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47. Zahrg

Dienstag, 21. Sept. )920

fir. 219

öejugsptei»; Dionatüd) 3,UU Ult. ohne Zustellge buhl. In gmöa Det unsabgetjoii 3,15 21lt. Anzeigenpreis . AieKieinzeile (Goioneimaß) 6ü p|gv u. 10°« Zuichlag, Öle pietlamezeile (lertbrette) 1.80 Hit., u. 10% Zuschlag. Bei Wiederhol.Rabatt.

Berantworttich lüi den redauion. Teil Redakteur K. Lchütie - jüt die Anzeigen: I. Par ze > tet »vuido. - Ronuionsdruck u. lierlag der Fuldaer Äcliendruckerei in Fulda. Ferniprechet Nr. ti letegr.-Adresje: Fuldaer Zeiiu ng

Die Schwierigkeiten im Reichskabinett sind noch nicht beigelegt. Durch das Rücklrittsgejuch des Finanzministers Wirth sind die Schleusen zu wei­teren Gerüchten geöffnet worden. So wird erzählt, der Vizekanzler Dr. Heinze sei amtsmüde er lehne sich nach dem Gesandtenposten in Bukarest und an sei­ner Stelle werde dr Reichswtnkchastsmin ster Dr. Scholz die Stelloertrerung des Reichskanzlers über­nehmen. Vielleicht spielt bei diesen Gerüchten der WuMch gewisser Kreise der Volksparie, mit, die paUei- taktisch nicht immer bequem zu tragende Verantwortung der Müarbeit in der Regierung wieder los zu werden. Der Geist der Ordnung, der Pflicht

und des Gottvertrauens.

Bei der Weihe der Schluß Kreuzblume am Münsterturm von Fr eib ur q i.Br. hielt am Sonntag der an der Feier teilnehmende Reichskanzler Fehrenbach, der Präsident oes Müntterbankomiiees ist, eine Ansprache, bte von begeisterter Hoffnungs- freudiqkeit getragen war. Er jagte u. a.:

„@m starkes und tüchtiges Volk verzweifelt nie und der heutige Tag ist der Schimmer eines Lichtes in der Finsternis Die alte Kreuzblume hat auf viele schwere Freiburger Tage herniedergesehen. Die neue Kreuzblume erhebt sich zu steiler Höhe. Wenn da» deutsche Volk sich wieder ausrafft zum Geiste der Ord. nung, der Pflicht und der Arbeit, wenn es sich erfüll» mit Gottoertrauen, mit heiliger Begeisterung für die höchsten Güter der Menschheit, dann wird auch diese Kreuzblume wieder auf ein glückliche» Geschlecht herniederschauen können."

Deutschlands Aufnahme in den Völkerbund beantragt.

Telegramme des „Secolo" und des „Corriere della Sera" aus Rom bestätigen, daß Italien den o f f i- zlellen Antrag an den Völkerbund gestellt hat, die Bedingungen für den Eintritt Deutschlands und Deutsch-Oesterreichs in den Völkerbund sestzusetzen und den beiden Staaten bekanntzugeben.

Der Raub von Eupen und Malmedy.

Wie konnte man auch etwas anderes erwarten: „Einstimmig" sogar, so wird aus Paris gemeldet, hat der Oberste Rat in seiner Sitzung vom Montag be- schloffen, dendeutschenProtest gegen die Volks­befragung in Eupen und Malmedy zu verwerfen und eine Entschließung angenommen, durch die der endgültige Uebergang der beiden Kreise in die belgische Souveränität anerkannt wird.

Durch diese Enffcheidung wird urdeutsches Gebiet mit Belgien „wieder vereinigt", mit einem Lande, dem die fraglichen Gebiete niemals angehörten. Hier hätte der Völkerbund einmal Gelegenheit gehabt, zu zeigen, daß er nicht nur ein „Verein der Sieger" ist, sondern eine Einrichtung zur Förderung der Gerechtigkest in aller Welt. Aber nachdem er nicht das geringste gegen die fellfame „Volksabstimmung" getan hat, die bru­tale Vergewaltigung jeglichen Rechtsempfindens war, mußte er auch zur Vollendung des Raubes sein 3a und Amen sprechen. Tiefer Schmerz wird wegen des Verlustes kerndeutschen Gebietes alle deutsche Herzen erfüllen, aber der Glaube an eine ewig waltende Ge- rechfigkeit läßt uns die Hoffnung, daß auch diese Lande nicht für immer von Deutschland getrennt bleiben.

wie wir ausgeplündert werden!

In Erfüllung des Friedens von Versailles rourbe Deutschland auch die Gestellung einer Kraftwa- gen-Fahrbereitschaft für Femdbund-Kom. Missionen zur Nachforschung nach Vermißten auferlegt. Heule, im Herbst 1920, weiß jedes Kind, daß sich schon lange fein einziger „Vermißter" des Feindbun- des mehr in Deutschland befindet. Trotzdem muß diese Fahrbereitschaft noch fortbestehen und wird auch eif­rigst von den Entente-Kommissionsmstgliedern und deren „Freundinnett" benutzt. So werden täglich Fahrten von rund 2000 Kilometer — das ist ungefähr

Die Perfen der Lggenbrechts.

38] Roman von Alexandra von Bosse.

„Schrecklich — warum?"

„3a, Hildekind, ich habe nämNch nie eine große Ge- sellschast mitgemacht und werde mich gewiß sehr dumm benehmen, schüchtern und linkisch und . . ."

„Ach was, lachte Hilde, „Du wirst einfach wie eine Königin sein, die Huldigungen entgegennimmt."

„Sind schon viele Gäste da?"

„Fast alle von der Familie bis auf einige alte Tan­ten, Herr von Branding und Baronin Ranken kommen ja auch erst morgen. Weißt Du, Herr von Branding mußte eingeladen werden, weil er Wolfs nächster Nach­bar ist Magst Du ihn eigentlich sehr?"

„$ßc£um fragst Du?"

„Nur so und — und weil Alice behauptet . . . aber wirst Du es nicht Übelnehmen?"

„Was denn?"

„Ach, weil gesagt wird. Du wärest schon halb und halb mit ihm verlobt."

Da errötete auch Silvia, aber vor Unwillen.

„Das ist natürlich nicht wahr!" sagte sie bestimmt.

„Das wußte ich wohl!" rief Hilde. „Natürlich nicht wahr, wie auch das andere nicht wahr ist, das nämlich von der Wette — daß Wolf gewettet haben soll . . . ach, Silvia, nun wirst Du mir böse sein!"

Silvias Gesicht war plötzlich wie mit Blut übergos». (en; sie faßte Hildes Hände und fragte leise und er- regt, fast stammelnd:

„$)Ube — nun sprichst auch du davon — was weißt Du davon?"

Aber ehe Hilde, die selbst erschrocken war über das, was sie gesagt, antworten konnte, wurde an die Tür ge­pocht, und Liess Hartmann kam herein.

„Tante Irene wird ungeduldig," sagte sie, „da kam ich nachsehen. Guten Abend, Silvia. Nun, ich sehe. Du bist fertig."

„Wir wollten gerade kommen," sagte Hilde.

Silvia trat noch einmal vor den Spiegel, eigentlich mehr, um ihre Erregung vor Liesas forschendem Blick zu verbergen, als sich zu besehen, und von her anderen Seite bettachtete Liesa sie prüfend. Sie fand, daß Sil- via weniger mädchenhaft aussah als sonst in dem Kleid von kostbaren schwarzen Spitzen über mattgrauer Seide, I» machte sie älter. Aber wundervoll weiß wuchs eu»

die Strecke von München über Hamburg nach Königs- berg und zurück — gemacht! Natürlich auf Kosten der dcuiichen Steuerzahler! Die in Verl n-Halensee sta- tiomertt Fahrbereitschaft zählt 20 Kraftwagen; die Kisten belaufen sich auf jährlich 2‘/« Millionen Mark. Das ist eine unerhörte Ausplünderung. Wie lange soll dise Nachforschung nach „Vermißten" noch fortgesetzt werden?_______________ _

Polnische Stimmenfälschung.

Die Großpolen arbeiten fieberhaft, um im Industrie- gebiet aus unrechtmäßige Weije Stimmung für Ober- schttsien zu machen. In Buer i. W wurde ein Füh­rer der großpolnischen Bewegung fcstgenoinmen, der deutfchgesmnlen Oberschlesiern ihr S t i m m r e ch t für 1000 Mark Judaslohn abzulis! en versuchte. Eine Durchsuchung des polnischen Führers förderte eine Menge schwerbelastendes Material zutage. So wur­den Papiere bei ihm vorgefunden, die sichere Anhatts- puntie dafür erbrachten, daß b:e Großpvien des west­fälischen Jndustriebezirks durch tue Hilfe der Kom­munisten und Unionisten die Bergarbeiterbeoölkerung des RuhrkohlenVwiers in einen Generalstreik zu treiben versuchen, um so die Criüllung des Abkom­mens von Spaa unmöglich zu machen und bei der dann erfolgenden Besetzung des Ruyrbezirks durch die Franzosen Nutzen für ihre großpolnfichen Eroberungs­pläne zu ziehen. Gegen den Festgenommenen ist ein Verfahren wegen Landesverrats eingeleitet worden.

Verhaftung der Mörder von Josephslhat.

Dir Mörder von Iosephsthal sind auf Anordnung des Kreiskontrolleurs durch Mannschaften der Ab­stimmungspolizei verhaftet worden. Der Rädels­führer, ein gewisser Baron aus Birkenhain, ist erwischt: er hält sich offenbar jenseits der Grenze aus. Sechs am Morde Beteiligte, sämtlich aus Birkenhain, die im Alter von 18 bis 25 Jahren stehen, sind im Gefängnis eingdiefert worden.

Friede in Italien?

Unter persönlicher energischer Mitwirkung des Ministerpräsibenten ©iolitti wurde gestern eine Einigung im Metallarbeiterkonflikt erzielt. Die Arbeiter nehmen bte Arbeit bei erhöhtem Lohn wie­der auf. Die Streiktage werben nicht bezahlt. Die entlassenen Arbeiter werben wieder aufgenommen, lieber Strafmaßregeln bestimmt ein aus Ver »eiern der Fabrikanten und der Arbeiterschaft gleichmäßig zusammengesetztes Komitee in jeder Fabrik. Die Frage der Fabrikräte wird durch den von Giolitti unlängst vorgeschlagenen parltätischen Ausschuß ge­regelt. Das Abkommen dürfte beide Teile befrie» bigen, obschon bie radikalen Arbeiierelemente, na­mentlich in Genua und Turin, lärmten und Prote­stierten. _

Vom Äartoffeltrieg.

Aus Minden wird gemeldet, daß dort große Mengen von Kartoffeln versandtbereit liegen, die von der Reichskartoffelstelle zur Versorgung der minderbemittelten Bevölkerung von Dortmund bestimmt sind. Die Versendung kann jedoch nicht erfolgen, da die Eisenbahner die Ser» lad ung nicht zulassen.

Wer hat den Schaben?

Deutsches Reich.

** Berlin, 20. September. Meldungen des Bor- toärts übet eine geplante Ausrufung des Kronprin­zen Rupprecht zum König von Bayern und über bie Organisierung einer monarchistischen Reichszer­trümmerung werben von bayerischen Blättern als sinnloses Geschrei bezeichnet.

den Spitzen der schlanke Hals, und da, wo sie als zar­ter Filigran den Halsausschnitt deckten, schimmerten ver­stohlen die Perlen hindurch — die Perlen der Eggen- brechts. Als einzigen sichtbaren Schmuck trug Silvia nur einen schmalen, diamantbesetzten Reis in ihrem lo­ckeren, hellbraunen Haar, der darin gleich einer Reihe Tauperlen blitzte.

Alle Gespräche verstummten, aller Augen richteten sich auf Silvia, als diese mit Liesa Hartmann und Hllde in den großen Ecksal hereinkamen, wo die Gäste bei schwarzem Kaffee und süßen Schnäpschen in zwang­losen Gruppen umherstanden und -saßen.

„Siwia von Eggenbrecht! Detter Achims Witwe!" ging es von Mund zu Mund, und Exzellenz von Eggen- brecht rauschte ihr entgegen, sie willkommen zu heißen. Sie sah sehr imposant aus in einem Kleide von steifer grauer Seide, bas bei jeder Bewegung knisterte und raschelte, und mit ihrem hochgebaufchten schlohweißen Haar wie eine altfranzösische Marquise.

„Endlich — endlich, meine Liebe!" rief sie aus. „Wir fürchteten schon eine Absage. Aber wie lieb — wie schön, daß Sie doch gekommen sind, und wie freue ich mich, Sie endlich einmal bei mir begrüßen zu können."

Silvia enffchuldigte ihr spätes Erscheinen und sah sich ganz verwirrt um unter den vielen fremden Gesich- lern. Da stand schon Mama Eggenbrecht neben ihr, Wolfs Mutter, und Wolfs Schwester Marie sagte ihr guten Tag, Hildes Verlobter küßte ihr die Hand, und die schöne Alice begrüßte sie mit freundlicher Vertraut­heit. Dann erst sah sie Wolf.

Er verneigte sich vor ihr, küßte ihr die Hand.

„Ich sah Sie lange nicht, Kusine Silvia," sagte et und blickte sie an.

„Ja, es ist wahr", erwiderte sie und wich feinem Blick aus, was er als Feindseligkeit und Abweisung empfand.

„Sie haben mir meinen Reitstock mit der Post ge- schickt. Sie haben mir nicht erlaubt, ihn bei Ihnen zu holen," sagte er noch, und es zitterte verhaltene Erre­gung in seiner Stimme. Da blickte sie ihn mit kühlem Gleichmut an und erwiderte:

„Sie waren deshalb dreimal vergeblich bei mir, und ich wollte nicht, daß Sie sich noch einmal bemühten."

Wolf sah Silvia nach, wie sie neben Exzellenz von Eggenbrecht durch den Saal schritt, vm den Herrn des Hanfes zu begrüßen, der in jein w Rollstuhl mitten un­ter den Gästen faß und sich an dem Trubel, ter um

♦ Tie neue preußische Wahlvorlage wird noch erfolgter Annahme ourch das Staatsministerium ber Landisvcr aminlung Ende der Woche zugehen und bereits in bet nächsten Woche zur einen Seiung gestellt werben. Ein be onderer Ausschuß toirb die Einzelheiten prüen. Die Vorlage ist tast unoeiändert gegen den bereits veröffentlichten Entwinf cebtteben.

** Erhöhung bet Grund- und Gebäudesteuer. Die Finanzlage Preußens hat sich bekanntlich in den letzten Monaten erheblich verschlechtert. Die Ausgaben sind fortwährend im Steigen begriffen, während bie Ein­nahmen fortlaufend niedrig sind. Wie wachsend schnell die Finanzlage sich verschlechtert hat, geht daraus her­vor, daß der Fehlbetrag, den der preußische Finanz- Minister auf 2,1 Milliarden Mark geschätzt hatte, jetzt bereits drei Milliarden Mark beträgt. Preußrn ist rote die übrigen Bundesstaaten vom Reiche abhängig, es steht aber noch nicht fest, ob bei dem außerordentlich schlechten Eingänge der Reichssteuer die veranschlagte Höhe der Einnahmen erreicht wird. Wenn bas auch selbst der Fall wäre, bliebe dem preußischen Staat ein in bie Milliarden gehender Fehlbetrag. C" bleibt des­halb nur ein Mittel, nämlich die Erschfießuna neuer Steuerauellen. Die Reoierung trägt sich ernstlich mit dem Gedanken, die Grund- und Gebände­st euer, die jetzt den Gemeinden zusteht, ganz er­heblich zu steigern und den Staat an dielen Beträgen zu beteiligen. Ein entsprechender Gesetzent- rourf soll der preußischen Landesversammlung zuoehen, der noch vor den Neuwahlen verabschiedet werden soll.

* Zur Re ein g der Besitzsteuer. Staats cf e'är Moesle aus dem Reichsfinanzmimfierium befindet sich aeaentoärtig auf einer D en streife, um mit den Präsidenten der LandeSfimnzämter bezüglich einer beschleunigten Regelung der Besttziteuer, insbesondere des Reichsnotopfers, sich zu beraten. Im Saufe dieser Woche finden Besprechungen in Bayern, Thü­ringen und Sochlen statt.

'* Das Erstarken des chriftlchen Melallarbeiferver- bandes. Die Zahl der Mitglieder des christlichen Me- tatterbeiietöerbanbes stieg von 42 000 im Jahre 1914 auf 210 000 im Jahre 1919. Im Htrsch-Dunkerschen Gewerkverein der Metallarbeiter stieg die Mstglieber- zahl ht der gleichen Zeit von 41 000 auf 107 000. Die Mitgliederzunahme betrug beim christlichen Metallar­beiterverband 400 Prozent, beim Hirsch-Dunkerschen Gewerkoerein 136 Prozent. Die Zunahme des sozial- demokratischen Metallarbeüerverbandes betrug in die­ser Zeit 240 Prozent.

— München, 21. Sept. Zum Abschluß des Partei- tages der Bayer. Volfspartei in Bamberg fand eine von etwa 2000 Personen besuchte öffentliche Versammlung statt, in der Landtagsabg. Held über die politische Sage in Bayern und der Vorsitzende der Sandtagssraktion, Domkapitular Leicht (Bam­berg), über die politische Sage im Reiche sprachen. Letzterer machte dabei bemerkenswerte Aeußerungen über die Koalition der Reichsregierung. Die Bayer. Volfspartei jet in die Koalition eingetreten. Dieser Zustand werde wahrscheinlich nicht mehr lange dauern. Er glaube, es zeigen sich in neuerer Zeit Bestrebungen, diesem Reichsfabinett und dieser Reichsregierung ein baldiges Ende zu be­reiten. Wenn nicht alles trüge, werden nicht außen- politische, wirtschaftliche ober innerpolitische Gründe die Veranlassung zum Sturze dieser Regierung sein, sondern diese Gründe liegen wahrscheinlich auf fulturellem Gebiete. Wenn wir zum Reichsschul­gesetz fommen, dann werde ein Kamps auf Leben und Tod entbrennnen und es könne sehr leicht die ReichSregierung darüber zu Fall fommen. ________ _________

Ausland.

** Millerand Präsidentschaftskandidat. ,Savas' meldet: Millerand hat, dem Wunsche der Nation ihn herum herrschte, zu erfreuen schien. Er. der frühere Minister, der seiner Zeit in München ein großes Haus geführt und die Geschicke Bayerns gelenkt hatte, war nun schon seit Jahren an beiden Füßen gelähmt, aber geistig noch fo frisch und rüstig, daß er von seinem Rollstuhl aus über Haus und Hof regierte.

Mit wahrer Herzlichkett hieß er Silvia in seinem Hause willkommen und sagte:

„Man hat mir gesagt, daß Sie eine reizende, junge Frau wären, liebe Nichte — so darf ich Sie doch nen­nen? — aber meine Erwartungen sind übertroffen. Hoffentlich werden Sie von nun an noch oft Gast in meinem Hause sein und Hollen als eine Art Heimat lieben lernen."

Darauf wurde Silvia mit allen Anwesenden bekannt gemacht, alles drängte heran, begrüßte sie, sagte ihr Artigkeiten, und besonders die von außerhalb Bayerns gekommenen Eggenbrechts luden sie fast dringend ein, sie zu besuchen, bis Silvia ganz verwirrt war und alle miteinander verwechselte. So war sie ganz froh, als sie von einigen älteren Domen mit Beschlag belegt wurde, die sie zu einem gemütlichen Plausch in einen ruhigen Winkel des Saales entführten.

Wolf kam an diesem Abend nicht mehr dazu, mit Silvia zu sprechen, er legte es auch nicht darauf an. Er machte zwei kleinen Backfischen den Hof, zwei Ku- sinen aus Stuttgart, die sich dabei himmlisch amüsierten, und wodurch er bei der Mama der beiden niedlichen Schwestern schon dt. Erwägung wachrief, ob Tilde oder Olli bester zur Herrin von Altenwied sich eignen würde.

Die Gesellschaft ging heute nicht allzuspät auseinan- der, denn die meisten Damen waren reisemüde, und man mußte seine Kräfte für die kommenden Festlich­keiten aufsparen.

Jetzt, ehe die Damen sich zurückzogen, kam Wolf noch einmal mit Silvia in Berührung. Es war unter den Damen das Gespräch auf den sagenhaften Ritter Rupp- recht gekommen, der in dem alten Bau zuweilen spuken sollte, man scherzte und lochte darüber. Exzellenz von Eggenbrecht versicherte, sie habe selbst nie etwas von dem alten Herrn gesehen und niemand, seit sie Herrin von Holten sei. Der alte Herr von Hollen meinte schmunzelnd, die Damen brauchten sich jedenfalls vor dem Ritter nicht zu fürchten, er wäre ja ein Eggen­brecht und Ritter dieses Namens hätten weder vor noch nach dem Tode jemals einem Mitglied des zarten Ge­schlechts etwas zuleide getan

naebaebenb, sich entschlossen, Jte Kandidatur süx die Piäsidemschaft anzunehmen.

Ans dem Nachbargebiet.

f. Allrnus. Spitzbuben räumten nachts einem hiesigen Sanhroirt die Räucherkammer restlos aus. Von dem Dieb fehlt noch jede Spur.

k. Langenbieber (Rnön) Jnnet halb einiger Nachte wurden hier in zwei Anwesen je ein wertvoller Tretbrirmen ne'toblen. Ter Wert des einen Riemens ist 7n00 Mark, des anderen 4000 Mark. Außerdem wurde die Räucherkammer eines hiesigen Einwohners nädjtlidiermeiie vollständig geplündert.

[::] Lahrbach. Sonntai nachmittag fand im Gast­haus Müller, Wende:sdanien, eine gut besuchte Versammlung der Landwirte statt. Als Vertreter vom iurheffischen Bauernveretn — Sitz Fulda — sprach Herr Hütsch in auftlärenber Weise übet den Zweck des kurke si chen Bauernbundes, dem sich nach kurzer Debatte auch sämtliche Landwirte an­schlossen. In einem weiteren Vortrag behandelte dei selbe Redner die neuen Steuergesetze wie Reichs­notopfer ui b Besiiffteiter. In bet barauffolgenben Aus prache klärie Herr tzütich noch manche Unklar- besten über bie Steuergesetze auf. Am Schluß würbe ber Antrag gestellt, solche Aufklärunasvortrage wenigstens jeb n Monat stattfinden zu lassen. Der nächste soll in Lahrbach abnebalten werben.

rj Bad Orb. Heute können wir die Tages­ordnung des Katholikentages angeben, bet am Sonntag, ben 26. September in Bad Orb für bie Katholiken, hauptsächlich des oberen Kinziggaues, des Bieder-, Jossa- und Orbgrundes abgehalteir werben soll. Am Morgen um ^lO.UHr ist feier- liches leviiiertes Hochamt mit ber Festprebigt beS P. Tbeobostus Briemle 0. F. M. (Thema: „Was ist uns Christus und was sollen wir ihm sein.") Nach einer kurzen Andacht um 2 Uhr am nachmittag stellt sich um 21/» Uhr der Festzug nach ben ein­zelnen Pfarreien alphabetisch geordnet auf unb be­wegt sich bann durch bie Haupistraßen bet Stadt nach dem Kurdaussaal und dem Speffartlüftle, wenn diese beiden Säle nicht ausreichen, jo soll noch di« Kirche zu Hilfe genommen werden. Dort werden bann bie Festredner wechselnd, sodaß sie in jedem Saale gehört werben, sprechen unb zwar P. Otto Richter 8. J. übet bas Thema: „Was bietet bte fach. Kitche dem deutschen '-Bolt im Sturme bet Jetztzeit", während Mittelschullehret Bö tu er die Gefährdung bet christlichen Schule unb bte Stellung ber Katholifen bazu behanbeln wirb. Umrahmt wer­ben die Reden durch die Gesangsvorträge zweier hiesiger Männerchöre. Günstig für bie Teilnahme ist auch bie Zugverbinbung: je ein Zug von Steinau und Franfsurt haben Anschluß an den Kleinbahn- a der um 1.40 Uhr von Wächtersbach abgebt,

itenb er 7.30 Uhr Bad Orb wieder verläßt. Wer es irgendwie ermöglichen fann, muß an einer solch herrlichen Tagung teilnehmen, darum nochmals: Auf zum Katholifentag nach Bad Orb am 2& September!

Franfsurl a. 211. Die gelben Postwagen sind üb« und üüber mit Plakaten beklebt, die zur R e f l a m e einladen. Man kann sich daraus ein Bild machen, wie die Postwagen fpäter einmal aussehen werden — wenn ihre Reklamesehnsucht sich erfüllen sollte. — Ein Rödelheimer Verein hat sein Stiftungsfest wegen der erhöhten städtischen Lustbarkeitssteuer einweilen ab- gesagt. — Ein weißer Rabe! — Zu schweren Streitigkeiten kam es an ber Deutsch-Herren-Mittel- schule zwischen bem Schulleiter unb einigen Eltern. Ein Schiller hatte bis abenbs 7 Uhr nachsitzen müssen. Daraufhin zogen mehrere Eltern vor bas Rektorhaus und gingen tätlich gegen den Schulleiter vor, ber ziemlich schwer verletzt wurde. Erst herbei-

Künstliche Kohle aus Rohtorf.

Der Brennstoffmangel, hervorgerufen namentlich durch bie Kohlenlieferungen an unsere Feinde, zwingt uns zur besseren Verwertung ber vorhanbenen Brenn- stofse und zu Ersatzbrennstoffen. So hat der Tors wieder überall neue Freunde gesunden, so sucht man Absollstoffe wie Sägespäne, Lokomotiolösche und sogar die halbverbrannte Kohle (Aschenreste) als Brennstoff auszunutzen. Alles das sind Ersatzbrennstoffe, die hin­sichtlich der Heizkraft mehr oder weniger als minder­wertig b^eichnet werden müssen. Jedenfalls bleiben sie west hinter den Anforderungen zurück, die nun ein­mal sowohl der städtische Hausbrand wie vor allem dig Industrie schon mit Rücksicht auf die teuren Versand- kosten stellen müssen.

Das Problem, einen hochwertigen Brennstoff aus einem schon vorhandenen minderwertigen Brennstoff herzustellen, scheint nunmehr aber seiner Lösung ent­gegen zu gehen, und zwar wird hier in erster Linie, der Tors 5ßerroenbung finden. Jener Prozeß, der die Steinkohle in Tausenden von Jahren werden ließ, wird künstlich erzeugt und in fabrikatorischer Weise der Tors zu Kunstkohle umgewandelt. Nach einem Dersohren, das naturgemäß von den in Frage kommenden Per- sonen noch geheim gehalten wird, zumal die Patente noch schweben. Die Ausgrabung des neuen Brentt- stoffes hinsichtlich feines Heizwertes haben aber durch­aus günstige Ergebnisse geliefert. Bon dem an der Er­findung beteiligten Ingenieur August Bauschlicher, der die Torfwerke Kremmen betreibt, erhält die „Deutsche Tageszeitung" folgende Mitteilungen:

„Man mußte darauf bedacht fein, die in der Natur vorkommenden, noch nicht verwerteten, vegetabilischen Abfallstoffe, insbesondere unsere mächtigen Torflager als Ausgangsstoffe für Kunstkohle zu benutzen. Es ist gelungen, aus vegetabilischen Abfallstoffen in 1 bis 114 Stunden eine künstliche Kohle von hohem Heizwert zu machen, also in kürzester Zeit das zu leisten, wozu bie Mutter Natur Jahrtausende gebraucht. Bon des cm- derer Wichtigkeit für die Fabrikation ist dabei, daß das Produkt aus ganz naffem Torf hergestellt wird, der direkt der Grube entnommen wird, daß also die Fabri­kation auch in der ungünstigsten Jahreszeit und felbfl im Winter erfolgen kann. Das Produkt aus nassem Torf ist sogar erheblich bester, als bas aus trockenem Torf, wie man im Laufe der Derfuche gefunden hat. Der neue Brennstoff, Gafolkohle genannt, hat einen Heizwert bis zu 7500 Wärmeeinheiten, brennt mit