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47. Zahrg

Dienstag, 24. August 1920

Nr. 195

mied nicht. Die Wette Unmöglich, die Perlen Unmögliche Und wenn

Mer sie mußte ihn doch schon als Achims besten Freund echten, und sie fürchtete ihn. Sie fürchtete einen mißbilligenden Blick aus seinen immer halbgeschlossenen

Die Nebeuregieruug der Eisenbahner.

Erne Einigung über den Transport der Ausrüstung für die Sicherheitswehr in Ostpreußen, der von den Eisenbahnern auf dem Stettiner Bahnhof in Berlin angehalten worden war, ist noch nicht erfolgt. Durch die Beschlüße der Detriebsrätekonferenz im Reichstag ist vielmehr eine Verschärfung der Lage eingetreten. Auf der Konferenz waren auch Transportarbeiter aus Lübeck erschienen, die einen 1200-Tonnon-Dampfer mit Munition nach Königs» berg angehalten haben.

Die verlautet, ist in der gestrigen Kabinettssitzung zum Ausdruck gelangt, daß die Reichsregierung nicht gewillt ist, den Forderungen der Eisenbahner noch

lenfrage aufgetaucht war und sie nicht tun konnte, was er von ihr verlangte. Seitdem passierte immer wieder etwas, das ihre eigene Entschließung beanspruchte, und seltsamerweise neigte diese immer den Wünschen Bran­dings entgegen.

Silvia fing an zu erkennen, daß sie ein selbständiger Mensch war, der wohl eines anderen Rat erwögen durfte, ober dennoch nach eigenem Gutdünken handeln mußte; sie wagte nur noch nicht, sich das offen einzu­gestehen und sich selbstherrlich Brandings Bevormun­dung zu entziehen.

Sie liebte Branding -nicht. Er war ihr seit jeher etwas unheimlich gewesen und, obgleich er sehr oft nach Altenwied kam, doch immer fremd geblieben, weil er ihr stets steif und kühl begegnet war. Don Therese hatte sie noch dazu erfahren, daß Branding in Stolzen ein Loboratorium besaß, in dem er an lebendigen Meer­schweinchen, Mäusen und Kaninchen allerlei schrecküche Gifte ausprobierte, und dachte sie daran, so graute ihr vor ihm.

Branding hatte aus Liebhaberei Medizin studiert, hatte sich aber dann ganz der Ehemie zugewandt und als sein besonderes Fach die Erforschung von Giften ge. wählt. Er hatte als junger Mann Indien und Süd­amerika. auch einen Teil Afrikas bereist und war von dort mit einer Beute ungemein seltener, zum Teil noch unbekannter Gifte zurückgekehrt. In seinem Fach galt er als Autorität, seine Giftsammlung war berühmt, und verschiedene feiner Versuche und Entdeckungen über die Wirkung von bisher noch unerforschten Giftstoffen wur­den in wisienschaftlichen Kreisen hoch anerkannt.

Aber Silvia dachte, wenn sie sich an Brandings La- boratorium erinnerte, nicht an die Wissenschaft, sondern nur an die warmen, wolligen Kaninchen und die zu­traulichen Meerschweinchen, die unter seinen Händen, an schrecklichen Giften verzuckend. ihr Leben lasten mußten. Und dann graute ihr vor ihm.

durch die Sachlage nicht gebessert. Im Gegen teil: eS spinnt sich da etwas ähnliches an, wie bei dem Niedergange des Kapp-Putsches: ein Anlauf zu einem einseitigen Klassen- und Parteiregiment, das die Arbeit der demokratischen Regierung lähmt und ihre Autorität erschüttert.

So wurde der aeoenwärtige Kabinettsrat mit drei lehr schweren Sorgen belastet: Rettung des oberschlesischen Stückes von Deutschland, Abwehr des Kohlenstreiks, der unsere Vertragsleisiungen zu gefährden droht und Unterdrückung der Nebenregie­rung auf den Eisenbahnen, die bei Fortbestand unser ganzes politisches und Wirtschaftliches Leben auS den Fugen heben würde. _

Wenn nun die Regierung über diese drei Schwie­rigkeiten sich und unS hinweggeholfcn haben sollte, wird dann Zeit zum Aufatmen und Ausruhen sein? Oder wird das grausame Spiel des Schicksals aus den letzten Jahren noch weiter fortdauern und Deutschland immer wieder aus einer fatalen Ueber- raschung in die andere, aus einer Krisis in die andere geraten ?

Zur Dofsnungsseligkeit haben wir wahrlich keine Veranlassung. Den Ernst der Lage muffen wir uns stets gewärtig halten, da wir in unserer Ohnmacht ein Spielball bilden für allerhand unberechenbare Einflüsse. Andererseits wollen wir uns aber auch vor Schwarzseherei und Bangemachen hüten, also insbesondere unS nicht durch unglaubliche Gerüchte in fiberflüiftge Angst jagen lassen.

Nachdem wir zwei Unglücksjahre mit ihren schlimmen Ueberraschungen lebend überstanden haben, werden wir auch wohl im dritten Jahre den Kopf noch über dem Wasser halten können, wenn wir den deutschen Mut und das christliche Golt- vertrauen zusammennehmen.

Der russisch-polnische Krieg.

Die Russen gehen auf der ganzen Linie zurück, die Polen stoßen sehr schnell nach. Der polnische Nord- flügel hat die Linie Chorzel-Ostrolenka-Narew südlich Brest-Litowsk erreicht. B i a l y st o ck ist von den Po­len genommen worden. Die Reste der bolschewistischen 14. und 15. Armee sind im Zurückgehen zwischen der Reichsgrenze und der Bahn Ostrolenka-Bialystock. Die Zahl der über die Grenze getriebenen Truppen wächst stündlich. Oestsich Brest-Litowsk und C h o l m noch Widerstand der Bolschewisten. In Galizien ist die Lage ungeklärt, die Lage an der Westfront scheint sich dort fühlbar zu machen.

In der Röhe von Neidenburg sind etwa 10 000 Russen, zum Teil in geschlosienen Formationen, auf deutsches Gebiet übergetreten. Die Ent­waffnung verläuft ohne Störung. Die Russen sind im Lager von Arys untergebracht worden, wohin, wie kürzlich gemeldet, bereits etwa 2000 übergetretene Polen gebracht worden waren. Ein russischer Offizier sagte aus, daß die Truppen einfach nicht mehr kämp­fen könnten, weil sie sich seit acht Wochen fortgesetzt im Vormarsch befunden hätten. Die Kavalleristen hätten ständig auf den Pferden schlafen müssen, das Fußvolk sei nach der Schlacht von Strasburg zusammen- gebrochen.

DieÄcnigsberger Allgemeine Zeitung" meldet aus Neidenburg: Die Polen sind von Strasburg und Lauten­berg an der Grenze entlang marschiert und haben vermut­lich die deutschen Flüchtlinge aus diesem Gebiet ab geschni tt en ; jedenfalls sind keine Flüchtlinge mehr am Sonntag über die Grenze gekommen. Die Uebertritte der Russen vollziehen sich in immer steigendem Maße. Sie waren völlig erschöpft und erklärten, sie müßten über die deutsche Grenze übertreten, um der Gefahr einer Ge­fangennahme zu entgehen. Ein Sonderberichterstatter des PariserMotin" spricht m einem Telegramm von den Schwierigkeiten der roten Truppen an­gesichts der Haltung der polnischen Bevölkerung. Jede isoliert« Gruppe der Bolschewisten sei sicher, von den Dauern massakriert zu werden. Auch die arbeitende Bevölkerung erhebe sich, und in den Vorstädten Blocks seien es Arbeiter gewesen, die mit der roten Rose im Knopfloch die bolschewistischen Truppen dezimierten.

Die Kohlenliesemngeu an Frankreich.

Wie wir hören, erreichten die Zwangslieferungen des rheinifch-wesisäli chen Kohlenjyndikats an die Entente Mitte August fast genau die vorgeschrie» bene Höhe und bewegen sich auch jetzt auf btefer Höhe. ___________ _

eher für Weltin, der Geld wie Heu hatte, mußte also gewonnen werden. Aber wie? bei der Kusine Silvia einzubrechen und ihr zu rauben! Ja, heute erschien ihm dieses gar nicht so einfach wie am Abend zuvor, es durch irgendein Wunder möglich wurde.

und doch so scharfen Augen. Sie fürchtete ein sarkasti­sches Lächeln und den tadelnden Ton feiner tiefen, weichen Stimme.

Nach langem Schwanken entschied sich Silvia doch endlich dahin, Wolf Eggenbrechts Besuch wenigstens dies eine Mal anzunehmen, dafür aber möglichst wenig liebenswürdig gegen ihn zu sein. Sie fand, daß es ungezogen sein würde, ihn diesmal nicht anzunehmen und das wollte sie, sogar Branding zuliebe, nicht sein, ihre Unliebenswürdigkeit jedoch sollte ihn obschrecken, den Besuch zu wiederholen.

Wolf von Eggenbrecht hatte so große Sehnsucht nach seinem Reitstock, daß er am liebsten gleich nach dem Familientag nach München gefahren wäre, aber an diesem Morgen erwachte er mit ziemlich heftigem Ka­ter, und zwar hauptsächlich moralischem Kater. Das Altenwieder Bier war doch recht stark, das sah er jetzt ein, denn wäre es nicht so stark gewesen und hätte er nicht so viel davon getrunken, würde er kaum auf die verrückte Wette eingegangen sein. Zehntausend Mark waren kein Butterbrot, selbst für den Herrn von Alten­

anfehen wird?

Sie Beschwerden der katholischen Bevölkerung richten sich nicht allein gegen das Kultusministerium, obwohi von ihm wohl am rücksichtslosesten vorgegan­gen w»rd sie betreffen genau so gut andere Aem- t e r, in denen zielbewußte Sozialdemokraten an der Spitze stehen. Wenn irgendwo, so muß h>«r der He­be! zu einer gründlichen Aendenmg der Verhältnisse cmg-'etzt werden. Do wie bisher geht es nicht weiter, und nut Rech' begehrt die Zentrumswählerschaft gegen­über der bisher üblichen Methode auf Man sollte cs kaum glauben, welche tollen Blüten tiefe noch immer entknospen läßt. Treffend beleuchtet wirb tic Praxis des Kultusministeriums und des Ministcriumr des Innern in einer Zuschrift aus Nassau, die wir in meh­reren Blättern finden. Es heißt da:

Es sind bei uns in Nassau Stellen seitens der Reaieruna, besonders seitens desKultur"»,nistcriu:>,S besetz: worden, die eine tiefgehende Erregung, nicht nur in Zentrumskreisen, sondern auch bet christlich denkenden Protestanten avsgelöst haben. Ein zu brcitiitrtel katholischer Stets soll einen sozialdetnokra- tischen Kretsschulinspektor erhalten, nun auch noch einen sozialdemokratischen Landrat; der Schulinspektor ist nicht etwa ein Nassauer, der mit irrt naflauiswen Schulverhältmflen vertraut ist, sondern ein tansfremder Mann, den die evangelische Synode eines westiätischen Kreises bereits mit öjrfolct abgelehnt Haire. Zn einen andern Kreis, der fajt ausschliehltch Zentrum e- sttmmen abgegeben hat, einen retn katholischen Stets, will man einenalldeutschen- Stad- Preußen verpflanzen."

In dem ollen kacholikenfeindlichen Preußengeist sind sich alle gleich: von den Konservativen herab bfo z-*r Sozialdemokratie. Die Katholiken dürfen in Preußen nicht auf dem Boden der G l c i ch b e r c d) 1: gung behandelt werden. Das war und das ist und das

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bann vergab ihm Silvia einen solchen tollen Streich ganz gewiß ihr Leben lang nicht Die Wette an sich war jo eigentlich schon eine Beleidigung, wenn man es recht überlegte Nie buffte sie etwas davon erfahren! Also mußte er die Wette verlieren? Schade um die zehntausend Emmchen. Nun, er mußte eben sparen, das Gestüt vorerst etwas weniger großartig anlegen, als beabsichtigt war, dann zähste er Weklin am Schluß des Termins aus und niemand erfuhr von der ganzen Geschichte; denn alle Anwesenden hatten ehrenwörtlich Stillschweigen gelobt.

weiter .nachzugeben, weil sonst die Gefahr entsteht, daß der Regierung das Lerfügungsrecht über die Trans­portwege völlig entgleitet.

Kominimlftische Unruhen.

In Staßfurt tut Bezirk Magdeburg kam es nach Beendigung einer von den Kommunisten einberu­fenen Scrfammiung zu Schießereien, in bereit Verlauf das Mathaus mit Maschinengewehren gestürmt wurde. Die ©efangenen wurden befreit. Es kamen Plünderungen und Erpressungen vor. AIS Magdeburger Sicherheitspolizei erschien, verschwanden die Kommunisten. Später drang noch einmal eine Bande von sechs bewaffneten Mannern in das Postamt und forderten mit vorgehaltenem Revolver die Heraus­gabe aller Wertsendungen, .die ihnen auch ausgehändigt wurden. Darauf verschwand die Bande.

In Schönebeck im sächsischen Kreise Zwickau kam es zn einer langen Schießerei, als die Sicherheits­polizei nach Auflösung einer kommunistischen Versamm- hing die Führer festnehmen wollte. Es wurden eine Anzahl Verhaftungen sowie Haussuchungen borgenom­men und bei diesen Waffen, Muuüiou und Sprengstoff gefunden; auch wurde eine Anweisung beschlagnahmt, die bei einer Requisition derRoten Armee" auf der Stadtkasse als Quittung gelten sollte. Wahrend dieser Vorgänge drangen 14 gutbetoaffnete Leute tn ine Gummifabrik, erzwanget die Herausgabe eines Auto mobilS und ergriffen mit diesem die Flucht. Aus de Vernehmung der Berhffteten geht hervor, daß de Raubzug wohl vorbereitet war.

Die perlen der Eggendrechtr.

19; Roman von Alexandra von Boffe.

Auch am folgenden Tage war sie voll Unruhe und k"nz ratlos. Die lange Perlenschnur drückte sie, es fäjen ihr, ais würde jede einzelne Perle zu einer Ehenden Masse, die ihre Haut versengte. Immer fürd)- **te sie, Wolf Eggen brecht 'könnte seinen Besuch en- Selben, ehe sie zu einem Entschluß gelangt war.

I Silvia mar so gar nicht daran gewöhnt, eigene Ent­schlüsse zu fassen. Bis jetzt war alles, was sie tat, °uch was Ursel anbetraf, von andern bestimmt worden- ! Tante, bei dcr sie aufwuchs, war immer streng intb für ihre besonderen kindlichen Würsche unzugäng-

1 "ch gewesen, bann kam das Institut, eine große 2In- > sielt mit zahlreichen Pensionärinnen, unter denen sie lin Lamm tt* der Herde gewesen »ar. Und kaum hatte $Sr Vater sie zu sich genommen, kam Ach m und her- ; 'Rete sie. Sie war kaum gefragt worden, aber sie vjtfe auch nicht nein gesagt, wenn man sie gefragt kE-Ne Der Vat:r war so überglücklich gewesen über i » Si'm!ü:)fr;:ng und Werbung *cs stattlichen, wohl- ft>benLen F.-e ers, daß S'loia, die damals noch ein

Sin? trat, es. selbst als ein großes Glück em» i Pfanb, als der Baron von Eggenbrecht, Herr auf Alien- to-b. sie, die eben noch ein kleines, unbedeutendes ; dKi'lmätzel gewesen, zur Frau begehrte.

.. Danach kam die Ebe an der Seite dieses eigennälli- ftarren und ernsten Mannes. Silvia hatte ihm t *tos in ollem blind gehorcht und es wäre ihr einfach tor nicht eingefallen. Achtm gegenüber jemals einen ; fjsenen Willen zu äußern Das gab es nicht, lieber kiben Tod hinaus bestimmte er noch über sie, und es ihr gar nicht sonderbar erschienen, daß sie seitdem

W Achim, Loo Branding gehorchen sollte .

i Sstnia war so weltfremd aufgewachsen, in allen das betreffenden Dingen so unerfahren, daß sie nut 8** floh war. noch Achims Tod an Leo Branding einen >u haben, der ihr mit Rat und Tat zur Seite siond Blind hatte fie alle * seine Ratschläge und An-

l Ebnungen befolgt bis zu dem Augenblick, da die Per-

Jmmer die alte Geschichte.

Solange die Katholiken unter preußischer Herr­schaft lebert, sind sie gewohnt, bei der Aemterbefetzung im Hintertreffen zu stehen. Sie haben es nie an­ders gekannt. Obwohl zwei Fünftel der Gesamt- bevöikerung ausmachend, war der tatholische Volks- tetl in den hohen Beamtenposten in Preußen nur ganz spartich vertreien. Natürlichteiltet Zufall". Daß dieserZufall" ein raffinierter Schlinget war, der es immer mit den Protefranien hielt, dafür tonnte bie Staatsverwaltung nicht. Bei ihr galt nur die Tüchtigkeit So hat es uns tue Regierung irr vorrevolutionären Preußen tauienöe Mal hoch uni hei.ig versichert. Da mußten wir es ja wohl glau­ben mußten glauben, daß der Malefiz-Zufall eint preußische Staatseinrichtung sei. Wir hatten nun aber gehofft, daß im neuen Preußen mit anderen über­lebten Einrichtungen auch dieser preußischeZufall " abgeschafft worden wäre. Wer er lebt immer noch.

Im Ministerium des Herrn Harnisch merkt man wohl eine Aendenmg dahin, daß nun auch Sozialdemokra­ten dort eingezogen sind, aber sonst ist dort alles wie einst. Dor kurzem ist im Kultusministerium der seitherige Ministerialdirektor Ncmmann in den Ruhestand getre­ten, sein Nachfolger ist der bisherige Geheimrat K r ü tz geworden. Selbstverständlich ist Herr Krüß Prote­stant. Ein Katholik kam offenbar für den Posten nicht in Frage, weil der weitherzige Herr Konrad Harnisch nür nach der Tüchtigkeit vorgeht und weil es der vertrackteZufall" wieder will, daß ein gleich tüch­tiger Katholik nicht zu finden war. Es soll uns nicht wundernehmen, wenn der Kultusminister es tatsächlich damit zu begründen wagen würde, daß im gesamten Kuliusmimsterium auch heute noch kein einziger Katholik in leitender Stellung ist, in dem größten preußischen Mittisterium, in dem es der Natur bet Sache nach nicht nur am notwendigsten, sondern direkt selbstverständlich fein sollte, daß aus die katholische Minderheit Rücksicht genommen würde. Man merkt bei Herrn Harnisch von einer Rücksicht- nähme auf die programmatische Forderung her zwcit- stärksten Regierungspartei nach paritätischer Besetzung der lestenden Stellen im Ministerium wie in den Pro­vinzialregierungen und in den Kreisen nicht eine Spur. Um den seinem Amte zugeteilten parlainentotischcn Staatssekretär des Zentrums kümmert er sich offen- sichtlich nicht. Glaubt er etwa, daß bie Zentrums- partei sich dieses Verfahren noch lange in Geduld mit

Die sorgenvolle ReichSleitnng.

Am Montag fand, wie an anderer Stelle berichtet ytrb, unter dem Vorsitz des zurückgekehrten Reichs- tzi,zlerS eine Kabinettsfitzung statt. Damit ist bischen Sommerferien, bas sich bie Regierung diese? Iaht gestalten konnte, auch amtlich zum Ab- Auß gebracht, vachbem bie wohlverbiente Ruhe bet Minister schon durch die Zwischenfälle der letzten «eit schwer gefährdet war.

s Die Berliner Börse gab sich an diesem Montag einet fast stürmischen Aufwärtsbewegung hin, weil nus Oberschlesien beruhigende Nachrichten gedrahtet Wtden waren. Die Regierung wird sich einem solchen Optimismus leider nicht hingeben können; denn am Nachmittag kamen schon wieder bedenkliche Nachrichten auS Oberschlesieu, und auch für den Fall, baß bet bärtige Aufstanb wirklich abflauen sollte, bleiben noch schwere Sorgen in Fülle übrig.

Bon bet Regierung bbrlangett bie weisen Kritiker daß ft» eine großzügige Politik mit weitem Blick und starker Hanb treiben soll. Ach ja, bas wäre sehr zu wünschen. Aber was kann bie beste Regierung zachen, wenn von Tag zu Tag verwirrende Zwijchen- fälle eintreten, bie alle Berechnungen stören unb bie Verfolgung weitgehender Pläne unmöglich machen, well man zunächst mit den augenblicklichen Hinder­nissen fick abfinden muß.

Es zeigt sich immer wieder, baß bie Politik beS geidjlageneit Deutschlanbs abhängig tft tkm den aus­wärtigen Ereignissen unb Einflüssen. In Spa a war unsere Regierung in ein wahres Zwangsver­fahren geraten, aus bem wir durch außerordentlich lästige, sehr gewagte Zugeständnisse bas nackte Leben retten mußten. Als wir kaum ernstlich an bie saure Arbeit zur Ecfüllung beS Spaaet Abkommens gegangen waren, spitzte sich bei russisch-polnische Stieg gefährlich zu. Wir beschlossen unb verkünde» teil bie strenge Neutralität, um Deutschland außer­halb des Oststurms zu halten. Aber daS Schicksal berjagte uns auch diesen Erfolg. In Oberschlesien brach im Anschluß an den Wechsel des KriegSglückS der Polnische Aufstand aus. Untere Regierung hatte nicht die 'Macht, um die Unruhen in dem olkup er­teil Aufstandsgebret zu unterdrücken, und die htter- nlliierte Kommission war erschrecklich langmütig gegenüber den polnischen Rechts- und Friedens- biechern. Sogar der Verdacht der Vergünstigung durch die Franzosen verbreitete sich. Das war schlimm für unsere Landsleute in Oberschlesien, die bislang auf dem besten Wege waren zu einem Sieg der deutschen Sache bei der Volksabstimmung. Aber nicht bloß diese wichtigen Reichstelle unb feine Ein­wohner weiden gefährdet, sondern das gan^e brutsche ivinschasrliche und politische Leben wirb in Mitlei­denschaft gezogen durch die Gewalttaten der pol- niidjen Banden.

In doppelter Hinsich«: Erstens wirb burch ben Streik auf ben oberfchlcsischen Bergwerken, ben bie Anführer in Gang bringen, worauf wir schon gestern hinwiesen, die Kohlenerzeugung in Teutsch- land so stark bedroht, daß eS zweifelhaft er­scheint, ob wir die in Spaa sestgcnetzten Lieferungen erfüllen können und ob nicht sogar wegen Kohlen­mangels die Fabrikarbffl stellenweise gestört wirb, was die Arbeltslofigkeit, ben Dalutafall, bte Unzu­friedenheit unb bie Unsicherheit steigern würde.

* Von ben verpufften Versuchen, hier und da eine Räterepublik nach Sowjet-Muster. auszurufen, wollen vir nicht weiter reden; aber als zweite Wirkung der östlichen Krisis muß der Ansatz zu einer R e- benregierung ernstlich beachiet werden. Aus dem Verdacht, daß Frankreich heimliche Waffensendungen für die Polen durch Deutschland durchfchmuqgeln möchte, haben sich beiden Betnebsrälen der Eifen- bahner Versuche eniwickelr, eigenmächtig, ja sogar im öffentlichen Wrderjpruch nut den Erklärungen und Verfügungen der verantwortlichen Regierung, über das Schick-al vonverdächtigen" Eitenbahn- jügen zu bestimmen. Wenn Vertreter der sozial- demokiatischen Parteien zu den bezüglichen Deratun- veu der Betriebsräte zngezogen wurden, so wird da-

Aufstand vorgehe und das Leben und Eigentum der deutschen Bevölkerung schützt. Die interalliierte Kom­mission in Oppeln hat erklärt, daß sie den gegenwärtigen Aufstand als eine Auflehnung gegen ihre Regierungs- gewalt ansieht. Sie sei entschlossen, mit Nachdruck gegen die Ausständigen vorzugehen, ihre Entwaffnung durchzuführen und durch schleunige Herstellung geord- neter Zustände sowie für den Schutz der wehrlosen Be­völkerung Sorge zu tragen. Die deutsche Regierung hofft, daß es 'der interalliierten Kommission gelingen wirb, diese Zusage zu erfüllen und dem ihr anver« trauten Lande in Kürze die Ruhe wiederzugeben, und richtet außerdem an die Bevölkerungvon Ober- fchlesien die ernste unb dringende Bitte, s i ch ruhig zu verhalten und durch keinerlei Unbesonnenheit Vorwände zu neuen Unruhen zu liefern. Dis Bevölke­rung Oberschlesiens kann versichert sein, daß die deutsche Regierung die oberschlesischen Interessen mit allen ihr »u Gebote stehenden Mitteln vertreten wird, daß sie sich aus Gedeih und Verderb mit Oberschle­sien verbunden fühlt unb nicht stillschweigend hinnehmen wirb, baß auch nur ein Fußbreit oberschlesi­schen Bebens burch qewalffame Maßnahmen entgegen ben Bestimmungen des Friedensvertrages unb gegen den Willen ber Bevölkerung vom Deutschen Reiche ge­trennt wird. __ _________

Der Polenausstand in Oberschlesien.

Die Lage in Oberschlesien hat sich erheblich verschlimmert unb stellt sich folgenbermaßen bat: Die Sanbgemeinben der Kreise Rybnick, Pleß, Beuthen, Lublinitz, KatioWitz und Tarnowrtz sind vollkommen in den Händen ber Polen. Auch die S'äbte Pteß, Königshütte, Gleiwitz und Tarnowitz sind am Montag von ben Polen besetzt worben. Die Stäbte Kattowitz unb Beuthen und einige andere bilden zur Zeit noch Inseln. Beuthen ist vollständig umzingelt, der Sturm auf die Stabt steht bevor. Aus ben besetzten Teilen unternehmen bte Polen ständig Vorstöße nach bieien Orte». In dem besetzten Gebiet sinb Maueranichläge in zwei Sprachen erschienen, in denen zur Bildung von S e l b st i ch u tz- komitees auS der heimischen und ortsansässigen Bevölkerung airfaeforbert wird. Die Führer bie'er Komitees verpflichten sich, für bie öffentliche Ruhe unb Ordnung zu sorgen und bie Wieberaufnahme der Arbeiten die Wege zu letton. Sämtliche Waffen unb Munition sind sofort abzugeben'.

Die Kabinettsberatung über Oberschlesieu*

Amtlich wirb unter dem 23. August mitgeteilt: Nach­dem gestern bereits eine Besprechung bei bem Reichs- nräftbenten stattgefunden hatte, beschäftigte sich Die Kabinettssitzung wiederum mit der ober« schlesischen Frage. Die Vorgänge ber letzten Tage wurden eingehend durchgesprochen und alle Mittel er­örtert, um in diesem Gebiet möglichst bald ruhige Zu­stände zu sichern. Nach dem Friedensvertraa liegt es der interalliierten Kommission ob, Ruhe und Ordnung in dem Abstimmungsgebiet aufrechtzuerhalten. Die Reichsregierung bedauert aufs tieffte, daß weite Teile von Oberschlesien sich in bet tatsächlichen Gewalt polnischer Insurgenten befinben unb bamit eine Lage eingetreten ist, bie unsere schlesischen Brüder in Sebrängnis bringt die friedliche Arbeit, namentlich bie Kohlenförderung stört unb die für das ge­samte europäische Wirtschaftsleben so wichtige Lei- stungsfähigkeit *e« Landes gefährdet. Die Reichsregie, rung hot durch ihre Vertreter bei ber interalliierten Kommission tn Oberschlesien unb burch ihre Doffchafter tn Rom, Lonbon unb Paris Vorstellungen erhoben und verlangt, baß bie interalliierte Kommission mit völliger Unparteilichkeit unb mit allen Mitteln gegen ben von langer Hanb burch politische Agitation vorbereiteten

Verantwortlich für ben rebattioneDen Teil: Earl Schütte, u für bte Anzeigen: I. Parze Iler-Fulda. ri Rotationsdruck u. Verlag ber Fulbaer Actlenbruckerei in Fulda- Fernsprecher Nr. 9. Telegr.-Abrefle: Fulbaer Zeitung

Abgemacht! Damit wollte Wolf seine Uefcerlegtm. ! behandelt werden. Das war uno oas in gen adschließen, als ihm einfiel, daß er ja, wenn er die : bleibt Anfang und Ende der prcußstchen Wette verlor, verpflichtet war, sogleich ben Rechtsstreit j beit. Wie fest müssen die alten Traditionen sitzen, daß um die Derlen gegen Silvia zu eröffnen! (F. f.) I auch nach der Staatsumwäizung, tie Sc» Unterste zu