FuldaerZeitung
Nr. 222.
LerantwoNIich für den redat'onellen Teil: Karl Schütte. z für die Anzeigen: 3. ParzeUer-Fulda. :: Rolationsdruck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernsprecher Nr. 9. Tetegr.-Adresse: Fuldaer Zeitung
Sreitag, 24. Sept. 1920.
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47. Zahrg.
Der Sieg des Reichsfinanzministers.
Die Reichsfinanzministerkrise, hinter der brohe.ch eine Kabinetts- und eine Reichskrise standen, ist beseitigt — wenn nunmehr die vom Reichskabinett auf Vor- schlag des Reichsfinanzministers gefaßten Beschlüsse schleunigst in die Tat umgesetzt werden.
Was wir bisher immer schmerzlich vermißten, ein klares Finanzprogramm, scheint nun in die Wege geleitet zu werden. Bisher hat man sich vielfach von unangebrachten Rücksichten leiten lassen, man ließ die Dinge viel zu sehr treiben in der Erwartung auf das große Wunder, das einen Umschwung der Dinge herbeisühren sollte. Dieses Wunder aber stellte sich nicht ein und so geboten harte Tatsachen harte Entschlüsie. Man kann nur bedauern, daß diese Entschließungen so spät getroffen werden und wir möch- ten hoffen, daß es nicht schon zu spät ist. Es wird sich zeigen müssen, ob die Regierung die Macht, aber auch den Mut hat, gegen bestimmte Entwicklungen der letzten Zeit mit der gebotenen Energie und Entschlossenheit, ja selbst mit der nötigen Rücksichtslosigkeit vor-
Der finanzielle Gesundungsprozeß soll nach den Beschlüssen des Reichskabinetts also folgenden Gang nehmen: Die beschlossenen S.teuergesetze werden unter allen Umständen durchgesührt. 3m besonderen verkündet dar Reichskabinett seinen festen Willen, das Reichsnotopfer"unbedingt und auch mit Beschleunigung zur Erhebung bringen zu lasien. Angesichts unserer Finanznot wird danach gestrebt werden müssen, möglichst rasch hohe Beträge zu vereinnahmen. Das Reichsnotopfer verteill sich nun auf 30 Jahre. Das Reichsfinanzministerium wird daher der Reichsregierung wie dem Reichstag in der allernächsten Zeit Vorschläge unterbreiten, welche eine frühere Einziehung der für das Reichsnotopfer fälligen Summen ermöglicht. Aus dem Bericht über die Reichs- tabinetts-Sitzung ist nicht ersichllich, ob und welche Befchlüsie wegen der neu zu schaffenden Steuern gefaßt worden sind. Wir müsien uns nämlich vor Augen halten, daß noch in diesem Jahre mehrere Milliarden Mark — man spricht von sechs bis acht Milliarden Mark — neue Steuern bewilligt werden müssen, die für die Deckung des Defizits im Reichs- hausholl notwendig fein werden. Diese Fragen werden den demnächst zufammentretenden Reichstag alsbald beschäftigen müssen.
Während aus der einen Seite eine schleunige und umfassende Vermehrung der Einnahmen notwendig ist, muß auf der anderen Seite ebenso schleunig und um» fastend ein Abbau der Ausgaben erfolgen. Das immer und immer wieder verkündete Programm der Sparsamkeit muß nun auch endlich in die Tat um gesetzt werden. Und die obersten Stellen müssen damit beginnen, wenn die Wirkung nach unten dringen soll! Nach dieser Richtung hin sind nun vom Reichskabinett „Grundsätze" von gleichfalls weittragender Bedeutung aufgestellt worden. Ihre Durchführung wird der Prüfstein dafür fein, wie die Staatsautorität gefestigt fit, und wie tief in den beteiligten Volkskreisen das Pflicht- und Berantworüichkeitsgefühl wurzelt. Das Kabinett will eine einheitliche Regelung der Beamten- befoldung im Reiche und in den Ländern durch ein besonderes Sperrgesetz herbeiführen. Wichtiger aber ist, Schluß machen mit der unseligen Vermehrung von Beamtenstellen. Die Zustände, die da heute teilweise herrschen, sind haarsträubend und fordern die allerfchärfste Kritik und den geschlossenen Protest der Steuerzahler heraus. Das Reichskabinett hat den Grundsatz ausgesprochen: neue Beamtenstellen sollen nicht geschaffen werden! Damit ober allein ist es nicht getan. Es muß auch gründlich Auskehr in den schon bestehenden Beamtenkörperschaften gehalten werden. Auch das will das Reichskabinett besorgen. Die solide Beamtenschaft, diejenige, die auf Grund ihrer Vorbildung und nach mühsamem Ausstieg in ihre Posten gekommen ist, wird es nur begrüßen, wenn einem Kleber- und Schmarotzertum, welches dem ordentlichen Beamtenkörper nur Licht und Luft nimmt, gehörig zu Leibe gegangen wird. Heute, da mit Recht immer und überall der Grundsatz ausgesprochen wird, daß nur Arbeit und nur vermehrte angespannteste Arbeit über die Not der Zeit uns hinweghelfen kann,
Unpolitische Zeitläufe.
Von Fritz Nienkemper.
Berlin, 22. September 1920
Der Herbst ist da. Welke Blätter und wehmütige Gefühle. Der rauhe Winter kommt.
Früher, ja früher, da war der Herbst eine behagliche Jahreszeit. Wir freuten uns bei der Ernte und hatten keine Bange. Warum denn auch? Alles, was wir brauchten, war reichlich da. Auch in den Armenhäusern kannte man keinen Hunger. Im Herbst glich unser Reich dem gelobten Lande, das von Milch und Honig floß. Wo der Bienenhonig nicht ausreichte, gab es eine Fülle von Zucker. Nichts war rationiert Was das Herz begehrte, war für wenige Groschen zu haben. Warum sollten wir die Dunkelheit fürchten? Eine gute Lampe und spottbilliges Petroleum gab es in der kleinsten Hütte. Warum sollten wir den Frost fürchten? Kohlen im Ueberfluß, Holz zur Genüge; warme Kleidung zum billigsten Preise. Also frisch und fröhlich in den Winter hinein! Gerade im Winter war es gemut- lich auf Erden. Wer vergnügte Geselligkeit suchte, sand sie, und wer sich tüchtig ausschlafen wollte, kam auch auf feine Rechnung. Ruhe und Ordnung rings umher.
Es war einmal, heißt es im Märchen.
Bor einem Menschenalter hatte der unpolitische Onkel es leicht, sich als praktischer Ratgeber aufzuspielen und feine Leser darauf aufmerksam zu machen, daß man rechtzeitig die Oefen reparieren, die Lampen reinigen und ausbessern, die Kohlen anfahren, die Winterkleider Herrichten lasten müste. Wenn ich jetzt so pre- digen wollte, würde ich mir die Ohren verstopfen müssen; denn es gäbe ein schlimmes Echo: Wo sollen wir denn die Helfer und die erforderlichen Sachen herneh. men, wer kann denn die riesigen Kosten tragen?! Daher befleißige ich mich einer zeitgemäßen Vorsicht und sage nur im allgemeinen: Behelfe sich jeder, so gut er kann, und wenn fein verwässertes Geld nicht ganz rei- chen will, so muß er klug unterscheiden zwischen dem Notwendigen, was unbedingt beschafft werden
dürfen gerade in den Stellen, die aus den Steuergel- | dem des Volkes erhalten werden, nur Kräfte sitzen, die auch wirklich das Beste zmn Wohle des Ganzen leisten. Die Behörden selber dürfen auch nur einen solchen Umfang haben, der sich mit dm von ihnen zu erfüllenden Aufgaben und ihrer Bewältigung verein- baren läßt. Alles Ueberflüffige muß ausgemerzt, alles Untaugliche beseitigt und alles Schmarotzertum mit Schwefel und Pech ausgebrannt werden. Daß die noch bestehenden Kriegsorganisationen, ins- besondere die Kriegsgesellschaften, die ja ein besonders zähes Leben haben, ebenfo entschlossen und rücksichtslos „abgebaut" und beseitigt werden, fit eine Selbstverständlichkeit.
Wirtschaftspolitisch hat das Reichskabinett den überaus weittragenden Beschluß gefaßt: Die Sozia- lisierung des Bergbaus wird nunmehr in Angriff genommen. Ein großer prinzipieller Kampf fit gerade um diese Frage entbrannt und er wird nunmehr von neuem aufflammen. Aber die Tatsache, daß der Enfichluß im Kabinett einstimmig, also auch unter der Zustimmung der Dertreter der Deutschen Dolkspartei gefaßt worden ist, zeigt, daß die Not der Zeit alle noch so begründeten prinzipiellen Bedenken in den Hintergrund drängt.
Die Erhöhung des Gütertarifs.
Am Donnerstag begann im preußischen Abgeord- netenhause unter dem Vorsitz des Reichsverkehrsministers die Besprechung über die systematische Neuordnung, d. h. Erhöhung der Gütertarife. Der Reichs- verkehrsminister wies in seiner Begrüßungsrede auf den Ernst der wirtschaftlichen Lage hi», zu deren Gesundung in erster Linie der Wiederaufbau der Reichs- eisenbahn und die Ordnung ihrer Finanzen notwendig sei. Dazu gehöre vor allem die Anpassung des Tarifsystems an die heutigen Wirtschaftsoerhältnisse (d. h. eine noch entschiedenere Erhöhung der Frachten und Fahrpreise). Das Personal der Eisenbahnen vom obersten Beamten bis zum letzten Arbeiter müsse wieder mit freudiger Hingebung eine Arbeit verrichten. Er wisse, daß die große Masse des Personals durchaus auf dem Boden des gesunden Ordnungsgedankens stehe und bereit sei, an der Gesundung mitzuarbeiten. Von außen aber wird noch Unruhe und Unzufrieden- heit in die Eisenbahn hineingetragen. Er werde nicht dulden, daß die Eisenbahn zum Tummelplatz polttischer und wirtschaftlicher Handlungen gemacht wird. Die Versammlung trat alsdann in die sachliche Beratung der Tagesordnung ein. Die Sachverständigen entschieden sich mit allen gegen zwei Stimmen für den Vorschlag, zukünftig bei den Gütertarifen zmn Stof« feltarifsystem überzugehen und hierbei die teuren Güter stärker zu belasten. Ein weiterer Vorschlag, die Frachtberechnung von der Ausnutzung des Lade- gewichts der Fünfzehkttonnenwagen abhängig zu machen, fand einstimmige Annahme.
Mißwirtschaft beim Branntweinmonopol.
Das Schlagwort „Sozialisierung" hatte im ersten Revolutionsrausch grenzenlose Hoffnungen geweckt. Von Einsichtigen wurde die Fortsetzung der Sozialisierung gar bald eingedämmt auf die für die Sozialisierung „reifen Betriebe". Wie es aber auch bei diesen sozialisierungsreifen Unternehmungen gehen kann, ja in den heutigen Zetten fast notwendig gehen muß, dafür ist der „Erfolgs des deutschen Bramttwein- monopols ein Beweis. Gerüchte über eine schlimme Mißwirtschaft in der Branntweinmonopolwirtfchaft Haden dem „B. T." Anlaß zur Nachftage in Fachkreisen gegeben.
Als deren übereinstimmendes Ergebnis muß leider festgestellt werden, daß dieses Monopol statt die bei der Einführung erhoffte Milliarde jährlicher Einnahmen zu bringen, eine jährliche Ausgabe von 500 Millionen verursacht. Also das gleiche Elend wie bei der Post und Dahn! Dabei versteht das Monopolamt die Preiskalkulation in einer Weise zu handhaben, die dem schlimmsten Schiebertum Ehre machen würde. Es kauft den Sprit zu billigen Prei- £im Ausland, zu 12—14 Mark, verkauft ihn im
and zu durchschnittlich 60 Mark und steckt so Riesengewinne ein. Und trotzdem das Fiasko! Die Gründe dafür sind nicht minder bezeichnend. Auf
muß, und dem Wünschenswerten, was allenfalls in die zweite Linie geschoben werden kann.
Zu dem Notwendigen gehört vor allem die Erhaltung dxr Gesundheit Wenn ihr krank werdet, ihr selbst oder eure Kinder, was habt ihr dann? Große Ausgaben für den Arzt und die Apotheke, — noch größere Ausgaben, als wenn ihr rechtzeitig für ordentliche Ernährung, genügende Heizung und warme Kleidung gesorgt hättet. Obendrein noch die dauernden Schäden an der Lebenskraft und die nachträglichen Gewissensbisse. Also ist es besser, die letzten Geldscheine für die Vorbeugung auszuwenden.
Mancher redet davon, daß man sich und die Kinder „abhärten" müsse. Ja, das Abhärten fit eine feine Zucht bei wohlgenährten, vollblütigen, kräftigen Men- schenkörpern. Aber in diesem Zeiiatter der Bleichsucht, der Skrofulose und der säst allgemeinen Unterernährung ist Vorsicht geboten. Der Körper ist ein Ofen, Ein gesunder und gut genährter Körper kann viel Wärme abgeben; wenn aber bas Feuerchen im Innern nur schwach ist, so darf man ihm nicht zu viel Wärme entziehen wollen. Sonst wird der Ofen falt, das Lebensfeuer geht aus. Zwischen Verzärtelung und Abhärtung gilt es, den richtigen Mittelweg zu finden, der für die Leistungsfähigkeit des einzelnen paßt.
Alles Uebermaß ist gefährlich. Sowohl die Ueber- hitzung, die sich in schlecht gelüfteten Stuben leicht einstellt, als auch die übermäßige Abkühlung, wenn die Kälte fo lange auf den Körper einwirkt, daß er dagegen nicht mehr aufkommen kann. Vorsicht beim Schwitzen, aber noch mehr Vorsicht beim Frösteln. Denn ge» rabe das Frösteln ist ein Zeichen, daß die Heizkraft des Körpers nicht recht im Gange ist.
Sollen wir auf Einzelheiten eingehen, fo möchte ich 'nur die elterliche Aufmerksamkeit auf zwei Punkte richten, — fo zu fagen auf zwei Pole, einen unten und einen oben. Erstens forgt für trockene und warme Füße, was bei den riesigen Preisen für Schuhwerk besonders betont werden muß. Die derbsten Holzschuhe finden bei allen vernünftigen Leuten mehr Beifall, als
Eru..d verfehlter Bestimmungen des alten Reichstages mußten den abzulösenden Angestellten Entschädigungen im Gesamtbetrag von schätzungsweise 50 Millionen bezahlt werden; und zwar werden als, Entschädigung für untergeordnete Hilfskräfte, wie Stenotypistinnen, die horrenden Zahlen von 60—70 000 <M genannt. Als weiterer Grund für den finanziellen Mißerfolg des Monopols wird ebenfalls übereinstimmend ein zu großer Beamtenapparat genannt. Dem Monopolamt wird wetter nachgesagt, daß bei ihm überhaupt „en wenig reichlich Organisation" betrieben werde. D. h. wir haben hier den gleichen Mißstand wie bei all den tausend und abertausend staattichen Kriegs- und Revolutionsämtern: es wird tüchtig organisiert und ein großer Beamtenapparat geschaffen, das ist für diese Aemter die erste Lebensbedingung. „Organisieren" ist Trumpf!
Die Volksvertretung hat allen Grund, hier nach dem Rechten zu scheu. Die ganze allgemeine Lehre aber aus diesem neuesten „Fall", denn ein solcher ist die Aufdeckung dieser Defizitwirtschast —: gröfjte Vorsicht beim Sozialisieren, auch von dazu „rei- sen" Bettieben, zumal solange es mit unserer Wirtschaftskonjunktur andauernd bergab gcht.
Millerand französischer Präsident.
M i l l e r a n d ist gestern nut 695 von 892 Stimmen zum Präsidenten der Republ'k Frankreich gewählt worden.
Da. Ergebnis der ftanzösischen Präsidentenwahl bedeutet für Deutschland, daß es vorläufig bei dem unversöhnlichen Kurs der ftanzösischen Politik bleibt. Für Frankreichs innere Entwicklung bedeutet es den Versuch, aus dem bisher mehr dekorativen Staats- Präsidenten den politischen Leiter zu machen. Wir haben also unfererftits zunächst keine Besserung unserer Beziehungen zu Frankreich zu erwarten; die Franzosen aber müssen ihrerseits sich darauf gefaßt halten, daß die Staatsmaschine neuen Experimenten unterworfen, also neuen Krisen ausgesetzt sein wird.
Es verlautet zuerst, daß Millerand eine förmliche Verfassungsänderung zur Verstärkung der Vollmachten des Staatspräsidenten forbern wolle. 3n feiner Erklärung, die er darauf hin erlassen hat, sagt er das nicht ausdrücklich, sondern fordert nur, daß er auch als Präsident „der Vertreter einer Politik fein kann und muß, die in enger Zusammenarbeit mit feinen Ministern fortgesetzt und durchgeführt" werde. Das kann man allenfalls auch dahin verstehen, daß er sich nur einen tatsächlichen Einfluß sichern wolle, ohne auf neue Berfassungsparagraphen Wert zu legen.
So ober so: Die Haß- und Gewaltpolitik Frankreichs bleibt vorläufig int Gange; sie wird vielleicht noch schärfer hervortreten, wenn Poincare, der für die Vereitelung der Genfer Konferenz sich besonders bemüht hat, jetzt Ministerpräsident oder wenigstens Minister des Auswärtigen wird. Die Absichten in Paris haben sich nicht geändert. Andererseits kann man aber nicht sagen, daß sich die A u s s i ch t e n dieser Rache- urcb Beutepolitik gebeffert hätten. Vielleicht wäre Millerand als dauerhafter, erfahrener und rühriger Ministerpräsident unseren Rechten und Interessen gefährlicher geworden, denn als Staatspräsident, der nicht fo beweglich und unmittelbar eingreifen tonn.
Warten wir ruhig ab, wie sich in Frankreich die neue Ordnung entwickelt und was Lloyd George und Giotttti hn Hohen Rat fagen werden.
S. P. D. und U. S. P.
In der Debatte über die Frage Neu-Berlin im Abgeordnetenhaufe war besonders interessant die Verlegenheitsrebe des Abg. H e i l m a n n, des Wortführers der Mehrhettsfozialisten. Er sollte die Mohrenwäsche versuchen, um feine Partei von der Mitschuld an dem frevelhaften Treiben der roten Mehrheit im Groß-Berliner Rathaus mögfidjft zu entlasten. Er konnte bas nicht anbers, als unter scharfer Verurteilung des gewalttätigen Vorgehens der neuen Diktatoren, um dann für feine Parteigenossen mildernde Umstände oder gar den unwiderstehlichen Zwang zu plädieren.
die durchlässigen Dinger aus Ersatzleder oder schadhaftem Leder, in denen die Kinder stundenlang mit nassen und kalten Füßen in der Schule sitzen. Zweitens sorgt dafür, daß die Nasen offen bleiben. Die Atmung durch die Nase ist ein wesentliches Hilfsmittel gegen Erkältung und Ansteckung.
Ist es überhaupt ein Segen, daß uns die verfchie- denen Iahreszesten mit fo bedeutenden Schwankungen an Wärme, Licht und Wetter beschert werden? Der Wechsel muß doch wohl vorteilhaft sein, denn gerade in der gemäßigten Zone, wo die Jahreszeiten sich recht scharf abheben, ist die Kultur höher gestiegen, wie in der heißen Zone, wo nur die Regenzeit etwas Abwech- selung bringt Der Mensch muß sich anpaffen an den natürlichen Gang der Dinge. Das schärst die Spannkraft von Geist und Körper, wenn es mit Verstand ausgeführt wird.
Gegenwärtig ist freilich die Kulturmenschheit aus dem richtigen Gleise gekommen. Wir sind allzumal nervös geworden. Vielleicht waren die Nerven schon vor sechs Jahren aus dem Gleichgewicht, als die Mächte sich in den Wellkrieg stürzten. Jedenfalls sind sie jetzt krankhaft erregt, sowohl bei den Siegern, die im Heber- mut nicht wissen, was sie sollen und können, als auch bei den Besiegten, die am Rande des Abgrunds teils in Begehrlichkell und Leichtsinn, teils in Mattigkeit und Verzweiflung umherirren und sich gegenseitig quälen, stall mit vereinten Kräften nach Rettung aus dem Elend zu suchen. Zwei Jahre sind fast nach dem Waffenstillstand verflossen, aber die Menschheit kommt nicht zur Ruhe. Die sogen. Kultur hat die Nerven wieder zu beruhigen; die Kultur hat sich vom Glauben entfernt; das ist ein bitterernstes Kapitel. Darauf wollen wir hier und heute nicht näher eingehen, fondern nur etwas hervorheben, was damit im Zusammenhang steht: die Kultur hat sich auch vo der Natur enffernt. Wir wären nicht so nervös, wenn wir unsere Lebens, weise besser in Einklang gehalten hätte mit dem Gange des Naturlebens. Die Menschheit hat sich leider zum großen Test darauf kapriziert, die Nacht zum Tag und
Durch solche Entschuldigungsreden muß es allen klar werben, daß die Mehrhettsfozialisten in die volle Knechtschaft der Unabhängigen geraten ftnb. Hellmann preist die „Theorie" ber Mehrhettsfozialisten: keine Politik ber Rache, sondern der demokratischen Gerechtigkeit zu treiben. „Diese Theorie", sagt er, „treiben meine Freunde auch heute noch volllommen." Aber die Praxis? Ja, da gesteht der Redner zu, baß seine Parteifreunde in Berlin sich dem Standpunkt der Unabhängigen unterworfen haben. Warum? Einfach auf die Erklärung ber Unabhängigen hin, daß sie" ihrerseits nicht mittun würden, wenn in den neuen Magistrat auch bürgerliche Stab träte gewählt würben.
Diese a" genügte, um bie Mehrheitssozialisten zur -ung ihrer Grundsätze und Theorien zu Derart ...ib zu dienstbaren Gehilfen ber radikalen Gewai.Politik zu machen. Heilmann meint, diese Unterwerfung sei das kleinere Uebel. „Malen Sie sich einmal aus", so ruft er aus beklemmter Brust, „malen Sie sich einmal aus, was geschehen märe, wenn ein Magistrat ohne die Unabhängigen in Berlin zustande gekommen wäre, — wenn im kommenden Winter angesichts der Kohlenknapphett und der Ernährungs- schwietigketten die Unabhängigen die Bevölkerung hätten zwanglos aufhetzm können? Nur aus diesem Grunde haben wir die Bedingungen der Unabhängigen heruntergeschluckt."
Nach dieser gelungenen Schluckprobe können die Unabhängigen sich ins Fäustchen lachen und sich sagen: Den Scheidemännern können wir a l l e s zu muten; denn wir brauchen bloß zu sagen, daß wir uns in die Opposition und Agitation werfen wollen, bann knicken sie in die schlotternden Kniee!
Das fit ja gerade das Verderben der Mehrheits- fotialiften, baß sie sich bange machen lassen vor der radikalen Agitation. Aus purer Angst machen sie sich mitschuldig an dem tollen Treiben im Berliner Rathaufe.
Sie kommen aus dem Regen in die Traufe; beim all' die Aktionen der Unabhängigen, die sie diensteifrig unterstützen, werben nur dahin führen, daß die radikale Agitation jetzt erst recht ins Kraut schießt und bei den umworbenen Massen der Wähler der Eindruck hervorgerufen wird, die Unabhängigen hätten die Kraft und Macht, bie Scheidemänner feien nur Nachläufer.
Den Eindruck haben wir In Fulda ja längst. Auch bei uns haben bie besonnenen Mehrheitssozialisten bas Ruber an die unabhängigen Genossen abgegeben, die den Radikalismus ber schärfsten Tonart betreiben. Wir werben es erleben, daß den Mehrhettsfozialisten von den Unabhängigen das,Rückgrat.völlig gebrochen wird.
Beginn bet Magistratswahl in Berlin.
In einer großen Reihe von Sitzungen nimmt da» neue Berliner Stadtparlament die Wahl des Magistrats vor. Das Ergebnis steht fest. Gewählt werden nur sozialistische besoldete Magistratsmitglieder, so befiehlt es die U. S. P. und die S. P. D. gehorcht, ungeachtet aller Einsprüche des Rechts, der Vernunft und der anderen Fraktionen.
Die Wahl begann am Mittwoch nachmittag. Bei der Aussprache gab es zeitweise ohrenbetäubenden Lärm, wie man ihn auch anderwärts, wo die Sozial- demokraten in den bürgerlichen Kollegien „Mitarbeiten" schon gewöhnt ist.
Einen über Erwarten starken Widerstand fand die Wiederwahl des Oberbürgermeisters Wermuth aus den Reihen aller nichfiozialistischen Parteien. Zuerst wandte sich der Zentrums-Stadtv. Dr. Salzgeber gegen diesen „weder warmen, noch kalten Mann", wie er sich ausdrückte. Er sei neuerdings ziemlich weit nach links gerückt. Ein Mann, der bei entscheidenden Abstimmungen im Magisttat, wo es gelte, Farbe zu be- kennen, nur nirgends anstoßen wolle, sich der Stimme enthalte, fei kein Charakter. (Lebhafte Protestrufe bei den Sozialdemokraten.) Der Redner der Deufichen Dolkspartei, Oberverwaltungsgerichtsrat E y n e r n, sprach die Ueberzeugung aus, daß der Oberbürgermeister wie das Vertrauen der bürgerlichen, so auch das der sozialistischen Parteien nicht verdiene. Der Redner wurde fortgesetzt durch schmähende Zwischenrufe der Unabhän- gigen unterbrochen; Erregung riß ihn plötzlich zu den Worten hin: „Halten Sie den Mund, wenn ich rebel' Den Worten folgt ein ohrenbetäubender Xu- mutt. Fast die ganze Linke springt von ihren Plätzen auf und „Unabhängige" bringen auf ben Volksparteiler
den Winter zum Sommer zu machen, die Adamskinder vom fruchtbaren Erdboden abzulösen, in den Stein- wüsten der Großstädte zu kasernieren und zu Sklaven aller Arten von Maschinen zu machen.
Ist die Menschheit durch die bitteren Erfahrungen der Schicksalsjahre klug genug geworden und für eine natürliche Lebensweise reif? Oder treiben die aufgeregten Nerven zu weiteren Freveln gegen die Natur? Es scheint fast so. Was bleibt da anders übrig, als daß der einzelne sich selber hilft, so gut er kann. D. h.: sich selbst und seine Familie in ber Lebensführung möglichst der natürlichen Ordnung anpaßt.
Die Natur predigt laut und verständlich. Wenn z. B. setzt die Tage immer kürzer und die Nächte immer länger werden, so will das besagen: Menschenkinder, verachtet nicht das, was die Tiere im richtigen Instinkt zu schätzen und zu pflegen massen: den' ausgiebigen Schlaf im ruhigen Dunkel. Den achtstündigen Normal- arbeitstag braucht ihr deshalb nicht zu verkürzen; auch die Erholung im gemütlichen Streife soll nach Gebühr Raum finden; bann aber geht rechtzeitig zu Bett und schlaft euch orbenllich aus in ben Winternächten.
Wenn ich Diktator zur Weltverbesserung wäre, würbe ich als erstes Gesetz eine wenigstens acht- stünbige Norma Ischia ftz eit ein- unb durchführen. Das würbe bie Nerven der Menschheit wieder aufbessem.
— Das Frauenstudium. Im Sommerfemester 1919 studierten, wie Ministerialdirektor Kaestner in dem soeben erschienenen Hefte bei Monatsschrift für höhere Schulen feststellt, an den preußischen Un iverfitäten 5650 Frauen geren 4689 im Sommersemester 1918 Sämtliche Fakuliäien haben Zugänge zu verzeichnen, in der theologischen ist bie Zahl von 21 auf 37, in bet juristischen von 79 auf 16 i, in ber medizinischen von 969 auf 1176, in der philosophischen von 3620 auf 4268 gestiegen. Immatrikuliert waren 4801, bie übrigen waren a!5 Gasthörerinnen zugelassen. 1