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Nr. 22l.
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Verantwortlich jür den redaktionellen Teil: Karl Schütte, — . -
- für die Anzeigen: I. Parze. ler-Fulda. :: DOfltlCrS23» SCÖU 1920* Rolatiol»druck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. vvnnv* u3 > V *
Fernsprecher Nr. 9 Letegr.-Adrefse: Fuldaer Zeilu ng__
Die Finanzsorge« des Reichs.
Pie Sitzung des Reichskabinetis. — kein Rücklritt des Jinanzministers.
Amüich wird mitgeteÄt: Mittwoch nachmittag fand un> ust dem Vorsitz des Reichspräsidenten ein« Kabinettssltzung Patt. Gegenstand der Verhandlungen war die Finanzlage des Reiches. Die Besoldungsfrage, in der die Schwierigkeiten der Finanzlage in der letzten Zeit befon» der» deutlich zum Ausdruck kamen, bildete nur einen — politisch und materiell allerdings wichtigen — Teil der Beratungen. lieber die Grundlagen der zu verfolgenden Finanzpolitik ergab sich ehre einheitliche Auffassung des Ka- birretts. Zur Aufrechterhaltung des von dem Reichs- finanzminister eingereichten Entlaffungsge- fuch» lag keine Veranlaffung mehr vor.
2>gr Reichsfinanzminister leitete die Beratungen mit einer Darlegung der Reichsfinanzlage ein. Im Anschluß an diese Ausfichrungen erörterte das Kabinett zunächst den Referentenoorschlag für die Besoldungsordnung. Die Beiatungen führten zu dem Beschluß, daß der Rese- rentenoarschlag mit Vorbehalt kleiner Abänderungen zur Grundlage des Gesetzentwurfs gemacht werden soll, lieber die Notwendigkeit des Erlasses eines Sperrgesetzes, durch welches eine einheitliche Regelung der Beamtenbesoldung im Reiche und den Ländern gesichert werden soll, herrscht« Einstimmigkeit.
Der Reichsfinanzminifber entwickelte darauf in programmatischen Ausführungen einx Reihe von Forderung en, die er zum Zwecke der Gesundung der Reichsfinanzen als unumgänglich bezeichnete. Hierbei wurde, als einmütiger Wille des Kabinetts festgestellt, daß die von der Nationalversammlung verabschiedeten Steuergesetze unbedingt durchgeführt roerben. Keinerlei Abschwächung der Steuergesetze ist beabsichtigt, insbesondere gilt dies von dem Reichsnotopser. Ein Gesetzentwurf, der auf der Grundlage des Reichsnotopfers einen erheblichen Teil des Ergebnisies alsbald dem Reiche znführen soll, wird mit Beschleunigung eingebracht werden. Die weiteren Erörterungen führten zur vollen Einmütigkeit in dem Beschluß, die Stellung b es Reichsfinanz. Ministers im Reichskabinett zu stärken und seinen Einfluß auf die Finanzgebarung des Reich e s z u e r w e i t« r«. Dieser Beschluß wurde mit Rücksicht darauf gefaßt, daß ehre unbedingte Notwendigkeit be- {teilt, zur Vermeidung des Zusammenbruchs unserer Finanzen einen Stillstand und womöglich ehren Abbau in den Reichsausgaben heweizu- führen und alle Wittel zu ergreifen, um der wetteren Geldentwertung zu begegnen.
lieber folgende Grundsätze wurde ebenfalls Einstimmigkeit herbei geführt:
1. Sn ben ordentlichen Etat 1921 sollen grundsätzlich keine neuen Ausgaben eingestellt werden, 2. Eine systematische Einschränkung der bisherigen Ausgaben ohne Unterbindung des Ausbaues von »er« benden Anlagen fall in allen Etats durchgeführt werden. 3 Neue Beamten st eilen sollen nicht geschaffen werden. 4. Grüßte Sparsamkeit auf persönlichem und sachlichem Gebiet bei schärffter Nachprüfung aller Ansätze, bei Kürzung durch dos Reichsfinonzmini- sterium, fortschreitender Abbau der bisher genehmigten Stellen, erneute Nachprüfung des Bedarfs in den einzelnen Ressorts unter Anwendung besonderer Kommissäre oder sachverständiger Beauftragter des Finanzministe- riums. 5. Scharfer und beschleunigter Abbau der bestehenden Kriegsorganisationen, insbesondere der Kriegsaesellschasten und Kriegsstellen unter Mitwirkung und RWkontrolle des Reichssinanzministe- mums, schleunige Abwickelung der Kriegsfonds und Abbau der noch bestehenden Stellen des alten Heeres. 6. Zusammenlegung aller Organisationen, die gleichen Zwecken dienen.
Das Reichskabinett ist der Auffassung, daß Me Beteiligung des Fehlbetrages von 16 Milliarden bei der Eisenbahn und 2 Milliarden bei der Post mit allen Kräften angestrebt werden muß. Zur Sozialisierungsfrage beschhoß das Kabinett einstimmig, den Reichswirffchastsminister zu beauftragen, auf der nun vor-
vie perlen der Eggenbrechts.
40] Roman von Alexandra von Bosse.
Heiß rann das Blut byrd) Wolfs Adern. Er mochte nicht gleich wieder zu Bett^ um da schlafslos zu liegen, er trat an das offene Fenster und blickte in die schweigende, mondweiße Nacht hinaus. Wie Silber lag das Mondücht über den Wiesen hinter dem Park da, wo im Hintergrund ter Teich war, zogen weißliche Nebelschleier durch die Bäume wie wehende Gewänder ruhe- loser Geister.
Wolfs Gedanken arbeiteten erregt: Ob Silvia zur Sacht die Perlen wohl abgolegt hatte? Es war eine nge Schnur, die Perlen verhältnismäßig groß, sie »nutzten ihr im Schlaf unbequem werden. Und wenn ie sie abgelegt; wohin hotte sie die kostbare Schnur ge- *m? Hier stund ihr ja ein diebes- und feuerfester Schrank nicht zur Verfügung. Gewiß hotte sie die Perlen in ihren Koffer gelegt und diesen versch'offen. Es galt also, wenn es gelang, >n bas Z innrer einzubringen, ben Koffer geräuschlos zu öffnen und ihm die Perlen zu entnehmen.
War es nicht wie eine Fügung des H'mmels, daß man Silvia g»rabe neben ,hm rnquartiert hotte» Das mußte ausgemaßt werben Unb bart» Si'v-a nicht selbst gesagt, r-cm sollte ihr doch die Berten gewaltsam nehmen? Wenn er bas nun tat, befreite er sie bovon. S e sollten so wieder ihr eigen werben, wenn — wenn sie nur wollte!
Die Wette zu gewinnen, daran lag ihm nichts, bas heißt, nicht an dem Gelds. Nicht mehr das G°ld, Sil. Bia wellte er gew'nnen durch den Perlenraub. Und niemand als sie selbst sollte je davon erfahren. An dem bestimmten Tage wollte er die Wette als verloren er. klären und W-estin dos Geld zahlen, wenngleich er sie gewonnen hakte Gewinnen aber mußte er, dss Wagnis wogen! S'loia glaubte, um der Berten wi 'en wollte er sie beiraten. Waren aber die Perlen nicht wehr in ihrem D-fitz .so konnte sie bas nicht mehr glauben, unb bann erst konnte er vor sie hintreten unb ihr sagen, daß er sie liebte!---
Heute nacht konnte er nichts mehr unternehmen, dos Wagnis müßte vorbereitet werden. Unb morgen nacht, noch dem Polterabend. schlief Silvia fester, ermüdet wie sie bann sein würbe.
liegenden Grundlage des Berichtes der Sozialisierungs- kommisiion umgehend den Entwuff eines Gesetzes über die Sozialisierung des Bergbaues oorzulegen. Die Ueberprüfung der Ernährungspolitik im Zu- fammenhcmg mit der finanziellen Sage unb die Weiterbe- Handlung der Wirffchaftsstagen soll im Wirtschaftsausschuß des Reichskabinettes erfolgen, bet Freitag die programmatische Beratung sortsetzen wirb. Die oberschleflsche Frage hat bas Reichskabinett am Mittwoch nicht beschäftigt.
Die Kabinettsrede des Dr. Mrkh.
In feiner Rede in der gestrigen Sitzung des Reichs- kabinetts führte Reichsfinanzmirnfter Dr. Wirth u. a. aus: Wir stehen endgültig vor der Notwendigkeit, unS über die finanzielle Lage des Reiches Rechenschaft zu geben. Es genügt aber nicht, sich nur die Tatsachen vor Augen zu halten und die furchtbare Wucht der Zahlen ins Gedächtnis einzuprägen und Probleme zu sehen, sondern wir müßen zu weittragenden Entschlüssen kommen und ein Wirtschafts, und Finanz. Programm für die nächste Zeit uns vornehmen.
Nur einige Zahlen: sie sprechen eine lebendige Sprache. Niemand, insbesondere die Beamten, sollen sich der Gewalt dieser Sprache entziehen. Im Jahre 1919 stellte die ReichSfinanzverwaltuna einen Haushalt auf, der ordentliche Einnahmen und Ausgaben nach dem Soll in Hohe von 15,8 Milliarden hotte, ferner außer, ordentliche Einnahmen und Ausgaben in der Hobe von 47,2 Milliarden, somit Gesamteinnahmen und AuSga- mit 63 Milliarden. Der Voranschlag für das Jahr 1920 sieht, wie er jetzt dem Reichstage zugeht, Ern. nahmen und Ausgaben in der Hohe von 39,8 Mrlliar» den vor, nach Abzug des an die Länder und Gemein, den abzuführenden Betrags von 9,4 Milliarden belau. seu sich die eigentlichen Ausgaben deS Reiches auf 3 0,4 M i l l i a r d e n. Der außerordentliche Etat sieht Ausgaben vor in der Hohe von 39,7 Milliarden und Einnahmen von 2 Milliarden, hat also einen Fehl, betrag von 37 Milliarden. In diesen Zahlen sind diererchseigenen Betriebe Eisenbahn und Post nicht mitenthalten. Für diese wird vielmehr ein besonderer Haushalt ausgestellt, bei dem jetzt für die Reichseisenbahnverwaltung ein Fehlbetrag von über 60 Milliarden und bei der Post ein Fehl- betrag von über ^Milliarden feststeht.
Wenn es nun auch gelungen ist, den ordentlichen Haushalt bei höchster Anspannung aller Einnahme, quellen auf dem Papier zu balancieren, so verbleibt immerhin aus den nicht gedeckten Ausgaben deS außerordentlichen Haushalts und der Post unb Eisenbahn ein Gesamtfehlbetras von 37,7 pluS 18 Milliarden gleich 55,7 Milliarden Mark.
Bei ben Ausgaben sind im außerordentlichen Haushalt ollem Aufwendungen aus Anlaß der Durchführung bes Friebensver träges und seiner Vorverträge für dos Rechnungsjahr 1920 25 Milliarden vorgesehen. Dazu kommen noch die finanziellen Anforderungen an bas Reich für Entschäbigungen an Reichsange hörige aus Anlaß des gritbensoenrages, welche geschätzt werden auf 17 Milliarden für Abtretung der deutschen Handelsflotte, auf 90 Milliarden für die Liquidation des deutschen Eigentums im Auslande, von 10% Milliarden für Ab- Lieferung von Kriegsgerät, von 13% Milliarden nach dem Kriegsfchadengefetz vom 3. Juki 1916, sowie nach dem in Vorbereitung befindlichen Krregsschiidengesetz, für Schäden im Ausland in den ehemaligen Schutzgebieten. Die Ge- famtfarberungen für Entschädigungen an Reichsangehörige infolge des Krieges belaufen sich demnach auf 181 M i l- liarben, wobei das in ben letzten Wochen erfolgte Sinken des Markwertes noch nicht berücksichtigt fft.
Nicht enthalten find in diesen Zahlen bie Summen, die das Reich für Lieferung und Leistungen zu vergeben hat, die für Wiedergutmachungen im Sinne des Frie- benstrertrages an die einzelnen Ententestaaten bewirkt worden sind und weiter bewirkt werden und deren Gesa m t h ö h e sich überhaupt noch nicht übersehen läßt. Man muß sich nur diese gewaltigen aus dem Friedensvertrag und infolge des Krieges sich ergebenden Ziffern einmal recht überfegen, um tie ungeheuren Lasten, die allein aus Anlaß des Friebensvertnages auf uns liegen, ermessen zu können. Die erste Ausgabe für das Rechnungsjahr 1919 sowie für das erste Drittel 1920 wird sich auf m i n- destens rund 54 Milliarden belaufen, wobei betont werden muß, daß es sich zum größten Teil noch keineswegs um endgültige Zahlungen, sondern nur um Dor-
Wolf fröstelte in feinem dünnen Nachtanzuq, aber bie kühle Nachtluft, bie seine heiße Stirn umstrich, tat ihm wohl, und langsam ordneten sich seine Gedanken um einen Plan, der immer festere Formen anna^m:
In der folgenden Nacht sollte es geschehen unb — es mußte gelingen! »
Einundzwanzig st es Kapitel.
In Holten waren inzwischen noch Gäste ein getroffen: Therese Ranken, mehrere Tanten Eggenbrecht, einige Kameraden Hansens von der Marine und Freunde Wolf Eggenbrechts, darunter Weltin. Man trank ge- meinsam Tee, bann zogen sich alle auf ihre Z mmer zurück, etwas zu ruhen unb sich sodann für den Polterabend umzukleiden.
Herr von Weltin wohnte in einem kleinen Zimmer, das dem Wolfs gegenüber lag. Selbst schon fertig an- qekleidet, fern er zu Wolf hinüber, als dieser sich von Josua noch einmal rasieren ließ. Weltin Ftzte sich in den bequemsten Sessel, zog die Beine hoch und um- armte seine Knie Das war seine Lieblingsstellung.
„Du, Wolf", sing Weltin an, »denkst Du eirentlich die bewußte Wette zu gewinnen ober zu verlieren?"
Da Josua seinem Herrn gerade mit dem Meffer unter der Nase herumfuhr, konnte dieser nicht antworten.
„Nämlich", fuhr We'tm in faulem Ton zu sprechen fort, „wenn Du sie verlieren willst, bann sage es mir lieber schon heute. Mir ist ein ganz famoser Gaul angeboten, Redbirb von Rubin aus der Brttannia. Nur zehntausend Emmchen! Ich bin aber augenblicklich etwas ausgepumpt unb ba . . ."
„Kaufe ihn nur schon immer", unterbrach ihn jetzt Wolf. „Kann Dir gleich einen Scheck ausstellen, wenn Du willst."
Bon. Also Rennen aufreben — wie? Schade eigentlich", me'nte Weltin, dehnte sich und gähnte dann herzhaft. „Hast Du nicht einmal den Versuch gemacht ben Räuber zu spielen?"
„Nein "
x „Schabe", wiederholte Weltin. „ich hätte mir es gern zehntausend Emmchen kosten kaffen — nämlich, seit ich heute die berühmte Kusine Silvrn kennen gelernt habe. Verlohnt sich schon, unter die Verbrecher zu gehen, um sich nicht durch einen niederträchtigen Prozeß für immer mit ihr zu verfeinden. Nichts verfeindet so sehr wie ein Prozeß."
schlüge auf Entschädigungen handelt, deren Festsetzung oft kaum noch begonnen hat.
Eine Ziffer verdient noch besondere Beachtung, daß für ben genannten Zeitraum allein für bie Besatzungsheere, den Wiebergutmachimgsausschuß und andere alliierte Kommissionen 14,9 Milliarden erforderlich fein werden. Es ist deshalb nicht zu verwundern, daß bie schw ebende Schuld des Reiches geroaUig in die Höhe geht und daß ihr Anwachsen und die damit verbundene Papierslut lawmenhaft bezeichnet werden muh. Die schwebende Schuld des Reiches ist im Jahre 1920 bis zum 18. September um 4 7,5 Milliarden gewachsen. Die diskontterten Schatzanweisungen unb Schatzwechsel belaufen sich am 18. September auf 132,3 Milliarden Mark, wozu sich weitere Zahlungsverpssichtungen aus Schatzan- Weisungen und Schatzwechseln, sowie Sicherheitsleistung in Höhe von 19,4 Milliarden gesellen. Die Ge s a m t s ch u l d mit Einrechnung der fundierten Schuld im Betrage von 91 Milliarden beträgt demnach 242,7 Milliarden. Dazu treten bie ben Ländern noch restlich abzunehmenden schwebenden Schuld- und Zinsverpflichtungen an die Länder anläßlich der Uebernahme der Eisenbahnen im ©efamtbetrage von 25 Milliarden und bie van den Ländern verauslagten Beträge für Familiemmterstützungen, Kriegswohlfahrtspflege usw. in Hohe von 16 Milliarden.
Diese Zahlen rechtfertigen wohl das Urteil, daß unsere Finanzlage mehr als ernst bezeichnet werden muß. Man darf sich deshalb nicht verwundern, daß der Reichssinanzmrnister der Erledigung der Besol - bungsorbnung, bie neue große bauernbe Lasten bringt, mit allergrößter Besorgnis entgegensieht, vor allem bann, wenn festzustellen fft, daß allein bie Reichseisenbahnverwaltung ehren Zuschuß von über 16 Milliarden in diesem Jahre erfordert. Das Desolbungsaesetz vom 30. April erfordert an Grundgehältern. Ortszuschlägen und Tene- ungszulagen (nach Durchschnittssätzen berechnet) jährsich 9,9 Milliarden. Die Mehrkosten einschließlich beffen, was bie Nationalversammlung noch zugestanden hat, in Hohe von rund 2 Milliarden betragen 7,8 Milliarden gegenüber der früheren Besoldung. Der jetzt zur Entscheidung stehende sogenannte Referentenvorfchlag, der übrigens hn Benehmen mit allen Ressorts und den Beanttenorgani» fatiorten zustande kam, erfordert eine Mehraufwendung von 824 Millionen gegenüber dem Gesetz vom 20. April. Die jetzt noch geäußerten Wünsche der Beamten würden nach der Berechnung des Reichsfinanzministers eine weitere Mehrforderung von wiederum 863 Millionen rund bedeuten, wobei diesen Wünschen gegenüber noch besonders finanzpolitisch in Betracht komme, daß sie auch in den Ländern und Gemeinden wiederum zu neuen steuerlichen Lasten führen müßten unb ebenso Rückwirkung auf bie Tarifverträge der Angestellten sowie der Reichs- unb Staatsarbeiter äußern würden.
und Malrne-Y.
Das preußische Staatsmmisterium beschloß, die Reichsregierung zu ersuchen, beim Völkerbundsrat gegen dir Angliederung der Kreise Eupen und Malmedy an Belgien im Hinblick auf die hierbei begangene Verletzung des Artikels 84 des Versailler Frie- densvertrages Rechtsverwahrung einzulegen.
Eröffnung der Friedenskonferenz.
In Riga fand gestern die erste Sitzung der dortbin verlegten polnisch-ruffischen Friedenskonferenz statt. Der lettländische Außenminister Majerowitsch eröffnete die Sitzung. Der Führer der polnischen Delegation erklärte, daß Polen ausrichttq einen 23er« ständigungSfrieden wünsche. Der russische ' übrer Joffe sprach von einem Frieden ohne Sieger und Besiegte. Die Sitzung schloß mit dem Austausch der Vollmachten.
Offizielle Dors-Ausplünderung.
Die Petersburger Prefle ruft die Arbeiter fortgesetzt auf, in die Proviantdetachements einzutreten, deren Aufgabe es ist, die Getreidevorräte aus den Dörfern heranzuholen.
Da wird es mit der Siaatstreue der Bauern in Rußland bald vorbei fein. Die Bauern waren fa» lange treue Bolschewisten, als hnen das Recht gegeben w'idk, den Großgrundbesitzern ungestraft Land wegzunehmen. Jetzt fühlen sie sich als Grundbesitzer
Wolf antwortete nicht, well Josua ihm gerade ben Seifenschaum aus bem Gesicht wusch unb mit feinem Puder bie glattrasierten Wangen bestäubte.
„Glaubst Du", fragte Weltin, „bie Silvia nähme mich, wenn ich um sie anhielte?"
Weltin zog dabei bie Stirne hoch, so daß sie sich in viele tiefe Querfalten zusammenschob, und darüber sträubte sich bas blonbe Haarbüschel, das als letzte Erinnerung an einem einst tadellosen Scheitel übrig geblieben war. Er sah so unsagbar kornisch aus in feiner zusammengekauerten Stellung, weil, da seine Beine sehr lang waren, die Knie den Kopf überragten.
„Wenn sie Dich so steht, nimmt sie Dich sicher", sagte Wolf.
„Na ja, schön bin ich nicht", gab Weltin zu, erhob sich, ttat vor den Spiegel und betrachtete kritisch seine überlange unb übermäßig magere Gestalt.
„Nee, sie nimmt mich nicht!" entschied er, bann betrachtete er Wolf, der sich gerade Lackst efel anziehen It-ß, unb nickte melancholisch: „Na, Du bist ja auch nicht gerabe eine Schönheit, Wolf, ober Dich nimmt sie trotzdem!"
„Hat sie Dir das anvertraut?"
„Nee, nicht grade, aber ... ja, aber ihre Augen haben es mir verraten."
„Wann denn?"
„Heute nachmittag — jawohl! Weißt Du, als Du den kleinen Tisch neben sie stelltest, damit sie ihre Tee- taffe darauf stellen konnte. Du blicktest nicht auf, aber ihre Augen ruhten auf Dir — nur einen Augenblick lang, aber der genügte mir. Was für schone Augen sie doch hat — findest Du nicht auch?"
Wolf knurrte etwas Unverständliches.
„W mderschön!" sprach Weltin weiter; er sprach ganz leise: „So sprechend sind sie. so — — ja — man meint, man könnte ihre Gedanken erraten, blickt man hinein, so klar sind sie. Mit solchen 21u?en kann die Frau nicht verbergen, wenn sie liebt, Himmelherrgott, wenn brfe Frau Si . . ."
„Bischt!" unterbrach ihn Wolf, afs Weltin zuletzt die S'nnwe erhob, „sie wohnt nebenan!"
„Wer? — Die — was? Taffache?" flüsterte Weltin.
„Tatsache!" ,
„Hm", wachte Weltin, pfiff bann sehr falsch einige Takte aus einer bekannten Operette, ging mit langen Schritten zur Tür unb brehte sich hier noch einmal um.
„Gratuliere!" sagte er lakonisch und verschwand.
und kämpfen nunmehr für „ihre" Scholle und natürlich auch für ihre Ernte.
Die dolschewisffche Gegeaakilon gegen die Polen im Abschnitt Kobryn scheint gescheitert zu sein. Die Bolschewisten konzentrieren anscheinend neue Kräfte an der Njemenfront.
Em Frontbericht der „weißen" Armee 3B ran gel meldet einen günstigen Ausgang der Kämpfe bei Alexandrowsk.
Die Lage in Oberfchlefien.
In Oberfchlefien kann von einer allgemeinen Beruhigung der Bevölkerung immer noch nicht gesprochen werden. Im Bezirk Kattowitz stehen viele Grenzorte noch vollständig unter bem polnischen Terror. Aus Ba in go w sind sämtliche deutschen Familien geflüchtet. In diesem Kreise forderten die Tage während und nach dem Putsch insgesamt 25 Tote. Dazu kommen auch bie schweren Verluste der Sicherheitswehr mit 10 Toten und 40 Verwundeten. In Myslowitz mutzten für die polnische Polizei in der notigen Woche von «eiten der Stadtverordnetenversammlung 130 000 Mark bewilligt werden. Im Kreise Pietz liegen die Verhältmffe ahn, lich wie im Kreise Kaitowitz. In Groh-Dombrowka im Kreise B e u t h e u sind auch bie letzten deutschen Familien geflüchtet. Gewalttaten sind überall an der Tagesordnung. Man kann im Durchschnitt 5—10 Fälle von Mord, Einbruch, Ueberfall auf den Tag rechnen. Die Zusammensetzung der neuen AbstimmungS- Polizei läßt nicht hoffen, daß den Gewalttaten und dem Tenor durch ihr Eingreifen ein Ende bereitet wird, da die Abstimmungspolizei zumeist unter polni schein Einflutz steht.
Der fiarloffellrieg.
Die Betriebsräte m den Berliner Eisenbahnwrrk- stätten haben sich in einer Entschließung für die Äontrolle der Kartoffeltransporte ausgesprochen und die Eisenbahner aufgdorbert, gegen die Anordnungen des Ministers diese Kontrolle ebenso zu erzwingen, wie die Kontrolle der Munitionstransporte erzwungen worden sei. Auf dem Anhalter Gu- terbahnhofe ist bereits eine Anzahl Waggons geöffnet worden.
Aus dem besetzten Gebiet.
• Wie die Beladungen uns ausp ünbem. Im fron- zösischen Senat erklärte der Finanzminister, daß die Besatzungslosten bt8 Ende März 1920 1,8 Milliarden Francs ca. sieben Milliarden Mark in deutscher Währ- ung betragen hätten und von Deutschland diS Ende Juli d. Js. 1388 047 245 Mark bezahlt worden seien, was 402 800 530 Francs gleichkomme.
Preußische Landesversammlung.
Der Kamps um Groß-Berlin,
der in den letzten Wochen eine so große Rolle spiest« ist am Mittwoch in der Landesversammlung zu einen vorläufigen Austrag gekommen. Die Bedenken, die das Zentrum seinerzeit bei der Verabschiedung bes Gesetzes über Groß-Berlin mit allem Nachbruck vertreten hat, die aber leider weder bei der Regierung noch bei den Demokraten gebührende Beachtung gefunden Haden, haben sich bei der Durchführung des Gesetzes in vollem Umfange als gerechtfertigt erwiesen. Durch den Gesetz- entrourf ist bekanntlich die Einheitsgemeinbe Groß-Berlin geschaffen, die mit 15 Millionen Einwohnern rund ein Viertel der Gesamtbeoölkerunk des deutschen Reiches umfaßt. Die Sozialdemokratie geschoben unb gedrängt von ben Unabhängigen, haben mit Hilfe bie,es Gesetzes unb in mißbräuchlicher An- wenbung ihrer durch ihre Mehrheitsstellung im Berliner Stabiparlament gegebene Macht versucht, gewissermaßen einen sozialistischen Staat im Staate zu begründen. Sie Haden im Bunde mit den Unabhängigen alle Mittel aufgeboten, um ihre Parteipolitik in der Gemeindeverwaltung Groß-Berlins in die Tat um« zusetzen, ganz besonders auf kirchen- und schulpolitischem Gebiet. Daß diese Dinge einen solchen Umfang an»
Wolf blickte bem Freunde ganz verdutzt nach. Was hotte er wohl gemeint mit seiner Gratulation? Der konnte doch »' möglich ahnen, daß — nee, das konnte er nicht ahnen!
Wolf zog sich ganz langsam an. Auf Hildes Wunsch legte er schon heute Uniform an. Der dunkelgrüne Waffenrock mit dem tarmoifinroten Kragen der bayerischen Chevauxlegers stand ihm bester als der Frack, daher Hildes Wunsch, die ihren einzigen Bruder möglichst schön sehen wollte.
Wolf trat vor den Spiegel unb musterte sich wohlgefällig, währenb Josua bie Sachen zusammenlegie unb sich dann entfernte. Wolf gefiel sich in der Uniform, die er feit einem Jahr nicht mehr getragen. Zu seinem braunen Gesicht paßte sie besser, als der Frack, und die gme: 'tun:»,. Otdensbänbchp i machten sich recht hübsch ba- auf Plotznck mußte er lachen, weil er an Weltins Ans'much denken mußte, und sich 'clbst werter vetcach- tevo, sagte er halblaut:
„ff. ee. schön bin ich nicht aber —', fügte er hinzu und blickte sich starr in die äugen: „— sie nimmt mich trotzdem!"
Daraus nickte er ganz ernsthaft dem Schranke zu, der vor der Tür zu Stlvias Zimmer stand, so wie man einem geheimen Bundesgenossen zunickt, und plötzlich wurde ihm ganz leicht und floh ums Herz, so wie ihm früher ums Herz gewesen, wenn er an ein Wagnis her- angegangen war, das jeder für unausführbar erklärt und dos er mit fri'chem Wagemut bann doch erfolgreich beftc •<e i hatte. —
(Fortfetzuna folgt.)
— "er Wiederaufbau Nordfrank.ciäs. Man hört nichts mehr von der Beietliaung Deutschlands an dem Wiederaufbau Nordfrankreichs. Dafür erfahren mir aus Prag, daß dort eine Kanzlei der iran'öfischen Mi sion zur Gewinnung von Arbeitern für die durch den Krieg verwüsteten Gebiete Frank- >eichs eröffnet worden ist und daß sich ickon gleich in den ersten Tagen Hunderte von Arbeitern gemeldet haben. Man nimmt al o lieber Tschechoslowaken als Deutsche, weil jene sichzpesü iger zeigen. In Deuttchland gibt es Hunderttauiende Arbeitslose, und wir muffen zu'ehen, tote in Nordft ank- reich Millia-den ausgegeben werden, die wir bezahlen muffen!