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Donn<tf«tao, 2. Sept. »920.

Nr. 203

Verantwortlich für den reüaMon. Teil i. B.: Dr. Kramer. - für die Anzeigen: I. Parzeller-Fulda. S Rotationsdruck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda- Fernsprecher Nr. 9 Telegr.-Ädresse: Fuldaer Zeitung

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Die Sühnenote der Franzosen.

Die Breslauer Ausschreitungen einer irregeleiteten Menge, die sich dazu hinreißen ließ, das französische Konsulat zu demolieren, hat naturgemäß zu einem äußerst ernsten politischen Nachspiel geführt. Die fran­zösische Regierung hat in der gestern mitgeteilten Note Sühneforderungen von ungeheuer großer Schwere er­hoben, deren Erfüllung binnen kürzester Frist von der deutschen Megierung nachdrücklichst verlangt wird. Na­mentlich die Forderung, daß die deutsche Regierung für alle Zwischenfälle, deren Opfer französische Vertre­ter oder Staatsangehörige gewesen sind, durch den Reichskanzler s e l b st in der Botschaft das Be­dauern der Regierung aussprechen und dabei die Zu­sicherung völliger Genugtuung erteilen soll, beweist all­zu deutlich, daß die französische Regierung auf eine neue Demütigung des deutschen Volkes ausgeht. Denn obwohl der stellvertretende Leiter des Auswärtigen Amtes Gesandter von Rosenberg sogleich bei Bekänntwerden des Vorfalles dem französischen Botschafter Laurent das Bedauern der Reichsregierung ausgesprochen hat, verlangt nunmehr die französische Regierung, daß auch der Reichskanzler selbst dieses Bedauern wiederholt und Noch dazu alle bisherigen Zwischenfälle einbezieht, die mit diesen Vorfällen in Breslau in keinem Zusammenhänge stehen. Geht hier­aus deutlich hervor, daß Frankreich auch diesen Vor­fall dazu benutzen will, um uns von neuem wieder die allmächtige Faust des Siegers zu zeigen, so wird auf der anderen Seite bei uns niemand so verblendet sein, ein Recht Frankreichs auf eine Wieder­gutmachung überhaupt abzustreiten. Ja, es muß auch gerechterweise zugegeben werden, daß die Bres­lauer Ausschreitungen in keiner Weise zu billigen oder zu entschuldigen sind.

Wird das alles von unserer Seite rückhaltlos und ohne Einschränkung eingestanden, so sollte man sich in Frankreich trotz der begreiflichen Erregung dennoch be­wußt werden, daß übermäßig schwere Sühneforderun­gen, die einer richtigen Einschätzung der Tat selbst und der Beweggründe zu ihr nicht in allen Punkten gerecht werden, leicht geeignet sind, die innere Verbitterung gewisser Volksschichten Deutschlands nur nodj mehr zu steigern. Wenn es in der Note heißt, die Regierung der Republik wünsche mit der deutschen Regierung in einer Atmosphäre der Beruhigung und Arbeit friedliche Beziehungen zu unterhalten, so ist das ein Wunsch, den wir oft genug ausgesprochen haben und den wir sicherlich begrüßen. Leider aber haben wir in den Ta­ten des amtlichen Frankreichs und vor allem seiner in Oberschlesien amtierenden Organe uns gegenüber nur äußerst selten diesen Wunsch in der Tat zum Ausdruck kommen sehen. Die jüngsten Vorgänge in Oberschlesien haben uns darüber belehrt, daß Frankreichs p o - len-freundliche Haltung nicht etwa nur eine üble Nachrede sei, sondern daß tatsächlich die Passivität der französischen Behörden und Truppen den polnischen Insurgenten gegenüber offen gezeigt hat, daß Frank­reich sein sicherlich schweres Plebiszitamt nicht mit der notwendigen Objektivität und Gerechtigkeit zu verwalten nicht angelegen sein läßt. Dieser Umstand ist auch der oberschlesischen Bevölkerung nicht verborgen geblieben und war nur zu sehr geeignet, ihre Erregung und Bit- ternis zur Siedehitze zu steigern, ja diese Erregung mußte sich allmählich über die Provinz fortpflanzen, so­daß man es wohl verstehen kann, wenn es zu offenen Protesten kam, daß man es aber niemals billigen kann, wenn diese Proteste in einer Form ausarteten, die ab« fohlt verwerflich ist.

Schließlich wäre es aber auch erwünscht, wenn man sähe, daß Frankreich aus allen diesen Vorgängen die notwendigen Lehren ziehen wollte und seinerseits auch einen Weg einschlüge, der zu einer wirklichen Annähe­rung führt. Auf der anderen Seite mögen endlich ein­mal unsere Heißsporne und Hitzköpfe zu g"

Die perlen -er Lggenbrechtr.

25] Roman von Alexandra von Söffe.

Vierzehntes Kapitel.

Die erste Woche in Stolzen verging ganz programm­mäßig. Das Wetter war schön und ungewöhnlich warm. Morgens unternahmen die Damen meist einen Spazier­ritt, wobei Leo sie zuweilen begleitete; war er verhin­dert, fo mußte der alte Stallmeister Falke den Schutz übernehmen. Silvia genoß diese Ritte sehr; sie merkte erst jetzt, wie sehr sie die lebhafte Bewegung in frischer Luft und das Durchstreifen von Wald und Flur auf elastischem Pferderücken entbehrt hatte. Nachmittags lagen sie im Walde, aber dabei erkältete sich anschei- nend Therese; eines Nachts wachte sie mit rasenden Schmerzen auf, ihre Jungfer, die sie herbeigeklingelt hatte, weckte Silvia, durch die Unruhe, die im Hause entstand, erwachte auch Branding und schickte sofort ein Auto nach dem Arzt ab. Dieser stellte Unterleibsent- jünbung fest.

Neun Tage schwebte Therese in Lebensgefahr. Cs war eine Pflegerin aus München belorgt worden, mit der Silvia sich in die Pflege der Kranken teilte, die schwer zufrieden zu stellen war, schnell ungeduldig wurde und beständig Silvia um sich haben wollte, da­gegen die alte Frau von Branding, die ein möglichst teilnahmsvolles Gesicht machte, wenn sie ins Kranken­zimmer kam, gar nicht ertragen konnte. Die Krank­heit zog sich, auch nachdem die unmittelbare Gefahr überwunden war, in die Länge, wie das bei dieser Art Leiden meistens der Fall ist. Mitte Juli durste Therese zwar das Bett verlasien, und die Pflegerin konnte ent­behrt werden, aber sie mußte sich noch liegend verhalten und abends stellte sich zuweilen noch' Fieber ein; an eine Uebersiedelung in die Stadt war deshalb noch nicht )u denken.

Solange ich hier liegen und mich langweilen muß, darfst Du nicht von Stolzen fort, liebste Silvia Ich sterbe, wenn Du mich verläßt!" jagte Therese immer wieder. Nun versäumte ja Silvia nichts, wenn sie blieb, und sv verlängerte sich ihr Aufenthalt in Stolzen in unvorhergesehener Weise. Sie machte sich nützlich, besprach mit Frau von Branding Wirtschaftspläne und kleine Sorgen und machte sich ihr, ohne es selbst zu . wißen, so angenehm, daß die alte Dame an jedem Abend betete, Gott möge es fügen, daß Silvia noch ihres Leos

dem Bewußtsein kommen, wie sehr sie durch ihr lei­denschaftliches Vorgehen das Ansehen Deutschlands nicht nur schädigen, sondern auch seine Lage den an­dern Völkern gegenüber anfsäußersteerschwe- r e n. Zn friedlichem Zusammenarbeiten werden wir jedoch erst dann kommen, wenn auf beiden Seiten, also auch auf der Frankreichs, der Wille zu einer maßvollen Verständigung in die Tat umgesetzt wird.

Die Beratungen in Berlin.

In der Munrochsitzung t c» Reichst abinetts, die sich mit den französischen Sühneforderungen be- schäsligte, ist noch kein Beschluß gefaßt worden. Am Mittwoch nachmittag tagte der Reichsausschuß für auswärtige Ang e l e g e n h e i ten. Den Vorsitz führte Dr. S t r e f e m a n n. Von der Regie­rung wohnte der Sitzung bei der Reichskanzler Feh­re n b a ch, der Minister des Auswärtigen Dr. Si­mons und der Reichsfchatzminister v. Raumer, sowie zahlreiche hohe Beamte des Auswärtigen Amtes, da­runter der Gesandte v. Rosenberg. Reichsminijter Dr. Simons gab einen Ueberblick über die außenpoliti­schen Verhältnisse, wie sie sich seit dem Auseinander­gehen des Reichstages gestaltet haben, und nahm dabei besonders Bezug auf die neuen französischen Forderun­gen. Nachdem der Vertreter des preußischen Ministers des Innern, Staatssekretär Freund, eingehende Mit­teilungen über den Verlauf der Breslauer Vorgänge gemacht hatte, bedauert Abg. Herschel (Ztr.) auf Grund einer eigenen Darstellung der Breslauer Vor­gänge lebhaft die parteipolitische Färbung mancher Berichte. Nach seiner persönlichen Meinung seien die Ausschreitungen durch großstädtischen Mob ausgeführt worden, veranlaßt aber durch die furcht­baren Schilderungen der aus Oberfchlefien Geflüchteten, die nach Hilfe schrien. Abg .Scheidemann (Soz.) sprach sich dahin ans, in wirtschaftlicher Beziehung bald zu Abmachungen mit Rußland zu kommen. Für die Breslauer Vorgänge stellte er die Sortierung auf, dem Ursprung der Ausschreitungen nachzugehen und die Frage zu klären, ob eine nationalistische Mache vorlag ober ob es sich nur um Ausschreitungen des Mob ge­handelt habe. Daß nationalistisch und antisemitsch ge­hetzt werden sei, werde in Breslau selbst behauptet. 1 Die weiteren vertraulichen Ausführungen einer Reihe ; anderer Parteiredner bezogen sich auf Oberschlesien, die Vorgänge in Breslau und die französische Note. !

Bei den Parteien besteht die Neigung, die Regie- > rung in dem Bestreben zu unterstützen, den französi­schen Forderungen soweit entgegenzukommen, wie es irgenb vertretbar ist. Protest fordert namentlich der TonderNote heraus, der allgemein als demütigend empfunden wird. Vor allem aber wird das Verlangen, daß der deutsche Reichskanzler auf der französischen Botschaft das Bedauern der Regierung aussprechen und i das Versprechen voller Genugtuung abgeben soll, als überaus hart bezeichnet. Die Haltung der deutsch- nationalen Partei wird zweifellos Fcharf ablehnend fein. Der in der französischen Note ge­nannte Hauptmann v. Arnim, dessen disziplinarische Bestrafung gefordert wird, war der Führer der-Reichs- wehrkompcmie, die seinerzeit vor der französischen Bot­schaft bei Hissung der Flagge Honneur erweisen mußte. Wie erinnerlich, hatte die deutsche Truppenab- teilung nach beendetem Vorbeimarsch an der französi­schen Botschaft das LiedDeutschland, Deutschland über alles" angestimmt.

Der Reichskanzler hört Sachverständige.

Nach der gestrigen Sitzung des Reichsausschuffes für auswärtige Angelegenheiten hat der Reichskanzler Abgeordnete zu sich gebeten, die mit den oberschlesischen Verhältnissen besonders oertraut sind.

Frau werde. Hauptsächlich aber hatte Silvia sich Therese zu widmen, die in ihrer egoistischen und launenhaften Weise Silvias Zeit ganz für sich beanspruchte.

Selten kam es dazu, daß Silvia einmal mit Bran­ding allein blieb, und ihr war das recht so, denn feit sie in Stolzen war, fürchtete sie ein Alleinsein mit ihm, sie wußte selbst nicht, warum. Oft fühlte sie, wie un­ter den halbgesenkten Lidern seine Blicke jeder ihrer Be­wegungen .folgten und war sie einmal abends mit ihm allein, wenn Frau von Branding sich früh zur Ruhe begeben hatte, dann schien es ihr, als verändere er sich, als nehme feine tiefe, weiche Stimme einen besonderen Klang an, der einen seltsamen Zauber auf ihre Sinne ausübte. Dabei blieb Branding ihr gegenüber stets der Hausherr, der seinem Gast mit höflicher Korrektheit be­gegnete, und nichts verriet ihr, wie mehr und mehr seine Wünsche nach ihr griffen. Sie ahnte nicht, wie schwer es ihm oft wurde, war er mit ihr allein, den Wunsch zu meistern, sie an sich zu reißen und ihr zu sagen:Ich liebe Dich"!

An einem schönen Morgen, Ende Juli, hatte sich Silvia mit ihrem Schreibzeug auf die Veranda hinaus­gesetzt. Therese ruhte an einer geschützten Stelle im Garten in ihrem Liegestuhl und war in einen neuen Roman vertieft. , Leo Branding war schon frühzeitig nach den Vorwerken hinausgeritten und wurde erst zu Mittag zurückerwartet, die alte Frau von Branding wirtschaftete im Hause. So war Silvia für einige Zeit ganz ungestört.

Von der Straße, die am Park vorüberführte, wurde das dumpfe Rollen von Rädern hörbar; die alte gelbe Postkutsche raffelte vorbei, und dann begann der Postil­lon zu blasen:

So leb' denn wohl du altes Haus . . ."

Leiser und leiser wurden die langgezogenen Töne, verstummten endlich, dann kam aus der Ferne, gebro­chen, der lustige Klang eines Ländlers und verhallte allmählich. Aus dem Hintergründe des Parkes tönte jetzt Ursels helles Stimmchen herüber, und vom Hofe her erscholl in regelmäßigen Zwischenräumen das heraus­fordernde Kikeriki eines Hahnes, dem von weiter her ein anderer heiser antwortete. Sonst war friedliche Stille ringsumher. Das Vieh ruhte in seinen Stallun­gen, die Leute arbeiteten auf den Feldern, und die Vögel sangen nicht mehr.

Silvia empfand diefe Stille und den Frieden mit Wohlbehagen und gab sich ihm hin. Sie schrieb an ihre

Totengräber der deutschen Wirtschaft.

Die Hanauer Maütprobe der Umstürzler.

Zn Hanau, wo bekanntlich mit per Revolution die radikale Richtung in der Arbeiterschaft die Ober­hand hat, herrscht, tote gemeldet, seit einigen Tagen ein te iltoeif er Generalstreik, veranlaßt durch die Forderungen der städtischen Arbeiter. Unser Hanauer Gi. Mitarbeiter meldet un3 dazu: Tie gestrige Sitzung der Stadtverord­neten batte sich mit den Forderungen der städtischen Arbeiter zu beschäftigen. Nach längerer, oft sehr erregten Aussprache, wurde der von den Mehrbeitssozialdemolraten gestellte Antrag, allen städtischen Beamten, Angestellten und Arbeitern mit einem Einkommen bis zu 15 000 Mark eine zehn­prozentige Erhöhung ihrer Bezüge zuzubilligen, an­genommen. Ter Magistrat, der atsbald nach Schluß der Stadtverordnetensitzung zusammentrat, hat dem Beschlüsse der Stadtverordneten nicht zuge­stimmt. Ter Magistrat ist der Ansicht, daß die Lohnverhältnisse der städtischen Arbeiterschaft durch die letzten Beschlüsse der städtischen Körperschaften angemessen, sowobl im Verhältnis zu den in Hanau sonst gezahlten Löhnen, als auch im Verhältnis zu den in anderen Städten gezahlten Sätzen geregelt seien. Nach Ansicht des Magistrats ist seit der letz- ten Beschlußfassung eine wesentliche Aenderung der w rtschaftlichen Berhältnifle nicht eingetreten. So­bald er eine solche Aenderung für vorliegend hält, werde er sich der Notwendigkeit einer Erhöhung der Löhne nicht verschließen. Die Stadtverordneten werden am Donnerstag vormittag erneut zusammen- .reten, um zu der, durch den ablehnenden Beschluß des Magistrats geschaffenen Lage, Stellung zu nehmen.

Ein Vorgang auf dem städtischen Friedhöfe wird vielfach besprochen. Als die Beerdigung eines 7jähr. Kindes vorgenommen werden sollte, erklärte em S t r e t fp o ft e n, daß die Friedhofsarbeiter in den Ausstaito getreten feien und ein Grab für das Kind nicht a u sg e h o b e n fei. Nach einigem Hin- und Herverhemdeln wurde angeordnet, daß das Kind in ein bereits ausgehobenes Grab der dritten Klaffe, die für 3- bis 4jährige Kinder bestimmt ist, beigefetzt werden sollte. Da aber dieses Grab zu klein war, mußte eine Vergrößerung eingenommen werden. Da sich zu dieser Arbeit niemand bereit sand, mußte Vater und Bruder des verstorbenen Kindes mit einigen Leidtragenden die Arbeit aus fuhren. Bei der Einsenkung des Sarges stürzte dann nod) eine Seitemvand m sich zusammen, sodaß die Beisetzung doch nur als ein Provisorium angesehen werden formte. Auf die Teilnehmer machte dieser Vorgang einen erschütternden Eindruck, dem auch der Geistliche, welcher im Felde geweilt hatte und Ver­gleiche anstellte, entsprechende Worte versieh.

Die Frankfurter Erwerbslosen

plündern einen Waffenfaden.

mo. Frankfurt a. M. Die Erwerbslosen zogen gestern vormittag zum Rathaus, um beim Magistrat folgende Forderungen dnrchzusetzeu: 1. Arbeit. 2. eine einmalige Beihilfe von 500 Mark für die länger als sechs Wochen Arbeitslosen. 3. Unentgelt­liche Verteilung von Kleidung und Lebensmitteln. 4. Sicherung des Brennstoffes für den Winter. Als die Abordnung nicht vorgelasien wurde, da der betreffende Dezernent nicht anwesend war, über­wältigte die Menge die SicherheitStoehr und drang in das Innere des Rathauses. Türen wurden ein­gedrückt und Fenster zerstört. Schließlich gelang eS der Sicherheitswehr, das Rathaus und den Römer­berg zu säubern und abzusperren. Bei einem Zu­sammenstoß zwischen Polizei und Menge gab es 5 Schwer- und 2 Leichtverletzte. Das Rat­haus wurde von starken Polizeimannfchaften besetzt Mittags kam es wiederum auf dem Schillerplatz zu Ansammlungen, die bald zerstreut werden konnten.

Freundin in der Schweiz aber ganz gemächlich, mit vielen Pausen:

Wie Du siehst, bin ich immer noch in Stolzen, Gast bei der Mutter des Vormundes meiner kleinen Ursel. Es ist schön hier, schön und friedlich, aber ich sehne mich danach, Dich wiederzusehen und mich mit Dir auszusprechen.

2ch bin hier fast nie allein, und doch fühle ich mich oft einsam. Du bist so glücklich, Eltern und Ge- schwister zu haben, auch Kusinen und gute Freundin­nen mehr als genug, aber ich . . . nun, ich glaube, es gibt auf der. Welt wohl wenige Menschen, die so allein stehen wie ich. Und ich sehne mich oft nach einer guten Freundin oder einem brüderlichen Freunde einem Menschen, dem ich mich ganz an­vertrauen könnte, wie es mir gerade ums Herz ist. Eigene Verwandte habe ich nicht, Achims Verwandte sind mir bisher noch immer fremd geblieben. Frau von Ranken? Ja, mit ihr bin ich sehr befreundet, aber fo ganz vertraut kann ich doch nicht mit ihr werden. Herr van Branding aber ist ein seltsamer Mensch, sehr verschlossen, kalt ein Einsamer. Ich weiß eigentlich nicht, wie ich mich mit ihm stellen soll. Er ist Ursels Vormund, mein Berater und war meines armen Achims einziger, treuer Freund, aber das ist auch alles, denn mir persönlich ist er nichts, und manchmal scheint mir--

Hier wurde Silvia unterbrochen, aus dem Garten rief Therese nach ihr. Hastig (eite sie ein Löschblatt über die feuchten Schriftzüge, und klappte die Mappe zu. Schon rief Therese ungeduldiger.

Ich komme!" antwortete Silvia, eilte van der Ver­anda hinunter und über den Rasenplatz zu der Gruppe amerikanischer Eichen bin, unter der Therese sich ihren Platz gewählt hatte. Aber sie stutzte und verlangsamte ihre Schritte, als sie neben Thereses Liegestuhl einen jungen Mann stehen sah, der sich etwas zu ihr herab» beugte. Er hielt Mütze und Rettstock in der Linken, trug braungraue Reithosen und eine kurze, dunkelblaue Jacke von militärischem Schnitt; hohe gelbe Gamaschen umkleideten seine Beine. Als er nun den Kopf hob, sah Silvia, daß er krauses, dunkelblondes Haar batte, und daran erkannte sie sofort Wolf Eggenbrecht. Ihr Herz, das schon vom ra'chen Laus schnell schlug, begann noch heftiger zu pochen und zögernd kam sie heran

(Fortsetzung folgt)

Auf der Kaiserstraße wurde ein Waffenladen ge­plündert und Revolver und Munition entwendet. Auf dem Roß markt wurde ein Polizeibeamter so zugerichtet, daß er ins Krankenhaus aufgenommen werden mußte.

Krawall in Augsburg.

Am Mittwoch nachmittag nach Schluß der Fabrik­betriebe fand in Augsburg eine Lebensmittel- demonstration statt, die leider zu einem Mutigen Krawall führte. Tausende aus der arbeitenden Be- völkerung zogen tn geschloffenen einzelnen Zugen vor das Rathaus. Auf Tafeln, die sic mittrugen, stand zu lesen: Wir fordern Preisabbau und besseres Brot! Der Aufforderung, auseinanderzugehen, wurde nicht Folae geleistet. Eine von der Maxnnilianstraße anmaschierende Reichswehrtruppe wurde oeschimpft, worauf es zu Tätlichkeiten kam, in der Absicht, die Reichswehrfoldaten zu entwaffnen. Dieje schoflen zunächst in die Lust, die Menge Drang jedoch spater von neuem gegen die Reichswehr vor, wobei einzelne Soldaten mißhandelt wurden. Es kam zu entern Gemenge, in dessen Verlauf zwei Personen ge­tötet und mehrere Personen verletzt wurden. Eine Abordnung unterbreitete dem zweiten Bürger­meister Forderungen der Demonstranten. -tie Betriebsräte sind zusammengetreien, um uDec die zu ergreifenden Schritte zu beraten.

Das Ende des Generalstreiks 'm Württemberg.

Der Generalstreik steht vor seinem Ende. Am Mittwoch fand eine Betnebsräteversammlung statt, in der der Aktionsausschuß mit großem Lärm sich auflöste. Die Leitung der Angelegenheit siegt nun bet den Gewerkschaften, die Streitfrage ist die Wiederein- stellung der entlaßenen Arbeiter. In der Versamm­lung wurde betont, daß man am Ende der Kraft sei und ben Streik nicht weiter verschärfen könne. Der Forderung der Arbeitgeber müsse man deshalb nmh- geben. Die Firma Bosch und die Maschinenfabrik Eß­lingen forderten mittels Karten ihre Arbeiter zur Unter­schreibung eines Reverses auf, in dem die Arbeiter und Angestellten den Steuerabzug anerkennen und erklären, die bestehenden Gesetze über das Arbeits- Verhältnis einzuhalten. Die Firmen haben bereits eine große Anzahl dieser Reverse zurückerhalten.

Das Trugbild Bolschewismus.

Das russischeParadies".

Wilhelm Dittman n. der unabhängige Führer, bezeichnet m dem schon an anderer Stelle erwähnte Be­richt über Rußland als die Grundlage, auf der allem das Sowjetregiment möglich sei, die kulturelle R ü ck st ä n d i g k e i t des russischen Bauern, der 7o Prozent der Gesamtbevölkerung ausmacht, und den das revolutionäre Regiment durch die Zuteilung des Lan­des der Gutsherrn für sich gewann.

Sozialismus und Kommunismus, so heißt es da, gibt es in Rußland auf dem Lande zunächst noch nicht und wich in den Städten, und Industriezentren herrscht nicht die Diktatur des Proletariats, sondern die Diktatur ü b e r das Proletariat mit Hilfe des Machtapparates, der aus der neuen Sowjetbürokratie und der Roten Armee besteht. Der dauernde Kampf mit der Kontre- reoolution hat die Entwicklung zur Diktatur begünstigt und den organisierten Terror hervorgerufen, der von den außerordentlichen Kommisfionen dauernd ausgeübt wird. Nach dem offiziellen Bericht des revo­lutionären Tribunals sind vom 15. Juni bis zum 15. Juli dieses Jahres noch 893 Personen erschos- f e n worden, abgesehen von denadministrativen" Er­schießungen. ' , .

Preßsreiheit, Vereins- und Versammlungssreihett sind für andere als Kommunisten so gut wie aufge- hoben, die Wahlen zu den Sowjets sind öffentlich, ge­heime Wahlen sind verboten. Die allgemeine Wehr-

Hindenburg bei Sedan.

Zum 2. September.

In seinem BucheAus meinem Leben" (Verlag von S. Hirzel) erzählt Hindenburg über den Tag van Sedin: Der Verlauf derjenigen Operation, die bei Sedan ihren denkwürdigen Abschluß fcmd, brachte nrerrig Bemerkenswertes für mich. Das Vorspiel, die Schlacht bei Beaumont, durchleb­ten wir am 30. August in der Reserve stehend nur als Zu­schauer. Auch am 1. September verfolgte ich den Gang der Schlacht vornehmlich in der Rolle eines Beobachters. Das Gardekorps bildete den nordöstlichen Teil des eisernen Ringes, der sich int Lause des Tages um die Armee Mac SDtehorts schloß. Die 1. Gardebrigade stand im be­sonderen von morgens bis nachmittags hinter den östlich des Grundes van Givomte gelegenen Höhen abwartend bereit. Ich benutzte diese Untätigkeit dazu, mich zu den am Höhenronde in langer Lüne aufgefahrenen Garde­batterien zu begeben, welche ihre Geschosse über den Grund hinweg in die aus den jenseitigen, meist bewaldeten Höhen stehenden Franzosen schleudetten. Don hier hatte man einen beherrschenden Blick auf die ganze Gegend vom Ar- demter Walli bis zum Abfall gegen die Maas. Im be­sonderen lag das HöhengelLnde von Illy und die sran- zösische Stellung westlich des Gwonne-Vaches einschließlich des Bois de la Garenne zum Greifen nahe vor mir. Die Katastrophe der französischen Armee entwickelte sich also geradezu vor meinen Augen. Ich konnte verfolgen, wie der deutsche Feurrkreis sich allmählich um den unglücklichen Gegner schloß, imd wie die Franzosen heldenhafte, aber von Anbeginn an völlig aussichtslose Deftuche machten, durch einzelne Vorstöße unsere Umklammerung zu durchbrechen. Für mich hatte der Komps noch ein besonderes Interesse. Am Tage vor der Schlacht hatte ich nämlich beim Durch­marsch durch Corignan von einem gesprächigen ftanzösischen Sattler, bei dem ich mir im Vorbeigehen eine Reitpeitsche kaufte, erfahren, daß der französische Kaiser bei seiner Armee sei. Ich meldete dies weiter, sand aber keinen Glauben. Als ich am Schlachttoge angesichts der sich immer mehr vollendenden feindlichen Vernichtung die Aeußc- nmg tat:3n diesem Kessel befindet sich auch Napoleon," wurde ich ausgelacht. Mein Triumph, als sich später meine Ansicht bestätigte, war groß.

Mein Regiment kam an diesem Tage nicht zu einer größeren Gefechtstätigkeit. Wir folgten gegen 3 Uhr nach-