Einzelbild herunterladen
 

ertun

Donnerstag, 26» Kugust 1920

Bezugspreis: Monatlich 3,00 Mk. ohne Zustellgebühr. In Fulda bet uns abgeholt 3,15 Mk. Anzeigenpreis: Die Kleinzeile (Colonelmaß) 60 pfg, u. lOo o Zuschlag, die Reklame zelle (Textbreite) 1.80 Mk., u. IO6'» Zuschlag. Bei Wiederhol. Rabatt.

Berannvortlich für den redaktionellen Teil: Carl Schütte, n für die Anzeigen: I. Par zell er-Fulda. s Rotationsdruck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernsprecher Nr. 9 Telegr.-Adreste: Fuldaer Zeitunq

vverschlefien, Polen und der Katholizismus.

Em in Oberschlesien gut orientierter Mitarbeiter »Hreibt uns:

r In weiten katholischen Kreisen kann man häufig tkne rein gefühlsmäßige Neigung für Polen antreffen, har als Vorposten des Katholizismus sowohl im Osten «gen das schismatische Rußland, als auch im Norden «gen das evangelische Preußen gilt. Diese Sympathie aist Polen hat. bislang in der deutschen Politik eine Hedeutende Rolle gespielt. Vor allem, da die Polen er stets verstanden, den Katholizismus für rein natio­nalistische Zwecke auszunützen.

Ein klassisches Beispiel hierfür sind die Verhältnisse fn Oberschlesien. In diesem Lande, das seit ungefähr 1335 von Polen getrennt war, heischte in den vergan­genen Jahrhunderten kein polnisches Nationalgefühl. Di« Bewohner sprechen War wasierpolnisch, eine Sprache, die jedoch von dem Hochpolnischen sich wesent- kch unterscheidet. In Wirklichkeit ist die oberschlesische Leoölkerung durchaus von der polnischen verschieden. Während in dem Gebiete des ehemaligen Königreichs Polen der Adel eine große Rolle spiest und etwa ein Zchntel der gesamten Bevölkerung umfaßt, gibt es in Lberschlesien keine polnisch sprechenden Adeligen. Trotz­dem die Oberschlesier nie polnisch dachten und fühlten, konnte es anfangs der neunziger Jahre des vergange­nen Jahrhunderts polnischen Agitatoren gelingen, der wasierpolnisch sprechenden Bevölkerung ein Rational« «fühl einzureden. Die unselige Ostmarkenpolitik, die Phrasen vom protestantischen Kaisertum, die Germa- nisationsbestrebungen, die in Wirklichkeit sich immer mit den Evangelisationsbestrebungen deckten, verletzten bas katholische Empfinden aufs schwerste. In außer- ordentlich geschickter Weise verstanden es nun national- polnsiche Eendlinge aus Warschau und anderen polni­schen Städten, aus diesem katholischen Gefühl heraus emenationalpolnischeBewegungzu schaf­fen. Doch kam es über die Sympathie mit Polen kaum hinaus. Erst nach Ausbruch der Revolution im Jahre 1918 und den Ereignissen in Posen wurde die ober­schlesische Frage brennend. Die Kulturpolitik Adolf Hoffmanns konnte natürlich auch nicht dazu beitragen, die Sympathie für Deutschland zu stärken. So ist es nicht verwunderlich, wenn in katholischen Kreisen, so­wohl im Klerus als auch in der Bevölkerung, eine starke polenfreundliche Stimmung entstand. Als die Wogen der Revolution wieder geglättet waren, und im neuen Deutschland die katlplische Kirche dank der Mit- crbeit des Zentrums eine freiere Stellung einnahm, als es vor dem Krieg der Fall war, da fiel denn auch der Grund für die polenfreundliche Stimmung weg. Das katholische Empfinden des Oberschlesiers verlangt also gewisie Freiheiten, die durch die Verfassung zum größten Teile schon geschaffen sind, fordert eine Um­änderung der staatsrechtlichen Stellung Oberschlesiens innerhalb des Deutschen Reiches, aber nicht eine Los­lösung der Provinz von Deutschland und die Serbin- düng mit Polen ober die Schaffung eines unmöglichen Gebildes, nämlich eines Freistaates Oberschlesien. Wel­cher Art nun die staatsrechtlichen Umänderungen sein sollen, ob aus Dberschlesien eine selbständige Provinz ober ein Bundesstaat erstehen soll, darüber gehen die Meinungen auseinander. Verfasser dieser Zeilen ge­wann in Oberschlesien den Eindruck, als ob man sich über die nähere Ausgestaltung der zukünftigen Verfas­sung des Landes keine Gedanken machte, sondern sich lchiglich über die leeren Worte: Bundesstaat, Auto­nomie, Freistaat usw. ereiferte. Im allgemeinen hält man in Oberschlesien diese Frage nicht für so wichtig, als wie die andere, daß nämlich Oberschlesien überhaupt bei Deutschland verbleibt. Als selbstverständlich be­trachten einige, andere wieder als unbedingte Voraus­setzung, daß nach Wlauf der in der Verfassung vor- enen Sperrfrist diese Aenderungen der staatsrecht- i Stellung Oberschlesiens vorgenommen werden.

Vie perlen -er Lggenbrechtr.

20] Roman von Alexandra von Bosse.

Teufel! — nein! Das wollte er erst recht nicht!

Die Wette mußte gewonnen werden! —

Am dritten Tage nach dem Erscheinen Silvias in Altenwied erklärte Wolf, er müßte in dringender An­gelegenheit nach München fahren.

„Wirst Du auch Kusine Silvia besuchen, fragte ganz harmlos feine Mutter, und Hilde fügte mit etwas ver­schmitztem Lächeln hinzu:

„Ja, das mühtest Du doch eigentlich, Wolf!"

„Ich will mal sehen . . ." sagte er heuchlerisch.

In München angekommen, telephonierte er sofort "ach Bogenhausen und ließ anfragen, ob und um welche Lest Baronin Eggenbrecht sein Besuch angenehm sein würde. Die Antwort war: Fräst Baronin werde sich freuen, den Herrn Baron nachmittags halb fünf zum Tee bei sich zu sehen.

Kaum hatte Silvia diese Antwort durch Anton ge­ben lassen, als sie es bereute, aber sie konnte nichts wehr ändern, lieh frischen Kuchen besorgen und kleine, feine, mit zarten Dilikateffen belegte Butterbrötchen an- richten. Dabei dachte sie seufzend, daß sie nun gleich wit einer Liebenswürdigkeit angefangen hatte, denn sicher mußte Wolf Eggenbrecht die Aufforderung zum Tee als Liebenswürdigkeit auffassen.

Elftes Kapitel.

Silvia war sehr aufgeregt in Erwartung ihres Bei­lers, merkte das selbst, ärgerte sich darüber und ver- suchte sich einzureden, sie sei nur nervös, weil sie etwas getan, was Branding ihr widerraten hatte.

Um drei Uhr kam Ursel schon von ihrem Nachmit- iogsspaziergang zurück, weil es zu regnen angefangen hatte. Ihr Fräulein ließ sie zu der Mama hinein, aber kaum hatte Silvia angefangen, sich mit dem lebhaften Rinbe zu beschäftigen, als es an der Haustür klingelte.

, Erschrocken fragte sie sich, ob Wolf Eggenbrecht viel- leicht falsch verstanden hatte und schon jetzt kam. Dann stat Anton herein und meldete:

„Herr von Branding!"

Nun erschrak Silvia erst recht. Ein Besuch Dran- bings um diese Tageszeit war ungewöhnlich, außerdem fürchtete sie, er könnte so lartge bleiben, bis Wolf Eggen­brecht kam. Dann überlegte sie aber, daß dies nicht

Das oberschlesischeZentrum unter Füh­rung des Pfarrers Ulitzka tritt entschieden für das Deutschtum ein, selbstverständlich unter den oben an­gegebenen Voraussetzungen. Die katholische Geistlich­keit Oberfchlesiens ist zu etwa vier Fünfteln gut deutsch gesinnt. Der Rest unter Führung des Pfarrers Ka- pitza, Tichmi, agitiert für Polen oder für einen Freistaat mst Anschluß an Polen. Da der polnisch gesinnte Teil der Geistlichen sich nicht scheut, bei jeder Gelegenheit offen für Polen einzutreten, die Deutschgesinnten sich aber zurückhalten, erweckt es oft den Anschein, als ob der oberschlesische Klerus vollständig polnisch gesinnt sei. Die Gründe für die Zurückhaltung der deutschgesinnten Geistlichen liegen klar auf der Hand. Als Seelsorger haben sie zunächst die Aufgabe, für das geistliche Wohl ihrer Pfarrkinder zu sorgen, und müssen infolgedessen über den Nationalitäten stehen. Leider können sich die polnischen Geistlichen nicht zu diesem Standpunkte durchringen.

Sollte es in der Abstimmung, was wir sicher er­warten, gelingen, diese heißumstrittene Srooim Deutsch- land zu erhalten, so ist eine der wichtigsten Aufgaben, uns auch das Herz der Bewohner zu gewinnen. Dies kann nicht geschehen durch die alten Methoden der rück­sichtslosen Eermanisierungspolitik, sondern durch die AnerkennungderberechtigtenEigenart der Sprache, und vor allen Dingen durch Schonung desreligiösenGefühlsder Oberschlesier. Ge­rade in diesem letzten Punkte ist nämlich der Ober* schlesier außerordentlich empfindlich. Er denkt und fühlt religiös, auch wenn er politisch radikal gesinnt ist. , Viel stärker als jedes politische Gefühl ist dieses religiöse Empfinden ausgebildet. Bei der Betrachtung der oberschlesischen Frage ist daher inersterLinieder religiöse Gesichtspunkt heranzuziehen. Es ist daher Aufgabe Deutschlands, daß die katholischen Interessen im Deutschen Reiche ebenso gut gewahrt werden wie in Polen. Dann dürfen wir sicher sein, daß die Oberschlesier auch mit dem Herzen Deutsche verbleiben.

Eine weitere Note wegen Oderschleste«.

Der Vorsitzende der deutschen Friedensdelegation in Paris überreichte dem Präsidenten der Friedens- konferenz im Anschluß an die Note vom 21. August eine weitere Note, in der eS heißt:

Die Lage im oberfchlesischen Abstimmungsgebiet hat sich in bedrohlicher Weife verschlimmert. Durch die Un­ruhen ist in der Kohlenförderung, aus die Deutsch­land zur Erfüllung der in Spaa übernommenen Ver­pflichtungen anerkanntermaßen angewiesen ist, eine b e- denkliche Stockung eingetreten. Damit wächst die Gefahr des Stillstandes der Industrie und vermehrter Arbeitslosigkeit. Gewalttaten gegen die deutsche Bevöl­kerung sind an der Tagesordnung. ES wird gemeldet, daß sich alliierte Truppen mit den Insurgenten verbrü­dert haben. Die Sicherheitspolizei, die im Dienste der interalliierten Kommission Blut und Leben gegen die besser bewaffneten Aufrührer einsetzen mußte, wurde trotz ihrer Hilferufe stellenweise ohne Unterstützung ge­lassen.

Die interalliierte Kommission hatte bei Uebernahme der Verwaltung in Oberschlesien bekannt gegeben, daß sie alle Unruhestifter rücksichtslos und ohne Gnade ver­folgen werde. Der Zustand, in dem sich heute das Land befindet, steht mit dieser Kundgebung in Widerspruch. Er widerspricht aber auch dem Vertrage von Versailles, nach dessen Bestimmungen die interalliierte Kommission die Pflicht hat, daS Land zu schützen und die Ordnung aufrechtzuerhalten. Wiederholt hat die deutsche Regie­rung die Aufmerksamkeit der interalliierten'Kommission und der verbündeten Hauptmächte auf die Bewaff­nung polnischer Vereine gelenkt. Sie hüt durch authentische Dokumente den Nachweis erbracht, daß von polnischer Seite, offenbar um die Abstimmung zu der- eiteln, eine gewaltsame Erhebung borbereitet wurde. Sie bedauert, feststellen zn müssen, daß ihre War­nungen unbeachtet blieben und daß dadurch die augenblicklichen Zustande ermöglicht wurden.

schaden würde, im Gegenteil, denn hatte sie Besuch bei sich, konnte sie sich unmöglich verleugnen lassen, das würde Branding einsehen und er wußte ja nicht, daß Wolf Eggenbrecht sich vorher angemeldet hatte.

Als Branding herein kam, schien es Silvia, als machte er eine ganz besonders feierliche Miene, und nachdem er ihr die Hand geküßt, überreichte er ihr, zu ihrem Erstaunen, einen schönen Strauß frühlingsduften, der Herbsweilchen.

„Wie schönl" sagte Silvia und fragte sich besorgt, was das zu bedeuten haben könnte, denn noch nie hatte ihr Branding Blumen gebracht.

Jetzt erst bemerkte er Ursel, die sich hinter einem Lehnsessel verkrochen hatte, weil sie sich vor dem schwar­zen Onkel fürchtete.

„Ach, da ist ja das Kind! Ich habe es lange nicht gesehen," sagte Branding und streckte feine lange, schmale Hand herunter: „Guten Tag, mein Kind."

Ursel runzelte die Brauen und machte ein feindliches Gesicht, ohne sich der Hand zu nähern.

„Ursel, sag dem Onkel guten Tag, artig!" befahl Silvia, und die Kleine gehorchte, gab ihr Händchen hin, knickste, floh aber bann sofort zur Mama und ver- steckte ihr Gesichtchen in der matten schwarzen Seide von Silvias Kleid

„Lauf zu Fräulein," flüsterte Silvia ihr zu, und Ursel trippelte rasch zur Tür, guckte sich beim Aufklin- ken, wobei sie sich auf die Zehen stellen mußte, noch einmal mit großen, runden Augen nach Branding um und verschwand.

„Noch immer so scheu, die Kleine," sagte mißbilligend Branding.

„Das wird sich schon geben, wenn sie größer ist," meinte Silvia, holte eine Base, goß aus einer Karaffe Wasser hinein, ordnete die Blumen in bas Gefäß und stellte es zur Seite auf eine Etagere.

„Sie müssen gleich zu trinken haben, sonst werden sie welk," sagte sie halb entschuldigend.

Branding war jeder ihrer Bewegungen mit dem Blick gefolgt, und sie hatte es -mit leisem Unbehagen empfunden. Ms er Platz genommen hatte, setzte sie sich nicht in den niedrigen, gepolsterten Schaukelstuhl, in dem sie sonst zu sitzen pflegte, sondern etwas weiter von Branding fort.

Warum kommt er heute? fragte sie sich. Hoffentlich fängt er nicht wieder von den Perlen an

Die alliierten Mächte werben dem deutschen Volke nicht zumuten wollen, fchweigend rnitanzusehen, wie die Deutschen in Oberschlesien vergewaltigt werden. Recht und Pflicht der deutschen Regierung ist es, sich zum Sprecher des verletzten Volksempfindens zu machen und darauf zu bestehen, daß das eng mit dem übrigen Reich verwachsene Land im Einklang mit den bestehenden Verträgen behandelt und verwaltet wird.

Die Lage In Oberschleflen.

Sm allgemeinen hat sich die Lage in Oberschlesien wenig verändert, eher etwas beruhigt. Was in polni­scher Hand war, sst immer noch polnisch Der Ter­ror der Polen in den von ihnen besetzten Gebie- trn Hal etwas nachgelassen. Aber zahlreiche der be­waffneten Insurgenten haben sich selbständig gemacht und verbreiten Äs wilde Räuberbanden Schrecken im Lande, sodaß jetzt auch der seßhafte Teil der polnischen Bevölkerung ernsthaft beunruhigt wird. Die italienischen Truppen setzen die Entwafftmngs- aklion energisch fort, während sich die Franzosen im­mer noch passiv verhalten. Die Nachricht Über den Einmarsch einer 1000 Mann starken Bande aus R a t i - bor bestätigt sich: da jedoch die Stadt italienische Be- satzung hat und die Bevölkerung in Ratchor fast aus­schließlich aus Deutschen besteht, ist für die Stadt nichts zu befürchten.

In Kattowitz finden unterdeß Verhandlun­gen der führenden deutschen und polnischen Organisa­tionen unter dem Vorsitz des französischen Majors Ort- ley statt. Onley machte folgenden Vermittlungsvor- chlag: 1) Abschaffung der Sicherheitspolizei und Er- atz durch eine Abstimmungspolizei. 2) Für >ie Uebergangszeit wird sofort eine örtliche Hilfs­polizei gebildet. 3) Abgabe der Waffen bis Donners­tag früh neun Uhr. Wer bis dahin ablieferi, bleibt straffrei. Gegen die Uebrigen wird auf Grund der Be­stimmungen vorgegangon. Es handelt sich um einen Kompromißvorschlag, und um den Frieden wiederher­zustellen. sollen die Parteien zugestimmt haben.

Die Umformung der Sicherheitspolizei zur Ab- stimmungspoiizel soll in den nächsten Tagen vor sich gehen. DieLeittmg liegt in der Hand eines Ausschusses, dem unter dem Vorsitz eines Entente-Offiziers drei deutsche und drei polnische Delegierte angehören sollen. Die neue Polizei soll sich nur aus Oberschlesiern zu- sammenfetzen, und zwar sollen beide Nationalitäten in dem Verhältnis vertreten fein, wie es sich in den ein- Seinen Orten bei der Gemeindewahl herausgestellt hat. Die Angehörigen der bisherigen Sicherheitswehr wer­den, soweit sie geborene Oberschlesier sind, sämtlich über­nommen, die übrigen ins Reich abtransportiert.

Der polnische Durchbruch.

Der Zusammenbruch der russischen Nordfront ist vollständig. Es hat sich der dort kämpfenden bolschewistischen Truppen eine derarttge vollständige Panik bemächtigt, wie man sie schon im Weltkriege gerade bei den russischen Heeren des öfteren kennen gelernt hat. Die Polen haben die 4. Sowjetarmee fest an die Grenze gedrückt, nur dem kleineren Teil ist es gelungen, sich bet Umklammerung zu entziehen. Die russischen Truppen, die sich an der ostpreußischen Grenze im Raume von Chorzellen bis Kolno befinden, sind als verloren zu betrachten. Schon jetzt flüchten die eingeschlossenen Rotgardisten in Massen über die deutsche Grenze. Ganze Regimenter mit allem Material, Brigadestäbe, Kavallerie- und Artillerie­abteilungen finden sich an der Grenze ein. Die Entwaffnung geschieht ohne Schwierigkeiten, da die Russen die Waffen freiwillig abgeben.

An den anderen Fronten geht der polnische Vor­marsch gleichfalls mit großer Schnelligkeit weiter. Ein Teil der polnischen Truppen, die im Zentrum operierten, sind nach Norden abgeschwenkt. Nach dem polnischen Bericht haben die Russen vergeblich versucht, sich Lomzas wieder zu bemächtigen. Nach

Nein, er sprach nicht von den Perlen, er sagte, in Stolzen sei jetzt wenig zu tun, die Herbstarbeiten wären schon beendet.

,Lch bin in München geblieben," fuhr er fort. „Ich hatte gestern eine Besprechung in wissenschaftlichen An­gelegenheiten, nachdem eine kürzlich veröffentlichte Ar- bett von mir zum Teil rege Anerkennung, zum Teil auch Widerspruch erregt hatte. Sie wissen doch, daß ich mich naturwissenschaftlicher Forschung hingebe, aber ich weiß nicht, ob Sie sich dafür interessieren?"

„O, ich verstehe so gar nichts davon," erwiderte Sil­via fast abwehrend, denn sie dachte mit leisem Er­schauern an die Kaninchen und Meerschweinchen, die für diese naturwissenschaftlichen Forschungen geopfert wurden.

„Man versteht natürstch nicht, was man nicht kennt," meinte er. „Aber wenn Sie es interessiert — ich meine, wenn Sie glauben, baß es Sie interessieren mürbe, ein­mal mein Laboratorium zu sehen, Jo besuchen Sie boch halb meine Mutter in Stolzen. Mama hat mich ge­beten, Sie sehr zu grüßen unb sie hoffte. Sie recht halb einmal wieberzusehen."

„Danke, sehr freunblich von Ihrer Frau Mutter," sagte Silvia.

„Mama liebt Sie sehr," sprach Branbing weiter. „Mama tut es so leib, baß sie Sie seit Ihrer Rückkehr aus ber Schweiz noch nicht gesehen hat."

„Ihre Frau Mutter war ja bi- vor kurzem in Ma- rienbab,* meinte Silvia.

„Allerbings, aber nun, wo sie roteber in Stolzen ist. erwartet sie Ihren Besuch. Werben Sie nicht ein­mal hinausfahren, bemnächst?"

„Ja, natürlich werbe ich bas," erwiberte Silvia- „Wie lange fährt man nach Stolzen im Auto? Es ist boch etwas weiter von München als nach Alten- roieb?"

„Nur um soviel weiter, als Stolzen von Altenwieb entfernt ist, also ganz unbedeutend."

Silvia hatte bas eigentlich nur gesagt, um weiter zu sprechen, weil ihr heute irgenbetroas in Brandings Wesen unb in ber Art, wie er sie ansah, Unbehagen verursachte.

„Sobald es wieder schön wirb, fahre ich und nehme Ursel mit," versicherte Silvia.

Sie hatte die alte Frau von Branding sehr gern. Frau von Branding war ganz anders als ihr Sohn,

der Einnahme von Bialystock hat es 20 Stunden lang heftige Straßenkämpfe gegeben. 2ln__ dieser Front sollen Kallmücken und Don-Kosacken in Scharen zu den Polen übergegangen sein. Im Raume von Brest-Litowsk herrscht Ruhe. Es ist den Russen Wohl gelungen, sich vom Verfolger loszulösen.

Wie es heißt, wirken Amerika und England und auch die französischen Militärs auf Polen ein, daß dieses seinen Vormarsch nicht über die ethnographischen Grenzen Polens fortsetzen soll.

30000 Russen übergetrete«.

Die Zahl der Russen die auf deutsches Gebiet übergetrelen sind, wird nach den amtlichen Fest­stellungen auf 30000 geschätzt. Die Uebertrftle und Entwaffnungen der Russen haben sich bisher in Ruhe und Ordnuug vollzogen. Die bolschewistischen Truppen benehmen sich loyal. Trotzdem ist aber, wie von amtlicher Seite zugegeben wird, die Situ­ation „unheimlich" die deutschen Sicherheitsbeamten sind an Zahl viel zu schwach, und es ist doch sehr fraglich, ob sich die Ruffen auch weiter ruhig ver­halten werden.

63000 Gefangene?

Reuter erfährt von zuständiger Stelle: Die Polen melden, daß sie 63000 Gefangene gemacht und 200 Geschütze, sowie 1000 Maschinengewehre erbeutet haben.

Ter Umschwung in der Enientepolitik hat die Sowjet-Delegierten in London, Kamenew und Krassin, veranlaßt, ihre Päffe emzufordern, ehe sie ihnen selbst zugestellt werden. Sie begründen ihre Maßnahme damit, daß Lloyd Georges Haltung unehrlich sei. Die Miniker Bedingungen seien nicht ichärfer als die, die Lloyd George gebilligt hätte. DaS sei nur ein nichtiger Vorwand. Der tatsächliche Grund zu Lloyd Georges Wendung sei der Umschwung auf dem Kriegsschauplatz. Die Delegierten werde» London am Freitag verlassen.

Mobiltsterung der Fabriken in Moskau «. Petersburg

Englischen Zeitungsmeldungen aus Moskau und Petersburg zufolge hat die bolschewistische Regierung die Schließung einer großen Anzahl nicht lebens- wichriger Fabriken in Petersburg und Moskau angcordnet, um alle Arbeiter in die Armee einzustellen. An alle Männer bis zum 40. Lebens­jahre sind in den letzten Tagen Einberufungsbefehls ergangen.

Die Hungervlockade.

Aus Mainz wird berichtet: Eine Sprache von furchtbarer Eindringlichkeit spricht ein in der Main­zer Stadtverordnetenversammlung erwähnter schul­ärztlicher Bericht, wonach der Gesundheitszu­stand der Volksschulkinder so ungünstig ist, daß mit einem Stand von dreißig bis siebzig Proz. tuberkulöser Kinder zu rechnen ist. Aus diesen Erkrankungsziffern der einzelnen Schulbezirke er­gibt sich eine schwere Anklage gegen die Ansttster dex volkszerstörenden Hungerblockade.

Menschlicher sind die Aushungerer Deutschlands auch heute noch nicht geworden. Die Fortdauer der Blockade haben sie hinausgeschoben so weit es irgend ging, aber endlich einmal ließ sie sich doch nicht mehr länger aufrecht erhalten. Danach haben sie aus dem ausgehungerten Deutschland noch hunderttausende Milchkühe, Ziegen usw. herausgepreßt. Deutschland wäre gern bereit gewesen, den Feinden den Wert der Kühe und Ziegen zu bezahlen, damit sie sie in Amerika kaufen konnten, aber Frankreich wollte nicht, eS mußten und sollten unbedingt Kühe aus Deutsch­land sein, wo der Diehstand ohnehin schon fürchter­lich herabgemindeit ist. Nun hatten sich bekanntlich menschenfreundliche Amerikaner bereit erklärt, um die entsetzliche Not der deutschen Kinder zu lindern,

eine sehr bitte, gemütliche ßanbebelfrau, bie fast zu je­her Tageszeit hinter einer mächtigen Kaffeekanne unb einem Berg Kuchen anzutreffen war. So schien bas wenigstens Silvia, bie sie nie onbers gesehen. Sie war mit Achim von Allenwieb aus oft in Stolzen gewesen unb während bie beiben Freunde ins Laboratorium, auf bie Felber ober in bie Ställe gegangen waren, hatte sie mit ber alten Dame Stoffe getrunken unb Kuchen ge- geffen. Achim hatte ihr gesagt, Frau von Branbing fei eine sehr tüchtige Frau, bie sich auch um bie Felb- unb Diehwirtschaft kümmere, ba ihr Sohn mehr 3n» tereffe für feine Forschungen habe.

^Silvia war bamals nie im Laboratorium gewesen, für bas Branbing sich am Hause ein eigenes kleines Gebäube hatte bauen lassen. Nur einmal war sie von Branbing aufgeforbert worben, bas Laboratorium unb feine Giftesammlung anzusehen, aber ba hatte bie alte Frau von Branding gesagt:

„Ach, bas ist doch nichts für bas kleine Frauchen, deine schrecklichen Gifte werden sie nur gruseln machen."

Sie war nie recht einverstanden gewesen mit ber Liebhaberei ihres Sohnes, obgleich sie feine Gelehrsam­keit berounberte unb auf bie Anerkennung, bie er für bie Ergebnisse feiner Forschungen erntete, sehr stolz war. Lieber wäre es ihr gewesen, wenn er sich ganz ber Lanbwirtschaft gewibmet, wenn er geheiratet unb eine Menge Enkel bas nun so öbe, große Herrenhaus von Stolzen erfüllt haben würben. Sie hatte lange gehofft, Therese mürbe ihre Schwiegertochter werben: seit Achim Eggenbrechts Tob aber meinte sie, Silvia könnte ihren Leo lieb gewinnen unb seine Frau werben. Sie wünschte es sehr. Sie buchte es sich reizenb, so ein ganz junges Frauchen als Herrin nach hem alten Stolzen zu be­kommen, aber nie. wagte sie, Leo gegenüber ihren Wunsch auch nur anzudeuten. Letzthin hatte sie wieder­holt zu ihm gesagt, daß sie sich danach sehne, die liebe, reizende Frau von Eggenbrecht wiederzufehen, ob er sie nicht veranlassen könnte, einmal nach Stolzen heraus­zukommen.

„Meine Mutter hat Sie sehr lieb," wiederholte Bran­ding. „Sie würde sich sehr freuen, wenn Sie gleich auf einige Tage nach Stolzen kommen würben. Wolle» Sie bas?"

„Ja —• sehr gern — wenn es sich machen läßt," erwiberte zögernb Silvia.

(Fortsetzung folgt.).