fit. 198.
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$reitag, 27. Slugust 1920.
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47. Zahrg.
Die Zustände in Oberfchlesten.
haben sich nicht gebessert. Die „Säuberungsaktion" her interalliierten Truppen schreitet fort, doch viel Erfolg ist nicht zu sehen. Auf dem Lande Hausen noch immer die polnischen Räuberbanden in Mistern Terror. Sie rücken gegen die deutsche Ve- oölkerung, stehlen und rauben. In den Städten und aus den Bahnen hat das interalliierte Militär indes Ordnung geschaffen, sodaß man jetzt auf einer Bab fahrt seines Lebens wieder einigermaßen sicher ist.
In den polnisch besetzten Orten sind die Zus-ufr. smmer noch geradezu toll, die Leiden der Deut- yhen grauenhaft, Ermordungen, Verhaftungen, randschatzungen sind an der Tagesordnung. Zu Tausenden bedecken die deutschen Flüchtlinge die Landstraßen, die nach Mittel- und Riedes ' 'dien führen. Um verschiedene Orte wird immer nn< ’-pft. Die
Franzosen sehen dem Treiben ? n immer
poch untätig zu, ja es hat sich fo^ überaus freundschaftliches Verhältnis zwischen Franzosen und Polen herausgebildet. Nur in den Städten wo auch die anderen Alliierten vertreten sind, besinnen sie sich auf ihre Pflicht, weil sie müßen. So hat jetzt General Le Rond eine in höflicher Form gehaltene Note
nach Warschau gerichtet, in der er Beschwerde führt, daß sich unter den polnischen Insurgenten auch müsormierte reguläre polnische Soldaten und Offiziere befunden hätten. Aber das ist auch fast alles.
Unterdesien zeigen sich jenseits der Grenze größere polnische Truppenansammlungen, bei Czenstvchau ist sogar Artillerie zusammengezogen. Die Deutschen befürchten von dieser Seite — nicht ohne
Grund — das schlimmste.
Die Auflösung der Sicherheitspolizei, eine der wichtigsten Bedingungen der, nebenbei noch nicht erfolgten, Einigung, wird dagegen bereits kräftig vorgenommen. Sie hat sich den Polacken gegenüber als zu tüchtig erwiesen, darum muß sie fort. Ersatz dafür ist noch nicht do, trotzdem sind alle nicht in Oberschlesien geborenen Beamten bereits aus den großen Städten abtransportiert worden.
Der polnische Generalstreik ist am Zusammenbre- ifjen. Ob die Deutschen den angekündigten Generalstreik proklamieren werden, ist noch nicht Aar. Das Ultimatum der deutschen Organisationen ist am Donnerstag nachmfttag abgelaufen. Die Franzosen haben aber den Vertretern der Deutschen joviel Honig um den Bart geschmiert, daß diese schon wieder dem „guten Willen" der Franzosen zu glauben begannen und eine weitere Frist gaben in der Erwartung, daß nunmehr die gegebenen Zusicherungen auch cmsgeführt werden.
8$om Kriegsschauplatz im Osten liegen nur spärliche Nachrichten vor. Die Kämpfe an der Nordfront sind ziemlich abgeflaut, einige russische Truppenteile suchen sich noch durchzuschlagen, der größte Teil ist nach Ostpreußen übergetreten, kzuszyn und Offowiec sind polnisch, um Grajewo wird gekämpft, die Polen marschieren auf Augustowo und Grodno. Die Einnahme von Grodno durch die Polen ist noch unbestätigt.
Dke flockenden Verhandlungen.
Die Minsker Verhandlungen sind auf einem toten Punkt angelangt. Die Polen haben von den 17 russischen Bedingungen nur eine, die Anerkennung der Unabhängigkeit Polens, angenommen. Sie beklagen sich darüber, daß die Russen den Funkverkehr der pol- mischen Delegaüon mist Warschmi vereiteln. Die polnische Delegation wird deshalb eine Verlegung der Verhandlungen nach einem weniger abseits gelegenen Orte beantragen, und zwar schlägt sie Warschau, BiÄystock ober Bjelowjech vor.
Es ist ganz selbstverständlich, daß die Polen jetzt richt mehr daran denken, sich irgend etwas ihnen Unangenehmes von den Russen diktieren zu lasten. An-
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dererseits betonen die polnischen Behörden, daß es Polens ernster Wille sei, so bald wie möglich einen ehrlichen, für beide Teile ehrenvollen und annehmbaren Frieden zu erreichen. Polen halte em friedliches und freundschaftliches Zusammenarbeiten mit Sowjet-Rußland für das einzige und notwendigste Mittel für den Wiederaufbau Ost-Europas. Das ist eine Erkenntnis, die den Polen zwar sehr spät gekommen ist, aber die, wenn sie einem derart im buchstäblichen Sinne des Wortes emgebläut worden ist, wie in diesem Sommer den Polen durch die Rusten, hoffentlich haften bleiben wird. Zudem sorgen auch die hohen Gönner Polens, Lloyd George, Wilson, selbst Millerand und Foch dafür, daß ihr Schützüng im Osten zahm bleibt und seine Bäume nicht in den Himmel wachsen läßt. Einmal haben sie sich die Finger bei dem polnischen Experiment schon verbrannt, sie haben feine Lust nach mehr.
Aber auch Moskau wird von seinem Thron ein ganzes Ende heruntersteigen müssen. Die letzte Wendung in der Haltung der Entente scheint den Herrschaften durchaus nicht angenehm zu sein, im Gegenteil. Tschitscherin hat nämlich auf die Drohnote Balfours hin umgehend geantwortet, und zwar in dem Sinne, daß Rußland ernstüch den Frieden wolle, deshalb fei es bereif, an der Bedingung, daß Polen ein Heer nur aus Arbeitern bilden soll, nicht fe st zuhalten. Diese Bedingung ist ja angeblich die, an der Lloyd George sich gestoßen hat. Damit hoben die Russen in geschickter Weise dem Engländer dem Vorwand, mit dem er seine Schwenkung begründete, den Boden entzogen. Tschitscherin stellt nicht ohne versteckte Schcchenfreude fest, daß da- mit zwischen Rußland und England-Italien die völlige Uebereinstimmung über die Friedensbedingungen erzielt fei.
Es bleibt nun abzuwarten, wie Lloyd George auf diesen Schachzug antworten wird. Es heißt, daß England beretts Kamenew und Krassin, den russischen Abgesandten in London, die Pässe zugestellt hat, doch sind die Meldungen hierüber sehr widersprechend. Die Delegierten selbst behaupten auf einmal wieder, sie hätten ihre Pässe nicht verlangt, obwohl sie selbst kurz vorher eine solche Meldung hatten verbreiten lasten. Wer kommt hinter die Schliche dieser Sowjet-Diplomaten, die an Gerissenheit nur in der — englischen Diplomatie ihresgleichen finden. Vielleicht sind die mft allen Hunden gehetzten Bolfche- wistenführer auf diesem Gebiete den Engländem gar noch überlegen, die doch immerhin im eigenen Lande wie auch in Bezug auf die stärkeren Alliierten und Amerika gewisse Rücksicht zu nehmen haben, ein Hemmnis, das für die Rusten fortfällt.
Während die Rusten also edrerseits in Lorchon wie die biedersten Leute verhandeln und Aoyd George Hottigseim um den Mund zu schmieren suchen, ergehen sie sich andererseits in schweren Drohungen. Sie verbreiten Gerüchte, Sowjet-Rußland werde an Frankreich den Krieg erflären. Werde Englarü) feindselig bleiben, dann werde Rußland feine Aktion im Orient mit Hilfe Enver-Paschas und in Indien ernsthaft in Angriff nehmen. Außerdem behaupten die Russen, daß sie im Begriffe sind, hinter der polnischen. Front eine neue, starke Stoßarmee aufzustellen, und munkeln von allerlei liebet- raschungen, die in der nächsten Zett auf dem ^Kriegsschauplatz eintreten werden. Man sieht, die Herten können so und auch so. Kein Mensch kann voraussagen, wie sich die Lage im Osten in der nächsten Zett erttwickeln wird, zumal man leicht vergißt, daß die Sowjetherrschaft selbst nichts weniger als sichet ist die Sowjetherrschaft selbst nichts weniger als sichet ist. lieber Nacht kann das Blutgerüst, auf dem das Gebäude steht, zufammenktachen, und dann stehen wir alle vor ganz anderen Verhältnissen,
Die Rustenübetttitte.
Die Entwaffnug der auf deutsches Gebiet übergetretenen Rusten vollzog sich bis jetzt reibungslos.
Die Unterbringung bet Russen wird beschleunigt. Man wird für sie voraussichtlich in Eydkuhnen, Preußisch-Hollanb und Arys Lager einrichlen. Die Abbeförderung der Internierten über See nach Lagern im Innern Deutschlands ist eingeleitet worden begegnet bisher aber noch erheblichen Schwierigkeiten. Der Geiundbeitszustand der Rusten ist leidlich. In einigen Fällen ist jedoch Fleckfieber fest- gestellt. Das Elend unter ihnen ist groß, vor allem, weil sie nur Sowjet-Geld besitzen. Da die Reichswehr und die Sicherheitspolizei zur Bewachung nicht ausreichen, sollen zu ihrer Sicherung Ortswehren gebildet werden. An der Grenze traten Mitglieder der Interalliierten Kommistton ein. — In der Gegend von Johannisburg kam es zu einer Demonstration gegen die interalliierten Offiziere. Der Kommandant der Reichswehr nahm sich ihrer in ritterltcher Weise an.
Reue polnische Schandtaten.
Wie der „Königsb. Hartung'jchen Ztg." aus T o r n gemeldet wird, kam es dort am 21. August zu schweren Ausschreitungen gegen die Deutschen. Es werden jetzt alle 15—50 Jahre alten Deutschen, auch die nach 1908 zugezogenen, gezwungen, entweder Heeresdienste zu leisten oder für Polen zu optieren. Am 21. August wurden diejenigen, die für Deutschland optierten, in grausamster Weise durch Messerstiche und Stockschläge mißhandelt. Einem Thorner Kaufmann wurde der Unterkiefer durch Stockhiebe abgeschlagen. Die Mißhandlungen spielten sich von morgens 9 Uhr bis 1 Uhr mittags unter den Augen von Offizieren und Mannschaften ab, die dazu lachten. Verhaftungen und Erschießungen von Deustchen gehören zur Tagesordnung. In Schönsee wurden die Leichen dort erschossener Deut- scheu in der Nähe des Kirchhofs hingeworfen, von pol- nifchen Weibern und Kindern bespieen und geschändet. Der Pfarrer Müller besorgte die Särge und beerdigte die Leichen. Müller wurde darauf mit noch 35 Deutschen verhaftet und nach dem Militärgerichtsgefängnis in Thorn gebracht. Die Gefangenen wurden in empörender Weife mißhandelt.
Steuerkämpfe.
In den Großbetrieben von Bosch in Stuttgart, Deimler in Untertürkheim und der Maschinenfabrik Estling war der Steuerabzug vom Lohn durch die Arbeiter mit Gewalt verhindert worden. Die Werkleitungen halten deshalb im Einverständnis mit dtzr Regierung ihre Betriebe so lange geschlossen, als die Durchführung des Steuerabzuges mit Gefahr für die damit befaßten Leiter und Angestellten der Betriebe sowie für die Betriebsanlagen verknüpft ist. Die sämtlichen Fabrikbetriebe wurden von Polizei- wehrtruppen besetzt. Von der Aussperrung werden insgesamt etwa 15000 Arbeiter betroffen. Die Wortführer der Radikalen hatten bei den letzten Verhandlungen über den Steuerabzug erklärt, gerade weil es sich hier um Lebensfragen des Staats handle, gebe man nicht nach, weil man diesen gegen- toärtigen Staat vernichten wolle. Aus einer von den Fabrikleitungen veröffentlichten Erklärung geht hervor, daß die Regierung versucht hat, die Arbeiterschaft auf gütlichem Wege zur Einwilligung in den Steuerabzug zu bringen. Erst das Scheitern dieser Versuche hat die Regierung gezwungen, die Betriebsleitungen zur Schließung der Betriebe zu veranlassen. Die Arbeiter beantworten die Schließung der betriebe mit der Ausrufung des Generalstreiks.
Aus Effen wird gemeldet, daß die gesamte Belegschaft der Zeche Diergardt wegen des Steuerabzugs in den Ausstand getreten ist. In Biebrich hat wie kürzlich die Fabrik Kalle die Chemische Fabrik Albert wegen des Steuerftreiks ihren Betrieb geschlossen. Dasselbe geschah in Ludwigshafen in der Chemischen Fabrik Rasching.
tzn 18 Berliner Großfabriken haben gestern die Betriebsräte beschloßen, sich einem weiteren zehn- prozentigen Lohnabzug mit Gewalt zu widersetzen. Sollten Gegenmaßnahmen der Regierung, wie in Württemberg, erfolgen, so würde die Arbeiterschaft zum Generalstreik äufrufen. In einer Sitzung des
Roten Vollzugsrates wurde erklärt, daß die Eisenbahner bereit und entschlossen sind, zum Zwecke der Durchführung der Aufhebung des zehnprozentigen Lohnabzugs mit den Industriearbeitern sich solida- rrsch zu erklären. Es wird jedoch zur Durchführung des Generalstreiks ein Beschluß der Gewerkschaften zur Voraussetzung gemacht.
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Zu schweren Ausschreitungen kam es auf der Siegerlander Charlottenhütte, wo die Belegschaft den Beiriebsdirrktor und den technischen Generaldirektor zwingen wollte, mehrere versäumte Stunden zu bezahlen. Der Betriebsdirektor wurde schwer verletzt und brach blutüberströmt zusammen. Darauf wurde das Zugeständnis der Bezahlung der Feierschicht gemacht. Indessen beschloß der Vorstand des Werkes, angesichts der Unmöglichkeit einer geordneten Wetterführung des Werkes den Betrieb zu schließen und sämtliche Arbeiter mit sofortiger. Wirkung zu entlüften.
Gegen die Rebenregierung der Eisenbahner.
Der Allgemeine Eisenbahneroerband veröffentlicht eine Erklärung, die gegen die Nebenregierung der sozialistischen Eisenbahner protestiert. Es sei gesetz- und oerfastungswidrig, wenn außerhalb des Eisenbahnbetriebes stehende und parteipolitisch einseitig orientierte Kreise mit Hilfe eines Bruchteiles politisch gleichgesinnter Eisenbahnbediensteter in den inneren Eisenbahnbetrieb hineinreden wollen. Der Aufruf, der gemeinsam von den freien Gewerkschaften und den sozialistischen Parteien erlassen wurde, trage zu Ilm echt die Unterschrift des Hauptbetriebsrates der Eisenbahner. Der Hauptbetriebs- rat habe sich mit dieser Frage überhaupt nicht beschäftigt. Die Mitglieder des tilg. Eisenbahnoerbandes hätten sich keinerlei Weisungen von anderen Stellen erteilen lassen, für sie gelten die Bestimmungen der eigenen Organisation. Zum Schluß heißt es: Zugleich sehen wir uns veranlaßt, unserem lebhaftesten Bedauern über das Verhalten der Reichsregierung Ausdruck zu geben. Sie hat nicht nur unserer seinerzeitigen Aufforderung, klare Richtlinien für die Haltung der Eisenbahner gegenüber den Transporten aufzustellen, nicht entsprochen, sondern sie hat nachher auch einseitig nur mit den Kreisen verhandelt, die in versasiungs- und gesetzwidriger Weise in den Eisenbahnbetrieb eingegriffen und dadurch die anderen Eifenbahnerorganisationen schutzlos dem Terror dieser Kreise preisgegeben haben. Wenn überhaupt in der Oeffentlich- teit von einer „Nebenregierung der Eisenbahner" die Rede fein konnte und wenn dadurch der gute Ruf der Eisenbahner erheblichen Schaden gelitten hat, so trägt die Regierung einen großen Teil der Schuld daran."
Aus dem besetzten Gebiet.
Die französischen Truppen im Rheinland halten jetzt in der Westpfalz Herbstmanöver ab.
• klusgehoben wurde das gegen den Stadtverordneter» Dr. Fresenius (Wiesbaden) ausgesprochene Urteil vor 5 Monaten Gefängnis und 3000 Mark Geldstrafe unt der Stadtverordnete zu 20 Tagen Gefängnis und 300 Mark Geldstrafe verurteilt. Fresenius war angeklagt, als Leiter einer Versammlung Aeutzernngen eines Redners gegen die Besatzung?truppen und die französische Regierung nicht unterbunden zu haben.
* versammlungroerbot. Im Bezirk Ludwigshafen sind alle politischen Versammlungen für zwei Monate verboten worden, weil tn einer Versammlung der Unabhängigen die Besatzungsbehörde stark angegriffen war. Aus dem gleichen Grunde wurde über die Stadt Hom- berg a: Rh. der Belagerungszustand verhängt.
• vt« Liga für Menschenrecht in Paris veröffentlicht eine Erklärung zu Gunsten eines in St. Jngvert der urteilten Bürgers namens Johann Burger, der zu 10 Jahren Gefängnis uno 20 Jahren Aufenthaltsverbot verurteilt worden ist, weil er angeblich einen sranzö fischen Posten belästigt haben soll. Burger sei unschul. big. 4 Entlastungszeugen seien nicht vorgelaften wor. den. Die Liga hat die Revision des Urteils verlangt. Auf 9 Briefe habe der Kriegsminister indessen nur mit einem einfachen Schreiben geantwortet, daß die Angelegenheit geprüft werde. Wenn die Angelegenheit nicht in kürzester Frist eine günstige Lösung gefunden hätte, so werde die Liga für Menschenrechte die öffentliche Meinung sich mit der Angelegenheit befaften lassen. Selbst einem Deutschen schulde man gerechiigkeit.
Unpolitische Zeitkäufe.
Von Fritz Nienkemper.
Berlin, 24. August 1920
Don den alleren Lesern erinnert sich der eine ober enberc vielleicht noch an bie Zeit, als ber unpolitische Onkel mit bem Bettelsack herumlief. Nicht auf eigene Faust, fonbern als Handlanger eines zünftigen Bettelmeisters, unseres Pfarrers Joseph Deitmer, der zum Heile der versprengten Katholiken im Südwesten von Groß-Berlin eine neue Kirche nach ber anberen erbaute. Erst in Steglitz, bann in Lichterfelde, bann in Zehlendorf, bann in Friedenau. Für seinen außer- orbentlichen Tatenbrang hat ihn nun bie „gerechte Strafe" ereilt. Er würbe ernannt zum Geistlichen Rat und Ehrenbomherrn, zum Propste an St. Hedwig in Berlin unb zum Delegaten (Stellvertreter) des Fürstbischofs für ganz Brandenburg und Pvmmern- ©eftern wurde er feierlich in sein hohes Amt eingeführt, unb zwar vom Herrn Kardinal-Fürstbischof Bertram von Breslau selbst.
Eine köstliche Feier in bedrängter Zeit! Eine er- yuickende Feier auf einem sehr schwierigen Arbeitsfeld! Der neue Herr wurde von all den hohen Gratulanten 1° in Anspruch genommen, daß ich alter Bettelsackschlepper ihm nur drei Worte zuflüstern konnte. Dieselben drei Wörtchen, die unsere gemeinsamen westfälischen Landsleute über die Hecke rufen, wenn sie den Nachbarn bei der mühsamen Arbeit sehen: God Help ju! Gott helfe Euch!
Der hochverdiente Herr hat eine glänzende Krone erhalten, aber es sind Dornen darin. Die Würde ist beinahe bischöflich, ober die Bürde dieses Amtes wiegt schwerer, als manche bischöfliche Sorgenlast. Diese De- Stiur ist groß genug, um drei ordentliche Bistümer baraus schneiden zu können, unb es ist lauter Diaspora, lauter Neuland, was erst in rastloser Arbeit wieder urbar gemacht werden muß für das katholisch-kirchliche Leben. Was der Pfarrer von Steglitz 28 Jahre lang sozusagen en detail betrieben hat, soll er jetzt en gros betreiben für ganz Brandenburg und Pommern. Da konnte et in seiner Slntrittsprcbigt mit dem hl. Paulus sogen: Allenthalben Trübsal unb Bedrängnis, wenn tf) rückwärts blicke und wenn icb vorwärts blicke: aber
wenn ich aufwärts blicke, dann sehe ich Hilfe und verzage nicht! ;
Ich will wieder mit dem Settelfad hausieren gehen; doch bei dieser Gelegenheit möchte ich mit dem Rest meiner Stimmittel rufen: Deutsche Katholiken vergeßt eurer Diaspora nicht!
Eurer Diaspora! Unterstreicht recht dick das besitzanzeigende Fürwort. Es ist eine ganz falsche An- sicht, wenn femanb denkt ober sagt, es handle sich da um begehrliche „Berliner" ober sonstige Fremdlinge in abgelegenen Gegenden. Nein, es handelt sich um das Wohl und Wehe eurer eigenen Landsleute oder deren Kinder, die aus allen deutschen Gauen in die Diaspora verschlagen worden sind und jetzt mit Job rufen: Erbarmt euch meiner, wenigstens ihr, die alten Freunde und Stammesgenofsen.
Unglücklicherweise spielt die Abneigung gegen „Berlin" auf diesem Gebiete mit. Aber bedenkt doch ein Doppeltes: Erstens, wenn ihr Berlin nicht liebt, so lasset darunter nicht die armen Katholiken leiden, die mit Berlin nicht Zusammenhängen, also z. B. die Versprengten an der Wasserkante und in Mitteldeutschland. Tretet dem' Bonifatius-Berein bei, ber von Paderborn aus die Unterstützungen gerecht verteilt, ohne für „Berlin" eine Extrawurst zu braten.
Und zweitens, wenn ihr Berlin nicht liebt, so beachtet gütigst, daß diese sogenannte Reichshauptstadt ein sehr gemischtes Ding ist, dessen grundverschiedene Teile man nicht über ein und denselben Kamm scheren darf. Es gibt hier am Ufer der Spree ein frivoles, liderliches und widerliches Berlin, aber auch ein friedliches und fleißiges Volk von hunderttausend von ordenllichen Familien. Eine Schmutz- unb Trutzstabt, aber auch eine Arbeitsstabt ersten Ranges. Es gibt in Berlin Putschisten, aber auch brave Christen; Kappisten unb Trappisten. Wenn untere Glaubensgenossen sich gegen Berlin spröde zeigen, so tun sie damit dem schlechten Teil von Berlin keinen Tort an; im Gegenteil, die unftiiden Elemente freuen sich,^ wenn die Katholiken dort in Bedrängnis bleiben. Wer an dem Berlin von heute kein Wohlgefallen findet, der muß gerade mit- helfen, daß es dort endlich besser werde, und das beste Hilfsmittel dazu ist die Verstärkung des katholischen Sauerteiges, der eine gesunde Gärung herbeiführen kann.
Also vielleicht Zuzug von Katholiken nach Berlin? Das wäre ein arges Mißverständnis. Wer nicht zwingende Gründe hat, der bleibe daheim in feinen sicheren Verhältnissen. Was nottut, ist nicht Zufluß von außen, sondern Erhaltung des gegebenen Besitzstandes, Rettung der katholischen Seelen, der jungen und der alten, die in der Diaspora ihr Leben führen ober das Licht der Welt erblicken. Das ist das schreckliche, daß in der Diaspora alljährlich Hunderttausende von Seelen der katholischen Kirche verloren gehen, die zum größten Teil gerettet werben könnten, wenn all' ihre Glaubens- genossen ein paar Groschen für den Bonifatiusoerein opfern wollten.
Ob beliebt ober unbeliebt, — Berlin ist nun einmal tatsächlich ein Punkt von wesentlicher Bedeutung. Das hat kein Geringerer anerkannt, als Papst Benedikt XV. selbst, ber einen eigenen Nuntius nach Berlin geschickt hat. Der neue Nuntius hat eine hohe kirchenpolitische Aufgabe; ber neue Propst unb Delegat hat eine gewaltige seelforgliche Aufgabe zu lösen. Der Vertreter des Papstes und der Vertreter des Bischofs arbeiten zusammen in Berlin zum Heile von Kirche und Nation, für die geistige und für die irdische Wohlfahrt. Der katholische Bclfsteil kann sie dabei wirksam unterstützen.
Vor einer Woche wurde in Nowawes bei Potsdam der märkische Katholikentag abgehalten. Trotz der schwierigen Reise- und Verpflegungsverhält- nifte eine Teilnahme von 25 000 Befennern! Der Herr Kardinal-Fürstbischof von Breslau beehrte auf der Hinreise nach Fulda diesen märkischen Katholikentag mit einer begeisterten Ansprache. Auf der Rückreise von Fulda hat er sodann die feierliche Einführung des neuen Delegaten selbst vorgenommen. In der Festpredigt sagte er: „Ich habe gerade hier in Berlin alle Veranlassung, den Ettern zu danken, daß ich gerade aus der Reichshauptstadt so viele gute Priester bekomme; es ist dies wahrlich ein Zeichen eines guten katholischen Familienlebens". Das ist ein herrliches Lob für die sandige Diaspora und zugleich eine sehr zeitgemäße Mahnung für alle Teile des katholischen Volkes: Heiligt das Familienleben, haltet allen Schmutz und alle Verführung von eurer Schwelle fern, auch die glaubens« ober sittenfeindlichen Zeitungen und Bücher!
Mit der Sorge um den Grund- und Eckstein aller Ordnung und Tugend, das christliche Familienleben,
verknüpft sich die weitere Mahnung, daß die Seelsorge, namentlich in der Diaspora, wesentlich auf die Hilfsmittel der Karitas angewiesen ist. Die soziale Fürsorge muß sammeln und stützen, damit die priester- liche Wirksamkeit in der Kirche zur rechten Entfaltung und gesicherten Frucht gelangen kann. Der Aufschwung der katholischen Karitas in zahlreichen Bereinigungen und wohlgeordneten Verbänden ist ein gewaltiger Fortschritt der letzten Jahrzehnte. In der Diaspora wird damit nicht bloß der leiblichen Not gesteuert, sondern auch die Seelenrettung gefördert. Die soziale Fürsorge gibt den jungen Leuten, die sonst verlassen dastehen würden, in einer glaubenslosen und sittengefährlichen Umgebung einen Ersatz für den fehlenden Familien- anschluß, und sie hilft ferner wesentlich mit für die Gründung von neuen katholischen Familien, von denen jeder als eine neue Oase im Sande der Diaspora begrüßt werden kann. Aus diese Weise bekommt der Bischof sogar aus dem oielgeschmöhten Berlin Nach- wuchs von tüchtigen Priestern.
Also mag mein aller Bettelfad am Nagel hängen bleiben und mir nur die herzliche Mahnung gestattet sein: Unterstützt allerseits die karitativen Bereinigungen und tretet namentlich allzumal dem Bonifatius» Verein bet In die Bonifatiussache muß neuer Schwung kommen; denn unsere ausgedehnte Diaspora stellt neue Anforderungen. Es wäre eine Schande für die deutschen Katholiken und ein unwiderbringlicher Schaden für das Reich Gottes auf Erden, wenn wir aus Nachlässigkeit oder Vorurteil die kleinen Opfer verweigern würden, mit denen sich gerade unter den jetzigen Katholiken so Großes, Herrliches erreichen läßt.
— Margarine bekommt lei«? einen seifigen Ge schmack, wenn sie lange der Einwirkung der Luft aus, gesetzt wird. Man sollte sie deshalb stets gut bedeck unb möglichst kühl aufbewahren. Der Geschmack läßt sich wieder befestigen, wenn man die Margarine in sauberes Wasser tut, dieses bis zum Kochen bringt, so daß die Margarine schmstzf, und alles mit etwas kohlenfaurem Natron gut durchrührt. Nach dem Er- kalten wird die Margarine einfach vom Wasser wieder abgehoben.