Nr. 199
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47. Zahrg.
Die Wurzeln des Bolschewismus.
Die größte $eroegurtg, die • Ne Völker erfaßt hat, jst die bolschewistische Sturmflut, deren Wellen bran- ' Md an alle Staatenufer tosen. Wo haben roir die Hrundkräfte dieser Bewegung zu suchen?
Der Bolschewismus wurzelt mit allen seinen Fasern im Nihilismus. Der Bolschewismus ist nichts anderes als der sozialistisch verbrämte und inter- . nationalisierte russische Nihilismus. Der Nihilismus selbst aber ist wieder ein Pfropfreis des westeuropäischen, besonders des deutschen Ätheis- ntus und Materialismus. Beiden gemeinsam sind die tiefsten Grundwurzeln, Gottesleugnung und Gotteshaß, und die praktischen Folgerungen, Verneinung und Zerstörung.
Sie letzten Wurzeln des Nihilismus können, wie S. Duhr S. J. im Augusthefte der „Stimmen der Zett", Freiburg L Br., Herder, zeigt, in den Irrgängen der deutschen Philosophie des 18. und 19. Johr- hundertss aufgedeckt werden. Die alles kritisch zerna- ! gende Philosophie Kants und Hegels mußte für ■ hrn Magen des grübelnden Rusten ein wahres Leibgericht werden und ist es geworden. Die ganze moderne kritische Philosophie m Rußland ruht in ihren letzten Stützen auf Kani, Hegel und Fenerlmch. Besonders Hegel wurde der Liebling der Nihilisten, Hegelianer und Nihilist erscheinen als gleichwertige Begriffe. Die Väter des russischen Nihilismus, Alexander Herzen und Michail Bakunin, sind ausgesprochene Hegelianer, sie haben in Rußland Hegel studiert und diese Studien dann in Deutschland fortgesetzt und erweitert. Funck-Brentano hat im Jahre 1887 ein Buch herausgegeben mit dem Titel „Die deutsche Philosophie und die russischen Nihilisten", in dem er nachweist, daß die letzte Folgerung aus dem Skeptizismus der deutschen Philosophie der russische Nchilismus ist. Kant-Hegel- Feuerbach-Herzen-Bakuin bilden eine einzige Kette, in der kein Ring fehlt. Der eine übertrumpfte oder, wie sich Engels ausdrückt, „übergipfelte" den anderen. Und diese Uebergipfelung gelangte vom beweisentleerten und entthronten Theismus Kants über den Pantheismus Hegels und den Materialismus Feuerbachs schließlich nicht ohne furchtbare Konsequenz beim Be» stialismus an; der Mensch ohne Gott — eine Bestie — Nihilist.
Den Zusammenhang zwischen Philosophie und Revolution hat Engels ganz richtig gezeichnet: „Wie in Frankreich im 18. Jahrhundert, so leitete auch in Deutschland im 19. Jahrhundert die philosophische Revolution den politischen Zusammenbruch ein." Dabei waren aber abweichend von Frankreich in Deutschland die Wegebereiter der Revo- tution „die deutschen Professoren, vom Staate eingesetzte Lehrer der Jugend, ihre Schriften anerkannte Lehrbücher, und das abschließende System der ganzen Entwicklung, das Hegelsche, sogar gewistermaßen zum Rang einer kgl. preußischen Staatsphilosophie erhoben!"
Diesen inneren Zusammenhang zwischen Atheismus und Revolution wollen freilich viele Atheisten, besonders die in den Palästen, auf den Lehrstühlen und in den Kanzleien nicht zugeben. Die Logik spricht aber gegen sie und die Praxis hat zu deutlich und blutig entschieden. Daß es nämlich für oben einen anderen Gott geben soll als für unten, ist Helle Unvernunft. Daß das selbstherrliche satte Ich oben aridere Rechte haben soll als das hungernde Ich unten, ist schrewnde Ungerechtigkeit. Ist das Ich selbstherrlich, so darf es ! oben und unten, satt oder hungrig, bestockt oder zer- j lumpt als einziges Lebensziel die größtmögliche Befriedigung aller Lustgefühle sich vorsetzen und darnach streben, — das ist zwingende Logik. Wer Atheismus sagt, sagt in der Schlußfolgerung Nihilismus oder Bolschewismus, wenigstens wird er icke em auch die Massen überzeugendes Beweismittel gegen diese Schluh-
vie perlen öer Lggenbrechts.
21] Roman von Alexandra von Bosse.
„Warum denn nicht? Etwas Landluft vor Beginn des Winters würde Ihnen, sowie auch der Kleinen sehr gut tun," drängte er.
„Das ist wahr . . . Sobald das Wetter sich bestert — vielleicht . . ." gab Silvia nach, obgleich sie eigentlich keine Lust verspürte, Gast in Stolzen zu sein. Roch weniger hätte sie Lust dazu gehabt, wenn sie geahnt hätte, mit welchen Absichten Branding sich trug, daß er fest entschlossen u>ar, sich sobald wie möglich mit ihr zu verloben. Daß er heute noch nicht sprach,' entsprang der Ueberlegung, Silvia nicht zu sehr zu überraschen, sie durch die Plötzlichkeit seines Antrages nicht zu erschrecken. So hatte er sich das mit ihrem Besuch in stolzen ausgedacht. Kam sie hin, war sie einmal dort, so wollte er dafür sorgen, daß sie länger blieb und dann sand sich Gelegenheit, ihr nach und nach zu erkennen Ju geben, daß er sie liebte.
Er sprach weiter von Stolzen, erzählte von Derbeffe- ttingen, die er hatte vornehmen lassen, während seine ®utter in Marienbad war. Silvia hörte zu, fragte hier und da, aber sie tat es zerstreut. Immer wieder suchte ihr Blick die Uhr, und als es an der Haustür klingelte, schrak sie so offensichtlich auf, daß Leo fragte: »Erwarten Sie Besuch?"
Ehe Silvia noch antworten konnte, ging die Tür kasch auf und Therese rauschte herein.
„Denke Dir, Silvia . . ." begann sie aufgeregt, er» blickte dann Branding, stockte für einen Augenblick und Jagte in etwas spitzem Ton: „Du hier, Leo? Jetzt treffe ich Dich ja jedesmal hier, wenn ich komme. Du scheinst luir mehr hier zu sein, als in Stolzen."
„Hast Du etwas dagegen?" fragte er.
„Durchaus nicht!" erwiderte sie lachend; dann wurde sie aber ernst und wendete sich an Silvia: „Denke $ir, Silvia, Dein Detter Wolf Eggenbrecht ist verun- Sliicktl"
Silvia, die sich schon erhoben hatte, fetzte sich wieder, krampfhaft umfaßten ihre Hände die Lehne des Sessels, und alles Blut wich ihr aus dem Gesicht. Es sah aps, vls würde sie ohnmächtig, und erschrocken eilte Therese °uf sie zu, legte den Arm um ihre Schultern, indem sie «usrief:
„Mein Liebchen — erschrick nur nicht gleich so! Es P ja nicht schlimm — nur ein Beinbruch!."
fcloerung beibrinaen können. Je mehr der Atheismus in die ungesättigten nach dem Paradies auf Erden hungernden Masten einbringt — und ein Teil dieser Massen ist ja bereits durchseucht — um so mehr werden diese Masten auch bei uns die praktischen Folgerungen genau so wie die russischen Nihilisten und Bolschewisten ziehen.
Die notwendig« Folgerung wäre also, um auch uns vor Nihilismus und Bolschewismus zu bewahren, die Wurzel ausreißen. d. h. entschiedener Kampf auf allen Linien gegen den Atheis". mue. Dem stehen -der entgegen das staatsiche Schulmonopol, Jyie abiolM Lehrfreiheit auch für den Atheismus. Atheistische Prvfestoren und Lehrer sind aber die Grundverderber jedes Volkstums. Ein ge- simdes Volkstum wurzeA in der GotteÄdoe und findet in dieser Idee feine feste Stütze. Ein Volk ohne Gott ist kein Volk mehr, sondern nur chaoti- sche, verfaulte, vielfach Ekel erregende Maste. Solange die absolute Lehrfreiheit für den Atheismus besteht, wüsten alle gläubiger. Elemente unseres Volkes und besonders die Katholiken mit allem Nachdruck als not- wendige Ergänzung der absoluten Lehr- und Preßfreiheit der neuen Verfassung auch Unterrichtsfreiheit für alle Stufen der Schule und Bildung fordern. Das staatliche Schulmonopol verbunden mit der staatlich geschützten absoluten Lehrfreiheit wird m vielen Fällen zur schreiendsten Unfreiheit und zur grausamsten Gewissenstyrannei führen. Wir können und dürfen nie und nimmer zugeben, daß besonders jetzt, wo zudem noch alle früheren durch die Monarchie gegebenen Hemmungen fortgefallen sind, infolge des abfoluten staatlichen Unterrichtsmonopols der Gottesglaube und dis auf ihm beruhende religiös-sittliche Kultur auch in den noch vom Eottesglaubm erleuchteten und geleiteten Reihen vernichtet werden.
Der oberschlesische Ausstand.
Don dem geplanten Generalstreik ist Abstand genommen worden, und beide Teile sollen sich über eine Wiederaufnahme der Arbeit verständigt haben; aber auf den feiernden Gruben ist vorerst doch noch weiter gestreikt worden. Die Nachrichten über polnische Gewalttaten häufen sich. Nur da, wo die Ita- ftener und Engländer tätig sind, wird energisch gegen die Aufrührer eingeschritten, während da, wo die französischen Befatzungstruppen tätig sind, jede Energie vermißt wird und man von der Entwaffnung nichts spürt. Nur so war es möglich, daß der polnische Stuf« stand sich trotz der Aktton der interalliierten Kommission noch immer weiter ausbretien und Leben und Eigentum der deuffchen Bevölkerung aufs schwerste bedrohen konnte. Raub und Mord sind in den von den Aufständigen beherrschten Gebieten an der Tagesordnung, zahlreiche Deutsche sind verschleppt, andere schwer mißhandelt worden.
Das einseitig polenfreundliche Verhalten der Franzosen in Oberschlesien hat nicht nur bei den Bewohnern Oberschlesiens selbst Helle Empörung hervorgerufen, sondern auch im übrigen Deutschland starke Entrüstung geweckt. Leider verlieren viele gegenüber der französischen Anmaßung die nötige Ruhe und lasten sich zu Taten hinreißen, die den Konfliktsstoff nicht vermin« betn, sondern noch vermehren. So sind die Ausschreitungen in Breslau, wo bekanntlich das französische Konsulat gestürmt wurde, aufs schärfste zu verurteilen. Denn für den materiellen und ideellen Schaden, der durch solche unverantwortliche. Treibereien angettchtet wird, muß das ganze deutsche Volk büßen. Außerdem wird es der Regierung erschwert, auf der Grundlage des Rechtes den bedrängten Dolksge- nosten in Oberfchlesten zu Hilfe zu kommen. Ein klei- tter Kreis Gewissenloser hat nicht das Recht, unser armes und gequältes Volk erneut ms Unglück zu stürzen, und deshalb ist es die Pflicht aller Defonnenm,
„Nur ein Beinbruch . . .?" wiederholte mechanisch Silvia, die daran dachte, daß sie bei Achim auch nur einen Beinbruch vermutet hatte, während er doch weit schlimmer verunglückt war.
„Wirklich nur ein Beinbruch!" versicherte Therese und erzählte: „Er stieg aus einer Trom, geriet fast unter ein rasch vorbeisausendes Auto, sprang noch zurück, wurde aber gestteift und umgeristen. Er war bewußtlos, und man brachte ihn in die nahe Klinik des Doktor Gumbach."
„Bewußtlos?" fragte ganz enstetzt Silvia. •
„Nur betäubt, er erholte sich sofort," beruhigte The- refe. „Daraus hat er mich antelephonieren lassen, damit ich Dich benachrichtige, daß er heute nicht zu Dir kommen würde. Du erwartest ihn doch zum Tee?"
Silvia nickte und Therese fuhr fort:
„Er hatte Deine Rufnummer vergesten, ober er wollte Dich nicht erschrecken, darum telephonierte er mir. Ich fuhr natürlich gleich in die Klinik und fand ihn schon geschient und verbunden. Er hat eine Quetschung am Arm und eine tüchtige Beule am Hinterkopf davongetragen, war aber schon ganz vergnügt. Er läßt Dich grüßen, bedauert sehr, er wollte, daß ich Dir schonend den Unfall berichte, damit Du nicht erschrickst, aber . ." Therese lachte, — „das habe ich falsch angefangen, scheint mir, denn Du bist noch immer ganz bleich und zitterst."
„Es ist nur . . ." murmelte Silvia „. . . wenn man einmal so Schreckliches durchgemacht hat, denkt man immer gleich ans Schlimmste."
„Rersteht sich, aber diesmal ist es, Gott sei Dank, wirklich nur ein Beinbruch."
„Gott sei Dank!" sagte auch Silvia, tief aufatmend, und langsam kehrte die Farbe in ihre Wangen zurück.
„Wenn es auch nicht gerade angenehm ist, ein Bein zu brechen," fügte Therese hinzu.
„Heilt ja wieder!" sagte Branding, und es klang, als bedauerte er diese Gewißheit. Es wäre ihm wirklich auch beinahe lieber gewesen, Wolf Eggenbrecht hätte den Hals gebrochen, denn was er soeben zu beobachten Gelegenheit gefunden hatte, erschreckte ihn. Silvias Erdlasten. ihre zitternde Angst, als Therese fr plötzlich mit der Nachricht von Eggenbrechts Unfall hereingekommen war, gab zu denken. Eifersucht regte sich in Dran- ding, erfüllte ihn mit plötzlichem Hatz gegen den möglichen Nebenbuhler, obgleich es ja kaum möglich schien, daß Silvia den Detter lieb gewonnen hatte, nachdem sie ihn nur einmal gesehen.
solchen Elementen aufs Energischste entgegenzutretrn und alle Gelegenheiten zu vermeiden, die von Radaubrüdern leicht ausgenützt werden können. Die Reichsregierung hat sofort in Breslau eine gewissenhafte Prüfung der Dorkommniste angeordnet und sie ist gewillt, die Schuldigen zur Rechenschaft zu ziehen und Sühne zu gewähren, wo solche erforderlich ist.
Der Stellvertreter des Reichsministers des Auswärtigen, Gesandter v. Rosenberg, hat sich gestern zum französischen Botschafter und zum polnischen Effchäs-> träger Ergeben und ihnen das Bedauern der deuffchen Regierung über die Vorfälle in Breslau ausgesprochen.
Verständigung?
Seitens des Hauptausschustes der vereinigten deutschen Parteien und Gewerkschaften und des Plebiszit- kommiffuriats für Deutschland ist vorige Nacht Kor- ftmtrj eine Verständigungsnote überreicht worden. Dari» wird der mit Korfanty in einer Besprechung getroffenen Vereinbarung zugestimmt; sie betrifft die Entfernung der Sicherheitspolizei, die Ausweisung der im letzten Jahre zugewanderten nicht gebürtigen Oberschlesier unter Schonung der beruflichen Interesten und die Bildung einer parttäffschen Bürgerwehr. In der Derständigungsnote heißt es am Schluß: „Als ersten Akt des ernsten Willens beider Teile zur Durchführung der getroffenen Vereinbarung halten wir die sofortige Veröffentlichung eines Aufrufs an die Bevölkerung für notwendig. Wir sind zur fofartigen Veröffentlichung dieses Aufrufs bereit und erwarten von Ihnen das gleiche."
Korfanty und sämtliche polnischen Organisattonen ersicßen einen Aufruf, in dem es u. a. heißt: Die Lage ist derart, daß durch weiteren Streik und Un- ruhen unsere gerechte Sache nur leiden würde. Wir rufen deshalb zur Aufnahme der Arbeit auf, zumal die Gründe zum Streik nicht mehr vorhanden sind. Gleichzeitig rufen wir zur Abgabe der Waffen auf. Ferner müssen alle Angriffe auf die deutsche Bevölkerung aufhören, damit wieder Ruhe und Ordnung । in Oberschlesien eintreten.
Ausschreitungen in Westpreutzen.
In den zufolge der Abstimmung wieder zu Deutschland gelangten Teilen Westpreußens hat sich in den lehren Tagen die monatelange Erregung der Deutschen in bedauerltchen Vorfällen Luft gemacht. Wenn es auch nicht zu Ausschreitungen gegen Leib und Leben gekommen ist, so hat doch die polnische Bevölkerung zu leiden gehabt. Die Reichsregierung hat bereits ihre ernste Mißbilltgung derartiger Vorfälle zu erkennen gegeben und wird mit aller Energie für Aufrechterhaltung von Ruhe und Sicherheit in oen Gebieten mit deutscher und polnischer Bevölkerung sorgen.
Der Krieg im Osten.
Der polnische Vormarsch beginnt zu stocken. Augustowo fft von den Polen besetzt, die bereits dicht vor Grodnv stehen. Grodno selbst denken die Russen ernsthaft zu verteidigen. Der polnische Dor- marsch ist anscheinend auf der Linie Prostken—Osso- wiecz—Biaiystock zum Stillstand gekommen, bei Kotno wird immer noch gekämpft. Polnische Soldaten, die an der ostprsuhischen Grenze stehen, sagten aus, daß 40 000 Mann französische Hilfstruppen, darunter eine Division Kolonialtruppen, die als 24. französische Division bezeichnet wird, in dieser Gegend eingesetzt werden sollen. Auch schwarze Truppen sollen bereits in der Gegend zwischen Mlawa und Praszmtz liegen.
Die Ruffenüberlrikle.
Nach den an Berliner amtlichen Stellen vorliegen, den Nachrichten hat sich die Lage in Ostpreußen nicht
Aber schon der Gedanke an diese unwahrscheinliche Möglichkeit erregte Branding, und doppelt ärgerlich machte es ihn nun, daß Silvia doch seinem Rat entgegengehandelt hatte. Die Augen kneifend, mit gerunzelten Brauen fragte er sie in tadelndem Ton:
„Sie erwarteten also heute Herrn von Eggenbrecht? Sie hatten ihn sogar zum Tee einge'aden, wie ich höre?"
„Ja," erwiderte sie errötend, „es war einmal so verabredet und ich wollte es nicht ändern."
Sie sah dabei ganz schuldbewußt aus und fast wie ein geschollenes Kind, denn immer, wenn sie etwas tat, was Brandings Wünschen entgegen war, empfand sie es so, als habe sie zugleich auch Achim den Gehorsam verweigert. Therese aber ärgerte ihre Antwort, die fast wie eine Entschuldigung klang, und schnell fragte sie:
„Warum hättest Du es denn ändern sollen?"
„Herr von Branding meinte . . ." begann Silvia, und kurz auflachend fiel Therese ihr ins Wort:
„Ach, hatte er Dir verboten, den gefährlichen Herrn von Eggenbrecht bei Dir zu sehen?!"
Zornig fuhr Branding auf, viel heftiger, als es sonst seine Art war:
„Don Verbieten ist selbstverständlich keine Rede! Lächerlich, so etwas anzudeuten. Ich hatte mir nur erlaubt, einen guten Rat zu geben, den Frau von Eggenbrecht aber zu befolgen verschmäht."
„Recht so!" nickte Therese. „Gute Ratschläge sind immer nur gut, wenn sie nicht befolgt werden. Aber sag' mal," fragte sie darauf mit hochgezogenen Brauen, „was veranlaßt Dich denn, Silvia zu raten, Herrn von Eggenbrecht nicht zu empfangen? Was hat er denn ge- tan, daß Silvia ihn schlechter behandeln soll als — zum Beispiel Dich?"
„Meine Gründe nannte ich der gnädigen Frau," er- widerte er abweisend und machte dazu sein unangeneh. mes Gesicht. „Es stand der gnädigen Frau selbstver- stän .ich frei, diese Gründe nicht anzuerkennen und nach eigenem Ermessen zu handeln, wenn sie es für gut hielt."
„Fandest Du das wirklich felbstverftändlich?" spottete Therese, und, zu Silvia gewendet, erklärte sie, ohne Leos sich steigernden Zorn zu beachten, mit heiterster Miene:
„Weißt Du, Silvia, Du muht immer gerade das Gegenteil von dem tun, was Leo Dir ratet, es wird im- mer das Angenehmere sein."
.(Fortsetzung hlgty
wesentlich geändert. Die U r b er t r i tte.der Ruf- s e n haben aufgehört. Wie übrigens das Ober» Präsidium in Königsberg milteilt, sind bei den übermittelten Zahlen der übergetretenen Russen nicht unerhebliche Uebertreibungen unterlaufen. Es handelt sich um höchstens 30 bis 40000 Mann. Der Abtransport dürfte, wenn der notige Schiffsraum weiter zur '-Beifügung steht, ohne Störung verlaufen. Zur Unterstützung des Abtransports sind 2 Bataillon^ Reichswehr nach Ostpreußen abgegangen.
Die Minsker Verhandlungen dürften ais aussichtslos betrachtet werden. Rußland hat allerdings in einem Telegramm nach London auf die von Lloyd George beanstandeten Bedingungen verzichtet. Polen betrachtet diese Milderungen als durchaus ungenügend, vor allem will es nicht in die Herabsetzung des Heeres auf 50 000 Mann einwilligen. Lloyd George ist aber der Meinung, daß bei einer Verringerung der deutschen Armee auf 100000 Mann für Polen eine Armee von 50 000 Mann vollauf genügt, besonders da die polnffchen Männer für die Landwirtschaft und für den Wiederaufbau ihres Landes sehr notroenbig gebraucht werden.
Daß Rußland mehr von seinen Bedingungen ab» streicht, ist nicht anzunehmen. Glaubwürdig erscheinen die Nachrichten, daß Rußland eine „Umgruppierung" seiner Streitkräfte vornimmt und zugleich eine Verstärkung derselben durch ein allgemeines Aufgebot in dem großen Reiche. Als Hauptgrund für diesen Entschluß wird angeführt, daß die Moskauer Regierung derSelbsterhaltung wegen die militärische Niederlage nicht auf sich sitzen lassen will.
So geht der Krieg weiter, weil keiner von beiden Teilen Ne „Schande" der Nachgiebigkeit auf sich nehmen will. Sobald Ne Polen wieder aufatmen konnten, tat es ihnen leib, daß sie überhaupt nach Minsk gegangen waren, und da nach dem Umschwung des Kriegsglückes Ne Russen in Minsk nicht mehr einfach Nttieren können, proklamieren sie den Kampf bis zum Aeußersten, um wieder eine bessere Position zu erlangen. Man treibt Hasardspiel auf beiden Seiten, und die Völker müssen darunter leiden.
Wenn die Sowjetleute der ganzen Welt Trotz bieten, so sieht das auf den ersten Blick als höchst verwegen aus. Aber sie haben das trotzige Bewußtsein ihrer Masfe. Rußland ist so groß, daß eine erdrückende Offensive, eine wirksame Eroberung des Landes kaum möglich effcheint. Die Macht des Welteroberers Napoleon ist m den russischen Wüsten zusammengebrochen. Als Deutschland im Jahre 1918 nach Niederwerfung der Russenheere über den Frieden verhandelte, sträubten sich die Trotzki und Lenin zunächst gegen Ne gebührende Nachgiebigkeit, weil sie sich dachten, auch das siegreiche Deutschland werde keine weitere Offensive riskieren. Darin sahen sie sich freilich getäuscht; denn unsere Heere standen in nächster Nähe so schlagfertig bereit, daß sofort nach dem Abbruch der ersten Verhandlungen ein erdrückender Vorstoß nach Petersburg zu, eine Bedrohung des Herzens von Ruß- land erfolgen konnte. Nur dieser schnelle und wuchtige Schlag des deutschen Heeres brachte die Russen zur Unterzeichnung des Vertrages von Brest-Litowsk. Jetzt haben die Russen es nicht mit dm gewaltigen deutschen Streitkräften zu tun, sondern nur mit den polnischen Truppen. Daß die abseits liegenden Westmächte eine ganze oder menigftens eine halbe Million Hilfstruppen herübeffchickm sollten, halten sie nicht für wahrscheinlich, da Ne weite Entfernung, die Versperrung des Landweges und die innerpolitischen Verhält- niffe der betreffenden Länder dagegen sprechen. Insbesondere rechnen die Moskauer darauf, daß die radikalen Arbeiter in den westlichen Staaten einen ernsten Krieg gegen Sowjet-Rußland unmöglich machen würden.
So muß man sich darauf gefaßt machen, daß die Ruffen wirklich noch, einmal ihre Kraft i^rnmenneb» men ,um das Waffenglück wieder auf ihre Seite zu bringen. Sie wollten nicht nachgiebig erscheinen, so lange st« noch etwas Hoffnung auf den Endsieg haben. Das ist bedauerlich; aber Ne Entente ist gerade nicht berufen, ihnen darüber Vorwürfe zu machen. Denn was Ne Russen jetzt treiben, haben die Alliierten s e l b st getan. Wenn Deutschland auf Grund der jeweiligen militärischen Erfolg« sich stark genug fühlte, um Ne Einladung zu Friedensverhandlungen ergehen zu lasten, lehntm die Gegner rundweg ab und preNgten den Kampf bis auf Mester, den Krieg bis aufs äußerste, bis zur vollen Effchöpfung und Unterwerfung des blockirten Gegners. Sie haben den Sieg erreicht durch das Uebergewicht ihrer Maste. Rußland verläßt sich jetzt auch auf seine Land- und Men» schenmaflm.
Die Kraftprobe kann verzweifelt lange dauern, zum Unheil für alle Beteiligten und für den deutschen Nachbarn besonders.
Die Danziger NeukrasilA.
Das Danziger GeNet, das durch den Friedensvertrag von Deutschland losgelöst wurde, ist international geworden und untersteht der Souveränität der Alliierten. Die Verwaltung wird in ihrem Namen ausgeübt durch den englischen Oderkommistar Sir Regina! Tower. Am Grund der Volksstimmung in Dmizig, die in einem Anträge der Verfassung gebenden Versammlung zum Ausdruck kam, hatte Nefer Ne Neutralität Danzigs in dem Kriege zwischen Rußland und Polm erklärt und die Durchfuhr polnischer Muni- tion durch Danzig oerboten. Die Danziger Hafenarbeiter hatten schon vor längerer Zeit Ne Durchfuhr von Munition für Polm verweigert.
Seit nun Lloyd George dm Frontwechsel gegenüber Rußland gemacht hat, mußte der Geveralkommif- sar natürlich felgen, er gab seine Zustimmung zur Löschung der für Polm bestimmten Munition, Ne sich an Bord des französischen Panzerkreuzers „Goeymon" befindet. Gleichzeitig ließ er den Danziger Staats» rat zu sich berufen und machte ihm scharfe Vorhal- tungen über die von Danzig eingeschlagene Neutralitätspolitik, die wir gestern unter den Letzten Nachr. noch veröffentlichten. Derselbe Herr Tower, der bisher mit größtem Wohlwollen, zumindest aber mit stillschweigender Duldung die Politik der Danziger mitgemacht, ja wie schon bemerkt, selbst die Munitionsdurchfuhr oer-