Einzelbild herunterladen
 

...

Nr. 210.

Verantwortlich für den redattion. Teil i. V.: Dr. Kramer. :: für die Anzeigen: I..Parzeller-Fulda. ::

Rotationsdruck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckeret in Fulda. Fernsprecher Nr. 9. Telegr.-Adresse: Fuldaer Zeitung

■ «

47. Zahrg.

Zreitag, 10. September 1920

Bezugspreis: Monatlich 3,00 Mk. ohne Zustellgebühr. In Fulda bet uns abgeholt 3,15 Mk. Anzeigenpreis: Die Kleinzeile (Colonelmah) 60 pfg., u. 10° o Zuschlag, die Reklamezeile (Textbreite) 1.80 Mk., u. 10% Zuschlag. Bei Wiederhol. Rabatt.

Haben wir noch die Kraft zur Umkehr?

Don Prof. G r e b e, M. d. Pr. L.

Die Folgen der beispiellosen Verarmung, die Krieg gtib Revolution über die deutsche Volkswirtschaft ge- hracht haben, treten immer schärfer in die Erscheinung. Trotzdem vermögen weite Kreise ihre Lebenshaltung Dieser bitteren Wirklichkeit immer noch nicht anzupas­sen, ja wir bewegen uns vielfach noch in Vorstellun­gen und Plänen, als ob wir ein reiches Volk ivären. So geht es lange nicht mehr weiter. Das lagt sich voll Bangen jeder Daterlandsfreund. Selbst Ilie Unabhängigen und Kommunisten wissen ganz ge- itfflj, daß auf dem beschrittenen Wege die deutsche ! iLolkswirtschaft n t tödlicher Sicherheit zum Erliegen kommen muß. Aber das ist gerade ihr Ziel. Auf hm Trümmern hoffen sie ihren Hirngespinsten Wirk- \ r sichtest geben zu können. Jetzt ist der wirtschaftliche Zusammenbruch da und jetzt kommt die Fortsetzung der Aktion von März 1919, rief triumphierend der Kommunist Dr. L e v y in einer Berliner Versammlung, i llmsomehr Grund hätten die anderen Parteien, endlich von Worten zur Tat zu schreiten, um unsere Volks- pirtschaft wieder aus eine gesunde Grundlage zu stellen.

Es ist h ö ch st e Zeit zur Umkehr. Deutsch- land ist vollständig verarmt. Seine in- i Hustrielle Basis ist durch den Verlust der Erzfelder und Kohlengruben im Westen stark geschmälert. Die Grundlage seiner Ernährung ist durch die Abtretung s landwirtschaftlicher Gebiete im Osten noch unzuläng- ' sicher geworden. Die vorhandenen Sachgüter reichen , mcht aus, um den Bedarf zu decken. Wirkliche Werte, um das Fehlende durch die Einfuhr zu ergänzen, sind ; nicht vorhanden. Die Schuldenlast des Reiches ist lwigeheuerlich. Sie belief sich am 30. Juni 1920 auf 215 Milliarden. Davon waren nur 91 Milliarden in 1 festen Anleihen unter gebracht. Rund 124 Milliarden j waren schwebende Schulden. Zu dieser Summe i f kommen noch die Verpflichtungen an die Länder in­folge der Uebernahme der Eisenbahnen auf das Reich, j - Rechnet man diese hinzu, so betragen die Reichsschul­den heute schon 265 Milliarden, die sich bis Ende des > Lahres auf 300 Milliarden vermehren werden. So hoch schätzte man im Frieden das gesamte National­vermögen. Wir haben nichts mehr als unsere Arbeitskraft.

Diese Tatsache wird verschlechtert durch unsere P a- piergeldwirtschaft. Das Reich hat seine । , Schulden zum größten Teil in Geld verwandelt. Cs ; ' bezahlt mit Schuldscheinen, die als Geld Zwangskurs ; haben. So konnte es im Jahre 1919 rund 74% . Milliarden Mark ausgeben, während im Frieden das gesamte Einkommen des deutschen Volkes nur auf 40 [ Milliarden geschätzt wurde. Heute ist es natürlich an Sachwert weit geringer, aber die Papiergeldwirtschaft ■ verhüllt diese Tatsache und spiegelt uns märchenhaflen " Reichtum vor. Sie bringt es fertig, den Schein zu i erwecken, als ob bei völliger Verarmung und Verfchul- ; düng der Volksgesamtheit der einzelne Volksgenosse im Gelds schwimmen könne. Im März hat das Reich i 6% Milliarden, im Juni 11% Milliarden Mark neue Scheine ausgegeben. Diese 18 Milliarden betreuten : Zuschüsse an die deutsche Volkswirtschaft. Fielen sie v plötzlich fort, so bliebe die Maschine stehen. Inneren ! Wert besitzen diese Summen aber nicht. Die Güter- . menge wird durch sie in keiner Weise vermehrt. Des- ! halb beschränkt sich ihre Wstkung letzten Endes auf s eine Steigerung der Preise. Solange die Papiergeld­wirtschaft fortdcmert, ist an einen wirklichen Abbau der i Preise garnicht zu denken. Dem Gelde fehlt der innere Wert, und deshalb kann man ihr auch keine höhere l Kaufkraft geben.

Der Fehlbetrag unserer Volkswirtschaft trift Dank i krem Schleier des Papiergeldes vorerst hauptsächlich in der Steigerung der Reichsschuld in die Erscheinung. Die Zerrüttung der Reichsfinanzen - schreitet daher auch mit Riesenschrstten voran und rückt den endgültigen Zusammenbruch in immer greifbarere - Nähe. Die Angstrufe der veranwortlichen Stellen 1 s werden darum auch immer vernehmlicher. Am Schluß : einer Darlegung „Die finanzielle Lage des Reiches", bie dem Reichstage von der Reichsregierung zugestellt i wurde, heißt:

.Aus diesen Ziffern spricht eine gewaltige Mahnung an das deutsche Volk, den Ernst der Lage, in welcher wir uns befinden, voll zu erkennen und Regierung und Parlament mit allen Mitteln zu unterstützen, damit durch die praktische Ausführung der Steuerreform eine weitere Verschlechterung der Finanz­lage des Reiches vermieden wird. Es dreht sich um alle?. Wenn wir der Finanznot nicht Herr werden, weil ein Teil des Volkes sich an den papicrnen Reich- tum klammert, so wäre eine wirtschaftliche Katastrophe von ungeheurer Tragweite »unvermeidlich; die Folgen einer solchen wären nicht auszudenken."

Solche Mahnungen verhallen ungehört, solange nicht das Volk vor die rauhe Wirklichkeit gestellt wird. Auf seiner Rheinlandreise stellte der Reichsminister des Innern Koch in einer Besprechung mit führen- den Persönlichkeiten m Köln ebenfalls den Staats­bankerott in Aussicht, wenn nicht das Gleichgewicht im Reichshaushalt wieder hergestellt werde. Er sieht nur zwei Möglichkeiten: „entweder Staatsbankerott oder höhere Steuern, als sie sonst getragen werden. Am Staatsbankerott ist nicht nur der Kapitalist in- teressiert, sondern ein Staatbankerott bedeutet auch den Zusammenbruch der bescheidensten Hoffnungen, die ir- gmd ein Deutscher hat. „Das Gerede vom Staatsbankerott ist im Grunde genommen nichts als ein Spiel mit Worten. Man kann den Be­griff Bankerott aus dem Wirtschaftsleben nicht einfach auf den Staat übertragen. Wollten Leiter eines wirtschaftlichen Unternehmens so handeln, wie es der Staat seit 6 Jahren tut, so wären sie längst w e g en betrügerischen Bankerntt hinter Schloß und Riegel gefetzt. Der Staatsbankerott begann tatsächlich bereits cm dem Tage, als die Bestimmung außer Kraft gesetzt wurde, daß die Reichsbank jede Reichsnote auf Wunsch vollwertig einlösen muß. Die Bedeutung dieses Beschlusses ist damals in der Ver­wirrung des Krieges nur wem gen zum Bewußtsein gekommen. Der tiefere Sinn dieser Maßregel wurde übersehen. Wenn ein Privatmann mit seinen Ein­nahmen nicht auskommt, so kamt er Anleihen auf­nehmen, hie und da auf Kredit kaufen. Wenn Hm aber niemand mehr etwas lecht, keiner mehr borgt und er kann seinen früheren Verpflichtungen nicht mehr gerecht werden, dann ist der Bankerott da. Diesen Punkt hatte das Reich im Kriege bald erreicht. Die Anleihen, kurzfristigen Schatzanweisungen, wurden vom Volk frcht in dem Umfang ausgenommen, daß davon ! die steigenden Kriegsausgaben gedeckt werden konnten.

Dem Reiche hatte nun noch der Weg offen gestan­den, feine Einnahmen durch Steuern zu vermehren, solange das Volk noch entsprechende Werte besaß. Diesen Schritt scheute man und wandte sich lieber a n die Notenpresse. Wenn man die Scheine nicht einzulösen brauchte, so konnte man sie endlos vermeh­ren. Man hatte so ein Mttel, Geld auszugebm, das weder durch die regelmäßigen Einnahmen, noch durch Anleihen eingegangen war, das also in Wirklichkeit gar nicht vorhanden war. Da wir aber keine Wunder wirken können, so war das Ganze nur ein großer Be­trug, eine Möglichkeit, bankerott zu machen, ohne es sagen zu müssen. Die Folgen dieser Wirtschaft waren geradezu verheerend. Das Mittel, Geld zu beschaffen, war so bequem, daß man es mit vollen Händen aus­streute. Dadurch aber wurde es auch immer wertloser. Ein doppelter Schaden entsprang daraus. Auf der einen Seite wurde der alte Besitz immer mehr ent­wertet. Witwen und SBaifen mußten sehen, wie ihre Kapitaleinnahmen ihnen unter den Händen dahin­schwanden; was so manche fleißige Näheritt sich müh- fam erspart hatte für die Tage des Alters, es reichte nicht mehr aus. So manches Dienstmädchen hatte von ihrem Lohn so viel zurückgelegt, daß es sich hätte eine Aussteuer kaufen können. Was kann es heute dafür bekommen? Diefe Entwertung ehrlich erworbe­nen Vermögens durch eine staatliche Maßregel ist die bedauerlichste und unverantwortlichste Folge unserer Wirtschvst. Aus der anderen Sette bildete sich infolge des ausgestreuim Scheinreichtums neue Vermö­gen, die oft wenig wählerisch von ihren Mitteln Ge­brauch machen. Diese Beobachtung wirkte geradezu verheerend auf die Volksmoral. Tte Papiergeldwirt- schaft stellt ave Tatsachen auf den Kopf und verschleiert die wahre Lage. Bei darniederliegender Volkswirt-

schaff gestattet sie den Unternehmungen Riesengewinne; bei trostloser Verarmung des Volkes ermöglichte sie einzelnen ein Schlemmerdasein, den wirklichen Besitz aber löst sie wie eine schleichende Seuche auf. Am Ende lauert der Zusammenbruch.

Die Frage lautet heute nicht: Wie vermeiden wir den Staatsbankerott? Wir sind längst mitten darin. Wir müssen vielmehr fragen: Haben rott noch die Kraft, aus dem Bankerott uns herauszuwinden und wieder eine gesunde wirtschaftliche Lage zu schaffen? Lasten wir uns weiter treiben, so kommt der Zusammenbruch mit unabsehbaren Wirrwarr und Elend. Rettung ist nur möglich, wenn mir entschlos­sen der Wirklichkeit ins Auge sehen und den Schein- reichtum beseitigen. Das Geld muß seinen richtigen Wert wieder erhalten. Haben wir noch die Kraft?

Ostfragen.

Znr Autonomie Oberschlesiens.

Zu den Erörterungen über Verleihung einer größeren Selbständigkeit an Oberschlenen wird be­kannt, daß sowohl die Reichsregierung als auch die preußische Staatsregierung bestrebt sind, die dahingehenden Wünsche zu fördern. Es wird darauf hingewiesen, daß es den Oberschlesiern freisteht, auf dem in der Reichsversassuug borge« (ebenen Wege eine bundesstaatliche Autonomie selbst herbeizuführen. In der Erklärung von zuständiger Stelle wird ausdrücklich darauf hingewiesen, daß die Reichsregierunq und die preußische Staatsregie, rung den Bestrebungen der Oberschlesier keine Hin- derniffe in den Weg legen.

Erzwungene Option im Soldaugebiet.

Eine Zeitungsnachricht, wonach die Polen die sofortige Vornahme der Option im Soldaugebiet bei Strafe der sofortigen Ausweisung aller Deutschen verlangen, wird bestätigt. Wie das Wolff-Bureau von zuständiger Seite hört, ist die Frage der Option im ganzen und besonders die der Opt'.onsfrist zum Gegenstand einer Aus- einanderjetzung mit den Polen gemacht worden.

Rußland und Polen.

Na^r einer Radio-Meldung aus Warschau werden die Verhandlungen in Riga nicht vor dem 18. September beginnen.

Die Kohlenknappheit.

Der Reichs kohlen kom miss ar hat an das Reichsverkehrsministerium ein Schreiben ge­richtet, worin er sagt, daß er nur mit Mühe der Erseph ah.pt noch die Menge zukühren könne, die sie latiächlich verbraucht. Ob dies in Zukunft weiterhin möglich fein würde, sei eine ernste Frage. In dem Schreiben wird das Verkehrsministerium gebeten, Maßnahmen zu treffen, um den jetzigen Kohlenverbrauch erheblich einzuschränken.

Die in den letzten Tagen von der Abstimmungs­kommission in Oberschlesien verhängte Sperre für Kohlen nach Deutschland ist, wie wir vor kurzem meldeten, in den ersten Tagen des September wieder aufgehoben worden. Nach amtlichen Mitteilungen sind die Lieferungen aber noch immer durchaus un­befriedigend. Die von den Alliierten in Spaa gege­bene Zusage, uns die Erfüllung des Kohlenab­kommens durch eine Neuregelung in der Vertei- hing der oberschlesischen Kohle zu erleichtern, hat sich leider noch nicht oeiwirklicht; die Verhandlungen darüber sind noch im Gange.

Kohlenförderung im zerstörten Frankreich.

AuS Lens, dem berühmten Kampfort in Nord­frankreich mit seinen zerstörten Steinkohlenbergwerken, wird gemeldet: Der erste Wagen ist auf der Grube 14 zu Tage gefördert worden. Man hofft in Bälde 40 Tonnen pro Tag fördern zu können.

Dis Streikwelle.

Vor einem allgemeinen Elfenbahnerstreik?

Der deutsche Eisenbahneroerband hat eine Dele- gterientagung für Sonntag nach Berlin einberufen,

um zu der Effenbahnerbewegung Stellung zu nehmen. Dem deuffchen Eisenbahnerverband liegen von zahl­reichen Ortsgruppen Anträge vor auf sofortige Pro­klamierung des allgemeinen Effenbahtterstreiks.

Die streikenden Leipziger Straßenbahner.

Die Straßenbahn.r in Leipzig, die seit acht Tagen ausständig sind, lehnten die vorbehaltlose Unter­werfung unter den Schiedsspruch des Schlichtungs- ausschusses ab und beschlossen, bis zur restlosen An­erkennung der Forderungen im Streik zu ver­harren und die Arbeiterschaft des Transporige- werbes einschließlich der Eisenbahner zur tatkräftigen Unterstützung anzurufen.

Russen als Slreikheher.

Die Behauptung des Vorsitzenden tret, unabhängi­gen Sozialdemokratie, Crispien, daß russische Agi­tators hinter dem Generalstreik in Württemberg gestanden hatten, wird jetzt durch die Erklärung eines Unabhängigen, Schepperte, im „Sazaldemokrat" b e ft ä t i a t, der angibt, daß in den Verhandlungen der letzten Wochen ein russischer Ge- nasse gesprochen und die Verhältnisse in Rußland in einer Weise geschildert habe, die das gerade Gegenteil dessen gewesen fei, was die Moskauer Delegation der Unabhängigen über die- Zustände in Rußland berichtet habe.

Dte ArbeikerbeMgung in Italien.

Wie der „Malin" aus Rom meldet, lassen di« zwischen den Arbeitern und Arbeitgebern eröffneten Verhandlungen einen günstigen Abschluß er­hoffen. Heber die wirtschaftlichen Fratzen sei man sich schon einig.

Die englischen Bergarbeiter.

Die Konferenz der englischen Regierung mtt den Beraarbettern, die dem Bergarbeiterstreik vorbeugen solltest, ist gescheitert. Nach einer Malin-- Meldung vertrat dabe: die Regierung dm Stand­punkt, daß die Lohnfrage von den Vertretein der Arbeiter und Arbeitgeber erledigt werden muß, daß aber die Frage der Herabsetzung der Koh­le n p r e i s e Sache der Parlamente sei.

Die Flucht aus dem „Paradies".

Wie der „Lok.-Anz." meldet, sind dieser Tag« Swindemünder Zeitungen zufolge 7 0 der vor zwei Monaten nach Sowjetrußland ausgewander- ten deutschen Arbeiter und Handwerker, die von den Führern der Unabhängigen wahrend ihres Aufent­haltes in Sowjetrußland besucht wurden, wieder in Swinemünde eingetroffen. Die Zurückaekehrten er­klären, daß sie gründlich von dem Wahnder bolschewistischen Menschheitsbeglück- u n g kuriert seien.

Aus dem besetzten Gebiet.

* Milterandr Rheinrrise. Der französische Minister. Präsident hat seine Reise durch da? besetzte Gebiet b e- endet. Es ist zu keinerlei Zwischenfällen gekommen, weil der französische Ministerpräsident selbst alles ver­mieden hat, was aus dem Rahmen eines Besuchs der der französischen Besatzungstruppen herausaefallen wäre. Der von der Aaenee Havas der französischen Presse übermittelte ausführliche Bericht über diese Reise hebt ausdrücklich diesen Charakter einer aus­schließlich den französischen Soldaten gewidmete« Inspektionsreise hervor und stellt fest, daß die Be­völkerung sich überall durchaus neutral verhielt, wenn es auch nicht überall an Neugierigen fehlte.

* 61 Zeitungen verboten Nach einer Meldung aus Straßburg sind im französisch besetzten Gebiet zur Zeit 61 deutsche Zeiten en verboten.

* Aus dem SaargebieL Der Beamtenbund des Saargebiets hat im Verein mit den Eisen­bahngewerkschaften wegen des von der Saarregierung erlassenen Beamtenstatuts eine Eingabe an bex Völkerbund gerichtet. Dem Vernehmen nach wird der Völkerbund am 16. September über die Demission des saarländischen Mitgliedes der Regierungskommis­sion, Herrn Alfred v. Doch, und damit auch über die Beamtenfrage im Saargebiet verhandeln. — Die gesam­ten Angestelltenverbände des Saargebiete« haben an den Arbeitgeberverband der saarländischen

Unpolitische Zeitkäufe.

Bon Fritz Nienkemper.

Berlin, 8. September 1920

Am vorigen Sonntag war Versöhnungsfest. Richt in der Synagoge, sondern auf der französischen Botschaft in Berlin. Zwei von unseren Ministern mach­ten den Sühnebesuch wegen des Breslauer Krawalls. Sie sprachen das Bedauern aus über die unliebsamen Zwischenfälle und verhießen die geforderte Genug- tuung; davon nahm der französische Vertreter Kennt- nis, und beide Telle gaben einmütig der Hoffnung Ausdruck auf friedliche Beziehungen und Zusammen- arbeit.

So ein Sühneverfahren schmeckt etwas säuerlich, aber gesund ist cs doch. Wenn man ein Unrecht began­gen hat, so muß man es wieder gut machen. Das gilt gleichmäßig für die Politik und für das Privat- »leben.

Wer vom „Ehrenpunkt" reden will, dem sei kurz gesagt: Das Unrecht gibt einen Flecken auf die Ehre; die Entschuldigung wäscht ihn ab.

War von unserer Seite Unrecht getan worden? Nicht von den Ministern, aber von unverantwortlichen Leu- - len. Der kletterlustige Schlofferlehrling durfte nicht die Fahne von der französischen Botschaft herunter- holen; der sangeslustige Soldat durfte nicht zur un­rechten Zeit und Stelle das Lied von „Deutschland, Deutschland" anstimmen; der Messerheld auf der nächt, lieben Friedrichstraße durfte nicht den flüchtigen Ser- . geanten niederstechen; die Breslauer Demonstranten burften nicht das französische Konsulat verwüsten. Für solche Missetaten muß die Regierung Buße tun. Es geht ihr wie dem braven Vater, der die Fensterscheiben bezahlen muß, die seine tollen Sprößlinge eingeworfen haben.

Wohl dem, der kein Minister ist! Der „Hochgebie­tende Herr Minister" wird, verantwortlich gemacht für die Dummheiten und Bosheiten von allen möglichen

Leuten, auf die er keinen Einfluß hatte. Er muß süh­nen, was er beim besten Willen nicht verhindern konnte. Etn politischer Sündenbock.

Wenn dte wilden Buben doch etwas Mitleid hätten mit ihren eignen Ministern!

Nun sagen einige, die Franzosen hätten uns auch Unrecht angetan, vielfach und sehr schweres. Das mag schon fein, hilft uns aber nicht über den Berg. Es steht auf einem andern Blatt und wird bestritten. Eins gegen das andere aufzurechnen, geht nicht an. Sie sind übermächtig und wir sind ohnmächtig. Wir haben den Frieden so notwendig, wie das tägliche Brot, und dar­um müßen wir jeden Strellfall sofort auszuräumen suchen. •

Im gewöhnlichen geben gibt es auch manchmal ähnliche Einwendungen, wenn man zur Versöhnung rät. Da heißt es: „Na, ja, ich war ja etwas heftig in meinem Zorn; aber bedenken Sie doch, was mir der Mensch alles angetan hat". Dann gibt es ein Re. gifter von allen möglichen kränkenden Worten, Mienen und Handlungen, so daß man tagelang zu tun hätte, wenn man diese Sammlung von Vorwürfen auf ihre Wahrheit und ihren Wert nachprüfen wollte. Und bei dieser Aufrührung der alten Zwistigkeiten würde schließlich nichts weiter herauskommen, als neuer Zank und neue Verbitterung. Wer den Ausgleich sucht, soll keine Rückgriffe in die Vergangenheit machen und keine Seitensprünge auf ein anderes Feld, sondern den schwe­benden Streitfall aus der Welt schaffen.

Es gehört zu den menschlichen Schwachheiten, daß einem gelegentlich ein scharfes Wort aus dem Munde oder eine schroffe Tat aus dem Handgelenk fährt. Wer nicht ganz verblendet ist, erkennt hintennach, daß er doch, zu weit gegangen. Und wer vernünftig ist, der besinnt sich alsbald: Wte mache ich die Sache wieder gw?

Die Sühne ift nicht bloß christlich, sondern auch klug. Wir wissen ja alle, daß geschrieben steht, man solle die Sonne nicht untergehen lasten über seinen Zorn, und man solle sich erst mit seinem Bruder versöhnen, ehe

man seine Gabe zum Altar bringe. Wir wissen es, aber wir vergessen es zu leicht. Das Gebot der Fein- desliebe ist uns weniger in Fleisch und Blut überge­gangen. Gefordert wird von dem echten Christen, daß er auch diejenigen liebe, die ihm Unrecht getan haben. Um so mehr sind wir zur Liebe verpflichtet gegenüber dem, der Unrecht von uns erlitten hat. Es ist kein Opfer und keine Gnade, sondern nur unsere Pflicht und Schuldigkeit, wenn wir ihm die Hand Zur Versöhnung entgegenstrecken. Dabei gereicht die Versöhnung uns selbst zum Vorteil; denn Unfriede schädigt beide Teile, und wenn du dich zu einem Unrecht hast hinreißen lassen, so bleibt etwas auf deinem guten Ruf haften, bis die Welt sieht, daß du mit dem Gekränkten dich wieder vertragen hast.

Als junger Mensch auf der Pressetribüne des Ab­geordnetenhauses kam ich vor fast 50 Jahren mit einem hervorragenden Abgeordneten in Wortwechsel. Er machte eine Bemerkung, die einen unbegründeten Vor- wurf gegen mich enthielt. Ich wies auf den sachlichen Irrtum hin und zog mich gekränkt zurück. Am Schluffe der Sitzung suchte mich der Abgeordnete auf, über­brachte mir persönlich ein Aktenstück, von dem wir vor­her gesprochen hatten, und gestand seinen Irrtum ein. Seit der Zeit hatte ich eine verdoppelte Verehrung gegen diesen Parteiführer: nicht bloß wegen seiner glänzenden Leistungen, sondern auch wegen seines Cha- rakters, da er sich als wahrer Edelmann gegen den armseligen Jüngling gezeigt hatte. Unrecht bringt Tadel, Sühne gibt Adel.

Auf welche Weise soll man die Versöhnung an­bahnen? Das läßt sich nur von Fall zu Fall entschei­den je nach den obwaltenden Verhältnissen und Stim­mungen. Der geradeste Weg ist ein offenes Bekennt­nis des Unrechts und die Entschuldigung. Letztere muß natürlich, um so kräftiger gefaßt sein, je größer bas Unrecht war. Wer guten Willens ist, findet schon das passende Wort, die es der Sachlage und den Gebräu­chen in dem betreffenden Kreise entspricht. Einrach und herzlich ist in der Regel besser, als geziert und redselig.

Wenn zu viel Worte gedreckselt werden, besteht di« Gefahr, daß über die alte Streitfrage wieder ein neue« Wortgefecht sich entjpinnt und so statt Wasser Del in das Feuer gegoßen wird. So kann unter Umständen sogar eine stillschweigende Sühne vorzuziehen fein. Man sagt z. B. vorläufig gar nichts, sondern er­weist dem Betreffenden einen Dienst ober eine Gefäl­ligkeit. Wenn er sich dafür bedankt, so kann die Bitte um Vergeben und Vergessen zwanglos angebracht mer­ben. Vielleicht genügt schon ein warmer Händedruck, um klar zu stellen: Wir bleiben bie allen Freunde.

Nur nicht ben Zwist lange hinschleppenl Nur nicht dem Aerger Zeit lassen, daß er sich tief einfrißt! Da« gilt besonders von häuslichen Streitigkeiten. Wo die Familienglieder so eng zusammenleben, da gibt es im­mer mal Anstöße und Reibungen, Mißverständniffe und Mißhelligkeiten Das Dümmste, was man dabei tun kann, ist ein Wortgefecht, wer den ersten ober den größeren Teil der Schuld trage. Der Klügste gibt nach. Er machte einen Strich durch bie ärgerliche Sache, ent- weder mit einem versöhnlichen Wort oder mit einer freundlichen Tat. Manchmal jagt schon ein gemütliche, Scherzwort den drohenden Schmerz fort.

Bei den gewöhnlichen Reibereien im geschäftlichen ober geselligen Verkehr sollte man sich bie Sühne auf der Stelle zur Regel machen. Je schneller bie Bitte um Entfchulbigung auf bas scharfe Wort folgt, besto wirksamer ist sie, besto glatter geht bas Sühneverfahren vor sich. (Das Frembwort „Parbon" sollte man sich dabei sparen; es macht keinen guten Eindruck.)

Wenn der Friede gestört ist, sind meistens beide Teile schuldig, nur selten ist da ein Teil ganz unschul­dig. Aber der hat bann auch noch sonstige Verstoß« gegen bie Liebe auf bem Gewissen, so daß er gemäß der fünften Bitte im Vaterunser nachgiebig sein muß. " Also heißt die Parole: Vertragt euch, versöhnt euch, 1 liebt euch untereinander! Das ist Christenpflicht, da« i ist Bürgerpflichl, das ist Familienpflicht, und bas ist i zugleich das beste für die Erleichterung der Lebenslasten.