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aerZeitung

Nr. 206.

VerantworNich für den ceüattion. Teil i. V.: Dr. Kramer. :: für die Anzeigen: I. Parzeller-Fulda. :*

Rotationsdruck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernsprecher Nr. 9. Telegr.»2ldre!fe: Fuldaer Zeitung

Montag, b. September 1920.

Bezugspreis: Monatlich 3,00 M. ohne Zustellgebühr. In Fulda bei uns abgeholt 3,15 Mk. Anzeigenpreis: DieKleinzeile (Colonelmatz) 60 pfg., u. 10°l« Zuschlag, die Re klamezeile (Textbreite) 1.80 IRL, u. 10e/» Zuschlag. Bei Wiederhol. Rabatt.

47. Zahrg.

Was lehrt der Sühnestreit?

lieber Sonntag ist die Verständigung zwischen Deutschland und Frankreich in förmlicher Weise zu­stande gekommen. Deutschland hat die ersten fünf Forderungen, die sich auf den Breslauer Vorfall be­ziehen, ohne weiteres angenommen und Frankreich hat eine Milderung der zwei weiteren Forderungen zuge­lassen, indem die Disziplinarstrafe gegen den Haupt­mann o. Arnim durch die Versetzung in die Provinz abgelöst wird und an Stelle des Reichskanz­lers der Minister des Auswärtigen den verlangten Sühnebesuch in der französischen Botschaft abgestättet hat.

Nach Lage der Dinge kann man mit diesem Aus­gleich zufrieden fein. Freilich wäre es tief zu be­dauern, wenn wir aus dem für uns Deutsche doch recht schmerzlichen Vorfall nicht einige Lehren zögen.

Die erste Nutzanwendung für alle vernünftigen Bürger ist der Verzicht auf alle Demon- strationen ,die auf eine Kränkung der fremden Mächte hmauslaufen könnten. Was wie eine patriotische Heldentat onsängt, läuft erfahrungsgemäß auf eine Demütigung und Schädigung des Vabertcmdrs hin­aus

- Dann müssen alle Beamten und Behörden, die an der Erhaltung der Ruhe und Ordnung Mitwir­ken sollen und können, mit der größten.Umsicht und Tatkraft auf dem Posten fein, wenn Massenveran­staltungen oder Straßenaufläufe stattfinden, die unter dem Einfluß von Hitzköpfen oder hinterlistigen Ver­führern zu Ausschreitungen führen könnten. Der Polizeipräsident Ernst von Breslau ist abberufen worden. Offenbar hat die Regierimg erkannt, daß er nicht die nötige Energie und Geschicklichkeit erwiefen hat, um das französische Konsulat zu schützen, dessen Bedrohung schon rechtzeitig zu erkennen gewesen wäre. Die ausgeschriebene Belohnung für die Er­mittlung der Breslauer Uebelläter ist nachträglich auf das Fünffache erhöht worden: ein Zeichen, daß die erste Ausschreibung der Bedeutung des Falles nrchi entsprach. Unsere Ordnungskräfte sind ja leider schwach, woran die Entente wesentlich schuld ist, um so mehr müssen die leitenden Beamten aus die zwkckmäßige und schnelle Verwertung der vorhandenen Ordnungs- kräfte bedacht fein. Im Falle Arnim darf man als sicher annehmen, daß kein Befehl zum Singen gegeben ist; es wäre aber sehr gut gewesen, wenn bei dem unvorsichtigen Anstimmen des Liedes ein Gegenbefehl erfolgt und der Gesang wenigstens bis auf weitere Entfernung inhibiert worden wäre. Weder im Vor­beugen von Ausschreitungen noch in der nachträglichen Ahndung darf den deutschen Behörden und Soldaten die geringste Nachlässigkeit oder Schwäche zur Last fallen; sonst geraten wir ins Unrecht und muffen bittere Sühne leisten.

Diesmal hatten die Breslauer Ruhestörer uns in schweres, offensichtliches Unrecht versetzt, und wir kön­nen noch froh sein, daß die Regierung,mit einem blauen Äuge" davongekommen ist. Nun dürfen wir aber nicht das Schicksal noch einmal herausfordern. JedeDemonstration" mit Hochpofttischer Zuspitzung ist wie ein Feuerwerk in einem Pulverschuppen. "

Die Entschuldigungs-Zeremonie.

Der Reichsminister des Auswärtigen Dr. Simons und der preußische Minister des Innern Severing such­ten am Sonntag mittag den französischen Botschafter aus. Dr. Simons erklärte Herrn Laurent folgendes:

In der Note vom 30. August hoben Eure Exzellenz der deutschen Regierung die Bcdmgungen mitgeteilt, unter denen die Regierung der französischen Republik die Bei­legung des Zwischenfalls herbeiführen will, der sich auf dem französischen Konsulat in Breslau am 26. August d. I. zugetragen hat. Zugleich haben Sie auf eine Reihe non Kundgebungen und Angriffen gegen zivile und militärische Vertreter Frankreichs in Deutschland hin gewiesen. Dabei haben Eure Exzellenz betont, daß die Regierung der sran- zösischen Republik mit der deutschen Regierung in einer

Die perlen -er Eggenbrechts.

27] Roman von Alexandra von Bosse.

Leo ließ sich nicht nachservieren, er hatte schon auf dem Vorwerk gegessen, setzte sich aber doch, weil nun Kaffee gereicht wurde. Seit seinem Eintritt war es, als wäre eine Wolke vor die Sonne getreten, die ganze Stimmung veränderte sich. Therese kokettierte nicht Mehr, blickte etwas mißmutig vor sich nieder, erkundigte sich dann fast übertrieben freundlich, ob der.Ritt nicht sehr heiß gewesen wäre, bedauerte Leo, als er bejahte. Silvia hatte schon bemerkt, daß Therese, feit sie in Stol- zen war, sich Leo gegenüber anders gab, sie brüskierte ihn nicht mehr, heucheste oft sogar Interesse für seine Forschungen, ging ihm sozusagen, so weit das bei ihm möglich zu machen war, um den Bart. Es schieb wirklich, als habe Therese es sich überlegt und als wollte sie doch noch Herrin auf Stolzen werden.

Sobald der Kaffee getrunken war, empfahl sich Wolf, und niemand hielt ihn zurück.

Als er Silvia die Hand küßte, sagte sie:

Ihr Reitstock ist noch immer bei mir in Mün­chen."

Den hole ich mir schon noch," erwiderte er.Auf Wiedersehen, Kusine SUvial"

Ja, aus Wiedersehen!" antwortete sie herzlicher als sie selbst wußte.

Die alte Frau von Branding und Therese zogen sich zu einem Mittagsschläfchen zurück, auch Silvia war müde nach dem ausgedehnten Ritt, wollte etwas ruhen Und begab sich auf ihr Zimmer, Branding aber ging auf die Veranda hinaus, dort feine Zigarre zu rauchen.

Er war in Gedanken. Es war ihm nicht recht, daß Cggenbrecht heute gekommen war und nun vielleicht ein Unliebsam reger Verkehr zwischen Altenwied und Stol­zen sich anspinnen würde. Therese wußte doch, daß er solchen Verkehr nicht wünschte, warum also hatte sie den Allenwieder zu Tisch ausgesordert. Anscheinend hatte er einen Besuch nicht einmal beabsichtigt, sonst wäre er ?aum im Reitanzug gekommen.

Er war ärgerlich und beunruhigt. Er hatte beobach- «t, wie steundlich Silvias Blick obwohl ihr selbst ganz unbewußt auf Eggenbrechts Gesicht geruht hatte; ihm war nicht entgangen, wie herzlich ihre Stim­me geklungen, als sie ihm zum Abschied die Hand ge­geben undAuf Wiederfeben!" gesagt hotte. Es war

Atmosphäre der Beruhigung und der Arbeit friedliche Be­ziehungen zu unterhalten wünsche. Derselbe Wunsch er­füllt die deutsche Regierung. Sie mißbilligt auf das entschiedenste diese Vorkommnisse, die, wie die Vorgänge in Breslau durch gewisse Umstände und Ereignisse erklärt, aber nicht gerechtferliat netten 'önnen. Die deutsche Re­gierung bedauert alle Zwischenfälle, deren Opfer französische Vertreter oder Staatsangehörige gewor­den sind, und wird die in der Rote vom 30. August ge­forderten Genugtuungen gewähren."

Der stanzösische Botschafter erwiderte:Im Namen der Regierung der Republik nehme ich Kenntnis von der Er- kiänmg Eurer Exzellenz und der Zusage der Reichsregie- rung, daß sie die ihr mitgeteilten Wiedergutmachunasforde- rungen erfüllen wird. Lossen Sie mich, Herr Minister,- der Hoffnung Ausdruck geben, daß sich ähnliche Zwischen­fälle nicht wiederholen, und daß die Beziehungen Deutsch­lands und Frankreichs sich von nun an i m G e i st e f r i e d« kicher Zusammenarbeit gestalten werden, der für die wirtschaftliche Wiederaufrichtung und das Ged.nyen beider Teile so nötig ist."

Sodann machte der Reichsministcr von den durch die Reichsregierung, der Minister des Innern von den durch die preußische Regierung in (Erlebtgung der französischen Forderung getroffenen oder eingelciteten Maßnahmen Mitteilung.

Halbamtlich wird geschrieben: Zu den Forderungen, die wegen der Vorfälle in Breslau von der französischen Re- gienmg gestellt worden sind, gehören auch militärische Ehrenbezeugungen durch eine Kompanie der Reichswehr bei der Wiedereröffnung des französischen Kan- sulotes. Aus den Verhandlungen des Ausschusses für aus» roäriiiae Angelegenheiten ist bekannt geworden, daß üch die Vertreter aller Parteien in voller Würdigung der Schwere dieser einem Teile der Wehrmacht auf er!egten Auf­gabe dahin ausgesprochen haben, daß die Forderung richt abgelehnt werden könne. Die Regierung verläßt sich auf d.-n Gehorsam und auf das Pflichtbewußtsein der Truppe, die berufen fein wird, ihrem Eide gemäß die Weisung der Regierung auszuführen. Sie rechnet bei allen Ange­hörigen der Wehrmacht ans Verständnis für die schwierige Loge, in der wir uns befinden. Pflicht der Bevölke-n-g wird es sein, der Truppe die Erfüllung einer Aufgabe, die f;? mit Selbstverleugnung auf sich nimmt, nach Kräften zu erleichtern. ____

Der veutfch-polirische NatlonaMStenkampf.

Ein Ariedensrvorl des Kardinals Bertram.

Unter dem Datum des 31. August hat der Hochw. Herr Fürstbischof von Breslau, Kardinal Bertram ein mahnendes Wort an die Katholiken Oberschlesiens gerichtet. Darin heißt es u. a.:

Die öffentlichen Gewalttätigkeiten, die in Oberschlesien in den letzten Wochen infolge der politi­schen Wirren verübt sind und dre zu Blutvergießen und Beraubungen geführt haben, haben mit Grund weit über Schlesiens Grenze hinaus Schrecken und tiefe Ent- rüfiung hervorgeruken Da eines der bedeutsamsten Gebiete unserer Diözese von dieser Heimsuchung be­troffen ist, kann ich baiu nicht schweiaen, so sehr auch immer meine Zurückhaltung in allen die politischen Streitfragen berührenden Dingen von pflichtmähiger Vorsicht geleitet gewesen ist und bleiben wird. Nickst politische Gründe bewegen mich zur Mahnung an die Oberschlesier, sondern das Bewußtsein, alle ohne Ausnahme an die Christenpflichten er­innern zu müssen.

Gottes Gebot ist es, Siebe und Gerechtigkeit allen ohne Ausnahme zu erweisen, einerlei, welchen Stammes und welcher Sprache sie sind. Achtet einen« der. Gönnet jedem die Pflege feiner Eigenart in Sprache und Volkssitte. Meidet alles, was verhetzend wirken kann. Haltet fern von euch Zeitungen, die giftige Zwietracht ausstreuen.

Haltet euch fern von denen, die seit Monaten in maßlosen Lästerungen und aufreizen­den Reden sich ergehen, die dann zuletzt zu Gewalt­tätigkeiten führen müssen.

Ächtet die Freiheit ber Abstimmung, die jedem Stimmberechtigten gegeben ist. So ist es auch der Wille des Heiligen Vaters, der ausdrück­lich mahnt, daß diese Freiheit von niemand weder direkt noch indirekt verletzt werde. . . . Nie soll die Kirche zum Schauplatz politischer Reden und Demonstrationen werden. Nie soll ein Priester an sol-

| chen politischen Demonstrationen sich beteiligen, die ' einen des Priesters unwürdigen, verhetzenden Charakter tragen. Wo er seiner Meinung Ausdruck gibt, soll er allen voranleuchten durch Maßhaltung und scho­nende Rücksichtnahme auf anders denkende Pa- rochianen. Das gilt allen ausnahmslos, einer­lei welchen Stammes und welcher Sprache sie find.

So will es unsere Religion und unsere Kirche. So will es das kirchlich gesinnte, treu katholische Volk, das längst die Verhetzungen und lieblosen Verleumdungen müde ist und sich nach Ruhe und Ordnung sehnt.

Da ein persönliches Erscheinen in Oberschlesien zu «meinem tiefen Schmerze zurzeit mir unmöglich ge- m a ch i wird, bitte ich die katholische Presse um Ver­breitung dieses Mahnwortes.

Schließlich bitte ich alle, die es mit Oberschlesien gut meinen, die bevorstehende Entscheidung in heißem Ge­bete her Göttlichen Vorsehung zu empfehlen.

Diese Worte bilden einen Lichtblick in dem Wust gehässiger Kundgebungen, die aus den beiden feindlichen Lagern täglich in Wort und Schrift in die Welt geschleudert werden.

Deutsche Noten über Oberschlesien.

Die Reichsrogierung hat dem Präsidenten der Friedenskonferenz am 21. Auaust eine Note über Oberschlesien zugehen lasten, in der die ver­bündeten Regierungen auf den Ernst der Lage im Ab- stimmungsgebiet sowie darauf hingewiefen wurden, deß die Bildung bewaffneter feinden aus der ortssingeief- fenen Bevölkerung sich mit den Bestimmungen des Fne- densvertrages ebensowenig vereinbaren läßt, wie die Anwesenheit ortsfremder bewaffneter Elemente. In einer weiteren Note, die am 25. August überreicht worden ist, sind die alliierten Regierungen erneut auf die bedrohliche Entwicklung der Dinge in Oberschlesien aufmerksam gemacht worden. Die Regierungen in Paris, London, Rom und Warschau sowie der "ä'fft- ftche Stuhl werden von dem Inhalt der Note in Kennt­nis gesetzt.

Drei deutsche Weißbücher.

Der auswärtige Ausschuß des Reichstages hat die Reichsregierung ersucht, ihm eine Zusammenstellung der einwandfrei feststellbaren Tatsachen über Ober­schlesien zu übermitteln. In Erledigung dieses Er­suchens werden drei Weißbücher zusammenge­stellt. Das erste wird eine authentische Schilde- rung aller von den Aufständischen ver­übten Gewalltaten unb Morde enthalten. Das zweite wird Beweise dafür erbringen, daß ein Teil der in Oberschlesien verwandten interalliierten Truppen es nicht nur unterlassen hat, gegen die Auf­ständischen eintzuschreiten, sondern daß sogar an eini­gen Stellen von der Truppe offenfür die polni- schen Banden Partei genommen worden ist. Das dritte Weißbuch wird sich mit den Vorberei­tungen beschäftigen, die polnischersests für dre Orga­nisation des Aufstandes getroffen wurden.

»in bemerkenswerter Rücktritt.

Aus Oberschlesien wird gemeldet, daß die drei englischen Äreisko ntrolleure in Tarnowitz, Groß-Strehlitz und Beuthen ihre Entlassung emreichten mit Rücksicht auf die in ihren Bezirken von französischer Seite geübte Parteilichkeit. Den Kreiskontrolleuren in Tarnowitz und Groß- Strehlitz wu-dr die Entlastung bereits bewilligt.

Die Festsetzung der Danziger Desigrenze.

Die Grenzkommisston unter dem Vorsitz des Gene­rals Dupont setzte die Freistaatsgrenze von der Ostsee bei Zoppot bis zum Lokener See fest. Dadurch gewinnt der Freistaat ein etwa 19 Quadrat­kilometer breites Waldgelände der Zoppot-Oliaer Wälder.

Streik der Polen unter sich.

Die Gegensätze zwischen Posen und Warschau hat- ten schon seit längerer Zeit Formen angenommen, die

ganz unverkennbar, daß der junge Detter ihr gefiel. Und wieder regte sich Eifersucht in Branding, weckte Haß in feinem Herzen gegen den neuen Herrn von Altenwied. Was, wollte er auch nach Silvia seine Hand ausstrecken? Hatte er nicht genug an dem, was Achim ihm sonst hatte Hinterlasten müssen? Nein, nie­mals sollte Silvia sein werden! Das durste er Achims bester Freund, nicht zulassen, schon Achims we­gen nicht!

Aber auch sich selbst wollte er Silvia nicht rauben lasten nein! Ihm gehörte sie! Ihm hatte Achim die Frau sterbend hinterlassen! Ihm gehörte sie, wie Altenwied dem Eggenbrecht gehörte!

Auf dem Tisch der Veranda tag eine flache Mappe von dunkelrotem Leder, die hatte Branding, während er sich seinen Gedanken hingab, mechanisch hin und her geschoben. Ebenso mechanisch schlug er sie auf, starrte auf das weiße beschriebene Blatt, erst ohne zu lesen. Da traf sein Blick auf den eigenen Namen und gedan­kenlos las er:

. . . Branding aber ist ein seltsamer Mensch, sehr verschlossen, kalt ein Einsamer. Ich weiß eigent­lich nicht, wie ich mich mit ihm stehe. Er ist Ursels Vormund, mein Berater und war meines armen Achims einziger, treuer Freund, aber das ist auch alles; denn mir persönlich ist er nichts, und manch- mal scheint mir--

Hier brach der Brief ab, und jetzt erst erfaßte Bran­ding den Sinn der Worte, die, wie er an der Hand- fchrift erkannte, Silvia geschrieben hotte. Nun las er noch einmal, und sein bleiches Gesicht wurde dabei noch bleicher, ein Zug verbissenen Schmerzes grub sich um feinen fchmallippigen Mund ein.

Mir persönlich ist er nichts!" wiederholte er halb­laut.Nichts?" . . . Und langsam ballten sich feine schmalen, langgtiebrigen Hände, so fest, daß die Nägel in den Handballen schnitten.

Nichts!" zischte er zwischen den zusammengepreß­ten Zähnen hervor.Und doch doch!" stöhnte er auf, schlug die Mappe zu und erhob sich. Langsam ging er bis an die Steinbaluftrabe der Veranda, blieb da stehen und blickte starr auf den Rasenplatz nieder, über dem Sonnenglut zitterte.

Da rührte sich etwas hinter ihm, er drehte sich um. Silvia stand am Tisch, zart und schlank in ihrem weißen Leinenkleid, wie eine Erscheinung; ihre Hand streckte sich nach der Mappe aus. Sie erschrak sichtlich, als sie in

fein Gesicht sah, das ganz verzerrt und wie versteinert war.

Sie raffte die Mappe und das kleine Reifetintenfaß auf, streifte noch mit scheuem Blick Brandings regungs­lose Gestalt und ging.

Er ließ sie gehen . . . diesmal noch ...

Fünfzehntes Kapitel.

Es war zwei Tage nach Wolfs Besuch in Stolzen, da benutzte Silvia die Gelegenheit, als Branding ge­schäftlich in München zu tun hatte, um in Falks Be­gleitung auszureiten. Der Morgen war wunderschön, frisch und klar, wie selten im Juli. Silvia hatte erst als junge Frau unter Achims Leitung reiten gelernt, ritt leidenschaftlich gern und leicht etwas tollkühn, was Branding schon bemerkt hatte. Darum hatte er ihr ein recht zuverlässiges Pferd zur Verfügung gestellt, einen großen Brandfuchs, der gut vorwärts ging, weich- mäulig war und keine Mucken hatte.

Silvia genoß den Ritt aus vollem Herzen und ver­gaß dabei fast den alten Falk. Nach einem langen, scharfen Galopp über weites, schon abgeerntetes Ger­stenfeld verhielt sie am Waldrande endlich ihr schnau­fendes Tier, und hier holte der Stallmeister sie ein. Er war kein Freund von so tollem Reiten, und als er bei Silvia ankam, sagte er brummig:

Die Leda hat ein Eisen verloren, Frau Baronin, wir müssen nun heimreiten."

Bei dem herrlichen Wetter . . .? Nein! Reiten Sie nur heim, Falk, ich komme später nach."

Ja, das wird dem Herrn Baron aber nicht recht sein", meinte er bedenlich.Ich soll doch auf Frau Baronin aufpassen."

Das will ich schon verantworten. Reiten Sie nur zurück," erwiderte sie mit einem Lächeln, weil es sie amüsierte, daß Branding ihr den alten Falk gleichsam als Gouvernante mitgegeben hatte.

Sehr ungern gehorchte Falk; aber was sollte er ma­chen! Die Leda fing schon an zu lahmen, und so wen­dete er sein Pferd und ritt im Schritt nach Stolzen zurück. Silvia aber lenkte in den Wald ein und trabte langsam auf weichem Waldrasen eine breite Schneise hinauf. c

Zu beiden Seiten des Weges standen in feierlicher Ruhe dunkle, masthohe Tannen, deren Zweige tief her­abhingen. Sie waren wie glänzende, grüne Arme, die sie schützend über die bunten Blumenfinber am Wald-

einen offenen Konflikt erwarten ließen. Die Pose­ner Polen sind Gegner der Warschauer Re­gierung und finden eine starke Stütze an der Po­sener Reservearmee. Nun haben wirklich am Samstag pommerellische Truppen den Bahnhof und sämtliche öffentlichen Gebäude der Stadt Graudeuz besetzt, um die Kongreßpolen gewalffam aus der Stadt zu ver­treiben. Kurz daraus wurde die pommerellische Be­satzung von einer kongreßpolnischen Schwadron Ka­vallerie überrumpelt und entfernt. Aus Posen werden 8000 Mann pommerellische Truppen erwartet, um Graudenz und alle ehemals preußischen Gebietsteile von kongreßpolnischen Truppen zu säubern. Die Un­abhängigkeitsbestrebungen der Posener Polen bedeuten unter keinen Umständen eine Erleichterung des schweren Drucks, den die Deutschen im abgetretenen Gebiet zu erleiden haben und der sich in den letzten Wochen bis zur Unerträglichkeit gesteigert hat.

Polen vom Typhus bedroht.

Balfour forderte im Auftrage des Völkerbundes einen vorläufigen Kredit von 250 000 Pfund Ster­ling zur Bekämpfung der Thphusepidemie in Polen an.

Die russischen Kriegsgefangenen in Ostpreußen.

Betreffs der Frage der rusfifchen Kriegsgefangenen ht Ostpreußen wird mitgeteilt: Für die Unterbrin­gung der internierten Russen und Polen muhte auf die Kriegsgefangenenlager im Westen zurückgegriffen werden, da die internierten Truppen möglichst weit vom Kriegsschauplatz entfernt unterzu- bringen sind. In Betracht tarnen die Lager in S o l- dau, Hameln, Bayreuth, Falkenberger Moor und Springhirsch. Aus oerschiedenen Ortschaften wurden Einsprüche gegen die Unterbrin­gung der Russen laut Die Unterbringung derselben auf den großen Truppenübungsplätzen ist unmöglich, da die Bewachungsmannschaften nicht ausreichen. Heb- rigens kann darauf hingewiefen werden, daß bisher noch bei keinem einzigen Russen eine Insubordination gemeldet wurde. Von Moskau erging vielmehr der Befehl an die Truppen, die Gefangennahme durch die Polen zu vermeiden und lieber auf deutsches Gebiet überzutreten und sich dort entwaffnen zu lassen. Wei­ter wurde ihnen eingeschärft, nichts zu unternehmen, was geeignet wäre, die korrekten Beziehungen zwischen Deutschland und Rußland zu stören. Die Zahl der gefangenen Polen beträgt 2800, die der Russen 4t 671.

Die tnfernafionde Finanzkonferenz.

Die internationale Finanzkonferenz ist endgültig auf die Zeit vom 24. September bis 8. Oktober festgesetzt worden. Es sind 33 Staaten vertreten. Jeder etaat hat den Anspruch auf d r e i Vertreter. Die Beratungen finden in dem Gebäude der belgischen Deputierte:»':m- mer in Brüssel statt. Die Mittelmächte haben Ein­ladung angenommen.

Die Generalstreikbewegung.

Abbruch des GenerÄskrelks in Hanau.

Am Samstag haben, nach Meldung unseres 3« Mitarbeiters, die Hanauer Arbeitgeber in die restlose Wiedereinstellung aller streikenden und entlass. Arbeiter gewilligt. Kündigungen, die vor Ausbruch des Streiks ausgesprochen sind, bleiben bestehen. Heber die wei­teren Forderungen soll mit den Gewerkschaften, nicht mit dem Gewerkschaftskartell verhandelt werden. Dis Arbeitsaufnahme soll am heutigen Montag erfolgen. Auf dem Marktplatze wurde nachmittags 3 Uhr das Ergebnis der Volksmenge bekannt gegeben und der Abbruch des Generalstreiks beschlossen. Die Redner der kommunistischen und sozialdemokratischen

ranbe breiteten. Ihrer Rinde und ihren Nadeln ent» strömte kräftig würziger Dust und vermischte sich mit dem der feuchten Walderde.

Nun kreuzte ein ganz schmaler Pfad die Schneise. Und von leiser Neugier getrieben, bog Silvia in ihn ein, indem sie ihr Pferd in Schritt fallen ließ. So gelangte sie nach einiger Zeit in einen alten Buchen­wald, in dem sie noch nie gewesen war. Wundervoll war es da, kühl und kirchenstill. Schlangengleich, glatt und grau wuchsen die Stämme empor, und ihre mäch­tigen Kronen vereinigten sich zu einem Domgewölbe, durch dessen dichtes Laubnetz die Sonne feine goldige Strahlenbündel sandte.

Die Luft in dem grünen Halbdämmer schimmerte und zitterte von tausend feinen Fäden, die kleine Spin­nen von Stamm zu Stamm, von Ast zu Ost gesponnen hatten, sie hingen sich an Manlius', des Brandfüchsen, Mähne, ftreiften, wie mit hauchleichten ©eifterfingern, Silvias Gesicht. Ganz still war es, kein Vogel zwit­scherte, nichts war zu hören als das saugende, leise Knarren des Sattelzeugs, wenn Manlius, der hier und da stehen blieb, um ah Haselzweigen zu knabbern, wei­terschritt. Silvia achtete nicht mehr auf das Pferd, nicht auf den Weg; ganz traumhaft ritt sie weiter, wußte nicht, fragte nicht: wohin? Schlafs lagen die Zügel in ihrer Hand.

Auf einmal hörte der Buchenwald auf, und der Pfad führte in eine junge Fichtenschonung hinein. Hier sprang ein alter Hase erschrocken über den Weg, und plötzlich schrie ein Regenvogel grell, wie höhnisches Gelächter klang es, und Silvia fuhr aus ihren Träumen auf, ver. hielt Manlius und sah sich um.

Ja wo bin ich eigentlich? fragte sie sich.

Ein Blick auf ihre Armbanduhr belehrte sie, daß es Zeit war, heimzureiten, aber sie vermochte dazu nicht den gleichen Weg zu wählen, ritt langsam weiter, bis wieder eine Schneise sich zur Seite öffnete, in die sie einlenkte.

Raun* war sie hier eingebogen, so erblickte sie in dem sich scheinbar verengenden Tunnel der Schneise, wie burtf, ein umgekehrtes Fernglas gesehen, einen Reiter, unb kaum hatte sie ihn erblickt, wieherte Man- fius dem Artgenossen da vorn einen Gruß zu. Sofort sah der Reiter sich um, wendete sein Pferd, kam in ra­schem Trabe zurück, unb schon von weitem schwenkte er bie Mütze. Wolf Eggenbrecht war es.

'(Fortsetzung folgt.).