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Nr. 207.

Beranttoortlich für den redattion. Teil i. 33.: Dr. Kramer. “ für die Anzeigen: I. Parzeller-Fuida. :: Rotationsdruck u. 3 erlog der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernsprecher Rr. ti Telegr.-Adreise: Fuldaer Zeitung

Dienstag, 7. September 1920.

Bezugspreis: Monatlich 3,00 Alk. ohne Zustellgebühr. In Fulda bei uns abgeholt 3,15 2RL Anzeigenpreis: DieKleinzeile (Eotonelmatz) 60 Psg„ u. !O°/o Zuschlag, die Reklamezeile (Textbreite) 1.80 IRL, u. 10'° Zuschlag. Bei Wiederhol. Rabatt.

47. Zahrg.

Schafft Brotgetreide!

Die letzten Tage haben wieder eine Reih: von Kundgebungen gebracht, die auf die Notwendigkeit ei­ner schleunigen Beschaffung von Brotgetreidebeständen hinwresen. Der Reichsausschuß der deutschen Land­wirtschaft, in dem die landwirtschaftlichen Organisatio­nen zusammengeschlossen sind, ferner die Vereini­gung der 26 deutschen Bauernvereine und ebenso der Reichsminister für Ernährung und Landwirtschaft in der Konferenz der Ernährungsmini­ster haben ihre Stimmen erhoben und die Landwirt­schaft aufgefordert, die Getreideablieferung «ach Möglichkeit zu beschleunigen.

Man muß michin anerkennen, daß die beteiligten Stellen mit allem Nachdruck sich für die Schaffung von Brotgetreide einsetzen und daß namentlich auch die landwirtschaftlichen Organisationen in dieser Richtung sich mit allen Kräften bemühen. Seitdem das Reichs- minifterium für Ernährung und Landwirtschaft mit seinem Hinweis hervorgetreten ist, daß die Ablieferung an Getreide erheblich hinter der Ablieferung von 1918 zurückbleibt, ist die Notwendigkeit einer stärkeren Liefe- ning in den beteiligten Kreisen und auch in der Tages» presse immer wieder hervorgehoben worden. Es wird sich zeigen müssen, ob nicht bloß die Führer der Land­wirtschaftlichen Organisationen sich einsetzen, sondern ob die Landwirte dem Rufe ihrer Führ er auch folgen.

Wenn die Landwftte in ihrer Gesamtheit die Lage erkennen, werden sie sicherlich alles daran setzen, um der Aufforderung ihrer Orgarnsationsleitungen nach­zukommen, einmal, weil die deutsche Landwirtschaft jetzt die wirkliche Trägerin der Verantwor­tung für die Ernährung des Volkes wird und dann weil chr eigenes Interesie die Erreichung des von chr angestrebten Zieles die Ablieferung des Getrei­des notwendig macht. Es kann der deutschen Land­wirtschaft nicht gleichgültig sein und die hat auch oft genug bewiesen, daß es ihr nicht gleichgültig ist, wie es um die Ernährung in Deutschland steht. Sie weiß, daß Ruhe und Ordnung zum guten Teil von der Ver­sorgung mit Lebensmitteln abhängig ist und niemand kann Ruhe und Ordnung dringender wünschen als sie allein, da Produktion und Absatzmöglichkeit mm einer ruhigen Entwicklung wesentlich abhängig ist.

Es kommt das vaterländische Empfinden hinzu, wie auch die Tatsache, daß von einer besseren Ernährung die Erfüllung des S pa a - A b k o m me n s abhängig ist und damit die Rettung des rheinisch-west­fälischen Industriegebietes vor dem Einmarsch der Entente, der jenseits unserer Westgrenze nach wie vor ein allzu brennender Wunsch ist. Die Arbeiter haben sich bereit erklärt, das Ihrige zu tun, um den Vor­wand für den Einmarsch zu verhindern. Es ist Sache der Landwirte, an die Sette der Arbetter zu treten, mit ihnen eine gemeinsame Front zu bilden gegen die­jenigen, die nach dem Frieden den Krieg zu gern fort* setzen und das wichtigste deutsche Gebiet besetzen möch­ten. Die Ernährungsfrage wächst unter diesem Ge­sichtspunkt sich über eine Magenfrage weit hinaus zu einer Angelegenheit von großer Trag­weite.

Die innere Wirtschaftspolitik, wie sie von der Land­wirtschaft angestrebt ist, erfordert die starke Ablieferung nicht minder. Die Brotgetreide-Reserve, die vom Reichstage bis zum Oktober verlangt ist, wenn die Bewirtschaftung des Fleisches fallen soll, ist nun ein- mal ein« Notwendigkeit, die zu erfüllen die Landwirt­schaft ein natürliches und lebendiges Interesie Haden muß, einmal um den Zweck zu erreichen, die Z wa n gs= bewirtschaftung des Schlachtviehes los zu werden, dann aber auch, um sicher zu gehen, daß die Lockerung der Zwangswirtschaft die Gesamternäh- rung nicht beeinträchtigt. Wenn auch noch so viel Schwierigkeiten der Ablieferung entgegenstehen, wenn ber Ernteertrag an manchen Stellen auch viel zu raun- scheu übrig läßt, so werden die Landwirte sich bei kla-

Die perlen der Lggenbrechts.

28] Roman von Alexandra von Bosse.

Er war erstaunt, sichtlich überrascht, sie hier anzu- treffen, aber froh lachten seine Augen, als er sie be- grüßte, und gleich fragte er:

.Woher kommen Sie? Wie sind Sie hier in diese Daldwildnis geraten?"

»Ich weiß selbst nicht," erwiderte sie. „Ich ritt so auf Geratewohl; wie ein Märchen war er t- wie ein Daldmärchen."

»Ja, wie ein Waldmärchen —" wiederholte er und sie dabei an.

»Und jetzt reite ich nach Hause," fügte sie hinzu.

»Nach Stolzen?"

„Gewiß."

Da lachte er:

„Reiten Sie in dieser Richtung weiter, so kommen Cie — nach Altenwied!"

„Ach!"

Sie zog die Zügel an und verhielt Manlius, der lesie schnaufend mit der schlanken Dollblutstute, die Dolf ritt, anzuknüpfen versucht hatte. *

„Und warum nicht?" fragte Wolf.

„Nein, nein!" wehrte sie ganz erschrocken.

„Wir sind hier auf Altenwieder Boden, der Wald sit Altenwieder Forst."

Sie blickte zu Boden, ließ dann den Blick fast zärt­lich über die jungen Tannen gleiten, als wollte sie das Stück einstiger Heimat grüßen.

„Bin ich jo weit geritten?" fragte sie. „O bitte, Letter Wolf, weifen Sie mich schnell auf den rechten Weg, denn komme ich zu Mittag nicht rechtzeitig heim, wirb Therese sich ängstigen, wird glauben, mir sei etwas pasiiert."

„Keine Sorge!" beruhigte er. „Wenn Sie mir er­lauben, Sie durch den Wald zurückzubegleiten, werde ich Sie so führen, daß Sie in einer guten halben Stunde wieder in Stolzen sein können."

„Bitte, ja! Das heißt, wenn Sie Zeit haben?" „Hätte ich keine, nähme ich mir welche!" lachte er.

Als sie auf den schmalen Waldweg kamen, mußte sie voranreiten, er folgte, und seine Blicke hafteten an ihrer jungen, geschmeidigen Gestalt, die das Reitkleid von schwarzem Tuch eng umschloß.. Unter dem kleinen

rer Ueberlegung doch sagen, daß ihre Führer die Lage richtig beurteilen, wenn sie immer wieder die Mah­nung an sie richten, sich mit der Brotgetteideabliese- rung möglichst zu beeilen.

Die Zeit drängt! Wenn die paar Wochen verstrichen sind, die zur Verfügung stehen, wird jeder Landwirt froh sein, sich sagen zu können, daß er in dieser entscheidenden Zeit seinem Stande und seinem Lande gegenüber seine Pflicht erfüllt hat.

Die italienisch-deutsche

Ernährung-konferenz.

In Strefa (Italien) haben in Gegenwart von Vertretern EnglatDs und Frankreichs die Beratungen zwischen dem italienischen und deutschen Ernährungs- mitrifter begonnen. Soleri legte den Umfang und die Ziele der gegemvärtigen Beratung dar, welche die Verwendung des italienischen Anteils an den von der Spaaer Konferenz Deutschland zugunsten seiner Der- pslegmig bewilligten Vorschüsien derartig regeln soll, daß den Interesienton DeutschloiÄs und Italiens Rech­nung getragen wird. In feiner Erwiderung setzte der deutsche Ernöhrungsmimster Hermes die allgemeine ErnLhrungslage Deutschlands auseinander, wobei er die schon auf der Londoner Konferenz vom 4. August gegebenen Ausschlüße ergänzte und namentlich auf di« Ernährungslage m den deutschen Kohleirbezirken hm- wies. Nach dem allgemeinen Ansichtenaustausch wurde auf den Vorschlag Soleri eine Reihe von Son- berberatungen zwischen den Sachverständigen der bet- ben Völker festgesetzt, um die praktischen Möglichkeiten der Verwendung des' ttalienischen Anteils zu prüfen.

56 000 amerikanische Milchkühe?

Di« Lieferung von 50 000 Milchkühen aus Amerika nach Deutschland wird, dem „Derl. Lokalanz." zufolge, in diesen Tagen vielleicht ermöglicht werden. Es ste­hen nur noch die letzten Entscheidungen des Reichs», nähruttgsministers aus.

Der Krieg im Osten.

Polen und Lstaue«.

Die polnische Regierung hat ein befristetes Ulti­matum an die litauische Regierung gerichtet, worin sie die unverzüglich« Zurücknahme der litaui­schen Truppen au« dem Polen vom Obersten Rat zuerkannten Gebiet fordert. Im Falle einer Ab­lehnung dieser Forderung wird sich die polnische Re- gierung als im Kriegszustände mit Litauen betrachten. Darüber hinaus erklärt sich die polnische Regierung be­reit, alle Streitfragen im Wege der DerhcmükMgrn zu lösen.

Noch vor Ablauf der in vorstehender Meldung an­gegebenen Frist scheint es zu kriegerischen Verwicklun­gen zwischen Polen und Litauen gekommen zu fein. Ein Telegramm besagt:

wtb. Syerfdjan, 7. Sept. (Sei.) In der Nacht zum 2. September haben litauische Truppen, mit Artillerie und Maschinengewehren versehen, das 6. polnische Ulanenregiment in Sijny überfallen. Gleichzeitia wurde eine Eskadron des 7. polnischen UlanenregimentS von einer litauischen Abteilung angegriffen. Die pol- nischrn Truppen batten zu dem Angriff weder Anlaß gegeben, noch haben sie die vorläufige, von der Entente bezeichnete Demarkationslinie erreicht, geschweige denn überschritten. Sie litauischen Truppen haben nun die polnische Seite der Demarkationslinie, das ist die Linie

। Grbi-Scjnh-Klej Whig liniee-Linowo beseht.

Eine xeue Offensive bet Russen?

,tzavaS' berichtet: AuS verschiedenen Quellen entstammenden Nachrichten gebt hervor, daß die Dolschewisten dabei sind, ihre Streitkräfte im Norden wieder zu ordnen. Die Angriffe, welche die Ruffen im Süden Vornahmen, hatten lediglich den Zweck, die Aufmerksamkeit der polnischen Heeresleitung von der ruffischen Neugruppierung abzulenken.

Hut hervor quoll das goldigbraune Haar, schimmerte seidig über dem weißen Nacken.

Wie ist sie doch reizend und jung, dachte Wolf.

Sie ritten durch den Buchenwald, dann einen etwas breiteren Pfad hinab und gelangten so auf die Felder hinaus, die hier aber noch in Saat standen. Auf dem steinigen und ausgefahrenen Feldweg mußten sie zu­nächst noch Schritt reiten, jetzt wieder nebeneinander.

„Als mich neulich Therese Ranken gekapert hatte", begann er das Gespräch, „habe ich kaum Gelegenheit gefunden, ein Wort mit Ihnen zu wechseln, Kusine Sil­via. Haben Sie das bemerkt? Mir fiel es erst hin­terdrein ein."

„3a, Therese nahm Die ganz in Anspruch, sie hun­gerte nach Unterhaltung.

„Und Sie?"

„O, ich bin sehr an Einsamkeit gewöhnt, ich höre auch sehr gern zu. Mit Therese habe ich ja immer Unterhaltung genug, sie ist so lebhaft."

Er nickte.

„Ganz anders als ihr Setter Branding," meinte er. „Allerdings kenne ich ihn ja wenig. Sie kennen ihn bef- fer, vielleicht kann er auch heiter und unterhaltend fein."

Sie schüttelte den Kopf.

„Heiter habe ich ihn nie gesehen, er ist immer ernst; ich glaube, er kann nicht lachen."

Er entftanb eine Pause, dann sagte er überlegend:

„Merkwürdig eigentlich, daß Setter Achim sich ge­rade ihn zum Freunde wählte."

Es geschah zum ersten Mal, daß der Name zwischen ihnen genannt wurde; Silvia schwieg, senkte ein wenig den Kopf, und Wolf sprach weiter: „Ich habe ihn kaum gekannt, er lebte ja wie ein Einsiedler und war uns feind, das habe ich immer bedauert. Die alte Feindschaft . . . nun, ich gestehe, daß es mich zu Leb- Seiten gegen ihn aufbrachte, daß er diese alte Feindschaft nicht begraben wollte. Sein tragischer Tod aber, liebe Kusine Silvia, das dürfen Sie mir glauben, ist mir sehr nahe gegangen. Ich war ja 'habet der Gewinnende aber . . . ich weiß nicht, ob Sie mich verstehen . . .?"

Sie schüttelte den Kopf .schwieg, sah auf den Hals ihres Pferdes nieder.

„Ich dachte damals gleich an S- " fügte er leise hinzu.

Da blickte sie auf

Riga.

Die Eröffnung der russisch-polnischen Ver­handlungen in Riga ist für den 9. September vorgesehen. Die Soivjetregierung hat einige Be­dingungen gestellt, die von der lettischen Regierung angenommen wurden, nämlich freie telegraphi­sche Verständigung in Chriffretelegrammen und Immunität für die ruffischen Delegierten.

Oberschlefie«.

Nach den neuesten Nachrichten aus Oberschlesien wird dort die Lage immer gespannter. Von einer Waffenablicferung der Polen ist nirgends etwas zu spüren. Der englische Kreiskontrolleur in Beuchen, Major Ottley, erklärt selber, daß es unmöglich sei, von den Polen Waffen herauSzubekommen. In der deutschen Bevöl- kei ung ist das Gerücht verbreitet, daß man >n Paris mit der Absicht umgehe, die Abstimmung überhaupt nicht stattfinden zu lassen, was wohl leinen Ursprung in einer Meldung des Posener Blattes „Djiennik Potznanski^ hat, wonach in Paris schon die Frage aufgeworfen sei, ob es nicht richtiger sei, Oberschle­sien den Polen ohne Abstimmung zu geben. Die deutsche Presse in Oberschlesien ist nicht in der Lage, die skandalösen Unrichtigkeiten der polnischen Zeitungen zu berichtigen, da sie bei jedem Versuch sofort dem Verbot durch die französische Behörde unterliegt.

Noch eine Entschuldigung.

Vom Oberpräsidium in Breslau wird Nachtrag' sich mitgeteilt, daß Oberpräsident Zimmer bereits am 3. September den polnischen Konsul in BreSlau ausgesucht hat, um ihm sein Bedauern über die Vorgänge in Breslau auszudrücken. Die Unter­redung fand in durchaus verbindlicher Form statt.

Ein folgenschwerer Hebelgriff

radikaler Eisenbahner.

Die sogenannte „Reichskonttollkommission", in der die beiden sozialisfischen Parteien, der Deutsche Cisen- bahnerverband und der Transportarbetterverband ver- trften sind, hat in ihrem jüngsten Aufrufe an die Eisen- bahnbeüiensteten die Aufforderung gerichtet, die Waf- fenkontrolle auf den Eisenbahnen nicht nach den An- Weisungen des Reichsverkehrsmmisteriums, sondern nach denen der Koittrollkommffsion vorzunehmen. Diese Aufforderung hat nun einen Fall gezeitigt, der neue Verwicklungen mit der Entente schaffen kann.

Die amtlich gemeldet wird, haben am 3. Sept, die Eisenbahnarbetter auf dem Bahnhof Erfurt ei­nen mit Dürnit'on beladenen Wagen rag einem vor­schriftsmäßig anMweldeten Ententenachschud- zug abgehängt, obwohl auch dieser Wagen ordnungs­mäßig kenntlich gemacht worden war. Str Verhand­lungen mit den Arbeitern hatte die Eisenbahndirektion die Zusicherung erreicht, baß der Wagen mit dem nächsten Ententezug weiter laufen sollte.

Trotzdem fernen am 4. Sept, die Eisenbahnarbetter der verfch-edenen Dienststellen den Wagen entladen und die Munition auf freiem Felde verbrannt. Es j handelt sich um eine Million Gewehrpatronen.

i Der Reichsverkehrminister hat dir Eisenbahndirek- tion telegraphisch angewiesen, sofort alle bei dem Ab- hangen und Entladen des Wagons und der Vernich- tung der Munition beteiligten Arbeiter ohne Einhal- ftmg der Kündigungsfrist zu entlassen und sie außerdem der Staatsanwaltschaft zur ge­setzlichen Verfolgung ungültigen1 und sie für den der Eifenbahnvenvaltung etwa entstehenden Schaden haftbar zu machen. Beamte sind, soweit bisher fest- gestellt, an der Tat nicht beteiligt.

Die Quelle der Judenfe mdschaft.

Der sozialistische Eugen Ernst, bisher Breslauer Polizeipräsident, bat int „Vorwärts" einen Artikel

„Sie kannten mich ja gar nicht!"

»Vein — dar ist wahr — merkwürdig eigentlich!" überlegte er. „Heute scheint es mir, als hätte ich Sie damals schon gekannt. Jedenfalls bedauerte ich Sie gleich. Ich wußte, Sie waren jung, und der Gedanke, daß Sie Altenwied um meinetwillen würden verlassen müffen, war mir peinlich. Warum verließen Sie Alten- wied eigentlich so schnell?"

„Achim hatte es so gewünscht."

„Ja? Aber es war nicht nötig, es tat mir sehr leid."

„Das war sehr freundlich von Ihnen."

„Nur natürlich. Und ich kann mir denken, wie hart es Vetter Achim ankommen mußte, zu sterben, wiffend, daß alles, was fein war, in fremde Hände übergehen würde, noch dazu an feinen Setter aus der verhaßten Tippe der Eggenbrecht-Reiken."

„Wenn er Sie bester gekannt hätte, würde er Sie nicht gehaßt haben," sagte leise Silvia.

Er beugte sich weit vor und suchte ihr ins G:sicht zu sehen.

„Glauben Sie?" fragte er und lächelte.

Sie nickte ernsthaft.

„3a, das glaube ich! Und sonst . . . Achim hinter- ließ mir ja genug, ich bin nicht arm."

„Ich weiß," nickte er, „das Haus in München und — und die Perlen — die Perlen der Eggenbrechls!"

Heiße Glut überflutete plötzlich ihr Gesicht, und ganz erschrocken sah sie ihn an, verhielt unwillkürlich ihr Pferd; ihre Augen weiteten sich, und überstürzt rang sich die Frage von ihren Sippen:

„Glauben auch Die, daß ich mir ein Märchen aus- gedacht habe, um die Perlen behalten zu können?"

„Nein — nein! Gewiß nicht!"

„Warum sollten gerade Ti- er nicht glauben? Alle glauben es!"

„Alle —7 Nur solche, die selbst dazu fähig wären!"

„Herr von Branding sagt, niemand würde mir glauben."

„Und er selbst . . .?"

Sie senkte den Kopf.

„Er wagt es, an Ihren Worten zu zweifeln?!"

„Nein, das nicht gerade, aber er — er begreift nicht, wie Achim so handeln konnte."

(Fortsetzung folgt.) 4

über die Vorgänge in Breslau veröffentlicht, worin es u. a. heißt:

Nocb ein Wort zu den antisemitifchen Aus­schreitungen. In BreSlau besteht eine alte jüdische Kaufmannschaft, die mit der Stadt vollständig verwach, fen ist und mit der christlichen Bevölkerung in bester Harmonie lebt. Der RadauantisemitiSmuS war in BreSlau glücklicherweffe bedeutungslos. Seit einiger Zeit hat sich dort aber ein Schiebertum in schlimm, fter Sorte eingenistet. Diese Gesellschaft hat früher in den polnischen Grenzstädten ihr unsauberes Geschäft getrieben und bringt von dort alle Gewohnheiten des Schmuggler- und Gaunertums mit. Jetzt macht sie fich protzend in den TaföS und Hotels BreSlauS breit. Die Bevölkerung sieht mit Hatz, wie diese Parasiten ein raffinierte» Schlernmerleben führen, wie sie ihre Kokotten mit allerhand Schmuck und Tand behängen, wie daS Geld bei ihnen keine Rolle spielt. Die Polizei ist viel zu schwach, um dieses neuzeitliche Gaunertum mit Erfolg bekämpfen zu können.. Nun ist ber diesem Echieberturn daS jüdischeElement besonders stark vertreten. So sehr auch gerade einheimische Juden dieser Gesindel basten, der unaufgeklärte Mann sieht hier nur den Juden und verfolgt mit seinem blinden Hatz alle Juden.

So bedauerlich diese letztere Wirkung ist, um so dringender ist die Veranlassung — und zwar nicht nur in Breslau — alle erdenklichen Maßnahmen zu treffen, um dieses Schiebertum am Kragen zu faffcn. ___________________

(Eine innerpolilische Krise?

Reichswchrmimster Geßler hielt auf dem Sommerfest der würüembergischen demokratischen Partei in Ulm eine Rede, m der er das Verhältnis der Sozialdemokratie zur Regierung besprach und der „Doff. Ztg." zufolge sagte: Die Mehrheitsso­zialdemokratie habe sich unter dem Eindruck des Wahlergebnisses der Verantwortung entzogen und spreche gern« die Sprache der Verneinung, selbst wenn Gesetze vorgelegt würden, die das Kabi­nett Dauer beschlossen habe. Vor dem Wiederzusam- menttitt des Reichstages werde die Regierung sich fragen müffen, ob sie sich das weiter gefallen lassen wolle. Die Demokraten seien in die Regierung ein» getreten, weil eine Delegation nach Spaa gesandt wer­den mußte. Wenn die sozialdemokratische Preffe es so darstelle, daß sie es besser machen könne, so sei der Weg frei. Jetzt müste sich die Sozialdemokratie entscheiden, denn die Basis für die Regierung sei zu schmal.

Der italienische Bolschewismus.

In Italien vollzi-ehsn sich seit einiger Zett höchst be­merkenswerte Ereignisse. DieBewegungderra- dikalen Arbeiterschaft, die in Mailand mit der gewaltsamen Besetzung mehrerer großer Fabri­ken begann, nimmt immer weiteren Umfang an. Ende der Doch« waren in ganz Italien alle größeren Fa­briken der Metallindustrie in der Hand der Arbeiter. Zum 10. September haben die Metallarbeiter der In- dustrien ein Ultimatum gestellt. Gegebenenfalls sollen dann alle Fabriken besetzt werden. Vielfach ist bereite eine Bewaffnung der Arbeiterschaft erfolgt. Vor allem sind die Fabrikwachen bewaffnet. Einige sind mit Hellebarden aus der guten alten Zeit versehen; andere tragen Schußwaffen, vom Revolver -ingefangen bis zum Detterli-Gewehr und moderne Karabiner. In Sesto san Giovanni kann man sogar Rotgardisten sehen, die den Stahlhelm tragen, mit dem Sowjetabzei­chen als Kokarde. Zu den Versammlungen werden die Arbeiter mit militärischen Signalen gerufen.

Blusige Zusammenstöße.

Ein Trieftet Telegramm des „Secolo" aus Mai­land meldet, daß es infolge des Generalstreiks zu Ziffammenstößen zwischen bewaffneten Sozialisten und Mitgliedern des bürgerlichen Blockes tarn, bei denen ts Schwerverletzte gab. Die Karabmerie veran­laßte Hmisfuchungen in den Räumen der sozialistischen Partei und der bürgerlichen Blockparteien. An den letzteren Orten »erliefen sie ergebnislos, während bei den Sozialisten Waffen und Munition beschlagnahmt wurden. Unter dem Beifall der Menge entfernten die Karabinerie die S o w j e t f a h n e von dem Sektor der Sozialisten.

Aus dem besetzten Gebiet.

„veleidlguitg der farbigen Truppen." Der Inhaber der Mainzer stereothpieanstalt Bergen in Mainz, Herausgeber einer sogen. Plattenkorrespondenz für kleinere Zeitungen, wurde vom französischen Milttär- aericht in Mainz wegen eletbigung der farbigen Truppen zu drei Monaten Gefängnis und 6000 Mark Geldstrafe verurteilt und sofort in Haft ge­nommen.

HranMerung eines Ortsnamens im Saarbecken. Durch eine Verordnung der RegierunaSkommission wird der Name der Gemeinde Schönbruch im Kreise Saarlouis wieder in die frühere Bezeichnung Beau­marais umgeändert.

Deutscher Reich.

♦ Der volkswirstchatfliche Ausschuß des Reichstags wird zur Erledigung des vorliegenden Arbeitsstoffes eine ganze Woche tagen. Nach eingehender Beratung der Äonjunftur in der Leder- und Schuhindu­strie nahm der Ausschuß mit 14 gegen 12 Stimmen einen Antrag Allekotte (Zentrum) an, die Reichsregie, rung zu ersuchen, bei Einziehung des Konjunkturgewin- nes unter Anwendung der Bestimmungen der Para­graphen 4 und 20 so schönend vorzugehen, daß die Le­bensfähigkeit der Lederfabrikationsbetriebe, insefvndere der »Heineren und mittleren, nicht gefährdet wird.

* Die Sozialisierung der deutschen KohlenWirt- schäft. Di« SozialisierungSkommission des Reichs­tages hat nach viermonailicher Arbeit am 31. Juli ihre Arbeiten über die Sozialisierung der deutschen Kohlenwirtschaft (Produktion und Verteilung) abge­schlossen und wie schon kurz gemeldet, Bericht dar­über erstattet Die Kommission spaltete sich im Endergebnis in zwei Gruppen. Die eine ver­tritt die sofortige Vollsozialisierung in derselben Richtung wie die Kommission des Vorjah­res. Die andere Gruppe schlgat eine allmä-httihe