aerZeitung
fir. 204.
Verantwortlich für den redaktlon. Teil i. B.: Dr. Kramer. 2 für die Anzeigen: I. ParzeUer-Fulda. " Rotationsdruck u. Verlag der Fuldaer Artiendruckcrel in Fulda. Fernsprecher Nr. 9 Telegr.-Adresie: Fuldaer Zeitung
Sreitag, 3. September 1920»
Bezugspreis: Monatlich 3,00 Mk. ohne Zustellgebühr. In Fulda bei uns abgeholt 3,IS M. Anzeigenpreis: DieKleinzeile (Colonelmah) 60 JJfg, u. 10"j, Zuschlag, die Reklamezeile (Tertbreite) 1.80 Mk., u. 10% Zuschlag. Bei Wiederhol. Rabatt.
47. Zahrg.
Oberschlesien.
Die Ententestvatsmäimer Huben ihre Unfähigkeit, «snen wirklichen Friedenszustand in (Europa zu schaffen, : nirgends deutlicher erwiesen als dadurch, daß sie Ober« fchlesien für lange Zeit zum Zankapfel zwischen Deutsch, land und Palen gemacht haben. Mit fürchterlicher ®ut wird jetzt m Oberschlesien ein unversöhnlicher Rationalitätenkampf durchgefochten, unter dessen Aus» / Birkungen die beteiligten Staaten aufs schlimmste zu seiden Haden. Wie verschiedenen Blättern berichtet vtrd, muß festgestellt werden, daß das Beuthe» ner Abkommen wieder und wieder verletzt nror= |»n ist, slchaß man von einem Innehalten der dort getroffenen Abmachungen lediglich seitens der Deutschen reden kann. Der „Germania" wird aus Oberschlesien über eine jedes gläubig« Empfinden empörende Handlung polnischer Nationalisten berichtet, die darin besteht, daß die Polen den Priesterbesuch bei Sterbenden verhindern.
Alles das beweist, wie erhitzt die Geister in diesem Grenzland sind. Besonders erschwert wird die Lage durch den Umstand, daß das zum Wächter über die objektive Durchführung der Abstimmung berufene Frankreich bei der einen Partei, den Deutschen, im Rufe unheilbarer Voreingenommenheit für Polen steht. Die der „Kreuzzeitung" aus Oberschlesien geschrieben wird, erklärt das deutsche Oberschlesien heute mit dem schärfsten Nachdruck tror aller Welt, daß es die Fra n- zofen nicht für fähig und willens hält, eins unparteiische Abstimmung herbeizusühren. Es tauchten im übrigen jetzt von neuem Gerüchte aus, daß i n 6—8 Wocheneinabermali gerpolnischerAuf- stand ausbrechen werde. Alles was sonst aus Oberschlesien gemeldet wird, zeigt, welch schwärende Wunde für die Befriedung Europas nach einem blutigen Jahrfünft Oberschlesien darstellt.
Neue polnische Untaten.
In einem Protestfchreiben des Plebiszit« Kommissariats in Beuthen an General Lerond werden neue Schreckenstaten der Polen geschildert. Danach wurden in der Nacht vom Samstag zu Sonntag die beiden Jünglinge Werner und Kurt Kurzeja in Neudorf ermordet. In der Nacht von Mon- tag zu Dienstag wurde ein junger Mensch namenS Paduschek in Bobrek von vier Bewaffneten aus der Wohnung der Eltern geholt und früh auf der Eisen- bahnstrecke mit ausgestochenen Augen, halb lotgeschlagen aufgefunden. Ein Danziger Student, Fritz Becker, ist in Graudenz von den Polen wegen angeblichen Landesverrats standrechtlich erschossen worden. Sein Bruder, der ebenfalls sestgenommen wurde, wurde interniert.
Ein Gerichtshof für alle Gewaltakte.
Der Sondergerichtshof in Oppeln hak <fne Verordnung über seine Zuständigkeit erlas- sm, die sich aus Fragen des Paßwesens, der Regelung des Besitzes von Schußwaffen rnib Munition, der Koh- lmverteilung sowie auf alle durch den Nationalitätenkampf hervorgerufenen Verbrechen und Vergehen erstreckt. — Die Entwaffnungsaktion schreitet ungleichmäßig fort. Die Polen haben den größten Teil der Waffen über die Grenze in Sicherheit gebracht. Die allgemeine Unsicherheit steigt von Tag zu Tag. Nachrichten über schwere Mißhandlun- fle n, Plünderungen, Ueberfälle und Mordtaten laufen täglich ein. In Przelaika hart an der Grenze wurden jetzt di« Leichen von acht Personen ausgegraben, die am 20. August erschossen, in die Brimtke geworfen und dann auf de mEhokerafriedhof in Przeleaika beigesetzt worden waren. In Daigvn ist jetzt ein Grab mit sechs Leichen fest-gestellt worden, die anscheinend, wie die Opfer von Josephstal, ermordet worden sind.
Die oberschlesische Unabhängigketts- frage hat, wie die „Germania" sagt, gegenwärtig umsomehr Bedeutung, als die oberschlesischen Frei- staatler aus den blutigen Vorgängen der letzten beiden Wochen eifrigst Kapital zu schlagen suchen und dabei der englischen und italienischen Unterstützung sicher sein wollen.
Unpolitische Zeitkäufe.
Don Fritz Nienkemper.
Berlin, 1. September 1920
Die fünfzigste Sedanseierl
, Das sollte ein goldenes Jubiläum sein. Aber wo ist das Sold? Wo ist der Jubel? In Sack und Asche sitzen wir da.
Wehmütig denke ich zurück an die Jubiläen, die ich schon mitgemacht.
1863 als hoffnungsgrüner Schüler den fünfzigsten Jahrestag der Schlacht bei Leipzig. Das war ein fchö- »es Dankfest für die Befreiung Deutschlands aus dem Joche des Welteroberers Napoleon. In dem halben Jahrhundert, das feit der erlösenden Völkerschlacht bei Leipzig vergangen war, hatten unsere Vorfahren manches Trübe erlebt an Polizeiwirtschaft, Bischofseinsper- vmg, Derfasiungskämpfen, Mißwachs, Revolution von 1848 ufw. Aber wir waren doch alle froh, daß der äußere Friede geblieben war, und hofften noch immer °uf die Einigung des geretteten Deutschland.
Im nächsten Jahre erklang schon wieder die Kriegs- trompete. Ein Vorspiel in Schleswig-Holstein 1864. Sonn der „Bruderkrieg" von 1866, der mit sehr ge- Zischten Gefühlen ausgenommen wurde. Doch 1870 wurden wir mit dem französischen Angriff ein einig Solk von Brüdern, in keiner Rot uns trennend noch
Welch' ein Jubel, als die Botschaft von Sedan
kam:
poleon und fein Heer gefangen Das deutsche Straft« uhl reckte sich mächtig auf; aber die Grundstimmung Volke war doch die Friedensliebe. Man hoffte, 5 nun der Krieg zu Ende fein werde. Es bauerte ilich noch mehr als vier Monate, und das kam uns Nals lehr lang vor, weil wir an Dauerkriege nicht hr gewöhnt waren.
Die alljährliche Sedanfeier hätte nun sehr schön und aulich verlaufen können, wenn nicht der häßliche Kul- kamps die Suppe versalzen und verpfeffert hätte, ch auch diese Verhetzung' war glücklich überwunden, das Silberjubiläum von Sedan kam. Wie stoh bin ♦ l
10000 Mark für ein polnisches Schilderhaus.
Wie polnische Blätter melden, hat der Kommandeur für den Kreis Kattowitz Oberst Blanchard, der Stadt Kattowitz eine Strafe von 10000 Mark für daS zerstörte Schilderhaus vor der französischen Kommandantur auferlegt.
Die Genugtuung für Breslau.
Der Ausschuß für Auswärtige Angelegenheiten hat nach Schluß der allgemeinen Besprechung gegen die Stimmen der Unabhängigen einen Antrag Haußmann angenommen, dahingehend: „Der Auswärtige Ausschuß ersucht die Reichsregierung an- gesicht der Vorgänge in Oberschlesien um Mitteilung einer Zusammenstellung der einwandfrei fest- gestellten Tatsachen hinsichtlich der polnischen Uebergriffe und deren Duldung durch die französischen Stellen, durch die eine begreifliche Erregung der deutschen Bevölkerung in Schlesien heroorgerusen worden ist."
Das Reichskabinett hat sich auf Grund der Aussprache im Ausschuß für auswärtige Angelegenheiten noch einmal mit den französischen Sühneforderungen beschäftigt. Es kann fein Zweifel darüber bestehen, daß die bestimmt formulierten ersten fünf Forderungen bei der deutschen Reichsregierung auf keinerlei Widerstände stoßen, da auch diese eine Sühne wegen der Breslauer Vorgänge als berechtigt anerkennt. Dagegen hat sich Reichsminister Dr. Simons in persönlichen Verhandlungen mit dem französischen Botschafter Laurent bemüht, das Verlangen nach einer persönlichen Entschuldigung des Reichskanzlers durch einen Schritt des Reichsministers des Auswärtigen zu ersetzen, und weiter ist in diesen mündlichen Verhandlungen von Minister Dr. Simons darauf hingewiesen worden, daß die Behauptung, Hauptmann v. Arnim habe dem Reichswehrkommando nach seiner Ehrenbezeigung vor der französischen Botschaft das von französischer Sefte beanstandete Absingen des Liedes „Deutschland, Deutschland über alles" befohlen, den Tatsachen nicht entspricht. Eine endgültige Entscheidung des Reichskabinetts dürfte erst heute, Freitag, erfolgen.___ _______________
Der Wirrwsr im Osten.
Rußlands Klage über ReulralikSlsgefShrdung.
Der Vertreter der Sowjetregierung in Berlin, Viktor Kopp, hat dem deutschen Auswärtigen Amt eine Note überreicht, in der zunächst an die Derpfkichtung Deutschlands nach seiner Neutralitätserklärung erinnert wich, die aus deutschen Boden übergetretenen rafft« scheu Truppen zu entwaffnen und zu internieren. Dann heißt es wester:
Angesichts triefet völkerrechtlichen Sachlage stellt die durch zuverlässige Nachrichtenquellen beglaubigte Beteiligung der sogenannten interalliierten Kommission bei der Entwaffnung und Internierung der russischen Truppen, eine vollkommen unzulässige Einmischung dritter Mächte in eine Aktion vor, die sich ausschließlich zwischen Deutschland tmb Rußland abzuspielen hat. Diese Einmischung ist umso unzuverlässiger, als sie von den Mächten ausaeht, die nachweisbar direkt oder indirekt sich an dem russisch-polnischen Kriege zugunsten Polens beteiligen. Sie ist demnach nichts anderes, als ein durch dritte Mächte auf dem Boden des Deutschen Reiches zugunsten Polens begangener Bruch der Neutralität. Kopp bittet die deutsche Regierung, dafür Sorge tragen zu wollen, daß die Einmischung der Interalliierten Kommission in die Entwaffnungs- und Internierungsaktionen künftig unter allen Umständen unterbleibt. Die russische Sowjet» regierung ist bereit, trie aus dem Uebertritt der russischen Truppen auf das deutsche Gebiet sich ergebenden völkerrechtlichen Konsequenzen auf sich zu nehmen umo für den Unterhalt ihrer Truppen finanziell zu sorgen. Sie wird ihre Pflichten aber nur dann erfüllen können, wenn sie die Sicherheit besitzt, büß ihre Truppen und ihr Heeresgut sich in der Gewalt eines neutralen Staates besuchen und nicht Gegenstand der Verfügungen dritter Mächte werden können, denen Parteinahme für das gegen die russische Sowjet-Republik kämpfende Palen für alle Wett außer jeden Zweifel steht.
. In einer zweiten Note wird daraus hinge- wiefen, daß an vier Stellen polnische Truppen
ich mitmarfchiert in dem Festzuge von 1895! Wie sicher fühlten wir uns in dem Deutschen Reiche, in dem Bündnis mit Oesterreich, unter dem kaiserlichen Adler, im Schutze des trefflichsten Heeres der ganzen Welt!
Wer damals prophezeit hätte, daß nach weiteren 25_ Jahren alles in Schutt und Trümmern liegen würde, wäre erst ins Zuchthaus und dann ins Irrenhaus gekommen.
Jetzt begehen wir den „goldenen" Sedantag sazusa- gen auf dem Friedhof, am Grabe der alten Herrlichkeit, in schwarzem Gewände und mit vergrämtem Gesicht.
Ohne Hurra.
Sollen wir auch sagen: Ohne Hoffnung?
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Nein, ohne Hoffnung kann man nicht leben, weder der Einzelmensch noch die Nation. Es fragt sich nur, was man hassen darf und was man erstreben soll.
Sollen wir von einem neuen Siege bei Sedan und Paris träumen? Sollen wir einen Rachekrieg vorbereiten? Ich glaube, wir haben doch nunmehr durch bittere Erfahrung gelernt, wie wandelbar das Kriegs- glück ist, wie bald die schönsten Lorbeeren welken, wie wenig die glänzendsten Waffenerfolge die Menschheit selig machen können. Nein, wir stimmen im Herzen ein in den Wunsch, daß dieser Weltkrieg der letzte Waffen- gang sei und fortan auf Erden keine andere Kraftprobe gelten möge, als der Wetteifer der Völker in Werken des Friedens.
Ob die Menschheit schon an der Schwelle dieser Friedensära steht, bleibt noch abzuwarten. Aber sicherlich können wir Deutsche nichts Besieres tun, als den Rest unserer Kräfte zusammennehmen, um in stieb- sicher Kulturarbeit unsere ehrenvolle Stellung in der Veit neu zu begründen und dauernd zu sichern.
Da kommen wir nun auf den schmerzlichsten Punkt, auf den bitteren Kern der Sorgen, die an diesem Erin- nerungstage das Herz beschweren.
Der Zusammenbruch unseres Heeres ist nicht das schlimmste. Im Jahre 1870 gab e, einen regelrechten Zweikampf, eine ehrliche Kraftprobe zwischen zwei benachbarten Völkern: dabei erwies sich Deutschland als
auf deutsches Gebiet übergetreten seien und dort russische entwaffnet hätten. Es wird um baldigste Klarstellung des Falles nach folgenden Gesichtspunkten gebeten: 1. Sind bei dem gemeldeten Vorfall die deutschen Behörden oder deutsche Staatsangehörige überhaupt beteiligt gewesen? 2. welche Maßnahmen hat die deutsche Regierung ergriffen, um von der polnischen Regierung Genugtuung für den durch polnische Trappen verübten Neutralitätsbruch zu erhalten; 3. wie gedenkt die deutsche Regierung in Zukunft derartige Vorkommnisse unmöglich zu machen?
Vorläufige Antwort auf die russischen Roten.
Auf die beiden Noten ist von der deutschen Regierung die vorläufige Antwort erteilt worden, daß die in ihr zur Sprache gebrachten Angelegenheiten Gegenstand von Erwägungen der deutschen zuständigen Stellen bildeten. Das bezieht sich in erster Linie auf die Tätigkeit der interalliierten Kontrollkommission bei der Entwaffnung und Internierung der auf deutsches Gebiet übergetretenen bolschewistischen Trappen. Wegen der Grenzverletzung durch die Polen bei Willenberg ist die deutsche Regierung in Warschau bereits vorstellig geworden.
Feindschaft zwischen Polen und Litauen.
3m Norden haben sich die Polen jetzt einen neuen Feind auf gebunden. Die Polen hatten bekanntlich vor dem russischen Vormarsch größeres litauisches Gebiet besetzt. Nachdem die Russen die Polen vertrieben hotten, hatten sich die Litauer ihres Gebietes wieder bemächtigt. Unb jetzt wollen btt Polen wieder die litauischen Städte — in Suwalki sind sie ja bereits — besetzen. Verhandlungen, die die Litauer zwecks gütlicher Einigung anbahnten, sind gescheitert, und es ist zum offenen Bruch gekommen. Polnische Truppen besetzen weiteres litauisches Gebiet und es hat bereits mehrere blutige Gefechte zwischen Polen und Litauern gegeben.
Eine schwere Niederlage der Bolschewisten.
Die .Neue Freie Presse' meldet aus Warschau, daß die Bolschewisten im Kampf um Lemberg vollständig geschlagen worden sind. Große Massen von Gefangenen fielen in polnische Hand. Die Role Armee sei auf Brodny zurückgeworfen. Jede Gefahr für Lemberg sei behoben.
Riga Verhandlungsort.
Der polnische Minister des Aeußeren hat erklärt, daß Riga endgültig als Ort der weiteren Waffenstil lstandsverhandlungen zwischen Polen und Rußland bestimmt worden sei.
Der soziale Hader.
Der Hanauer Generalstreiksunfug.
Die Ausstandsbewegung in Hanau hat durch die ablehnende Antwort des Magistrats ihren Höhepunkt erreicht. Fast alle Geschäfte sind g e s ch l a f f e n. In der von den Kommunisten erneut geforderten Stadtver- ordnetellsitzung ging es äußerst stürmisch zu. Die Som- rnunisten forderten nach einem Mißtrauensvotum an den Magistrat den sofortigen Rücktritt desselben einschließlich der besoldeten Mitglieder, da er die Beschlüsse der Stadtverordnetenversammlung sabotiert habe. Die Kommuyisten erklärten sich bereit, in den Magistrat einzutreten, wenn die Mehrheitssoziali- sten für ihren Antrag stimmen würden. Die Mehrheitssozialisten bezeichneten die Haltung des Magistrats, der nicht versucht habe, eine Verständigung herbeizuführen, als unverantwortlich und erklärten sich bereit, geschlossen für den kommunistischen Antrag zu stimmen. Das Mißtrauensvotum und die Forderung des Rücktritts des Magistrats wurden dann auch mit 19 gegen 12 Stimmen angenommen. Durch die Menge war die Stadtverordneten-Derfammlung dauernd bedroht. Am heutigen Freitag wird der Oberpräsident von Staffel hier erwartet, dessen Vermittelung zwecks Herbeiführung einer Verständigung angerufen wurde.
Kein Generalstreik in Frankfurt.
Sn der Sitzung des Gewerkfchastskartells wurde der Antrag zum Eintritt in den Generalstreik mit 83 gegen 29 Stimmen ab gelehnt. Gegen den Streik erklärten sich die Vertreter der Gemeindearbeiter, der überlegen. Der letzte Krieg aber gestaltete sich zu einer Hetze aller gegen einen, zu der Erdrückung der deutschen Minderheit durch die übergroße Mafle der Gegner. Wenn man sich ein Idealvolk ausmalen will mit allen denkbaren Tugenden der Tapferkeit und der Ausdauer, fo muß man doch sagen: Auch dieses Volk hätte schließ, lich unterliegen müssen unter der Blockade und dem Mangel an Nahrung und Kriegsbedarf, unter dem Ansturm der vielfachen Ueberzahl mit ihren unerschäpsli- chen Hilfskräften.
Wer von der „Schuld" redet, der kann uns höchstens den Vorwurf machen, daß wir zu kühn gewesen sind. Zu kühn, indem wir den hingeworfenen Handschuh aufnahmen angesichts der drohenden Einkreisung, und zu wagemutig, als wir trotz der Uebermacht der Feinde nicht rechtzeitig nachgaben. Das war wohl nicht klug, aber es war nicht boshaft und nicht ehrenrührig. Wir brauchen trotz der Niederlage vor der Uebermacht den Blick nicht zu senken. Wer nicht verblendet ist durch Haß ober Lügen, der erkennt auch an, daß Deutschland seine Wiederstandskraft bewiesen hat, wie kaum ein anderes Volk in der Weltgeschichte. Bis zum Waffenstillstandsgesuch brauchten sich unsere Väter von Sedan und Paris ihrer Nachkommen nicht zu schämen.
Aber was nach dem militärischen Zusammenbruch geschehen ist, das war und bleibt betrübend und be- ängstigend. Es folgte der politische Zusammen, bruch, es folgte der sittliche Zusammenbruch in den weitesten Kreisen des Volkes. Die verwundete Nation fiel in K r ä m p f e. In den letzten zwei Jahren sah es mehrfach so aus, als ob aus den Wunden sich eine heillose Blutvergiftung entwickeln wollte. In dem Augenblick, wo jeder denkende Mensch erkennen mühte, daß Ordnung und Arbeit uns allein retten kann- ten, kamen die Krawalle, Streiks, die Straßenkämpfe zu Haufen. Die Republik war eingeführt, aber die Hetzer und Schieber geben den Ton an. Der Sozialis. mus wurde gepredigt, aber statt des sozialen Zusam- menschlusies ergab sich die ärgste Zersetzung, der rück- sichtsloseste Egoismus. Wer hätte geglauR, daß es in Deutschland so viel bewußte ober unbewußte Vater- landsverräter geben könnte, die das Heil der Nation
Douarbofter, der Lederarbeiter, der Handlungsgehilfe» und der Gasthausangestellten. Die Metallarbeiter ftimmtn geschloffen für den Streik. Die Stimmen der Eisenbahner waren geteilt.
4 Tote in Augsburg.
Nach den endgültigen Feststellungen der Polizei- bchörde haben die Unruhen in Augsburg im ganzen 4 Tote gefordert. Ein Resultat über die angeblichen Schüsse aus den Fenstern einiger Häuser liegt noch nicht vor. Die U. S. P. hat, wie der „Dolkswille" mitteilt, die Betriebsräte aufgefordert, als Protest den Generalstreik zu proklamieren.
Arbeilerkämpfe in Italien.
Nach Meldungen aus den verschiedenen Zentren Italiens nimmt die Metallarbeiterbewe- gung an Ausdehnung tmb Ernst zu. In Rom sind noch immer fünf Fabriken besetzt, während sich in Turin die Lage, die erst sehr ruhig schien, plötzlich verschärfte. Die Arbeiter haben 26 Fabriken besetzt. In Neapel ist die beschlossene Besetzung der Fabriken nicht durchgesührt worden. Cs wird nur Obstruktion geübt In Bergamo und anderen wichtigen Zentren der Lombardei, wo die Lage bisher ruhig war, beschloß die Arbeiterschaft, Obstruktion zv üben.
DaS deutsche Finanzelend.
Auch im Monat August zeigen nach den vorliegenden Feststellungen die Etats des Reiches und von Preußen sehr erhebliche Mindereinnahmen auf. Für das Reich werden die Mindereinnahmen auf 2 bis 2% Milliarden, für Preußen auf 1 bis 1% Milliarden beziffert. Post und Eisenbahn arbeiteten auch im August mit ganz erheblichen Fehlbeträgen. In der Konferenz der deutschen Finanzmini st er in Darmstadt wurden Anträge mehrerer Bundesstaaten besprochen über eine Neuordnung des Steueranteils der Bundesstaaten an den Steuererhebungen durch das. Reich. Es wurde von einer ganzen Anzahl von Bundesstaaten die A n t e i l q u o t e als Ersatz der bisher erhobenen eigenen Steuern als völlig ungenügend bezeichnet und Ihre mindestens 50pro- z e n t i g e Erhöhung verlangt. Die Beratungen hierüber sollen im Oktober in Berlin fortgesetzt werden. Es wurden ferner in Darmstadt verschiedene Steuer« und Besolbungsfragen erörtert, ohne daß Beschlüsse hierüber gefaßt wurden.
Deutsche Pünktlichkeit.
Aus Brüssel wird gemelbet, Deutschland habe die DPTiinbarten 180 000 Tonnen Kohlen für August gemäß den Spaer Abmachungen an Belgien geliefert.
Deutscher Reich..
** Berlin, 8. Sept. Im Hauptausschuß der preußischen Lande-Versammlung würbe bei der Etatsberatung mitgeteilt, daß Preußen bisher von dem ihm zusiehenben Anteil an den Reichssteuern noch nicht einen Pfennig erhalten hat. — Der preußische Ministerpräsident Braun besuchte in Begleitung von Regierungsrat Goslar das Lockstedter Lager, wo er Veranlassung nahm, in einer Versammlung über die Absichten und Ziele der Soldatenansiedlungen zu sprechen. — Im Ausschuß zur Vorbereitung der Wahl der Bürgermeister für Großverlin wurde mit den Stimmen der sozialbemokratischen Parteien der bisherigeOberbürgermeister W er m u t h als Kandidat für den Oberbürgermeisterposten vorgeschlagen und der Mehrheitssozialist Ritter als Bürgermeister mit 15 gegen 11 Stimmen. Wermuth, ehemaliger kaiserlicher Staatssekretär und Exzellenz, ist der Kandidat der Unabhängigen. — Die in Den letzten Tagen veröffentlichten Nachrichten über französisch- belgische Kompensations-Forderungen a» deutsche Bibliotheken sind unzutreffend, freventlich aufs Spiel setzen aus Herrschsucht ober son- stigem Eigennutz? Und wer hätte geglaubt, daß die Verbrechen im Lande der Dichter und Denker so fürchterlich ins Kraut schießen und allen Ruhm der deutschen Sitte und der strammen Zucht so entsetzlich Lügen strafen könnten!
Ein großer Teil des Volkes ist entartet in feinem Denken, in feinem Fühlen, in feinem Handeln. Nun sagen einige, das sei die „natürliche" Folge der lang- jährigen Ärtegsrotrren und insbesondere der Unterer- nährung. O, möchte es doch nur eine Uebergangs- erfcheinung fein! Möchte die Seele auch wieder gesund werden, wenn für die leiblichen Bedürfnisse all. mählich besser gesorgt wird!
Ich glaube, daß für die Genesung doch noch mehr notwendig ist, als die Aufbesserung der äußerlichen Verhältnisse. Don innen muß die Heilung kommen. Als unsere Väter vor 50 Jahren die Kraft und Einheit Deutschlands begründeten, war die Nation noch viel christlicher wie heutzutage. Sie muß wieder christlich werden, um wieder gesund und tüchtig zu werden.
Wenn man von der religiös-sittlichen Erneuerung spricht, so denken manche, das gehe nur die Geist- l i ch k e i t an. Nein, die kann es beim besten Willen und aller Anstrengung nicht allein machen. Die Laien, die noch christlich denken und streben, müssen allzumal helfen, Männer und Frauen, die letzteren nicht zuletzt- Don dem christlich gebliebenen Dolksteil muß sich das gesunde Seelenblut in die kranken Teile ergießen. Allzumal müssen wir mithelfen. Pflege jeder das Familienleben: denn die christlich-deutfche Familie ist der Grundstein zum Neubau. Helfe jeder mit an der Erziehung der Jugend; denn nur wenn der Nachwuchs gesund bleibt an Seele und Leib, kann das deutsche Volk wieder zu Ehre und Wohlfahrt kommen.
Mit Jammern wird nichts erreicht; mit tönenden Worten nur wenig: mit gutem Beispiel sehr viel, und mit zäher Tatkraft können auch wir gewöhnlichen Leute Großes leisten für die Rettung des armen Daterlandes.
Dann wird vielleicht in 25 Jahren ein Jubiläum der Wiedergeburt gefeiert werden.