerverein, der ganz im roten Fahrwasier segelt, gearbeitet. In Massenversammlungen für die Ellern wurden diese für die weltliche Schule bearbeitet In guter Erinnerung wird ja noch sein, wie man in Sachsen die durch Gesetz non 1873 vorgesehene Konfessionsschule beseitigen wollt«. Unter dem Druck des Sächsischen Lehrervereins kam am 12. Dezember 1918 eine einschneidende Verordnung gegen die Konfessionsschule heraus, der kurz vor Inkraft- treten der Reichsverfassung ein Uebergangsgesetz folgte, wonach „Religionsunterricht in der allgemeinen Volks- schul« nicht mehr erteilt wird und die Volksschulen als allgemeine Volksschulen für alle Kinder des Schulbezir- tes ohne Unterschied des Vermögens ober der Religion einzurichten ftnb." Der energische Widerstand der sachs. Katholiken im Verein mit vielen evangelischen Ellern hat aber erreicht, daß die konfesiionelle Schule nach Art. 171 für Dresden bis zum Erlaß des Reichsschul- gesetzes bestehen bleibt. Es ist ein verderblicher Geist, der in den Reihen der radikalen Lehrerschaft herrscht, nämlich die Jugend des Msttels zu berauben, das uns in der heutigen sÄrankenlofen, schrecklichen Zeit, die unser armes Vaterland durchlebt, allein zur Höhe führen kann, nämlich der Religion. Die Durchführung der von dem deutschen Lehrerverein aufgestellten Forderungen durch das Reich würde zu einem Kulturkampf führen, der unter den heutigen politischen Verhältnis- sen katastrophal wirken müßte. Die Reichsregierung dürfe nicht in einen Kampf gezogen werden, den diese jetzt schlechthin nicht führen könne". So äußerte sich Reichsminister Koch bei einer Vorbesprechung zur Reichs- schulkonferenz. Hoffen wir, daß die Regierung stark genug bleibt, dem scharfen Drucke vonseiten des deutschen Lehrervereins zu widerstehen.
Getreu seinem Wahlspruche „Treu dem Glauben, treu dem Vaterlande" hat der ,-K a t h. L e h r e r v e r b a n b des Deutschen Reiches" bis heute nachdrücklich die Konfeflionsschule gefordert und verteidigt. Er ist sich dabei bewußt, daß er damit seiner Kirche und dem Vaterlande am besten dient. Denn ein guter Christ ist auch ein guter Staatsbürger. Im Gegensatz zu den Sozialdemokraten, auch der freisinnigHemokratischen Kreise, die das Recht der Eltern auf die Erziehung ihrer Kinder bestärken, und zwar im Gegensatz zu liberalen Lehrern, welche die Schule für autonom erklären, — halten sie daran fest, daß die chrisllichen Eltern ein Recht darauf haben, daß ihre Kinder nach christlichen Grundsätzen unterrichtet und erzogen werden, denselben Standpunkt vertritt der „Katholische Lehrerinnenverein."
Sittlich religiöse Charattere heranzubilben ist bie Hauptaufgabe der Erziehung. Das beste unb einzige Mittel hierzu bietet ber Religionsunterricht, her auf bem sicheren Boden der Dogmatik und ber Kon- fesiion zu ruhen hat. Einen sog. „Moralunterricht", ber keinerlei dogmatischen ober konfessionellen Inhalt haben barf, verwirft bie kath. Lehrerschaft mit aller Entschie- benheit. Die christlichen Ellern ihrerseits sollten den Lehrern unb Lehrerinnen für ihr opferwilliges, gewissenhaftes Arbeiten in dem heute so schwierigen Er- ziehungsgeschäst, das sie als Gehilfen und Stellvertreter der Ellern ausüben, durch kräftige Unterstützung dankbar sein.
Was erfordert nun bte heutige Zeit von den christlichen'Eltern? Anläßlich der kath. Woche in Würzburg wurden in einer Entschlie- ßung u. a. „die kath. Väter und Mütter aufgeforbert, sich im Rahmen ber kath. Schul Organisation zu Elternoereinigungen ohne Beitragspflicht zusam- menzuschließen; diese sollen ihre Aufgaben darin erblicken, im Verein mit ber Geistlichkeit unb Lehrerschaft ihre Rechte auf die kath. Schulen zu wahren, sie sollen dafür sorgen, daß katholisch-christliche (EUern in bte amtlichen Elternvertretungen hineingewählt werden." Die Clternvertretungen sind am besten in der Sage, den Willen der (Eltern bezüglich ber Gestaltung ber Schule unb des Unterrichts ber Schulverwaltung und ber Regierung gegenüber zum Ausdruck zu bringen. In Elternabenden können bie (Eltern über bte Entwicklung der Dinge auf dem Schulgebiete belehrt und unterrichtet werden über die Schritte, bie beizeiten im Interesse ber christlichen Erziehung ihrer Kinder zu tun ftnb. Ferner müssen bte Ellern sich schon jetzt dar- auf einrichten, einen Antrag zu stellen, daß sie ihre Ätnber in konfessionellen Schulen unterrichtet haben wollen, sonst kann bie Schul« simultan werden. Weiter haben sie ausdrückllch bem Wunsch Ausdruck zu geben, daß ihr« Kinder am Religionsunterricht in der Schule teilzunehmen haben. Nähere Besttm- mungen über die Willenserklärungen der Eltern werden im kommenden Reichsschulgesetz durch die Landesgesetz- gebung geregelt Aller Voraussicht nach werden für bie Einrichtung des Schulwesens noch weit mehr als
bisher die Gemeindeverwaltungen maßgebend sein. Die Stadtverordneten und Gemeindevertteter werden in hohem Grade mit zu entscheiden haben, in- wieweit die christlich-religiöse Erziehung ber Kinder ge- sichert bleibt Was für die Landtagswahlen gilt, wo die Abgeordneten über die Landesschulgesetzgebung zu befinden haben, das gill auch für bie Körperschaften ber Gemeinden. Die kath. Männer unb Frauen werden ihre Stimmen nur solchen Kandidaten geben, bie zuverlässig auf dem Boden der christlichen Weltanschauung stehen. ___
P.M$ Airche Md Schule.
♦ Eine Enzyklika zur hieronymus-Ii-hr-unLrrtfeier wird in einem Sondertest der Acta Apostolicae Sedis veröffentlicht. Nack bem die Enzyklika zunäckst eine Beschreibung de? Lebens und der Tätigkeit bes hl. Hieronymus unter ausgiebiger Benutzung^ seiner Schriften gegeben hat, gebt der Papst dazu über, bie Lehre des Heiligen, betreffend die göttliche Autorität und bte absolute Wahrheit der heiligen Schrift auseinander zu setzen. Die Bischöfe ber ganzen Welt werden aufgefordert, Sorge zu tragen, daß bie Lehrer der heiligen Schrift sich an die Lehre des hl. HteronymuS über gänzliche Jrrtumslosigkeit der Bibel halten. Gleichzeitig werden Vorbedingungen für da? rechte Bibelsrudium an Hand des Lebens deS hl. Hieronymus dargelegt. Sodann werden alle Gläitbigen biingcnb ermahnt, täglich die heilige Schrift zu lesen. In jeder katholischen Famtlie müßten wenigstens bie vier Evangelien und die Apostelgeschicht: vorhanden se.n. Der hl. Vater spricht den Wunsch aus, daß au? allen Weltteilen Priester am ; ömischen Btbeltnstitut sich dem Studium der heiligen Schrift widmen. Das apostollsche Rundschretben läßt schließlich den bl. Hieronymus prophetisch ausrufen: „Machet, daß Petri Lehrguhl jene Freiheit der Lehre genießt, die bte Würde des apostolischen Amts erfordert."
aus dem Rachbargebiet.
fb. Gelnhausen. Im hiesigen Güterbahnhof wurden nächtlicherweile breiEisenbahnwagen erbrochen und aus geplündert. Es fehlen große Mengen Lebensmittel, Zucker und Seife. — Als im Rathaus von amts» unb rechtswegen billige Schuhe verkauft werden sollten und man die Schuhschachteln öffnete, fand man in zahlreichen Kartons statt der ersehnten Schuhe Holzstücke.
* Heilrgenstadt. Eine ganz neue Feldscheune brannte auf dem Rittergut Tetsbungenburg nieder. Große Ernteborräte wurden vernichtet. Das verbrannte Korn wird auf etwa 8000 Zentner geschätzt. Man vermutet Brandstiftung.
Aus Dberheffen und den Hess. Aernterrr.
A Marburg. In der Montag abend abgehaltenen Stadtverordnetensitzung, zu der sich eine Menge Zuhörer eingefunden hatten, von denen einige wegen andauernder Störungen und Zwischenrufe zur Ruhe verwiesen werden mutzten, kam es zu einer erregten Auseinandersetzung toegen der Kartoffelversorgung unb den Preisen, die als noch nie dage- wesen bezeichnet wurden. Es wurde auch oei bekannte Beschluß der Gewerkschaften verlesen und schließlich der Antrag gestellt, von den Behörden zu verlangen, daß der Kartoffelpreis allgemein auf 20 Mark festgesetzt unb die Ausfuhr auS dem Kreise so lange gesperrt wird, bis bie Kreisbew^hner versorgt seien. In der Aussprache wurde auf andere Kreise verwiesen, wo die Landwirte mehr Entgegenkommen zeigten unb zugleich bemerkt, daß man hier 4—5mal so viel wie im Vorjahr verlange. Die Vertraasprerse der Regierung seien durch die Drohung der Anbau» Unterlassung erzwungen worden, solche Versprechen dürften niemals gelten. Der Antrag wurde schließlich einstimmig angenommen.
Lokales.
Fulda, 25. September 1920.
—* Der Arbeilsmarkt in August. Auch im Der* floffenen Monat hat die wirtfchaflliche Krise noch in fast unveränderter Stärke angcholten. In der Landwirtschaft hat die Nachfrage nach Arbeitskräften wesentlich nachgelaflen; hauptsächlich wurden Gespannführer verlangt, die fast durchweg gestellt werden konnten. Der Bedarf an Tagelöhnern für Dreschmaschinen war schr gering. Sn der Industrie der Sreine und Erden ist fast allgemein ein Still-
Silvia trug heute ein Kleid von ganz hellvioletter, glänzender Selbe, auf ihrem Hals schimmerten ganz offen bie herrlichen Perlen. Die kostbare Schnur hing einmal verschlungen allen sichtbar über die Brust herab, unb es war keiner im Saal, besten Augen nicht schon barauf geruht hätten.
Die Perlen ber Eggenbrechts!
Man regte sich darüber auf, daß Silvia es wagte, den Schmuck im großen Familienkreise und vor den anwesenden Fremden offen zu tragen, besonders die reg- ten sich darüber auf, die es am wenigsten anging. Eine ältere Tante Eggenbrecht nannte Silvias Kühnheit sogar schamws, aber da sagte Exzellenz Eggenbrecht sehr entschieden:
„Warum soll sie bte Perlen nicht offen tragen? Jedenfalls glaubt sie sich in rechtmäßigem Besitz des Schmuckes, es hat ihn ihr bisher auch niemand, der dazu berechtigt wäre, bestritten ober gar gesetzlich absprechen lasten."
Dettin, ber ja über die ganze Pertemmgelegenheir unterrichtet war, fand es entzückend, daß die junge Frau den Schmuck heute so herausfordernd trug. Er war Überhaupt ganz entzückt von ihr, hatte es fertig gebracht, während ber Aufführungen neben ihr zu sitzen unb machte ihr gleich von Anfang an in beinahe leiden- schafüicher Weise ben Hof. Sein trockener Witz, mit dem er die Vorführungen kritisierte, belustigte Silvia sehr, und die ritterliche Verehrung, die er ihr entgegenbrachte, war chr nicht unangenehm. Er gefiel ihr überhaupt, schon well er es von Anfang an verstand, einen kameradschaftlichen Ton anzuschlagen, dem doch jede überhebliche Vertraulichkett fern blieb. Dann wußte sie auch, daß er Wolfs bester Freund war, war er es doch, der Wolf den Reitstock geschenkt hatte, ber so lange in ihrer Obhut geblieben war. Es war ihr darum auch sehr lieb, als Weltin sie nach beendeter Aufführung zu Tisch führte.
Man speiste im Ecksaal an kleinen Tischen, je zwei Paar« an einem Tisch. Silvia sah, daß Wolf feine Kusine Alice zur Tischdame hatte, sie konnte ihr von ihrem Platz aus gerade ins Gesicht sehen. Wolf mußte sie wohl sehr gut unterhallen, denn sie strahlte unb lachte unb sah mit ihrem goldblonden Haar in bem ganz lichtblauen Kleid, das sie heute trug, wirklich wunderbar schön aus.
Nach bem Festmahl begann ber Tanz im großen Saal. Silvia hatte im Institut tanzen gelernt, nur die
neuesten Tänze waren ihr fremb, aber das machte nichts, es war um so luftiger, wenn versucht wurde, ihr die Geheimniste einer neuen Tanzart beizubringen. Sie tanzte fortwährend unb amüsierte sich königlich, es erschien chr das ganze Fest wie ein wunderschöner, bunter Traum. Daß sie schr gefeiert wurde, war ihr gar nicht bewußt, aber als sie schon mit fast allen anwesenden Herren getanzt hatte, fiel es ihr plötzlich auf, daß Wolf es bisher unter taff en hatte, sie zum Tanze aufzu» fordern. Dabei tanzte er unausgesetzt und war anschet- nenb in bester, ja geradezu ausgelassener Stimmung.
„Es ist Absicht!" sagte sie sich. „Er will wohl dadurch bas Gerede zum Schweigen bringen, das über ihn unb mich entstanden ist."
Gerade war eine Tanzpause eingetreten, Diener trugen Erfrischungen umher, Mandelmilch, Zitronenwaffer und harmlos erscheinende, eisgekühlte amerikanische getränte, die erst kühlten, und danach bas Blut erhitzten.
Silvia hatte soeben ein Glas Mandelmilch geschlürft, ein ostpreußischer Eggenbrecht nahm ihr das Glas ab, ein junger Marineleutnant, besten Herz Feuer gelangen zu haben schien, hatte ihren Fächer in ber Hand und fächelte ihr Kühlung zu. Wellin stand hinter ihrem Stuhl, beugte sich herab und glostierte in seiner trocke. neu humoristischen Weise vorüberwandelnde Paare. Da erbrausten die ersten Takte eines Sträußchen Wal. zers, und plötzlich verneigte Wolf sich vor Silvia:
„Darf ich bitten, Silvia!"
Unwillkürlich erhob sie sich, und schon tag sein Arm um ihre Mitte, ein paar schleifende Schritte, bann glitten sie gemeinsam über das spiegelnde Parkett. (Er tanz>e gewandt, sich an den anderer Paaren vorbei, windend. Fest tag sein rechter Arm um Silvia, fest hielt seine Linke ihre rechte Hand umfaßt, und noch nie glaubte sie so sicher, so leicht und jo voll unsagbaren Eenustes getanzt zu haben.
Als die Musik abbrach, war ihr zumute, als erwache sie aus einem Traum. Da bot Wolf ihr den Arm unb führte sie aus bem Saal in ein kleines Neben gemach, wo die Luft kühler war. Willenlos und noch außer Atem vom Tanze folgte sie feiner Führung.
Noch andere Paare folgten ihrem Beispiel, setzten sich zu kurzer Rast, um zu plaudern, jedes möglichst ab- seits von den anderen. Wo!s führte Sllvia zu einem bequemen Sessel, der neben einer Palmengruppe stand, schob sich selbst einen Hocker herzu unb winkte einem Diener, ber mit Erfrischungen her ein tarn.
stand eingetreten. Die Besitzer der Basalt-Stein> brüche in der Kasseler Gegend beabsichtigen eine erheb- liche Reduzierung der Gesamtbelegschaften vorzv- nehmen. Einige Neueinstellungen fanden in den Klinker- und Ziegelwerken in Meerholz statt. Unter Koh- lenmatrgel leidet die Wächtersbacher Stettigutsabrtk di- den Betrieb durch Verwendung von Ersatzstoffen nur mit Mühe in dem bisherigen Umfange aufrechter- halten hat. Der gleiche Grund hindert auch die Tonwerke in Bettenhausen bei Kastel, die über Millionen- austräge verfügen, an der Erhöhung ihrer Belegschaft; die Stillegung des gesamten Unternehmens ist sogar in nahe Aussicht geruckt, wenn es nicht binnen kurzem gelingt, die nötigen Brennstoffe zu beschaffen. Im Metallgewerbe herrscht fast durchweg Kurzar- bett vor; in Frankfurt a. M. arbeiten über 66 Betriebe nur 30 bis 32 Stunden die Woche. In Kastel hat sich die Geschäftslage in der Metallindustrie verschlechtert, trotzdem die Lokoowtio- und Wagyonban- anstallen noch einigermaßen normal Beschäftigung haben. Die frühere Zuckerfabrik in Niederhone wurde auf 12 Jahre von der Gesellschaft .^hessische Maschinen- und Waggonfabriken gepachtet; es sollen Waggons und Elektromotore gebaut, sowie Exportartikel hergestellt werden. Eine wesentliche Entlastung für den Arbeit-- markt in der Provinz Oberhessen bedeutet die Errichtung eines größeren Metallunternehmens in Friedberg, das voraussichtlich 500—1000 Arbeiter beschäftigen wird. In der Gelnhäuser Gegend wurde ein Teil der Arbeitslosen bei den in Angriff genommenen Arbeiten der Ueberlandzentrale untergebracht. Die chemische Industrie hat nach den Streikerschüüerungen, dttten sie vornehmlich m Biebrich ausgesetzt war, ihre Tätig- feit wieder voll ausgenommen. In Höchst a. M. lind Fechenheim wurden Arbettskröfte neu eingestellt. Die Ke'nhaufer Gummiwarenfabriken arbetten nur 3 Tage in der Woche. Aus dem Baugewerbe wird ver- einzett über eine wisdsauflebende Tätigkeit berichtet. In Kastel plant das Landesfinanzamt 120 Wohnun- gen zu errichten: die ©tobt Hersfeld beabsichtigt den Bau von Kleinwohnungen. Stellenweise hat auch in der Holz arbeitenden Industrie eine leichte Entspannung der versteiften Arbeitsmarktlage eingesetzt. In Limburg wurden in der Möbelindustrie wieder Schreiner eingestellt; auch in Frankfurt a. M. war für Schreiner ouf bessere fournierte Möbel, Weiter und Küfer zeitweise eine zufriedenstellende Nachfrage. In der Lederindustrie kam es in Offenbach und Hersfeld zu weiteren Betriebsstillegungen, in Homburg v. d. H. dagegen ist die Feinlederfabrikation wieder voll beschäftigt. Im Nahrungsmittelgewerbe wurden in Hessen durch Einführung des markenfreien Fleischverkaufs seit langer Zett wieder die ersten Metzgergehilfen eingestellt. Die Gelnhäuser Nährmittelwerke und Homburger Zwiebacksabriken siegen noch immer still. Für Schneider und Schuhmacher ist die gegenwärtige Zurückhaltung des kaufenden Publi- kums besonders drückend. Kleiners selbständige Gewerbetreibende mußten vielfach die Erwerbslosemmter- stützung in Anspruch nehmen . In Frankfurt a. M- verfügt das Hut- und Kürschncrgewrrbe wieder über genügend Aufträge. Auch in der geringeren Damen- und Herren-Konfektion ist es mied« lebhafter geworden, die besseren Maßschneidereien dagegen sind noch völlig ohne Arbett. Im Gastwirtsgewerbe fft die Zahl der Stellensuchenden int allgemeinen stabil geblieben, sie wird sich aber durch den bevorstehenden Saisonschluß wieder bedeutend erhöhen. Die Arbeits- möglichketten für kaufmännische und tech- Nische Berufe sind immer noch außerordentlich gering. Einzig und allem bleiben die Banken noch aufnahmefähig und zwar für gutqualifizierte Kräfte. Auffallend groß war in Wiesbaden der Bedarf an Reisenden und Platzvertretern für den Vertrieb von Rauchwaren und Lebensmitteln. Der Bedarf von weiblichem kaufmännischen Personal beschränkt sich nur auf tüchtige Stenotypistinnen; nach Derkäuserinnen kst überhaupt keine Nachfrage vorhanden.
Vermischtes.
* Dandalen. Die ErinnerungSstatve an Herder im Tiefurter Park wurde von unbekannten Tätern zertrümmert. Alle Gedenksteine, bie an die historische Zeit Weimars erinnern, weisen böswillige Beschädigungen auf.
* In Nürnberg veröffentlicht em Herr Valentin in den Zettungen folgende Erklärung: „Teile hierdurch allen, die es angeht, mit, daß ich mich von
„So, mm ruhen Sie aus und erlauben Sie nur. Ihnen dabei Gesellschaft zuu leisten", sagte er beinahe befehlend.
„3d? bin nicht müde", erwiderte Silvia, während si« sich ein Täßchen Eiskaffee nahm.
„Sollen Sie auch nicht sein*, meinte er. „Sie habe» aber bereits soviel getanzt, daß ich Vorschlag«, den nächsten Tanz ganz auszulaffen."
Da lachte sie leise auf.
„Wie wollen Sie wissen, daß ich viel getanzt habe? Sie haben mich doch bisher nicht aufgeforbert"
„Absichtlich nicht!"
Da hob sie leicht die Brauen, sagte nichts, aber ihr« Lugen fragten, und er blickte sie an, seine Augen antworteten, unb Silvia errötete jäh.
Wolf sah Silvias Gesicht sich so nahe, wie unter ber zarten Haut das Mut emporftieg, und ihn erfaßte fast übermächttg der Wunsch, sie in seine Anne zu schlio- ßen, ihren lieben, kindlichherben Mund zuu küsse» unb ihr zu sagen: Was spielen wir denn Komödie? Du liebst mich ja, wie auch ich dich über alles liebe!
Vielleicht sprach aus seinem Blick, was ihn bewegte, denn Silnia senkte die Liber, und ihre Linke faßte spielend nach der herabhängenden Perlenschnur. Das geschah ganz unbewußt, aber ihm schien es, als habe diese Bewegung besondere Bedeutung. Ja, noch waren ja die Perlen um ihren Hals geschlungen und so lange es so war, durste er nicht sprechen, durfte er ihr nicht sagen, wie sehr er sie liebte und begehrte, eben weil sie noch glauben mußte, daß er nur die Perlen begehrte unb nicht sie selbst.
Sich ein wenig vorbeugend, richtete er feinen Blick auf die kostbare Schnur.
„Sie sind wunderschön, die Perlen", sagte er leise.
Sie nickte, erwiderte nichts, und er sprach aeiter: „Ich sah sie nie zuvor, und ich glaube, ich habe noch nie so schöne Perlen gesehen. Sie sind Ihnen sehr viel wert, Silvia?"
„Sie wiffen, warum sie mir wert sind", erwidert« sie unb sah halb mißtrauisch, hall» scheu zu ihm auf.
„Ja. ich weih", nickte er, „unb es freut mich, daß Sie sie heute tragen. Nirgends könnten die Perlen besser an ihrem Platz sein, als wo sie jetzt sind, unb wären sie in meiner Hand, ich würde ..." (Er brach ab, fühlend, baß er sich vergaloppierte, erst nach einigen Sekunden fügte er hinzu: „Ich wüßte wohl, was ich täte" f?Fortf. fstatl