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Samstag, 2L August 1920

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Verantwortlich für den redattionrllen Teil: Carl Schütte, - für die Anzeigen: I. Parzrllrr-Fulda. n Rotationsdruck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernsprecher Rr. 9 Telegr.-Adresie: Fuldaer Zeitung

47. Zahrg.

| M. $93.

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Polenaufruhr In Oberschlesien.

• I Einfall polnischer Lande« in Oberschlesien.

Ein« ne^e Gefahr ist für Oberfchlesien akut gewor- I ye, die man schon lange vorousfah. Rach den Dlut- >- I Egen in Kattowitz haben die Polen losgeschlagen Mtznd o b e r s ch l e f is ch e Orte an der polnischen I Aenzr besetzt. Diese Besetzungen sind nicht ohne , I Mutige Kämpfe vor sich gegangen, vornehmlich mit I I ietter. Abteilungen der Sicherheitspolizei, die zum I HHutzr der Ortschaften hmbeordert worden waren. I ^ber diese Kämpfe liegen folgende Miteilungen vor: | wtb Beuchen, 20. Aug. Der ganze Randbezirk I ,on Oberschlesien ist von den Polen besetzt Beerben. Die Zahl der einmarschierten Polen wird ■ • I irit 2000 angegeben. Dogutschüh, Laurahütte und alle I Ortschaften östlich von Kottewitz sind in den .ständen her I tzolen 3n Laurahütte kam es in der Nacht zu Freitag M« einem schweren Gefecht zwischen Sicherheit»- I Müzei, deutschen' Zivilpersonen und Polen. Die Sicher- I hfitswehr hatte zwölf Tote und eine große Anzahl I verwundete. Die Polen stehen unmittelbar vor I Kattowitz. Freitag morgen 4 Uhr kam es dort I ju einem schweren Gefecht mit der Sicherheitspolizei. I 6s gab Tote und verwundete. Infolge her Ueberwacht 1 I Dußte die Sicherheitspolizei weichen. Wie sich aus den I gemachten Gefangenen ergibt, kämpfen unter bet Polen I gut ausgerüstete Haller-Soldaten. Bo- | gutschütz befindet sich in ben Händen der Polen. I Die Sicherheitspolizei stürmte viermal an, mußte sich I aber, da sie aus den Häusern stark beschossen wurde, I mit mehreren Toten und Verwundeten zurückziehen- I Der Post- und Telegraphenverkehr ist stillgelegt. Die I gruben sind mittags bereits zum größten Teil im I Streik.

Beuchen, 20. Aug. Die polnischen Dauben räu- I dem und plündern. Sie stehen unter Führung I eon polnischen Legionären. Auf der D^eimgrübe I bei Kattowitz haben die Polen in der letzten Nacht eine I Handvoll deutsche Arbeiter überfallen, von denen sie be- 1 hauptet haben, daß sie an dem Sturm auf bas Deutsche I Haus in Kattowitz beteiligt gewesen wären. 15 Arbei- I ter wurden auf der Stelle erschlagen und buchstäb- J lich in Stücke gerissen. 3n Rostyn wurden I die deutschen Geschäfte von polnischen Banden gestürmt. I Eine Geheimorganisation soll für ein bewaffnetes Dor- I gehen in Oberschlesien zunächst 10 000 Gewehre, 15 I Millionen Patronen, 10 000 Handgranaten und 500 U Pistolen in Bereitschaft haben. In Gi eschen, alb ■ ourben heute nacht die verstärkten Posten ber Sicher» I heitswehr überfallen und acht Mann getötet. In D o- I gutschütz sind polnische Uniformierte in ben Straßen, I die von polnischen Banden besetzt sind, festgestellt wor- I den. Auf der „Ferrum", und auf ber „Kunigunden- 1 Hütte" führen beurlaubte Soldaten ber Hallerschen Ar- | mee bas große Wort. Zahlreiche Familien sind ge- i flüchtet. In Laurahütte besetzten reguläre bewaffnete I Landen die Straßen. Von den, Polen wird sehr viel U Munition und Waffen herübergebracht und U unter die Banden verteilt.

I plefi. 20. Aug. Gestern abend wurde bas Schlaf- Saus ber Heinrich-Glück-Grube in Nikolai von einer Inippe Polen mit Gewehrschüssen und Handgrana- I ten überfallen. Der Angriff richtete sich gegen | ten Teil des Schlafhauses, in bem die deutschsprechenden I Arbeiter untergebracht sind. Es wurden etwa 100 J Schüsse abgegeben, die glücklicherweise meist zu hoch Egen, und sechs Handgranaten geworfen.^ Da die In­en auf ben Boden und in den Keller flüchteten, wur- nur zwei Arbeiter verletzt.

i wtb Beuchen, 20. Aug Die Palen rufen «um G e- I «erat ft reit im ganzen Industriegebiet auf. Heute I »crmittag sind polnischerseits der interalliierten Rom- I Mission folgende Forderungen vorgetragen worden: 1. I Beseitigung ber Sicherheitswehr, 2. Entfernung aller in | ben letzten 2 Jahren Zugezogenen, 3. Errichtung einer I Selbstverwaltung und von Derwaltungsbehörden, die I aus Oberschlesiern gebildet sind. 4. Verhaftung und Ab- I urteilung aller an ben letzten Vorgängen Beteiligten. S. I Entschädigung aller mißhandelten Polen.

! wtb Breslau, 20. Aug. Nach einer Aeußerung ber I Kottowitzer französischen Kommandantur hat General I Lerond ausdrücklich versichert, baß die französischen ».Truppen in erster Linie die Aufgabe hätten, für die I Aufrechterhaltung von Ruhe und Orb- I Hung zu sorgen. Demgemäß würden sie allen lln- I when, gleichviel ob sie von polnischer oder von deutscher

Seite kämen, mit Energie entgegengetreten und ein etwaiger Poleneinfall in Oberschlesien würde unter keinen Umständen geduldet werden. Auf Befehl ber interalliierten Kommission in Oppeln seien bereits französische Truppen in Lastkraftwagen nach Laurahütte, Bogutschütz usw. abgegangen, wo es bereits zu Zusammenstößen gekommen sei.

*

Da sieht man, wohin eine gutgemeinte Demon­stration führen kann! Erst Straßenkämpfe in Katto- Witz, die in einen deutsch-stanzösischen Konflikt ausarten wollen: dann Vorstoß von Haller-Truppen über die Grenze und die Eröffnung eines richtigen Eroberungs­krieges, der Oberschlesien vor der Volksabstimmung in die Gewalt der Polen bringen soll.

Bezweckt war die Unterstützung der deutschen Reu- trasität; eingetreten ist die Ausbreitung der Kriegs- welle über die deutschen Grenzen.

Es handelt sich bei diesem Gewaltstreich nicht allein um eine Herausforderung Deutschlands, sondern ge­radezu um eine Empörung gegen die amtliche Politik der Entente. Und die geht von der polnischen Re­gierung selbst aus. Denn es haben einige tausend Mann unter Führung von Soldaten der Haller- Armee die Grenze überschritten und sich dort mit den sorgsam organisierten Volksbanden verbunden. Die Teilnahme der regulären polnischen Truppen macht es auch erklärlich, daß unsere Sicherheitspolizei eine Nie­derlage erlitt. Die Entente hat die Entwaffnung der de u t s ch e n Wehren so scharf betrieben, daß un­sere Ordnnngskräfie mit ihren unzulänglichen Pistolen (nur der vierte Mann hat ein richtiges Gewehr) sich kaum gegen bewaffnete Banden halten können, aber auf keinen Fall gegen einige Bataillone regulärer pol­nischer Truppen. Also Rückzug auf die Linie Mys- lotvitz—Kattowitz—Königshütte! Was östlich davon liegt, behaupten die polnischen Angreifer.

Unsere Regierung hat die interalliierte Kommis­sion aufgefordert, denjenigen Teil von Oberfchlesien, den die Sicherheitspolizei räumen mußte, ihrerseits zu be­setzen. Das ist auch zugesagt worden: doch waren bislang keine Anstalten zur Ausführung getroffen worden. Das Einschreitender Komn^lsion neoen den groben Rechts- und Friedensbruch ist wahrlich eine dringende Pflicht der Entente. Aus der Schnelligkeit und Gründlichkeit, mit der sie dem Ge­waltakt der Polen entgegentritt, wird sich ergeben müs­sen, ob und inwieweit es den Westmachten ernst ist mit der Durchführung des Vertrages in den Punkten, die nicht das Wohlgefallen der polnischen Schützlinge finden.

Die Polen rechnen offenbar darauf, daß der frort- zösische General Le Rond, der Vorsitzende der alliier­ten Kommission, ihnen fern, -wvstl'ch-q Leid an tun werde. Da ist es Sache von Lloyd George, nach dem Rechten zu sehen, damst nickst feine gemäßigte Politik über den Haufen geworfen werde durch di» französischen Kriegstreiber und deren Schützlinge.

Für uns Deutsche ist es ja ein demütigendes Ge­fühl, daß wir für die Erhaltung des Friedens in Ober­schlesien auf fremde Mächte angewiesen sind. Aber es gehört das zu den unabwendbaren Folgen unserer MÄterlage und unserer Ohnmacht. Die vernünftig ge­sinnte Bevölkerung kann nur dadurch die Lage erleich­tern, daß sie die Ruhe bewahrt und zur Erhaltung der Ordnung auf alle Demonstrationen verzichtet, die den Vorwand zu neuen Krawallen geben könnten. Eine würdige Zurückhaltung auf der Straße und ein beharrlicher Arbeitsfleiß in den Werkstätten sind die Gebote des Tages.

Dabei dürfen wir die weitere Vorbereitung für die Volksabstimmung nicht vergeflen. Die Gewalt­tat der Polen ist ein neuer Beweis dafür, daß sie ihrer­seits auf den Volksentscheid keine Hoffnungen sehen. Sie werden sick aber wohl verrechnen in der Erwar­tung, daß sie durch den Terror in Oberfchlesien die Ab­stimmung vereiteln könnten. Die Entente müßte ja alles Rechts- und Ehrgefühl vollständig verloren ha­

ben, wenn sie die feierlich vereinbarte Volksabstim­mung durch den polnischen Handstreich zermurksen wollte.

Ein unerhörter französischer Uebergrifs.

Nach einer Meldung aus Kattowitz ist beider deulschen PlebtszitkomMission eine Haus­suchung durch französisches Militär vorgenommen worden. Sämtliche Akten und die für die Volksab­stimmung bestimmten Listen wurden beschlag­nahmt. Em Grund für die Durchsuchung wurde nicht angegeben. DaS Plebiszitkommisiariat für Deutschland hat bis zur Klärung des Sachverhalts die Arbeiten eingestellt.

Warschau außer Gefahr.

Die polnische Gegenoffensive sMich von War­schau begimst für die Rusten bedenklich zu werden. Südöstlich von Warschau gehen die polnischen Trup­pen rasch vor. Schon wurde Brest-Litowsk von ihnen genommen. Unterhalb der Festung haben die Polen Drogitschin, oberhalb Koden am Bug be­setzt, desgleichen Biala, einem Tagesmarsch westlich von Brest. An dieser Front will die Armee des Gene­rals Skierski bereits über 10 000 Gefangene gemacht, 32 Geschütze und 120 Maschinengewehre erbeutet haben.

An der Nordwestfront vor Warschau sind die Po­len von Radimii und Zegrze aus bis über den Bug und Narew vorgestoßen. Pultusk am Narew, Wych- kow am Bug finb wieder polnisch, von einer Bedra- hung Warschaus kann also keine Rede mehr sein.

An der Nordfwnt ist Zjechanows wieder in den Händen der Polen, sodaß die westlich davon operierenden russischen Truppenteile in Gefahr sind, ab- geschnitten zu werden. Unbekümmert darum — der russische Nachrichtendienst scheint hier sehr schlecht zu funktionieren — suchen die Russen bei W l o c l a w e k und Plozk den Uebergang über die Weichsel zu er­zwingen. Bei Wloclawek ist ihnen das gelungen, die Stabt ist in russischer Hand. Vor Plozk sind die Rus­sen zurückgeschlagen worden.

Russischer Rückzug aus dem Korridor.

Die Lage an der Hauptfront wirkt natürlich auf die russischen Bewegungen im Korridor zurück. Die Russen beginnen, sich hier schnell zurückzuziehen. Die Polen stehen nach der Einnahme von Strasburg schon vor Lautenberg. Donnerstag vormittag war­fen polnische Flieger in der Nähs von S o l d a u Bomben ab, desgleichen über Soldau Flugblätter, wo­rin mitgeteilt wird, daß Soldau dem Erdboden gleich, gemacht werden würde.

Die Polen haben den Rusten bei der Einnahme von Zjechanow ur.b Strasburg die gesamte Bagage ab- genommen. Die Russen, die in Richtung auf Soldau flüchten, versichern, daß auf polnischer Sette französische Truppen oufgtireten seien.

Rußland überreicht seine Bedingungen.

Gestern geb ber Vorsitzende ber russischen Friedens- delegation bei ben Verhandlungen in Minsk folgende Bedingungen bekannt: 1. Anerkennung ber Unabhän­gigkeit Polens und ber Berechtigung des polnischen Volkes, eine Regierung nach eigenem Ermessen einzusetzen. — 2. Rußland und die Ukraine verzichten auf jeg- liche Entschädigung. — 3. Die östliche Grenze Polens wird ungefähr in der in der Note Lord Eur- zons vom 11. Juni angegebenen Linie geführt, jedoch wird diese Linie voraussichtlich östlich Dialystock und Cholm zu Gunsten Polens nach Osten weiter verschoben. — 4. Polen darf nicht über 50000 Mann militärische Streit- tröffe erhallen. Zur Sicherung des Landes können sie durch Miliz ergänzt werden. Organisation und nähere Bedin­gungen dieser werden noch festgesetzt. — 5. Unmittelbar nach Unterschrift des Vertrags hat die militärische Ab­rüstung zu beginnen und ist Innerhalb eines Monats zu beendigen. — Ö. An Wessen und Kriegsmaterial behält Polen nur eine Ausrüstung für 50 000 Mann: das übrige ist innerhalb eines Monats an Rußland auszuftefern. —

Die perlen der Cggenbrechtr.

I IT] Roman von Alexandra von Bosse..

: (Fortsetzung folgt.)

Da wendete sich bas allgemeine Gespräch biesem zu. 1 Stift« wollte wissen, worum es sich babei handelte, es I ®urbe ihm erklärt und er lachte.

„Das ist ja wundervoll, so ein Prozeß! Die befrei. | sende Dame scheint ja sehr — sehr — na, sagen wir: I dttlenliebenb zu sein. Lst sie jung — hübsch?"

' „3a — beides — sehr sogar!" kam die Antwort von »ergebenen Seiten, unb Welfin hob bie schmalen I Brauen.

„Pristi, bas lobe ich mirl Macht die Sache kompN- I Jierter unb noch interessanter. Wann geht benn bie I Geschichte los?" menbefe er sich an Wolf, der bisher ge- I schwiegen hatte.

! Wolf machte mit feiner Zigarre eine abwehrende | Bewegung. „Weiß nicht, es hat gar keine Eile damit." „Doch," widersprach ber Referenbar, ein solcher Fall | nicht verjähren, muß möglichst bald klar gelegt unb I entschieden werden."

„Das soll ich denn mit ben Perlen?" meinte Doff. I -Verkaufen darf ich sie nicht, tragen kann ich sie nicht."

„Du als Majorafsherr bist aber verpflichtet, sie dem I Majorat nicht verloren gehen zu lasten!" mischte ber | Wrnnmerherr sich ganz en-rgilch ein. „Bebenke, daß up- I >ere Kusine Silvia den Schmuck verlieren konnte, er I könnte ihr auch gestohlen werden und . .

H „Dann müßte sie ben vollen Wert ersetzen," fiel ber I Beferenbar ein.

„Freilich." nickte Hartmann, „bns mürbe sie fast ihr I lenzes Vermögen kosten, wenn ber Schmuck wirklich so U »ertnoll ist." '

! „3ft er!" rief Otto, ber immer alles bester wußte.

’ „Über selbstverständlich mußt Du da prozessieren"

i. spürte Weltin. „Tas ist ganz einfach Deine verbuchte vfticht „ad Schulblgkeit, selbst bann, wenn bie Kusine kng unb hübsch ist."

Dolf hatte rasch getrunken, er war erhitzt unb er- | fegt, her Gedanke, gegen Silvia wegen Verausgabe | ^rer Perlen einen Prozeß anzustrengen, erschien ihm, | Itit er sie gesehen, ganz widersinnig. Er war feit bem M Bachmittag wie im Fieber, oll sein Denken konzentrierte | och in bem Wunsche, sie so ball» ttiie möglich roteberju-

fehen und nebenbei ihr alles, was sein war, zu Füßen zu legen. Ganz ärgerlich wendete er sich gegen Delfin.

„Geht niemanden was an — vorläufig wenigstens. Ich bin nur verpflichtet, dafür zu sorgen, daß bas Majo» ratsoermögen in seiner Gesamtheit ber Familie, daß heißt, meinen Erben, erhalten bleibt. Wie ich bas mache, ist meine Sache. Zu Prozessen bin ich nicht verpflichtet.?

„Unb wie willst Du bie Perlen anders roiebererlan» gen?" fragte der Referendar.

Wolf zuckte bie Achseln.

„Heute mittag warst Du doch noch ganz bereit, den Prozeß anzuffrengen," erinnerte ber Kammerherr. „Was ist benn nun anbers? Hat Dich die hübsche junge Frau gar behex:?"

Alle lachten, aber Wolf blieb ernst, runzelte bie Brauen unb plötzlich erklärte er ganz gelassen:

„Ehe ich prozessiere, breche ich lieber bei Kusine Sil­via ein unb raube ihr bie Perlen!"

„Ho ho!"

„Sähe ihm ähnlich!"

„Tolle 3bee!"

So scholl es burdjeinanber, unb Weltin hob seinen Humpen:

„Prost, Cggenbrecht, sollst leben!"

„Prost! Werbe, ich!" rief Wolf lachenb zurück unb tat einen tiefen Zug.

„Ra," meinte schmunzelnd Kommerzienrat Hart­mann unb streichelte zärtlich feinen schönen Dollbart, „ich traute Wolf so einen Teuselsstreich schon zu: aber was würde bie bewußte Dame bozu sagen?"

„Danken würbe sie mir," erklärte ganz gelassen Dolf. „Sie hat ja gesagt, man solle ihr bie Perlen ge» woltsam nehmen, benn freiwillig könne sie ben Schmuck leider nicht herausgeben, ohne bas Wort, das sie einem Sterbenden gab, zu brechen. Denn ihr bie Berten ge­raubt werden, geschieht ihr also nur ein Gefallen."

„Prozessieren ist jebenfaUs gebräuchlicher," meinte i ber'Referendar.

!,Rauk> bahlr origineller " rief Delfin.

„S ';abe, ba> daraus nichts werden wirb," bedauerte ■ fcherz^d ber Morintieufnont.

„Kann doch werden, wenn sich mir ’ne günstige Ge­legenheit dazu bietet," behauptete Wolf. „Lieber als mich mit so einem ekelhaften Prozeß herumzuschlagen, -aube ich die Perlen." ~

„Wette, daß Du es nicht tust!" rief Weltin,

„Wette, daß ich's tue!" war Wolfs rasche Antwort.

„Wette um zehntausend Mark!"

„Zehntausend Mark dagegen!"

„Topp!"

Wolfs Gesicht glühte, er war da» schwere Bier nicht mehr gewohnt, unb im Augenblick erschien ihm bas Un­glaubliche ausführbar, konnte er bamit sich selbst die Unannnehmlichkeit und Silvia die Unkosten eines sol­chen Prozesses ersparen. Als Weltin ihm nun seine überlange magere Hand entgegenhielt, schlug er flat- schend ein. Otto sprang rasch hinzu und schlug durch.

Nun wurden, zuerst unter allgemeinem Lärm und Gelächter, bann so ernsthaft, als gelte es eine biptoma- tische Aktion, bie Sebingungen ber Wette festgesetzt.

„3ch stehe Schmiere," erbot sich ber junge Otto Det­ter! ich.

„Nee — nee", protestierte Weltin, „bie Tat muß von Wolf ganz allein ausgeführt werben l"

„Um bie Mitternachtsstunbe!" schlug Rittmeister Kattweg vor.

„3fbe Tages- unb Nachtzeit muß mir bofür frei stehen," erklärte Wolf. „Außerbem gebrauche ich eine gewisse Frist, minbeftens ein Jahr; muß doch erst eine günstige Gelegenheit ausbaldowern."

„Natürlich!"

Selbstverständlich wurde ihm zugestimmt.

Endlich war man über die Bedingungen einig, ber Referenbar von Eggenbrccht zückte seinen Notizblock, schrieb mit wichtiger Miene auf, was angenommen war, und las bann laut im Tone eines Staatsanwalts vor:

Mit heutigem Datum würbe zwischen ben Herren D. E. unb E. W. «Delfin hieß Ernst unb es war aus» gemacht worden, baß in dem Schriftstück die Namen der Beteiligten nicht ausgeschrieben werben sollten) folgende Wette abgeschlossen:

W. Cf. wettet um zehntausenb Mark, daß er eine ge­wisse kostbare Perlenschnur der jetzigen Inhaberin rau­ben wird.

E. W. hält die Wette.

Der Raub muß von W. E. ohne Irgendwelche Hilfe und zwar binnen Jahresfrist ausgeführt werden, ande­renfalls ist die Wetie für ihn verloren, außerdem ver­pflichtet er sich alsdann, zwecks Erlangung der bewußte« Perlen, fofort den Rechtsweg gegen bie ebengenannte jetzige Snbaberin der Perle« lu beschreit»

7. Pole« stellt jede Anfertigung von Kriegsmaterial fofort eh*. — 8. Polen darf keinem fremden Staat di« Benutzung feines Landes als 0 p e i a t i o n s- oder Steppengebiet gegen Rußland ober die Ukrame ge­statten. — 9 Die Feindseligketten werden 72 Stunden nach Unterschrift des Vertrages eingestellt. Die russische« Armeen verbleiben in dem von ihnen besetzten Gebiet, je- doch westlich der in der Note Lord Eurzons angegebenen Linie. Dir polnische Armee geht 50 Werft von ihrer jetzigen Linie zurück. Das zwischen beiden Armeen lieaenbe Gebiet wird neutrale Zone unter polnischer Verwaltung ttnb einer gemischten von den Gewerkschaften gebildete« Kommission. — 10. Gleichlaufend mit der Abrüstung voll­zieht sich der Rückmarsch der russischen Armee. — 11. Polen gibt sämtliches Eisenbahnmaferial sowie sämtliche aus dem im Vorjahre besetzten Gebiet sortgeschleppten landwirtschaftlichen und industriellen Mobisien an Rußland zurück. — 12. Polen muß eine Gratisverteilung von Land an die Hinterbliebenen der im Kriege gefal­lenen polnischen Sribaten sowie die polnischen Kriegsinva­liden enortmen. — 13. Rußland erhalt Freien Durch­gangsverkehr für Personen und Güter durch Polen, wobei die Eisenbahn Wolkowitsch—Bialvsfock—Grs» jewo in Besitz und Kontrolle der russischen Republik ge- langt. — 14. Polen gewährt vollständige politische und militärische Amnestie. — 15. Polen veröffentlicht un­mittelbar nach Unterschrift diesen Vertrag sowie sämtliche mH bem Krieg zwischen Rußland und Polen zusammen­hängende Schriftstücke.

Kommunisten-Putsche.

Die Kommunisten entfalten im ganze« rheinifch- westfalischen Industriebezirk wieder eine lebhafte Tätig­keit für den Rätegebanken und fordern offen zu neuen Putschen auf. In Essen unb anberen Städten des Be­zirks wurden Aufrufe verbreitet, in denen die Arbeiter- fchaft „am Vorabend der Revolution" zum Kampf aufge- rufen wird. In Essen, Elberfeld, Düfleldorf u. anderes Orten fanden kommunistische Versammlungen und Kund, pebunge« statt, in bene« bie Arbeiter aufpefordert wur­den, die öffentliche Gewalt an sich zu bringen. I» Delbert, im Bezirk Düsseldorf, haben radikale Ele­mente eine Art Räteregiment auf peri djtet. Die Arbeiterschaft hat sich dort bewaffnet, den Bürgermeister abgesetzt, da» Rathaus, die übrigen öffentlichen Gebäude und bie Banken befetzt unb läßt Patrouillen mit auf- gepflanztem Seitengewehr durch die Straßen ziehen Automobile und Fahrräder werden requiriert. Bei bei Wohlhabenden wirb Geld erpreßt. Don der Reichsbanit Ioll bereit» eine Million Mark erpreßt worden fein, luch in Düsseldorf sind Unruhen au-gebrochen, doch haben sie einen blutigen Charakter nicht angenommen, Bewaffnete Banden befinden sich auf dem Wege box Delbert nach Wülfrath. In Esten, Barmen, und Remscheid forde-n Plakate zum Kampf auf. Die „Volk», stimme" in Hagen kündigte für bie Wocke vom 22. bi» 28. August eine rote Woche an. Die SicherhettSpol» zei glaubt bet Lage Herr zu werben.

Aus der» besetzten Gebiet.

* Bon Farbigen erschossen. 3« der Rachl auf bis 19. August wurde in Saarbrücken der Gerichtrbeamti Felkert auf bem Heimweg von zwei farbigen Soldaten gestellt, nach dem Personalausweis gefragt, bann er­schossen und beraubt. Die Mordtat rief in bei Bürgerschaft große Erregung hervor. Bezeichnend ist, daß der französische neue „Saarturiei" die Nationalität ber Mörder verschweigt.

* Die tage im Soatgeblel. Nachdem die Regierungs­kommission das durch die Militärbehörde über mehrere deutsche Zeitungen des Saargebiets verhängte Verbot auf« gehoben hat, wurde die ihr mißliebige deutsche Presse da- durch mundtot gemacht, daß sämtliche Redakteure dieser Zestungen Befehl «hielten, binnen 48 Stunden das Saar­gebiet dezw. das besetz te Gebiet zu verlassen. Es sind darunter die Zentrumsredakieme Dr. Kruckemeyer, Bretz. Ollmert. Sieger von ber Saarbrücker Landerzeitung und Görgen von der Saarzeitung. Bemerkenswert ist, daß fämtsiche Ausweisungsbefehle nach der Aufhebung des Be« lagerungszuftandes erfolgt find. Nach dem letzten Berg« arbeitentieff im Oktober v. I. hatte die Repierungskom» Mission ausdrücklich erklärt, daß in Zukunft keinerlei Aus- roeifungea aus dem Saargebiet mehr erfolgen würden. Anläßlich des Saarbeamtenstreiks traten bekanntlich bis deutschen Bergbeamten der französischen Saargrubennee«

I ■ I H______|

„Rettender Stil!" flüsterte Rittmeister Kattweg sei­nem Schwager Hartmann zu, unb nach kurzem verwei­sendem Aufblick fuhr der junge Referendar in noch schnarrenderem Amtston fort:

Die betreffende zu beraubende Dame darf im oo». aus — auch nicht durch Andeutungen — von bem beab­sichtigten Verbrechen nicht unterrichtet werben.

„Selbstverständlich nicht!" bekräftigte Dolf.

Alle Eingeweihten verpflichten sich ehrenwörtlich, über bie Wette unb ihre Bcbingungen unverbrüchliches Schweigen zu bewahren! —

Referenbar von Eggenbrecht verneigte sich hieran, feierlichst, riß bas Blatt aus feinem Notizblock unb ließ es zur Unterschrift herumgehen. Dann gab er ben Zet­tel an ben Kammerherrn unb ersuchte ihn in förmliche! Weise, bas wichtige Schriftstück in seinem geheimsten Archive zu verwahren.

„Hüte es gut, lieber Onkel, bamit ja niemals unbe- rufene Augen barauf fallen, benn bann wäre bie ganze Wette zum Teufel und ber kühne Wolf unverdienter Weise aus ber Pats be."

„Rein, nein, ber foU drin bleiben," kicherte ber alte Herr u~b barg bas kostbare Dokument sorgfältig in sei­ner Brieftasche.

Weltin unb Dolf rechten noch einmal einanber bi« Hanb.

„Hals unb Beine'" wünschte Weltin nach Turf« brauch.

Damit war bie höchst sonderliche Wette abgeschlos­sen unb übermütig lachevb wandte sich Wolf an seine Gäste:

„Meine Herren! Hiermit labe ich alle hochverehrte« Inmefenben feierlichst ein, sich heute übers Jahr alle vollzählig wieder hier auf Schloß Altenwieb einzufin«

um die Derlen ber Epgenbrechts zu beaugensch-in!« gen unb zu bemurbern, außerbem aber Zeuge zu sei«, wenn mein lieber Freund und unterlegener Wettgegner Gras Ernst von Weltin auf Weltin mir ben Weltpreis in barem Solde auf ben Tisch bei Hauses auszählen wirb!"

„Bravo! Angenommen!" schrie Kattweg, unb eCt | stimmten ein.

„Prost, sollst leben, Eggenbrecht!" rief Delfin mit überlegenem Lächeln.

■ • ’ tlFortsetzung koloO