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redattionellen Teil: Carl Schütte
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Donnerstag, 19. klugust 1920
Ur. 191
Kreisen auch verantwortlicher Politiker breiten Boden. Und diese Meinung hat in der Tat viel für sich. Die Reichs, rsgierung muß sich mit ihr auf das ernsteste auseinander- setzen und, wie wir wissen, geschieht das auch bereits. Es werden gesetzgeberische Maßnahmen unerläßlich fein, da- hingehend, dies« Auslandsgelder als Anzahlungen auf die Kriegskostensumme zu verwerten und den beteiligten Stel- len dementsprechende Befugnisse zu erteilen. Diese Gelder wären fürs erste die einzig flüssigen Kapitalien, die zur Schuldendeckung zur Verfügung ständen und darum hätte auch die Entente ein Interesse daran, alle Maßnahmen, auch in den neutralen Staaten, zu unterstützen, die sich mit dem Habhaftwerden dieser Beträge zu befassen haben wär- den. Mit der Ueberweisung solcher in neutralen Banken usw. untergebrochter Kapitalien an die Entente würde diese ihre Rechte unmittelbar gegen die Neutralen geltend zu machen haben, und dafür ftehen der Entente andere und wirksamere Mittel zur Verfügung, als wir sie besitzen, wenn wir von uns aus die Gelder aus den neutralen Ländern herausholen wollten.
Diese Maßregeln dünken uns unvermeidlich, wenn man Schlimmes verhüten will. Das Volk würde sehen, daß die Steuergerechtigkeit wirklich kein leer er Wahn ist, es würde seine schweren Lasten dann auch williger tragen. Und nur im Vorherrschen treuen Gemein- sinncs werden wir die Prüfungen zu bestehen vermögen, die unser noch dunkel im Schoße der Zeit harren!
er, daß Rußland P ölen größere territoriale Vorteile bieten würde als die Entente.
Stockung im russischen Vormarsch.
Die polnischen Truppen halten einstweilen die Verteidigungslinie vor Warschau und in dem russischen Siegesmarsch ist mindestens eine Stockung eingetreten. Die im Südosten begonnene, durch eine „Umgruppierung" der Streitkräfte ermöglichte polnische Gegen- offensive hat vorläufig gewisse Erfolge erzielt.
Die russischen Armeen mären von Norden und Osten her gegen die Weichsel vorgestoßen. Vielleicht bestand der Plan, durch Bezwingung der Weichsel- Übergänge im Südosten und Nordwesten der Stadt eine weit ausholende Umfassung hinauszumonöverieren. Die von ftanzösischen Generalstäblern beratene polnische Heeresleitung scheint dus Richtige getan zu haben, als sie der strategischen Bedrohung Warschaus mehr Wert beimaß als der unmittelbar taktischen. Sie raffte ihre Kräfte zu starken Stößen gegen die zur Umfassung ausholenden russischen Flügel zusammen und scheint diese in den Räumen von Plock und Novo- gevrgiewsk sowie südöstlich Warschaus bei Garoolin (Halbwegs Warschau-Iwangorod) nicht unerheblich beschädigt zu haben. Dies scheint der Hergang der Tatsachen, soweit er sich aus den vorliegenden Berichten erkennen läßt.
Ob die polnischen Erfolge von Dauer sein und sich erweitern werden, läßt sich natürlich schwer beurteilen, aber offenbar ist der bolschewistischen Heeresleitung dieses Wiederaufleben einer WiderftcuÄskraft, die man schon für gebrochen hielt, ziemlich überraschend gekommen.
Die augenblickliche Deflerung ihrer militärischen Situation wird natürlich die polnische Regierung in der Neigung bestärken, bei den Waffenstillstands- und Friedensverhandlungen in Minsk weitgehende Zugeständnisse bis aus werteres a b z u l e h n e n. Sie dürfte heute mehr auf die französischen Militärs, die als Ratgeber in ihrer Nähe weilen, als, auf Lloyd George hören.
Die Verhandlungen in Minsk.
Eine offizielle Moskauer Depelche über die Waffenstillstandskonferenz besagt, daß nach dem Aus« lauich der Vollmachten der Vorsitzende der russischen Delegation eine Rede hielt, in der er die russische Friedenspolitik bestätigte, insbesondere die Absicht Sowjeirutzlands, die Souveränität und Nnabhängig- feit Polens und sein Rech' auf Selb '.benimmung einer Recnerunrsfo' m tu achten. Gleichzeitig erklärte
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auf französischer Seite 9 Mann getötet, während die Deutschen 22 Totezu bek lagen haben. Unter den Opfern befindet sich auch der Führer der Sicherheitswehr in Kottewitz, Major o. Kle ist, der von drei Schüssen durchbohrt wurde. Don der interalliierten Regierungs- und Plebiszitkommission in Oppeln wird über die Vorgänge folgende Darstellung gegeben: , .
Den Anlaß zum Vorgehen der Kavallerie bot die Verwundung zweier Jäger durch die Menge. Die Menge stürzte sich auf die Jäger und mißhandelte sie, weshalb sich die Kavallerie zum Schutze des Lebens der beiden Jäger in Vormarsch setzte. Der Sicherheitswehr war es inzwischen gelungen, die beiden Säger zurückzubringen, von denen einer einen Kopfschuß aufweist. Ein« großr Schar war inzwischen in die Sedanstraße eingeörungen und ver- suchte, in die Friedrichstraße einzudringen. Zugleich drängten auch die Massen aus der Friedrichstraße vorwärts und drückten die Soldaten und die Sicherheitswehr immer mehr an das Haus der interalliierten Kommission. Plötzlich siel aus einem Hause schräg gegenüber der Kommission ein Schuß und durchbohrte das Fenster. Kurz darauf wurde eine Handgranate aus derselben Richtung geworfen, die schweren Schaden unter den Demonstranten angerichtet haben dürfte. Daraufhin feuerte der Posten vor dem interalliierten Gebäude aus eigener Initiative einige Schüsse ab. lieber den Tod des Sanitätsrat Dr. M i l e ck i wäre zu ve- richten, daß dieser in Gegenwart des Majors Hiehrberg drei Verwundete verband. Bei dieser Tätigkeit wurde er von der Menge angefallen und schwer mißhandelt. . Die Fußbodenbretter des Krankenwagens wurden aus dem Wagen herausgerissen und Milecki damit erschlagen. In später Nachtstunde staute sich eine riesige Menschenmenge erneut vor dem Hause der Kommission. Inzwischen kam die Nachricht, daß der Posten am Bahnhof (20 Mann) heftig angegriffen wurde und bereits einen Toten und einen Verwundeten habe. Daraufhin ging eine Kompanie zur Hilfeleistung nach dem Bahnhof ab. Sie wurde aber auf dem Wege dorthin von einem wahren Trommelfeuer von Handgranaten und Gewehrschüssen überschüttet. Erst mit dem Morgengrauen nahm die Schießerei ein Ende. Auf Seiten der alliierten Truppen sind an Verlusten zu verzeichnen 2 T o t e und ein schwerverletzter Soldat sowie 10 leichter Verwunde':.
Laut Verfügung der interalliierten Regierungs- und Plebiszitkommission wurde der verschärfte Belagerungszustand über Kattowitz verhängt; von halb 9 Uhr bis 4 Uhr früh darf niemand ohne Ausweis der interalliierten Kommission die Straße betreten.
Die blutigen Zusammenstöße
in Oberschlesien.
Nach einem Beschluß der Gewerkschaften hatte man für Dienstag in Oberschlesien bekanntlich einen halbtägigen Proteststreik geplant, ber auch zustande kam. Er richtete sich gegen das schikanöse Vorgehen der französischen Besatzung und gegen deren völlig unneutrales Verhalten zugunsten der Polen, insbesondere gegen die Werbungen für die polnische Armee und die angeblichen französischen Munitionstransporte. Es sollte überhaupt eine Kundgebung zu Gunsten der Neu tralilät Deutschlands sein. An diesem Streik nahmen nicht nur die Arbeiter teil, sondern auch die Beamten und Angestellten der Groß- und Kleinbetriebe. Selbst die Hotels stellten auf die Dauer von mehreren Stunden ihren Betrieb ein. An sich wäre dieser Streik vielleicht harmlos verkaufen, wenn eS die französische Besatzung vermieden hätte, sich herausfordernd in breiter Oeffent- lichkeit zu zeigen. In Kattowitz setzte sich französische Kavallerie ans Ende des Demonstrationszuges. Dadurch, daß die französische Kavallerie sich den Temonstrationszügen gewissermaßen als Aufpasser anschloß, bemächtigte sich der Masse eine Erregung. Die Stimmung in Oberschlesien ist derart gegen die französische Besatzung, daß schon ein kleiner Anlaß genügt, um die Flamme leidenschaftlich zu entzünden. Die Menge griff die Fran osen an. Ein französischer Soldat wurde getötet. Daraus eröffneten die Franzosen Maschinengewehr- und Ha'ndgranatenseuer. Neun Zote, darunter zwei Sicherheitspolizisten, und 26 Verwundete blieben am Platz. Der Polenführer Rechtsanwalt Dr. Milewski, der eine Handgranate aus dem Fenster warf, wurde aus der Wohnung geholt und erschlagen. Gegen 8 Uhr zog die Menge zur Polizei, um sich der Waffen zu bemächtigen. Das französische Militär ist auf Grund von Verhandlungen mit den Gewerkschaftsführern zurückgezogen toorben.
2nRybnik drang ein polnischer Stoßtrupp in die Protestversammlung ein und sprengte sie. Auf einen Pfiff hin fielen Schüffe. Ein Toter und vier Verwundete blieben auf dem Platz. Auf diese Vorgänge hin bemächtigte sich eine furchtbare Erregung der gesamten Einwohner von Kattowitz. Zahlreiche Trupps durchzogen unter dem Gesänge der Wacht am Rhein die Straßen u. es kam zu den Zwischenfällen, die in den Letzten Nachrichten des gestrigen Blattes schon gemeldet finb. Von zuständiger Stelle wird über die Ereignisse in Oberschlesien noch gemeldet:
Der Zwischenfall in Oberschlesien entstand dadurch, daß am Sonntag in G l e i w i tz ein ftanzösffcher M i- litärtransport anlangte, der von der Bevölkerung zwecks Durchsuchung auf Waffen und Munition für Polen ungehalten wurde. Die erhebliche Erregung, die sich der Bevölkerung bemächtigt hatte, führte schließlich zu Demonstrationen, die immer stärker anwuchsen, sodaß am Montag um 12 Uhr auf ein gegebenes Zeichen hin alle W e r k e still lagen. Die Arbeiterschaft, verstärkt durch die bürgerliche Bevölkerung, war auf die Straße gegangen. An einer Stelle fand eine Riesendemonstration statt, an der sich über 45 000 Personen beteiligten. 3m allgemeinen sind diese Demonstrationen ruhig verlaufen, nur in Kattowitz und R y b n i k ist es zu Zusammenstößen gekommen. 3n Kattowitz wurden sie durch das übereilte Eingreifen des französischen M i l i i ä rs hervorgerufen. Die Demonstrationen der deutschen Bevölkerung wurden von polnischen Stoßtrupps gestört. Es entstanden dadurch Zusammenstöße, bei denen das französische Militär durch Maschinengewehrfeuer Eingriff. Die Menge setzte sich zur Wehr. Bei dem sich entspinnenden Kampfe wurden
Eine notwendige Maßregel.
! Don einer hervorragenden parlamentarischen Seite fljirb uns zu einem brennenden Problem unserer Zeit -schrieben:
Die Finanznot des Reiches ist ungeheuerlich. Ihre -folge ist die ungeheure Steuerlast. Eine schwere Belastungsprobe bedeutet gerade die jetzige Zeit für die Weitesten Kreise des Volkes. Die Formulare für die gieuerertlärungen zur Veranlagung für Be. «Heuer und Reichsnotopfer sind in den Händen von Mionen und diefe Millionen seufzen heute über diese ^endlichen und schwierigen Fragen, die eine förmliche xifitation an den armen ausgemergelten Steuerzahlern vornehmen. Die Steuerbeschwerden häufen sich. Da speichern sich Unmutsstoffe auf, die man nicht leicht nehmen soll. Vor allem muß jetzt einmal etwas klar und deutlich ausgesprochen werden, und zwar dieses: Was «eschieht mit den nach dem Auslände ver- ichobenen Kapitalien?
In dieser Frage und ihrer zweckentsprechenden Be- Wtwortung liegt ein gut Stück steuersozialer Forderung non heute. Es ist erklärlich, daß es ungemein aufreizend wirken muß, wenn ein Teil des Volkes darbt und schafft und steuerehrtich den letzten Arbeits- und Spar- pfmnig dem Steueramte offenbart, dabei aber sehen «mß, wie so viele andere, die „gescheiter" und nicht so patriotisch waren, sich ins Fäustchen lachen, weil sie chren Besitz sicher in den Kassenschränken des Auslan- der wissen. Es muß offen gefagt werden: dieser Zu- stand ist unerträglich, und er birgt für den sozialen Frieden im Volke größere Gefahren als kommunistische Fantastereien.
' Die Regierung muß sich klar zu der Frage der ins Ausland verschobenen Milliarden und ihrer Erfassung äußern. Und das muß bald geschehen! Die Herren am grünen Tisch mögen sich nicht täuschen: das Murren and Grollen im Volke ist groß. Man braucht nur ein. mal im Lande die Ohren aufzumachen. Und der Groll ist durchaus berechtigt. Die „Dummen", diejenigen also, die in harter Kriegszeit ihr ganzes Vermögen dem Da- Urlaube opferten, haben es satt, von Schiebern und Ge- meßern, die die Not von Volk und Vaterland so trefflich ju kapitalisieren wußten, sich auslachen zu lasten. Nach einem verlorenen Kriege, zumal nach solchem Zusammenbruch, wie wir ihn erlebt haben, hat niemand das Siecht, auch nur einen Pfennig Nutzen zu ziehen aus dem Jammer und dem Elend, in dem Millionen seiner Volksgenossen sich befinden. Eine unbedingt notwendige Maßregel ist also die rasche und lückenlose Erfassung der während des Krieges und nach ihm ins Ausland geschafften deutschen Kapitalien. Da darf es tuine Rücksichten geben. Wer sein Selb ins Ausland brachte, bewies schon mit dieser Hand- jung, daß er sich von der Volksgemeinschaft lossagte. Und wer auf unrechtmäßigen Wegen Kapitalien trij Ausland verschob, ist nicht nur ein Verächter des deutschen Rechts und des deutschen Rechtsgefühls, fondern such ein Schänder deutscher Ehre und ein Lästerer deutscher Ehrlichkeit. Solche Elemente verdienen keine i Sdjonung.
Folgendes tut daher dringend not: Die Regierung muß mit tunlichster Beschleunigung alle im Ausland befindlichen ; deutschen Kapitalien, die seit 1914 zum Zwecke der Sicher, stellung vor deutschem steuerlichen Zugriff dorthin gebracht morden sind, zur Anmeldung aufrufen. Die deutschen Besitzer müssen die erforderlichen Angaben lückenlos machen. Dos muß innerhalb einer kurzen Frist ge- fchehen. Die Steuerbeträge von diesen Kapitalien werden dann dem Wiedergutmachungskonto der Entente über« siefen. Falsche Angaben oder das Unterlassen der An- »eltnmg wird mit sofortiger Enteignung der gesamten im Auslande befindlichen Gelder des Betreffenden und I llederweifung ä conto derWiebergutmachungs- schuld geahndet.
Es ist die Frage, ob man nicht sofort zu dieser letz, ieren Maßnahme bezüglich dieser verschobenen Kapitalien schreiten soll. Jedenfalls hat diefe Auffassung in weiten
Da die Oberschlesier so nahe am Kriegsschauplätze wohnen und im scharfen nationalen Kampf stehen, so kann man ihre Erregbarkeit begreifen. Aber bei ruhiger Betrachtung muß man doch sagen, daß eine besondere Demonstration zugunsten der Neutralität nicht notwendig war. Was fest und sicher dastcht, braucht nicht noch durch eine „Demonstration" gestützt zu werden. Ein halbtägiger Demonstrationsstreil ist ja an sich eine maßvolle Vorstellung; man weiß aber nie, wie und warm ein solches Unternehmen endet, das die Massen auf die Straße bringt. Wenn bann auch die französische Besatzung die Nerven verliert und mit Maschinengewehren in die demonstrierende Volksmenge hineinfeuert, so ist das Unglück fertig. Der Konflikt bekommt eine hochpolitische Tragweite. Die erregte Arbeiterschaft verlangt die Entwaffnung der rücksichtslofen Franzosentruppe; deren Führer sagt im Stile der Gardelegende von Waterloo: Lieber sterben! Da droht eine Empörung gagcu die srerndländi- sche Besatzung, ein Stück Krieg nwt Frankreich cmszu- brechen.
Demonstrationen sind ein Luxus, den man sich vielleicht unter normalen Verhältnissen und gehörigen Vorsichtsmaßregeln erlauben mag. 3n der gegenwärtigen gespannten Lage i$s Vaterlandes aber gilt der Spruch: Ruhe ist die erste Bürgerspflicht.
Wer wird an dem Kattowitzer Zusammenstoß zwischen dem französischen Militär und dem deutschen Publikum sein Wohlgefallen haben? Marschall Foch und seine Genossen in der Hetzerei gegen Deutschland. Sie können an diesem Feuer ihr Kriegssüppchen wieder warm machen.
Die perlen der Lggenbrechtr.
16] Roman von Alexandra von Bosse.
«Sie machen es Ihrem Vetter dadurch sehr schwer, fiin Recht gegen Sie zur Geltung zu bringen. Es wirb natürlich nun doppelt peinlich sein, gegen Sie, eine ?rau, die er heute in seinem Hause als Gast begrüßt, demnächst gerichtlich vorgehen zu müssen."
»Daran dachte ich nicht . . ." murmelte sie.
»Sie hatten mir doch gesagt, daß Sie die Aufforderung, die gewiß nur aus formellen Gründen an Sie er- Sangen war, abgelehnt hätten. Sie wollten den Fa- •Bilientag nicht besuch sn."
»Ich wollte auch nicht," gab Silvia kleinmütig zu, »ber Therese meinte . . ."
»Es ist immer besser. Sie richten sich mehr nach deinem Rat, als . . . ah, da sind die Damen!" unter- brech er sich.
Die ganze Gesellschaft kam zurück, allgemeine De- Irüßung Brandings folgte. Dann brachten Diener den ^re, reichten die Tassen herum, die Hilde mit Hilfe 'bres getreuen Hans, der nicht von ihrer Seite wich, füllte.
»Wir kehrten von den Ställen direkt hierher zurück," derte er kurz, dann schob er einen Stuhl nahe an «ilvias Sessel, setzte sich zu ihr und fragte sie, ob sie allem versorgt sei. Sie nickte nur, blickte auf ihre 7^sse herab und es schien ihm, als sei ihr Gesicht jetzt bleicher, als präge sich Unruhe und Unbehagen daraus Schon wollte er fragen, ob der Gang durch die Ställe sie angegriffen habe, da hob sie ihre Augen, die ™ wunderbar ausdrucksvoll waren, mit fast scheuer Frage zu ihm auf. Unwillkürlich neigte er sich näher ihr, sie besser zu verstehen, denn ringsusm war jetzt *J!e Unterhaltung lebhaft und laut geworden, aber fchvn *Üte sie fichs anders überlegt und anstatt ihn. wie sie Ükmollt, zu fragen, ob ihr Kommen ihm unangenehm H was Branding sicherlich wieder taktlos genannt sagte sie nur:
. »Ich werde meiner Kleinen erzählen, daß ich den Pntel, der sie so schön getragen hat, getroffen habe. Sie -prtreh noch oft von Ihnen/
. »Ich freue mich ichon darauf, die Kleine wiederzu- nhen," versichert» er. „Ob sie strich wiebererfennen wird?"
„Sicher! Aber werden Sie denn wirklich kommen?" „Ja, gewiß, wenn ich hoffen darf, daß ich Ihnen willkommen sein werde."
„Sehr! Ich . . . ich meinte nur, weil . . . ach einerlei — kommen Sie nur bald, Ihren Reitstock holen."
Sie besprachen das voch . Er wollte vorher antelephonieren, «m sie sicher zu Hause zu treffen, und sie wurde dabei ganz aufgeregt. Es wirb Branding nicht recht fein, daß er zu mir kommt, dachte sie dabei, aber einerlei. Es schien ihr, als kenne sie Wolf Eggenbrecht schon lange, als wäre-er ein Bruder, den sie lange nicht gesehen hatte, und als könnte sie ihm alles sagen, ihm alles wegen der Perlen erklären und als würde er es verstehen, daß sie den Schmuck nicht herausgcben konnte, obgleich gerade er es war, der ihn von ihr fordern mußte. Sie war überzeugt, bah er ihr glauben und nicht an ihren Worten zweifeln mürbe, wie Branding es innerlich doch tat.
Dann wurde gcmeldet, daß Silvios 21" to vorge'ab- ren fei, und sie erheb sich raftf) und verabschiedete sich herzlich von Mama Eggenbrecht und ihren Töchtern. Als sie der schönen Alice die Hand reichte, sagte diese überlegen lächelnd:
„Es war ja beinahe ein Ereignis, liebe Kusine Silvia, daß wir Sie endlich einmal kennen lernten. Sie waren in der Familie schon fast eine legendäre Deriön- lichkeit geworden, um die allerlei Märchenhaftes sich zu spinnen begann."
„Ach nein," sagte Silvia und wandte sich zu Dran- ding, ihm Adieu zu sagen, aber er verneigte sich, ohne ihr die Hand zu reichen, und sagte:
„Wenn Sie gestatten, gnädige Frau, sende ich meinen Wagen nach Stolzen zurück und begleite Sie nach München."
, Einen Atemzug lang zögerte Silvia mit der Antwort. was wähl nur Wolf, der neben ihr stand, und vielleicht auch Branding nicht entging, dann erwiderte sie freundlich:
„Natürlich, fahren Sie nur mit mir, Herr von Tran- ding, da Sie fowieso nach München wollen."
Alle Herren und last alle Damen begleiteten die Abfahrenden hinaus. Der Karnmerherr bewunderte den schönen Mercedeswagen und sagte bann leise zu dem Rittmeister:
„Ganz reizende kleine Frau, der Branding ist gar nicht dumm, wenn er da zugreist."
Wolf war Silvia beim Einsteigen behilflich gewesen.
„Auf Wiederfehcn tri München," sagte er leise, ihr nochmals die Hand küssend, und sie nickte, sah dabei mit so liebem Blick zu ihm auf, daß ihm das Blut heiß im Herzen aufmallte. Er ftand ganz felbstvergessen und starrte dem schwarzlackierten großen Wagen nach, wie er die groß» Allee hinabrollte. Langsam ballte er dabei seine Hände, weil er hatte zulassen müssen, daß Branding mit in den Wagen einstieg. Branding! Es durfte ja nicht sein, daß der Mann sie zu heiraten beabsichtigte. Es schien ihm wie eine Entweihung zu denken, daß dieser schwarze Schleicher es wagen könnte, seine Augen begehrend auf Silvia zu erheben. Es durste nicht sein!--
Da schlug fein Schwager Kattweg ihm leicht auf den Arm und sagte lachend:
„Na, Wolf, Du hast doch nicht etwa Feuer gefangen?"
Wolf zuckte zusammen, überhörte absichtlich des Rittmeisters Scherz und nahm feinen Arm.
„Ja, gehen wir hinein, es wird kalt," erwiderte er. Und während sie den anderen folgten, meinte Kattweg:
„Mir unsympathisch, dieser Herr von Sranbing, wäre schade um die entzückende kleine Frau, wenn er sie heiratete."
Kattweg hob die Schultern:
„Man sagte mir, euer Detter Achim habe sie ihm sozusagen vermacht, genau wie die Per'en der Eggen- brechts ihr."
Wolf erwiderte nichts darauf.
Achtes Kapitel.
Nach dem Abendessen, bei dem Wolf sehr still war, zogen die Damen sich in das Wohnzimmer Mama Eg- genbrechts zurück, die Herren begaben sich wieder in die Halle, wo ein Fäßchen starkeingcbratiten Bieres aus der Egqenbrechffchen Brauerei bereitgestellt worben war. Ms Trinkgefäße dienten altertümlich geformte Zinn- hurnpen, die jeder einen Liier enthielten. Das Bier war frisch, der Schaum darauf wie Rahm, dazu gab es gesalzene Radi und krachende große Salzbrezeln nach bayerischem Brauch. Bald wurde es sehr gemütlich.
' Kurz nach dem Abendessen war noch Graf Weltin eingetroffen, ein langer, ungemein magerer Mensch und berühmter Herrenreiter, der aber das Reiten seit eini
ger Zeit hatte aufgeben müssen wegen eines Herzleidens, das ihn nun auch nötigte, seinen Abschied zu nehmen-
Wolf war nach Eintreffen Wettins wieder lebhaft geworden, es wurde über Pferde gesprochen und über bas kleine Gestüt, das Wolf in Altenwied anzulegen be- absichtigte. Weltin hatte ihm dafür schon eine erstklassige Stute, die kürzlich niedergebrachen war, verschafft. Die Herren rauchten dazu und tranken; allmählich wurden die Stimmen lauter und erregter. Der junge Reserendpr unterhielt sich während des Pferde- gesprächs mit dem alten Kammerherrn, der sich auch nicht besonders für Rennpferde interessierte. Der Kam- merherr meinte, Frau Silvia von Eggenbrecht hätte doch lieber nicht nach Altenwied kommen sollen, wenn sie die Perlen der Eggenbrechts nicht freiwillig herauszugeben beabsichtigte.
„Das tut sie nicht," erwiderte der Referendar. „Es ist ja bereits eine Aufforderung an sie amtlicherseits ergangen, aber negativ geblieben. Wolf hatte bisher mit dem Prozeß noch gewartet, weil Branding ihn um eine vierwöchige Frist gebeten hatte. Herr von Branding meint, er würde Frau von Eggenbrecht doch noch dazu bewegen können, die Perlen herauszugeben."
„Gut, wenn ihm das gelingt, denn so ein Prozeß in der Familie ist doch immer peinlich."
„Am peinlichsten wird er für die junge Frau fein, weil ihre Angaben von gerichtswegen überhaupt angezweifelt werden könnten."
„Man kann doch so einen Prozeß auch ganz unpersönlich führen," mischte sich Hans van Eggenbrecht ein. „Ich meine, indem einfach nur das relative Recht durch die Gerichte festgestellt wird."
„Allerdings, wenn beide Teile im voraus sich mit solcher gerichtlichen Entscheidung einverstanden erfiä- ren. So viel ich gehört habe — ich sprach darüber mit dem Justizrat Romberg — will Frau von Eggenbrecht eine gerichtliche Entscheidung aber Überhaupt nicht anerkennen. Der Prozeß müßte also durch alle Instanzen gehen und kann sehr langwierig, sehr kostspielig und sehr interessant werden."
„Don welchem Prozeß sprecht ihr?" fragte Kommerzienrat Hartmann, der aufmerkfam geworden war, und der Kammerherr erwiderte laut:
„Don dem bevorstehenden Prozeß wegen der Eggen« : brechtschen Perlen."
i (Fortsetzung folgt.)