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Mittwoch, 1. September ,920

Nr. 202

am

zum

und 2. September nachstehende Kundgebung der

1.

Der Zwischenfall von Breslau.

Die französischen Sühnesorderungen.

Don der f r a n z ö s i s ch e n B o t s ch a f t ist

Eine Gefahr für die deuische Wissenschaft.

Die französische Regierung schlug nach demB. T." der deutschen Regierung vor, ihr die Bestände der Deutschen Bücherei in Leipzig, datierend vom 1. August 1914, zu überlassen. Alsdann würde Frankreich auf den speziellen Wiederaufbau der einzel­nen zerstörten Diblirckheken Frankreichs, wozu Deutsch­land verpflichtet sei, verzichten. Die deutsch« Regiemng lehnte indessen ab, dem Kompensattonsvor- schlage Frankreichs Rechnung zu tragen, da die Erfül­lung des Wunsches gleichbedeutend mit einer nicht wie- dergutzumMhenden Schädigung des deutschen Biblio- thekrvesens sein würde.

50 Jahre nach Sedan.

DaS HeereSverordnungsblatt veröffentlicht

tieruntroortlid) Tüt den redattwn. Teil i. B.: Dr. Kramer. :: für die Anzeigen: I. Parzeller-Fuida. ::

Rotationsdruck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda- Fernsprecher Nr. 9 ^elegr.-Adreise: Fuldaer Zeitung

Die polnischen Untaten.

lieber den Massenmord von Iosephstal bei Deutfch-Picckar, wo nun schon zehn Leichen grau­sam getöteter deutscherArbeiter gefunden wor­den sind, treffen neue Meldungen mit entsetzlichen Ein­zelheiten ein. Der Schauplatz der Leichenfunde ist em kleiner Nadelwald dicht an der Grenze. Alle zehn Opfer stammen aus dem Schlafhaus in Maczeikowitz, das von den Palm am 20. August erstürmt wurde. Der Mord ist jedenfalls am 23. August erfolgt. Er­kannt ist bisher nur e i n e von den Leichen und zwar als die des Schlashausmeisters Loz. Als einer der Täter wird ein gewiffer Njdok genannt, der mit mehreren Brüdern die ganze Gegend aufgewstgelt haben soll; er ist fest der Untat flüchtig. D'e Leichen, die aus den beiden Massengräbern zutage gefördert wurden, boten ein grauenerregendes Bild. Nach dem Aussehen der Wunden und der zerstörenden Wirkung> der Kopfschüsse sind die Schüsie alle aus nächster Nähe abgegeben worden. Aber gerade deshalb zwin­gen eine Anzahl Schüsie zu der Vermutung, daß die Mörder ihre Opfer durch schlechtes Zielen absicht­lich grausam gemartert haben. Außerdem waren die Leichen der ganzen Oberkleidung, des Schuhzeugs ufw. beraubt und wie Viehkadaoer durcheinander geworfen. Später wird gemeldet, daß an-er den Leichen auch der Grubenarbeiter Brand aus Merchin­gen identifiziert worden ist. Die übrigen sollen Rhein­länder sein. Ueber die Vorgänge selbst liegt noch kein abschließendes Bild vor.

DemLokalanzeiger" wird aus Hindenburg über eine jetzt erst bekannt gewordene weitere Untat der Polen berichtet: Am 19. August fuhren trotz des Ge­neralstreiks etwa 400 deutsche Arbeiter in me Del- b r ü ck s ch ä ch t e ein. Eine etwa 800 Mann starke polnische Bande erzwang durch Drohungen die Aus- fahrt der deutschen Arbeiter. Die Polen stellten sich am Tor der Zeche in zwei langen Reiher« ruf und ließen die deutschen Arbeiter regelrecht Spießruten laufen, indem sie den Laufenden mit Knüppeln und Stöcken zahlr«che Hiebe versetzten. Besonders schwer wurde bet Borsitzende des Verbandes heimattreuer Oberschlesier der Ortsgruppe Kunzendorf mißhandelt. Polnische Frauen und Mädchen beschimpf, ten dabei die deutfchen Arbeitswilligen, sp'ieen ihnen ins Gesicht und traten die verwundet zu Boden Ge- stürzten mit Füßen.

Zu der in der Presse gemeldeten Verhaftung der deutschen Ueberleitungskommis- sare in Schwetz und Thorn, wird von zustän­diger Seite mitgeteilt, daß das Auswärtige Amt auf die Nachricht von der Festnahme des Ueberleitungs- kommisiars in Schwetz bei der polnischen Regierung sofort desien Freilassung und die Bestrafung der schul­digen Beamten verlangte. Die Freilassung er­folgte umgehend. Ueber die Verhaftung des lieber* leitungskommisiars inThorn liegt eine amtliche Mel­dung noch nicht vor. Die zur Aufklärung erforder­lichen Maßnahmen sind eingeleitet.

Ferner wird gemeldet:

wtb Kattowih, 31. August. Die Besatzungstruppe übt feit einigen Tagen auf verschiedenen Bahnhöfen Oberfchlestens eine sehr scharfe Kontrolle herReisenden aus. In Kattowitz Land liegt der Polizeidienst meist noch in den Händen von Polen, die größtenteils noch bewaffnet sind. Die polnisch-deutsche Grenze ist vollkommen offen. Entschädigungs­forderungen sind in großer Zahl angemeldet

fronen dauernd aufzugeben. Sn ihrem Gefolge ist das ganze Heer von Trabanten, die die Trefflichkeiten einer \ Kriegsgesellschaften-Tätigkeit noch in guter Erinnerung ! haben. Es muh offen ausgesprochen werden, daß ! vielerleiOrganisation" in den Aemtern von heute f unter dem Druck solcher Bestrebungen steht. Hier muß > die öffentliche Meinung mit aller Entschiedenheit ein* | grafen. Das Volk darf und wird es nicht dulden, daß unser behördlicher Verwaltungsapparat eine all­gemeine Dersorgungsanstalt wird. Mr sind aber auf dem besten Wege dazu. Es haben sich in der Behörden-Bürokratie vielfach Zustände heraus­gebildet, die mitOrganisation" nicht das geringste zu schaffen haben, die aber von einem freien und mündigen Volke einfach nicht ertragen werden können. Unerbittlich muß der Grundsatz der Makellosigkest und der Ordnung durchgeführt werden, und wo es nicht an­ders geht, muß der eiserne Besen mit rücksichtsloser Entschlossenheit geschwungen werden. Das deutsche Volk kann das verlangen, und es fordert das auch! Wir halten auch dafür, daß es dringend Notwendig ist, daß das Reichsparlament mit diesen Dingen sich gründ- lich befaßt.

Es werden Untersuchungsausschüsse für alle mög- sichen Angelegenheiten eingesetzt, das wichtigste aber wäre, eine parlamektarische Untersuchungskommission, die sich mit der ganzen heutigen Verfassung des Be- Hördenapparates und mit der in ihm sich breitmachen­den staatsgefährlichenOrganisation" beschäftigen müßte. Hier handelt es sich unmittelbar um unsere Lebensrnteressen, denn der Beamten-Apparat von heute verschlingt Milliarden Summen, urtd das derüsche Volk hat ein Recht zu fragen, ob die von oberster Stelle verkündeten Grundsätze der Sparsamkett auch irr diesem Falle wirklich rücksichtslos zur Anwendung kommen. Daß dieser Eindruck auch bei denjenigen Persönlichkeiten bestcht, die unmittelbar Einblick in die Dinge haben, zeigen Ausführungen, die der ehemalige sozialdemokratische Staatssekretär Dr. August Mül­ler gegenwärtig in der Poesie macht, und die sich mit einer nicht mehr zu überbietenden Schärfe gegen dieViel zu Vielen" und gegen dieUeberbürotratie" wenden. Sn der Tat tut eine gründliche Reform an Haupt und Gliedern in unserem ganzen Derwaltungs* apparat not, und vor ollem muß unerbittliche Auskehr gegenüber denBiel zu Bielen" gehalten werden.

StaatsstefährUcheOrganisation".

Auf der Tagung des Landesausschuffes der Zen- i trumspartei im Regierungsbezirk Staffel, bie am 25. August in Fulda stattfand, wurde, wie mitgetcilt, gegen die geplante Schaffung von Amtsoorbänden und Lmtsvorstehern u. a. deshalb scharfer Einspruch er­hoben, weil damst eine weitere Vermehrung der Be­amten verknüpft fei. In ähnlichem sinne sprechen sich die allgemein gehaltenen Ausführungen eines befondern politischen Mitarbeiters aus, die wir in folgendem wiedergeben:

Die Deutschen haben es immer als eine besondere I Ehrung angesehen, daß mm ihr Organisationstalent I jpeit und breit pries. Es ist auch richtig, daß man in | Deutschland organisatorisch sich durchaus auf der Höhe befand. Doch gilt diese Feststellung nicht für alle Gebiete des deutschen Volkslebens. Uneingeschränkt I bars das Lob gelten für das deutsche Wirt- | schaftsleben. Soweit sich die Privat-Snitiatioe | entwickeln konnte, haben wir allerdings glänzende Gr* | gebniffe deutscher Organisationsiätigkeit beobachten kön­nen. Wir brauchen nur aus die vorzügliche Berfasfung I unserer Großindustrie, welcher Branchen es auch immer | fti, hinzuweisen. Der deufche Fabrik- und Groß­industrie-Betrieb ist tatsächlich vorbildlich für das Aus- ! Md geworden. Diese Anerkennung der deutschen Dr- [ garrisationsfähigkeit gilt aber bezüglich des politi * ! scheu Lebens und insbesondere des deutschen bshörd- l sichen Verwaltungsapparates, sei es im Reich, in den [ Einzelstaaten, wie in den Gemeinden, doch nur mit Einschränkung. Dort hatte man in immer wach- i. sendem Maße Bürokratie mit Organisation ' verwechselt. Damit kam allgemach imfer gesamter behördlicher Apparat in den Zustand der Arterien* Verkalkung. Nach der Revolution sind diese Dinge nicht bester, sondern nachgerade so schlecht geworden, , baß man heute die immer mehr sich breiknachende : Bürokratie als staatsgefährlicheOrganisation" be­zeichnen muß.

Es gibt heute keine dringsichere Aufgabe im offen!« 1 sichen Leben, als immer und immer wieder die öffent* - siche Meinung zum Kampfe gegen diese Krebsschäden der Ueberbürotratie an unserer Verwaltung mobil zu machen. Wir wollen gewiß nicht verkennen, daß die i Aufgaben in den meisten Fragen des öffentlichen l Lebens einen viel größeren Kreis einnehmcn, als das f früher der Fall war. Das rechtfertigt doch ober noch i nicht die geradezu phantastischen Stellenvermehrungen, die bei den Behörden und Aemtern, insbesondere bei ten Reichsämtern, eingerissen sind. Die Ursachen die­ser Schäden reichen freilich zurück in bie Kriegs- . zeit, in der man mit dieser sogenanntenOrgani- ! fation" durch die Schaffung der Kriegsgesell* schäften begonnen hat. Der Schaden, der der deut­schen Volkswirtschaft durch diese Kriegsgesellschosten, allein durch ihre negativeTätigkest", durch die Unprvduksivität ihrer Arbeit, vor allem durch völlig unnütze, aber mit einem Aufwand von Tausenden von Arbeitskräften und Millionen und Aberrnillionen von Mark vorgespiegelte Dewirtschaftungsarbeit zugefügt wurde, ist überhaupt ziffernmäßig heute noch nicht an­zugeben, und das wird voraussichtlich überhaupt nie­mals möglich fein. Welche Verwilderung gerade die Kriegsgesellschaften auf dem kaufmännischen Arbeits­markte und nicht zuletzt hinsichtlich der kaufmännischen Arbeits-Moral angerichtet Haden, kann mau heute noch mit Tausenden von Beispielen in der Reichshauptstadt täglich erkennen. Man braucht sich nicht zu wundern, daß ein Privatunternehmer geradezu einen Schrecken davor hat, einen Angestellten oder eine Angestellte aus ehemaligen Kriegsgefellschaften in seinen Betrieb zu übernehmen. Die Forderung: Möglich rasch Schluß mit allen Resten von Kriegs­gefellschaften, gewinnt schon aus diesem Grunde eine besondere Bedeutung.

Eine ungemein ernst zu nchmende Gefahr aber, die für die Oeffentlichkeit weniger erkenntlich ist, droht nun unserem ganzen behördlichen Derwaltungsapparat durch das Bestreben,Organisations"-Methoden der Kriegsgesellschaften in die behördlichen Verwaltungen selbst hinein zu tragen. Diese? Bestreben hat vielerlei Gründe. Es gibt recht geschäftstüchtige Persönlichkeiten in den ehemaligen Kriegsgesellschaften, die mit Zähnen und Klauen dagegen ankämpfen, recht bequeme Posi-

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Chefs der Heeresleitung, Generalleutnants v. Seeckt: Wir gedenken heute des Tages von Sedan, der

Taten unserer Väter und Vorgänger vor 50 Jahren. Nicht lauter Festesjubel ziemt in dieser Zeit der schwe­ren Not. Wrr begehen den heutigen Tag in dem stol- zen Bewußtsein, der Väter wert gewesen zu fein, in der stillen Hoffnung aus Deutschland- Zukunft, in dem besten Willen, den Geist, der einst nach Sedan uns über hundert Schlachtfelder des Westens und Ostens führte, in der Reichswehr und im Volk lebendig zu erhalten."

in Breslau auf die nämlichen Ursachen wie die Belei­digung der ftanzösischen Botschaft vcm 16. Juli zu­rückzuführen ist, verlangt sie außerdem sofortige diszi­plinarische Maßregeln gegen den Hauptmann o. Ar­nim.

Die Regierung der Republik wünscht mit der deut­schen Regierung in einer Atmosphäre der Beruhi­gung und Arbeit friedliche Beziehungen zu unter­halten. Aber sie muß feststellen, daß eine lange Reihe feindseliger Kundgebungen und Angriffe gegen ihre zivilen und militärischen Vertreter in Deutsch­land zeigt, daß es gewisse Elemente auf Herausforde­rungen abfehen, zu denen das regelmäßige Ausbleiben einer Bestrafung geradezu ermutigt. Sie ist überzeugt, daß dieser unerträgliche Zustand sich von Tag zu Tag verschlimmern wird, wenn die deutsche Regie- rung nicht durch deutliche Mißbilligung und nachdrück­liche Strafen zeigt, daß sie dem ein Ende setzen will. In diesem Sinne beehre ich mich, im Auftrage meiner Regierung die Forderung zu stellen, daß die deutsche Regierung für alle Zwischenfälle, deren Opfer fran. zösische Vertreter oder Staatsangehörige gewesen sind, mir in der Botschaft binnen kürzester Frist durch den Reichskanzler ihr Bedauern aus. spricht und zugleich die Zusage erteilt, daß die in der vorliegenden Rote geforderte Genugtuung in vollem Umfang gewährt werde. 3m übrigen behalten sich die verbündeten Regierungen selbstoerständlich vor, die Sühne und Wiedergutmachung zu verlangen, die die Uebergrisfe gegen die interalliierten Kontrollkommis­sionen und ihre Mitglieder zu erfordern scheinen.

Genehmigen Sie, Herr Minister, die Versicherung meiner ausgezeichnetsten Hochachtung.

(gez.) Charles Laurent."

Das Reichskabinett trat nachmittags in Gegenwart der preußischen Minister zur Beratung über die Note zusammen. Das vorläufige Ergebnis der Beratungen war, daß der Minister des Auswärtigen Dr. Si­mons sich im Anschluß an die Aussprache im Ka­binett zu dem ftanzösischen Botschafter Laurent begab, um mit diesem persönlich die Angelegenheit zu be­sprechen. Stuf Grund dieser Aussprache sollen heute die Besprechungen nn Kabinett fortgesetzt werden.

Die Suche nach den Tätern.

Den Breslauer Blättern zufolge setzte der Regie­rungspräsident für die Ermittlung van Personen, die als Rädelsführer, Teilnehmer, ober Plünderer bei den jüngsten Vorgängen im polnischen und französischen Konsulat in Betracht kommen, eine Belohnung von 3000 Mark aus.

Ehrenrettung der Universität Breslau.

Wie aus Breslau berichtet wird, sprachen am Dienstag die Vertreter des allgemeinen Studentenausschusses der Universität beim Oberpräsidenten vor. Dieser zeigte sich den Wün­schen der Studentenschaft, eine Klärung der Mißver­ständnisse herbeizuführen, entgegenkommeitd und er­mächtigte die bei ihm Erschienenen, der Studentenschaft bekannt zu geben, daß die Angriffe in der Preffe auf keiner tatsächlichen Gmndlage beruhen, fernerhin, daß er persönlich die Ueberzeugung gewonnen habe, daß die Studentenschaft nicht für die Vorgänge verantwort­lich gemacht werden könne. Alsdann ermüd'tigte er die Erschienenen, der Studentenschaft bekannt zu geben, daß seiner Ueberzeugung nach polnische Agita­toren, darunter eine große Anzahl polnischer Studen­ten, an der Herbeiführung der Ausschreitungen schuld gewesen sei, zumal diese Herren, als man sie am näch­sten Tage m Schutzhast nehmen wollte, verschwunden gewesen seien.

31. August der Regierung in Berlin folgende Note überreicht worden:

Herr Minister! 3m Anschluß an meine Note vom 27. August beehre ich mich, Eurer Erzellenz die B e. dingungen der Negierung der Republik für die Beilegung des ernsten Zwischenfalles bekanntzugeben, der sich auf dem französischen Konsulat in Breslau am 26. August zugetragen hat:

1. Das Konsulat wird von der deutschen Regierung auf ihre Kosten wieder in Stand gesetzt. 2. Die deutsche Regierung zahlt 100 000 Franken zur Entschädigung der Konsulatsbeamten für die bei t,;r Plünderung erlittenen materiellen Verluste, für den Schaden, der ihnen etwa durch Vernichtung ihrer auf dem Konsulat hinterlegten Wertpapiere und Ur. künden entftanben sein könnte, sowie für die besonderen Aufwendungen, zu denen der Vorfall sie genötigt hat. 3. Alle am Ueberfall Beteiligten werden ermit­telt und bestraft. Das Ergebnis der Ermitte­lungen wird der Botschaft binnen acht Tagen mitgeteilt. Gegen die Ortsbehörden, durch deren Einverständnis, Fahrlässigkeit oder Gleichgültigkeit die Ausführung des Ueberfalls möglich geworden ist, wer­den die disziplinarifchen Maßregeln getrof­fen, von denen die Botschaft innerhalb der gleichen Frist Mitteilung erhält. 5. Nach vollständiger Erfül­lung dieser Bedingungen wird das Konsulat in Gegen­wart des Oberpräsidenten der Provinz Schle­sien und des französischen Botschaftsrats wieder eröffnet. Die Flagge wird gleichzeitig gehißt und weht bis 7 Uhr abends. Eine Kompanie Reichs, wehr mit Musik erweist Ehrenbezeigungen und defiliert vor dem Konsulat. Das Programm des Hergangs wird im Einverständnis mit der Botschaft festgesetzt. Da die Regierung der Republik der Ansicht ist, daß die Gewalttat gegen das französische Konsulat

Die perlen der Sggenbrechls.

24] Roman von Alexandra von Bosse.

Noch immer hatte Wolf Eggcnbrecht sich mit der schö­nen Alice nicht verlobt, und noch immer war Silvia in ungestörtem Besitz ihrer Perlen. Don einem Pro­zeß war noch keine Rede, der neue Herr von Altenwied schien sich auch damit Zeit nehmen zu wollen. Silvia wunderte das, sie fing an zu glauben, daß das Recht auf die Perlen für die Familie Eggenbrecht gar nicht so unstreitbar war, wie Branding es sie hatte glauben machen wollen, aber als sie dies Branding gegenüber äußerte, wurde er ganz ärgerlich.

Das ist nur eine Trödelei von dem Eggenbrecht," sagte er.Die Angelegenheit muß zum Austrag kam- men, und ein Prozeß ist, Ihrer Haltung wegen, einfach unvermeidlich. Ich verstehe gar nicht, auf was der Eggenbrecht wartet."

Vielleicht will er die Perlen gar nicht haben, oder Nach feiner persönlichen Meinung war Achim berechtigt, über sie zu verfügen, wie er es getan hat."

Seine persönliche Meinung hat damit nichts zu tun, denn die Perlen gehören der Familie, und er ist gcmz einfach verpflichtet, die Rechte der Familie unter allen Umftänben zu wahren."

Branding war innerlich wütend übtr die Dersch'ep- pung der Angelegenheit, weil er der Ueberzeugung war, baß Silvia nicht fein würde, ehe ihr nicht die Perlen genommen waren. Diese Perlen erinnerten sie fort- gesetzt an Achim, waren wie eine Kette mit der Ach m seine junge Frau noch über den Tod hinaus an sich gefesselt hielt. Darum hatte er noch richt gewagt, sich Giioia zu erklären ober auch nur durch fein Benehmen merken zu lassen, daß er sie liebte und begehrte. Es war ihm so zur Gewohnheit geworden, ihr gegenüber seine Gefühle zu beherrschen und zu verbergen, daß sie wirklich noch gar nicht ahnte, wie es um ihn stand, Acht ahnte, daß sich feine Leidenschaft für sie von Tag

zu Tag steigerte und allmählich zur Weißglut sich er­hitzte durch das gewaltsame Niederhalten der Flamme- Und Branding wünschte, daß der Prozeß, wenn er begann, möglichst scharf und rücksichtslos geführt werden würde. Silvia sollte geängstigt werden, die Widerwär­tigkeiten, ja Bedrohungen sollten einen solchen Grad erreichen, daß Silvia den Tag verwünschte, an dem Achim ihr die Perlen um den Hals gelegt hatte.

Am liebsten hätte er gesehen, wenn Wolf Eggen- brecht so rücksichtslos gewesen wäre, Klage auf Unter- schlagung der Perlen zu stellen, denn das würde natur- tief) einen völligen Bruch zwischen Silvia und der Fa­milie Eggenbrecht herbeigeführt haben, und einen sol- chen Bruch wünschte Branding. Er wollte wie Achim Silvia ganz für sich haben.

Aber der Sommer nahte, und noch immer wurden von Wolf Eggenbrecht keinerlei Schritte unternommen, die die Herausgabe der Perlen erzwingen sollten.

Der arme Wolf hatte den ganzen Winter über an den Folgen feines Beinbruches zu leiden gehabt. Kno­chensplitterung, Sehnenzerrung, dazu Unvorsichtigkeiten von seiner Seite hatten die Heilung verzögert, endlich war im Frühjahr noch eine schmerzhafte Opmat'vn nötig geworden. Tann wurde er zu längerem Kurgebrauch nach Wiesbaden aeschickt.X

Davon hörte E (Dia vo-ß Therese.

Silvia machte (Sommerpläne. Ursel hatte sich von ihrem Keuchhillten zwcr ganz erholt, neigte aber seit­dem zu fieberigen Erkältun->sanlälleu, weshalb S Ivro beschloß, mit dem K nde für einige Zeit an die See zu gehen. Sie bete sich bereits Prospekte von versch'e- benen Offftebäde-n kommen lassen, als The-ese mit einem Bvrsch'og dazwischen kam und ihren Willen auch schließlich durchsetzte.

Es war schon Mai. 3n Silvios Wohnzimmer stan- den die Fenster weit offen, frische Frühlingsluft strömte herein, vermischt mit dem Duft blühenden Flieders. Auf dem runden Tifch mitten im Zimmer prangte ein großer Straub Maiglöckchen, die ihren starken Dust

mit dem des Flieders vereinten; aus der dunklen Ecke am Klavier leuchteten die goldenen Trauben einiger Goldregenzweige.

Silvia hatte das düstere Schwarz der Trauer abge­legt, sie trug heute ein Kleid von weicher, eleganter, grauer indischer Seide. Ein zarter Spitzenkragen lag breit um den Halsausschnitt, wo jetzt die Perlen sicht­bar waren.

Sie saß an dem kleinen Schreibpult am Fenster und studierte einen neuangekommenen Prospekt, als Therese in der ihr eigenen lebhaften Weife hereinkam.

Du, Silvia, ich komme heute mit einer Bitte, mit einem Vorschlag und mit einer Forderung: Du muht mit mir nach Stolzen kommen!"

Wann?" fragte Silvia.Ich wollte ja schon im­mer einmal, und immer kam etwas dazwischen."

D, ich meine nicht nur zu so einem Besuch, Liebste, sondern für mehrere Wochen. 3a, ja, Du muht!"

Aber Therese . . ."

Es ist schon alles abgemacht! Tante Rest freut sich kindisch darauf, Dich und Ursel bei sich zu haben, wirk­lich! Und ich. siehst Du, ich muß hin, ich war schon im vergangenen Jahre nicht bei der Tante, und es würde so viel netter und amüsanter für mich fein, wenn auch Du einen Teil des Sommers dort verbringen würdest."

Aber ich will ja an die Ostsee!" konnte Silvia end­lich zu Wort kommen.Hier habe ich schon verschiedene Ostseebäder zur Wahl und . . ."

Ach was, Dftfeebäber! Für Ursel wird Stolzen viel gesünder sein, glaube mir nur. 3n den Dftfeebä- bern sinb immer eine Menge Kinber, bie gerade Schar­lach und Diphtherie überstanden haben und bie An. steckung noch an sich herumtragen. In Stolzen hat Ur­sel beste, ozonreiche Waldluft, fette Milch frisch von der Kuh weg und kann den ganzen Tag im schattigen Park herumtoben. An den sehr netten 3nfp?ftorstinbern wirb sie außerdem Gesellschaft finden, bie beiden Zwil­linge sind ungefähr in ihrem Alter."

Silvia wollte nicht, machte Einwendungen:

Allenwieb ist so nah, ein Verkehr mit den Eggen- brechts ist bann gar nicht zu nermeiben, und Dein Set­ter meinte . . . ."

Altenwied steht leer', wies Therese diesen Ein­wand ab.

Die alte Frau von Eggenbrecht ist mit Hilde zu längerem Besuch in Holten, bei Hildes künftigen Schwie. gereltern, wo auch, auf Wunsch des alten Herrn, im Herbst bie Hochzeit stattfinden wirb. Er will babei sein, natürlich, wenn fein einziger Sohn heiratet, und bie Reise nach Altenwied ist ihm zu beschwerlich. Wolf ist ja, wie Du weißt, fetzt in Wiesbaben, kuriert sein Dein; diesen unangenehmen Prozeßvetter wirst Du also ganz gewiß nicht zu sehen bekommen."

3ch weiß aber ja gar nicht, ob es Herrn von Bran­ding recht sein wird, wenn wir . . ."

Seo?" fiel Therese ein.Na, da mache Dir keine Sorge! Er wird nur zu froh fein, die beiden feiner Sorge anvertrauten Lebewesen in seiner Nähe zu ha­ben. Silvia, Du tust mir einen riesigen Gefallen! Ich langweile mich ja tot, wenn ich in Stolzen allein bei der Tante bin, und denke wie nett, wenn wir zusam­men dort sind! Wir werden im Walde liegen! Wir werden gemeinsam lange Ritte in die Umgegend unter­nehmen. Natürlich nimmst Du Deine Reitsachen mit. Leo hat zwei Reitpferde im Stall, eine irische Stute und ein Halbblut, die schon unter Damensattel gegangen sind, wundervolle Tiere! Es wird so gut tun, wieder einmal zu reiten, und es handelt sich ja nur um ein paar Wochen, später kannst Du, wenn Du willst, immer noch in ein langweiliges Ostseebad gehen."

Silvia sah, daß vieles für Thereses Vorschlag sprach, und kaum wurde sie schwankend, so verdoppelte Theres» ihre Ueberrebungskunst, bis Silvia enblich ihre Zu­sage gab.

Schon Anfang Juni fuhren sie gemei isarn in einem von Thereses schönen Autos nach Stolzen hinaus.

» folgt.)