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aerZeitu

| Montag, 2Z. Kugust 1920

Nr. 194

Im Zusammenhang damit steht die vertragsmäßige Pflicht der Entente, für die Wiederherstellung der Ord. ramg in Oberschlesien ihrerseits zu sorgen, nachdem sie die Herrschaft in diesem Abstimmungsgebiete über­nommen und die Entwaffnung der deutschen Ordnungs­kräfte bis zur Ohnmacht durchgeführt hat. Deutschland hat, das müssen auch die Feinde anerkennen, wenn sie ehrlich sein wollen, seine Neutralität redlich gewahrt, obschon unsere Gefühle gegenüber den Polen nicht ge­rade freundlich sein konnten. Daher dürfen wir auch verlanc-en, daß die Entente den Bezirk, der noch zum neutralen Deutschland gehört, vor der weiteren Drangsalierung durch die Polenschützt.

Eine deutsche Protestnote.

liebet die Vorgänge in Ob er Schlesien Hai die Reichsregierung am Samstag eine Note an die Alliierten gerichiet, in der sie sich vor allem gegen )ie Behauptung wendet, daß die deutsche Regierung hinter der oberschlesischen Bewegung stände und es zurückweist, alls ob sie die Bewegung materiell oder auch nur ideell unterstützt hätte. Weiter wird ver­langt, daß die Jnterallierte Kommission in Ober­schlesien, die ihr durch den Friedensvertrag obliegende Aufgabe eines Treuhänders auch gegenüber Pole» unparteiisch und nachdrücklich wahrnehme.

Oie Lefatzungsbehördcn schassen Ordnung.

Neuerdings scheint bei den Franzosen doch die Ein­sicht zurückgekehrt zu sein. Aus Kattowitz tmrb berich­tet: Nach Informationen von zuständiger Seite kön­nen wir zur Lage folgendes mitteilen: Die französischen Besatzungsbehörden zeigen seit gestern offensichtlich das Bestreben, auf unblutige Art und Weise die Ord­nung wiederherzu st eilen. Die Polen wer­den zur Abgabe der Waffen aufgefordert. Seit dem Eintreffen des Oberstleutnant Caput und des Stabs­chef General de Rand ist ein offenbarer Umschwung in dem Verhalten der französischen Besatzungstruppen zu bemerken. Die Truppen zeigen unermüdlich, daß ihnen alles daran liegt, der Sicherheitspolizei zu helfen, den Frieden wieder herzustellen. So hat sie ver­schiedentlich der Sicherheitspolizei die ihr von den Polen abgenommenen Pserde. Waffen usw. wieder zuaestellt. Die Hundertschaft in Lipine, die von mehreren Tausend Polen belagert wurde, ist auf Veranlassung des Kreis­kontrolleurs in Königshütte befreit worden.

DiL Wirkungen des Glückswechsels im Osten.

’ Für uns hat der Umschwung des Kriegsglückrs Mir unangenehme Folgen, nämlich die polnischen Ge- Mtaten in Oberschlesien, die neue Drangsalierung der Iruffchen in dem wiederbesetzten Korridor, ine Sto- yng der Kohlenerzeugung.

Können wir auf der anderen Seite einen Dor- teil buchen? Vielleicht in dem Punkte, daß die neue«

Kommunistenputsche selten und schwach geblieben ßkd, st daß sie schnell unterdrückt werden konnten. ^Die Putsche in Delbert und Cöthen sowie ßit verpufften Hetzoersuche in anderen Ortschaften sind Mrlich nicht vereinzelle Zwischenfälle, sondern Aus­schwitzungen eines Aufruhrplanes, der für den Fall Scherer bolschewistischer Siege crusgearbeitet war und nunmehr widerrufen oder wenigstens vertagt werdm Mßte. Das Abpfeifen scheint nicht überall gehört oder beobachtet worden zu sein. Es ist wohl mögüch, daß y-r bei fortdauernden Erfolgen der Russen von ei­ner größeren Schilüerhebung der linksradikalen Um­stürzler heimgesuchr worden wären.

Das Kriegsglück ist wechselnd. Auch der pbiWm Gegenoffensive kann wieder eine russische Offensive folgen, da die Russen immer noch über die größere Maste verfügen. In dem Falle müssen wir tourt gefaßt fein, daß auch im Inlande die Bahn- b-echer der Diktatur des Proletariats chr Haupt er« .eben und die „Räterepublik" nach Moskauer Vor­bild ausrufen.

Lloyd George soll kürzlich gesagt haben: „Deutsch- land hat augenblicklich zwischen zwei Feuern zu wäh- len: dem Bolschewismus oder dem Versailler Vertrag; Las erstere wäre jedenfalls das Schrecklichere für Deutschland". Das ist insofern richtig, als wir von zwei Seiten bedrängt und bedroht werden. Aber „ge­wählt" haben wir eigenllich schon; denn die Regierung und die große Mehrzahl der Deutschen will von dem 'Bolschewismus gar nichts wißen und hat den ehrüchen Villen, den Versailler Vertrag zu erfüllen, so west es möglich ist. Es kommt nur auf die Machthaber der Entente an. ob sie uns die Dertragsersüllimg mög­lich machen wollen. Wenn dis französische Gewalt- pvlftik die Oberhand behalten sollte, so würden unsere Regierung und die besonnenen Dolkstelle die Abwehr des Bolschewismus schließlich nicht mehr durchhalten Simen. Dann würde die Verzweiflung in Demsch- lmd den Umsturz herbeiführen. Also könnte man Herrn Lloyd George seinen Spruch zurückgeben mit der Abänderung: Die Entente hat zu wählen, ob sie durch eine vernünftige Behandlung Deutschland lebens- und leistungsfähig erhalten oder durch weitere Mißhandlung in das bolschewistische Feuer treiben will!

Die Frage der Leistungsfähigkeit wird augenbllck- üch schon brennend im Punkte der Kohlenliefe­rung. Die französische Besatzung in Oberschlesien ist offenbar mitschuldig daran, wenigstens durch Versäum- nis, daß die Polen Oberschlesien mst Krieg überzogen unb damit empfindlich die Kohlenproduktion gestört haben. Unsere Regierung handelt aber sehr richtig, wenn sie schon jetzt bei den Organen der Alliier­ten zur Sprache bringt, wie die Rückwirkung auf un­sere Lieferfähigkeit ausgeglichen werden soll. Ist denn überhaupt eine Arbeit bei der fortwährenden Hetze, unter der das gequälte Land liegt, mögüch? Man be­rechnete, daß vom Dezember 1919 bis April 1920 die Hshlenforderung Oberschlesiens unter dem Einfluß be­ständiger Tellstreiks, die die großpolnifche Agitation verursachte, umtäglichl0000TonnenKohle zurückgegangen sch. Wie groß mag jetzt erst der Äsfall sein. Die Kohlen braucht Deutschland, braucht ganz Europa dringend. Man kann einem Lande nid# jumuten, nicht nur sein tägliches Brot zu verdienen, sondern auch große Schuldsummen in Gold und Kohlen Zu bezahlen, wenn man es nicht mhig arbeiten läßt.

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litär ist unter den Aufständischen einwandfrei fest- gestellt. Der Landkreis Kattowitz befindet sich völlig in den Händen der Polen, die hier die pol­nische Repubük ausgerufen haben. Auch Dogutschütz- Süd ist in die Hände der Polen gefallen, nach schweren Gefechten mft der Sicherheitspolizei, die eine ganze Anzahl von Toten und Verwundeten zu beklagen haste. Dos Dorf Anhalt im Kreise Pletz wurde von den Polen bt Brand gesteckt.

Die schwer bewaffneten polnischen Banden treiben die sich verzweifelt wehrende Sicherheitswehr vor sich her, die sich, ungenügend bewaffnet, den zahlenmäßig weit überlegenen Polen gegenüber nicht zu halten ver­mag und sich immer weiter auf die Städte Kattowitz und Deuthen zstrückzieht. In Bogutschütz wurde die Hundertschaft der Sicherheitswehr von den schwer bewaffneten Polen regelrecht belagert. Die Polen droh­ten, als die Hundertschaft trotzdem Widerstand leistete, die Kaserne mit Dynamit zu sprengen. Da ein Hilfe­ruf an die Entente verglich blieb, so wurden zwei Züge Sicherheitspolizei aus Kattowitz abgesandt, um die Hundertschaft zu entsetzen. Es blieb der verstärkten Abteilung ober schließlich nichts übrig, als sich nach Kastowitz durch die Belagerer durchzuschlagen. Dabei hasten sie einen Verlust von vier Toten, zehn Verwun­deten und zwei Gefangenen. Die Hundertschaft in M y s l o w i tz wurde von den Polen gefangen abae- führt. Sie wurde ihrer Kleider beraubt, schwer miß­handelt und nach Sosnowice befördert. In den be­setzten Ortschaften ist polnische Polizei eingesetzt. Ein großer Teil der Bevölkerung der kleinen Orte ist ver­schleppt.

Für den gestrigen Sonntag hegte man große Be­fürchtungen. Es haste sich eine stark besetzte regelrechte polnische Kampffront gebildet, die von Sosnowice über Mvslowitz—Bsguteschütz—Laurahülte—Bcnw-sm —Groß-Dombrowka—Scharley—Radzionkau lauft.

Man fürchtete, daß von dieser Front die Polen in Richtung der Städte Kattowitz und Deuiben vorstoßen würden und meldete schon den Anmarsch der Pole« auf Kattowitz. lieber Sonntag aber hat sich di e Lage gebessert. Bemerkenswerte Zwischenfälle werden nicht gemeldet. In Kattowitz ist die Ruhe nicht gestört worden. Auch Beuthen war ruhig, wenn auch die Stimmung sehr erregt war, ebenso Oppeln.

Fast im ganzen Industriebezirk herrscht noch der Generalstreik, der von den Polen ansgerufen wurde. Dieser Streik hat eine große Ausdeh­nung angenommen. Das ist nur dadurch erklärlich, daß mich dsstsch« Orcvnifasisnen den Streik prokla­miert haben. Es scheint dort alles drunter und drüber zu gehen. Ursprünglich war deutscherseits der General­streik als" Protestaktion vorgesehen, rourbe aber nicht durchgefübrt. Am Samstag standen sämtliche Kohlen­gruben sstll, wahrend die Eisenhütten, in denen die deutsche Gewerkschaft die Herrschaft hatte, noch arbei­teten. Wie lange jedoch hier der Betrieb aufrecht er» haften werden kann, wenn die Kohlengruben stilliegen, ist unschwer zu sagen, weil die Gruben nur den Tages­bedarf an Kohle liefern und wenig Vorräte vorhanden sind.

Ausschreitungen gegen Franzosen in Breslau.

In Breslau ist es zu bedauerlichen Ausschreitunqen gegen Franzosen gekommen. Ein Auto mit französischen Mannschaften durchfuhr die Stadt und erlist am Ring eine Banne. Hinzukommende junge Deute stürzten sich aus dos Auto und zerschnitten einige Reifen, sodaß das Auto nicht weiterfahren konnte. Die Franzosen mußten zu ihrer eigenen Sicherheit in Schutzhaft genommen werden. Wäh­rend des entstandenen Tumults wurden auch die anderen Reifen zerschnitten. Der französische Offizier Lunart er­hob Beschwerde beim Polizeipräsidenten. Die einnelettete Untersuchung ist noch nicht abgeschlossen. Der Polizei- prästdent von Breslau hat an die Bevölkerung einen Aus­ruf gerichtet, unter allen Umständen Ruhe und Besonnen­heit zu bewahren, da aus d-r-rrtie>en Erzeffen der deuftchen R-aierur-a die arötzten Schm'eriakeft-n ermachlen nGfsten.

Der russische Rückzug.

Auf dem polnischen Kriegsschauplätze ziehen sich die Ruflen auf der ganzen Linie zurück.

Der Rückzug der nördlichen Teile des russischen Rordflügels über Mlawa ist in Ordnung erfolgt, jedoch scheinen noch stärkere Kavallerieabteilungen nördlich von Eiechanow im Rückmarsch zu sein. Nörd­lich von Eiechanow und westlich von P u l t u s k machte der polnische Ofsensivstoß nur geringe Fort- schrille. Die über Wyschkow vorgehende polnische erste Armee kämpfte südwestlich von Ostrow. Das polnische Zentrum erreichte auf der ganzen Linie den Bug. Oestlich von Cholm und bei Hrubieczow verstärkten sich die bolschewistischen Angriffe. Hart östllch und nördlich von Lemberg wird gekämpft.

An der Nordsront besteht der stärkste Erfolg der Polen darin, daß sie die Rusien gezwungen haben, den polnischen „Korridor" zu räumen. Be­reits am Freitag abend hatten die Polen Strasburg und Neumark wieder genommen und noch in. derselben Nacht haben die Ruflen die Stadt S o l d a u kampf­los aufgegeben. Am Samstag haben die Polen Soldau wieder besetzt. Mst größter Besorgnis muß man dem Schicksal der deutschenDevölkerung entgegen­sehen, die nach dem langen und schweren Druck des polnische Terrors die Ruflen als Befreier begrüßt hat­ten und nun wahrscheinlich der erbarmungslosen Rache der Polen ausgeliefert sind. Schon meldet der polnische Heeresbericht, daß in Strasburg acht Deutsche, denen tätige Unterstützung der Bolschewisten nachge­wiesen sei, standrechtllch erschoflen worden sind. Hebet Soldau hatten polnische Flieger vor einigen Tagen Manifeste abgeworfen, in denen gedroht worden war, Soldau dem Erdboden gleich zu machen. Es ist daher kein Wunder, wenn eine wahre Massenflucht aus diesen von hex polnischen Rache bedrohten Städten ein» gefetzt hat. Alles, was von den Deutschen fliehen kann, strömt über die Grenze. In Neidenbmg sind 2000 Flüchtlinge eingetroffen. Scharnau, Koslau und die umsiegenden Dörfer sind überfüllt. Das Elend ist sehr groß. '______

Ovsrschlesieu in Not.

Die Lage in Oberschlesten ist noch immer furchtbar ernst. Die polnischen. Banden, die ft: Oberschlesien ein­gefallen sind, und zunächst 2000 Mann stark waren, verstärkten sich in den letzten Tagen immer mehr. Ihnen vermochte mir die an Zahl sehr schwache deutsche Sicherheitspolizei entgegenzutreten, deren Mannschaften nur mft Pistole und Seitengewehr (nur jeder vierte Mann darf ein Gewehr haben) ausgerüstet sind. Das französische Militär, das noch bei den Ratio« witzer Unruhen mit den schärfsten Kampfmitteln gegen die deutsche Zivilbevölkerung vorging, tat gegen die bis cm die Zähne bewaffneten polnischen Aufrührer gar nichts. An der polnischen Grenze, die voll- kommen frei ist, herrscht ein reger Verkehr. Ober- schlesische Polen gehen ins polnische Gebiet und kehren schwer bewaffnet zurück. Ganze militärische Verbände wurden in Zivil hinübergebracht, um bewaffnet zu werden. Reguläres polnisches M l-

Die Kommunisten-Putschc mißglückt.

Dos Kommunistenobenteuer von Seibert ist schon zu Ende. Am Sonntag rückte Sicherheitspolizei aus Ellen ein, stellte die Ordnung wieder her und verhaftete die Aufrührer.

Auch in Cöthen in Anhalt wurde die Räteherrschast aufgerichtet, die Herrlichkeit aber nahm auch hier ein rasches Ende. Der Putsch war hier völlig überraschend gekommen. Morgens drei Uhr war die Stadt vollkommen abgesperrl, Post und Eisenbahn von den Ausrührern besetzt und alle Züge wurden festgehallen. Die anhaltische Regierung er­klärte sofort den Ausnahmezustand und schickte Reichswehr- abtetlimgen aus Magdeburg, Halle und Dessau ab. Aber es kam gar nicht zu einem militärischen Eingreifen, denn, als die Cöthener Putschisten hörten, daß ihre Hoffnung aus Unterstützung aus Halle. Leipzig und Magdeburg trügerisch war, und als sie erfuhren, daß in diesen Städten die Rätedillatur nicht ausgerufen war, ließen sie durch ihrer Führer, einen Oberlehrer Br. Berg, den Dollzugsrat für aufgelöst erklären und das Zwischenspiel war damit beendet.

Zur Erhellung der Vorgeschichte der neuen Putsche ist es von Wichtigkeit, folgendes festzustellen: In Weißensee bei Berlin fand dieser Tage eine kommunistische Geheim­versammlung statt, die sich irgendwelcher Waffen bemäch­tigen wollte, ober überrascht wurde. Es kam dabei zu einer Schießerei. Am Freitag fanden in vielen deutschen Städten gleichzeitig Versammlungen der Arbeitslosen statt, die ausschließlich politischen Charakter trugen, und auf eine Verbrüderung mit Sowsei-Rußland unter Verwerfung der „unzureichenden papiernen deutschen Neutralität" hin­ausliefen. Allen Versammlungen folgten Straßenkund­gebungen, die auf Verabredung ganz denselben Verlaus nahmen. Am selben Abend folgte dann in Delbert die Ausrufung der Räterepublik, auch in anderen Städten wurde es versucht und scheiterte nur an dem gesunden Sinn der Arbeiter, so in Düsieldoff, Elberfeld, Gelsenkirchen, Herne u. a. Orten; nur in Cöthen fanden die Kommunisten einigen Anhang.

Es vesteht sich von siebst, daß dieses Zusammentreffen nicht zufällig, sondern von bestimmter Seite beabsichtigt war. Bei den Kommunisten und beim radikalen Flügel der Unabhängigen bestand der Plan, gleichzeitig überall loszuschlae-n, und man bat dafür nach b*'tnnbrfem Wüster als möglichst harmlos»" Anfang die ansschl'-ßlicki für diesen Zm-ck veranstnUet-n Kundgebungen der Erw-rb-losen ^be­nutzt, d'e verständlich' Erbitterung d'es-r Unolückl'chen über ihre trostlos- Lage l-'derschollUch eu‘’UT>e,‘frh*n. D-r "Uan

Vie perlen der Eggenbrechts.

18] Roman von Alexandra von Bosse. Neuntes Kapitel.

Während der Fahrt nach München fing Leo Bran­ding wieder davon an, daß Silvia nicht nach Allenwied Satte gehen dürfen. Sie hörte ihm erst schweigend zu, dickte aus dem Fenster und dachte an das leise „Aus Wiedersehen in München!", das chr Wolf Eggenbrecht Zuletzt noch wie ein Geheimnis zugeflüstert hatte, und °n den aufleuchtenden Blick seiner hellbraunen Augen, der die Worte begleitet hatte. Branding mochte ihr Schweigen bereits ungebußttg, da wendete sie ihr Ge- s'cht ihm zu und sagte ganz gelaffen: .

„Wahrscheinlich haben Sie recht, Herr von Branding, aber ich bin trotzdem ftoh, daß ich dort war. Es freut wich, daß ich die Eggenbrechts endlich kennen gelernt •labe, und es tut mir leid, daß mein verstorbener Mann ®o!f Eggenbrecht nicht bester gekannt hat. Die Eggen- ftechts haben mich sehr freundlich ausgenommen, und ch bin sicher, Wolf Eggenbrecht wird verstehen, daß ich die Perlen behalte» muß."

Branding runzelte die Brauen und zuckte die Achseln.

„Wenn Herr von Eggenbrecht wirklich versuchen sollte,dos von Ihrem Standpunkt aus zu verstehen, so wird es ihn doch nicht hindern dürfen, alle gebotenen Nittel anzuwenden, um die Herausgabe der Perlen zu ^zwingen."

„Gut," entgegnete Silvia, „wenn er sie erzwingen wuß, ob er nun will oder nicht, bann ist er gleichsam in einer ähnlichen Zwangslage wie ich. Dols Eggen- drechr muß dann seinen Standpunkt vertreten, wie ich dan meinen; deshalb können wir aber doch freun'sicha't- üch miteinander verkehren Persönliche Feindschaft braucht der Perlen wegen gewiß nicht zwischen uns zu dcsfthen."

Ganz plötzlich erwachte in Leo Branding Ei'ersucht aus Wolf Eggenbrecht. Es schien ihm, als habe Silvias trme einen besonders weiche» Klang angenommen, ^5 sie seinen Namen aussprach. Er lehnte sich tiefer *n die Polsterung zurück und kniff die Lippen aufein« ander, während unter den halbgeschlostenen Lidern her- B°r sein Blick seitlich zu Silvias Gesicht binaufgl-tt. Sie dickte wieder aus dem Fertster in bas Tuntei 7siu-">s.

sah nur ihr verlorener Profil, die zarte Linie ihrer *$ange und den Ansatz dunkler Bräuen an der Schläfe.

Er kannte es so gut, dieses Gesicht, jeder Zug darin war ihm lieb, war ihm vertraut, jeden Wechsel im Aus- druck, der, Silvia selbst unbewußt, sich darin vollzog, glaubte er richtig deuten zu können.

Leo Branding wußte längst, daß er die Frau liebte, und liebte sie schon seit dem Tage, da Achim Eggen­brecht vor nun sechs Jahren ihn zum erstenmal mit sei­ner jungen Frau bekannt gemacht hatte. Aber streng hatte er sich beherrscht und das unverändert kühle, ge­meßene Verhallen, das er in all den Jahren gegen die schöne, junge Frau seines Freundes bewahrt, hatte nicht nur sie, sondern auch den Freund getäuscht. Er hatte es wohl bemerkt, daß seine Kalle, die höfliche Steisheir seines Wesens Silvia gehindert hatten, so vertraut mit ihm zu werden, wie es bei seiner hLuftgen Anwesen­heit in Allenwied eigentlich ganz von selbst sich hätte ergeben wüsten, aber nur indem er sich ihre Vertraut­heit und ei;.e herzliche Freundschaft ferngehalten, war es ihm gelungen, zu bändigen, was sonst festellos in ihm aufgelodert wäre. So glomm in de» fünf Jahren, die Silvia mit Achim verheiratet war, d'.e Leidenschaft unter der erstickenden Asche erzwungener Entsagung weiter. Eine Art ‘grimmigen Triumphes hatte Leo Branding unwillkürlich empfunden, als der sterbende Achim, nichts ahnend von dem z-hrenden Feuer, bas feine Adern durchströmte, ihm die geliebte Frau an­vertraute.

„Sei ihr alles, was Du ihr fein kannstl"

Roch hörte er im Geist Achims Worte, noch fühlte er den Druck der erschlafften Hand des Freundes, die die seine krampfhaft umfaßt gehalten, als er ihm das Versprechen gegeben hatte. Silvia Vater, Bruder und Freund zu fern. Aber mehr noch wollte er ihr werden, reicher sein Versprechen erfüllen und in einem Sinne, wie es Achim — das wußte er wohl — nie gemeint hatte. Sein sollte sie werden.

Sell Achims Tode sah Lev Branding Silvia als 'ein eigen an. Es mar bisher gar nicht der Gedanke an die Mötzüchkell in ihm aufgelaucht„ daß Silv'a selbst sein Anrecht an sie nicht anerkennen würde. Sie hatte ihm, wie sie es Achim versprochen, bisher in allem volles Vertrauen entgegengebracht, sich allen seinen Anord­nungen fast bis ins kleinste, ohne Widerspruch gefügt. Als sie das erstemal eigenen Willen zeigte, geschah es «etytTi der Perlen und gerade deshalb wünschte er, daß sie bi* Perlen so schnell wie möglich herausgeben sollte-

Es dünkte ihm fast, als wäre die Perlenschnur eine Kette, die sie noch an Achim band.

Er hatte das Ende des Trauerjahres abmarte^ woi- Ten, ehe er mft seinem Wunsch, sie zu heiraten, vor Sil­via hinzutreten gedachte. Wegen der Perlen-Angele, genhell verschob er den Zeitpunkt noch, aber nun er­schien es ihm doch notwendig, so schnell wie möglich an fein Ziel zu kommen. Roch not Silvia daran ge. wöhnt, sich dem Willen eines anderen, Stärkeren zu fügen, das durfte nicht anders werden, und die An­zeichen dafür waren schon vorhanden. Seinem aus­drücklichen Wunsche entgegen war Silvia heute nach Altenwied gefahren, seinem Wunsch entgegen wollte sie in freundschaftlichen Verkehr mit Wolf Eggenbrech: treten. —

Stfoia wunderte sich über das Scknveigen, das plötz­lich entstanden war, fürchtete, Branding irgendwie ge­kränkt zu haben, und wandte ihm ihr Gesicht zu, da­von dem Licht des an der Decke des Wagens ange­brachten elektrischen Müh^ämpch-ns getroffen wurde.

„Finden Sie nicht, daß ich recht habe?" fragte sie. „Glauben Sie nicht, daß ein Prozeß um so ein totes Dmg, wie es eine Perlenschnur ist, ganz unpersönlich geführt werden kann?"

„Das glaube ich nicht,," erwiderte er, „denn das erste, was der gegnerische Anwalt tun wird, kann, wie ich Ihnen Tchori gesagt habe, fein, daß er die Wahrheit Ihrer Angaben in Zweifel stellt."

„Was geht mich der ftemde Advokat cm?"

„Er wird Ihre-: Detters Bertreier sein, er wird in Ihres Detters Auftrag handeln."

Silvia hob den Kopf, überlegte kurz, dann ent» schieb sie:

„Wolf Eggenbrecht wird sicherlich nicht glauben, baß ich unwahre Angaben gemacht habe, um die Perle» behalten zu können!"

Da lächelte Drw ding. Er lächelte nur m:t dem Munde, wobei sich für einen Augenblick feine starken. gelbftck>-n Zähne zwi'chen den Lipven zeigten, während .eine Sagen streng, fast finster blieben und die Augen­lider sich no6 tiefer darüber senkten.

„Wolf Eggenbrecht," sagte er fong'am „wird sich geschmeichelt fühlen, daß Sie ihm so viel Glauben an kfhre Worte zutrauen. Dennoch möchte ich Sie war­nen, zu viel Hoffnung auf Ihre gute Meinung von ihm zu setzen. Werden Sie, wie Sie es zu beabsichtigen schienen, einen freundschaftlichen Verkehr mit den Eg­

genbrecht anbahnen, könnte er leicht zu der Annahme gelangen, Sie wollten durch persönliche ßiebe-smürbig« kett ihn dazu oeran,affen, sein Anrecht auf die Perlen nicht geltend zu machen."

Silvia blickte schweigend vor sich nieder, überlegte, wa- Branding gesagt hotte; es kam ihr das so wider- sinnig vor. Und langsam, jedem Wort Nachdruck ge­bend, fügte er hinzu:

„Schon Ihr heutiges Erscheinen in Altenwied könnte so gedeutet werden."

„Aber ich habe ja gar nicht an die Perle» gedacht, als ich nach Altenwied suhr!" rief Silvia aus.

Er lächeüe wieder, hob leicht die Schultern.

„Dafür werden die Eggenbrechts umsomehr an di« Perlen gedacht haben, während Sie in Altenwied wa­ren," sagte er sarkastisch, und heiß schoß das Blut in Silvias Gesicht; unwillkürlich faßte sie sich an den Hals, wo sie die kostbare Perlenschnur unter der Seide fühlen konnte.

„Mein Gott, Sie glauben wirklich . . ■“

Er neigte bejahend den Kopf.

„Und Sie meinen, ich soll deshalb mit den Eggen- brechts fernhallen? Ich soll deshalb Wolf Eggenbrecht nicht empfangen, wenn er mich aufsuchen wird?"

Ganz ängstlich besorgt und im voraus hebend die Frage, und Branding nickte wieder

„Ja, das meine ich!" jagte er bestimmt.

Zehntes Kapitel.

Silvia vorbrachte nach dieser Fahrt eine fast schlaf, lose Nacht, weil ffe nicht wußte, was sie tun sollte Befolgte sie Brandings Rat, mußte sie Wolf Egge», brecht beleidigen, und er hatte das entschieden nicht dok ihr verdient. Er wollte ja telephonisch anfragen, wann sein Besuch ihr paffen würde, also konnte sie ihn gar nicht abweisen, ohne daß es ihm offenbar wurde, daj sie ihn nicht empfangen wollte. Dagegen wurde ihr ganz heiß, fteHte sie sich vor, Wolf Eggenbrecht könnt, wirklich glauben, sie wollte ihn durch Liebenswürdigkeit bezaubern, um ihm dadurch sein Recht auf die Perle» abz-kaufen.

Und jetzt würde ffe ihm doch die Perlen so gen überlasten haben, gerade ihm! — Denn nur nicht da; Versprechen gewesen wäre, das sie Achim gegeben hatte.

tFvrtsetzung folgt.)