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Bezugspreis: Monatlich 3,00 Mk. ohne Zustellgebühr. In Fulda

Mittwoch, 18. Sugust 1920

bei uns abgeholt 3,15 Mk. Anzeigenpreis: DieKleinzeile A"T 'Inhrn (do!onelma't5) 60 Pig, u. 10°i, Zuschlag, die Reklamezeile “»♦ JUIJly

Nr. 190

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Verantwortlich für den redaktionellen Teil: Carl Schäl te- n für die Anzeigen: I. Parzen er-Fulda. :: Rotationsdruck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerri in Fulda- Fernsprecher Rr. 9 Telegr.-Adrelle: Fuldaer Zeitung

Ter katholische Gemeinschaftögedanke.

I. Vertreter der katholischen Volkspartei I t a- ll ens (Popolari) waren, wie bereits mitgeteilt wurde, kürzlich in Berlin, um mit deutschen Zentrums­abgeordneten Besprechungen zu pflegen über die Wiederherstellung der Beziehungen unter den Katho­liken der einzelnen Länder. Dem Vorschlag der ita­lienischen Abgeordneten Cavozzani (Mailand) und Pe- legrini (Turin) wurde seitens der Zentrumsabgeord­neten aufrichtig zugestimmt. Dieses Vorgehen der Italiener ist von großer Tragweite. Das katho­lische Gemeinschaftsgefühl, das alle Län­der umfaßt, in denen Katholiken wohnen, ist weit mehr als eine menschliche Organisation, es ist i n n e r l i ch e Pflicht, es ist ein seelisches Band, es empfängt seine Stärke aus übernatürlichen Kräften, es ist unzertrenn­lich vom katholischen Glauben; es ist nicht nur Ver­ständigung und Fühlungnahme, sondern brüderliche, von unserem Heiland und den Aposteln in eindring- firfren Lehren verkündete Liebe. Dieses seelische Ge- mrinschaftsgesühl ist darum weit mehr als Politik und Organisation, es ist vielmehr eines unserer höchsten religiösen Ziele. Von diesem Standpunkte aus sind auch die Mahnungen des gegenwärtigen Papstes in seinem letzten Rundschreiben über die christ­liche Wiederherstellung des Friedens zu betrachten. Nichts steht mehr im Gegensatz zur christlichen Reli- gion als der Völkerhaß, nichts entspricht ihr mehr als der Völkerfriede und die Völkerliebe. Sie deutschen Katholiken sind in ihrer Gesamtheit trotz des unsäglich drückenden und unausführbaren ' Zwangsvertrages von Versailles bereit, mit den Katho­liken der einst kriegführenden Länder von christlichem Gemeinschaftsgefühl getragene Beziehungen wieder

1 aufzunehmen, wie dies der Empfang des Vorschlages der italienischen Abgeordneten beweist.

Was Frankreich und Belgien betrifft,'so wird dies allerdings nicht ohne ernste Schwierigkeiten, von jener Seite abgehen, weil maßgebende katholische Kreise dieser Länder ihre religiösen Auftastungen'noch nicht über nationalpolitische Enge und Leidenschafllich- keit zu erheben vermögen. Man ist bei uns geneigt, sich darin Täuschungen hinzugeben, aber es ist viel richtiger, wenn man sth über die noch zu überwinden­den Schwierigkeiten Rechenschaft ablegt.

Zwar denkt noch lange nicht das ganze katho­lische Frankreich so, wie seine nationalistische Preste es glauben machen möchte. In der französischen I u gen d, bezeichnenderweise gerade unter den frühe­ren Frontkämpfern, herrschen vielfach ganz andere Ge­sinnungen, wie die „K. D." noch unlängst feststellen konnte. Diese jungen Katholiken haben weit mehr Achtung vor Deutschland als ihre alten, in Haß er­starrten Mitbürger. Sie haben ein weit lebhafteres Gefühl als diese für die Notwendigkeiten einer Dölker- versöhnung, und die Rolle, welche die Katholiken da­bei zu spielen haben, als jene Kreise, welche gegen­wärtig den lauten Markt beherrschen. Der aufrichtige religiöse Drang, der diese Jugend beseelt, läßt sie mit innerem Widerstreben, die im Grund religionsfeindliche nationalistische Entwicklung betrachten, sie spüren die seelischen Gegensätze darin heraus. Bis jetzt ist diese Jugend öffentlich noch nicht zu Wort gelangt, aber diese Zeit wird wohl kommen, in der ihre Stimme durch­dringt. In verschiedenen französischen Ordensge- se l l s ch a f t e n ist ein ähnlicher Zug zii spüren. (Kürz­lich veröffentlichte in der Wochenschrift „Das Reue Aeich", 8. August 1920, der Jesuit Pater Boub-e, ein eifriger Besucher der deutschen Katholikenversamm­lungen vor dem Kriege, einen „Französischen Brief", ber ebenfalls als ein Anzeichen zur Besserung inter­nationaler katholischer Beziehungen gedeutet werden darf.) Die besten Vorbedingungen für eine lebendige Einigung unter den Katholiken findet der Mitarbeiter der „K. SB." bei einigen während des Krieges neutral gebliebenen Völkern, so namentlich bei den Schwei­

zern und bei den Spaniern. Don der Schweiz ist bekannt, mit welcher Hochherzigkeit die katholischen Schweizer sich schon während des Krieges um die An­näherung der Völker bemühten. SBBeniger bekannt ist die heiße Sehnsucht der spanstchen Katholiken, kräftige Mitarbeit an der Wiederherstellung des katholischen Gemeinschaftsgeistes zu leisten. Fortwährend macht ihre Presse auf diese hohe Aufgabe aufmerksam, in seelenvollen Darlegungen haben verschiedene ihrer gro­ßen Führer das Ideal einer umfastenden katholischen Völkergemeinschaft geschildert. Es müßte darum der größte Wert darauf gelegt werden, daß bei internatio­nalen Zusammenkünften die SBertreter des katholischen Spaniens zur Geltung gelangen. Das gleiche gilt von Katholiken der südamerikanischen Republiken, wo in den letzten Jahren das religiöse Leben sich in der erfreulichsten Weise entfaltete, so namentlich in Argentinien, Chile und Brasilien.

Im Ausland möge man wissen, daß die deutschen Katholiken keinen sehnlicheren Wunsch hegen, als den katholischen Gemeinschaftsgedanken aufs neue erstarken zu sehen. Ihrerseits werden sie gerne alles tun, was dazu förderlich erscheint. Sie stehen ganz auf dem Standpunkte des letzten päpstlichen Hirten- schreibens über den Dölkerfrieden. Sie erwarten aber, daß von ihnen keine würdelosen Aeußerungen verlangt werden, sie erwarten insbesondere, daß, wenn von Kriegsverbrechen gesprochen wird, man an die tat* sächlich Verantwortlichen denke und Deutschland nicht einseitig mit Anklagen belaste, sie erwarten, daß z. SB. die entsetzliche Hungerblockade über den anderen Din­gen nicht vergessen werde.

Sie katholische Einigung kann nur erfolgen im Hin­blick auf das ewige, unabänderliche Ideal und in der SBetrachtung der dringenden Aufgaben der Zukunft, namentllch der Zusammenarbeit auf sozialem Gebiete. Wenn die Hände zum Aufbau sich zusammenschließen, wenn die Herzen in gemeinsamer Begeisterung für das gleiche Ziel einträchtig schlagen, wenn der SBerstand uns sagt, daß alle Länder vom gleichen, international stark organisierten Feinde bedroht werden, dann wird man von selber über der heißen Arbeit der Gegenwart und den schweren Aufgaben der Zukunft eine Vergan­genheit vergessen, die im Grunde nicht die Vergangen­heit des Katholizismus war, sondern die Vergangen­heit. politischer Machtoerhältnisse, mit denen Religion und Kirche nichts zu nm haben. Wenn wir unbeirrt die Dinge in diesem Lichte sehen, so können wir trotz aller aügenhlicklichen Schwierigkeiten auf die volle Wiederherstellung katholischen Gemeinschaftsgefühls fest vertrauen.

‘IX W Kämpfe nm Warschau.

Die Meldung der Londoner ,Times^ aus Kowno, wonach Warschau bereits am Sonntag gefallen sei, ist unbegründet. So schnell schießen auch die Rusten nicht. Noch am Montag sind polnische Tele­gramme aus Warschau ab^esandt worden. Die Stadt war damals also noch in polnischen Händen. Wenn die Russen nur nicht zu früh jubeln! War­schauer Meldungen berichten sogar von einer Ver­stark ung des polnischen Widerstandes vor Warschau unter der persönlichen Führung Pil- sudskiS. Ein starker polnischer Vorstoß mit dem Ziel Brest - Litowsk sei in die Wege geleitet.

Im Raume westlich der Weichsel mit dem Mittel- punki Lodz hat eine neue polnische Gegenoffensive begonnen. Die Russen, die die Weichsel' bei Mad- jechowiee erreicht hatten, sind zurückgedrängt. Die Po­len _ scheinen mit ihren Gegencmgrisfen hier eine schwächere Stelle der Russen gefaßt zu haben, da die Russen ja fast alles, was sie an Truppen übrig hat­ten, cm die Nord- und an die SEBorfdxroer Front ge­worfen hatten. Gelingt es den Polen, hier weiter vorwärts zu kommen, dann sind die spärlichen SBet- bindungen der vor SWarschau kämpfenden Roten Ar-

mee mit ihrem Hinterland bedroht. Auch ton der Südfront haben starke polnische Gegenangriffe eingesetzt.

Es zeigt sich wieder, daß auch in der modernen Kriegführung die Festungen noch eine erhebliche Be- deutung haben. Wenn sie auch nicht mehr entschei­dend wirken, so können sie doch dem vordringenden Sieger eine folgenschwere Bremse anlegen. Er verliert bei der Belagerung Zeit, die unter Um­ständen von höchstem Süßen ist, und muß gegenüber der Festung Streitkräfte festlegen, die er an anderer Stelle bester gebrauchen könnte.

Als die deutsche Armee im Anfang des Weltkrie- ges ihren Sturmmarsch gegen Frankreich unternahm, hat sie mit den belgischen und nordfranzösischen Fe­stungen möglichst kurzen Prozeß gemacht. Sie konnte alles, was sie auf diesem Wege brauche, recht schnell erobern, weil chr SVelagerungsmwerial auf der tech­nischen^ Höhe stand und weil die Stoßkraft der deut­schen Truppen über alles Lob erhaben war.

Hinter dieser Dollkommenheü des deutschen Hee­res blieb natürlich die Rote Armee der Bolschewisten roett zurück; trotzdem hatte sie bisher im Bewegungs­kriege schon mehr geleistet, als man chr zugemutet hatte. Vor der großen Festung SWarschau versagten freilich die Reiterattacken, die bisher so erfolgreich den Siegesweg göffnet hatten. Sie braucht schwere Geschütze, um die zahlreichen Außenwerke sturmreif zu machen, und eine Anhäufung von stramm geschulten Truppen, die auch dem Sturmkommaudo ohne Zagen und Schwanken gehorchen. Darüber vergeht kost­bare Zeit.

Im Herbst 1914 fanden unsere Gegner trotz der großen Schnelligkeit unseres Vormarsches noch so viel Zeit, daß sie aus den französischen Beständen und den englischen Zufuhren eine starke Armee bilden konnten, die uns an der Marne entgegentrat. Die Schlacht an der Marne brachte ihnen freilich keinen regelrechten taktischen Sieg, aber doch einen durchschlagenden strategischen Erfolg. Wir mußten den Sturmangriff auf Frankreich aufgeben und uns zum Stellungskrieg bequemen, und da: war, wie die traurige Erfahrung gezeigt hat, die Einleitung zu unserer Niederlage. Der Stellungs­krieg wurde zu einem Erschöpfungskrieg; das lieber« gewicht der Masse, das die stets wachsende Gs- nossenschast der Feinde ausbot, erdrückte schließlich die Deutschen und ihre Bundesgenossen, die sich aus den Nöten der Muüerheit nicht retten konnten.

Die Polen und ihre Freunde denken nun, sie könnten die Entlastungsoffensive cm der Marne nach- machen und mit Hilfe der Festung Warschau sich der bolschewistischen Bedrängnis wieder entziehen. Das wäre möglich, wenn die Polen auf schnellen und aus­giebigen Zufluß von Hilfskräften rechnen tonn­ten, ähnlich wie die Franzosen im September 1914. Das ist aber nach der gegenwärtigen Oef amt tage ausgeschlossen. Die Polen Heben in der Min­derheit gegenüber den Strellkräften des großen Ruß­land, infolgedessen wird die schärfste Entlastungsoffen, sive keinen vollen Umschwung des Kriegsglückes her­beiführen können, -sondern nur eine Verzöge rung der vollen Niederlage.

Auch das isb -freilich schon wertvoll für die be­drängten Polen. Die rulsischen-Machthaber haben sich nun zu überlegen, ob sie den Krieg mit all seinen Lasten und Gefahren weiter führen oder sich mit gemäßigten Bedingungen für einen Fried e n begnügen sollen. Lenin, Trotzki und Radek haben ja schon von Brest-LitowSk her Hebung in der Kunst, Berhandlungen in die Lange zu ziehen. Davon werden sie gewiß Gebrauch' machen, so lange noch irgend welche Aussicht besteht, daß Warschau in der nächsten Zelt fallen könnte. Erft wenn Warschau sich als ein dauerhaftes Hindernis erweist, werden sie sich zur Milderung ihrer Bedingungen verstehen.

Die Russen im Korridor.

Der russische Vormarsch im Korridorgebiet geht un­weit der ehemaligen Grenze unaufhaltsam weiter. Die Stadt Strasburg wurde nach eintägigem Kampfe genommen. Sie Polen ziehen sich in voller A u f. l ö s u n g zurück, von den Russen in Richtung^ Thorn-Graudenz verfolgt. Diese stehen bereits 60 Kilo-' meter westlich Soldau.

We Verhandlungen in Minsk.

Nach Krakauer Berichten hat Montag die erste Begegnung der Waffen still st andsdelega- t i n in Minsk stattgefunden. Nach gegenseitiger Prü­fung der Vollmachten wurde von polnischer Seite sofort um die Bekanntgabe der russischen Vorschläge ersucht, welche mit einem eingehenden Bericht der Delegation durch einen Kurier schriftlich nach SWarschau übermit­telt wurden. Mit dem Eintreffen des Kuriers in Marsch-m wird erst für Mittwoch gerechnet, sodaß vor Ende der Woche kaum eine Entscheidung in Minsk möglich sein wird.

Noch neueren Meldungen ist nicht Trotzki, sondern Radek der Vorsitzende der russischen Delegation und Leiter der Berhandlungen.

Schwere Kämpfe in der Krim.

In der Krim nehmen die schweren Kämpfe ihren Fortgang. Bolschewisten erhielten Berstärlungen von der polnischen Front und greifen encrgifcb an, wo­bei sie von massenhaft eingesetzten Bombenflugzeugen unterstützt werden. General Wrangels Streitkräfte, die ebenfalls Verstärkungen erhallen haben, haben den Don überschritten, Konstantinowskaja besetzt und die Eisenbahnlinie Tsarisino - Jekaterivodar überschritten. Tie Zubankofaken sind infolgedessen in Gefahr, abgeschnitten zu werden.

Haltlose polnische Verdächtigungen.

In einem Aufruf des polnischen öerteibigungS- rates „An die Völker der Well", verdächtigt die polnische Regierung Deutschland des Bruches der Neutralität. In dem Ausruf heißt es:

„Kann das Genüssen der Welt angesichts des Ver­brechen? schweigen, das an den Weichsetufern die ehe­maligen Generale Nikolaus II. unter Leitung der Generale Wilhelms II. vorbereiten?"

Dazu wird von zuständiger Stelle erklärt: Es ist un^wahr, daß deutsche höhere Offiziere in der rusiischen Armee dienen, oder daß deutsche Generale an der Leitung der russischen Operationen gegen Polen irgendwie beteiligt sind. Auch die russische Regierung erklärte in etnetn Funkiprnch vom 13. Juli: In allen unseren Armeen gibt es nicht einen einzigen deutschen Offizier. Der polnischen Regierung ist die? zweifellos bekannt. Es ist klar, daß sie mit bewußt unwahrer Behauptung nur gegen Deutschland und die Deutschen Hetzen will.

DemonstratienSstreik in Oberschlesien.

Anläßlich der in den letzten Tagen erfolgten Der- tärkung der französischen Besatzungstruppen in Ober- chlesien haben gestern die Vertreter der ober* chlesischen Gewerkschaften in einer gemeinsamen Sitz­ung beschlossen, zur Unterstützung der Neutralitätser­klärung des Deutschen Reiches von heute mittag ab in einen eintägigen-Demon st rations streik zu treten. Die Arbeiterschaft Oberschlesiens hat sich zu die. sem Beschluß veranlaßt gesehen aus der Tatsache her- aus, daß von Oberschlesien aus eine Unterstützung der polnischen Kriegshandlungen vorgenommen wird. 3n allen größeren Orten Oberschttsiens sind Demonstrations­versammlungen geplant, in denen schärfster Protest da- gegen erhoben werden soll, daß Oberschlesien womöglich zum Aufmarschgebiet, ober gar zum Kriegsschauplatz ge­macht wird.

Die englische Arbeiterschaft.

Einen großen Einfluß auf die Politik Englands gegenüber Rußland übt, worauf schon mehrfach hinge­wiesen wurde, die Hallung der englischen Arbeiterschaft

Die perlen der E-genbrechtr.

15] Roman von Alexandra von Bosse.

„Ach ja, das will ich!" rief Silvia aus und erhob ßch. „Lebt also auch der alte Primus noch?"

„Der bekommt selbstverständlich das Gnadenbrot, wie von Detter Achim bestimmt war."

Die anderen Herren wollten mit, die Damen mochten »>cht zurückbleiben, so kam es zu allgemeinem Auf­bruch, was Wolf allerdings nicht zu veranlasien beab­sichtigt hatte. 1 j

Es war ein klarer, frischer Herbstnachmittag, und der iroße Hof lag in fast feiertäglicher Ruhe, als die ganze Gesellschaft ihn überquerte, um sich zunächst in die Kuh- ftäUe zu begeben. Silvia wollte auch die Kühe sehen, buchtend gelb, noch im vollen Blätterschmuck stand die °lle Linde mitten im Hof, rauschte leise, als ein Wind- hauch über den Hof kam, gerade als wollte er die ein* siche Herrin begrüßen.

„Die Leute sind alle auf den Feldern, Kartoffeln Ernten," erklärte Wolf die Stille. Da kamen zwei Knechte e°n der Getreidescheune her, zogen grüßend die Hüte, »Nd Sllvia blieb stehen:

| „Serif, Sepp, wie geht es euch?"

Seriegen standen die zwei Burschen, die sie jetzt erst Erkannten.

: „Jossas, die Frau Baronin! Ja, grüaß Gott!"

Silvia gab ihnen die Hand, und ein feuchter Schim- mer glanzte in ihren Augen, als sie schnell weiterging.

„Komödie," flüsterte die schöne Alice der neben ihr gehenden Liesa zu. „Die Frau ist ganz raffiniert!"

„Meinst Du?" verwunderte sich Liesa.

»Natürlich! Man merkt das an jedem Blick, jeder Bewegung."

Sie haßte Silvia bereits, sie haßte sie von dem Augenblick an, da sie gesehen, wie Wölls Augen auf- ^stammt waren, als er sie begrüßte. Seitdem hatte , ihn beobachtet, bemerkt, wie seine Dllcke geradezu nliniert an ihr hingen — an dem hübschen Lärvchen er Tochter eines Abenteurers ...

h. ®tan gwg durch den großen Kuhstall, eine wahre ^usterstallung, wo die schönen Sundnauer Rinder auf r>uem, gelben Stroh standen und kaum ein Geruch zu rirfn war, denn zu beiden Seiten standen an den hohen Aftern oben Klappen offen, die der frischen Luft Zu­

tritt gaben. Mama Eggenbrecht führte zu dem Jung- oieh und den ganz kleinen, erst kürzlich geworfenen Kälbern. Marie forderte auf, zunächst die Fohlen an- züsehen. Als sie zu den Koppeln gingen, merkte Mc- erst, dost Dolf und Silvia nicht mehr bei ihnen waren, und blieb stehen.

„Wo ist denn Wolf?"

„Der ist wohl zuerst mit Kusine Sllvia zu dem" alten Primus gegangen, an dem wirklich nichts zu sehen ist, und wird dann nachkommen," antwortete Otto, ohne zu ahnen, wie wütend es Alice machte, daß Wolf sich mit Silvia von der übrigen Gesellschaft abgesondert hatte.

Wolf und Silvia standen schon bei der Box des alten Primus, der seine weiche graue Nase an die Eit­ler preßte, nach Zucker schnuppernd. Wolf hatte einige Stückchen eingesteckt, gab sie Silvia und sie ging in die Box hinein, fütterte das alte Pferd damit, streichelte es über den glatten Hals und freute sich, daß es so gut erhalten war. Dann besuchte sie auch die anderen Reit- pferde, jedes wurde von ihrer weißen Hand liebevoll gestreichelt. Bei einer grauschwarzen Schimmelstute, die leise wieherte, als Silvia herantrat, sagte sie:

„Auf Moorenkind ritt ich am liebsten."

„Wollen Sie die Stute nicht nach München haben?" fragte er rasch.

„Ach nein", wehrte sie ab, „in München möchte ich nicht reiten."

Als sie über den Hof wieder dem Hause zuschritten, ohne erst die Koppeln zu besuchen, gingen sic schwel- gend. Wolf war so seltsam heiß ums Herz, daß er nicht prechen konnte, und doch war ihm zumute, als habe er der Frau, die so still neben ihm herschritt, unendlich viel zu sagen. Es schien ihm, als habe er sie schon immer gekannt — gekannt und — geliebt!

Aus einem Fenster des Inspektorhauses blickte die alte Frau Trimmer den beiden jungen Gestalten nach, wie sie langsam nebeneinander über den Hof gingen.

„Wär' schon recht," murmelte sie, „da käme die liebe junge gnäb'ge Frau wieder hin, wo sie hingehört. Die zwei» die paffen schon gut an eine Deichte!." —

In der Halle waren, als alle hinausgingen, nur Hans von Eggenbrecht und Hilde zurückgeblieben. Hilde blätterte eifrig in einer Zeitschrift, als er den anderen folgen wollte, da blieb er zögernd an der Tür stehen, zog sie endlich entschloßen zu und kam langsam zurück

„Willst Du nicht mitgchen, Hilde?" fragte er. Sie schüttelte ohne aufzusehen den Kopf ,

„Nein. Geh' Du nur."

„Wenn Du bleibst, bleibe ich auch, entschied er.

Sie neigte sich noch tiefer über die Zeitschrift und er trat auf der anderen Seite an den Tisch heran, (vierte an einem Stoß Monatsheften herum.

„Du — Hilde . . ."

„Was — denn?"

Sie schwieg, langsam färbten ihre Wangen sich rost- ger, noch tiefer sank chr Köpfchen. Da strich er langsam um den Tisch herum, sich ihr unmerklich nähernd.

„Hilde?!" - " • 'MAU!

Und nun bllckte sie von unten zu ihm auf:

„Hans?"

„Madel!" schrie er plötzlich leise auf, kam ganz schnell um den Tisch herum und breitete die Arme aus. „Mä­del — mein Mädel!"

Hilde wußte selbst kaum, wie es kam, sie lag an Hans' Brust und er küßte sie wie närrisch.

„Ach Du — Du!" stammelte er jubelnd, „jetzt weiß ich es doch! Aber hast Du mich auch wirklich lieb, Hildekind?"

„Gar nicht! Aber nicht die Spur!" war ihre Ant­wort, dabei schlang sie ihre Arme um seinen Hals und küßte ihn mitten auf den Mund. Das konnte er nicht ungestraft lasten und noch waren sie weiter, allerlei verliebte Dummheiten einander zuraunend, angenehm beschäftigt, als rasche Schritte sich der Tür näherten.

Sie sanden kaum Zeit auseinanderzuprallen, da riß Josua die Tür auf, meldete irgend etwas Unverständ­liches und ließ einen großen, schwarzgekleideten Herrn eintreten.

„Ach, Herr von Branding?" sagte Hilde, über und über erglühend, überzeugt, Branding würde sofort er­raten, daß sie sich soeben mit Hans verlobt hatte. Aber er sah in Hilde noch ein Kind, das man kaum beachtet, reichte ihr die Hand und sagte:

„Ich komme, Ihre Frau Schwestern, die ich so lange nicht gesehen habe, zu begrüßen. Ich vermute sie heute in Altenwied."

Dann begrüßte er auch Hans, der sich stamm ver- neigte.

„Natürlich sind sie hier," erwiderte Hilde. „Tie sind alle in die Ställe gegangen, aber ich werde sie gleich holen."

Damit flitzte sie schnell hinaus, und Hans betemn ich nicht lange. Ihr folaend, rief er nur noch hastig:

„Einen Augenblick! Wir werden . . ."

Dann Maß sich die Tür auch hinter ihm und 53ran- -ding blieb allein in der Halle zurück und schüttelte ein wenig verwundert den Kops über die eilige Gefälligkeit der beiden.

. Er wartete, setzte sich endlich in einen der bequemen Sessel. Niemand kam. Es begann schon dämmerig zu werden. Endlich öffnete sich wieder die Tür, und Wolf und Silvia kamen herein. Zu ihrer Ueberrafchung er­hob sich aus einem der Sessel eine lange, schwarze (Be- stall und, zusammenschreckend, trat Silvia einen Schritt zurück.

,^)err von Branding!" rief sie erstaunt aus.

Branding trat auf Wolf zu und verneigte sich ge­meßen:

„Ihr Fräulein Schwester hat Ihnen gewiß schon ge. sagt, daß ich hier bin."

„Nein, ich wüßte nicht . . ."

„Nun. Ihr mexikanischer Diener ließ mich hier her­ein. Ich möchte Ihre Frau Schwestern wiedersehen, kam deshalb auf einen Sprung."

„Sehr liebenswürdig," sagte Wolf und schüttelte ihm die Hand, darauf erst begrüßte Branding Silvia, als wen» er sie jetzt erst bemerkte.

„Grüß Gott, gnädige Frau! Ich hatte keine Ahnung, daß ich Sie hier treffen würde."

„Ja," sagte sie nur, ohne sich näher zu erklären.

Wolf ließ das elektrische Licht aufflammen, bat Platz zu nehmen, woraus Branding einwandte, er könne nur kurz bleiben, müsse heute noch mit dem Abendzug nach München fahren.

„So entschuldigen Sie mich für einen Augenblick, ich will doch sehen, wo Mama und die Schwestern bleiben," agte Wolf und eilte hinaus. Kaum aber hatte die Tür ich hinter ihm geschlossen, als Branding sich in tadeln­dem Ton zu Silvia wandte:

„Sie hätten nicht hierher kommen dürfen, gnädige Frau!"

„Warum nicht?" fragte sie erftaimt.

„Haben Sie sich inzwischen entschlossen, die Perlen herauszugeben?" J

„Nein."

„Dann ist Ihr Besuch hier — verzeihen Sie — nicht ganz taktvoll."

Silvia errötete, blickte ihn ganz bestürzt an, uns vorwurfsvoll fügte er hinzu:

(FottjetztWg folgt.)