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Mittwoch, 8. September 1920
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Nr. 208
Sezugspreis: '^<onai!ilt> Z,ÜO MC. ohne Zullellgebühr. In Fulda bei unsabgekoir Z,lb Ml. Anzeigenpreis: Die K !einze tle (Coloneimatz) 60 pfg., u. 10" , Zuschlag, die Reklamezeile (Tertbreiie) 1.80 Mk., u. 10°/» Zuschlag. Bei Wiederhol. Rabatt.
Verantwortlich für den redattion. Teil i. 53.: Dr. Kramer. :: für Sie Anzeigen: I. Parzel >er»Fulda -
Rotationsdruck u. Verlag der Fuldaer Aniendruckerei in Fulda Fernlnrecher Nr. 9- Lelegr.-Adrelfe: Fuldaer Zeitung
die ver-
linben, für den schweren Kampf, in dem ihm Machthaber der Entente Hilfe und Gerechtigkcit sagen.
Der Reichskanzler an die Oberschlesier.
Der Reichskanzler hat am 7. September an den Deutschen Bevollmächtigten für den Abstimmungsbezirk Dberschlcsien, Fürsten Hatzf«ldt, das nachstehende schreiben gerichtet:
Euer Durchlaucht beehre ich mich zu benachrichtigen, daß «eftern das Reichskobmett und das preußische Kabinett m einer gemeinsamen Sitzung zusammrngetreten sind, um Der die Mittel und Wege zur Abwehr der O b e r s ch l e- lien drohenden Gefahren zu beraten. Mit tiefer Bewegung haben die Kabinette die ergreifenden Berichte entgegen genommen, die über die Leiden und Kämpfe unserer heuen Oberschlesier erstatte! worden sind. Nur zu viele packe re Männer haben ihre feste Anhänglichkeit an das Deutsche Reich mit Wunden und Tod bezahlt, und nur pi Diele sind bei der Verteidigung aller Rechte und des heimatlichen Herdes m ihrer wirtschaftlichen Existenz schwer geschädigt und bedroht worden. Die Regierungen aber wissen sich mit der oberschlesischen Bevölkerung eines Sinnes darin, daß keine Gewalttat die Liebe zu Deutschland aus hiem Herzen zu reißen vermag. Die Regierungen haben die Zuversicht, daß die oberschlesische Bevölkerung die Prü- smigen dieser schweren Zett standhaft ertragen wird. Mit Entschlossenheit werden sie alle ihnen zur Borfügung stehenden Mittel anwenden, um der Bevölkerung Oberschlesiens bei ihrem guten und gerechten Kampfe zu helfen. Um der äußeren Dedrcmgnis zu wehren, die durch den Tod ihrer krnährer und zahllose Gewalttaten über unschuldige Fa- unftett hereigebrochen ist, haben die Regierungen einen Betrag von zunächst 10 Millionen Mark zur Verfügung gestellt. Wo um des deutfchen Namens willen Schweres erduldet wird, darf und soll die Hilfe der Volksgemeinschaft nicht ausbleiben. Euer Durchlaucht bäte ich, bei der oberschlesischen Bevölkerung der Dolmetsch der ®e« stmungen zu fein, die in den Beratungen der beiden Kabinette zum Ausdruck gekommen sind. Oberschlesien bei Deutschland zu erhalten, ist unser Wunsch und fester Wille. Lazu wollen wir alles tun. was in unserer Macht steht. Der Reichskanzler, (gez.) Fehrenbach.
Diese Hilfsmaßnahmen im Verein mit den herzlichen Borten des Kanzlers kommen zur rechten Zeit. Wie schon gemeldet, hat ja die Botschafterkonferenz der entarte die Entsendung einer neutralen Kommission nach Oberschlesien zur Prüfung der Kutschen Bedrängnis a b g e l e h n t. In der Syrn- pochie Deutschlands allein kann Obersch'esien Kraft
Der russisch-polnische Kamps.
Wie von unterrichteter Seite mtigeteiü wird, sind ron feiten der Polen Kampfhandlungen nicht mehr geplant. Es handäe sich vielmehr bei den gegenwärtigen Kämpfen nur noch um kleine Lerfolgungs- und Abfchlußgefechte. Eine neue Offensive soll von polnischer Seite nicht mehr unternommen werden. Diese Haltung soll dringenden Friedens- sorderungen, insbesondere Englands zuzuschreiben sein. 6s sei also sehr wahrscheinlich, daß in kurzer Zeit eine vollständige Waffenruhe und im Anschluß der Waffenstillstand eintrete unter Festhaltung der gegenwärtig eingenommenen Stellungen.
Die Lage Europas.
Der englische Arbeiterführer Thomas entwarf, vie aus London gemeldet wird, zu Beginn des englischen Gewerkschaftskongresses ein p e s s i m i st i s ch es Lild über die allgemeine Lage. Er sagte, der eu» r o p ä i s ch e Friede kann nur zustande kommen, wenn alle Länder, die am Kriege teilgenommen haben, be- teit find, denDertragm einem anderen G estc auszulegen als demjenigen, in äem er aufgestellt wurde. Unsere Gegner wissen, daß unser einzige» Ziel war, einen Krieg mit Rußland zu verhindern. Thomas hob dann hervor, daß das Vorgehen bezüglich Rußlands keine Billigung des Rätesystems bedeutet und er betonte das R e ch t des englisch-m Volkes,
Die perlen der Lggenbrechts.
29] Roman von Alexandra von Bosse.
„Das begreife ich sehr wohl, meinte Wolf. „Nach allem war es nur folgerichtig, daß Vetter Achim noch kurz vor feinem Tode über die Perlen zu unseren Un- tunften verfügen wollte, obwohl er — und da» mußte R wissen, — dazu nicht berechtigt war."
„Also war er nach Ihrer Meinung nicht berechtigt?"
„Das war er nicht!"
„Und ich müßte die Perlen deshalb herausgeben?" „Das werden Sie wohl muffen."
„Aber ich kann ja nicht! Sie roiffen doch, daß dH . . ."
„Ich weiß," unterbrach er sie. „Ein Versprechen bin- öet Sie, das Sie nicht brechen wollen — nicht können."
„Verstehen Sie das?"
„Jawohl!"
„Und trotzdem . . ."
„Trotzdem werde ich Sie zwingen, die Perlen her- ltuszugeben!" fiel er ein und sah sie dabei offen und 'hrlich an. „Die Perlen," fuhr er fort, „repräsentieren Ein n ungeheuren Wert, und sie gehören weder mir, »eg Ihnen, sondern der Familie, deren Rechte ich ver» frehi muß, das verstehen Sie doch?"
6 ie nickte.
„ tun also. Mir persönlich ist es wirklich gleichgültig, jer die Perlen hat. Ich kann sie weder tragen, »vch verkaufen, nicht wahr?"
„1 der — wenn Sie heiraten werden . . ."
„Vis dahin sind die Perlen längst wieder in meinem besitz' •
Si ■ hielten nebeneinander, sahen sich an. dann senkte Silvio den Blick. Sie dachte an die schöne Alice, meinte, M auch er in diesem Augenblick an sie gedacht, und ihre Brauen zogen sich zusammen, als sie leise sagte:
„Nie gebe ich freiwillig die Perlen heraus!"
Dc rauf zog sie die Zügel etwas an, Menlius gehorchte dem Zeichen, fing an, weiter zu gehen, und Siolfs Stute folgte; fein Pferd dicht an das Silvias känoenb, fragte Wolf erregt:
„So mußte man sie ihnen gewaltsam nehmen?"
„Das müßte man!"
Da streckte Wolf die Hani aus, griff in Mcmlius gcl und brachte das Pferd zum Stehen.
„Wollen Sie, baß ich es tue?"
feint eigene Regierungsform zu wählen. Thomas stellte weiter die Forderung auf, daß Polens U n - abhäitgigkeit gewahrt bleiben muß Zum Schluß sprach er über die finanzielle und in- dustr teile Lage. Er sagte, der kommende Win- ter werde wahrschänlich der schwierigste sein, Len men seit Jahren erlebt habe. Taufende seien bereits arbeitslos und es sei klar, daß das I n d u st r i e l e b en einer Krisis entgegengeht, (fr glaubt nicht, daß die Arbeiter den Äampfum des Kampfes willen wollten. Es sei im Gegenteil ihre Pflicht, Konflikte nicht zu provozieren, denn der industrielle Friede sei ebenso notwendig wie der nationale Friede. Andererseits müffle man sich klar machen, daß durch die Aufopferung und die Anspannung von Jahren die Arbeiterklasse ihre gegenwärtige Stellung erreicht habe und sie nicht verlieren dürfe.
Die italienische Arbeiterbewegung.
Stefani meldet aus Nom: Die im Auslands über die italienischen Derhältniffe umlaufenden Gerüchte sind völlig unzutreffend. Abgesehen von dem Streik in der Metallindustrie, der, wie man hofft, bald beigelegt werden wird, nimmt das Leben seinen gewöhnlichen Gang. Giolitti befindet sich noch in Urlaub in Piemont und wird am 12. Sept, nach Aix-leS-BainS fahren. Ter König weilt in Sau Rossore.
Politisches Kasperltheater.
Tie radikale sozialdemokratische Jugend Berlins hotte, wie schon erwähnt, auf Sonntag zu Straßenkundgebungen eingeladen, an denen mehrere hundert schulpflichtige und eben der Schule entronnene Kinder teilnahmen. Am Pichelsberg« fand eine Versammlung unter freiem Htmmel. statt, in der einige Jungen zu sofortiger Zerstörung der kapitalistischen Wirtschaftsordnung aufforderten. Andere machten positive Vorschläge, sie empfahlen den Aufbau einer kommunistischen Gesellschaft mit proletarischer Diktatur. Gleichzeitig veranstalteten die Unabhängigen in Neukölln eine Straßendemonstration für die weltliche Schule. Der Zug, an dem etwa 800 Kindern mit einigen Erwachsenen teilnahmen, wurde von einem achtjährigen Knaben eröffnet, der ein große? Plakat mit der Aufschrift „Fort mit den Lügen der Religion!" trug. Einige kleine Mädchen hatten ihre Puppen mitgebracht, die Jungen anderes Spielzeug. Zu diesen Zuhörern sprach Adolf Hoffmann, dessen Rede in deu Ruf auSklang: „Fort Mit dem Aberglauben! Hoch die weltliche Schule!" Die Kinder klatschten vor Freude in die Hände und stimmten freudig in ein dreimaliges Hoch ein.
Gegen Abend bewegte sich ein langer Zug, in dem jeder zweite Demonstrant eine rote Fahne" trug, durch die Straßen Berlin?. Auch in ihm bildeten Schulkinder, oder doch Jungen?, die noch etwas lernen könnten, die Mehrheit. Man ergötzte sich mit Hochrufen auf die Weltrevolution und auf die verschiedenen Internationalen. Al? der Zug in der Charlottenstraße am UllsteinhauS vorbeizog, schrie ein Dreikäsehoch, der um diese Zeit schon längst in? Bett gehört, ganz außer sich vor Begeisterung: „Nieder mit der bürgerlichen Presse!" Die Begeisterung ergriff die ganze Kinderschar, die auf das pflichtschuldige dreimalige Nieder ein ebenso begeistertes Hoch auf den großen Vorkämpfer dieser Bewegung, Adolf Hoffmann, folgen ließ. DaS Volk der Dichter und Denker ist tief gesunken!
Arbeiter! geht ja nicht ins Arbeiterparadies!
Die Gewerkschaftskommisfion für Berlin erläßt an die deutschen Arbeiter eine ein
„Wie könnten Sie?"
„Sie tragen die Perlen immer an sich?"
„Immer!"
„Auch heute?"
„Auch heute I"
„Nun, wenn ich Ihnen jetzt eine Pistole auf die Brust setzte: Die Perlen ober das Leben! Wie dann?"
Da blickte sie zu ihm auf, ein Lächeln in den Augen, ein Lächeln auf den sich öffnenden Lippen, und langsam schüttelte sie den Kopf.
„Was nützt es? —--Ich weiß ja doch, Sie wür
den mir nichts tun!"
„Silvia. .!"
Er rief es halblaut, doch Jubel klang aus seiner Stimme, und in seinen Augen flammte es auf. Aber schon hatte sie sich abgewandt, trieb Manlius an, der ungeduldig den Boden zu scharren begonnen. Sie ritt schneller, und als sie nun an ein abgeerntetes Feld kamen, setzte sie über den Graben, jagte im Galopp darüber hin.
Wolf folgte Silvia und holle sie bald ein; nebeneinander galoppierten sie dahin.
Sie' hatte gesehen, wie es in seinen Augen aufge- flammt war, und ihr Herz pochte nicht nur von dem raschen Ritt, als sie ihre Pferde endlich verhalten und wieder in Schritt fallen lassen mutzten; da tauchten bereits die grauen Dächer des Herrenhauses und der Wirtschaftsgebäude von Stolzen vor ihnen auf, und Wolf brachte sein Tier zum Stehen.
„fiier mutz ich um kehren," sagte er, „von hier aus können Sie ja Stolzen nicht mehr r 'rsehlen."
„Wollen Sie nicht In Stolzen ausruhen? Therese würde sich freuen."
„Danke, ich muß zurück."
Darauf reichte sie ihm die Hand, die er etwas länger zurückhielt als nötig.
„Auf W edersehen. Silvia!" erwiderte er. Dabei trafen sich ihre Blicke, und Silv'a errötete plötzlich, senkte verwirrt die dunklen Wimpern und löste hastig ihre Hand aus der seinen.
„Danke für Ihre Begleitung, Wolf," sagte sie.
Langsam ritt Wolf nach Altenwied zurück, des Weges nicht achtend und sich ganz der Führung feines Pferdes überlafflenb.
Ja, die Perlen--Run war der Juli schon vor
über, nur noch August und September blieben zur Ausführung der Tat, wollte er die Wette gewinnen.
dringliche Warnung vor der Auswanderung nach ^Rußland. Sir sollten sich nicht von privaten Aus- i wanderungsorgamsationen, die nur der Spekulation i und der Gewinnsucht ihrer Gründer dienten, verführen taffen, weil sie sonst Enttäuschungen erleben und dem Elend verfallen würden. — Diese Warnung geht von Leuten aus, die dasselbe Sowjetrußland, vor dem sie hier so eindringlich warnen, in der Theorie als das Staatsideal der klassenbewußten Arbeiterschaft auf allen Straßen ausschreien. Sonic:bar, höchst sonderbar!
Dtts dem besetzten Gebiet.
• MHlerandr B^elitteife. Millerand ist im ®cn>er« zun, begleitet von ^och. über Main, in Bonn eiiiue» troffen. Später hat er Koblenz besucht und wird über Mainz am Donnerstag nach Franrreich zurückkehren.
‘ Sur Krage der Monstdaxer Satz« hat sich die deutsch» Regierung auf den Standpunkt gestellt, ihrerseits größere Grenzkorrekturen zu torbern, u. x die Rückgabe der Bahn Aachen-HerbeSthal, das dazwischenliegende Gebiet sowie daS Niederschlagsgebiet zur Aachener Wasserversorgung. Demgegenüber hat laut „Echo der Gegenwart" die belgische Regierung einen ablehnenden Standpunkt eingenommen und dies in einer Note zum Ausdruck gebracht. Dom 14. bis 16. September wird in einet in Aachen stattsinderiden Sitzung der deutsch-belgischen Grenzkom- Mission über die deutschen Forderungen weiter verhandelt.
Um ein wichtiges Recht der Gemeinde.
Eine Frage, die kürzlich auch den in Fulda tagenden Landesausschuß der Zentnimspartei im Regierungsbezirk Kassel beschäftigt Hot, stand jetzt im Ausschuß der preußischen Landesvorsommlung für bas Dolksschulleh- rer-Diensteinkommengesetz zur Beratung. Es wmtze über den § 49, der bre Anstellung der Lehrer und Lehrerinnen regelt, verhandelt. Noch dem Vorschläge der Regierung soll das Recht der Anstellung der Schulaufsichtsbehörde zustehen, die Gemeinde also das Recht, die Lehrpersonen zu wählen, verlieren. Der Vertreter der Regierung erklärte zwar, daß das nicht als ein Angriff auf eine gesunde Selbstverwaltung ausgefaßt werden dürfe. Die Anstellung der Lehrer durch den Staat liege im Interesse der Hebung des gesamten Schulwesens. In der Aussprache sand die Regierungsvorlage fast allgemeine Ablehnung; es wurde größter Wert auf das Selbstbestimmungsrecht der Gemeinde gelegt. Diese Stellungnahme ist mit Freuden zu begrüßen. Es muß dafür gesorgt werden, daß unter keinen Umständen dieser wichtige Bestandteil des Selbstver- walttingsvechtes verloren geht.
Deutsches Keich.
* Berlin, 8. Sept. Reichskanzler Fehrenbach empfing am Montag den Abgeordneten der georgischen Nationalversammlung Erich Bernstein. — Zum Gesandten in Peru ist Geheimrat Hans Paul von Hum- boldt-Dachröder, em Urenkel Wilhelm v. Humboldts, ernannt worden. — Der frühere nationalliberale Abg. Gotting (Hildesheim) ist gestorben. Er ist weiteren Kreisen bekannt geworden, durch seine frühere Tä- tigkest rm Sparkassenwesen. — Die Reichsstelle für Schuhversorgung fft endlich aufgelöst worden. Mögen ihr bald alle irfe noch bestehenden „Reichsstellen" folgen.
* Der volkswirtschaftliche Ausschuß des Reichstags nahm einstimmig eine Entschließung an, die die Regierung ersucht, sofort Maßnahmen zu treffen, nm die bei den Kriegsgesellschaften entstandenen Ueberschüsse sämtlich, soweit die bestehenden Verordnungen nicht andere Rechtsansprüche geschaffen haben, für die Allgemeinheit sicher zu stellen.
* Keine allaemeine Arbeitsdienitpflicht. Zu einer auS München verbreiteten Melduna, daß im NttchS-
Am 8. Oktober mußte sie gewonnen fein oder der Pro- zeß begann.
Er hatte Pcch gehabt. Erst der Beinbruch und seine Folgen, durch die er sogar verhindert war, Silvia zu besuchen, und dort irgendwie eine günstige Gelegenheit für feine Tat auszubaldowern. Nun war sie in «tot- jen und wer weiß, wie lange sie da noch blieb In Stolzen konnte er aber unter keinen Umständen einbrechen. Und wenn sie auch bald nach München zurückging, waren die Aussichten für ihn schlecht, denn wie Therese ihm gesagt, verschloß Silvia an jedem Abend den Schmuck in einem diebessicheren Schrank.
Und doch mußte er, wollte er ihr die Perlen nehmen! Es schien ihm, als lägen die Perlen wie ein Hindernis zwischen ihm und ihr und als könnte er erst danach trachten, sie selbst sich zu gewinnen, wenn er ihr die Perlen genommen hatte.
Seit heute aber wußte er, daß alle Schätze der Welt ihm nichts bedeuteten, wurde Silvia nicht die Seine!
Sechzehntes Kapitel.
Therese Ranken hatte sich den ganzen Vormittag gelangweilt und empfing Silvia, als diese von ihrem Ritt mit roten Wangen und glänzenden Augen zurückkehrte, recht ungehalten.
„Ja, wie lange bist Du denn fortgeblieben. Silvia! Halbtot geängstigt habe ich mich. Wo warst Du denn nur?"
Sie hatte sich gar nicht geängstigt, nur schlechter Laune war sie, ober Silvia bemerkte das zunächst nicht, erzählte angeregt, wie sie im Wolde planlos umtjerge- ritten wäre, schließlich sich verirrt hätte und bann plötzlich Wolf Eggenbrecht begegnet sei.
„Ach--darum!" sagte sehr gedehnt Therese und
lächelte spöttisch. „Darum hast Du wohl auch Falk zurückgeschickt."
„Nein, f^alk war doch schon längst nicht mehr bei mir," erklärte Silvia. „Falks Pferd verlor ein Eisen und . . ."
„Da hättest auch Du zurückkehren sollen," fiel The- refe ein. „Du weißt doch, Leo wünscht nicht, daß Du ohne Begleitung reitest.."
„Das Wetter war zu schön!" entschuldigte sich Silvia. „Und was ist denn auch dabei," meinte Frau von Branding. „Du bist doch früher oft genug allein ausgeritten, Thereserl."
arbeitSministerium ein Gesetzentwurf rur Einführung einer allgemeinen ArbeiiSdienüPflicht im Deutschen Reiche cmSqearveüek weide, schreibt die »Deutsche Allgemeine Zeitung’ offiziös, daß an der ganzen Meldung fein wahres Wort fei. Ein wlcher Gesetzentwurf werde im ReichSarbeilS- ministeriuin weder vorbereitet, noch fei er beabsichtigt.
* Ter Plan einer Zwangsonleihe. Die Beratungen über den Plan einer ZwangSanleibe find, einer offtziö kn Meldung der »Deutschen Allgemeinen e Zeitung’ zufolge, noch nicht zum Abschluß gebracht. Der Plan werde von verschiedenen Seiten mit wichtigen Gründen vertreten; von anderer Seit« würden mancherlei Bedenken geltend gemacht. In allernächster Zeit sollen der Oeffentlichkeit genauer» Mitteilungen unterbreitet werden.
* Tie Sozialisierungskommission für die Kalt» inbuftrle dürfte laut Kuxenzeitung noch in diesem Monat zusammentreten, um neuerdmg? zu dem Plan Stellung zu nehmen und womöglich Dor- schläae zu machen.
0 Die Vereinheitlichung der staatlichen Polizei. 5m preußischen Ministerium des Innern arbeitet man jetzt an der Umformung der Polizei. Man will Sicherheitspolizei, Ordnungspolizei und Landjägerei (ernst Gendarmerie) in einen großen Topf weisen und ihnen die letzten Reste der i^ilitärischen Organisation nehmen. Die Leitung hat em Ministerrat Abegg erhalten, der einst die rechte Hand des „berühmten" Berliner Revolutionspolizeipräsidenten Eichhorn war. Er hat damals die blaue Berliner Polizei derart „reformiert" und infolgedessen unbrauchbar gemacht, daß der Nachfolger Eichhorns, der Mehrheitssozialist Eugen Ernst, Mühe genug hatte, um zu retten, was noch zu retten war. Diese „Reformen" will Herr Abegg jetzt auch bei der Sicherheitswehr durchführen, d. h. er will ihr die militärische Organisation nehmen und sie ent« kasernieren, wodurch sie natürlich ihre Schlagkraft völlig verlieren wurde. In Breslau war diese „Reform" bereits ziemlich weit geführt worden. Die Folge davon war, daß, als es zu den bekannten Demonstrationen kam, erst nach 3 Stunden genügend Polizei zur Stelle war, um einschreiten zu können. Und nach diesen Erfahrungen will man jetzt die ganze preußische Polizei in Grund und Boden „reformieren". Kein Wunder-, daß sich sämtliche Fachleute, sämtliche Polizeibeamtenorganisationen in scharfen Entschließungen gegen di« Pläne des Herrn Abegg wenden. In einer Konferenz mit den preußischen Oberpräsidenten wandten sich dies« gleichfalls, teilweise sehr erregt, gegen die neuen „Reformen". Auch die ßanbcswrfammlung wird Gelegenheit nehmen, beizeiten einzufchreiten.
* Der Mllel'andlcnral. Der Mittevandkanalous- schuß der preußischen Landesversammlung nahm einen Kompromißantrag an, nach weichem, gleich- gültig, welche Linienführung für die Vollendung des Mittellandkanals gewählt wird, das mitteldeutsche Industriegebiet an die Haupftiw« ange- schiofflcn werden soll, sei es durch einen SeitenkanÄ, sei es durch eine entsprechende Verbesserung der Schiffbarkeit der Elbe und ©aale.
* Raub an deutschem Gut. Die Neu-Guinea» Cornpagnte erhielt von ihrer Niederlassung in Rabaul die telegraphisch« M tte'lung, daß die australische Regierung offiziell den Bclchfutz der Enteignung lowohl bti Neu-Guinea-Campa,inie als auch der andern deutschen Firmen in Neu- Guinea bckanntgegeden bat.
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* * Trr englische GewerkichastSko' - st ist am Montag in Portsmouth eröffnet h?n>: Ver
treten waren 950 delegierte mit 91/» Millionen
„Ja ich — um mich war Leo auch nie so besorgt. Ihm wird es auch sehr unlieb sein, daß Silvia heut» mit Eagenbrecht zusammentraf."
„Warum?" fragte ganz erstaunt Silvia.
„A4, weil Wo', Eggenbrecht ein unberechenbarer Mensch <t"
„Den Eindruck machte er nicht auf mich, mir gefiel er gut," sagte Frau von Branding.
„Mir auch, aber ich kenne ihn. Wo er nur «» hübsches Gesicht steht, bändell er an. In Peking soll e mit ’net Engländerin und einer Holländerin gleichzeitig verlobt gewesen sein und während er jetzt um die schön» Alice wirbt, macht >r auch Silvia verliebte Augen."
Flammend rot wurde Silvia.
„Ader Therme wie kannst Du das sagen?!"
Therese zuck?, ‘ ♦ Achseln.
„Ach, Liebste, Du bist so unerfahren, ein so Herrn- loser Engel, ich muß Dich einfach warnen, hoffentlich hast Du Dich nicht für ein erneutes' ZusammentreffeW mit ihm verabredet?"
„Nein."
„Na, das ist gut."
„Für so ’nen gefährlichen Ton Juan hüt:' ich den netten Herrn von Eggenbrecht gar nicht gehalten," meinte Frau von Branding, und Therefe lachte.
„Gute Tante Nesi, gerade die Netten sind doch di« gefährlichsten!"
Als Leo am Abend aus München zurückkam, klagt« Therese Silvia bei ihm an. Sie tat es in halb scherzendem Ton, aber Leo' Ges Hl verdüsterte sich habet
„Unser» Silvia er-.u.täip'-trt sich, cagabonbiert mutterseelenallein in he- Gegend umher, während wir uns zu Hause um sie ängstigen, schickt den treuen Knecht heim und hifflt sich mit einem gefährlichen jungen Rk -er in grü 'er Wald Infamfeit.'
Branding hob den °-of, sah Silvia fragend an, und heiß erröten» b.rict*1 e sie:
„Ich traf v-'hr,-..d de, Rittes zufällig mit Herrn von Cggenbre-'-i f jammen."
„Wi" ,ch fu ,;anz zufällig?" neckte Therese.
„Ja. wann hätte ich mich denn mit ihm verabred«» können?"
„Wer unangenehm mar Dir die Begegnung nicht — wie?"
„5m Gegenteil!"
„So - sol"
.(Fortsetzung folgtl