Fuldaer Zeitung
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Nr. 217,
Verantwonlich für den reboHion. Teil Rebokieur K. Schutt« - für die Anzeigen: I. Par zei ler-Fulda. u Rotationsdruck u. Verlag der Fuldaer Artiendruckerei in Fulda- Fernfprecher Nr. 9. Telegr.-Adresse: Fuldaer Zeitung
Samstag, 16. Sept. 1920.
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47. Zahrg.
Auf dem Wege zur Staatsschule.
Lus parlamentarischen Kreisen wird uns geschrieben: Sa der Preußischen Landes Versammlung wird zurzeit ein -esetzentwurs betreffend das Diensteinkommen der Lehrer end Lehrerinnen beraten, der nach mehr als einer Richtung hin die Aufmerksamkeit der breitesten Oessentlichkeit lerbient. Besonders gilt dies von seinem § 49; er regelt die künftige An st eil un g der Lehrer und Lehrerinnen und lautet nach der Regierungsvorlage in seinen Nichtigsten Bestimmungen:
„Die Lehrer und Lehrerinnen an den öffentlichen Volksschulen werden von der Schulaufsichtsbehörde aus der Zahl der Befähigten unter Ausfertigung der Ernen» Migsmkunde für den Schuloerband angestellt. Dor der Anstellung ist m Schulverbänden, m denen eine Schul- Deputation besteht, der Schuldeputation, in den übrigen tzchulverbänden dem Schulvorstand Gelegenheit zu einer kleußerung zu geben. Beim Vorhandensein von Schul- bnnmissionen ist auch diejenige Schulkommission, für deren kchule die Anstellung zunächst erfolgen foll, zu hören. Erfolgt die Anstellung durch Versetzung, fällt die An- eg der Schuldeputationen, Schulvorstände und Schul- ission fort . . . ."
Bei der Ausschußberatung war es einzig der Vertreter der Zentrums, der grundsätzlich forderte, daß jede A n- stellung eines Lehrers unter Mitwirkung der kelbstoerwal-tungskörperfchoften aller an Erziehung Beteiligten erfolgen muffe. Er macht« darauf «ufmerkfmn, daß über vier Fünftel aller Schulstellen durch Versetzung besetzt würden, daß also kaum bei dem fünften Teile die Schuldeputationen usw. gehört würden, wobei noch nicht gesagt sei, welche Bedeutung ihre Mei- mmgsäußerung besitze. Keine andere Partei teilte diesen Standpunkt; ihre Sorge galt höchstens den groben Schulverbänden mit über 2 Schulstellen; zu deren Gunsten stellten Sozialdemokraten und Demokraten, veutschnotionale und Volksparteiler Anträge. Die Regierung zeigt« Entgegenkommen ,es fand schließlich ein dem o kra ti sch -deutschn a tional er Antrag Annahme, dessen ilnfang lautet:
„In Schulverbänden mit mehr als 25 Schulstellen er» solch für ein Drittel der zu besetzenden Stellen die Neu- onstellung durch die Schulaufsichtsbehörde; für zwei Drit- lel steht dem Schulverband das Wahlrecht zu.'
Von Zentrumsseite wurde darauf aufmerksam gemacht, tatz von 30 863 Schulverbänden nur 442 mehr als 25 Echulstellen besäßen, in denen rund 47 000 Lehrer wirkten, daß also über 30 000 Schulverbände mit 70 000 Leh verstellen rechtlos würden. Die Demokraten verstanden sich schließlich dazu, den Schulverbänden mit 8 mit 25 kchulstellen ebenfalls für zwei Drittel der Neuanstellungcm di« früheren Rechte zu belasten. Die Deutschnationalchn wollten nur die Hälfte zugestehen, schließlich aber oerzich- kten sie aus so feine Unterschiede, so daß der demokratische Zu trog Annahme fand. In den Schulverbänden mit sieben und weniger Schulstellen (im ganzen 50 000 Lehrerstellen) soll der Staat das alleinig« Bese tztzungsrecht besitzen. Der Satz, daß bei Der- fetzungen der Staat nicht einmal eine Aeußerung der irtlichen Schulverwaltungskörperschaften herbeizusühven brauche, fand gegen 10 Stimmen Annahme.
Dieser Beschluß kann nicht das letzt« SB art barstellen, der Ruf noch Aenderung wird verstärkt ata- setzen, wenn man sich seiner Tragweite bewußt wird. Sicher sprechen einige Gründe für einen stärkeren Einffuß der St^rlaufsichtsbehörde. Es wird diesen schwer, Lehrer unterzubringen, für die sie zu sorgen hat, z. B. Leister en Auslandsschulen, Kriegsverletzte, Lehrer von aufgelö'jten Schulen (Dorschulen, Lehrerbildungsanstalten); sie muß mit diesen geradezu hausieren gehen und demütig um ihre Anstellung bitten. Mehrere Schulverbände haben mit ihrem Anstellungsrecht Mißbrauch getrieben, dabei Gesichtspunkte herausgekehrt, die mit der Schule nichts zu schassen hatten. Vor allem haben sie keine jungen Lehrer gewählt. Diese mußten von der Schulaufsichtsbehörd'e in Stellen geschickt werden, um die sich kein älterer Lehrer bewarb, meist in entlegene Landgegenden. (Von 17117 einstweilig angestellten Lehrern wirkten 15 420 aus dem Lande, 1697 in der Stadt.) Manche einklaffige Schule
Die Perlen der Lggenbrechtr.
$5] Roman von Alexandra von Bosse.
Neunzehntes Kapitel.
3m alten Herrenhaus« von Holten war alles für das groß« Hochzeitsfest vorbereitet und der alte Flügel, wie Alic« vorausgesagt, für die zahlreichen, auch von außerhalb Bayerns geladenen Gäste hergerichtet worden. Der eite Herr von Eggenbrecht hatte kein« Kosten gescheut, barin alles so schön und behaglich wie möglich' elnrich- len zu lassen; es war gestrichen, gebahnt, tapeziert: -war- ben, und mächtige Kachelöfen sorgten dafür, daß alle Säume gut durchwärmt waren, denn der September liefe sich tast und regnerisch an.
Wolf Eggenbrecht traf am Nachmittag des 8. September in Holten ein. Seine Mutter mit Hilde war bereits einige Tage zuvor dort «ingetroffen, den alten Herrschaften bei der Verteilung in die verschiedenen Tastzimmer behilflich zu fein. Wolf wurde von Deinem zukünftigen jungen Schwager, Detter Hans in Enipfang genommen und gleich auf sein Zimmer, das im alten Flügel lag, geführt. Es war ein großer Raum mit »Übriger, altersdunkler Balkendecke, die unregelmäßig »erlaufenden Wände aber frisch tapeziert, es roch noch etwas nach Leim und Farbe, der unebene Fußboden »ar mit einem Teppich überdeckt Ein großer gelber Kachelofen verbreitete so freigebig Wärme, daß Wolf sofort die Fenster, die noch in Blei gefaßt waren, «ustiß.
„Man erkennt ja den alten Bau nicht wieder, sio fein hobt Ihr hier alles hergerichtet,“ meinte er und sah sich »oll Behagen um.
Er kannte Holten gut von früher her, da <tr als iunge manche Ferien hier zugebracht hatte. Bei sjchlech- »m Wetter hatte der alte Flügel ihm und Detter Hans, !«wie einigen Kameraden, die auch in Holten zu Gast 6aren, als Jagdgrund für ihre Indianerspiele g «dient.
dem alten Bau war ihm deshalb jeder Winkel be- tont, nub mit allen Geheimnissen seiner Gänge, Strepp- ben, verborgener Türen und seltsamer Schlösier rgar er ertraut.
Josua, den Wolf mitgebracht, und ein Hoffener Sie- i«r brachten nun Wolfs Koster herein. Wolf schloß M, und Josua begann auszupacken.
„Was zieht man denn heute an?" fragte Wcckf den
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war Jahrzehnt« lang ein Versuchsfeld für Anfänger und litt unter beständigem Lehrerwechsel.
Es bestand im Ausschuß Einstimmigkstt darüber, daß in diesen Dingen Abhilfe geschaffen werden muß. Ganz abwegig aber ist bte Bemerkung, di« Lehrer hätten sich bei Hinz und Kunz bewerben müsien. Hinz und Kunz waren die Ellern ihrer künftigen Schüler, in den meisten Fällen die angesehensten Männer des Schulottes. Daß überall Kommerzienräte wohnen, ist weder möglich noch wünschenswert, fiebrigen» erhalten bte Lehrer in den Schuldeputationen und Schulvorständen eine viel stärkere Vertretung als früfjer. Dadurch muß es auch bei einer ferneren Mitwirkung örtlicher Stellen gelingen, diese un- angenehme Seite der Anstellung zu vermeiden. Aber mögen auch noch so viele Mißbräuche vorgekommen fein, noch so große Schwierigkeiten sich ergeben haben, so recht- fertigt dies noch lange nicht eine Diktatur der Schulaufsichtsbehörde. Di« Mitwirkung der Erziehungsberechtigten mag umgestaltet werben, damit bas Wohl bet Schule voll gewahrt wird, aber sie muß bestehen bleiben, weil sie ein Grundrecht der (Eltern ist, weil es von der Person des Lehrers abhängt, ob überhaupt in der Schulgemeinde eine einheitliche Jugenderziehung stattfinden kann.
Mti dem Inkrafttreten der AusschufebeschlÜsie ist die konfessionell« Schule in Preufeen erledigt, und Artikel 146, 2 der Reichsverfassung verliert seine Bedeutung. Sie steht dann unter dem ausschließlichen Schutze der Unterrichtsverwaltung, an deren Spitz« für lange Zeit Haenisch, Hoffmann und Gesinnungsgenosien von ihnen wirken werden.
' Als nach der Revolution der gewaltige Sturm gegen bte konfessionelle Schule einsetzte, haben sich Eltern und katholische Lehrer schützend vor sie gestellt, jetzt wer- den die Eltern beiseite geschoben. Man sagt zwar, daß bte Unterrichtsverwaltung den Frieden wolle und deshalb keinen Lehrer in di« Gemeinde senden werde, der eine Kriegserklärung bedeut«. Aber wenn bte Unterrichtsverwaltung die Wünsche der Schulgemeinde berücksichtigen will, bann versteht man ihr Streben nicht, diese Wünsche vorher festzustellen. Versicherungen künstigen Wohlwollens mögen gut gemeint sein; sie sind nicht das Papier wert, als dos sie gedruckt werben.
Ganz unhaltbar ist die Unterscheidung zwischen den großen und ben kleinen Schulverbän- ben. Indem man sie verschieben behandelt, sagt man den kleinen, daß sie zu dumm sind, ihre Schule zu verwalten und unter die Vormundschaft der Schulaufsichtsbehörde gestellt werden muffen. In allen Orten unter 3000 Einwohnern wird man also in Zukunft bei der Wahl des Reichspräsidenten zwar rnitwirken dürfen, zur Mitwirkung bei der Lehrerwahl aber reichen die Fähigkeiten nicht. Der starke Zwiespalt zwischen Stabt unb ßanb muß sich auf solche unterschiedliche Behandlung hin verschärfen. Es wird bald die Behauptung auftauchen, die linksgerichteten Städte hätten bas Wahlrecht behalten, bas rechtsgerichtete Land nicht.
Auch die Interessen der Lehrer werden schwer gefährdet. Die Bestimmungen der Borlage finden unter ihnen vielen Beifall, weil man an die un- günstigen Erfahrungen der Vergangenheit denkt. Aber die Zukunft kann sich namenllich für die katholischen Lehrer noch trüber gestalten. Auch staatliche Schulaufsichtsbeamten sind Menschen mit Mängeln und Vorurteilen. Daß die Lehrer eines Bezirks in Zukunft in der ausschließlichen Gewalt einer einzigen Stelle stehen sollen, muß für sie ein unerträglicher Gedanke sein. Die katholischen Lehrer aber waren schon in der Vergangenheit in vielen Städten wenig beliebt, der Staat sicherte ihre Anstellung; in Zukunft fällt dieser Schutz fort, unb ob ber Staat sie durch vermehrte Anstellung auf dem Lande versorgen wird, wollen wir lieber nicht abwarten, sondern sorgen, daß das Gesetz ihnen überall zu ihrem Recht verhilft. Man bedenke auch die üble Sage eines Lehrers, der gegen ben Willen ber Schulgemeinde entsandt wirb, gegen ben vielleicht bald ein Schulstreik einsetzt. Die Schulverwaltung hat die Pflicht.
ein Einvernehmen mit der Gemeinde herzustellen, das ein gedeihliches Wirken des Lehrers sichert. Sie entzieht sich dieser Aufgabe. Damit aber ruft sie geradezu ben Widerspruch heraus. Man mutz gesetzliche Wege für eine Mitwirkung ber am nächsten Beteiligten schaffen, wenn man ungesetzliches unb gefährliches Vorgehen ver- nteiben will, unter bem ber Lehrer neben ben Schülern am meisten leibet.
Ganz merkwürdig war die Haltung der Parteien. Wo blieb der stolze Bürgerftnn der Demokraten, ber feine Angelegenheiten selbst orbnen will, wo bi« Fürsorge ber Deutschnationalen, daß die berechtigten Eigentümlichkeiten des platten Landes zur Geltung kommen und die konfesiionelle Schule nicht ihres Schutzes beraubt werde? Don alledem war nichts zu spüren. Man sieht, wie in früheren Sdjulfragen wird es auch diesmal darauf ankommen, welchen Widerstand die katholische Bevölkerung leistet.
Es ist nicht zu verstehen, daß die Regierung immer wieder den Zankapfel der Schulfrag« in unser Volk wirft. Wird es endlich dem katholischen Volke möglich fein, eine Grenze zu ziehen: bis hier und nicht weiter?
Rücktrittsgefuch des Neichsfinamministers.
Seit einiger Zett war es bekamst, daß die Schwie- riakeiten unserer Finantzverwaltung zu Memungsver- schiedenhetten im Kabinett geführt haben. Anlaß gab die Frage der Beamtenbesoldungsrefor . Die Zusagen, die-von einzelnen Ministerien ihren Beamten gegeben worden sind, scheinen teilweise das zu übersteigen, was vom Finanzministerium im Hinblick auf die Gesamttage für möglich gehalten wird. Dieser Konflikt hat, wie die „Frkf. Zig." meldet, den Reichs- finanzminister Dr. W i r t y veranlaßt, an den Reichskanzler das Gesuch um Enthebung von seinem P o st e n zu stellen. Die Möglichkeit, daß sich daraus eine für das Kabinett Fehrenbach kritische Lage ent- wickelt, ist nicht abzuwe'sen. Indessen ist die Aussicht auf Beilegung dieses Zwiespalts noch nicht ausgegeben. Man betrachtet m den Kreisen der Regierung den Schritt des Reichsfinanzministers zunächst als Stellung der Vertrauensfrage, die das Kabinett nötigen wird, sich eingehend mit den Streitpunkten zu beschäftigen.
Der Konflikt In Groß-Berlin.
Die brutale Att und Weise, wie die sozialdemokra- ttschen Parteien in Grvß-Berlin, nachdem sie zur Mehr- hett gekommen, ihre Macht mißbrauchen, haben alle bürgerlichen Parteien auf die Schanze gerufen und es wird jetzt in der preußischen Lmchesversmnmlung erwogen, wie man dem Unfug steuern könnte, der aus dem verfehlten Gesetz über das kommunale Monstrum Groß-Berlin sich entwickelt. Die Deutschnationalen haben einen Antrag eingebracht, das Inkrafttreten des Gesetzes, bezüglich der Emheitsgemeinde Groß-Berlin auf unbestimmte Zett hinauszuschieben. Gleich, zeitig bemühen sich die anderen bürgerlichen Parteien, namentlich das Zentrum, in einer Novelle zu diesem Gesetz, Borkehrungen gegen allzu brutale Anwendung der sozialistischen Machtherrschaft zu schaffen.
Die Sozialdemokraten müffen nun wissen, woran sie sind. Die Dinge stehen so, daß einer Entscheidung nicht ausgewichen werden kann. Wenn die Mehrheitssozialisten auch sonst die Berantwortlichkeü krampfhaft abschieben wollen, für dieses verhängnisvolle Gesetz bleiben sie voll und ganz verantwortlich. Aus Lie- bedienerei gegen die radikalen Nachbarn haben sie alle vernünftigen Berbefferungs anträge vereitett. Den schweren Fehler könnten sie wieder gut machen, wenn sie jetzt einem Notgesetz zustimmten, das für Berlin die wirkliche Selbstverwaltung auf demokratischer Grundlage rettet und die Diktatur der Unabhängigen mit ihrem famosen Dr. Löwenstein und den sonstigen Stellenjägern abwendet. Aber dazu werden sie
nicht den Mut finden. Sie werden auch in der preußischen Landesversammlung chren Verbündeten di» Schleppe tragen, wenn die Groß-Berliner Angelegenheit in der nächsten Woche zur Sprache kommt. Di« sich daraus ergebende Gefahr für die Koalition in Preußen, an der auch die Mehrheitssozialisten betätig! sind, liegt auf der Hand.
Uebrigens scheint es, als die vorgesetzte Behörde den sozialdemokratischen Stellenjägern den Weg zur Futterkrippe doch etwas verbauen wolle. Nachdem die beiden sozialdemokratischen Fraktionen übereingekommen waren, die 25 Stadtratsstellen aus- schließlich mit Parteigenossen ohne Rücksicht auf ihn fachliche Eignu"a zu besetzen, hat der Oberpräsident der Stabt Berlin, Dr. Maier, dem Stadtverordnetenvor- steher Weil mttgeteilt, daß die zu wählenden besoldeten Magistratsmttglieder nach der Städteordnung durch juristische, wirtschaftliche oder technische Borbildung oder durch ausreichende berufliche oder praktische Kenntnisse zur Uebernahme eines solchen Amtes befähigt sein müsien. Wenn diesen gesetzlichen Voraus- setzung bei der Wahl der Stadttäte nicht entsprochen werde, so müsie das Einfluß auf die Ausübung des Bestätigungsrechtes haben.
Oberschlesien.
Die Hallertruppen.
Wie erneut festgestellt wurde, befinden sich unter den polnischen Aufständischen Mitglieder der Haller- schen Armee. Nach dem Material, daß sich in den Händen der deutschen Regierung befindet, ist nur ein Teil der in Oberschlesien befind! chen Hallerschsn Truppen demobilisiert, der andere Teil erhätt volle Ge - bührnisse. Diese Leute kämpfen also mit Wissen der polnischen Regierung auf Seiten der Insurgenten, sie erhalten ihre volle Besoldung.
Eupen, Malmedy und der Völkerbund.
Wie der Newhorker Herold ersährt, hat der Böl- kerbundsrat das Ergebnis der „V oltSabftimmung* in Eupen und Malmedy nicht bestätigt. ES wurde beschlossen, eine Kommission einzusetzen, welche das Gesamtmaterial noch einmal prüfen und feststellen soll, ob die Volksabstimmung tn richtiger Form vor sich gegangen ist. Da die ganze französische Presse sich über die letzte Sitzung des Völkerbundes aus chweigt, ist wohl möglich, daß die Meldung des „Newhorker Herald" zutreffend ist. Weiter wird von dem Blatt mitgeteilt, daß der spanische Botschafter erklärt habe, er werde in der nächsten Sitzung des Völkerbundes im November die Zulassung Deutschlands zumVölkerbund beantragen, worüber in der französischen Presse eine tiefe Mißstimmung zu verzeichnen ist.
Die italienische Arbeiterbewegung.
Giolttti hatte m Turin eine Besprechung mit den Industriellen und den Arbeitervertretern. Als deren Ergebnis ist die Zusammenberufung eines paritätisch zusammengesetzten Ausschusses anzusehen, der schleunigst eine Gesetzesvorlage über die Einführung von Betriebsräten ausarbeiten soll. Damit fft praktisch der Konflikt in der Schwerindustrie zu Gunsten der Arbeiter beendet. Der Kampf, welcher zunächst aus neuen Lohnforderungen entstanden war, endet mit einer hochwichtigen -sozialpolitischen Erobe rung der Arbeiterklasse. Die Industriellen dagegen sind aufgebracht, weil Giolitti unzweideutig Partei für die Sache der Arbeiter ergriff und auf die Unternehmer schweren Druck ausübte. Er hatte ihnen barsch erklärt, daß das Zeitalter des einseiigen Herrenrechts vorüber fei und daß die Arbeiter Anteil an der Leitung der Industrie erhalten und Derantwottung mitüberneh- men müßten. Die industriellen Organe greifen Gio-
„Frack. Di« Damen sind schon all« für ben Abend angezogen."
„Stab schon viel« Gäste da?"
„Fast alle. Heute nachmittag kam ein ganzer Zug voll Eggenbrechts aus dem feindlichen Auslands Preußen, Sachsen, Württemberg an. Bei so einem Familienfest merkt man erst, wie über ganz Deutschland verstreut zurzeit die Sippe derer von Eggenbrecht ist. Viel« davon kennen wir selbst so gut wie gar nicht, aber Papa wollte alles einlaben, was irgendwie mit uns verwandt oder verschwägert ist."
„Ganz schön, mal so bas ganze Volk zusammenzu- fehen. In Altenwieb aber hätten wir es nicht machen können, ba fehlte der Platz," meinte Wolf unb wies Jo- sua an, die Uniform in den großen Schrank zu hängen, ber an der linken Wand vor einer Tür, bte in bas daneben befindliche Zimmer führte, aufgestellt war.
„Uniform ziehe ich erst zu Deiner Hinrichtung an," sagte er.
„Schön," nickte Hans, „Du wirst ja natürlich zu den Scharfrichtergehilfen gehören, als Brautführer."
„Wen führ' ich denn?"
„Du? Natürlich die schöne Alice!"
„Warum natürlich?"
„Nun — ist ja egal . . . Sie wohnt übrigens neben Dir, da rechts."
„Und links?" fragte Wolf, auf den Schrank zeigend.
„Kusine Silvia! Du hast es gut, was? Wahl und Qual,“ lachte Hans „Hoffentlich schnarchst Du nicht."
„Nee. Aber wo sind die Meinigen untergebracht?" „Deine Mutter unb Schwestern wohnen brüben in ben richtigen Fremdenzimmern. Deine Schwester Lisa fürchtete sich vor dem Sput im alten Bau, sonst hättest Du bas Ehepaar Hartmann zur Rechten bekommen, weil dort zwei Räume sind. Kufine Silvia weiß ja nichts von dem guten Ritter Rupprecht, ber hier umgehen foll, ba haben wir noch rasch Hartmanns hinüber gelegt. Silvia schläft im Alkoven unb hat bas größere Zim- mer als Ankleideraum zur Verfügung. Na", endete er, scheinbar erschauernd, „hoffentlich wird Ritter Rupprecht euch nicht allen miteinander die Hälse abbrehen."
„Wäre ja reizenb!" meinte Wolf. „Weiß Alice was von der Sage?“
„Ja, aber sie fürchtete sich nicht. Sie meinte, wenn Ritter Rupprecht jemand Heimsuchen wollte, würde es Kusine Silvia fein — der Perlen wegen, die sie unrechtmäßig in ihrem Besitz hält." —
„Alice soll sich um ihren eigenen Kram scheren,“ brummte Wolf, der schon seinen Rock ausgezogen hatte und sich umzukleiden begann.
„Beeile Dich unb komm bann gleich hinüber, dann kommst Du noch zum Tee zurecht Du kennst ja den Weg“, bat 5ans.
„Natürlich." nickte Wolf.
Hans entfernte sich, unb Wolf machte sich gemächlich daran, sich schön zu machen. Josua hatte schon alles zurechtgelegt, warmes Wasser besorgt, die beiden exotischen Ordensbänder am Frack befestigt, Bürsten, Kämme und sonst alles handbereit ausgebreitet. Aus einen Wink Wolfs verschwand er nun, um ber Holtener Dienerschaft bei Bedienung der Gäste zu helfen.
Wolf stand in Hemdärmeln vor dem Spiegel, über bem zwei elektrische Glühbirnen angebracht waren — elekttifches Licht war noch eigens im alten Dau gelegt worden — unb bearbeitete mit zwei Bürsten kräftig seinen Sdjäbel, um bem — wie er es nannte — plebejisch krausen Haar bie erwünschte Glätte zu geben. Da pochte es rasch an ber Tür unb ehe noch Wolf herein sagen konnte, flatterte Hübe ins Zimmer, flog ihm an bie Brust unb gefährdete so bie unberührte Frische seines gestärkten Frackhemdes.
„Wolf, wo bleibst Du?“ rief sie. „Hans sagte vor einer halben Stunde, Du kämst gleich, und Du kommst gar nicht!" ।
„Pressierts denn so?" fragte er und gab ihr einen Kuß auf die frische Wange.
„Natürlich presiiertsl Alles wartet voll Spannung auf Dich unb Alice — Alice hat schon breimal nach Dir gefragt.“ ।
„Puh!" machte Wolf, und Hilde lachte hell auf.
„Bin fo froh, bah Du nicht mehr fo in sie verschossen bist wie früher, Wolf. Ich kann sie nicht leiden."
Wolf erwiderte nichts darauf; er zog seinen Frack an, zupfte noch vor dem Spiegel die Krawatte zurecht. Da fragte hinter ihm stehend Hilde:
„Du, Wolf, sage mal, ist es wahr, daß Du Dich hier vielleicht mit Kusine Silvia verloben wirst?"
Er fuhr herum und starrte sie ganz verdutzt an.
„Kleine, was fällt Dir nur ein?!"
„Ja, Liesa und Maria sprachen gestern doch ganz ernsthaft davon, und Mama wurde aufgeregt, weil sie ja möchte, daß Du Alice heiratest. Und Liesa sagte. Du habest sogar gewettet . . .“
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Experimentale Seelenforschung. Berufsberatung und Beqabungsforschnng.
Sm großen Stadtsaal zu Fulda fanden auf Veranlassung der Pädagogischen Gesellschaft in Fulda am 14. und 15. September fünf Demonstrattonsvorträge des wissenschaftlichen Sehers des Instituts für experimentell« Pädagogik und Psychologie, Herrn Oberlehrers Schulz«, unter Mithilfe bes elften Schriftführers des Instituts, Herrn Paul Schlager, statt, die von 600 Teilnehmern aus ben Kreisen Fulda, Gersfeld, Schlüchtern, Hünfeld unb Hersfeld besucht warm.
Herr Lehrer Loskant-FuDa begrüßte m> Auftrag« ber P. G. Vortragende und Tellnehrner, msbefanbert Herrn Senrirnrrbirettor a. D. Dietrich, der vor 41 Jahren bte P. G. gegründet und 17 Jahre lang geleitet hat und der jetzt 77jährig noch zu ben Dorträgen erschienen war. bie Herren Kreisschulräte von Fulda und Gersfeld- Schlüchtern und bie Herren Leiter der htestgen Unter» richt sanftalten, des Gymnasiums, ber Oberrealschule, bes Seminars und Oberlyzeums.
Herr Oberlehrer Schulze wies einleitenb darauf hin, daß sich das allgemeine Interesse wieder ber Psychologie zuwendet, seit diese von ber deduktiven zur induktive« Methode übergegangen ist, bie erst bas einfache Ding erforschen will, um von unten aus bas wissenschaftliche Gebäude aufzurichten. Die Psychologie ist ben Natur- Wissenschaften gefolgt, indem sie sich bes Experiments bedient, um bas zu erreichen, was man Grflänmg nennt, aber sie hat auch bie Brücken zur alten Psychologie nicht ganz abgebrochen. Das Wesen des Experiments besteht: 1. in der Vorbereitung auf ben Reiz; 2. in ber Konzentration der Aufmerksamkeit; 3. in ber Darbietung einfachster Erlebnisse; 4. in der Wiederholung und 5. m den Variationen. Die Empfindung und die einfache Gefühlserregung sind die Elemente des Bewußtseins.
Nach diesen einleitenden Bemerkungen fühtte er Experimente der Empfmdungsmeffung vor, indem er mit bem Haarästhesioineter und dem Kältekolben punktförmige Reize auf dem Handrücken hervorrief und dadurch Druck« empfindungen, Schmerzempfindungen und Wärmeempfta- bungen erregte, Empfindungen, die sich nicht in einander überführen laßen und zeigen, baß wir nicht nur fünf, sondern mehr Sinne haben, sieben, vielleicht acht. Er zeigte auch, indem er nach ber Vorbereitung auf ben Reiz nicht berührte und doch eine Empfindung erzielte, big Wirkung ber Suggestion.