Nr. 209.
Berantwonlich für den rebottion. Teil i. 25.: Dr. Kramer. :: für die Anzeigen: I. VarzeUer-Fulda. -
Rotationsdruck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fuwa. Eernivrecher Nr. Q ^»legr.-Adresie: Fu Idaer Zeitung
Donnerstag, 9. Sept» 1920»
Bezugspreis: Monatlich Z^M BU. ohne Zustellgebühr. In Fulda bei uns abgeholt 3,15 M. Anzeigenpreis: Die Kleinzeile (Colonelmah) 60 pfg„ u. 10°i, Zuschlag, di« Re klamezeile (Tertbrelte) 1.80 Ulf., u. 10°'» Zuschlag. Bei Wiederhol. Rabatt.
47. Zahrg.
Völkerbund und DölkerbundsgerichtShof.
Am 15. September soll in Genf, just der Stadt, (po m allernächster Zeit — man spricht vom 24. Sep. tember — der Ententebund dem verarmten Deutschland seine Rechnung präsentieren null, das große Wett- stiedensinstrument des Herrn Wilson. der Völkerbund, aus eben jenes Geheiß zu einer Vollsitzung zusammen- treien. Diele geschäftig» Hände sind an Ort und Stelle bereits voll Eifers tätig, um den 39 anrückenden Saaten eine diesem Gremium angesessene Verhandlung?, {täte 1« bereiten. Die Genfer Regierung hat, wie man hört, eigens ju diesem Zweck für die oanze Dauer d-r Sitz'.mg den sogenannten Reformationssaal zur Verfügung gestellt, sowie ein an das Hotel „Vergnes" anschließende Gebäude mit rner Flucht von 80 Sälen. §s ist also genügend Raum geschaffen, um jedem ein- zrlnen Land für die internen Beratungen einen eigenen Saal zuzuweisen. Die Verbandlunasdauer ist für weh- «re Wochen vorgesehen, gegen 400 Personen werden sich dort voraussichtlich zusammensinden.
Welch Schauspiel — doch em Schauspiel nur! So ist man versucht ausmrufm im Anblick jener Vorbe- rsitungen und jenes Welttrumpfparlaments. Rach den Erfahrungen, die wir mit ihm gemacht haben, wird es uns weder Gerechtigkeit noch wahre Freiheit bringen. Auch die bisherigen praktischen Leistungen dieses allein schon in seiner äußerlichen einseitigen Ziffammirntetzung noch unfertigen und unz"länglichen Bundes sind in ihrem Wert und ihrer Auswirkung bisher fast gleich null gebüeben. Denn selbst dieser hohe Rat hat es in seiner jetzigen Form-ngebung und Ausgestaltung nicht vermocht, die Welt vor neuem Brand *u wahren und ehe er sich selbst fest zu konstituieren imstande war, gehen die Wogen des Geschehens und der rauhen Wirklichkeit über alle menschlichen Spekulationen hin- weg. Aber schließlich stehen wir noch im Anfang dieser Bewegung und mithin bleibt abzuwarten, wie sich tne Dinge hierin weiter entwickeln werden.
Darum verdient denn auch ein Projekt unsere Beachtung, das vor noch nicht langer , Zeit gefaßt, dem Forum der Völkerbundsstaaten als eine beachtenswerte Anregung überreicht worden ist, nämlich der Plan für die Gründung eines internationalen Gerichtshofes zur Schlichtung aller Streitigkeiten unter den Völkern. iw_ er nach dem Willen feinet Urheber allem befugt wäre, über Vergehen gegen das Völkerrecht ein absolutes Urteil cwszusprechen, vorausgesetzt, daß ein für alle Völker geltendes, einheitliches und unzweideutiges Völkerrecht auch feierlichst von allen anerkannt wird. Denn im Kriege hat man es erleben müffen, daß die sogenannten Völkerrechtsnormen oft genug bald von dieser, bald von jener Seite diejenige Auslegung erfuhren, die im gegebenen Falle für den Einzelnen gerade am vorteilhaftesten erschien. Am 16. Juni sind im Haag also 10 tzmstische Delegierte zu einer Beratung ui jamm en getreten und zwar aus den Staaten heraus, die als wichtigste neutrale und verbündete Länder unter Einschluß Amerikas zum Völkerbunde gehören, um m fünfwöchiger emsiger Arbeit die Basis für einen nach allen Richtungen hin objektiven Entwurf eines Völkerbunds- gerichtshofs ausfindig zu machen. Die,Arbeit dieser rechtssachverständigen Zehmnännerkommission ist in einer Vorlage niedergelegt, die in ihrer Endfassung all- gemeinhin von allen und in seinen einzelnen Punkten nur von zweien, dem Japaner und dem Italiener, unter Vorbehalt gebilligt wurde. Der Entwurf umfaßt in seiner Einteilung, so viel bisher bekannt ist, drei große Gesichtspunkte: die Zusammensetzung des Gerichtshofes, feine Rechtsbenigniffe und die Gebär- dung seines Rechtsoerfahrens. Der Haag soll Sitz dieses ohne Unterbrechung tagenden Gremiums sein. Dieses soll sich zusammensetzen aus 11 Richtern und 4 Stellvertretern, die für einen Zeitraum von 9 Jahren unabsetzbar sein sollen. Ihre Beamtuny ist einem komplizierten Wahlverfahren unterworfen.
Die ganze Vorlage, die bereite dem Völkerbundrat auf seiner Tagung in St. Sebastian Vorgelegen hat, wird zweifellos auf der Genfer Dölkerbundver-
Vie perlen -er Eggenbrechts.
30] Roman von Alexandra von Bosse.
Silvia errötete.
Thereses Neckerei begann Silvia peinlich zu wer" «en und jetzt sagte Branding beinahe streng:
„Es ist mir nicht lieb, gnädige Frau, wenn Sie ohne Begleitung reiten!" Und Silvia erschrak, als sie seinem Blick begegnete, aus dem ihr Haß entgegenzusprühen schien.
„Ich bin für Sie verantwortlich, solange Sie mein Gast sind, mir würde die Schuld zufallen, wenn Ihnen ein UnMck zustieße", fügte er erklärend hinzu.
Silvia erwiderte nichts darauf, aber sie beschloß, solange sie noch die Gastfreundschaft Stolzens genoß, nicht mehr auszureiten: es war überhaupt Zeit, fand sie, nun nach München zurückzukehren.
Therese bemerkte Silvias Derstimmung wohl und war ganz befriedigt, denn es war ihr Ziel,, in Silvia die Abneigung gegen Branding noch zu vertiefen und so einen Strich durch seine Rechnung zu machen. Sie war jetzt fest entschlossen, Leo zu heiraten: holte er sich bei Silvia einen Korb, wie vorauszusehen war, kam er schon noch zu ihr zurück. Sie fühlte, daß sie älter wurde, die schwere Erkrankung hatte sie auch nicht jünger gemacht, das sagte ihr der Spiegel, und gestern hatte sie m ihrem rotgoldenen Haar den ersten weiß- silbernen Faden entdeckt. Es war zwar langweilig in Stolzen — Therese gähnte unwillkürlich — aber war sie da erst Herrin geworden, wollte sie schon Leben in die Bude bringen, dann sollte das Haus von Gästen hie leer werden. Und so wünschte sie, daß es zwischen Leo und Silvia bald zu einer Aussprache kommen sollte, wonach sie es gern übernehmen wollte, Leo zu trösten.
Der folgende Tag war ein Sonntag. Am Vormittag befuchten Frau von Branding und Silvia den Gottesdienst in der Dorskirche, und als sie auf dem Rückweg waren, fing es an zu regnen. An der Mittagstafel nahm, wie an jedem Sonntag Leos wisien. fchaftlicher Gehilfe, Magister Kügelchen, teil, ein graues Männchen, das nur sprach, wenn man es anredete.
„Magister" hatte einst Therese den kleinen Sachsen genannt, und der Titel war ihm geblieben. Er war
famm'ung einer Prüfung und Begutachtung des gro- ßen Bundes unterzogen werden.
Oberschlesien und die Kohlenfrage.
Die deutsche Friedensdelegation in Paris hat der Friedenskonferenz eine No t e überreicht, worin es heißt:
Unter rücksichtslosen Eingriffen -m tne Versorgung der deutschen Kohlenverbraucher hat die deutsche Regierung alles daran gesetzt, um die in Span übernommenen Kohlenlieferungsverpflichtmigen zu erfüllen. Ihre Bemühungen waren bisher von Erfolg gekrönt. Die täglichen Liefenmgszahlen des Monats August lasten erhoffen, daß das Lieferungssoll in diesem Monat erreicht wird. Die deutsche Regierung hält sich jedoch für verpflichtet, die Auf- merksamkett der verbündeten Regierungen mit allem Nachdruck darauf zu lenken, daß ihr die Erfüllung der von *hr eingegangenen Verpflichtungen unmöglich gemacht wird, wenn die K o h l e n p r o d u k t i o n, die ihr zur Zeit der Verhandlungen von Spaa zur Verfügung stand, eine Einschränkung erfährt. Diese Voraussetzung ist durch die immer ernster werdende Lage m O b e r I ch l e - s i e n etneetreten. Während die mit den Vertretern der Dergarbesdrorgamsationen vor kurzem .tn Oderschlesien geführten Verhandlungen volles Verständms der Bergarbeiter für die überaus schwierige Lage Deutichlands und ihre Bereitwilligkeit erkennen ließen, dmch Mehrarbeit die oberschlesische Kohlenförderung zu steigern, haben die augenblicklichen Vorgänge in Oberschlesien bewirkt, daß im Gegenteil die Kohlenproduktron erschreckend gesunken ist, und daß von dem Deutschland belassenen Anteil an der oberschlesischen Kohlenförderung nur noch verschwindende Mengen nach Deutschland gelangen. Ein Ersatz dieser Fehlmengen durch eine weitere Kürzung der In- landversorMng ist nicht möglich. Der deutschen Regierung ist durch die Bestimmungen des Friedensvertrages jede Mögsichkest genommen, ihrerseits für die Beseitigung der Gründe des Rückganges der oberschlesischen Steinkoh- lenförberung Sorne zu tragen. Sie beehrt sich daher, an die verbündeten Regierungen nochmals die dringende Bitte zu richten, unverzüglich di« in den deutschen Noten vom 21. und 25. 8. geforderten Maßnahmen zu ergreifen.
Zu der Note sagt der „Lokalanzeiyer": Diese Darlegungen sind unstreitig richtig. Der Gedanke liegt außerordentlich nahe, daß die Nichtbelieferung Deutschlands mit oberfchlesischer Kohle die Erfüllung unserer Lieferpflichten an Frankreich für den September bereits unmöglich gemacht hat. Man kann saaen, daß die Franzosen durch ihr Verhalten in Oberschlesien die Kohlenlieferungen an sie s e l b st sabotiert haben. Hoffentlich geschieht von der Reichsreyterung das Erforderliche, um diesen unleugbaren Zusammenhang der Welt und der Entente in die Köpfe zu hämmern, ehe Frankreich tne üblichen Verleumdungen über deutsche Wortbrüchigkeit anzustimmen vermag.
Frankreich im Äohlensegen.
Die die „Petit Parisien" vom Arbeitsminister Le Trocguer erfuhr, Hot Frankreich im Auaust außer den deutschen Kohlenlieferunyen 800 000 Tonnen aus England, 280000 aus Amerika und 80 000 aus Belgien eingeführt und außerdem 1 650 000 Tonnen selbst gefördert. Der Reservevorrat der französischen Eisenbahnen, der im Januar nur 180 000 Tonnen betrug, beziffert sich jetzt aus 800 000 Tonnen. Das ist der normale Durchschnittsstand vor dem Kriege. Der Reservevorrat der Pariser Gasanstalten, der 1919 nie höher als 25 000 Tonnen war, übersteigt heute 900 000 Tonnen.
Ein weißer Rabe.
Laut „Nreuwe Eourant" wird drahtlos aus Rew» york berichtet, daß Universitätsprofesior C r a v a ch, der m Fimmzkreffen großen Einfluß besitzt, und auch auf der Konferenz von Spaa zugegen war, eine Rede fffeti, worin er für die wirtschaftliche und politische Unterstützung der augenblicklichen gemäßigten deutschen Regierung eintrat. Er sagte, das sei die einzige Art, um Europa wieder hochzubringen, den Alliierten ihre Entschädi- gungen zu verschaffen und den Bolschewismus abzuwehren. Er sei der Ansicht, daß alle Berichte über
Leos erster Hauslehrer gewesen, hatte dann die Tochter eines Tischlermeisters im Dorf geheiratet, lebte seitdem im Dorf, versah die Dienste eines Küsters und war schon vor Jahren von Leo als Gehilfe im Laboratorium angestelü worden. Alles an ihm war grau: Sein Sonntagsanzug, ‘ sein Haar, sein Spitzbärtchen, sein schmales Gesicht, nur die Aeuglein waren schwarz wie die einer Maus und zuckten beständig unruhig hin und her. An eine Maus erinnerte überhaupt das Männchen, so huschend und scheu waren alle seine Bewegungen.
„Nun, Magisterchen", redete Therese ihn an, „was haben Sie denn gestern für das Heil ober Unheil der Menschheit zusammengebraut?"
Der kleine Sachse lächelte unterwürfig:
„Gestern ham mir nischt zufammengebraut, kknätikste Frau Baren, mir hatten doch großes Reinemachen im Laboratorium."
„Ra, aber die Rauchwolken, die gestern vormittag dem Schornstein entquollen, vergifteten die Luft der ganzen Gegend."
„Ehja, weil mer Msterchialien Ham verbrennen miflen."
Da verzog Therefe geekelt das Gesicht: „Mäuse- und Kaninchenleichen — brrr!"
„Nu, 's is doch die reinlichste Art, mit dem viehzeich aufzureimen", meinte freundlich lächelnd das Männchen.
„Sind denn letzthin so viele dieser Geschöpfe der Wisienschaft zum Opfer gefallen?" wollte Therese wis- fen, und Magister Kügelchen nickte wichtig.
„Fretsich! Mir bekamen chja ein ganz neies Gift, ein hechst Interessantes!"
„Die armen Tiere!"
Kügelchen zuckte die mageren Schultern:
„Nu, es geht äben nich anderfcht."
Therese unterhielt sich mit Kügelchen eigentlich nur, »eilJein Sächseln sie amüsierte. Wegen seines starken Dialektes hatte er einst die Lechrerlaufbahn 'aufgeben müssen, trotzdem er sehr gescheit und sehr gelehrt ge- wesen, und während seine« langjährigen Aufenthalte» in Bauern hatte er sich die heimatliche Mundart nicht abgewöhnt.
Silvia amüsierte sich sonst auch über das Sächseln des Magisters, heute schien sie nicht zugehört zu haben.
die Unguoerläffigteit der deutschen Regierung unrichtig seien. Die Entwaffnung gehe allmählich vor sich. Die Behauptungen über geheime Munitionsvorräte feien vollständig aus der Lust gegriffen. Dos deutsche Volk leide jedoch sehr viel, daher komme es, daß die Kohlenlieferungen noch nicht auf der Höhe seien. Zum Schluß erklärte sich Crcwach gegen die Auflösung des Deutschen Reiches, da dies zu einem Chaos führen werde. Wenn sich d'est überaus zutreffenden Ansichten in den Ententestaaten durchsetzten, würde im- endlich viel gewonnen sein. Vorläufig ist Profesior Cravach noch rin — weißer Rabe unter den verbohrten Deutschsandfeiirden in den Ententestaaten.
Dom Kriegsschauplatz im Osten.
Das letische In forma ti on sbüro bezeichnet die Moskauer Meldung, daß zwischen Lettland und Litauen die Feindseliakeiten begonnen batten, a'S n i ch t zutreffend. Einige lettische Soldaten überschritten eigenmächtig die Demarkationslinie. Der Zwjschenfoll wurde auf diplomatischem Wege beigelegt, nachdem von Riga aus versichert worden war, daß die Grenzüberschrettunaen aus Eigenmächtigkeit auSgembrt worden waren.
Wie das littoitif die Pressebüro mitteilt, wird die litauische Regierung ihren Sitz in den nächsten Tagen nach Wilna, der Hauptstadt Lit- tauenS verlegen.
Nach einer Radiomeldung au8 London ist in den letzten Kämpfen bei PultuSk derSoh nTro tzkyS gefallen. Eine Moskauer Radiomeldung meldet den Tod des Generals Semenow.
England und Drängel.
Der ruffifche Vermittler in London, Kamenew, hat sich an den englischen Premierminister Lloyd George gewandt mit der Frage, wie die englisch« Regierung sich nach der Anerkennung Wra ngels durch die französische Regierung zu ersterem verhalte. Lloud George erwiderte, daß die englische Regierung die Absicht habe, die Kampfhandlungen in Osteuropa zu beenden und nur die persönliche Sicherheit der in der Krim befindlichen Truppen und Flüchtlinge garantieren wolle. England habe nie die Absicht gehabt, die Krim von Sowjetrußland zu trennen oder sich oder Wränget die Herrschaft über die Krim vorzubehalten.______________
Die Serben rüsten gegen Skutari.
.Stefan'/ meldet ou8 Skutari: Alle serbischen Garnisonen auf der rechten Seite der Bojana wurden verstärkt. Die Serben führen Kriegsmaterial herbei und legten weitere Truppen nach dem Tarrabosch. Sie verhehlen ihre Absicht nicht, demnächst Skutari zu besetzen.
Die ErnähririrgSkonfererrz in Ttrela.
Die Sachverständigen beschäftigten sich, wie cms Stresa gemeldet wird, mit gegenseitigen Mitteilungen über die Methoden und Märfte für den Ankauf von Waren für den allgemeinen Verbrauch. Es wurde im allgemeinen feftgestellt, daß kein ernster Konflikt der Intereffen in diesem Punkte vorliege. Ferner befaßte man sich mit der genauen Feststellung des deutschen Bedarfes und mit der Frage, was Italien für Rechnung des von ihm zu leistenden Dorschufles gegebenenfalls liefern könne, indem es gleichzMg die Durchführung der Vereinbarungen von Spaa sichere und den berechtigten Intereffen Italiens Rechnung trage. Unter dem Vorsitz des Ministers Soleti und in Anwesenheit der ^Delegierten Eng- lands und Frankreichs wurdft eine Vollsitzung abgehalien, in der festgestellt wurde, daß Italien bereit sei, die in Spaa übernommenen Verpflichtmigen zu erfüllen. Hierauf wurde die Konferenz g e - schloffen.
Don den Verhandlungen wird der „Deutschen All- gemeinen Zeitung" noch berichtet, daß in den beiden letzten Sitzungen die italienische Abordnung der beut.
Ihr Gesicht sah plötzlich schmal und blaß aus, sie preßte die Sippen aufeinander und blickte vor sich nieder. Therese entging das nicht, sie lächelte, weil sie wußte, daß es das Grauen vor Leos Tätigkeit war, das Silvia bleich und still machte. Gut so: um so weniger Aussichten hatte Leo, daß seine Wünsche sich erfüllten.
„Weißt Du, Leo", wandte sie sich zu diesem, „heute könntest Du eigentlich Silvia Dein Laboratorium zev- gen, sie hat es ja noch nie gesehen. Gestern war großes Reinemachen, also wird es besonders präfcntabel fein, und heute ist das Wetter fo schlecht, daß man nicht hinaus kann."
Brandings Laboratorium war eigentlich ein Heilig- tum, zu dem niemand Zutritt bekam als Gelehrte vorn Fach, wenn solche einmal nach Stolzen tarnen. Aber mit Silvia, so meinte Therese, würde Leo gewiß eine Ausnahme machen.
„Würde es Sie interessieren, mein Laboratorium anzusehen?* fragte er und sah sie an. -
„Ja — ich glaube —", antwortete zögernd Silvia, die eigentlich gar keine Sehnsucht nach dem ßaborato- rium empfand, aber nicht gleich einen Vorwand wußte, abzulehnen.
„Nun bann . . ." Leo schien erfreut, „dann können wir heute hinübergehen, um vier Uhr, wenn Ihnen das recht ist. Es ist doch alles in Ordnung, Kügelchen?"
„Ei fteilich, Herr Baron!"
„Gehst Du mit?" wandte sich Leo an Therese: diese schüttelt« den Kopf.
„Lieber nicht, es würde mich zu sehr ermüden, und mir wurde ja schon früher einmal die Ehre zuteil. Deine geheiligte Werkstatt zu besuchen. Sehr interessant, Silvia, wirklich!"
„Ja, das glaube ich gern!" mußte Silvia zugeben.
Also, um vier Uhr holte Leo Frau Silvia ab, und sie gingen hinüber. Magister Kügelchen war ihnen voraus geeilt, die schwere Eichentür zu öffnen, die stets verschlossen war, wenn Leo sich nicht im Laboratorium befand. Er hatte bereits Überall das elektrische Licht angedreht und empfing Silvia am Eingang wie ein grinsender, kleiner Gnom mit tiefer, feierlicher Verbeugung. Dann war er plötzlich verschwunden
.(Fortsetzung folgt.)
scheu bte Liste der Nahrungsmittel zur Auswahl vorlegte, bi» Italien liefern kann. Deutschland ist mit dem Angebot an Lebensmitteln gufrtebcn, die auf seinen Märkten nicht erhältlich sind. Deutschland hat Bedarf an Roggen, Futtermitteln und Del, an denen Italien keinen Mangel leidet.
Die Arbeiterbewegungen.
Tie Lage in Italien.
Nach einer Havasnp düng au3 Rom wird die Lage jetzt toicbe- nster beurteilt, da bet Arbeitgeberverband -ffen hqt, mit den Arbeitern nicht zu berba. nenn eS sich nicht um rein ^.wirtschaftliche Forder..,>gen handelt und wenn di« Arbeiter nicht die von ihnen besetzten Fabrikev räumen.
Der drohende englische Bergarbeitersireik.
Der Gewerkschaftskongreß in Portsmouth nahm einstimmig eine Entschließung an, warm erklärt wird, daß die Forderungen der Bergarbeiter angemessen und gerecht seien und daß ihnen sofort stattgegeben werden müßte.
Der Aktionsausschuß der Grubenarbeiter hat die nationale Delegiertenkonferenz aus Donnerstag abend einberufen zur Entgegennahme de« Berichtes über die mft der Regierung gepflogenen Verhandlungen. Die Konferenz wird in Portsmouth stattfinden.
Zur Erzbischofswahl in Mreiburg.
Indem der „Bad. Beobachter" feststellt, daß mii Generalvikar Dr. Fritz der Mann zum Erzbischof gewählt worden sei, deffen Wahl auf Grund feiner her- vorragenden Befähigung allgemein erwartet wurde und niemanden überrascht habe, schreibt er weiter:
Man darf babei in Stinnerung an vergangene Zeiten eines nicht vergessen. Wenn es bei früheren Wahlen an lleberrafdjungcn nicht gefehlt hat und vielfach nicht der gewählt wurde, aus den sich die Stufen her Meisten richteten so kam das daher, daß sich Einflüsse bei der Wahl gelten» machten, die als retn sachliche nicht bezei<te«t werden konnten. Gerade tne Erzbifchosswahl der Freiburger Erzdiözese ist reich m solchen minder angenehmen Cfrmnenmgen. Wie oft mußten nicht die Angehörigen der Erzdiözese schmerzlich märten, bis die Wahl Überhaupt vor sich gehen konnte, obwohl bte Verhältnisse eine rasche Wahl dringend notwendig gemocht hätten und die Ramm von Persönlichkeiten, die des Amtes würdig und seiner Last gewachsen waren, sich jedem nahe legten! Das politische Interessedeidamaligen Staatsregierung aber machte es immögsich, duß die Erzbischofswahl nach den Gesichtspunkten vor sich gmg, bte sich aus dem Wesen der Sache von selbst verstanden. Zwar erlebte die Regierung n« die volle Befrtebigung, die sie mit ihren Bemühungen beabsichtigte. Sbtr doch stört« sie die natürliche Entwicklung der Dinge oft in sehr empfind, sicher Weise. All dies fiel diesmal tn Baden weg. In keiner Weife suchte Me Staatertgierung Einfluß auf die Dahl zu gewinnen. Was darüber da unb dort an Gerüchten umging, bestand test» aus Mißverständnissen. teils aus freier Erfindung. Zum erstenmal kann man feststellen, daß bte Erzbifchosswahl m freiester Weise und fobalb, als es die Verhältnisse ertaubten, lediglich nach Rücksichten, die in kirchlich leligiösen Interessen begründet sind, stattfand. Und mir dürfen vielleicht fagen, daß Baden hierin geradem ein Vorbild geschaffen hat. Nach dem, war man sonst hört, ist nicht zu erwarten, daß man bei allen Bischosswahlen im neuen Deutschen Reich das Gleiche wird sagen können. Umso erfteulicher ist es, daß rott in der Erzdiözese Freiburg, in einer der größten Diözesen im katholischen Deutschland, im südwestlichsten Eck der Reicher feststellen können, daß bte Wahl auch insofern keine Ueberwschungen gebracht hat, als die Wahlberechtigten die volle Freiheit hatten, ben zu wählen, auf von sich alle Blicke richteten.
Wie der „B. B." weiter meldet, ist an der Be- , stätigung des erwählten Erzbischofs durch den Heiligen Vater nicht zu zweifeln und wird nicht lange auf sich warten kaffen.
Nach dem Generalstreik in Württemberg.
Der Generalstreik in Württemberg, von den sozialistischen Arbeitern mit dem Hinweis auf den Steuerabzug, offenbar aber au? politischen Gründen in? Werk gefetzt, ist bekanntlich schmählich gescheitert. Jetzt liegen sich die drei sozialisnschen Parteien über die Frage der Schuld am Mißlingen be# Streik« in den .Haaren. Für die liebenswürdige Art, Mit der die Organe der feindlichen Brüder sich begegnen, dafür mögen die folgenden Auslassungen im .Sozialdemokrat", dem Stuttgarter Organ der Unabhängigen (Nr. 208), eine Probe geben. Man liest da n. a..
Auf drei vollen Seiten Betoirft die „Schwäbische Tagwacht" (da? Stuttg. Mehrhettssozurlistenblatt, den heldenmütigen Abwehrkampf de» württembergischen Proletariats in einer wohl noch nie bageroefenen Werfe mit Schmutz unb Kot. Mit Kübeln voll stinkender Höllenjauche der recht,soziat,sttschen MephrftoS übergießt sie daS gesamte würtlembcrgische Proletariat. Mit diesem erbärmlichen Machwerk hat der Verfasser selbst daS Urteil über die ganze rechtssozialistische Partei gesprochen. ES ist eine Bankrotterklärung der mehrheitösozialistrschen Partei als einer Arbeiterpartei. AuS diesem erbärmlich niedrigen Machwerk spricht der Geist deS finste» ren Scharfmachertunte. Da» die Preßkofaken deS Scharfmache rtumS in jahrelanger Praxis an giftigen Pfeilen gegen die Arbeiterbewegung zusammen, getragen, die „Schwäbische Tagwacht' schießt sie alle ad. Sie krönt mit diesem schuftigen Heldenstück den schmutzigen Verrat der rechtSsozraliftischen Führer an dem Abwetzrkampf der Proletariat».
In diesem Ton geht es weiter und weiter gegen die „Beträtet" von der MehrheitSsozialdemoteatie, deren Organ mit einem Artikel „Katastrophe deS Maulheldentums" offenbar inS Schwarz» getroffen hatte, weil der Zorn bet „lljt" so maßlos ist.
Eine deuffche Aunksiasion bedroht.
Dem Reßchspo ft Ministerium ging eine Mitteilung zu, daß bte französische Funkgeselllchaft „Compagnie generale be telegraphie sans fil Pari," Anspruch auf die Herausgabe der deutschen Funkstation in Eilvp se erhebt. Diese Forderung wird bamrt begründet, daß die Hochfrequenz-Maschi- nen A.-G. in Berlin im Jahre 1912 einer französi- scheu Gruppe Auslanbspatente des Professors Sold