aerZeitung
^zxraniroörttt^^^ü^^ek^^edalnon^Tet^^^^^^r^Kramer? - für die Anzeigen: I. Parzeller-Fulda. 5 Rotationsdruck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckere« in Fulda- Fernsprecher Nr. S Telegr.-Adresse: Fuldaer Zeitung
Dienstag, 3L Kugust 1920»
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47. Zahrg.
Der Steuerstreik.
Degen des Steuerabzugs vom Lohn gibt es immer jtocf) Streitigkeiten und sogar erhebliche Arbeitsstörun- «n. So auch in unserer Nachbarschaft, in Hanau. Das ist eine betrübende Erscheinung. Einesteils wegen der wirtschaftlichen Schäden, die aus den Reibereien für die Arbeitgeber und Arbeitnehmer und -äs gesamt Volk entstehen. Andererseits wegen des Mangels an Einsicht und Gemein sinn, der sich bei diesem Anlaß offenbart.
Bei vernünftiger Erwägung müßte es den betreffenden Steuerzahlern doch klar werden, daß diese Art Der Steuererhebung m ihrem eigenen Interesse siegt. Wenn nun einmal Steuern obgeführt werden Msen, so ist es doch offenbar bester, den Betrag in einzelnen Raten zu leisten in einem Zeitpunkt, wo man Das nötige Geld Hat, als sich dem ZwcmgsverfcchrM auszusetzen wegen einer größeren Summe m einem Lugenblick, wo das bare Geld nicht vorhanden ist. Es galt stets als ein Vorzug der indirekten Steuern im Vergleich zu den direkten, daß erstere in kleinen Raten zu einem günstigen Zeitpunkt erhoben wurden, so Daß ein Mahn- und Zwangsverfahren mit den vielen Unkosten uni) Aergernisten vermieden wurde. Es wäre ein wahres Glück, wenn sämtliche direkten Steuern auf dieselbe bequeme Art erhoben werden könnten, wie jetzt das Zehntel vom einkommenden Lohn. Wo es möglich ist, wird es auch angestrebt. So bet der Kapitalertragssteuer, die ohne weiteres bei der Fälligkeit der Zinsscheine mit 10 Prozent innebehalten wird. Nebenbei ein eW'sderlegung der hetzerischen Behauptung, daß der Lohnabzug eine Sonderbelastung für die Arbeiterklasse sei. Es ist nichts „Besonderes" und ist auch tatsächlich keine Belastung, sondern eine Erleichterung der unvermeidlichen Steuerpflicht.
Zu dem wohlverstandenen Vorteil des Einzelnen gesellt sich der große Vorteü für die Gesamtheit. Rmh, Staat und Gemeinden brauchen Geld, viel Geld, Damit sie ihren Aufgaben gerecht werden können, und Wese Steuergelder kommen uns allen zugute. Wenn sie ausblieben, müßte der Staatsbankerott erklärt werden, und dann wären wir samt und sonders bankerott: die Unternehmer, wie die Arbeiter, alle Bürger und das ganze Volk. In früheren Zeiten, als wir noch im Obrigkeitsstaate lebten und für militärische Zwecke ge- walttge Anforderungen gemacht wurden, konnte viel- dicht mancher zu dem Glauben kommen, er bezahle seine Steuern für fremde Zwecke, und habe über die Verwendung nicht mitzureden. Jetzt haben wir den Bülksstaat mit seiner demokratischen Verfassung. Das allgemeinste und freieste Wahlrecht, das es auf der Welt überhaupt gibt, gestattet jedem Bürger und jeder Bürgerin die denkbar weiteste Mitwirkung und Kontrolle über die Höhe, die Form und die Verwendung derSteuem. Obendrein liegt handgreiflich vor aller Augen die brennende Notwendigkeit der Steuerzahlung unter den gegenwärttgen Verhältnisten, wo Sein oder Richt sein von der Finanzwirtschast abhängen.
Das neue Staatswesen ist nicht bloß demokratisch, sondern auch sozial gestaltet. Wer verständig und ehrlich ist, muß zugestehen, daß gerade in der jüngsten Steuergesetzgebung der soziale Zug der Zeit zur Geltung kommt. Kapital und Besitz werden bis auf das Aeußerste herangezogen durch Notopfer und sonstige besondere Belastungen. Die Abgaben vom Einkommen sind progressiv aufgebaut, so daß die „bester
gestellten" Leute empfindlich stärker herangezogen werden, um die „schwächeren Schichten" schonend behandeln zu können. Auf die Belastungen der Familie durch Kinder und versorgungsbedürftige Angehörige wird sorgfältigst Rücksicht genommen. Wenn die Besteuerung so sozial eingerichtet ist, sollte doch gerade in den Kreisen, wo man von Sozialismus redet, sich der wirkliche sozial e ©imt geltend machen, d. h. die Erkenntnis, daß der einzelne ein würdiges und wirksames Glied in dem Volksorganismus sein muß. Es stt das Gegenteil von sozialem Gestt, wenn jeder nur auf seinen augenblicklichen Vorteil bedacht ist und an seinem
Die perlen der Eggenbrechts.
83] Roman von Alexandra von Bosse.
„Rührend von Alice," meinte sie. „Wolf mar ncm. lich in schrecklichster Laune, wie es die meisten Männer sind, wenn ihnen was fehlt. Nichts konnte ihn: die arme Alice in letzter Zeit recht machen, obgleich sie ihn oerwöhnte, wie sie nur irgend konnte. Das Derwöhnt- toerben gefiel ihm zwar ganz gut, aber es wirkte anscheinend verderblich auf seinen Charakter. Man darf Männer nicht verwöhnen, denn dann erwacht sofort ihr' schlummernde Tyrannennatur, und wenn die schöne Alice so weiter macht, wird sie, bis sie ihn heiratet, einen fürchterlichen Haustyrannen aus ihm gemacht haben." ।
„Bis sie ihn heiratet?" fragte Silvia. „Sind sie denn verlobt?"
„Ach bitte, Silvia, gib mir noch eine Taste Tee," bat Therese, und während Silvia ihrer Bitte nachkam, überlegte sie rafch, was sie auf die Frage antworten sollte. Als Silvia ihr die Taste zurückgab und sie dabei fragenb ansah, nickte sie, wiegte barauf halb zweifelnd den Kopf:
„Verlobt wohl noch nicht," meinte Therese bann, „aber was nicht ist, kann noch werben. Weiht Du benn nicht, baß bie schöne Alice eine alte Flamme von ihm ist! — Rein? Also — früher hat er ihr auf Leben und Tob ben Hof gemacht, aber damals würbe nichts daraus. Ihr Vater war sehr gegen biefe Kurmacherei, er wünschte für Alice eine weit bessere Partie, als es Wals, her arme Leutnant, damals war. J-tz, fr«:- sich wäre ber alte Kammerherr nur zu froh, wenn Wolf um ihre Hanb anhalten würbe, läßt sich ja benken, nicht wahr? Und Alice . . . nun, Herrin auf Altenwied zu werben, wird ihr schon posten. Sie ist ja, wie man zu sagen pflegt, kein Pony mehr, dicht an den Dreißig, außerdem hat sie Wolf schon immer gern gemocht."
„Und Wolf?" fragte Silvia.
Therese zuckte die Achseln.
„Alte Liebe rostet nicht! Und baß er sich von ihr nach Altenwieb begleiten läßt, gibt zu benken. Ich glaube, wir können uns für bcmnächst auf Derlobungs- karten gefaßt machen." ,
. Therese sprach bewußt gegen ihre Ue&etyugung, e* vaßte ihr ia <5 schien ihr aut Slsae (Ze-
Eigensinn festhält, ohne sich um das Gesamftvohl zu kümmern.
Wer nehmen will, muß auch zum Geben sich verstehen. Wer vom sozialen Staat sein Heil erwartet, muß auch diesem Staatswesen den Bestand möglich machen durch seine pflichttreuen Stiftungen als Wäh- ler und als Steuerzahler.
Wer gegen den Steuerabzug revoltiert, verrat einen bedenklichen Mangel an privatwirtschaftlicher Einsicht und an sozialer Gesinnung. Sollte dieses liebet auf weitere Kreise übergreifen, so würde man leider sagen müssen, daß unser deutsches Volk noch nicht reis sei für die republikanische Verfassung und die soziale Ent- Wicklung. *
Der Standpunkt der Dürkkembrrgffchen Regierung
Auf die vom Stuttgarter Aktionsausschuß ber Strei. fenben ber Regierung mitgeteilten Voraussetzungen zu Verhandlungen hat die Regierung folgende Antwort erteilt: Die Forderung bedingungsloser Anerkennung des Steuerabzuges am Lohn wird von der Regierung aufrecht erhalten. Nach Sicherstellung des Steuerabzuges und des ungestörten Betrie- bes ber geschlossenen Werke wirb bie Regierung bie Polizeiwehr zurückziehen. Die Aenberung bes Einkommensteuergesetzes stt Sache bes Reiches unb bes Reichstags. Die württembergische Regierung ist bereit, Aenberungsvorschläge ber Reichsregierung zu übermitteln. Das Steuergesetz muß restlos burchgeführt werben. Unter Anrufung ber beteiligten Parteien wird die Regierung bei ber Wiebereinstellung ber entlassenen ober ftreitenben Arbeiter Mitwirken. An ber Ableh- nung ber Sortierung bes Lohnersatzes für bie Streik- tage muß bie Regierung festhalten. — Eine Betriebs- Versammlung ber Arbeiterschaft Groß-Stuttgarts hat jetzt beschlossen, baß der Steuerabzug anerkannt wirb.
Deutschland, Polen und Frankreich.
„Französische Forderungen für Breslau".
Unter der Ueberschrist „Französische Forderungen für Breslau" wird in der „Dältschen Allgemeinen Zeitung" auscreführt, daß, während die französische Re- flierung erst den Bericht der Berliner Botschaft über die Breslauer Vorgänge erwartet, ehe sie die Bestrafungen und Wiedergsttmachungen, die sie für notwendig halte, zur Kenntnis bringe, die französische Presse bereits einen festen Standpunkt in der Frage eingenommen zu haben scheine. Nationalistische Blätter stellten bereits die Forderung, die Schließung der Universität in Breslau zu befehlen, die ein wohlbekannter Herd des Nationalismus fei. Außerdem solle man der Stadt eine schwere Geldbuße auferlegen. Ein Ausgleich m der Richtung, wie ihn die französstche Presse andeutet, sagt das Blatt, würde weder den Tatsachen noch dem Gefühle der Billigkeit Rechnung tragen. Indem die französische Presse die Breslauer Vorgänge mit übertriebener Schärfe behandele, scheine sie die Erörterung der oberfchlefifchen Angelegenheiten in den Hintergrund drängen zu wollen.
Das Echo des Deulhener Mkommens.
Die p o l n i f ch e P re s f e übt zur Zeit auffallende Zurückhaltung. Zum Beuthener Abkommen slbreibt die „Grenzzeitung", daß dieser Friede nicht sofort in seinem ganzen Umfange in Kraft treten wird. Polen beurteile klar, daß für Gewalttaten weder der deutsche noch der polnische Volksteil in seiner Gesamtheit verantwortlich sei. Es solle auch nicht gesagt sein, daß jeder Deustche und jeder Pole an den Uebergriffen beteiligt gewesen sei. Im übrigen werden durch den Warschauer Außenminister die deustchen Pressemeldungen, über das Gngreifen polnischer Truppen in Ober- schlosien, entschieden dementiert. .
Nene Zwischenfälle.
Nach der „Morgenpost* wurde in JofephSthal bet Beuthen eine grauenvolle Mordtat aufgedeckt.
danken von Wolf abzulenken, ehe ihre Gefühle für ihn sich vertieft hatten. Wenn Silvia ihn wirklich schon liebte, so war ihr bas sicherlich noch nicht bewußt ge- worben, unb bie Gewißheit, baß er nahe baran war, sich mit Alice zu verloben, muhte bas Fünkchen, das anscheinenb in ihrem Herzen zu glimmen begonnen, zum Erlöschen bringen.
Silvia blickte vor sich nieber, brehte an ihren Trauringen unb schwieg. Therese konnte nicht erkennen wie sie bie Nachricht von Wolfs möglicherweise bevorstehen- ber Verlobung eigentlich aufnahm. Es entftanb eine Pause, bann hob Silvia die Augen, über deren Glanz es sich wie ein Schleier gelegt hatte.
„Schabe eigenllich," sagte sie leise.
„Schabe? — — Warum?"
„Von allen Eggenbrechts hat mir die schöne Alice am wenigsten gefallen."
„So---?" Therese lachte. „Wie merkwürdig,
Silvia! Denke Dir, diese Abrzeigung ist gegenseitig! Alices blaue Porzellanaugen werben immer ganz grün, sobalb Dein Name erwähnt wirb, und überall erzählt sie herum, Du habest bie Eggenbrechtschen Perlen — gestohlen."
Ganz blaß würbe Silvia.
„Das sagt sie?"
„Noch mehr: Die ganze Geschichte von ber Szene an Achims Sterbebett sei, sagt sie, ein von Dir er- bichtetes Märchen, sie glaube kein Wort baoon. Wenn es nach ihr ginge, würbe Wolf sofort Klage auf Unterschlagung gegen Dich ergehen lassen. Vielleicht erreicht sie bas noch, wenn sie erst mit ihm verlobt ist."
Silvia hatte mit bem feinen Instinkt ber Frau sofort empfunben, baß bie große, schöne, junge Dame mit bem golbblonben Haar ihr nicht wohl wollte, als sie ihr barnals in Altenwieb zum erstenmal gegenüber gestanden hatte, barum hatte sie ihr auch am wenigsten ge- fallen.
„Aber warum verbächtigt sie mich so? Wie kommt sie dazu?" fragte sie beunruhigt.'
„Sie haßt Dich, weil Du bie Perlen hast. Sie rast innerlich bei bem Gebanken an bie Möglichkeit, baß sie den Schmuck bei ihrer Hochzeit nicht wirb tragen können, weil Du ihn nicht herausgibst."
„Ist sie benn schon so sicher, bah sie die Herrin von Aftcnwieb werben wird?"
Mehrere Deutschgesinnte, die auS Maczeikowitz von einer Bande weggeführt worden waren, wurden in Iosephsthal erschossen und die Leichen verscharrt. Fünf Leichen wurden bereits aufgefunden.
In der Nacht zum Sonntag und am Sonntag nachmittag nahmen französische Besatzungstruppen im Verein mit italienischen Truppen eine Durchsuchung des Polizeipräsidiums in Katto- Witz vor. Die Italiener beschränkten sich auf die Durchführung der Absperrung. Der Zweck der Durchsuchung sollte bie Abholung der im Polizeipräsidium vorhandenen und den Bejatzungstruppen gemeldeten Waffen und Munition sein. Damit begnügten sich die Franzosen jedoch nicht, sondern erschienen wiederholt im Polizeipräsidium, branden in alle Räume ein, öffneten alle irgendwie verdächtig erscheinenden Behältnisse und suchten sogar unter den Echrifr- stücken nach Waffen. Was irgendwie nach Waffen aussah, wurde mitgenommen, darunter auch die von der Kriminalpolizei bei Kriminalfällen beschlagnahmten Waffen.
Am Sonntag mürben die deutschen Ueberleitungs- kommissare in Schwetz und Thorn, die Organe der Reichs- und Staatskommissare sind, verhaftet. Die Verhaftung des Schwetzer Ueberlei- tungskommffsars geschah angeblich unter Spionageverdacht. Er blieb bis zum nächsten Tage in Untersuchung und durfte Schwetz nicht verlassen. Erst auf Intervention von Starosten wurde er am folgenden Tage wieder frtigegeben, doch mußte er Schwetz alsbald verlassen. Der deutsche Ueberleitungskommissar aus Thorn wurde am 19. August auf einer Dienstreise nach Marienwerder m Roggenhausen aus dem Zuge heraus verhaftet, in Graudeuz freigegeben. Dort erkannte der Starost, dem er auf Mrlangen vorgeführt wurde, die geschehenen Uebergrifse und stellte ihm neue Ausweise aus, bann auf dem Bahnhof erneut von Bürgerwehrleuten verhaftet. Der Kommissar wurde in eine Kaserne gebracht, wo er die Nacht in einer Arrestzelle verbringen mußte. Erst am nächsten Morgen wurde er einem Offizier des Generalkommandos vorgeführt, der ihn sofort frtiließ. Von Marienwerder aus geschah die Zurücksendung des Kommissars nach Thorn persönlich durch den polnischen Generalkonsul in dessen Automobil.
Wie die „Allensteiner Zeitung" erfährt, betrat am 28. August eine polnische Patrouille deutsches Gebiet südlich Willenberg. Hierbei kam es zu Zusammenstößen mit der Grenzwache. Es entstand ein kurzes Gefecht, in dessen Verlauf ein Grenz- Polizist verwundet worden ist.
Danzig.
Der Oberkommiffar Sir Reginald Tower hat das Abkommen über dieEinsetzungeinesvorläu- figen Obergerichts für Danzig und Memel unterzeichnet.
In einer Vertrauensmännersitzung der Danziger Hafenarbeiter wurde beschlossen, sich den Danziger Eisenbahnern anzuschließen und sämtliche Ausladungsarbeiten gemäß den Bestimmungen des Friedensvertrages auszuführen.
Bom ruffisch-polnifcheu Krieg.
Günstige Auffassung der Kriegslage durch die Russen.
Eine Kundgebung der Regierung in Moskau sagt: Die Rus sis ch e A rme e hat in neuen Stellungen die Umgruppierung vollzogen und die Offensive wieder aufgenommen. Sie hat bereits einige Ortschaften in der Nähe von Bialystok und Drcst-Lttowsk erreicht. In Galizien haben die russisch-ukrainischen Armeen ebenfalls neue Erfolge gegen die Polen erzielt. Die polnischen Erzählungen über ungeheure Verluste der russischen Armeen gehören in das Reich der Fabel.
Russische Erfolge gegen Wrangel?
In einem Funkspruch an Kamenew sagt Tschitscherin: Unser Vormarsch gegen General
„Jedenfalls will sie es werben, unb (ebenfalls will sie bann auch die berühmten Perlen an ihrem schönen Halse schimmern sehen."
An bas Gespräch mit Therese mußte Silvia wieder denken, als sie abends zu Bett ging unb bie Perlenschnur abnahm. Langsam ließ sie bie schimmernden Kleinode, die noch ganz warm waren von der Berührung mit ihrer Haut, durch ihre Finger gleiten, und nachdenklich blickten dabei ihre Augen darauf nieder.
Schade! dachte sie wieder, denn der Gedanke, daß Wolf Eggenbrecht feine Kusine Alice heiraten würde, gefiel ihr gar nicht. Sie hatte Gefallen an ihm gefunden, gern hätte sie ihn zum Freunde gehabt, und weil sie nie einen Bruder gehabt hatte, meinte sie, ihn wie einen Bruder lieben zu können. Daraus würde natürlich nichts, wenn er die schöne Alice heiratete. Nie wo ihr bisher der Gedanke gekommen, daß sie ihn anders lieben lernen könnte, als eine Schwester ihren Bruder liebt, und daß in ben tommenben Tagen es einen Tag geben könnte, an bem Wolf sie zur Frau begehren würbe. Nein, ein solcher Gedanke wäre ihr heute noch gleich einem Treubruch an Achim vorgekommen.
Sorgsam bettete sie bie gleißende, kostbare Schnur auf ben weißen Antias unb in bas mit weißem Samt überzogene Kästchen unb zärtlich fast ruhte ihr Blick nun auf ben köstlichen Perlen, beren matter Glanz auf bem weißen Atlas befonbers schon zur Geltung kam. Schon hatte sie ihn lieb gewonnen, biefen herrlichen Schmuck.
„Nein," sagte sie halblaut, „bie schöne Alice soll meine Perlen nicht bekommen! — Nie!"
Darauf klappte sie schnell bas Kästchen zu unb schloß es im eisernen Schrank ein.
Dreizehntes Kapitel.
Drei Wochen waren feitbem vergangen, ba erhielt Silvia eines Morgens unter anberer Post ein großes, längliches, weißes Kuvert mit bem Poststempel Altenwieb.
Die Derlobungsanzeige! riet sie sofort, unb ihre Hände zitterten ein wenig, als sie ben Umschlag öffnete.
Ja, es war eine Verlobungsanzeige: Hübe Eggenbrecht hatte sich mit ihrem Detter Hans von Eggenbrecht- Losten bem iunaen Marineoffizier verlobt.
Wrangel bauert fort. Im ganzen Gouvernement Taurien zieht sich General Wrangel gegen ba§ Innere der Krim zurück. Seine Lage wird kritisch.
Keine Friedensaussichten.
Die polnische Friebensdelegation lehnte am 27. August bie russischen Friedensbedin- gungen ab, weil sie „gegen bas Selbstbestimmungsrecht der Völker unb gegen die von Rußland bereits anerkannte Souveränität Polens sprechen unb eine Einmischung in bie innere Politik Polens barstellen".
Aus ben letzten Nachrichten, bie bie polnische Regierung aus Minsk erhielt, ist ersichtlich, daß die Arbeit iu Minsk vollständig unmöglich ist, da der Mast ber drahtlosen Station zerbrach. Die pol» Nische Regierung protestierte bei der Sowjetregierung gegen die Schwierigkeit der Verbindung und bat, die Verhandlungen in Riga weiterzuführen.
Der polnische R e i ch s t a g tritt am 24. September zusammen.
Der Bolschewismus als Weltgefahr.
Der Bericht ber englischen Arbeiter.
Die englische Arbeiterabordnung, bie kürzlich aus Rußland zurückgekehrt ist, veröffentlichte den Schlußteil ihres Berichtes über die russischen Zustände. In dem Bericht heißt es, daß die inbi» viduelle Freiheit, die Freiheit der Rede und der Propaganda streng eingeschränkt sind, wo sie eine Gefahr für das Sowjetregime bilden. Die Arbeit ist auf Grund sehr strenger Disziplin organisiert. Den russischen Bauern hat man aber für den Sozialismus nicht gewonnen.
Volfchewiftenfreunbe in Italien.
Am Sonntage fanden auf Veranlassung der sozialistisch en Partei in zahlreichen Städten Stall e n s Versammlungen statt, mit dem Zwecke, die offizielle Anerkennung ber Sowsietre. gierung zu verlangen. In verfchiebenen Stabten verliefen bie nur schwach besuchten Versammlungen in größter Ruhe, einzig in Florenz, wo bie Mani- festanten in einem Zug bie Stadt durchzogen, kam es zu blutigen Zusammenstößen. Es gab dabei 2 Tote unb 7 Verwunbete. Infolge bieser Zwischenfälle wurde in der ganzen Stadt der allgemeine Proteststreik proklamiert. In Mailand kam es zu Prügeleien» wo. bei mehrere Personen verletzt worden sind.
Aus Rom wird gemeldet, daß in Trie st ein f o - zialistifches Freiwilligenkorps gebildet worden ist, das nach Rußland gehen will. Trotzki soll sich an die Sozialisten in ganz Italien gewandt haben, mit der Bitte, Rußland mit fozialistifchen Legionen zur Hilfe zu kommen.
Aus dem besetzten Gebiet.
Aufgeklärt wurden der Mord an dem Schriftsetzer Ludewig und der zwei Tage später erfolgte Mord an der achtzehnjährigen Agnes Kretzer m Wiesbaden in- sofern, als es sich beide Male bei den Tätern um Angehörige der franzöfifchen Befatzungstrup- p en handelt. Die beiden vermutlichen Täter, M a. rottaner, sind bereits in Haft genommen, und die weitere Verfolgung der Angelegenheit hat die französische Behörde selbst übernommen. Bei der Leiche des Mädchens, die bekanntlich in zwei Zeltbahnen einge. wickelt war, hat man den Karabiner, mit dem der tödliche Schuß ganz aus der Nähe abgegeben war, aufge. funben. Auf Veranlassung ber französischen Behörde werben jetzt bei nächtlichen Streifen Mädchen, bie sich mit Soldaten herumtreiben, festgenommen.
* Antrag auf Rückgängigmachung der Ausweitungen. Nach einer Melbung ber „Voss. Zig." aus Saarbrücken würbe in ber ersten Sitzung bes neugewählten Kreistages Saarbrücken-Lanb ein Zentrums, antrag angenommen, ein Telegramm an bie Saarregierung zu richten, bie schon erfolgten Ausweisungen rückgängig zu machen und von weiteren Ausweisungen abzusehen. Landrat Vogler führte aus, von der Saarregierung fei ihm mitgeteilt worden, daß
Sofort setzte sich Silvia hin und gratulierte in sehr herzlicher Weise. Sie freute sich sehr. Sie kannte zwar Hilde und ihren Verlobten nur ganz flüchtig, sie hatte mit beiden damals in Altenwied kaum gesprochen, aber sie freute sich doch sehr, sie freute sich, daß es nicht Wolf war, der sich verlobt hatte, obgleich sie sich bas nicht klar machte.
Am Nachmittag kam Therese unb erzählte von den Neuverlobten. Der Vetter Hans sei nicht direkt verwandt und eine sehr gute Partie, einziger Sohn des alten Eggenbrecht-Holten. Das Gut Holten war ein wundervoller Besitz in ber Landshuter Gegend und die Familie auch außerdem recht wohlhabend. Der junge Eggenbrecht fei aus Passion bei der Marine, werde aber wohl nun den Abschied einreichen, um das Gut zu übernehmen, denn fein alter Vater, der feit Jahren an beiden Füßen gelähmt wäre, wünsche das schon längst.
„Also wird bald Hochzeit fein in Altenwied und wahrscheinlich eine sehr großartige," schloß Therese.
„Als ich die Derlobungsanzeige erhielt, dachte ich schon, daß Wolf Eggenbrecht sich verlobt habe," sagt, Silvia.
„Der nimmt sich Zeit," meinte Therese. „Ich glaube, er tut bas seiner Mutter zuliebe, bie ja jetzt in Altenwieb regiert unb die Regierung noch gern ein wenig behalten möchte. Wann beabsichtigst Du benn eigentlich nach Stolzen zu fahren, Silvia? Du wolltest boch."
„Das Wetter war immer so schlecht, erroiberte Silvia. „Und nun ist Ursel erkältet, hustet."
„Muß denn Ursel mit?"
„Ich wollte sie gerne mitnehmen."
Zu dieser Fahrt nach Stolzen kam es aber nun über- Haupt nicht, denn Ursel bekam den Keuchhusten, unb zwar in ziemlich schwerer Form. Als er sich besserte, empfahl der Arzt Bergluft, und Silvia ging mit bem Kinde nach Partenkirchen, wo es ihr sehr gut gefiel und wo sie blieb, bis Schneeschmelze eintrat und ber Landaufenthalt seine Annehmlichkeit verlor. So kam es, daß sie in diesem Winter auch Wolf nicht wieder- fah, überhaupt mit den Eggenbrechts nicht mehr in Berührung kam.
Fortsetzung.folgt.)