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FuldaerZeitung

Nr. 22Z.

Veramwonltch für den redattionellen Teil: Karl Schütte, :: für die Anzeigen: I. ParzeiIer-Fulda. ::

Rotationsdruck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernfprecher Nr. 9. Telegr.-Adrefse: Fu ldaer Zeitung

Samstag, 25. Sept. 1920.

Bezugspreis: Monatlich 3,00 Mk. ohne Zustellgebühr. In Fulda bei uns abgeholt 3,15 Ult Anzeigenpreis: DieKleinzeile (Colonelmatz) 60 Pfg u. 10°/. Zuschlag, die Reklamezeile (Textbreite) 1.801HL, u. 10% Zuschlag. Bei Wiederhol. Rabatt.

47. Zahrg.

DieBollmachtendesReichsfinanzministers.

Nach der Sitzung des Reichskabinetts ist angekün- bigt worden, daß die beschlossenen Stmergesetze unbe­dingt durchgeführt werden und keinerlei Abschwächung stattfinden soll, auch gegenüber dem Reichsnotopfer nicht, daß neue Ausgaben abgelehnt, die bisherigen Ausgaben möglichst eingeschränkt, keine neuen Beam­tenstellen errichtet, größte Sparsamkeit auf persönlichem und sachlichem Gebiet herrschen, die entbehrlichen Stel­len, besonders die Kriegsgesellschaften abgebaut wer­den sollen.

Aehnliches ist schon früher angekündigt, aber nicht ausgeführt worden. Doch jetzt darf man in höherem Maße die Verwirklichung erhoffen, denn der Ein­fluß des Finanzmini st ers auf die gesmnte Geschäftsführung ist durch förmliche Entschlüsse des Kabinetts wesentlich gestärkt worden. Ueber die ihm verliehenen Vollmachten zur Erzwingung der Sparsamkeit wird uns von unserem Berliner Vertre­ter geschrieben: »

Der Reichssinanzminister hat tn jedem Falle ein besonders Einspruchsrecht erhalten. Er kann bei Anforderungen anderer Ressorts seinen Wider­spruch emlegen, dem unbedingt stattzugeben ist. Bisher hat die Stimme des Reichsfinanzministers im Kabinett nur einfach für feine Person und sein Amt gegolten. Es war daher bisher möglich, daß der Finanzministsr durch die Mehrzahl der übrigen Minister überstimmt werden konnte. Das ist von jetzt ab ausgeschlossen, denn eine neue Ausgabe kann künftighin nur dann als bewilligt gelten, wenn auch der Finanzminister ihr zugestimmt hat. Der Reichssinanzminister hat es des weiteren erreicht, daß innerhalb des Reichskabinetts ein besonderer Wirtschafts-Ausschuß gebildet wird zur Behandlung von wirtschaftlichen Sonderfra- gen, die ja heute den Hauptteil aller Reichsfragen aus­machen. Dieser Ausschuß wird bestehen aus dem Reichsfmanz-, dem Reichswirtschafts-, dem Reichsar- beits-, dem Reichsverkehrs- und dem Reichseniäh- rungs-Mmister. Der Reichsfinanzminister wird sein Wirtschafts- und Finanzprogramm diesem Wirtschafts­ausschuß des Reichskabinetts in Vorlage bringen. Die­ser Ausschuß wird sich über die Pläne des Finanzmini­sters schlüssig zu machen haben. Er wird dann zur endgültigen Beschlußfassung an die Vollversammlung des Reichskabinetts berichten muffen.

Sn der Hauptsache legt der Reichssinanzminister mit vollem Recht Gewicht darauf, daß Maßnahmen ge­troffen werden, um die ungeheuren Fehlbeträge bei den Staatsbetrieben, insbesondere bei den Ei send ah- s n und bei der Po st, die heute insgesamt schon Über 18 Milliarden Mark ausmachen, beseitigt werden. Die MilliarSen-Kosten

der Zwangswirtschaft.

Wie viele Milliarden mag uns die Zwangswirtschaft schon gekostet haben! Wie jetzt bekannt wird, hat allein die Herstellung der Brotkarten jährlich eine Mil- liarde verschlungen. Die G e s a m t k o st e n der Zwangs­wirtschaft allein im Jahre 1919 betrugen rund vier­zehn Milliarden. Angesichts des Schneckentem­pos, in dem der Abbau erfolgt, werden diese Kosten jetzt noch und leider auch noch in der nächsten Zeit in die Milliarden gehen.

Ein Fall gedankenloser Vergeudung durch die Zwangswirtschaft ist dieser Tage bekannt geworden. Der Beirat derWirtschaftsstelle für das deutsche Zej- tungsgewerbe" hat in München getagt und sich dort ein­mütig für die weitere Bewirtschaftung des Z e i- .ungspapters erklärt. Heute, wo ein Papierman­gel nicht mehr besteht, sondern wo Zeitungspapier in großen Mengen ausgeführt wird, um die Papierfabriken vor Arbeiterentlasiungen und Betriebseinschränkungen zu bewahren, ist eine Bewirtschaftung vollendeter Un­sinn geworden. Dennoch wird weiterbewirtschaftet'. Der. Beirat wohnt in Berlin, sein gesamter Apparat sitzt in Berlin, die Mitglieder des Beirates wohnen mit einer einzigen Ausnahme in Berlin. oder bei Berlin. Was lag da aus Sparsamkeitsgründen näher, als die Sitzung in Berlin abzuhalten. Statt heften mur;te der ganze Apparat auf Kosten der Allgemeinheit nach Man- chen reisen und die Millionenkosten sind um etliche Tausende vermehrt.

In der letzten Zeit ist viel von den Machenschaften der S o l z h e r i n g s-Emfuhrgesellschaft die Rede ge­wesen, die nicht nur 900 Proz. Dividende verteilt, son­dern auch den Heringsbedarf der deutschen Volkes auf fünf Monate durch Ankauf höchst fragwürdiger norwegi­scher Heringe in Verbindung mit einem außerordent­lichen, gewagten Kreditgeschäft zu viel zu hohen Preisen gedeckt hatte. Der Hering ist ein Bolksnahrungsmitlel. und welche Wirkungen eine Verteuerung des Herings hat, ergibt sich daraus, dah die letzten Lebensmittelkra­walle in Dresden auf die Lieferung verfaulter Heringe zurückzuführen waren. Es gibt in der Tat nichts Na­türlicheres als die Wiederherstellung de, freien Han­dels in Heringen, denn die hochwertige holländische Ware ist billiger im freien Handel zu beschaffen, als die staatliche Heringsversorgung die Ware an das deutsche Volk abzugeben in der Lage ist. Die Verteuerung wird allein schon durch die 900 Proz. Dividende bewiesen. Mit solchen indirekten Steuern auf Heringe möge man endlich die ärmeren Kreise verschonen.

Im Reichstage erhebt der Zentrumsabg. Schlack in einer Anftage schwere Vorwürfe genen die Preispolitik der Kriegsaesellschaft zur Regelung der Seifenwirt, schäft. Sie hat die Preise im Inlande erhöht, als Auslandsseife tm Preise stark zurückqing, sie hat dem handel zu hohen Preisen Sonderzuteilungen aufge- drängt, zu denen die Verbraucher den Kauf ablehnten, so daß der Ab'atz vollkommen stockte. Sie hat dann später die Preise herabgesetzt, obwohl der Handel noch die teure Ware aus Lager hatte, und sie hat durch diese sinnlose Preispolitik ungeheure Summen verschleudert- Der Zentrumsabg. fragte die Regierung, ob sie diele Krteasgesellschaft nun zwingen will, den von ihr an- genchteten Schaden zu ersetzen, und ob sie ihr nicht möglichst bald den Garaus machen will. Nach zuver­lässigen Mitteilungen beträgt der Reingewinn dieser Kriegsgesellschaft die Kleinigkeit von 25 Millionen.

Dieter skandalösen Vergeudung von Millionen muss endlich einmal ein Ende gemacht werden. Reichsfinanzminister greif durch!

Das ErnährungSproblem.

Sm Zusammenhang mit den Beratungen über die finanzielle Lage nahm der Wirt s ch a ft s a u s- schuß des Reichskabinetts, her unter dem Vorsitz des Reichswirtfchastsministers tagte, die Be­ratung des Wrtfchaftsprogramms auf. in die Soike

wurde die Erörterung der Ernährungsloge ge­stellt. Der Reichsernährungsmimster gab zunächst eine Uebersicht über die Lage und betonte, daß auf den Ge­bieten, auf denen die Durchführung der Zwangswirt­schaft nicht mehr möglich sei, die Regierung die P r e is- und Marktoer HSltnisfe mit schärfster Aufmerksamkeit beobachten und tatkräftig ein­greifen müsse, sobald sich Stockungen und Mißstände in der Versorgung mit Lebensrnitteln ergeben. Ein we­sentliches Mittel in der Bekämpfung bevorstehender Schwierigkeiten sieht die Regierung in der Schaffung ausreichender Reserven von Lebens­mitteln. Sie sollen dazu dienen, etwaige Stockungen in der Versorgung zu beseitigen und erforderlichenfalls preissenkend zu wirken. Dom 1. Oktober 1920, dem Tage des Außerkrafttretens der Fleifchzwangswirt- schaft, wird die Reichsfleischstelle über mehr als 70 000 Tonnen Auslandsfleisch, Auslandsspeck und sonstige Fleischwaren verfügen. Die Auslands- fleifchreferve wird ständig auf 30 000 Tonnen erhalten werden, die für 3 Monate die bisherige wöchentliche Ausgabe von 125 Gramm Fleisch auf den Kops der Bevölkerung in den großen Bedarfsgebieten für den Notfall sicherstellt. Don der Reichsfettstelle wird vor­läufig eine ständige Schmalzreserve von 20 000 Tonnen gehalten, aus ihr werden die bisher geu Ratio­nen weiter ausgegeben werden. An Kartoffeln steht aus den Lieferverträgen eine Reserve von 32 Millionen Zentnern zur Verfügung. Hierzu tritt die von der Reichskarioffelstelle sichergestellte Reichsreserve von 20 Millionen Zentnern. Margarine und Kunst- s p e i f e f e 11 wird der Bevölkerung im Wege des freien Handels in reichlicherem Maße als bisher zuge- miefen werden. Die inländische Brotversorgung wird bei dem im Gegensatz zu den Erwartungen sehr ungünftigen Ausfall der Roggenernte auch im kommen­den Wirtschaftsjahr große Schwierigkeiten bereiten. Zu einer Herabsetzung des Ausmahlungssatzes bebarf, es nicht nur der restlosenAblieferung berin» ländifchenErnte, die im Notfall mir den schärf­sten Zwangsmitteln durchgeführt werden muß, fonbem auch einer sehr erheblichen Einfuhr von auslän­dischem Brotgetreide. Um den Bedürfnissen nach einem besseren Haushaltsmehl entgegenzukommen, ist in Aus­sicht genommen, eine Wochenmenge von 125 Gramm gering ausgemahlenem aus ausländischem Getreide her- gestellten Weizenmehl zu dem Einstandspreis der Be­völkerung zuzuleiten.

Der Wirtschaftsausschuß nahm von diesem Bericht des Reichsernährungsministers Kenntnis. Cs bestand volle Einmütigkeit darüber, daß die öffentliche Bewirtschaftung des Getreides, der Milch, des Milchfettes und des Zuckers Ns auf weiteres aufrechterhalten werden müsse, Es wmde zunächst beschlossen, die Kartoffelversorgung der Bevölkerung in den Dergbautefirken durch beson­dere Disposittonen der Reichskartoffelstelle über die Reichsreserve sicherzustellen. Bei den ive'.teren Arbei­ten des Ausschusses soll insbesondere versucht werden, die Wucherbekämpfung schärfer und wirkungs- voller zu gestalten. Die Arbeiten des Ausschusses wer- den fortgesetzt. Sm einzelnen beschloß der Ausschuß noch, zur Besserung der Ernährungslage vom 15. De­zember 1920 ab die Einfuhr von Salzheringen innerhalb eines noch festzusetzenden Rahmens dem freien Handel zu überlassen.

Arbeitsdienstpflicht?

Sn den Erwägungen über die Bekämpfung der Ar- beitEloftgteit beschäftigen sichRegierungsfreife gegen- wärttg auch mit dem Gedanken der Einführung einer allgeme'nen Arbeitrdienstpflicht. Man hält eilte lösche Arbeitsdienstpflicht nicht nur aus erzieherischen Grün­den für notwendig, sondern glaubt, daß man auf diesem Wrae auch eher den großen Anforderungen der Urproduktion gerecht werden kann. Man braucht Ar­beitskräfte namentlich in der Land- und Forstwirtschaft, und es wäre auch an eine Verwendung der Arbeits­pflichtigen im Bergbau zu denken. Durch eine solche Heranziehung aller brarrchbaren jungen Arbeitskräfte des Volkes könnten auch wohl die ungeheuren Lasten der Arbe'tslosenfürsorge vermindert und zugle'ch der allgemeine Wiederaufbau des Wirtschaftslebens geför­dert werden.

Es braucht nicht gesagt zu werden, daß die Arbeits­dienstpflicht mit der früheren militärischen Dienstp! licht in keiner Weise in Beraluch gestellt werden kann. Be­kanntlich hat Bulgarien bereits eine solche Ar- bestsdienstpflicht eingeführt, die eine einjährige Dienst­zeit für den Mann und eine halbjährige Dienst­zeit für die Frau Vorsicht. Zu entern Gesetzentwurf ist die Sache noch nicht gediehen: das Kabinett selbst hat sich noch nicht mit der Frage beschäftigt.

Streiks gegen Vorgesetzte.

In Berlin ist es nicht zu dem geplanten Protest­streik der Straßenvakner zumnsten des unabhängigen Verkehrsdirektor-Kandidaten Dr. Adler gekommen, weil dieser nach löblicherUnterweriun derMehrheitSsona'isten unter da? Diktat der unabhängigen Straßenbahner ge­wählt wo? den ist.

Ein ähnlicher Streik spielt stch sur Zeit im Ruhr- gebiet ob. Aus der ZeckeNordstern 3'4* bei Essen sind zwiscken der Beliiebsleitung und dem Betriebsrat ernste Mißhellinkeiten entstanden, die zur Entlnssun von Mitgliedern de? Betriebsrats geführt haben. Die Belegschaft hat in einer Entschlteßuna die Wiederein- stellunn der Entlassenen verlangt und fordert weiter die sofortige Entlassung des DetriebsführerS. Sie erklärt ferner, daß sie zunächst keine Uebersckichten mehr verfahre und sodann nach Ablauf der Woche die Arbeit ganz einstellen würde, wenn bis dahin ihre Forderungen nicht erfüllt seien. In der Zwischenzeit werde mm alle umliegenden Belegsckaiten zu gemein, samem Vorgeben ou'rufen, auf deren Schbarität man heute schon rechnen könne.

ES ericbetnt". so meint der .Vorwärts' dazu, dringend nolwendrg, d-?ß die Regferung vermittelnd ein-ireift, da die große Gefahr besteht, daß dieser Kon. flikt zur Ursache werterer lixruben tnt Industriegebiet wird.* Die Frage ist nur, ob nickt ein Em reifen der Re ieruag in diesem Falle gleich Dutzende gleich» gearteter Fälle hcrvorruft.

Das große X.

Sn der Rechenkunst bezeichnet man die unbe­kannte Größe, die mit Anstrengung des Ver- standes und füblem Kopfe errechnet werden muh, mit einem I. Vorn deutschen I wissen wir nur, daß es sehr groß ist und daß wir selbst allein es gar nicht ausrechnen dürfen, denn die endgültige Rechnuirg wird von den Diktatoren des Versailler Vertrags ausgestellt. Welche Rechnungsmethoden wollen diese anwenden, um das deutsche I festzustellen? Welche Gleichungen zwischen Kriegsschäden, Wiederherstellungspft'cht und Leistungsfähigkeit werden sie ausstellen, um die deutsche Schuldsumme festzustellen? Einen ersten Scdritt auf diesem Wege stellt die internatio­nale Finanzkonferenz in der belgischen Hauptstadt Brüssel dar. Fraglich ist aber doch, ob die Brüsseler Finanzkonferenz die schwierige Rech­nung überhaupt einen Schritt vorwärts bringt. Denn programmgemäß soll die Behandlung aller noch zwi­schen den verbündeten Mächten und ihren ehemaligen Feinden schwebenden Angelegenheiten a u s g e s ch l o s- s e n fein. Gewiß ist die Tatsache, daß man die Ein- berufung einer internationalen Finanzkonferenz für nötig befunden hat, ein deutlicher Beweis dafür, daß die Einsicht an Boden gewinnt, wie dringend die durch den Versailler Vertrag geschaffene europäische Wirt­schaftslage nach einer lieber prüfung schreit. Aber solange die deutsche Schuldsumme nicht festgesetzt ist, was bekanntlich nach einem früheren Plan in Genf geschehen sollte, wird auch die Brüsseler Finanzkonferenz kaum Früchte tragen können. Die Frage nach dem großen I bleibt unverändert offen. Wann wird die komplizierte Rechenaufgabe endlich so angefaßt, daß eine Lösung zu hoffen ist.

Die Brüsseler Konferenz hat am Freitag ihren Anfang genommen. Die deutschen Delegierten waren tags vorher eingetroffen Die erste Sitzung wurde mit einer Ansprache des Präsidenten der Frnanz- konferenz, des ehemaligen schweizerischen Bundespräsi­denten Ador, eröffnet Vertreten sind 35 Staaten mit 150 Delegierten.

Di« deutsche Regierung hat zur Ueberprufung an die Konferenz einen schriftlichen Bericht über Deutsch­lands Finanzlage ausgearbeitet, der nn allge­meinen den Ausführungen entspricht, die der Finanz- Minister dieser Tage im Reichskabinett gemacht hat und der auf die ungeheure Verschlechterung der Finanzlage hinweist.

Groß-Berlin."

Das moderne Groß-Berlin macht jetzt viel von sich reden Die Diktatur wird jetzt zur Wirklichkeit. Am 1. Oktober 1920 wird Berlin mit seinen 877 Quadrat­kilometern inbezug auf Ausdehnung die größte «tadt der Welt sein, wenn es auch an Einwohnerzahl mit seinen 41/* Millionen hinter London und Paris zurück­steht. An diesem Tage werden 8 Städte, 59 Land­gemeinden und 27 Gutsbezirke emgememdet. Berlin stellt den Versuch dar, ein ganzes Land nach den Grundsätzen der StMeordmmg zu verwalten. Ob der Versuch gelingt, soll die Zukunft entscheiden. Hier handelt es sich um ein Musterbeispiel moderner, so- zialdemokrattscher Verwattungskunst. Früher hatte Berlm einige 100 Bürgermeister, Stadträts, Amts­und Gemeindevorsteher teils zu ernennen, teils zu be­stätigen. Ab 1. Dftoter fällt das weg. Die feit eini­gen Tagen im Gang befindliche Wahl der Magistrats- mitglieter wurde gestern gemeldet. Rach der Wahl Dr. Löwensteins zum Stadtschulrat wurde der mehr- heitsfozialistische Stadtrat Ritter zum Bürgermeister gewählt. Als dann der Antrag, die übrigen 20 Stadt­räte nach dem Verhältniswahlsystem zu wählen, von den Sozialdemokraten abgelehnt wurde, verließen sämtliche nichtsozialdemokratische Abgeordnete den Saal. Die von den Sozialdemokraten aufgestellten sozialdemokratsschen Kandidaten wurden dann gewählt.

Kein Mensch würde etwas dagegen einzuwenden haben, wenn bei der Wahl dahin gestrebt worden wäre, den sozialisttschen Teil der Berliner Bevölke­rung entsprechend feiner tatsächlichen Stärke zur Gel­tung kommen zu lassen. Die Sozialdemokraten ater wollen nur sozialistische Magistratsoertreter und haben danach die Wahl getätigt. Sie haben dabei zum Ueberfluß noch enen 35jährigen jüdischen Dissidenten, der nicht den geringsten pädagogischen Befähigungs­nachweis erbracht hat, der Lügen und Stehlen nicht für unsittlich erklärt und die Kinder deshalb nicht davor gewarnt wissen nrö, zum Leiter des Berliner Schul­wesens gemacht, damit er sein rabifa**c Schulreform- erperiment auch an den Kindern chefftt-cher Eltern ausprobieren kann. Sogar dasSerlütr Tageblatt" wirft, nachdem dieFrankfurter Zeitung' schon ein Gleiches getan hatte, die Frage auf, ob es flug war, einer überwiegend nirtest^fchen und chr'stlichen 9>tr5I» kerung einen Mann jüdischer Abstammung al« Schul- leiter aufzuzwingen. Aber unseren Un~N> rtair.m ist das ganz egal. "Bei ihnen drescht Willkür v d ei kn., ftimige Brutalität. Sie fi," nicht besser, fönte cn schlimmer als die Freunde . * von ihnen früher ,r Nomen der Freiheit bekämpften alten Systems. Sie haben schließlich noch die Straße aufgeboten und die Stillegung des Straßenbahnbetrietes als Druckmittel angedroht, den ursprünglich auch von den Mehrheits- sozialsten als Leiter des Berliner Berkehrsweiens auserfehenen, als tüchtigen Fachmann befamiten Pro­fessor Giefe fallen gelassen und statt feiner den Lter- ingenieur Dr. Adler nominiert, weil erunabhängig" ist-

Das 'st Diktatur, mit Demokratie und Gerechtigkeit hat das nichts mehr zu tun. Das Leitmotiv ist. Wir hoben die Macht und werden sie gründlich ausnutzen. Die cereiniater Sozialsten sind dabei, inmitten des Deutschen Reiches einen roten Staat zu errichten. Von den Dingen, die sich dabei abspinnen, w'rd viel mehr, als man gegenwärtig vielleicht aimunehmen ge­neigt ist, für die ganze zukünftige pol'tische Entwick- lung nicht nur in Preußen, sondern auch im Reiche abftänaen. Darum soll man diese Dinge ja beachten. Sie sind lehrreich. Hier baten wir die radikale Spiel- art des Sozialismus wie sie leibt und lebt und wie sie überall sich durchsetzt, wo die Sozialdemokratie erst die M^cht in die ifir~~

Schon wieder ein polnischer Geheimbefehl.

Die ,Schles. Volksztg? veröffentlicht folgenden neuen polnischen Geheimbefehl:

Landesverteidigung Oberschlesien. Streng vertrau­lich. Auf der Versamm ung des OberlommandoS am 19. September ist beschlossen worden, die eingeleitete Aktion aus bekannten Gründen bis zu m 1. Oktober zu verlegen. Bis zu dieser Zeit soll man mit den Vorbereitungen nicht aufhören, um die Aktion aufs beste durckzuführen. Aus diesem Grunde beschloß die Versan mlung, jedem Kommandanten in Gleiwitz, Kattowitz, Hindenburg, Beuthen und Tarnowitz je einen tzachinstrukteur beizugeben. Des. reichen sind Waffen, wenn solche unter die Organisierten verteilt waren, einzuziehen, damit diese nicht beschlagnahmt werden. Oberkommando, (gez.) Zgierski. An die Bezirkskomman­danten.

Ausland.

** Der neue französische Ministerpräsident. An die Spitze des Ministeriums tritt als Nachfolger von Millerand dessen Freund der frühere Unterrichts­minister Leygues, der gleichzeitig das Auswärtige übernimm). Alle übrigen Mitglieder des bisherigen Ministeriums bleiben in ihrem Amte.

** Die Terrorisierung der Deutschen in Kärnten, dem österreichischen Abstimmungsgebiete, wird ganz nach polnisckem Muster fortgesetzt. Die Südfiawer sind der Polen durchaus würdig. Täglich komme» Berichte über Mißhandlungen von Deutschen, Besitz­störungen und Verhinderung der Besprechungen der färntnertreuen Bevölkerung. Trotzdem der südsla­wische Vertreter Iowanowltsch in der Sitzung der Kommission am letzten Dienstag den Abzug de- Militärs aus der Südzone für denselben Tag zu- fagte, begannen serbische Truppen erst am Samstag sich zurückzuziehen. Bei dem Abzug au8 Roszek wurde in einem Tagesbefehl mitgeteilt, daß die Truppen auf jeden Fall nach der Abstimmung zurück- kehren würden, gleichgültig, ob diese für Oester­reich ober Südslawien ausfalle. Durch diese Droh­ung sowie die ständig wiederholte Eiklärui.g, daß Serbien das Gebiet niemals herausgebe, und durch die massenhaft erfolgende Einstellung von Prügel­garden in die Gendarmerie wird die Bevölkerung der Südzoue dermaßen verängstigt, daß von einer freien unbeeinflußten Abstimmung keine Rede fein kann.

* Die ReichStagswahlen in Dänemark haben im Gegensatz zu Schweden einen Ruck nach links gebracht. Im früheren deutschen Schleswig wurden rund 7000 deutsche, eben oviel sozialdemokratische und 35 000 dänische Stimmen abgegeben. Pastor Schmidt aus Tandem zieht als erster Deutscher tn den däni'chen Reichstag ein.

** Ter Unruhegeist in Italien. Die Landesver- fammlung des Metallarbeiterverbandes har dem in Rom abgeschlossenen Vertrag zugestimmt. DaS Organ des päpstlichen Stuhles, der ,Osserbatore Romanos fordert die Polizei zur Wachsamkeit auf, da seitens der Radikalen ein Angriff auf den Late­ranpalast und die Besetzung einiger Klöster ge­plant sei.

** Der Bürgermeister der Stadt Cork in Ir­land hungert jetzt den 44. Tag. Ob das mit rechten Dingen zugeht?

* Tie Bolschewisten gegen den Osten. Im Petersburger Sowjet erklärte Sinowjew:Wir glaubten bisher die Revolution zuerst nach Westen tragen zu können. Jetzt ist aber der Osten und seine baldige Nevolulionierung das wichtigste und am ebeften zu erreicbenbe Ziel. Zu bedauern ist der Umstand, daß die Bauern in Aierbeid eban und Turkestan Bedenken tragen, das enteignete Land an sich zu nehmen.'

Bus dem Nachbargebiet.

Eichenried. Wir erhalten folgende Zuschrift: Die unter zeichneten Landwirte verpflichten sich, an Minderbemittelte, welche schlecht gestellt sind, mehrere Kinder haben und infolgedessen nicht im Stande sind, die Wucherpreise von 30 Mark und mehr zu zahlen, Kartoffeln zum Herstellungspreise von 12 Mark abzugeben gegen Vorzeigung amtlicher Beglaubigungsschreiben. E i ch e n r i e d, 21. Sept. 1920. Emil Vogel, Wilh. Auth, Gregor Hohmann. Zur Nachahmung empfohlen!

k. Ne-chof. In den großen Massen-Dieb« stählen tm E^enbohngut auf dem hiesigen Bahn­hof ist die Untersuchu: g noch nicht vollständig ab» geschlossen. In Nrnstadt-Neuhof kürzlich abgehaltenen Hau wchungenerten cus Verstecken 1 Faß Ani­linfarbe und eine große ihfte mit elektrischen Schalt« deckeln zu Tage. Ferner fand man in Schweben in einem PrivathauS euren großen Teil Kleider- uni WülLenuc:.', gleichfalls aus einem Eifcnbahndieb- ftab1 hcr.ittrend.

*, Esawege Ter durch |6a5 Eisenbahnunglück bei S»rtra entstandene Materialschaden beträgt schätzu"C!4werst 15 Millionen Mark. Tw Nn- fallftelie ist noch nicht betriebsfähig. Tie Aufräu- mungsarbe^en werden überhaupt längere Zeit in j Anspruch ncomen. Der Verkehr i|t noch gesperrt.

Eine lieb'e liegt noch unter den Trümmern

Bieber (.QrJ Gelnhausen). Ter vergangene Sonntag war ein Freudentag für bte kalt ol'.sch« ©emcinbc. Die neuen Kirchenglocken erhielten ihre kirchliche Weihe. Infolge des Bruche« der größeren der o'ten Glocken, die ihres KnnslwerteS wegen bei der allgemeinen Elockenablieferung ruckt in die Gefchützchrßerrien zu wandern brauchten, sah man sich gezwungen, troy der hohen Mrtalipreise sie zu neuen umfcbmeljen zu lassen. Man eut-chlotz sich zu drei neuen Glocken und lieferte cuS Sparsam» keUSrücksickte» noch das Glöckcken aus b#t Vnrg» kopelle tn die Glockengießer« Otto tn Hem»>'ngrn bet Bremen. Ungern sah man sie von hier schei- . den. War doch mit ihnen ein Siück eitler H-imst- geschichte verrnüpfi. Auf derSchmelz" würben fit reboien. Das besagte folgende Äufjckrifl der kleineren Glocke: Johannes und Andreas wind aus Frankfurt hat mich für die Gemeinte ge­golten. Durch das Feuer bin ich geflossen e»f dem