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47. Zahrg.

Montag, 30. fluguft 1920

Nr. 200

für die Anzeigen: 3- Parzeller-Fulda. :• Rotationsdruck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Femiorecker Nr. 9 ^eiegr.-Adrefse: Fuldaer Zeitun„

Bezugspreis: Monatlich 3,00 Alk. ohne Zustellgebühr. In Fulda bei uns abgeholi 3,15 Mk. Anzeigenpreis: DieKleinzeile (Colonelmatz) 60 pfg„ u- 10°io Zuschlag, die Reklamezeile (Textbreite) 1.80 Mk.. u. 100,o Zuschlag. Bei Wiederhol. Rabatt.

Brot-Reserve.

Mr haben in der letzten Zeit wiederholt darauf aufmerksam gemacht, daß die Ablieferung des Brotgetreides in unserer Ernahrungswlrtfchaft : tzirsmal eine ganz besonders wichtige Rolle spelt und «Dar einmal darum, weil sie in organischen Zusammen» Hang gebracht worden ist mit dem Abbau der Zwangswirtschaft, namentlich mit der Auf- bebtmg der Fleifchbewirtschaftung. Der zweite Grund -er schleunigen Ablieferung des Brotgetreides, dem ; tzjesmal ganz besondere Bedeutung beiliegt, ist die Not- i Wendigkeit der Durchführung des Abkom­mens von Spaa.

Loraussetzung für die Mehrforderung an Kohlen ist nach allgemeiner Auffassung die Berbesferung -er Nahrung der Bergleute und namentlich die Verbesserung der Brotversorgung. Ohne diese geht es nicht und darum wirkt die schleunige Brotgetreide­ablieferung den Folgen entgegen, die aus einer Nicht­erfüllung des Spaa-Abkommens drohen. Die Ge- f trrideabliefemng wird damit zu einer großen nationalen Aufgabe der Londrvirt- chaft, welche hier die Voraussetzung schafft, das cheinisch-westsälische Industriegebiet für Deutschland zu ! retten.

Diese außerordentliche Bedeutung der Frage zeigt sich auch bei den Kreisen, welche die Zwangswirtschaft am meisten bekämpft haben. So schreibt die „D. ■ Tageszeitung", das führende Organ des Bundes der : Landwirte zur Getreideablieferung: Der so bedeutsame Fortschritt der Freigabe der Mehbewirtschaftung ist bekanntlich an die Bedingung geknüpft worden, daß bis zum 1. Oktober eine Brotgetreide- ressroe von 2 Millionen Tonnen geschaf­fen wird. Diese Bedingung mag man, wie wir es tun, für innerlich unbegründet halten; mit der Tatsache hat die Landwirtschaft unbedingt zu rechnen. Die Tä- . tigkeit der Landwirte ist nun der entschiedene

‘ Faktor dafür, daß die mm einmal fest­gesetzte Vorbedingung für die Freigabe der

Vichwirtschast erfüttt wird. Insofern ist die Errei- 1 chung dieses großen weiteren Fortschrittes zu dem I Wege zur Wirtschaftsfreiheit tasächlich in ihre Hand : gelegt. Jeder Landwirt also, der seine ganze Kraft an schleunigste Ablieferung Dort Brotgetreide setzt, i fördert, jeder, der es daran schien läßt, gefähr­det das gemeinsame Ziel. Schon ihr eigenes In­teresse gebietet demnach den Landwirten, das Brot­getreide ^so schnell auszudreschen und zur Verfügung zu ; stellen, als es ihnen nur irgendwie möglich ist. Und ; ein Fehlschlag auf diesem Gebiete könnte nur zu leicht noch zu wetteren Rückschlägen in der Entwicklung zur Wirtschaftsfteiheit führen.

Die Schaffung der geforderten Brotgetreidereserve ist aber nicht nur ein dringendes landwirtschaftliches Interesse, sondern zugleich ein vaterländisches . Interesse von großer Bedeutung. Sie ist ein wesentlicher Faktor für die Erfüllung des in Spaa getroffenen Kohlenabkommens, dessen Nichtersüllung Deutschland mit feindlichem Einmarsch, mit dem Ver­lust der Verfügung über das Ruhrgebiet und damü zu- i Mch mit schwerstem wirtschaftlichen Zusammenbruch j bedrohen würde. Was es im besonderen auch für die l Landwirtschaft bedeuten würde, wenn die Ruhrkohle in : feindliche Hände überginge, braucht kaum gesagt zu werden. Wir wiesen schon darauf hin, daß die Berg­arbeiter sich in anerkennenswerter Weise bereit er­klärt haben, Ueberstunden zu leisten, und so nach ihren Kräften zur Förderung der nötigen Kohle beizutragen. Vorbedingung für eine wesenKche Mehrarbeit der Bergarbeiter ist, daß für ihre ausreichende Nahrung gesorgt wird, da sie sonst körperlich zur Mehrförderung tatsächlich nicht in der Lage sind. In erster Linie ober muß für die nötige Menge von Brot gesorgt werden, zumal die Brotnahrung für die Bergmanns-

arbeit unter Tage noch von viel größerer Bedeutung ist, als für die übrige Bevölkerung.

An den Landwirten ist es nun, durch schnellste Sie- ferung von Brotgetreide das Ihre zu tun, damit den Bergarbeitern die Mehrarbeit ermöglicht wird, die zu Deraarbeitern die Mehrarbeit ermöglicht wird, die zur Abwendung schwersten nationalen Unglücks Nötig ist. Der vaterländische Sinn der derrtschen Landwirte hat sich in guten bösen Tagen stets bewährt, selbst die dunklen Tage, die seit der Revolution über uns ge­kommen sind, haben ihn, des sind wir gewiß, nicht erschüttern können. Erkennt der deutsche Dauer, was jetzt auf dem Spiele steht, dann wird er sicher die letzten Kräfte daran setzen, das Vaterland vor unabsehbarem Schaden zu bewahren. Die Klarstellung der Zusam- menhänae, die nicht nur seine eigene Wohlfahrt, son­dern auch das Geschick des Vaterlandes in so entschei­dender Weise in die Hand der Landwirte legen, ist der Zweck dieser Ausführungen. Wir wissen nicht und kön­nen heute nicht wissen, ob die Erreichung des Zieles möglich ist: Auf jeden Fall aber muß bei den beut» ftficn Landwirten jedermann nach allen Kräften und Möglichkeiten seine Pflicht tun.

Die deutsch-englische ErnährungSkonferenz

Raichsmimst« Dr. Hermes ist mit Geheimrat Herz, der ihn begleitete, von der Konferenz in London zuruckge­kehrt. Ein halbamtlicher Bericht besagt u. a. über die Konferenz folgendes: Die ursprüngliche »sicht eine gemeinsame Konferenz der alliierten Machte und Deutschlands zu veranstalten, konnte infolge unvorherge­sehener Umstände in letzter Stunde nicht verwirklicht wer­den. Trotzdem hielt die englische Regierung die Einladung an die deutsche Regierung zu der Londoner Zusammenkunft in der Erwägung aufrecht, daß eine gemeinsame Aussprache zwischen dem englischen und deutschen Ernährungsministe- rium über Maßnahmen zur Verbesserung der Ernöhrungs- lag« Deutschlands von Vorteil sein würde. Dieser englisch- deutschen Ernährungskonferenz, die unter dem Vorsitz des englischen Ernährungsministers Eurdy stattsand, und an der auch der deutsche GeschÄtsträger Minister Sthawer teilnahm, wohnten die Vertreter Frankreichs, Italiens und Belgiens zu informatorischen Zwecken bei

Reichsminister Dr. Hermes ließ , sich m der Bespre­chung m längeren Darlegungen über die gegenwärtige Er- nährungslage der deutschen Bevölkerung aus. Er rotes u. a. darauf hin, daß das deutsche Volk, besonders die Berg­arbeiter, alles daran setzten, um die im Spaaer Ab­kommen emgegangenen Verpflichtungen zur Kohlenliefe­rung restlos zu erfüllen. Die deutsche Arbeiterschaft ser aber jetzt am Ende ihrer Kräfte, und es sei daher eine Bes- serur-g der Ernährung unerläßlich. Diese Derbesserung sei ebenso wie diejenige der übrigen deutschen Bevölkerung nur möglich durch eine wesentliche Verstärkung der Nahrungsmittelzufuhr aus dem Ausland. Diese habe aber ihrerseits zur Voraussetzung die schien- niqste Bereitstellung der m Ziffer 5 festgesetzten Vorschüsse durch die alliierten Mächte, und zwar zu Be­dingungen, die eine bauernde Hebung der Ernährungslage des deutschen Volkes gestatteten. Sonst wiederhole es sich, daß das deutsche Volk zwar zu Beginn des Wirtschafts, lahres etwas bester, wenn auch durchaus nicht ausreichend ernährt werden könne, dagegen in den letzten Monaten des Wirtschaftsjahres infolge ungenügender Auslandszufuhr wieder in einen Zustand starker Unterernährung zurückge- morsen werde. Dieser fortwährende Wechsel zwischen einer geringen Verbesterung der Ernährung und völliger Unter­ernährung erkläre den stark nervösen und krank­haften Zu st and, unter dem das deutsche Volk nach wie vor leide.

Minister Curdy würdigte vollkommen die von Reichs- mimster Dr. Hermes dargelegten Schwierigkeiten, die sich für die Aufftellung des Ernährungsprogrammes ergeben, und erklärte sich auf Wunsch des Reichsmimsters bereit, auf eine beschleunigte Regelung der Frage der Vorschüsse durch die Reparationskommission, zu deren ausschließ­licher Zuständigkest die Frage gehört, hinzuwirken.

Die weitere Aussprache über die nach st en Ein- fuhrbedürsnisse Deuffchlands wurde von Dr. Her- mes mit der grundsätzlichen Darlegung eingeleitet, daß Deutschland neben der Einfuhr von Nahrungsmitteln auch auf diejenige von Rohstoffen für die Landwirt­

schaft Gewicht legen müste. Die Sicherung der Ernäh- rung Deutschlands für die Zukunft müsse in erster Lime auf der heimischen Erzeugung beruhen. Deshalb müße diese mit allen Mitteln gefördert werden. Diese Auffassung wurde von den Vertretern des englischen Ernährungs- ministeriums durchaus anerkannt. A 'Meßend wurde dann Auskunft gegeben über die Lage auf den wichtigsten Gebieten der Ernährungswirtschaft. Eine eingehende Be­sprechung hierüber erfolgte am zweften Tage der Konferenz innerhalb kleinerer, aus Vertretern der beiden Ministerien und Sachverständigen gebildeten Kommissionen.

Die englisch-deutsche Ernährungskonferenz war beider­seits von dem Willen zu positiver Zufammenarbeit getragen und verdient als erster Versuch eines persönlichen Ge- dankenaustausches zwischen den Ernährungsministern Eng­lands und Deutschlands Beachtung, zumal die anderen nächstbeteiligten Mächte Kenntnis von den Verhandlungen nehmen. Die auf bei Londoner Konferenz behandelten Fragen werden voraussichtlich Gegenstand weiterer Be­ratungen fern, an denen dann hoffentlich die bisher nur informatorisch vertretenen Staaten tätigen Anteil nehmen werden._________________ _ ________________

Der Krieg im Osten.

Die Kampftage.

Rach einer Londoner Meldung haben die nclni» scheu Heere jetzt den größten Teil von dem ethnogra­phischen Polen erobert. Im Norden harrt nur ein ziemlich Keines Gebiet südlich von Litauen seiner Be­freiung. W i l n a ist von der Roten Armee frei Von Drest-Litvwsk bis an die galizische Grenze fällt die polnische Front ungefähr mit der Curzonlinie zusam­men. In Galizien aber halten die Polen ein ziemlich großes Gebiet außerhalb dieser Linie besetzt, einschließlich des Gebietes von Lemberg, welches der Oberste Rat Rußland zugesagt hat.

Die Feldzugspläue der Russen.

Wie die „Information" aus Warschmt meldet, er­klärte Pilsudski dem Vertreter des Blattes, die Bolschewisten würden sich nicht mit ihrer Niederlage begnügen. Von den 70 Divisionen, die sie gegen Polen vereinigt hätten, seien nur noch 30 übrig. Sie seien aber dabei, neue Armeen aufzustellen. Augen­blicklich zögen sie sengend und mordend durch Ostgali­zien und bewaffneten Bauernbanden. Die mir zugegan- genen Meldungen, sagte Pilsudski, geben mir das Reckst zu behaupten, daß die Bolschewisten in Ostgalizien mit 15 neuen Divisionen eine neue Offensive in großem Stil vorbereiten.

Anedensbereilschaft?

Nach einer „Temps"-Meldung aus Warschau sol­len die Bolschewisten bereit sein, nach Unterzeichnung eines Waffenstillstandes in Minsk die Besprechungen in Warschau fortzusetzen. Nach demselben Blatt fand am Samstag eine Zusammenkunft der Parteiführer des polnischen Reichstages in Warschau statt. Ein Antrag auf sofortige Einberufung des Reichstag es wurde abgelehnt. Nur die Kommissionen für Krieg und auswärtige Angelegenheiten werden in der nächsten Woche zusammentreten.

Ein Rat des Heil. Vaters.

Laut,Jdea Nazionale^ hat der Papst Polen angeraten, nicht über seine Grenzen hinauszugehen und bei den Friedensverhandlungen einen versöhn­lichen Geist zu zeigen.

Oberschlesien.

Genug des Blutes und der Schrecken.

Die Vertreter der deutschen und pol­nischen politischen Parteien und Ge­werkschaften haben einen A u f r u f an das ober- schlesffche Volk gerichtet, worin es heißt: Genug des Blutes und der Schrecken! Die Vertreter der deutschen und der polnischen Sache haben sich zusammengefunden, um unserem Volk die Ruhe und den Frieden und un­

gestörte Arbeit wiederzugeben. Es werden dann noch­mals die bereits bekannten Punkte aufgezählt, auf deren Grundlage eine Verständigung erzielt werden soll. Zum Schluß heißt es: Lasset ab von allen Gewalttaten, legt die Waffen nieder und kehrt zu Eurem Tageswerk^ zurück.

Eine Kundgebung in Bersin.

Gegen die polnischen Gewaltakte und die Mißhand­lungen der Deutschen in Oberschlesien hat am Sonntag im Lustgarten in Berlin eine gewaltigeProtest- kundgebung der in Berlin lebenden Oberschlesier stattgefunden, an der etwa 50 000 Personen teilnahmen. Von sieben verschiedenen Stellen sprachen Zeugen der furchtbaren Greuelszenen in Oberschlesien und Redner aller politischen Parteien gaben ihren Gefühlen für un­sere unterdrückten und geknechteten Landsleute Aus- druck.

Der Allgemeine Deutsche Gewerkschaftsbund, die Ar­beitsgemeinschaft freier Angestelltenverbände, der Deutsche Gewerkschaftsbund, der Gesamtverband deut­scher Angestelltengewerkschaften, die Hirsch-Dunckerschen Gewerkschaften und der Gewerkschaftsbund der Ange­stellten haben Funkentelegramme an alle Arbeitskollegen in der ganzen Welt ge­sandt, worin sie das Elend der oberschlesischen Brüder schildern und sie bitten, ihnen in ihrer Berzweiflung, solange noch Aussicht auf Rettung ist, zu helfen.

liebevoll Streik.

Die Lage in Württemberg.

Der Sonntag hat im äußeren Verlauf des Generalstreiks weder in Stuttgart noch sonst in Württemberg eine nennenswerte Veränderung ge­bracht. Der Tag ist vollkommen ruhig verlaufest. Der „Vorwärts" richtet aus Anlaß des Streiks in Württemberg, der sich gegen den Steuerabzug wendet, eine ernste Mahnung an die Arbeiterschaft. Die kommunistische Agitation gegen den Steuerabzug be eichnet er als bösartigen groben Unfug, der für die Arbeiter die schwersten Folgen haben könne.

Streiks in Frankreich.

Nach einer Havasmeldung aus Orleans sind dort die Bäckereiarbeiter in den Ausstand getreten. Dis Versorgung der Bevölkerung mit Brot geschieht durch die Wilitärbäcker.

Aus Maubeuge wird gemeldet, daß ein in der Elektrizitätszentrale von Ieumont ausgebrochener Streik die Fabriken im Becken von Maubeuge ffill- gelegt hat. Die Blätter sind nicht erschienen.

England, Italien und Amerika.

Nach einer Meldung der „Humanste" aus London streiken in Manche st er und Liverpool die Zeitungssetzer. Die Zeitungen können nicht er- scheinen.

Das Ergebnis der Abstimmung der Bergarbei- ter über die Frage eines allgemeinen Streiks wird am 2. September auf der allgemeinen Dergarbei- terkonferenz in London bekanntgegeben. Die Abstim­mung hat anscheinend die notwendige Zweidrittelmehr­heit zu Gunsten des Streiks ergeben.

Der „Secolo" meldet, daß ein Streik der ita­lienischen Eisenbahner zu erwarten ist. Der Grund ist darin zu suchen, daß diejenigen Arbeiter, dir sich an dem letzten Streik nicht beteiligt haben, in ihren Stellungen aufgerückt sind. In Palermo sind die Eisen- bahner bereits in den Streik getreten.

Aus N e w y o r k wird gemeldet: Aus Sympathie für Irland haben die Ausländer an Bord der ame­rikanischen, französischen und belgischen Schiffe die Ar­beit eingestellt. Sie erklären, die Löschorbeiten nicht wieder aufnehmen zu wollen, ehe nicht der Bürger­meister von Cork steigelassen werde und der Erz. bischof M a n i s e seine Reise fortsetzen könne.

Die perlen -er Eggenbrechts.

22] Roman von Alexandra von Bosse. Zwölftes Kapitel.

Aber nicht nur Leo Branding war eifersüchtig ge- worden, sondern auch Therese Ranken. Sie war es doppelt. Es schien ihr, als habe Wolf Eggenbrecht sich wirklich bereits in Silvia verliebt, und umgekehrt, und sie liebte es gar nicht, wenn einer ihrer jungen Ver­ehrer sich in eine andere Frau verliebte. Wenn sie so tat, als wollte sie Heiraten vermitteln, so war das nur ein diplomatischer Schachzug, der bezwecken sollte, das Gegenteil von dem zu erreichen, was beabsichtigt schien. Sie wußte aus Erfahrung, daß ein junger Mann, dem man sagte, die oder jene wäre eine Frau für ihn, gewöhnlich eine Art Vorurteil gegen die Betreffende faßte und ihr möglichst aus dem Wege ging, aber bei Dolf schien ihr Trick nicht gewirkt zu haben. Es war bedenklich, wie besorgt er gewesen war, daß Silvia sich nicht erschrecken sollte, es war ihm entschieden das Wichtigste gewesen nach seinem Unfall. Und wie konnte er wissen, ob sie wirklich so sehr erschrecken würde wie es dann geschah? Sollte bereits ein vielleicht noch halb unbewußtes seelisches Einvernehmen zwischen den beiden zustande gekommen fein? —

Absichtlich hatte sie Silvia die Mitteilung von Wolss Unfall nicht in schonender Weise gemacht und aus der Wirkung ersehen, daß Wolf ihr jedenfalls nicht mehr gleichgültig war. Sicher hatte auch Leo das bemerkt, vielleicht schon früher als sie, weil er einen freundschaft­lichen Verkehr zwischen Wolf und S'lvia zu hinter­treiben versucht hatte. Und auch auf ihn war Therese eifersüchtig, doch hier schien ihr die Gefahr nicht so groß, weil sie sicher war, daß Silvia kftne Neigung für Leo empfand. Nur durch die Macht fei-es starken W l- lens, dem Silvia anscheinend wenig Widerstand ent- gegenzusetzen vermochte, konnte Leo es dazu drinnen, daß Silvia sich entschloß, ihn zu heiraten. Es galt ein. fach dieser Macht entgegenzuarbeiten.

Therese war nicht Ränkeschmied aus Bosheit, ah er sehr egoistisch und immer entschlossen, f.stzuhalten, was ihr gehörte. Wolf gehörte ihr! Er hatte schon als Knabe sie rSeeyrt, noch wollte sie seine a-genehme Ber- ehrung nicht verlieren. Wenn er sich ßber ver'"^- toenn er gar heiratete, war es damit aus, bas wußte

sie aus Erfahrung. Sie wurde älter und der Kreis ihrer jungen Verehrer lichtete sich mehr und mehr. Wolf wollte sie sobald noch nicht verlieren!

Aber auch Leo wollte sie nicht verlieren, den sie aller­dings nicht zu ihren Verehrern zählte, der aber der ein- zige Mann war, den sie heiraten durfte, ohne ihr Ein- kommen zu verlieren. Jetzt da die Möglichkeit drohte, daß er sich eine andere Frau nahm, erschien es ihr als besonders begehrenswert, doch noch Herrin auf Stolzen zu werden. —

Therese brauchte aber vorläufig gar keine Ränke zu ersinnen, um Wolf und Silvia auseinanderzuhallen, da er ja mit feinem gebrochenen Bein nicht zu ihr konnte. Zunächst wurde er aus der Klinik in die Woh- nung seines Onkels, des Kammerherrn von Eggenbrecht, transportiert, und hier besuchte ihn Therese. Er lag mit geschientem Bein auf einem bequemen Liegestuhl und mochte ein ziemlich verdrießliches Gesicht, obgleich seine Kusine, die schöne Alice, ihm Gesellschaft leistete.

Alice war ganz mütterlicher Sorge voll, umgab ihren Patienten mit allem, was sein Herz begehrte, und war unermüdlich damit beschäftigt, ihn zu pflegen. Sie nahm es gar nicht übel, daß er trotzdem schlechter Laune war, und war fest enffchlofsen, durch ihre Sorge um ihn so viel Dankbarkeit in seinem Herzen anzuhäufen, daß schließlich nur eine Verlobung mit ihr es wieder ent­lüften konnte.

Thereses Besuch freute sie, weil er Wolf zerstreuen würde. Sie ließ die beiden sogar a,rein, denn Therese war nach ihrer Meinung keine Gefahr.

„Hier sind Sie also gelandet. Sie Schwörenöter! Und von der schönen Alice lassen Sie sich pflegen. Sie Be- neidenswerter!" begrüßte ihn Therese, die wußte, daß die Flamme, die einst in seinem Herzen für Alice Eggen­brecht gebrannt, längst erloschen war.

„Waren Sie bei Silvia?" fragte Wo'f gleich.

„Ja, sie bedauerte sehr," berichtete Therese. „Ich fand meinen Detter bei ihr. Man findet ihn beinahe immer bei ihr, wenn man zu ihr kommt."

Wolfs Gesicht verdüsterte sich.

' „£o — das muß sehr langweilig für sie fein,,“ meinte er, aber Tberese widersprach:

| „O rein, Leo ist eigent'ich ein in'ereffanter Mensch und fü.r manche Frauen hat er gewissermaßen etwas Be- rückendes."

1 „Gehört Silvia zu diesen Frauen?"

„Ich weiß nicht — möglich schon, jedenfalls em­pfindet Silvia für ihn wohl ähnlich wie für ihren ver­storbenen Mann. Leos Wünsche sind für sie gleichsam Befehl und vor seinem Stirnrunzeln zittert sie."

„Ich hatte nicht den Eindruck, als könnte sie so einfältig sein," knurrte er.

Therese lachte:

„Einfältig nennen Sie das? Aber Wölfchen, Sie vergessen, daß Silvia gewissermaßen dafür erzogen ist, vor männlichem Stirnrunzeln zu zittern. Ihr Detter Achim lehrte sie das. In Leo aber sieht sie eine Art Stellvertreter des Verstorbenen auf Erden."

„Und das nutzt er aus?"

„Er wäre dumm, wenn ers nicht täte. Silvia treibt sozusagen Kultus mit der Erinnerung an ihren Mann und alle seine in den Wochen seines Leidens geäußer­ten Wünsche sind ihr heilig. Er hat gewünscht, daß sie Leo unbedingt vertrauen, daß sie ihm gehorsam -sein sollte, wie sie es ihm gewesen! In ihrem Schlafzimmer hat sie eine Art Altar, das fft ein feuer- und diebes­sicherer Ge'dfchrank, vor dem kniet sie jeden Abend, ehe sie sich zu Bett legt, und verwahrt darin frommen Ge- müts die geheiligten Eggenbrechtfchen Perlen."

Therefe lachte, sich über ihren eigenen Bericht amü­sierend, und lächelnd fügte sie hinzu:

„Wirklich, Wölfchen, wenn Sie den Perlenprozeß ge­wonnen haben werden, wird 3’nen nich s anderes übrig bleiben, als einmal mitten in der Nacht den Gerichts- Vollzieher zu Ihrer Kusine zu schicken. Er kann den Geldschrank pfänden, und so werden Sie endlich zu den Perlen kommen."

„Schlechte Aussichten für mich, die Wette zu gewin­nen!" dachte Wolf.

Als Silvia hörte, daß Wolf bei feinen Verwandten ausgenommen worden war, wollte sie ihn dort besuchen. Der Kammcrherr und seine Tochter hatten nach dem Tode Achims bei- ihr einen Kondolenzbesuch gemacht, den sie wie alle anderen nicht annahm, aber nach eini­ger Zeit hatte sie Besuch bei Alice gemacht und diese zu Hause getroffen. Dabei war es geblieben. Jetzt konnte sie noch einma! zu Alice Eggenbrecht gehen und dabei Wolf sehen und ihm persönlich sagen, wie sehr sie seinen Unfall bedauere. Sie teilte aber vorher Therese ihre Absicht mit.

„Kennst Du denn diese Eggenbrechts schon?" fragte Therese, die sofort entschlossen war, diesen Besuch Sil­vias nicht zuzulassen.

„Ich habe sie neulich in Altenwied kennen gelernt," erwiderte Silvia.

„Richtig! Nun dann kannst Du natürlich hingehen, wenn Du so gern möchtest."

„Silvia hörte ein Zögern aus Thereses Antwort her. aus, und schnell fragte sie:

„Bist Du auch, wie Dein Detter Leo, der Ansicht, daß ich mich vorläufig den Eggenbrechts fern halten müßte, und besonders gegen meinen Setter Wolf nicht zu fteundlich fein dürfte?"

„Warum?"

„Wegen des bevorstehenden Perlenprozeffes. Herr von Branding meinte, wenn ich jetzt gegen ihn liebens­würdig fei, könnte es fo gebeutet werden, als wollte ich ihm durch Liebenswürdigkeiten fein Recht auf die Per­len gleichsam abkaufen."

Therese wiegte überlegend den Kopf.

„Ja, da hat Leo eigentlich recht — ausnahmsweise — es könnte so aussehen," meinte sie.

„Findest Du?"

„Ja! An Deiner Stelle würde ich, um jede der­artige Mißdeutung zu vermeiden, auch von einem freundschaftlichen Verkehr mit den Eggenbrechts vorläu­fig absehen, besonders aber mich hüten, dem guten Wolf besondere Liebenswürdigkeiten zu erweisen."

„Dann gehe ich nicht hin!" erklärte sofort zu großer Befriedigung Thereses Silvia. Sie vertraute Therese, sie war überzeugt, daß diese ihr ganz selbstlos riet und durch nichts beeinflußt war.

So unterblieb ihr beabsichtigter Besuch.

Wolf aber hatte bestimmt erwartet, daß sie wenig­stens einmal kommen würde, und war sehr enttäuscht, als dies nicht geschah. Nun wurde er ungeduldig und wollte nach Altenwied. Vergebens bot Alice alle lieber- rebungstunft auf, ihn zu weiterem Bleiben zu bewe­gen, er bestand nur um so 'tonischer auf feinem Ent­schluß, doch ließ sie es sich nicht nehmen, ihren lieben Pflegling wenigstens nach Altenwied zu begleiten, wo- hin er sich, in einem großen Auto liegend, fahren ließ. Er konnte sie daran nicht hindern, ohne ihre Gefiffüe ernstlich zu verletzen, und er wollte auch nicht. Es schmeichelte if* und war ihm eine Art Genugtuung, daß wenigstens sie so sehr um ihn besorgt war.

Therese erzählte Silvia davon. ;

(Fortsetzung folgt).