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Samstag, 11. September 1920.
Nr. 211
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Verantwortlich für den redattion. Teil t 53.: Dr. Kramer, r. für die Anzeigen: 3. ParzeUer - Fulda. r. Rotationsdruck u. Verlag der Fuldaer Actlendruckerei in Fulda. Fernsprecher Rr. 9 Teiegr.-Adreffe: Fuldaer Zeitung
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Franzosen wollen die
Genfer Konferenz vereiteln!
Jetzt tritt es klar zutage, daß die französischen Machthaber die Einladung Deutschlands nach Genf rück- jängig machen" wollen. Sie setzen alles dran, um zu ^rhindern, daß unsere Minister sich wieder mit den Ministern der Entente an einen Tisch setzen, um über die noch schwebenden Fragen der Wiedergutmachung h unmittelbare, mündliche Verhandlungen zu treten. F Die Belgier, die ja überhaupt zu Schleppenträgern )er Pariser Politik geworden sind, haben auch bei die- fer Angelegenheit sich von Herrn Millerand vorschieden lassen mit dem Anträge, man solle die deutschen Delegierten von der Neparationskommifsion „anhören las- sm" und dann sollten in Genf die alliierten Staatsoberhäupter zusammentreten, nur unter sich (ohne Be- ittfigung der Deutschen), um die Anregungen zu prüfen, die ihnen die Wiedergutmachungskommission im Lirschluß an die Vorarbeiten als mitieilenswert er« achtet habe.
r Herr Millerand greift den Ball auf, den er sich ton Belgien hat zuwerfen lassen, und läßt in seinem ,Temps" ausführen: Wenn die deutsche Regierung fich vor Ueberreichung von Vorschlägen über Frank- mchs Bedürfnisse unterrichten wolle, so könnten ja eilige deutsche Vertreter unter vier Augen mit einigen französischen Vertretern sich unterhalten: das hätte größeren Wert, als wenn man nach Genf gehe, wo die (Eigenliebe die Politik und was noch alles dazu gehört, unvermeidlich ihre Rolle spielen würden.
Ob die Sache in dem Wiedergutmachungsausschuß geschoben wird oder in ein besonderes framösisch-dmt- lhes Konventikel, ist ganz nebensächlich. Der saubere Uan läuft darauf hinaus, daß Deutschland geprellt werden soll um die versprochene Beteiligung m der entscheidenden Konferenz der Staatsleiter.
; Diese französische Politik kann man nicht besser dezeichnen, als mit dem aus ihrer Sprache stammenden Wort „S a b o t a g e". Was in San Remo be- lhlossen und in Spaa ein geleitet war, das soll sabotiert werden.
Der Pariser Plan richtet sich gegen Deutschlands Würde und gegen Deutschlands Lebensinteressen. Aber er läuft auch auf eine Bevormundung und Vergewaltigung der eigenen Bundesgenossen hinaus. Frankreich will die Sache in der Hand haben; England und Italien sollen sich nur von Frankreich informieren und bestimmen lassen und ihrerseits auf die unmittelbare Aussprache mit den Deutschen, die sie in San Remo beschlossen hatten, wieder verzichten.
Werden Lloyd George und Giolitü sich diese Sa- botaae ihrer Politik gefallen lassen?
Das ist die große Frage, die augenblicklich noch offen steht.
Bei den Meinungsverschiedenheiten Ober die östliche Politik hat Lloyd George sich gegenüber Frankreich leihet sehr geschmeidig un- geduldig gezeigt. Sollte er auch 'm der westlichen Politik, die noch viel ®iditiner ist, sich von den französifch--n Heißspornen yntertriegen lassen?
Wieder ein Zwischenfall?
Es ist, wie aus Paris gemeldet wird, wahrfchein- M), daß d'e Botschafterkonferenz sich mit kmern Zwischenfall im Kieler Kanal befassen wird, iw die Deutschen, entgegen den Bestimmungen des ilrtikels 380 des Friedensvertrags, em dänisches kchif f, welches für Polen bestimm: war, an g e• holten haben. Das Anhalten erfolgte auf Anord- «ung der deutschen Regierung, die hat)in geht, Schissen, die Munition führen, das Passieren des Kanals ton der Nordsee nach der Ostsee nicht zu gestatten. Bit Schiffe müssen in diesem Falle den nördlichen Seeweg wählen. Wird eine Durchfahrt nach der Ostsee dotzdem gewünscht, so muß eine Entladung in kiel vorgenommen werden.
Deutschlands Entwaffnung.
Die „Daily Mail" meldet, daß die Entwaffnung leulschlands rasch vor sich gehe. Unter der Aus- ld)l der Alliierten seien bereits mehr als 27 OQO Ge- hiitzc unbrauchbar gemacht worden . Jede Woche würden 1000 Geschütze vernichtet, sodaß 5700 Ge- hütze, die laut Friedensvertrag noch unbrauchbar gewacht werden müßten, in etwa sechs Wochen zerstört Ai werden.
Oberschlesien.
[ Die Reichsregierung erhob bei bar Fr!edens- kvnferenz in Paris, dem Heiligen S t u hl wch den Kabinetten in London, Paris und Rom unter Angehender Darstellung der gefährdeten Lage in Ober- -hiesien erneut ernste Vorstellungen, um inlchgreifende Maßnahmen zur. Wiederherstellung Ertrags- und gesetzmäßiger Zustande in Oberfchlesien u erwirken. Wolff-Büro meldet wieder eine ganze «he von Untaten polnischer Banden, namentlich aus *m Kreise Rybnik, aber auch aus dem Landkreise kpxcln.
Ernährungsfragsn.
fe In dem volkswirtschaftlichen Ausschuß des iieichs'ageS berichtete Minister Hermes über die !u ammenkunfte in London uns Str es a und hob itbor, daß dort versucht wurde, die uns zur Ver- ügung zu stellenden Vorschüsse in der Weife zu Ber- ’enben, daß die Art der Nahrungsmittel und ihr irkunftsland uns überlassen bleiben.
Es wurde dann die llishenge Ablieferung *>on Getre ide besprochen und feftaeiteHt, daß die Möglichkeit besteht, daß die zwei Millionen Tonnen betreibe, deren Aufbringung für die Aufhebung "r Zwangsbewrrlschaftung des Fleisches Eordert wird, bis zum 1. 10. zur Verfügung
?en.
I. Wie die „Morgenpost" erfährt ist jetzt die Ans« 'uhr 5000 amerikanischer Kühe genehmigt dorden.
| « Heraus aus dem Jammer!
। Die Dertreterkonfe'renz der s ü d w e ft« «kutschen christlich-nationalen Arbei
terschaft erläßt nach der „Freiburger Tagespost" emen Ausruf, in dem die christlich-nationalen Arbeiter und Angestellten aufgefordert werden, alle Kräfte zu- sammenzuschließen zu entschlossener Tat, um aus dem gtgenmärtigen Jammer herauszukommen, in dem gewissenlose Kräfte das deutsche Volk zum Zwecke beständiger Beunruhigung erhalten wollen. R e o o- lu 111? n ä r e Pu i s che, wie jetzt ht Württemberg, miißlcn in Zukunft mit allen Mitteln verhindert werden. In der Entschließung lehnt der Vertretertag ferner die Bestrebungen zur Gründung einer besonderen christlichen Arbeiterpartei ab.
Einschneidende wirtschaftliche Maßnahmen als Folge der gegenwärtigen Wirtschafiskrisis marin Kürze zu erwarten sein. Die WiNschaflskrise von beute ist eine Produktionskrise geworden, hcrvvrgerufen durch die ungeheuerliche Teuerung aller Lebensnotwendigkelten, damit einer für die meisten Betriebe unerträglichen Erhöhung der Löhne und Gehälter, sodaß es teilweise der Industrie überhaupt nicht mehr möglich ist, ihre Betriebe rentabel zu halten. Die (Stillegungen von Fabrik- betrieben nehmen daher in letzter Zeil einen ganz ungewöhnlichen Umfang an. Der Rückschlag auf die beteiligten Arbeiter und Angestellten ist empsindlich. Mit fortschreitender Jahreszeit verschärft sich diese Krisis. Wie bedenklich die Lage geworden ist, mag daraus hervorgehen, kmß sich in der Zeit vom Juni 1920, also in knapp acht Wochen die Arbeitslosenziffer von 260 000 auf annähernd 500 000 erhöht, aijc saft verdoppelt hat.
Die k r i t i sch e n Monate stehen aber erst 6 e- vor. Wir sind dadurch gezwungen, durch vermehrten Fleiß und durch vermehrte Arbeit Werte zu schaffen, mit denen wir wieder Schulden abzutragen vermögen. Aus diesem Grunde muß Vorsorge getroffen werden, daß chtsolge Stillegun--en von Betrieben nicht Produk- ttonehemmunaen entstehen. Das Reichsac^eitsmini- fterium bealsicht'gt daher, dem Reichstage jofort nach feinem Zufammentreten eine Verordnung Dor?uletren, durch welche für stillgelegte Betriebe die Meldepflicht eingeführt wird. Des roe'teren sollen Maschinen, Geräte und Werkzeuge solcher Betriebe gegebenenfalls beschlagnahmt und anderweitig nutzbar gemacht werben.
Diese Dinge in Derbindung mit den Schwierigkeiten, die sich aus der verringerten Kohlenzuteilung auf Grund der Abmachungen von Span und andererseits der wachsenden Arbeitslosenzssfer ergeben, lassen die Sorgen ahnen, die unserem Wirtschaftsleben in nächster Zukunft bevorstehen.
ZwanaSanleifte statt Relchsnotopser.
Don einem parlamentarischen Mitarbeiter w'rd uns zu diesem wichtigen Problem der Zeit geschrieben:
Beser Tage war In der Presse gemeldet worden, daß die Reichsreoierung die Ausschreibung einer Zwanasanleihe beabsichtige. Ale bald wurde die Nachr'cht von einer halbamtlichen Stelle als unrichtig bezeichnet. Man muß jedoch solche „Dementis" immer ganz genau lesen. Und das ging aus der Fassung dieser Abstreittmg auch nicht hervor, daß die Reichsreaiermig den Plan einer Zwangsanleihe überhaupt nicht in Erwägung ziehe. Das zu hören, war wohl der Zweck jenes in der Presse losgelassenen Versuchsballons. Tatsächlich liegen die Dinge aber so, daß die Reichsfirmnzverwaltung rmt ganz außerordentlich weitgreifenden Finanzresormplänen alsbald an die Oeffentlichkest treten muß. Sie wird kaum damit warten können, bis der Zusammentritt des Reichstages, der für den 18. Oktober vorgesehen ist, erfolgt. In diesen Reformplänen wird sich auch eine Maßnahme befinden, die man, wenn man es für praktisch hält, mit einem belieb'gen Namen bezeichnen kann, die aber doch in der Tat nichts anderes als eine Zwangsanleihe ist.
Die ganz« ttostlose Finanzlage des Reiches, die heute noch immer verschärft wird durch das törichte Einham st ern von Banknoten zum Zwecke der Steuer-Drückerei, erheischt einen starken chirurgischen Eingriff. Schon vor etwa einem Jahre war der Gedanken der Aufnahme einer Zwangsanleihe in parlamentarischen Kreisen erörtert worden. Damals hielt man aber den,Zeitpunkt für eine solche Maßnahme mit Rücksicht auf die schwebenden unerledigten Fragen außenpolitischer Natur nicht für zweckmäßig. Das Reichsnotopfer wurde beschlossen.
So einschneidend auch diese Maßnahme ist. so haften hier botfb wie das fit der Natur der Dinge liegt, bestimmte Mängel an, die vom steuertechnischen Standpunkte aus — die allgemeinen volkswirtschaftlichen Erwägungen wollen mir in diesem Zusammenhang ganz aus dem Spiel lassen — nicht nur die vorgesehene Höhe des Ertrages, sondern auch den ersprießlichen Eingang der Summen zu beeinträchtigen geeignet sind. Als mit einer der größten technischen Mängel wird der Umstand angesehen, daß die Zahlung des Reichsnotopfers auf 30 Jahre verteilt werden kann. Das gibt in der Praxis ganz außerordentliche Schwierigkeiten. Die Beitreibung der Schuldsumme wird sich in vielen Fällen, besonders bei vorzeitigem Ableben und insbesondere bei solchen Personen, die eine ökonomische Einteilung ihres Einkommens nicht vornehmen können oder wollen, als ganz unmöglich Herausstellen. Man ist deshalb, ohne daß bisher amtliche Stellen damst beschäfttgt wurden, in politischen und Parlamentär« scheu Kreisen dem Gedanken nähergetreten, durch Auf- nehmen einer Zwangvanleihe die Erhebung des Reichsnotvpfers überflüssig zu machen. Also Zwangsanleihe statt Reichsnotopfer!
Nun darf man ja freilich nicht verkennen, daß eine derartige Lösung der Ding« ohi« recht empfindliche Härten für die Steuerzahler garnicht durchzuführen wäre. In dem Charakter einer Zwangsanleihe liegt es begründet, daß sie mit möglichst kurzer Frist aus- geschrieben und auch in einem möglichst eng begrenzten Termin restlos beglichen ist. Dazu kommt, daß die Schuldbeträge eine beträchtliche Höhe haben müssen, wenn überhaupt der Zweck einer solchen Finanzmaß. nahmen: Abbürdung der Reichsschulden, erreicht wer- den soll. Und diesem Zweck allein müßte eine solche
Maßnahme dienstbar gemacht werden. Denn eine Zwangsanleihe, lediglich zur Deckung des lausenden Bedarfs, der im Normalfalle durch Steuern und fon» fttge Einkünfte aufzubringen ist, wäre nicht nur vom wirtschaftlichen, sondern auch vom politischen Standpunkte aus, auf das entschiedenste zu bekämpfen.
Man muß wester bedenken, daß es, wenn eben der Zweck der Abtragung der Reichsschulden, oder anders ausgedrückt, der Verringerung des Banknoten. Papierberges, erreicht werden soll, es mit einer Zwangsanleihe garnicht getan ist, daß vielmehr in regelmäßigen Zwischenräumen solche Zwangsanleihen einander folgen müssen. Das war ja auch nut ein einschneidender Punkt bei dem Entschluß der damaligen parlamentarischen Mehrheit für das Reichsnotopfer, daß man für dieses und feine Erhebungswe-.se geltend machte, daß von vornherein mit einem ganz bestimm- ten Betrage und mit von vornherein festgesetzten Terminen gerechnet werden könne, daß darauf hin die geschäftlichen und persönlichen Dispositionen eingerichtet und somit Ruh« und Stetigkeit in die ganze Aktion gebracht werden könnte. Bei der Zwangsanleihe wäre das allerdings nicht der Fall und hier liegt auch das Moment der Schwäche gegenüber der jetzigen Regelung. Die wirtschaftlichen Momente sind bei alledem noch außer Betracht gelassen, ihre Beurteilung schwankt aber sehr je nach dem politischen und wirtschaftspolitischen Standpunkt des Beurteilers. Es ist nur zu bedauern, daß gerade in einer solchen wichtigen, uns alle angehenden Frage keine feste Beurteilurrgsnorm gefunden werden kann.
Das Problem aber: Zwangsarileihe statt Reichsnotopfer ist nun einmal aufgeworfen und Parteien, Wirtschaftsgruppen, Regierung und öffentliche Meinung werden ihre Stellung dazu nehmen müssen.
Derle mdnng Ves Reichskanzlers.
Zn einem Kreist rheinischer und westfälischer Journalisten kam unlängst die Rede darauf, daß hier und da in aeflisseml'cker Weite gehässige Aus- ftreuunoen gegen- den Reichskanzler und den Reichspostminister berbreitet weden. Einer der Anwesenden übernahm es, der Angelegenheit nachzuaeben, um den Staatsmännern Gelegenheit zur Richtigstellung zu ge en. Die „Kölnische Volkszeitung" veröffentlicht nun folgendes Schreiben des Reichskanzlers an einen Kölner Herrn:
„Vom Herrn Reichsarbeitsminister Dr. Brauns erfuhr ich feitern von einem in Köln zirkulierenden, Herrn Brauns mitieteilten Gerücht, als ob rch am Vorabend der Abreise nach Epaa in (Gemeinschaft mir Herrn Reichspostminister GreSbertS em T t> a m p a a n e r» gelaae gehalten hätte. ES ist felbstverständtlch daran kein wahres Wort. Ich bin mit Herrn GieSbertS, abgesehen von einer Einladung bei ihm mit bieten anderen Herren, niemals geschäftlich zusammen gewesen. ES ist sowohl für Herrn GieSbertS wie für mich in höchstem Grade verletzend, daß solche Redereien auch noch mit dieser infame.» Datierun i überhaupt entstehen und in Umlauf gesetzt werden können. Die Urheber dieses Gerüchts werden ja nicht zu ermitteln fein, ich kann sie also nur unbekannter Weise meiner und aller anständigen Leute tiefster Verachtung über antworten. Ihnen bin ich natürlich dankbar dafür daß Sie mir durch die Mitteilung Gelegenheit geboten haben, dieser Verleumdung ent tegenzutreten."
Deutsches Reich.
♦ Berlin, 11. Sept. Der „Reichsanzeiger" veröffentlicht eine Verordnung über die Beschränkung der Verarbeitung von Kartoffeln und eine Verordnung betreffend den Verkehr mit Kraftfahrzeugen.
* Die Neuwahl in Preußen soll alsbald ange» setzt werden. In Kreisen der preußischen Landes- beifammlung will man die noch schwebenden parla» mentailieben Arb iten. namentlich die Erledigung der preußischen Verfassung, wie de§ neuen preußischen Wahlgesetzes 'o beschleunigen, daß bis spätestens Dezember diese Materien aufgearbeitet sind. Man glaubt, daß bann bis etwa Mitte Februar das neue preußische Parlament gewählt werden kann, so daß sein Zufammenirit! noch rechtzeitig zur Einbringung des neuen Haushaltsplanes möglich wäre. — Die Rechtsparteien geben dazu bekannt, daß sie feit den Reichstagswahlen stets den Standpunkt vertreten haben, daß die Neuwahlei für Preußen sobald als irgend möglich, spätestens im Monat November stattfinden müssen.
* Eine Herausforderung des christlichen Groß- Berlins. Der 25er Wahlausschuß zur Vorbereitung der Wahl von Mitgliedern für den neuen Berliner Magistrat wählte mit 14 Stimmen der Unabhängigen und Mehrheitsiozialisten den unabhängigen Charlottenburger Stadtverordneten Dr. Löwenstein, einen ungläubigen Juden, zum Schulrat Groß-Berlins.
* Die Bielefelder Katholiken protestieren gegen die (Eiiitonfeffionalifierung der Schulaufsicht. Am Sonntag hatten sich die katholischen Eltern Bielefelds, wie von dort gemeldet wird, in sehr großer Zahl cmgesunden, um zu einer Frage Stellung zu nehmen, die für unsere konfessionelle Schule von größter Bedeutung ist, nämlich zu der Minisberialoerfügung, daß vom 1. Septbr. ab alle nebemmillichen Schulinspektionen aufgehoben werden sollen. Der Redner des Abends, Herr Prorektor Cisenhut führte aus, wie zwei Weltanschauungen in erbittertem Kampfe mit einander rängen, die material stifche und die christliche, und daß dieser Kamps in der richttgen Erkenntnis, daß der, der die Jugend habe, auch die Zukunft besitze, am heftigsten entbrannt sei um die Schule. Nach den Tagen der Revolution habe die materialistische Richtung, repräsentiert durch die Sozialdemokratie, in der Meinung, des schnellen Sieges gewiß zu fein, durch die Verfügungen Adolf Hoffmann der Schule ihren kon- fessionellen Charakter nehmen wollen, doch an dem Widerstand der christlichen, vorab der katholischen (Eltern, sei diesen Plänen ein von ihren Urhebern nicht geahntes Hemmnis gesetzt worden. Daß die Feinde der konfessionellen Schuten ihre Pläne Nicht ausgegeben hätten, wies der Redner dann an Hand der betr. Gesetze und Verfügungen nach. Es wurde folgende Resolution einftimmia angenommen:
Eine am 5. September im Saale des Katholischen DereinShauseS in Bielefeld tagende Verfammluna bei katholischen Eltern Vereinigung nimmt mit Entrüstung Kenntnis von der vollzogenen Unterstellung der katholischen Schuten deS Kreises Bielefeld Unter die Aufsicht einer evangelischen Kreisschulinspektors. Sie sieht in dieser Neuordnung eine planmäßige, etappenweise Eimultanisierung der konfessionellen Volksschule, für deren unbebin te Aufrechterhaltung die katholische Elternvereinigun i und mit ihr das gesamte katholisch« Volk biS zur letzten Folgerung eintreten werden. Die Versammlung protestiert mit aller Entschieden!':it gegen die Entkonfeffionalisierung der Schulaufsicht im Kreise Bielefeld und verlangt eine Losung der Frage in einer Weise, daß der konfessionelle Charakter der Schulaufsicht r-ernährt bleibe.
Diese Entschließung beweist, wie tief und nachhaltig die (Erregung des katholischen Dolksieits über die ihm neuerdings zugefügte Unbill ist. Sie ücweist aber auch, daß die katholischen Eltern bereit sind, sich mit zähester Entschlossenheit für die unangetastete Erhaltung des konfessionellen Charakters der Volksschule bis zu den äußerster) Konsequenzen einzusetzen.
* „Weg mH den Schiebern und Hamsterern!" Unter dieser Parole hat der Präsident des Deutschen Landwirtschaftsrats Slaatsminister Freiherr v. Schorle- mer auf der Tagung der rheinischen ländlichen Genossenschaften in Koblenz zur möglichst vollständigen Ablieferung von Brotgetreide aufgefordert. Er sagte dort u. a.:
Gewiß hat die Landwirtschaft allen Anlaß, rechtzeitig darauf hinzuweisen, daß die Folgen der seit Jahren in der Ernährumgswirtschast begangenen Fehler nicht mit einem Schlage beseitigt werden können. Noch für lange Zeit werden mir darunter zu leiden Haden, daß unsere Erzeugung zurückgeoangen und der Verkehr zwischen den Erzeugern und Verbrauchern durch die Zwangswirtschaft aus seinen natürlichen und gewohnten Bahnen verdrängt worden ist. Dafür kann die Landwirtschaft ebensowenig verantwortlich gemacht wenden, wie für die leider wohl schon jetzt feststehende Tatsache, daß die inländische diesjährige Ernte an Brotgetreide zur Ernährung unserer Bevölkerung nicht aus- reichen imb eine erhebliche Zufuhr aus dem Auslande unvermeidlich (ein wird. Aber andererseits kann sich die Landwirtschaft der Verpflichtung nicht entziehen, soweit es in ihren Kräften steht, dafür Sorge zu tragen, daß die Dolksennährung im kommenden, zweifellos schweren Winter aufrecht erlösten, und daß insbesondere den Bergarbeitern die ihnen zugesagte Erhöhung ihrer Lebensmittelrationen gewährt werden kann. Dazu gehört in erster Linie die beschleunigte Ablieferung des Brotgetreides, soweit dasselbe den Erzeugern nicht belassen ist. Ebenso wichtig und notwendig ist eine Verständigung unter den Landwirten darüber, daß sie die in der eigenen Wirtschaft entbehrliche Kartoffeln den Verbraucher» zu vertretbaren Pressen zur Verfügung stellen.
Anhand.
♦ Die französischen Eisenbahner gegen Moskau. Der nationale Kongreß der französischen Eisenbahner hat seine Tagung beendet, nachdem er mit 294 gegen 180 Stimmen für die Resolution der Mehrheitsrichtung gegen den Anschluß an die Dritte Internationale gestimmt hat.
* Der Hungerstreik der Jrensührer. Wie die „Information" aus London meldet, haben die 11 Häuptlinge, die im Gefängnis von Cork die Nahrungsaufnahme verweigern, an den Bürgermeister von Cork ein Telegramm geschickt, daß sie dem Ende nahe seien, aber aushielten bis zum Tode. — Laut „Niemve Rotterdamsche Courant" sandte der Gewerkschaftskongreß von Portsmouth einzweitesTelegramm an Lloyd George, worin die Freilassung des Bürgermeisters von Cork gefordert würde.
** Ter Freistaat 'iume. Wie aus Rom gedrahtet wird, verkündete d'Annunzio unter begeh ste-tem Beifall der Bevölkerung urib seiner Legionäre den Freistaat Fiume. Ursprünglich sollte diu Verkündigung am 12. September erfolgen.
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Aus dem Kachbargebiet.
(•) Hanau. Nachdem bei dem Ausstande der städtischen Arbeiter der Maatstrat dem Beschluß der Stadtverordneten 'auf Gewährung einer zehnprozentigen Zulage an alle Gehalt- und Lohnempfänger bis zur Höhe von 15000 Mark nicht zugestimmt hatte, erb elt er in der darauffolgenden Sitzung ein Mißtrauensvotum mit bet Aufforderung, zurückzutreten. In der gestrigen Stabtberorb« nelen sitzung wurde die Erklärung über die Stellungnahme des Magistrats entgegengenommen. Die von der Deutschen Volkspattei, dem Zentrum und den Demokraten gewählten unbesoldeten Magi- stratsmttgliedet werden ihre Mandate nicht nieder» legen; die drei der sozialistischen Partei angeboren» den Magistratsmitglieder haben ihre Mandate zur Verfügung gestellt, die drei besoldeten Magistrats» Mitglieder Oberbürgermeister £>ilb, Stadtbautat Ehrich und Stadtschulrat Dr. Berensmann haben erklärt, daß nach den bekannten Vorgängen ein gedeihliches Zusammenarbeiten nicht denkbar sei und unter Wahrung ihrer Rechte ihr Rücktritt erfolgen kann. Der Vertretet der kommunistischen Fraktion erklärte, daß sie, wenn der Magistrat sich nicht zurückzöge, keiner Vorlage desselben zustimmen würden. Die Fraktion der Mebrheitswzialtsten schloß sich dieser Erklärung an. (Die Mehrheitssozialisten und die Kommunisten haben in der Hanauer Stavtver» ordnelenversammlung die Mehrheit). Ter in der gestrigen Sitzung eingeführte neue zweite Bürgermeister Tr. Muller aus Greifswalde gab über feine Stellungnahme eine Erklärung, welche die kommunistische Fraktion nicht befriedigte. Sie beantragte auch gegen ihn ein Mißtrauensvotum, das aber abgelehnt wurde. Die Mehrbeitssozialisten er- klärten, daß sie ihm weder ein Mißtrauens« noch ein Vertrauensvotum cm? prechen würden, da noch keine Arbeit von ihm vorliege.
** Mainz. Die Schuhfabriken in Alzey (Rheinhessen) Haden sich emschloffen, ihren Betrieb wieder aufzunehmen, eine Maßnahme, die in der Arbeitslosigkeit eine merkliche Entspannung bringen wird.
)!( Heiligenstadt. Nach Aushebung der Zw angS» Wirtschaft für Inlandstabake ist es in den Kreisen der eichsfeldijchen PffanLN toigtö seh.